Albert Vigoleis Thelen

Am 9. April 2014 jährte sich zum fünfundzwanzigsten Mal der Todestag des deutschen Schriftstellers Albert Vigoleis Thelen. Mehr als Grund genug, zumal für einen Blog, dessen Twitter- und E-Mail-Accounts auf den Namen vigoleisblog hören, sich dem Mann zu widmen, der nun schon seit Jahren mit dem wenig tröstlichen Attribut des “grossen Unbekannten” der deutschen Literatur gegeisselt wird. Es ist Zeit, dass dieses leidige “Un” seinen Platz räumt und ein grösseres Publikum um die Werke dieses meisterhaften Geschichtenerzählers und Sprachkünstlers Thelen bereichert wird.

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“Wo Leben und Dichtung in ihre Koordinaten treten, fängt das Leben ja erst an uns zu fesseln”, schrieb Thelen in seinem bekanntesten Roman, dem autobiographischen “Die Insel des zweiten Gesichts” (1953), in dem er auf fast tausend Seiten die Jahre des Exils beschreibt, das er mit seiner Frau Beatrice 1931 – 36 auf Mallorca gefunden hat. Es ist ein barockes Werk, das an Geschichten und Worten so reich ist, dass manch eines anderen Autors Gesamtwerk nicht mithalten kann. Bettler, Huren, Lokalprominenz, weitere Exilanten, etwa Harry Kessler oder Hermann Keyserling, aufbegehrende Nationalsozialisten und der grosse Gentleman-Schwindler “Zwingli” feiern ihre Auftritte und blühen auf in den sprachlich extravaganten, vor Fabulierlust geradezu platzenden “angewandten Erinnerungen” des Vigoleis.

“Exilantendeutsch” nannte Hans-Werner Richter, Vorsitzender der damals stilbildenden Gruppe 47, vor der Thelen 1953 las, abschätzig die Sprache des Autors, dessen Wortschatz aus einer Menge an deutschen Dialekten und aus den sieben Sprachen, die er beherrschte, schöpft. Diesem Urteil zum Trotz war das Buch erfolgreich, wurde 1954 mit dem Fontane-Preis ausgezeichnet. Tatsächlich ist die Sprache, die Thelen beherrschte wie kaum ein Zweiter, neben dem Humor und der Vielfalt seiner Geschichten des mächtigste Instrument des Autors. Eine “Naturgewalt” sei sie, schreibt Jürgen Putz im Nachwort (2003) zu “Die Insel des zweiten Gesichts” mit Recht, Thelen habe der deutschen Sprache “die Zunge gelöst” (Pütz zitiert hier Jean Paul).

Bibliographisches: Nur ein weiterer Roman gesellte sich nach dem grossen Erstlingswerk zu seinen Publikationen (“Der schwarze Herr Bahssetup”, 1956), des Weiteren eine Erzählung (“Glis-Glis. Eine zoo-gnostische Parabel. Entstanden als Fingerübung eines Seh-Gestörten.”, 1967), ein Band mit Prosatexten (“Poetische Märzkalbereien”, 1984), diverse Gedichtbände und Übersetzungen (prominent von Teixeira de Pascoaes aus dem Portugiesischen). Posthum wurden bisher einige Ausgaben mit Briefen, von denen er Zeit seines Lebens tausende geschrieben hat, herausgegeben; ausserdem das Romanfragment “Der Magische Rand” und die CD “Die Gottlosigkeit Gottes. Das Gesicht der zweiten Insel” (2001), eine Aufnahme aus 1966, auf der Thelen aus der geplanten Fortsetzung der “Insel” liest, deren Manuskript später vernichtet wurde.

Wir werden in der kommenden Zeit immer wieder Beiträge, Rezensionen, Zitate und Wort-Schätze aus Thelens unerschöpflichem Fundus präsentieren.  Wer nicht warten mag und sich sofort zu einem Überblick über Leben und Schaffen diesen wundersamen Mannes aus dem niederrheinischen Süchteln verhelfen möchte, sei auf die grossartige Website www.vigoleis.de verwiesen, die sich mit Herzblut der Bewahrung und Weitererforschung von Thelens Erbe verschrieben hat.

Hier geht’s zum Vigoleis-Archiv.

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