Rezension: Ricardo Menéndez Salmón – Medusa (Wagenbach, 2014 [2012])

Mit Ricardo Menéndez Salmón stellt der Berliner Wagenbach-Verlag einen der bedeutendsten Autoren der spanischen Gegenwartsliteratur erstmals auf Deutsch vor. “Medusa” – bereits der sechste Roman des noch jungen Autors (*1971) – ist ein denkwürdiger philosophischer Text, der das Leben eines Kriegsfotografen nachzeichnet und dabei die Frage nach den Grenzen der Kunst stellt. Wie weit darf Kunst, im Angesicht des Todes, gehen?

menendez

Titel: Medusa
Autor: Ricardo Menéndez Salmón
Übersetzung: Carsten Regling
Verlag: Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-3256-7
Umfang: 144 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Ein Ich-Erzähler zeichnet das Leben des (fiktionalen) deutschen Kriegsfotografen und Malers Karl Gustav Friedrich Prohaska nach. Geboren 1914, gerät er 1933 als Lehrling eines Fotostudios in die Fänge des NS-Propagandaapparates. Von da an ist er “das Auge” der Nazis, mit dem untrüglichen Blick seiner Fotokamera zeichnet er akribisch alle Gräuel der Diktatur auf. Als 1939 der Krieg ausbricht, ist er an vorderster Front dabei, folgt den Truppen auf ihrem Marsch durch Polen, dokumentiert den Genozid im litauischen Kaunas und auch den im Konzentrationslager Dachau.

Die Fotografien und Filme – etwa eine dreiminütige Aufnahme eines Hinrichtungskommandos in Litauen, die den Erzähler auf Prohaska aufmerksam macht – sind Zeugen der scheusslichen Gewalt des 20. Jahrhunderts, vom Künstler (?) mit stummer Professionalität festgehalten. Es geht, vor allem, um die Fragen:

“Kann es Mitleid, Verständnis, Sympathie gegenüber einem Menschen geben, der sich wie das göttliche Auge damit begnügte, die Konsequenzen seiner Handlungen dem Gutdünken der anderen zu überlassen? Verdient Prohaskas Werk in einem Museum ausgestellt zu werden, oder ist es nichts anderes als das Ergebnis einer forensischen Tätigkeit eines skrupellosen Voyeurs, der es verdient hätte am höchsten Pfahl Nürnbergs aufgeknüpft zu werden?”

Zusammengefasst heisst das: wie weit darf sich die Kunst/der Künstler den Greueln der Realität annähern, um noch Kunst zu sein? Wo ist die Grenze? Gibt es überhaupt eine Grenze?

Es ist dies im Falle des hier entwickelten Charakters Prohaska eine besonders eindringliche Frage, da sich der Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg nicht von der menschlichen Gewalt entfernt, sondern den Schrecken auch in anderen Ländern gesucht und dokumentiert hat – Südamerika, Mittelamerika, die Opfer von Hiroshima. “Tatsächlich könnte sein gesamtes, beunruhigendes Werk unter dem Motto zusammengefasst werden: ‘Ich war dabei.'”

Es heisst: “Hand, Linse, Kamera als blosse Betrachter. Kunst als Zeugnis, Kunst als Testament, Kunst als Beglaubigung: geisterhaft, transparent, unpädagogisch.”  Aber reicht das, um den Künstler, der jahrelang in Diensten einer rücksichtslosen Diktatur deren Schrecken festgehalten hat, von einer Mitschuld freizusprechen?

Die Fragen, die Menéndez Salmóns Roman, explizit und implizit, stellt, führen zweifellos in die Minenfelder ethischer und moralischer Dilemmas; des Weiteren regen sie zum Nachdenken über die Kunst, ihre Funktionen, ihre Legitimation im Angesicht des Todes an. Der Autor erzählt in markanter, von kraftvoller Poesie gefärbter Sprache die Geschichte von Prohaska, seiner Frau Heidi, seinem jüdischen Freund und Biographen Stelenski, der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Er (bzw. sein Übersetzer Carsten Regling) versteht es, komplexe Sachverhalte und grosse Fragen in wenigen Zügen wohlklingend und deutlich zugleich auszuformulieren: eine seltene und nicht zu unterschätzende Kunst.

Historischer Roman, philosophischer Roman, Künstlerroman: Menéndez Salmón ist die Vereinigung der verschiedenen Gattung gelungen. Was die Arche der Gegenwartskunst betrifft, die er mit dem Fotografen-Filmemacher-Maler Prohaska umspannt, ist der Roman (ansatzweise) mit Houellebecqs “Karte und Gebiet” zu vergleichen, den starken stofflichen Bezug zur politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts hat er u.a. mit dem gefeierten spanischen Autor Rafael Chirbes gemein.

“Medusa” ist ein kraftvoller kurzer Roman, der auf seinen 138 Seiten mit einem Gedankenreichtum aufwartet, wie ihn mancher dicke Schinken nicht bieten kann. Und mit Ricardo Menéndez Salmón wird der deutschsprachigen Leserschaft eine nicht leicht zu vergessende, sprachmächtige Stimme des neuen Spaniens vorgestellt. Wir hoffen definitiv auf weitere Übersetzungen! 

medusaUnd Medusa? Der Name bezieht sich auf ein Gemälde von Caravaggio (1595/6). Der Protagonist des Buches, Prohaska, hat dieses Gemälde kopiert, dabei aber nicht den Moment festgehalten, in dem Medusa sich selbst im Schild ihres Mörders Perseus gespiegelt sieht. Prohaskas Medusa erblickt “das mit grösster Detailfreude in ihren rastlosen Pupillen gespiegelte Gesicht; was Prohaskas Medusa erblickt, ist der kahle Kopf, der bleiche Bart, das bereits ältliche Antlitz eines Mannes ohne wiedererkennbare Züge, ein Mann in der Menge, (…) das Fleisch gewordene Testament eines Menschen ohne Schuld und Gewissen.”

One thought on “Rezension: Ricardo Menéndez Salmón – Medusa (Wagenbach, 2014 [2012])

  1. muetzenfalterin

    Zum Glück für deutsche Leser hat Menéndez Salmón einen sehr engagierten Lektor, dem es hoffentlich gelingen wird, weitere Übersetzungen dieses, wie ich finde sehr wichtigen, Autors zu realisieren.

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