Rezension: Evelyn Waugh – Scoop (Diogenes, 2014 [1938])

Der britische Autor Evelyn Waugh (1903-1966) hat mit “Scoop” nicht nur eine genial strukturierte Satire auf das Gewerbe der Journalisten geschrieben, sondern auch eine bis zum Bauchkrampf lustige Verwechslungskomödie. Eine anstrengende Lektüre – für die Lachmuskeln.

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Titel: Scoop
Original: Scoop. A Novel about Journalists (London 1938)
Autor: Evelyn Waugh
Übersetzung: Elisabeth Schnack
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-24274-4
Umfang: 314 Seiten, Taschenbuch

Der Autor, Evelyn Waugh, bereiste als Journalist für die Daily Mail einige Male Afrika. Es darf angenommen werden, dass einige Ideen des Buches auf diesen Erfahrungen gründen; insbesondere auf einem Auftrag, den Waugh im August 1935 erhielt: als Reporter wurde er nach Abessinien (Äthiopien) geschickt, um dort eine angebliche geplante Invasion Mussolinis abzuwarten.

So auch die Prämisse von “Scoop”: die britischen Zeitungen vernehmen, dass im nordafrikanischen Staat Ishmaelia Krieg ausbrechen soll. Die Pressemagnaten beeilen sich, ihre besten Reporter in dieses Land zu schicken, über das sie in ihren Büros an der Fleet Street überhaupt nichts wissen. Sie wissen nur: ihre Zeitung braucht den scoopdie exklusive Meldung, die sie vor der Konkurrenz verbreiten können.

Beim Daily Beast wird man auf Boot aufmerksam gemacht, einen draufgängerischen Romanschriftsteller, der genau der richtige für den Job sei. Der Name macht die Runde und wird schliesslich dem verantwortlichen Mr. Salter präsentiert. Anstatt den gemeinten John Boot, bringt der den Namen mit William Boot in Verbindungen, einem faulen Landadligen, der für die Zeitung die Naturkolumne “Üppige Auen” verfasst.

Lange Rede, kuzer Sinn: Naturkolumnist William Boot wird nach Ishmaelia geschickt. Eine Frage hat er vor der Abreise noch an Mr. Salter:

“Doch,  eine Sache noch. Ich lese nämlich selten Zeitung. Können Sie mir sagen, wer gegen wen kämpft?”
“Ich glaube, die Patrioten gegen die Verräter.”
“Ja, aber welche sind denn welche?”
“Oh, das weiss ich nicht. Das ist Politik. Das geht mich nichts an!”

Nach bürokratischem Kleinkrieg mit verschiedenen Konkurrenzkonsulaten, reist Boot schliesslich mit einer halben Tonne Gepäck nach Afrika. Dort trifft er auf friedlich herumlungernde Journalisten in Erwartung von etwas Grossem, alle darauf aus, ihren Scoop zu landen. Er freundet sich mit Corker an, der ihm den Journalismus erklärt.

“Eine Neuigkeit ist etwas, das einer lesen will, dem im Grunde alles reichlich wurst ist. Und für ihn ist’s nur so lange eine Neuigkeit, bis er’s gelesen hat. Danach ist die Geschichte erledigt. Wir werden doch dafür bezahlt, Neuigkeiten zu liefern. Wenn schon jemand anders einen Bericht eingeschickt hat, ist unsrer keine Neuigkeit mehr. Klar, es gibt noch Lokalkolorit. Aber das ist bloss Schaumschlägerei. Schnell geschrieben und schnell gelesen, aber für eine Telegramm zu teuer, also dürfen wir nur wenig davon bringen.”

Die Journalisten belauern sich gegenseitig, gönnen einander nichts. Raubtiere auf der Jagd. Und die verantwortlichen Stellen in Ishmaelia versuchen je länger je mehr die Meute der Europäer loszuwerden. Der komische Höhepunkt des Romans ist eine Szene, in der sich der gesamte Konvoi aus Journalisten in Bewegung setzt, weil man ihnen gesagt hat, in der Stadt Laku im Landesinneren sei mehr los. Das Problem: die Stadt Laku gibt es nicht. Aufgrund eines Missverständnisses werden  zunächst alle Journalisten verhaftet und ins Gefängnis gesetzt; eine Stunde später brechen sie von neuem auf. Einzig William Boot bleibt in der Stadt – und das verschafft ihm schliesslich den entscheidenden Vorteil: während sich alle Kollegen irgendwo in der Wüste auf der Suche nach einer inexistenten Stadt befinden, bahnt sich in der Hauptstadt, wo Boot ist, ein grosses politisches Ereignis an…

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Evelyn Waugh, ca. 1940

Waughs Roman ist einerseits zu Brüllen komisch, andererseits aber auch ein bis ins Detail durchdachter Text von hohem literarischem Rang. Immer wieder finden sich in dem in drei Teile gegliederten Roman überraschende Verweise und Symmetrien, etwa wird die Befremdung, die William erfährt, als er im ersten Teil von seinem familiären Landsitz Boot Magna an die Fleet Street berufen wird, im letzten Teil in Mr. Salters Strapazen gespiegelt, als er den zurückgekehrten William für ein ihm zu Ehren veranstaltetes Bankett auf Boot Magna abholen soll.

Mit ungebändigter Energie und brillanter Komik ist diese tour de force durch die Abgründe des Journalismus verfasst. Scheinheiligkeit, Heuchelei und Halb- bzw. Unwissen aller Beteiligten werden mit unerbittlichem Humor abgekanzelt.  Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs hat Waugh diesen Roman verfasst: einen Roman, der neben seiner primären Funktion als Journalistensatire, auch ein Roman über das drohende Unheil ist, über einen Krieg, von dem niemand recht weiss, ob er ausbrechen wird…

Auch die Schlussszene könnte in dieser Hinsicht gedeutet werden. William ist wieder zuhause, schreibt an einer neuen Kolumne über mütterliche Nager und ihre Nachkommenschaft – indes draussen…

“Draussen jagten die Eulen mütterlich besorgte Nager und deren flaumige Nachkommenschaft.”

“Scoop” ist ein Roman, dem man bei mehrmaliger Lektüre verschiedenste Aspekte abgewinnen kann, der aufgrund seiner cleveren Planung und seiner versteckten Details viel Stoff zur Diskussion birgt. Aber vergessen wir nicht: in erster Linie lädt dieses Buch schlicht zu herzhaftem Lachen ein. Ein Umstand, der im Kanon der “hohen” Literatur nicht allzu häufig ist, und umso dankbarer angenommen werden darf. 


Evelyn Waughs Werk in deutscher Sprache beim Diogenes-Verlag.

3 thoughts on “Rezension: Evelyn Waugh – Scoop (Diogenes, 2014 [1938])

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