Rezension: Viktoras Pivonas – Esel im dritten Frühlingsmond (Matthes & Seitz 2014)

Nach “Talisman” (2010) erscheint dieses Jahr zum zweiten Mal ein Roman von Viktoras Pivonas bei Matthes & Seitz. “Esel im dritten Frühlingsmond” ist ein schwieriges Stück Literatur, ein Panorama der Neurosen und Weltfremdheiten, irritierend und fesselnd zugleich. 

pivo

Titel: Esel im dritten Frühlingsmond
Autor: Viktoras Pivonas
Verlag: Matthes & Seitz
ISBN: 978-3-88221-031-6
Umfang: 231 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Der 1933 in Litauen geborene Autor Viktoras Pivonas veröffentlichte 1976 resp. 1984 zwei Romane im Insel-Verlag. Danach widmete er sich satte 25 Jahre der Arbeit an seinem post-apokalyptischen Roman “Talisman”, der 2010 bei Matthes & Seitz erschien (Besprechung FAZ). Nur vier weitere Jahre hat es jetzt gedauert, ehe ein vierter Roman des in Wiesbaden lebenden Autors vorliegt: “Esel im dritten Frühlingsmond”.

Der Titel bezieht sich, wie auch alle neun Kapitelüberschriften, auf eine tantrische Sexstellung. Diese entnimmt der namenlose Ich-Erzähler des Romans einem Buch des taoistischen Meisters Tung-hsüan-tzu. Damit gelingt es ihm, im Verlaufe des Romans – er nennt es “Romanze” – in neun Betten zu landen. “Zweihundert Seiten Beschreibungen fremder Häute und Laute”, sagt er  bereits im ersten Abschnitt. Und hat damit im Kern recht. Dennoch entwickelt sich auch ausserhalb der Betten ein Geschehen.

Der Erzähler arbeitet gemeinsam mit Bob, der stumm ist und sich nur schriftlich mitteilt, in einem “Beratungsunternehmen”. Um diesen Bob sowie dessen Therapeuten Dr. Trockeneisz, der dem Erzähler nicht bekannt ist, also nur über Drittpersonen in die Erzählung Eingang findet, sind alle anderen Figuren der Geschichte gruppiert. Mannigfaltige Verstrickungen der verschiedenen Protagonisten (und v.a. Protagonistinnen) stiften einige Verwirrung, doch schnell wird klar, dass alle Fäden in Bob und Trockeneisz, der seinen Patienten ausnutzt, zusammenlaufen. Nichtsdestotrotz bleibt vieles im Unklaren, was – je nach Geschmack – dem wirren Erzählstil und den andeutungsreichen zitierten Bonmots von Bob zu verdanken oder zur Last zu legen ist.

Der Ich-Erzähler: Es ist eine denkwürdige, weltfremde, hochgradig neurotische, in seinem eigenen Zeit-Raum-Kontinuum gefangene Figur, die Pivonas hier der Literatur schenkt. Ein Mann, “längst in einem Alter, in dem die Sexualität nur noch als Ornament das Leben begleitet”, überfordert von den erotischen Avancen, die ihm plötzlich gemacht werden, nachdem er jahrelang nur die “Gezeiten des Geschäfts” wahrgenommen hatte. Es entstehen Dialoge wie:

“Eva ist schwanger.
Ist das eine private Mitteilung, fragte ich nach einigem Zögern, oder betrifft sie meine Funktion in der Firma?”

 

“Die Neurose (…) ist eine Kunstform”, lautet eine der von Bob notierten Sentenzen, die Denken, Handeln und Schreiben des Erzählers stets begleiten. Schreiben: der Mann versucht sich als Schriftsteller, arbeitet an einem eigenen Manuskript, verwendet dabei von Bob verfasste Berichte – und weiss bald nicht mehr, welche Gedanken nun von ihm und welche von Bob stammen. Inmitten dieses chaotischen Gewühls aus amourösen Verstrickungen, befriedigungsfreiem Sex und prägnanten (inhaltlich aber oft absurden) Dialogen, kristallisiert sich plötzlich eine neue Frage heraus: wer schreibt hier eigentlich? Wer stiehlt? Wer betrügt? Der Erzähler? Bob? Trockeneisz?

Hinweise werden subtil gestreut, verstecken sich schon mal in Nebensätzen, erweitern den Text somit um eine gewichtige Dimension: für Irritation ist gesorgt. Schwieriger Stoff ist das. Der Autor lässt seinen Erzähler Unklarheiten nicht beseitigen, sondern stattet ihn mit einer vagen, andeutungsschwangeren Argumentation aus, die nicht immer einleuchtet. Hinzu kommt eine oft spröde, ökonomische Sprache (beim Fremdgehen etwa spricht er vom ‘erschaffen neuer Bedingungen, die ihre eigenen Rechte geltend machen’). Bisweilen macht aber auch genau das Angedeutete den Reiz aus: die Suche nach dem, was hinter den Zeilen verborgen liegt. 

Fazit: Eine Handvoll neurotischer, befremdeter und befremdender Frauen und Männer jungen und mittleren Alters in ihrem Kampf mit der Unbarmherzigkeit von Liebe, Lust und Eifersucht; mit verstecktem, boshaftem Witz erzählt; als trügerisches Spiel mit der Realität inszeniert, dabei aber manchmal inhaltlich und argumentativ schwer nachvollziehbar und sprachlich anstrengend: das ist “Esel im dritten Frühlingsmond”.

 

 

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