Rezension: Silvia Tschui – Jakobs Ross (Nagel & Kimche, 2014)

“Jakobs Ross” – ein Debütroman, der schon vor seinem Erscheinen Aufsehen erregt hat: Die Zürcher Autorin Silvia Tschui experimentiert mit einem kräftigen dialektalen Hochdeutsch, erzählt ihre Geschichte hemmungslos, manchmal brutal, und lässt lebhaft eine rücksichtslose vormoderne Landwelt  des 19. Jahrhunderts auferstehen. Diese Autorin hat das Potenzial, die Literaturlandschaft gehörig aufzumischen.

Tschui_JakobsRoss_RZ.indd

Titel: Jakobs Ross
Autorin: Silvia Tschui
Verlag: Nagel & Kimche
ISBN: 978-3-312-00607-6
Umfang: 210 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

“Ja, wenn das Elsie das Lied vom Blüemlitaler Bauern, wo vor Heimweh in der Fremde verräblet, nur wieder einmal in einem Salong singen und fidlen könnte, anstatt in diesem Finsterseer Chuestall nur das Rösli und das Klärli mit je einer Hampflen Heu in der Schnörre als Publikum zu haben!”

So beginnt “Jakobs Ross”. Die urwüchsige Sprache hinterlässt vom ersten Satz an einen starken Eindruck. Es braucht – selbst als jemand, der im Alltag Schweizer Dialekt spricht – eine geraume Zeit, bis ein Leserhythmus entwickelt ist. Ist man aber drin, in der Sprache dieser magisch-realistischen  Schweizer Bauernwelt des Jahres 1869, so tut die Kunstsprache ihren Zweck. Die dialektale Sprache, sagt Tschui, sei durch den Stoff bedingt gewesen. Und dieser Stoff, ist nicht ganz leicht zu verdauen:

1869, in einem Wädenswiler Herrenhaus bohnert die Magd Elsie die Böden. Dabei singt sie in einer Stimme, so herrlich, dass die Tochter des Hauses – Amalie-Sophie – gemeinsam mit ihr musiziert, sie lieb gewinnt, ihr eine Geige schenkt. Diese Fidel spielt das Elsie “dass einem Mist un Weihrauch in die Nase stechen, das kann nicht mit rechten Dingen zue- und hergehen”. Auch der Herr Direktor interessiert sich für Elsies Talente – jedoch nicht nur für diese.

Und plötzlich muss sich das Elsie ständig übergeben und ihr Bauch bläht sich. Schnell wird sie mit dem Pferdeknecht Jakob verheiratet und von der Seegemeinde südwärts aufs Land verbannt, nach Finstersee, wo der Herr Direktor ihnen eine allzu kleine Pacht und zwei Kühe zur Verfügung stellt.

Jakob ist gewalttätig, schlägt seine Frau mit Fäusten und hat nur einen Wunsch: sich eines Tages ein Ross leisten zu können. Dann werde alles besser, verspricht er – und lässt seine Frau, einen Knecht und einen Verdingbub schuften und am Hungertuch nagen. Das Elsie aber will nur noch weg, am liebsten nach Florenz. Und dann eines Tages steht ein Fahrender vor der Tür, der ihr verspricht, sie mitzunehmen. Sie beginnen eine Liebesaffäre, die entdeckt wird und schliesslich in der regelrechten Schlachtung der ganzen Fahrendenkolonne durch Jakob und die anderen Dorfbewohner endet.

Nun aber lastet ein Fluch der Jenischen auf Jakobs Familie und dem ganzen Dorf. Geschickt verwebt Tschui die harsche Realität des Bauernlebens, die Armut, die Unterdrückung der Frauen, die rohe Gewalt mit einem tief verwurzelten Aberglauben, ja einer geradezu magischen Zwischenwelt, in der sich Fusstritte im Gesäss festbeissen, Tränen flussabwärts wandern, Seen verfärben und geflügelte Männer hinter den Bäumen lauern. Die deftigen Dialektausdrücke werden dabei der Deftigkeit der Geschichte gerecht, verstärken diese sogar.

Das 19. Jahrhundert ist ein Thema, das (nicht nur) literarisch gerade sehr en vogue ist. Beststeller wie etwa “Das finstere Tal”, das bereits verfilmt wurde, haben entscheidenden Anteil daran. Im Gegensatz zu vielen dieser Neo-Western und Alpengemetzel, blutigen Sagas von Vergeltung und Macht, steht bei Tschui die Frau im Mittelpunkt: die Frau auf dem Weg zur Selbstbestimmung, die Frau auf dem Weg hinaus aus der gewalttätigen männerdominierten Vormoderne, hinein in eine aufgeklärte Zeit. 

Silvia Tschuis Entscheidung für dieses derbe Hochdialektale hat sich ausgezahlt: Der Sog der Geschichte profitiert von den Worten, in der sie erzählt ist. Es ist eine anspruchsvolle, aber nachhaltige Erfahrung – ein Roman, der einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf geht. 

Mit “Jakobs Ross” eine Autorin die Aufwartung, die das Potenzial hat, die manchmal doch etwas eckenundkantenlose Schweizer Literaturlandschaft gehörig aufzumischen, ja im besten Falle viele lebendige neue Erzählfeuer zu entfachen. Zu wünschen ist es ihr und all ihren Lesern.

Wertung: 8 / 10

4 thoughts on “Rezension: Silvia Tschui – Jakobs Ross (Nagel & Kimche, 2014)

  1. Pingback: Rückblick: Buchvernissage Silvia Tschui (Cabaret Voltaire, 11.04.2014) | buecherrezension

  2. Pingback: Rezension: Svenja Leiber – Das letzte Land (Suhrkamp 2014) | buecherrezension

  3. Pingback: buecherrezension

  4. Pingback: Wir & Ihr: Jahresrückblick, Blogschau und Dank – 2014. | buecherrezension

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s