…und sehe nirgends festen Boden. Lebens-Lagen #29: 17. April

Am 17. April 1921 notierte der israelische-österreichische Schriftsteller und Publizist Moscheh Ya’akov Ben-Gavriêl (1891-1965) in sein Tagebuch:

“Wieder ein neues Tagebuch. Ich beginne es in einer verworrenen Zeit lauter halbleerer Angelegenheiten. In allen Dingen schwebe ich und sehe nirgends festen Boden. Und wenn ich ihn irgendwo auch sehe, fühle ich ihn dennoch nicht. (…) ich bringe meine Vormittage in der Fabrik zu, ärgere mich und versuche mich trotz der lächerlichen, absolut gehaltlosen Verhältnisse dieses auf Phantomen aufgebauten Unternehmens, mich dafür zu interessieren und weiss nicht ob ich morgen noch dort sein werde, ob nicht die ganze Sache zusammenbrechen wird. (…)
Ein festes erledigtes Ereignis der letzten Tage: ich bekam überraschend, ohne eine Ahnung, auf wessen Vorschlag plötzlich 5000K[ronen] als Ehrengabe der weimarer Schillerstiftung: Sie kam gerade zurecht, als ich keinen Heller mehr besass. Und ein anderes Ereignis trat ein; unsagbar traurig: Onkel Pepi starb nach seinem schrecklichen Leiden. Ein braver guter Mensch starb. Mich hat sein Tod tief erschüttert. Sonderbare Ereignisse die ihn begleiteten, er starb am Todestag seines Vaters, seine Uhr blieb stehen als er starb und sonderbarerweise auch die in unsrem Speisezimmer, machen mich nicht abergläubisch im landläufigen Sinne des Wortes, aber nachdenklich. -” 1


1. Aus: Moshe Yaacov Ben-Gavriêl. Tagebücher 1915-1927. Böhlau 1999. Online (Vorschau GoogleBooks)

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