Lebens-Lagen #8: 12. März

Der Brief und das Tagebuch sind seit jeher im Kreise eifriger Denker beliebte Mittel des Ausdrucks, der Lebensbewältigung. Erfahrungen, Ideen, Gedanken und Ahnungen – von der grossen Frage nach dem Sinn des Lebens bis zur Trivialität eines Milcheinkaufs – werden verarbeitet. Unzählige Schriftsteller, Philosophen, Politiker, Verleger, Psychologen usw. usf. haben der Menschheit eine Fülle privater Aufzeichnungen hinterlassen – die oftmals sorgfältig ediert, aufwendig entschlüsselt, aber wenig gelesen werden. Im Rahmen der Beitragsserie “Lebens-Lagen” widmen wir uns Tag für Tag diesen Noten aus den Leben der Briefeschreiber und Tagebucheinträger. Kalendertage der Veröffentlichung und des präsentierten Textbeispiels stimmen dabei jeweils überein. Wir wünschen viel Vergnügen!

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Am 12. März 1965 schreibt die in der DDR lebende österreichische Schriftstellerin Maxie Wander (1933 – 1977) in ihr Tagebuch:

“(…) Es gibt Wörter und Sätze, die brennen sofort wie Zunder, wie von der Sonne ausgedörrtes Herbstlaub. Und wie das im Augenblick die Welt mit gutem Geruch erfüllt! Eine zentrale Idee? Verdächtig, wie mir das gerade heute einleuchtet. Wenn ich eine hätte und sie mir abhanden käme, und ich wiederum eine suchen würde, um die frei im Raum sich bewegenden inneren Kräfte und Gedanken wie in einem Brennpunkt zu sammeln, was könnte das sein? Eine neue banale Geschichte von einer Fanny, einer Betty, einer Rosa. Oder schreibe ich mich nicht selbst jeden Tag von neuem? Und wer ist diese Person, der ein Gesicht zu geben ich mich verzweifelt abstrample? Es würde sich lohnen und sogar Vergnügen machen, nächtelang nicht zu schlafen, durch eine Wildnis zu wandern, eine Wildnis von Vorstellungen und Gefühlen, sich abzumühen, um in einem ruhigen Augenblick der Ermattung darauf zu stossen…
Cesare Pavese hat sich mit 45 Jahren umgebracht. Warum? Alle lesen von ihm. Seine Bücher besorgen, soweit sie übersetzt erschienen sind!”

Aus: Maxie Wander. Ein Leben ist nicht genug. Tagebuchaufzeichnungen und Briefe. Hg. v. Fred Wander. Luchterhand 1990.

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