Rezension: Joao Ricardo Pedro – Wohin der Wind uns weht (Suhrkamp 2014)

Das Debüt des portugiesischen Autors Joao Ricardo Pedro (*1973) ist ein ambitioniertes Werk, dessen Geschichten drei Generationen der Familie Mendes umspannen. In den privaten Dramen der Protagonisten spiegeln sich Ereignisse der portugiesischen Geschichte. Dabei lässt sich der Text jedoch (zu) wenig Zeit, so dass am Schluss dieses stellenweise durchaus kraftvollen Romans der leicht bittere Nachgeschmack des Unfertigen bleibt.

joao

Titel: Wohin der Wind uns weht
Original: O Teu Rosto Será O Último
Autor: Joao Ricardo Pedro
Übersetzung: Marianne Gareis
ISBN: 978-3-518-42429-2
Umfang: 229 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Die Handlung beginnt in einem entlegenen portugiesischen Bergdorf am 25. April 1974, dem Tag der Nelkenrevolution. Vor dem Morgengrauen zieht der Mann Celestino mit einem Gewehr los, Stunden später wird er, brutal ermordet, aufgefunden. Der Arzt des Dorfes – Augusto Mendes, Angehöriger der ältesten Generation, der in “Wohin der Wind uns weht” portraitierten Familie – erinnert sich an den Tag, vierzig Jahre zuvor, als er Celestino auf der Landstrasse, geschändet und kaputt, aufgegriffen hat. Die Episode wird im weiteren Verlauf der Geschichte nicht mehr erwähnt, Celestino spielt bis zur letzten Seite keine Rolle mehr – und auch diese Passage bringt wenig Licht in die Angelegenheit, lässt vieles ungesagt. Diese Leerstellen sind das grosse Problem des Romans: vieles bleibt Stückwerk, wird der Fantasie der Leser überlassen, manchmal ohne diese mit Hinweisen zur Entschlüsselung zu versorgen.

Der Fokus liegt auf der dritten Generation der Familie, repräsentiert durch Duarte Mendes. Duarte, geboren wohl einige Jahre vor der Revolution, in eine ungewisse Zeit, muss von früh an mit etlichen Problemen kämpfen. Da ist einerseits sein Vater Antonio, der traumatisiert von einem Kriegseinsatz in Angola zurückkehrt und zunächst seinen Sohn nicht wiedererkennt; als Kind ist Duarte ein Aussenseiter, wird gemobbt, hat nur einen Freund, den “Indio”; in späteren Jahren kommt eine Krebserkrankung der Mutter hinzu.

Man könnte meinen die Musik, die diesem Jungen als göttliche Gabe auferlegt scheint, biete ihm eine Flucht aus der Brutalität des Alltags. Gegenteiliges ist jedoch der Fall: Er ist ein begnadeter Pianist, empfindet dieses Talent und den dadurch bedingten Druck von aussen jedoch als Qual, weshalb er eines Tages für immer aufhört zu spielen. Er mag die Musik nicht, sagt “Nicht ich habe angefangen, Klavier zu spielen. Das waren meine Hände” und empfindet nichts als Hass auf seine Gabe. Sein ehemaliger Klavierlehrer, eine für die Handlung bedeutsame Allegorie/Episode mit einer Frau mit amputiertem Unterschenkel abschliessend, nennt dies einen Glücksfall:

“Duarte hat Gott sei Dank genau in diesem Augenblick aufgehört: In dem Augenblick, da er Gefahr lief, so zu werden wie die Musik, die er spielte. In dem Augenblick, da er zu allem bereit war. Bereit, sich selbst das zu amputieren, was zu amputieren war.”

Es ist schwierig zu sagen, was den Jungen in diesem familiären Labyrinth aus Erinnerungen, die ihm, Duarte, oft nicht zugänglich sind, umtreibt. Die Briefe, die Augustos Freund Policarpio ihm über vierzig Jahre geschickt hat, liefern Duarte immerhin Anhaltspunkte. Doch erst das Finale des Buchs eröffnet auch dem Leser Einsicht in diese rätselhaften Erinnerungen – und Duarte die Chance, Erklärungen zu finden. Fast bin ich gewillt zu sagen: die richtig gute Geschichte begänne da, wo Pedro sein Buch enden lässt.

Doch damit wäre ihm vielleicht Unrecht getan, denn auch das, was auf diesen knapp 230 Seiten dasteht, birgt viele gute Geschichten. Der Autor erzählt mit einer Mischung aus ironischem Witz und tiefer Melancholie, mit einem Auge für’s Detail und furchtlos im Angesicht von Gewalt und Exkrement (um es gepflegt auszudrücken). Sprachlich schwankt der Text zwischen ungemein kraftvollen, poetischen Passagen und merkwürdigen stilistischen Techniken. (Hinweis: Man darf auch mal ein Komma setzen. Anstatt einen Punkt. Das tut nicht weh. Ist eleganter. Und leserfreundlicher.)

“Wohin der Wind uns weht” – im portugiesischen Original übrigens treffender “O Teu Rosto Será O Último” (etwa “Dein Gesicht wird das Letzte sein”) betitelt – ist ein enigmatisches Buch voller Zeichen und Andeutungen, eine Herausforderung, die, wenn man sich ihr stellt, ein ganzes Labyrinth eigener Gedanken anregen kann, aber auch den leicht bitteren Nachgeschmack des Unfertigen zurücklässt – verbunden mit der Hoffnung, dass es dereinst noch fertig geschrieben wird. Oder gar mit der Lust, es selbst fertigzuschreiben?


Weitere Besprechungen des Buchs finden sich unter anderem auf aus.gelesenUrwort und Buchfaible.

Anstehende Lesungen des Autors im deutschen Sprachraum:

Ort Datum, Zeit
Leipzig Haus des Buches 31.03., 19:30
Berin Ibero-Amerikanisches Institut 01.04., 19:00
München Buchhandlung Kunst- und Textwerk 02.04., 19:30

One thought on “Rezension: Joao Ricardo Pedro – Wohin der Wind uns weht (Suhrkamp 2014)

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