Rezension: Bonnie Nadzam – Mr. Lamb (dtv, 2014 [2011])

Der Debütroman der Amerikanerin Bonnie Nadzam, “Lamb”, liegt nun in einer deutschen Fassung vor. Das Werk ist ereignisärmer, als die Ausgangslage vermuten liesse, funktioniert stattdessen aber als perfides Psychogramm eines verblendeten, einsamen Mannes. 

lamb

Titel: Mr. Lamb (Original: Lamb, 2011)
Autorin: Bonnie Nadzam
Übersetzung: Susanne Höbel
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-24997-3
Umfang: 240 Seiten, Taschenbuch

David Lamb ist vierundfünfzig, Tommie erst elf. Er hat gerade seinen Vater beerdigt, ist geschieden, wurde von der Arbeit freigestellt aufgrund einer Affäre; sie ist ein unbeliebtes Schulmädchen, das von Freundinnen geschickt wird, vom alten Mann eine Zigarette zu erbetteln. So begegnen sich die zwei zum ersten Mal.

Lamb überredet das Mädchen zu einem vorgespielten Kidnapping, um den fiesen Freundinnen eine Lehre zu erteilen. Sie willigt ein. Kurze Zeit darauf begegnen sich die beiden – zufällig – wieder. Für Lamb Grund genug, seine schwelende Einsamkeit und Depression – eine Hardcore-Variante der Midlife-Crisis – auf das Mädchen zu projizieren. Er schlägt ihr einen Roadtrip vor, hinaus aus dem trübseligen Chicago, hinein in die Wildnis, ins “geheime Herz” Amerikas, wo Lamb eine Hütte besitzt.

Er ist besessen von mythischer Americana – und von der Idee, dass er Tommie ein gutes Leben beibringen kann, ohne dabei ein Humbert Humbert zu sein (Dieser wird von Nadzam nicht erwähnt, doch der Text schreit geradezu nach dem Vergleich); er glaubt, seine Probleme lösen zu können, indem er ein kleines Mädchen entführt. Und dabei redet er sich, übermannt von bösen Selbsttäuschungen, stets ein, dass er ihr hilft: “(…)er schwor still in den leeren Raum hinein, dass dies alles gut für sie war.” Immer mal wieder aber, in lichten Momenten des Verstands, wird ihm bewusst, dass sie ihn später dafür hassen wird, dass es alles nichts bringt – doch es ist schon zu spät.

Grosse Teile des Romans bestehen aus Dialog zwischen Lamb und Tommie. Der Mann redet viel,  er weiss “nichts wird die Leere mehr füllen, nur die Wörter, die macht er so schön, wie er kann”, er braucht sie, um das Mädchen (und auch seine Affäre Linnie) zu manipulieren, um andere und sich selbst zu täuschen.

Bonnie Nadzam (und ihre Übersetzerin Susanne Höbel) erreichen bisweilen ein hohes Niveau der Dialogkunst, auch wenn die vielen Beschwichtigungen und Lamente von Lamb stellenweise etwas langatmig anmuten. Doch dient die Repetition der ewiggleichen irrationalen Argumente natürlich der Verstärkung dieses verstörenden Psychogramms. Scheinbare Höflichkeit, Korrektheit, Ergebenheit gegenüber dem Mädchen lassen Lamb zunächst als Anti-Humbert, als tatsächliche Vaterfigur erscheinen – doch der schöne Schein wahrt nicht lange, bald schon wird man sicher der Nichtigkeit bewusst, die seinen Worten innewohnt. Sein Wir, wie etwa in “Wir wollen was von der Welt haben, solange es noch etwas gibt, was sich zu haben lohnt”, ist eigentlich immer ein Ich.

Mit diesem Lamb hat Bonnie Nadzam einen erinnerungswürdigen, beängstigenden Charakter geschaffen, dessen scheinheiliges Gutmenschentum schliesslich nur den Eindruck verstärkt, dass er ein zutiefst verstörter, in seiner Vereinsamung gefährlicher Mensch ist. Die Geschichte ist reich an Dialog, arm an Ereignissen und Personen, die Vorgeschichten von Lamb und Tommie werden, wenn überhaupt dann nur in Andeutungen erzählt. Der Leser wird mit hineingezogen ins Geschehen, Erläuterungen beginnen häufig mit “Sagen wir,..” oder “Nehmen wir an,..”. Stilistisch ist “Mr. Lamb” grundsolides Handwerk, die Geschichte ist unspektakulär, aber stringent erzählt und der Charakter Lamb ausgezeichnet geschrieben. Ein gelungenes Debüt!

Wertung: 7 / 10

2 thoughts on “Rezension: Bonnie Nadzam – Mr. Lamb (dtv, 2014 [2011])

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