Rezension: Per Olov Enquist – Das Buch der Gleichnisse (Carl Hanser Verlag, 2013)

In Per Olov Enquists neuestem Roman „Das Buch der Gleichnisse“ versucht der Autor, mit seiner Vergangenheit aufzuräumen und behandelt im Zuge dessen keine geringeren Themen als Leben und Tod, die Liebe und Religion. Diese Flut an sehr grossen und keineswegs einfachen Themen erscheint mit dem erklärten Versuch, einen Liebesroman zu schreiben, als schier unerreichbares Ziel. Enquists autobiographischer Roman ist deswegen nicht einfach zu lesen, trotzdem fühlt man sich von der lebenslangen Suche Enquists nach der Liebe eingefangen.

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Titel: Das Buch der Gleichnisse
Autor: Per Olov Enquist
Übersetzung: Wolfgang Butt
Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-24330-9
Umfang: 224 Seiten, gebunden

Am Anfang steht ein dem Erzähler zugesandter Notizblock, der sich als derjenige des längst verstorbenen Vaters entpuppt, worin er seine Liebesgedichte an die Mutter niedergeschrieben hat. Diese warf den Block nach dem Tod des Vaters ins Feuer, weil sie nicht wollte, dass er dichtete, „weil dies Sünde war“. Nachdem sie die Sammlung von Liebesgedichten den Flammen – mit blossen Händen – wieder entrissen hat, ist der Block zwar in Mitleidenschaft gezogen, dennoch aber noch deutlich lesbar. Was den Erzähler jedoch nicht loslässt, sind neun Seiten, die fehlen, die herausgerissen wurden. Enquist vermutet einen Inhalt, der von der Mutter entweder persönlich aufbewahrt oder für immer vernichtet werden wollte. Auf jeden Fall aber glaubt er darin das Geheimnis der Liebe versteckt und für ihn so nicht mehr zugänglich. Enquist kapituliert indes auch davor, die Liebe verstehen zu können. „Aber wer wären wir, wenn wir es nicht versuchten.“

So kann der Roman nicht nur als Versuch gedeutet werden, Liebe zu finden, sondern auch als Versuch, darüber zu schreiben. Die rätselhafte Frau, die im ersten Abschnitt der Geschichte ohne Nennung eines Namens eingeführt wird, erweist sich erst nach und nach als diejenige Frau, die den Erzähler als 15-Jährigen in die körperliche Welt der Liebe einführt. Dieses für ihn erste sexuelle Erlebnis mit der 51-jährigen Frau „auf dem astfreien Kiefernholzboden“ ist einer der wenigen Szenen im Roman, die von der sonst fast durchgängig vorhandenen Schwermut befreit ist und beinahe komisch anmutet. Zwischen den Beinen dieser Frau ist dann auch der Ort, an dem der Junge den Sinn des Lebens gefunden zu haben glaubt. Die Begegnungen zwischen ihm und dieser weitaus älteren Frau limitieren sich dann jedoch auf insgesamt drei Mal, möchte sie es aufgrund des von ihnen gebrochenen Tabus nicht zu mehr kommen lassen. Enquist kann sie jedoch nie vergessen.

Die nicht chronologisch erzählten Anekdoten, die den Roman bilden, erzählen neben Enquists Suche nach der Liebe von den Geschehnissen im Leben innerhalb seiner Familie, in der fast alle mit grösseren Problemen zu kämpfen haben. In all diesen Anekdoten scheint der Erzähler seine eigene Existenz fassen zu wollen, was sich ebenfalls in seiner Sprache widerspiegelt. Ausrufe, Ellipsen, Wiederholungen und stockende Sätze sind in jedem der neun Gleichnisse zu finden, und machen einem das Lesen manchmal nicht einfach. Dennoch lohnt es sich, durchzuhalten.

Enquist schafft es, einige wichtige Momente seines Lebens zu skizzieren, auch wenn man die Einzelteile im Laufe des Romans fast selbst zusammensetzen muss. Er zeichnet Figuren, mit denen man sympathisiert und denen man selbst im eigenen Leben auch begegnen könnte. So beispielsweise die Tante, die nach einem Leben als Gläubige irgendwann dem Erlöser abschwört, „weil er sich nicht um mich kümmert“. Nachvollziehbar scheint auch die lebenslange Suche nach dem Wesen der Liebe. Dennoch muss Enquist am Ende vor diesem Vorhaben kapitulieren, genauso wie Sibelius, der seine achte Sinfonie – die ebenfalls die Natur der Liebe erklären sollte –  nie beenden und der Welt präsentieren konnte.

Was Per Olov Enquist uns jedoch präsentieren konnte, ist ein Werk voller persönlicher Anekdoten, die ein schwieriges Leben darstellen und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, faszinieren können. Es ist inhaltlich und auch sprachlich komplex, überrascht aber immer wieder mit unerwarteten Sätzen und witzigen Momenten. Den von der Nichte der schliesslich verstorbenen Frau auf dem astfreien Kiefernholzboden geforderten Liebesroman wird nicht jeder Leser in diesem Buch finden. Das Wesen der Liebe muss wohl jeder immer noch selbst suchen.

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