Überall der beissende Brandgeruch… Lebens-Lagen #30: 22. April

Am 22. April 1945 notierte der österreichische Diplomat Josef Schöner (1904-1978) in sein Wiener Tagebuch:

“Ich gehe mit Mutter in die Ulrichskriche, dann zu Melzers in ihr Notquartier in der verlassenen Wohnung eines Nazis in der Piaristengasse 2. Frau Melzer ist ganz fertig, sie haben nicht nur ihr Geschäft mit allen Waren, den dort im Keller untergebrachten Koffern und Lebensmitteln, sondern auch ihre Wohnung verloren, da das ganze Haus von der russischen Kommandatur für den VII. Bezirk beschlagnahmt wurde. Sie muss täglich als Bedienerin ihre Wohnung aufräumen gehen, in der russische Offiziere wohnen. Wir suchen sie zu trösten, indem wir darüber reden, welches Geschäft sie als Ersatz beanspruchen soll, eventuell Sirk-Ecke, deren Nazibesitzer geflüchtet ist.(…)
Mutter ist noch in grosser Angst vor den Russen auf der Strasse. Wenn einer am Trottoir steht, zieht sie mich auf die andere Seite. Meist steht dort auch einer, sodass sie am liebsten umkehren möchte, es kostet mich immer viel Zureden, sie wenigstens in der Strassenmitte vorbeizubringen. Zu Kramers wagt sie sich nicht, weil Zivilisten vor dem Hause schaufeln. Geht lieber heim. (…)
Der Anblick des Franz-Josef-Kais ist furchtbar, alles ausgebrannt, St. Ruprecht, die älteste Kirche Wiens, schwer getroffen. Das Ende der Rotenturmstrasse zeigt nur mehr ausgebrannte Hausfassaden. Überall der beissende Brandgeruch, trotz strömenden Regens. (…)
Der Verkehr zerfällt in zwei Gruppen: russische Kraftfahrzeuge, die unter riesigem Hupenkrawall durch die Strassen rasen und – Handwagerln, das Fuhrwerk der Wiener. Man begegnet ihnen in überraschender Zahl, hochbepackt mit Möbeln und Binkeln. Der Besitzer eines Handwagerls ist eine umworbene Person, die Ausleihe erfolgt ungern und nur gegen Naturalien! Viele Leute wandern ihres Weges bepackt mit Holz, jeder nimmt Bretter und Äste am Wege zur Herdfeuerung mit sich!
Vor der Stefanskirche werden hunderte ungarische Rinder mit den fremdartigen, weitausladenden Hörnern von Soldaten vorbeigetrieben – die Passanten schauen ihnen neidvoll nach! (…) 1


1. Aus: Josef Schöner. Wiener Tagebuch 1944/45. Böhlau 1992.

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