Rezension & Soundtrack: Michael Chabon – Telegraph Avenue (KiWi, 2014)

Die Ausgangslage ist simpel: verrückter jüdischer Weisser und verrückter Schwarzer führen kleinen Plattenladen, reicher Ex-Footballstar will gegenüber einen Megastore hinstellen, kleiner Plattenladen sieht sich den Bach runter gehen. Dies jedoch ist nur einer von vielen Geschichtssträngen, die Pulitzerpreisträger Michael Chabon in seinem siebten Roman (Original 2012) zu einem opulent erzählten, generationenübergreifenden Heimatroman verwebt.

telegrave

Telegraph Avenue (schwarz) nahe der San Francisco Bay

Die Telegraph Avenue ist eine lange Strasse in Kalifornien, die von der “weissen” Universitätsstadt Berkeley, wo auch Chabon zuhause ist, ins “schwarze” Oakland führt (s. Abbildung). Auf diesem heissen Pflaster lässt der Autor seine Figuren auflaufen. Im Zentrum stehen der schwarze Archy Stallings und der weisse, ewig besorgte Nat Jaffe, die gemeinsam den finanziell kriselnden Vinyl-Shop Brokeland Records führen. Als sie erfahren, dass der stinkreiche Ex-Footballstar Gibson Goode gleich gegenüber einen Megastore aufstellen will, fühlen sie den Ruin nahen. Und wie es eben so ist, bleibt ein Problem selten allein:

chabon

Titel: Telegraph Avenue
Autor: Michael Chabon
Übersetzung: Andrea Fischer
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04617-5
Umfang: 592 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Die Frauen von Archy und Nat – die hochschwangere Gwen und Aviva – führen gemeinsam eine Hebammenpraxis, haben wegen einer misslungenen Hausgeburt einen Prozess am Hals – zudem findet Gwen heraus, dass Archy fremdgeht und einen unehelichen Sohn hat. Auftritt Titus Joyner, Plotlinie Nummer 3:

Dieser Sohn, Titus, ein pubertierender Vierzehnjähriger, hat sich bei den Jaffes eingenistet und lässt deren Sohn Julius an ihm seine Homosexualität entdecken. Eines Tages (Plotlinie 4) stossen die beiden auf Titus’ Grossvater Luther Stallings, einen abgehalfterten Actionstar, der in den Siebzigern Blaxploitation-Filme gedreht hat, und seit Jahren auf der Suche nach Geld für die Umsetzung eines dritten Teils seiner “Strutter”-Reihe ist, der in der Entwicklungshölle gärt. Während Luther auf der Suche nach Geld ist, sind andere seit Jahren auf der Suche nach ihm…

Weitere Gestalten, die die Telegraph Avenue auf und ab kutschieren, mischen mit: die Bestatter-Dynastie Flowers, angeführt durch den aktuellen Stadtrat Chan Flowers, der Walanwalt “Moby”, der Jazzorganist Cochise Jones, “Hausgott” des Plattenladens, der von seiner Hammond-B3 erschlagen wird, dessen sprechender Papagei Fivty-Eight, ein kaum bekannter junger Illinois-Politiker namens Barack Obama (die Handlung spielt im Jahre 2004)…

Kurzum: es ist ein verrücktes, sich über drei Generationen hinstreckendes Panorama einer in verschiedenste Ränke und Geschäfte verwickelten Nachbarschaft, das Chabon hier vor Augen führt. “World’s End” meets “High Fidelity” meets “American Hustle”. Sprachlich frönt er der barocken Ausschweifung: fantasievolle Metaphern, verschachtelte Sätze, “gefühlt gibt es in diesem Buch kein Paar Turnschuhe, das nicht bis auf die Schnürsenkelfarbe beschrieben wird. “ Gipfeln tut diese opulente Ader im kurzen dritten Teil des Buches, der die Flucht des Papageis beschreibt. Auf sechzehn Seiten. In einem einzigen monströsen Satz.

Es gibt Momente, in denen die Frage “Wäre weniger nicht mehr gewesen?” berechtigt erscheint, jedoch ist Chabon ein derart unterhaltsamer, vor Fantasie schier berstender Erzähler, dass das Verzeihen leicht fällt. Wie er Elemente der Popkultur mit zentralen Themen wie Vaterschaft, Homosexualität, Selbstbestimmung verbindet, ist grossartig. Letztendlich ist “Telegraph Avenue” nämlich auch eine Liebeserklärung ans Vinyl. Archy und Nat sind solche, die “im Dienst am Vinyl Kriege führen, Reiche gründen, ihre Ehre und ihr Vermögen verlieren” würden; ihr Brokeland Records ist “Die Kirche des Vinyls”.

Bei Slate hat sich jemand die Mühe gemacht, alle im Buch erwähnten Songs zu einer Playlist zusammenzustellen. Hier kann sie angehört werden:

Fazit? Ein langer verzettelter, in jedes mögliche Detail eintauchender Roman, der trotzdem nie langweilig wird, stets gut unterhält und in seiner farbenfrohen, ekstatischen Sprache (von Andrea Fischer ins Deutsche übertragen) eine unschlagbare Stärke hat.

5 thoughts on “Rezension & Soundtrack: Michael Chabon – Telegraph Avenue (KiWi, 2014)

  1. tobiaslindemann

    Danke für die differenzierte Rezension, obwohl ich Musik und Plattenläden liebe ist das Buch wohl eher nichts für mich. Aber die Playlist ist toll! Na, bis auf Yes vielleicht😉

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    1. vigoleis01 Post author

      Kann ich verstehen, der ausschweifende Stil ist nicht jedermann’s Ding. Aber: identifizieren könntest Du dich mit den Protagonisten wohl, denn Yes (und Emerson,Lake&Palmer) sind unter den erwähnten Bands die, über die sie sich weniger positiv äussern..😉

      Reply
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