Rezension: Verena Rossbacher – Schwätzen und Schlachten (KiWi 2014)

Der zweite Roman der in Berlin lebenden Österreicherin Verena Rossbacher nach “Verlangen nach Drachen” (2009) ist ein einziges monströses, handlungsarmes, dabei aber höchst unterhaltsames Geschwätz. Aufgebläht auf 631 Seiten präsentiert die Autorin eine Mischung aus humorvoller Aussenseiter-Geschichte, Antithese zum Kriminalroman und erzählerischer Fingerübung. 

rossbacher

Titel: Schwätzen und Schlachten
Autorin: Verena Rossbacher
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04615-1
Umfang: 640 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

In der Literaturbeilage der Zeit vom März 2014 findet sich eine Besprechung von “Schwätzen und Schlachten”, die gnadenlos am Buch vorbeischreibt, die in vielen bunten Worten nichts über das Werk aussagt. Fast könnte man meinen, der Autor habe dies mit Absicht getan: eine Imitation des Verfahrens im Text von Rossbacher. Denn die Protagonisten von “Schwätzen und Schlachten” sind Spezialisten im ganztägigen ziellosen An-der-Realität-Vorbeireden.

Als da wären: David Stanjic, der bereits im Debüt der Autorin auftauchte, ein dreiunddreissigjähriger Österreichflüchtling in Berlin; zweitens: Frederik von Sydow, ewiger Literaturstudent, Stänkerer, besserwisserischer Skeptiker, geplagt von der totalen Frauenlosigkeit seines Lebens; und drittens: Simon Glaser, Künstler, in letzter Zeit immer seltener da. Gemeinsam machten die drei Musik und redeten sich die Tage im Tante, dem Café von Sydows Oma in Berlin, vom Leibe. Aber eben: Glaser taucht kaum mehr auf – und Stanjic, sein ehemaliger Mitbewohner, hat da diesen Text mit dem Titel “Schlachten”, den er aus Versehen aus Glasers Wohnung mitgenommen hat, der verdächtig und gefährlich anmutet. Zudem hat Glaser Filme gemacht, die beängstigend genau Erlebnisse aus Stanjics Leben zeigen. Der Österreicher ist “ein unwissender Mitspieler in einem Stück, in dem er freiwillig keine Rolle übernehmen würde” – und fühlt sich entsprechend verarscht.

Was führt der Künstler im Schilde? Er plant einen Mord, so muss es sein!

Der dauerschwatzende Sydow und der mitgenommene Stanjic beginnen, Detektive zu spielen und ihren Freund auszuspionieren. Das Lebensmotto der beiden lautet “Wer zuletzt kommt, kommt auch an”, ihr Wissen haben sie zu einem Grossteil von bedrucktem Klopapier abgelesen, “was sie richtig gut konnten, war das weit Ausholen und das Ausführlichwerden.” Nicht die besten Voraussetzungen, um einen potenziellen Mörder zu fassen. Dennoch machen sich die beiden daran, Stück für Stück (und wortwörtlich) ein Mosaik zusammenzusetzen…

“Diese fehlenden Stücke (…) würden die Lösung sein.
Die Lösung von was, fragte Sydow.
Des Falls.
Und was genau ist der Fall?
Ich denke, auch das werden wir spätestens dann sehen, wenn wir uns de Lösung nähern.”

 

Rossbacher erzählt die Geschichte ohne Rücksichtnahme auf stringente Handlungsabläufe. Seitenlange Abschweifungen sind keine Ausnahme, jedoch meist mit genügend Verve und scharfem Witz erzählt, dass es nicht entnervend wird, dass einem diese eigentliche Geschichte ständig vorenthalten wird.

Und dann erscheint da noch Verena Rossbacher selbst, die Erzählerin, die sich mit ihrem Lektor Olaf immer wieder über Einzelheiten der Ausarbeitung der Geschichte streitet. Durch diese kurzen Zwischenspiele wird eine erzählerische Meta-Ebene eingeführt – das ist eine Fingerübung, das ist Literatur für Literaturwissenschaftler – und doch: auch diese Intermezzi sind so unterhaltsam, dass der Lesefluss kaum beeinträchtigt wird.

Überhaupt ist der immer präsente knochentrockene ironische und zynische Humor die grosse Stärke von “Schwatzen und Schlächten”. Mit Stanjic und vor allem Sydow porträtiert der Roman zwei antriebslose, frustrierte Aussenseiter – eine Sparte, die sich in der deutschen Gegenwartsliteratur grosser Beliebtheit erfreut, man denke an die Herren Strunk, Jaud, Regener et al. -, eine Ausgangslage, die sich ohne Humor nicht bewältigen lässt. Gut, dass Verena Rossbacher mehr als genug davon mitbringt.

Hast du schlechte Laune?
Laune kann man das nicht mehr nennen, ich habe ein schlechtes Leben.

Zugegeben: 631 Seiten sind eine Menge Leseaufwand, zumal bei dieser Armut der Handlung, die sich erst auf den letzten einhundert Seiten verdichtet. Wer aber auf aus- und abschweifenden Leerlauf, auf grosses Gesprächstennis, verzettelte Anspielungen, selbstreferentielle running gags und grandios absurde Assoziationsketten steht, dem sei “Schwätzen und Schlachten” herzlich empfohlen. Es wird darin (fast) nicht geschlachtet, dafür unermesslich viel geschwätzt. Bemerkenswert an diesem Buch sind nebst dem Humor vor allem die Dichte der darin vorgetragenen Ideen und Skurrilitäten und die Rücksichtslosigkeit, mit der sich die junge Autorin den Konventionen der Genres widersetzt. 


Anstehende Lesungen der Autorin:

Ort Datum , Zeit
Buchhandlung Reuffel Koblenz 19.3. , 20:00
Georg Büchner Buchladen Berlin 25.3.
KOHI Kulturraum Karlsruhe 5.5. , 20:00
Literatur in den Häusern Köln 23.5. , 19:30
Stadt- und Landesbibliothek Potsdam 19.6.

2 thoughts on “Rezension: Verena Rossbacher – Schwätzen und Schlachten (KiWi 2014)

  1. caterina

    Die Zitate sind wunderbar! Aber die Besprechung ist es natürlich auch (im Gegensatz zu der in der ZEIT, da gebe ich dir recht – ich war hinterher kaum schlauer als vorher). Merci!

    Reply

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