Rückblick: Buchvernissage Silvia Tschui (Cabaret Voltaire, 11.04.2014)

Erstmals gastierte letzten Freitag, den 11. April 2014, das Zürcher Literaturhaus mit einer Veranstaltung im altehrwürdigen Cabaret Voltaire, der Wiege des Dadaismus. Die junge Autorin Silvia Tschui brachte ihr Romandebüt “Jakobs Ross” (Nagel & Kimche 2014 )  zur Aufführung und zeigte dabei, dass australischer Hardrock und vormoderne Ackerwirtschaft nicht unvereinbar sind.

Zu Beginn: Hitze, gefühlte vierhundert Grad Celsius, der Saal des Cabaret Voltaire ist proppenvoll, Familie, Freunde, ehemalige Lehrer, Presse: alle sind sie gekommen, um Silvia Tschuis Buchvernissage beizuwohnen.

Ein eher befremdendes Intro: Nagel&Kimche-Verleger Dirk Vaihinger und zwei weitere Musiker geben ein Ständchen auf dem Alphorn. Schnell wird klar: Vaihingers verlegerische Instinkte dürften sein musikalisches Können um ein Vielfaches übertreffen. Schiefe Töne, erstauntes Gemurmel. Und doch hat das schliesslich alles seine Richtigkeit, denn einerseits ist man so stimmungsmässig gleich in die vormoderne Alpenwelt versetzt, in der Tschuis Roman “Jakobs Ross” spielt, andererseits ist gerade der Reiz dieser Imperfektionen etwas, was das Cabaret Voltaire mit zu einem so charmanten Lokal macht.

Dann soll’s losgehen: Silvia Tschui und Benedikt Lachenmeier mit Gitarre betreten die Bühne, ein ohrenbetäubendes Pfeifen: Mit dem Gitarrenverstärker stimmt etwas nicht, kollektives Ohrenzuhalten, einer bahnt sich seinen Weg nach vorne, schraubt und dreht, schliesslich passt alles. Silvia Tschui singt ein Volkslied und beginnt zu lesen aus ihrem Buch, dessen eindringliche Mischung aus Hochdeutsch und deftigem Schweizer Dialekt, etwas Angewöhnungszeit braucht – beim Lesen wie auch beim Zuhören. Wenn man den Rhythmus aber gefunden hat, schlägt einen diese Sprache in ihren Bann.

Die Aufführung ist so konstruiert, dass zwischen den einzelnen gelesenen Sequenzen jeweils ein Lied gespielt wird, das Tschui und Lachenmeier (meist) gemeinsam singen. Zunächst ist es eine Eigenkomposition: auf Englisch wird im Zeitraffer ein weiterer Teil der Geschichte erzählt; später sind es bekannte Songs, die – so Tschui – ihrer Meinung nach zum Inhalt passen. Popkultur trifft auf Vormoderne. “Hurt” von den Nine Inch Nails, “Teenage Kicks” von den Undertones, “You Shook Me All Night Long” von AC/DC unterbrechen die schauerliche, bisweilen sehr blutige Geschichte von Jakob und Elsie auf ihrer Finsterseer Pacht.

Nur allzu schnell ist die Aufführung vorbei, doch da wird noch eine Zugabe verlangt und Silvia Tschui liest noch die Stelle mit der Sage vom Finstersee, der früher Grünsee hiess, und dem Mädchen, das da sass und ihre Tränen auf eine Reise flussabwärts schickte…Dann wird’s familiär: Blumen werden verteilt, alle, die etwas Entscheidendes beigetragen haben zur Entstehung dieses Debütromans erhalten ihr wohlverdientes Dankeschön. Der rundum gelungene Abschluss einer überzeugenden Aufführung.

In der Rezension von “Jakobs Ross” schrieb ich bereits, diese Autorin habe das Potenzial, “die manchmal doch etwas eckenundkantenlose Schweizer Literaturlandschaft gehörig aufzumischen” – der Auftritt im Cabaret Voltaire bestätigte mich noch einmal in dieser Ansicht.

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