Gabriel García Márquez

Was ist denn das nun eigentlich: “Weltliteratur”? Literatur, die etwas über die ganze Welt sagt? Literatur, die der ganzen Welt etwas zu sagen hat? Literatur, für den Mann/die Frau von Welt? Literatur, die die Welt in einer die Realität übertreffenden Vollkommenheit präsentiert vielleicht? Letzteres ist eine der grossen Stärken des Grandseigneurs der lateinamerikanischen Literatur: Gabriel García Márquez. Morgen, am 6.3., wird er siebundachtzig Jahre alt. 

ggmarquez

Holen wir etwas aus: Sigmund Freud sah in der Literatur den Ort, an dem das Verdrängte, das (in seinen Worten) Sublimierte seinen Platz hat, wo also für einen perfekten kurzen Moment das im ‘richtigen’ Leben Unsagbare gesagt werden darf. Der Wiener Doktor wird dabei vermutlich wieder einmal mehr an primäre Geschlechtsmerkmale gedacht haben, als an etwas Anderes – aber: auf eine andere Weise trifft seine Einschätzung auch auf das Werk von Márquez zu, auf das, was Wissenschaftler “Magischen Realismus” nennen.

Magisch wird der Realismus eben genau dann, wenn das Unsagbare plötzlich mir nichts, dir nichts neben dem Sagbaren stehtohne dass es da wie ein Fremdkörper wirkt. Im Werk des Autors, dessen bekannteste Romane “Hundert Jahre Einsamkeit” und “Die Liebe in Zeiten der Cholera” sind, gibt es Figuren in biblischem Alter, es gibt sich erfüllende Prophezeiungen, mysteriöse Gaukler, den gelegentlichen Drachen, sprechende Papageien, Engel, Wunderheiler,… Dies alles ist perfekt integriert in eine leidenschaftliche, oft brutale, quälende Lebensrealität. Manchmal geschieht es doch, dass zwei Charaktere, oft sture unbeugsame Gestalten, aufeinanderprallen, eine Figur im Banne der Magie, die andere bestrebt, eine Familie zu ernähren etwa. “Statt Hirngespinste auszubrüten, solltest du dich lieber um die Kinder kümmern”, sagt die Familienälteste Ursula in “Hundert Jahre Einsamkeit”.

Márquez stilistische Fähigkeiten zeugen immer von Überlegenheit: sein Tonfall wechselt nicht, wenn in den häuslichen Alltag von Hunger und Krankheit plötzlich ein gefallener Engel eindringt. (Kurzgeschichte “Ein sehr alter Herr mit riesengrossen Flügeln”).

“Er musste ganz nahe herantreten, um zu entdecken, dass es ein alter Mann war, der mit dem Gesicht im Schlamm lag und sich trotz grosser Anstrengungen nicht aufrichten konnte, weil ihn seine riesengrossen Flügel daran hinderten.”

Da ist es, das Genie des Gabriel García Márquez: weltliche Not und überirdischer Zauber in ein und demselben Satz vereint. Die Kunst, das Aufregende, das Schockierende, das Unsagbare in einem entlegenen Nebensatz zu verstecken, die beherrscht dieser Autor wie kein zweiter.  Bisweilen gelingt es ihm, in wenigen präzisen Strichen, inmitten einer Aufzählung, eine Figur zu entwerfen, die alleine ganze Bücher füllen könnte. Ein Beispiel, wiederum aus derselben Kurzgeschichte:

“(…) eine arme Frau, die seit ihrer Kindheit die Schläge ihres Herzens zählte und der die Zahlen ausgegangen waren (…)”

Mit Absicht wähle ich Beispiele, die nicht aus seinen umfangreichen grossen Meisterwerken stammen, sondern aus einer gerademal zehnseitigen Kurzgeschichte. Denn in der extremen Verdichtung seiner Prosa, in der Kürzestform des Erzählens, zeigt sich die “weltliterarische” Geltung des Autors noch stärker. Erzählungen wie etwa “Ein sehr alter Herr mit grossen Flügeln”, “Der schönste Ertrunkene von der Welt” oder “Die unglaubliche und traurige Geschichte von der einfältigen Eréndira und ihrer herzlosen Grossmutter” sind vollendete Miniaturen, die schnell gelesen sind, aber lange nachhallen.

Wer sich nicht direkt an das opus magnum “Hundert Jahre Einsamkeit” oder “Die Liebe in Zeiten der Cholera” wagt, dem seien diese Kurzgeschichten – oder auch kürzere Romane wie etwa die geniale, rückwärts erzählte Kriminal-Parabel “Chronik eines angekündigten Todes” empfohlen.

Gabriel García Márquez – “Gabo” – aus dem kolumbianischen Dorf mit dem wohlklingenden Namen Aracataca, geboren am 6. März 1927, Nobelpreis 1982: einer, der sich seinen eigenen literarischen Kosmos erschaffen hat – viele Charaktere und Orte aus “Hundert Jahre Einsamkeit” (1967) erscheinen z.B. bereits in “Laubsturm” (1955) -; einer, der in seinem ganz eigenen Genre schreibt: man mag es Magischer Realismus nennen, oder auch einfach Márquez; einer, der zweifellos und allen Superlativwarnungen zum Trotz einer der grössten Schriftsteller der Welt ist. 

Die Tatsache, dass Márquez vielleicht nie wieder neue Literatur veröffentlichen wird, mag manche untröstlich stimmen. Doch besieht man sich, was er alles geschrieben hat im Laufe seines Lebens, wird man zufrieden – und zugleich beunruhigt – feststellen, dass man selbst wohl mehrere Leben bräuchte, um all diesen Stoff verarbeiten zu können.

In diesem Sinne: Alles Gute zum Geburtstag, Gabo, und ein Dankeschön für all die wundervollen Geschichten!

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