Rezension: Hans Leip – Die Klabauterflagge (Unionsverlag 2014 [1933])

Eine wieder zu entdeckende Perle der deutschen Seefahrts- und Jugendliteratur: Hans Leips “Die Klabauterflagge” (Erstveröffentlichung 1933) folgt dem Jungen Atje Pott, der mit dem Fischer Matten von Cuxhaven zum Dorschfang aufbricht, an der englischen Küste strandet, beraubt wird und schliesslich auf dem Dampfschiff des reichen Mr. Betterfield landet, der mit einem Trupp rauhbeiniger Matrosen in Griechenland einen Goldschatz heben will…

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Titel: Die Klabauterflagge
Autor: Hans Leip
Verlag: Unionsverlag
ISBN: 3-293-20658-1
Umfang: Taschenbuch, 160 Seiten

Seien wir ehrlich: nautische Romane erscheinen uns im 21. Jahrhundert wie Relikte einer abenteuerlichen, stürmischen Zeit wilder Gesetzlosigkeit. Gerne werden in der heutigen Popkultur Darstellungen der Seefahrt als Klischee des Altmodisch-Männlichen bemüht, so etwa sagt Ron Swanson in der TV-Serie “Parks and Recreation” einmal: “Usually I only read nautical novels and my own personal manifestos”. Und Jack Donaghy in der TV-Serie “30 Rock”: “The horse is one of only three appropriate subjects for a painting, along with ships with sails, and men holding up swords while staring off into the distance”. Es ist kein Wunder, dass gerade diesen Figuren, denen bestimmte ur-männliche Jagdinstinkte  und Ideale der Selbstbestimmung eingeschrieben sind, mit den Abenteuern der Seefahrt kokettieren.

Hans Leips “Die Klabauterflagge”, das als eine Verdichtung sämtlicher Motive und Klischees des literarischen Genres auf engstem Raum gelesen werden kann, zeigt auf, weshalb dies so ist. Die Erzählsituation ist zweistufig: zunächst trifft ein Erzähler-Ich, dessen Biographie Parallelen mit der des Autors aufweist, als zehnjähriger Knabe am Hafen auf  den alten Käpt’n Atje Pott, der ihm von seinen Abenteuern erzählt. Eines dieser Abenteuer ist dasjenige der Klabauterflagge: es führt zurück in die Zeit, da Atje selbst ein zehnjähriger Junge ist und mit dem hellsichtigen Fischer Matten von Cuxhaven aus zum Dorschfang auszieht. Sie fahren über Helgoland hinaus bis ins englische Hull, wo ihr Boot geklaut wird und sie mit Gewalt an Bord eines grossen Dampfschiffs gebracht werden. Matten muss da als Heizer arbeiten, Atje als persönlicher Bediensteter des Schiffsbesitzers Mr. Betterfield, der einen Trupp rauhbeiniger, gieriger Seeleute zusammengetrommelt hat, um auf einer griechischen Insel einen unermesslichen Goldschatz zu bergen. Das Abenteuer beginnt.

Viele dieser Konstellationen sind aus anderen Seefahrtsromanen hinlänglich bekannt, so etwa finden sich die gewaltsam an Bord geholten Männer auch in Jack Londons “Der Seewolf” (1904) und der gefangene Heizer in B. Travens “Das Totenschiff” (1926), während die Erzählperspektive des Jungen auf erster Fahrt unter anderem aus Robert Louis Stevensons “Die Schatzinsel” (1883) und Hermann Melvilles: “Redburn: His First Voyage” (1849) bekannt ist.

 Das mythische Rückgrat der Geschichte bildet die Legende von der Klabauterflagge, die Fischer Matten dem jungen Atje erzählt. Sie handelt von Babys, die “schon als Babys zu viel trinken und zu laut fluchen”, deshalb von Gott frühzeitig in den Himmel zitiert werden, dort aber auch “immer bloss Seeräuber spielen” wollen und darum als Engel zurück auf die Erde geschickt werden, wo sie auf der See ihr Unwesen treiben und manchmal nachts auf einem Schiff ihre Flagge hissen: die Klabauterflagge, die grosses Unheil ankündigt. Inmitten dieser Tumulte unter gewalttätigen Räubern und Schatzsuchern erlebt der junge Atje seine Sommerferien und denkt: “Kampf, Hauerei und Abenteuer sind das Netteste auf der Welt.” –

Leip ist ein sprachmächtiger Autor, der Fachbegriffe der Schifffahrt ebenso wie hamburgischen Dialekt in seiner Prosasprache verarbeitet und so die richtige kraftvolle Stimme für die hohen Wellengänge der erzählten Geschichte findet.

“Die Reise liess sich anfangs gut an. Doch gegen Mitternacht verfinsterte sich der Mond. Der Wind wurde härter und begann, heimtückisch auf unserer Takelung zu flöten. Die See warf sich gröblich auf. Wir mussten das Grosssegel kleiner machen und schliesslich die Vorsegel wegnehmen, um mit der Nase nicht zu tief ins Gegurgel gedrückt zu werden, das da aus der Dunkelheit hinter uns herjachterte, unser Heck grausig hochknuffte, an den Bordflanken weiss überzüngelte und vorm Bug krachend von dannen prasselte.”

 

“Die Klabauterflagge”, obschon sie vorwiegend als Jugendbuch rezipiert wird, stellt vor allem sprachlich auch für ein älteres Publikum ein Vergnügen dar. Die Geschichte ist, vom etwas moralinsauren, hastigen Ende abgesehen, spannend und gut durchdacht. Im Anhang des Buches finden sich ein von Hans Leip (1893-1983) verfasster “Rückblick”, ein informatives Nachwort von Karl Kröhnke und ein Glossar mit Erklärung der fachsprachlichen und dialektalen Begriffe.  Das Buch ist ein lohnenswerter, kurzer (130 Seiten, sehr kurze Kapitel) Ausflug in ein Gefilde der deutschen Literatur, zu dem man heutzutage nur selten so leichten und sorgfältig aufbereiteten Zugang findet.

 

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