Rezension: Scott Hutchins – Eine vorläufige Theorie der Liebe (Piper 2014)

Das Romandebüt des US-amerikanischen Autors Scott Hutchins, “Eine vorläufige Theorie der Liebe” (“A Working Theory of Love”, 2012), ist die Chronik der grossen Suchen unserer Zeit: der Suche einiger genialer Köpfe nach der Künstlichen Intelligenz, der Suche der Gesellschaft nach dem Kern ihrer humanen Identität und letztlich der ewigen Suche des Einzelnen nach Liebe.

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Titel: Eine vorläufige Theorie der Liebe
Original: A Working Theory of Love
Autor: Scott Hutchins
Übersetzung: Eva Bonné
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-96467-8
Umfang: 416 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Scott Hutchins (*1974) war Truman-Capote-Stipendiat in Stanford, wo er heute Creative Writing unterrichtet. Seine Kurzprosa erschien in renommierten Zeitungen und Zeitschriften wie The New York Times, The Rumpus und Esquire. Er lebt in San Francisco, wo auch die Handlung seines Debütromans “Eine vorläufige Theorie der Liebe” angesiedelt ist.

Protagonist ist Neill Bassett Jr., sechsunddreissig Jahre jung, geschieden, Single, aus dem ruralen Arkansas in den Schmelztiegel Kaliforniens gekommen. Er war Werbetexter, arbeitet nun aber für eine Drei-Mann-Softwarefirma, die einen Sprachroboter zu programmieren versucht, der als erster intelligenter Computer an einem Wettbewerb den sogenannten Turing-Test bestehen soll, bei dem ein Juror das Programm für einen Menschen halten muss. Die Grundlagen des Programms, seine Stimme, bilden die 5000 Seiten Tagebuch, die Neill Bassett Sr., der Vater des Protagonisten, ein erzkatholischer Mann, der seinem Leben selbst ein Ende setzte, hinterlassen hat.

Während Firmenchef Henry Livorno, ein alterndes Programmiergenie, und sein junger Protegé, das indonesische Wunderkind Laham, “drbas” – so der Chatname des Roboters – mit zusätzlichen Charaktereigenschaften und Wissen ausstatten, versucht sein Sohn sich im Gespräch mit dem Computer der Person seines Vaters anzunähern und zu erfahren, was ihm die Geschichte vorenthalten hat: wieso er die Liebe zu seinen Söhnen nicht gezeigt hat, wieso er sich umgebracht hat.

Parallel dazu versucht Neill Jr., der sich nach der Scheidung von Exfrau Erin in seinem Bachelorleben eingerichtet hat, klar zu werden über seine Wünsche und Absichten in der Liebe. Zwar sagt er: “Ich selbst bestimme die Bahnen, in denen mein Leben verläuft”, seine Handlungen streben dem jedoch entgegen: er wirkt verloren im Kreuzfeuer aus besessenen Intelligenzerschaffern, unbewältigter Vergangenheit und den tausenden Impulsen des bunten Kalifornien.

“Wir sind offen für Neues. Wir haben keine Angst vor dem Unbekannten. (…) Hier ist alles möglich.”

 

In einem Hostel lernt er Rachel kennen, eine labile Zwanzigjährige mit Bezügen zur Gruppe “Pure Encounters”, die merkwürdige “Klick-Ins” veranstaltet und sektiererische sexuelle Praktiken ausübt. Sie führen eine von Zweifeln geplagte On-and-Off-Beziehung. Zwischenzeitlich trifft sich Neill Jr. auch mit Jenn, der Programmiererin der Konkurrenzfirma: auf ihrem ersten Date besuchen sie eine öffentliche Zoo-Show, bei der man Seeelefanten bei der Paarung zuschauen kann. Kurzum: in Liebesdingen fährt der Protagonisten auf verschiedenen Spuren, die aber allesamt mehr Probleme denn Erfüllung zu bergen scheinen. Es braucht verschiedene Erfahrungen, gute und schlechte, die verqueren Dogmen der Pure-Encounters-Sekte (“Es gibt kaum noch Menschen. Es gibt nur noch Organismen.”) , Erfolge und Niederlagen, ehe Neill Jr. zu einer ebenso simplen wie verblüffenden Einsicht gelangen kann: Ich bin meine einzige Chance in Sachen Liebe.”

Die Erzählung ist immer wieder unterbrochen von den Gesprächen, die (meist) Neill Jr. mit dem Sprachprogramm, dessen Kommunikation von Seite zu Seite deutlicher an die einer ‘echten’ Peson erinnert. Diese Sequenzen sind geschickt in den Text eingebunden, sind emotional von entscheidender Bedeutung und werfen oft ein Licht auf die religiöse Dimension, den Zwiespalt zwischen dem von katholischem Schuldbewusstsein gegeisselten Elternhaus und der Offenheit und Anything-goes-Mentalität San Franciscos.

Angesiedelt in Kalifornien dem “Herz (Hollywood, leider) und Hirn (Silicon Valley) einer grossen Nation”, lässt Hutchins seinen Protagonisten sich vor diesem Hintergrund auf die Suche begeben nach dem Herz und Hirn des heutigen Amerikas.

“Was ist mit uns amerikanischen Männern passiert? Früher haben wir die Welt geplündert wie fröhliche Piraten – und nun, da sie uns praktisch gehört, sitzen wir im Lotossitz in einer paradiesischen Landschaft im hübschesten County des schönsten Bundesstaates der unbeschwertesten Nation und meditieren über Verlust und Verbitterung.”

 

Mit untrüglichem Auge für die Paradoxien des Lebens und angenehmem Humor führt dieser Roman vor Augen – und zwar nicht nur amerikanischen Männern, auch wenn man vielleicht mit Recht von einer Art “Männerbuch” sprechen kann -, was die menschliche Existenz im 21. Jahrhundert gefährdet, was ihre Fallgruben und Hinterlisten sind – und wie man diese mit Vergebung, Liebe, eben: Menschlichkeit zu überwinden vermag. Vielleicht wird man “Eine vorläufige Theorie der Liebe” in einigen Jahren einen der definierenden Romane unseres Jahrzehnts nennen.


Artverwandte: Wem dieses Buch gefällt, wird sich auch mit Michael Chabons “Telegraph Avenue”, ebenfalls einem detailverliebten, in allen Farben schillernden Bay-Area-Roman jüngster Zeit (2014). Er spielt in Berkeley und Oakland, während “Eine vorläufige Theorie der Liebe” vorwiegend in San Francisco selbst, in Bolinas und in Fairfax angesiedelt ist.

2 thoughts on “Rezension: Scott Hutchins – Eine vorläufige Theorie der Liebe (Piper 2014)

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