Rezension: André Aciman – Mein Sommer mit Kalaschnikow (Kein & Aber, 2014 [2013])

Der dritte Roman des jüdischen ägyptisch-amerikanischen Autors André Aciman ist ein verblüffendes psychologisches Stück, in dem zwei immigrierte Nordafrikaner auf dem heissen Pflaster von Harvard / Cambridge für einen Sommer zu Freunden werden, ehe der eine sich den Verlockungen beugt, der andere aber seine schmerzlichste Niederlage erleidet.

aciman

Titel: Mein Sommer mit Kalaschnikow
Original: Harvard Square
Autor: André Aciman
Übersetzung: Verena Kilchling
ISBN: 978-3-0369-5687-9
Umfang: 336 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Autor André Aciman wurde 1951 in Alexandria, Ägypten, in eine jüdische Familie mit türkischen und italienischen Wurzeln hineingeboren, 1969 siedelte er mit seiner Familie nach Amerika über, wo er heute in New York Professor für Vergleichende Literaturwissenschaften und ein anerkannter Proust-Experte ist. 1995 veröffentlichte er das autobiographische Werk “Out of Egypt”, das seine Immigrationsgeschichte behandelt. Auch der neue, mittlerweile dritte Roman “Mein Sommer mit Kalaschnikow” (Original: “Harvard Square”) kann zumindest von einer semi-autobiographischen Komponente nicht freigesprochen werden. Es handelt sich bei diesem neuen Roman um eine Geschichte, die der Autor schon lange zu erzählen trachete, wovon unter anderem der Text “Monsieur Kalashnikov” zeugt, der bereits 2007 in der Paris Review erschien.

Der namenlose Ich-Erzähler ist ein in Alexandria geborener Jude, der in den Vereinigten Staaten Literaturwissenschaften studiert. Prolog und Epilog bilden eine zeitlich der eigentlichen Geschichte entrückte Klammer, in welcher der Erzähler mit seinem Sohn, der sich für eine Universität entscheiden soll, über den Campus von Harvard wandert. Dabei erwachen Erinnerungen zu neuem Leben, Erinnerungen an Cambridge im Sommer 1977:

Der Erzähler, Student und Dozent, kurz vor seinen Ph.D.-Prüfungen, fühlt sich in Amerika nicht zuhause, ist geplagt von “transzendentaler Heimatlosigkeit”, weiss aber auch um die Privilegien und Verlockungen, die das Land bietet. Dennoch ist er buchstäblich verloren im Dschungel der Fremde – bis er eines Tages im nordafrikanisch/französischen Café Algiers den tunesischen Taxifahrer Kalasch anspricht – so genannt, weil seine wütenden verbalen Salven an das Rattern einer Kalaschnikow erinnern -, der die Dinge und Menschen im orientierungslosen Kosmos des Erzählers in eine Ordnung bringt.

“Er wusste von jedem seiner Bekannten, wo er sich gerade aufhielt, durchschaute, wie und warum etwas funktionierte oder nicht funktionierte, vertraute niemandem und erwartete stets das Schlimmste. (…) Er gehörte in jeglicher Hinsicht einer anderen Gattung an, einer anderen Seinsordnung.”

 

Die beiden freunden sich miteinander an, weil sie beide Fremde sind in Amerika. Während der Erzähler jedoch auf dem Weg ist, den Versuchungen des Landes nachzugeben, selbst Amerikaner zu werden, ist der arabische Taxifahrer mit seiner Wut, seinem ständigen Widerspruch, seinem sexualisierten Weltbild sich bewusst, dass er immer ein Fremder sein wird. Das Schimpfen ist seine Spezialität, alles Amerikanische stattet er mit dem Präfix “Ersatz-” aus (der Germanismus ‘ersatz-‘, im Englischen deutlich mit etwas Minderwertigem konnotiert, wird auch im Originaltext verwendet).

Gemeinsam mit Kalasch verbringt der Erzähler einen langen Sommer, in welchem sie der Bonvivanterie frönen, in Cafés sitzen, trinken, Frauen kennenlernen. Irgendwann aber wird Kalasch dem Erzähler zur Last: das moralische Dilemma beginnt. Die “widersprüchlichen Impulse”, die ihn einerseits zum stets loyalen Freund Kalasch hin-, andererseits vom vielleicht bald abgeschobenen Fremden Kalasch wegziehen, bringen ihn in Schwierigkeiten. Schliesslich gibt er den Versuchungen nach und wird Amerikaner, während Kalasch sich der schrecklichen Tatsache beugen muss, dass er in diesem Land niemandem willkommen ist.

Aciman gelingt es ausgezeichnet, die genannten “widersprüchlichen Impulse” in der Gedankenwelt des Erzählers zu dokumentieren. Gegen Schluss wechselt die Gefühlslage bisweilen von Satz zu Satz.

Auf dem Umschlag wird die New York Times Book Review zitiert: “Ein existenzialistisches Abenteuer, das es mit Kerouac aufnehmen kann.” – Tatsächlich sind in der Konstellation der Geschichte Parallelen etwa zu “On The Road” vorzufinden: ein sich im Ende nicht loyal erweisender Ich-Erzähler verbringt eine definierende Spanne seines Lebens mit einem energiegeladenen, nimmermüden persönlichen Helden, der ihm aber bald zur Last wird. Weil jedoch Professor Aciman das rustikal-ekstatische Element Kerouac’schen Schreibens abgeht, wirkt es – um den Vergleich weiterzuziehen – letztendlich wenn schon so, als hätte Nabokov versucht Kerouac zu schreiben, so  nämlich als hätte sich der ewignüchterne, vergeistigte Literaturprofessor an einen jugendlichen, den Geist der Bohème verlangenden Erzählstoff gewagt. Im Rahmen der Erzählsituation – der Ich-Erzähler spricht als erwachsener Amerikaner über seine Zeit als jugendlicher Immigrant – erscheint diese Kombination erstaunlich adäquat.

Auch inhaltlich funktioniert “Mein Sommer mit Kalaschnikow” als psychologischer Roman sehr gut. Er lässt den nie sympathisch werdenden Erzähler sich in seinen eigenen moralischen Zwickmühlen verheddern und schliesslich durch einen Ausweg entkommen, der die alles entscheidende Frage offenlässt, ob der Ausgang als Sieg der Überlebensfähigkeit oder als Betrug an Heimat und Freundschaft gewertet werden soll. 

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