Rezension: Kim Thúy – Der Geschmack der Sehnsucht (Kunstmann, 2014)

In ihrem Exilroman “Der Geschmack der Sehnsucht” (Original: “Mãn”) schreibt die in Kanada lebende Vietnamesin Kim Thúy von einer in Kanada lebenden Vietnamesin, die durch eine Zwangsheirat vor dem Unheil der Heimat gerettet wurde. In Montréal besinnt sie sich ihres familiären Erbes – der Kochkunst -, wird zum gefeierten Star der Gastronomieszene – und lernt zum ersten Mal die Liebe kennen. 

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Titel: Der Geschmack der Sehnsucht
Original: Mãn
Autorin: Kim Thúy
Übersetzung: Andrea Alvermann & Brigitte Grosse
Verlag: Kunstmann
ISBN: 978-3-88897-928-6
Umfang: 144 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

In sehr kurzen Kapiteln wird die Geschichte des Mädchens Mãn erzählt. Sie ist Kind dreier “Mütter” – die erste hat sie geboren, die zweite hat sie aufgelesen, die dritte (Mama) hat sie grossgezogen -, ihre Jugend in Vietnam ist schwierig. Sie ist “ohne Träume aufgewachsen”, in einem Land, das die “Frivolität der FIktion” verbannt hat. Um ihr ein gutes Leben zu ermöglichen, arrangiert Mama eine Heirat mit einem Exilvietnamesen in Montréal, Kanada.

“Mama und ich, wir ähneln einander nicht. Sie ist klein, ich bin gross. Sie hat dunkle Haut, ich habe den Teint französischer Puppen. Sie hat ein Loch in der Wade, ich habe ein Loch im Herzen.”

Fernab der Heimat beginnt sie ihre Arbeit in einem Restaurant und besinnt sich hierbei bald ihres familiären Erbes – des Wissens um die traditionelle Kochkunst, die Macht des Geschmacks, die verborgenen Kräfte der Gewürze, Kräuter und Gemüse. Sie avanciert zu einem hochgelobten Star in der Gastronomieszene. Und dann begegnet sie Luc: er ist der Mann, der ihr Leben auf den Kopf stellt.

“Meine Aufgaben wurden seit jeher vom Alltag bestimmt, von Mamas Missionen, dem Unmöglichen und das Mögliche. Wie Mama hatte ich nie ein bestimmtes Ziel vor Augen.”

Dies ändert sich mit Luc. Es schwindet die Fixiertheit auf die Vergangenheit, die Geschichte, die Ahnen (“wir glauben nämlich fest daran, dass wir sind, was unsere Ahnen waren”) – sie weicht erstmals einer “Gegenwart ohne Vergangenheit”, dem Verliebtsein. Auch Luc ist verheiratet, hat Kinder, lebt zudem in Paris: die Hürden dieser Liebe sind also hoch. Kann das Unmögliche möglich gemacht werden?

“Der Geschmack der Sehnsucht” ist ein Roman über den langen beschwerlichen Weg von einer von Kindesbeinen an geübten Unterwerfung hin zur persönlichen Freiheit.  Es ist ein Roman über die Geschichte der vietnamesischen Kultur und Mentalität – geschrieben für ein westliches Publikum. Jedes Rezept, das die junge Frau zubereitet, wird dabei zum Medium einer Erinnerung an die heimatliche Erde. Die vielen, sehr kurzen Kapitel, in die der Text gegliedert ist, tragen jeweils den Namen einer vietnamesischen Vokabel. Es ist auch ein Buch über die Sprache: die Vertrautheit der Mutter-Sprache, die Feinheiten und Fallstricke einer Fremdsprache, die Sprache der Liebe:

“In den Wochen nach meiner Heimkehr baute mir Luc ein neues Universum aus ungewohnten Worten wie “mein Engel”, das ganz zu meinem wurde.”

Es ist auch ein Buch über eine Frau, die ihre Lehrjahre in der Liebe absolviert. Vor all ihren staunenden Sinnen, die bis vor kurzem die Welt aus einer fremden Suppenküche wahrnahmen, tut sich ein ganzes neues Universum auf, das Universum der Liebe. Kim Thúy ist nach “Der Klang der Fremde” (Kunstmann 2010) wiederum ein intimes Kleinod von einem Roman gelungen, sensibel, lehrreich und voll subtiler Poesie.


 

4 thoughts on “Rezension: Kim Thúy – Der Geschmack der Sehnsucht (Kunstmann, 2014)

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