Rezension: Mia Couto – Das schlafwandelnde Land (Unionsverlag 2014 [1992])

Das Romandebüt des mosambikanischen Schriftstellers Mia Couto (*1955), ursprünglich veröffentlicht 1992 (portugiesischer Originaltitel: “Terra Sonâmbula”), ist ein Meisterwerk der modernen afrikanischen Literatur. Die geschickt komponierte Geschichte von Menschen, die sich in den Greueln des Krieges die Fähigkeit zu lieben bewahrt haben; von lebenden und toten Menschen, die gemeinsam der Welt ins finstere Auge blicken.

miacouto

Titel: Das schlafwandelnde Land
Original: Terra Sonâmbula (1992)
Autor: Mia Couto
Übersetzung: Karin von Schweder-Schreiner
Verlag: Unionsverlag
ISBN: 978-3-293-20645-8
Umfang: 256 Seiten, Taschenbuch

Der Autor Mia Couto, Sohn portugiesischer Einwanderer im einstmals kolonialisierten Mosambik, ist dieser Tage in aller Munde. 2013 wurde ihm der Premio Camoes verliehen, 2014 der Neustadt International Prize for Literature, der als “amerikanischer Nobelpreis” und als Omen für den echten Nobelpreis gilt. Couto, Professor für Biologie an der Universität Maputo, sieht sich dezidiert als Afrikaner, nicht als Europäer. “Das schlafwandelnde Land” macht deutlich, was den afrikanischen Erzähler vom europäischen unterscheidet. Seinen Stil bezeichnet Couto als “animistischen Realismus”.

Zur Geschichte: In den Wirren des mosambikanischen Bürgerkriegs (1977-1992), der das Land nach vierzehn Jahren Befreiungskampf gegen die Kolonialmacht weitere fünfzehn Jahre unterjochte, wandern der alte Tuahir und der junge Muidinga – Entflohene aus einem Flüchtlingslager  – durch eine deprimierte, verwüstete Welt, in der “kein Himmel mehr möglich” ist.

Sie stossen am Strassenrand auf einen ausgebrannten Autobus voller verkohlter Leichen. Hier verstecken sie sich vor den marodierenden Banden, die durchs Land ziehen. Muidinga findet einen Stapel beschriebene Hefte – elf an der Zahl -, die er zu lesen beginnt. Der, der sie geschrieben hat, nennt sich Kindzu und erzählt darin seine ganz persönliche Geschichte. Der Roman ist aufgebaut in elf Kapitelpaare, von denen jeweils die erste Hälfte Tuahir und Muidinga gewidmet ist, die zweite ein Heft von Kindzu darstellt.

Ein Zyklus der Geschichten wird entfaltet, denen die Verschmelzung von Tradition und Moderne gemein ist: Tote können hier nicht weniger sprechen als Lebende, Traum und Realität werden eins, der Krieg aber ist nur allzu real. Es ist ein Kampf, der in “Das schlafwandelnde Land” allgegenwärtig ist:

“Unsere Erinnerung bevölkerten Geister aus unserem Dorf. Diese Geister sprachen in useren einheimischen Sprachen zu uns. Aber träumen konnten wir nur noch in Portugiesisch. Und auf der Landkarte unserer Zukunft gab es keine Dörfer mehr.”

 

Kindzu hat seinen Vater verloren, sein Freund Surendra ist gegangen, also beschliesst er loszuziehen und ein Naparama zu werden; das waren Krieger, die die althergebrachte Ordnung wiederherzustellen suchten. Muidinga und Tuahir hingegen sind sesshaft, verharren in ihrem Bus und warten auf das Ende des Krieges. Sie machen nur kurze Ausflüge, begegnen dabei geschundenen Gestalten wie dem alten Siqueleto, der Menschen in seinem Netz fängt und “säen” will oder dem getriebenen Nhamataca, der Tag und Nacht eine Furche in die Erde gräbt: ein Fluss soll es werden, dessen Strom Leben und Tod voneinander trennt.

Coutos Sprache ist, wie man so sagt, “poetisch”, das heisst bilderreich und bisweilen von feierlicher Ernsthaftigkeit. Der Beginn des Romans mag hierfür als gutes Beispiel dienen:

“An dieser Stelle hatte der Krieg der Strasse das Leben genommen. Nur die Hyänen schlichen über die Wege, schnüffelten in Asche und Staub. Die Landschaft hatte sich mit einer nie gekannten Freudlosigkeit vermengt, in Farben, die sich an den Mund hefteten. Schmutzige Farben waren es, so schmutzig, dass sie jede Leichtigkeit verloren hatten und nichts mehr von der Wagnis wussten, sich ins Blau hinaufzuschwingen.”

 

Es sind mächtige Sätze, die Übersetzerin Karin von Schweder-Schreiner hier aus Coutos Portugiesisch übertragen hat; Sätze, die lange nachhallen. Und die Geschichten, die Couto seine Protagonisten erfahren lässt, stehen dieser lang anhaltenden Wirkung in nichts nach. Es sind Geschichten, die zumeist das Menschliche im Angesicht des Unmenschlichen zu erkennen geben: Botschaften durchscheinender Liebe, Zuneigung und Fürsorge im Sumpf einer brutalen, zerstörerischen und zerstörten Welt ohne Zukunft.

“Das schlafwandelnde Land” mag für europäische Gewohnheiten eine Herausforderung sein, denn die Vereinigung von Dimensionen, Traum und Wirklichkeit, Tod und Leben geht noch wesentlich weiter als etwa im lateinamerikanischen Magischen Realismus etwa eines Gabriel García Márquez. Doch wer diese Herausforderung annimmt, wird belohnt. Mit grosser Literatur.

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