Goethes Wilhelm Tell. Lebens-Lagen #34: 06. Mai

ecki paraphrasiert goethe

Am 6. Mai 1827 hielt der gute alte Goethe wieder einmal Tischgesellschaft, wobei sein lieber Gefährte Eckermann die altbekannten Lauscher aufsperrte, um sich darauf die Höhepunkt aus Goethes unablässigem Parlando zu notieren. An diesem Abend, einem Sonntag, hat Goethe davon erzählt, wie er 1797 den Plan gehabt habe, die Sage von Wilhelm Tell als episches Gedicht in Hexamtern zu behandeln… Goethe sagt (durch Eckermann):

“Ich besuchte (…) im gedachten Jahre noch einmal die kleinen Kantone und den Vierwaldstättersee, und diese reizende, herrliche und grossartige Natur machte auf mich abermals einen solchen Eindruck, dass es mich anlockte, die Abwechslung und Fülle einer so unvergleichlichen Landschaft in einem Gedicht darzustellen. Um aber in meine Darstellung mehr Reiz, Interesse und Leben zu bringen, hielt ich es für gut, den höchst bedeutenden Grund und Boden mit ebenso bedeutenden menschlichen Figuren zu staffieren, wo denn die Sage vom Tell mir als sehr erwünscht zustatten kam.
(…)
Von diesem schönen Gegenstande war ich ganz voll, und ich summte schon gelegentlich meine Hexameter. Ich sah den See im ruhigen Mondschein, erleuchtete Nebel in den Tiefen der Gebirge. Ich sah ihn im Glanz der lieblichsten Morgensonne, ein Jauchzen und Leben in Wald und Wiesen. Dann stellte ich einen Sturm dar, einen Gewittersturm, der sich aus den Schluchten auf den See wirft. Auch fehlte es nicht an nächtlicher Stille und an heimlichen Zusammenkünften über Brücken und Stegen.
Von all diesem erzählte ich Schillern, in dessen Seele sich meine Landschaften und meine handelnden Figuren zu einem Drama bildeten. Und da ich andere Dinge zu tun hatte und die Ausführung des Vorsatzes sich immer weiter verschob, so trat ich meinen Gegenstand Schillern völlig ab, der denn darauf sein bewundernswürdiges Gedicht schrieb.” (…)” 1


1. Aus: Goethe. Gespräche mit Eckermann.Hg. v. Ernst Beutler. Artemis 1976

Hier geht’s zum Lebens-Lagen-Archiv.

5 thoughts on “Goethes Wilhelm Tell. Lebens-Lagen #34: 06. Mai

  1. Leo's Literarische Landkarten

    Sehr gut! Mein “ceterum censeo” zum Thema Goethe ist ja gerade, dass ohne Eckermann von ihm fast nichts geblieben wäre. Ich mag mal gerne wissen, unter wieviele Eckermann-Texte er nur seinen Namen gesetzt hat. Und jetzt gibt er sich auch noch selber die Lorbeeren für Schillers Tell. Das passt ins Bild.

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    1. vigoleis01 Post author

      Das wäre wirklich spannend zu erfahren, ja. In der Tat ist dieses Überzeugtsein von seiner eigenen Schöpferkraft, das in solchen Texten zum Ausdruck kommt, ja geradezu abschreckend.

      Reply

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