Rezension: Thomas Willmann – Das finstere Tal (Ullstein, 2013 [2010])

Thomas  Willmanns gefeiertes Romandebüt “Das finstere Tal” liegt seit einiger Zeit im Taschenbuch vor. Es ist ein sprachmächtiger Alpen-Western voll von misstrauischen Dörflern, verschwiegenen, verschlagenen Gestalten, blutigen Wunden und rauchenden Gewehren. Kurzum: Die geballte Ladung Männerkitsch – doch raffiniert konstruiert und von eigentümlicher sprachlicher Kraft. 

finster

Titel: Das finstere Tal
Autor: Thomas Willmann
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3-548-28368-5
Umfang: 320 Seiten, Taschenbuch

Das 19. Jahrhundert: Auf seinem Maultier kommt ein Fremder in ein abgelegenes Alpenhochtal geritten. Nur ein Dorf gibt es hier; dessen Bewohner sind misstrauisch, wortkarg, verschlagen – aber auch gierig. Und genau darum gewähren sie dem Fremden – Greider – gegen ein sattes Entgelt für einen Winter Unterkunft. Er wolle malen, sagt er.

Im abseits des Dorfkerns gelegenen Haus der Witwe Gader und ihrer Tochter Luzi wird er einquartiert. Tagsüber streunt er durch die Gassen, bewaffnet mit seinem Skizzenblock, setzt sich mal hierhin, mal dorthin, versucht, das Vertrauen der Dorfbewohner zu gewinnen – oder zumindest so unauffällig zu werden, dass sie ihn nicht mehr als fremden Störefried wahrnehmen. Dies gelingt ihm. Nur die Söhne des Brenner-Bauern – es gibt deren sechs – behalten den Eindringling mit bösem Blick im Auge. Der Brenner-Bauer: “Der schafft an, was hier heroben geschieht”, sagt die Gaderin. Seine Söhne sind gefürchtet – noch weiss der Leser nicht so recht, warum. Doch der angstvollen Blicke sind viele – und in jedem Gespräch, so denn überhaupt gesprochen wird, schwingt viel Ungesagtes mit.

Dann fällt der erste Schnee – und mit ihm die erste Leiche. Beim Transportieren von Baumstämmen geschieht ein Unfall: Der jüngste Brenner-Sohn schlittert furchtbar entstellt gen Tal.

Während die Dorfbevölkerung den Unfall als solchen hinnimmt, wird der Verdacht des Lesers auf Greider gelenkt. Eine Parallelgeschichte, angesiedelt im klassischen “Wilden Westen” der USA, wird eingeflochten. Man erfährt, dass Greider von dorther seinen Weg ins entlegene Alpenhochtal angetreten hat – und ein Gewehr bei sich hat.

Im Folgenden entwickelt sich die Geschichte zum Spannungsroman. Macht, Vergeltung, Gier und Feuerkraft gewinnen Oberhand. In einer dem Gunslinger-/Western-Genre angemessenen urwüchsigen und vollkommen ironiefreien Sprache entfaltet sich die Geschichte. Raffinierte erzählerische Tricks, wie etwa das Aufspalten eines in der Vergangenheit liegenden Erzählstrangs in zwei eng verschlungene Fäden, sorgen für Nervenkitzel und bisweilen Höchstwerte der Spannung.

In seiner Danksagung nennt Willmann als Autoren, die ihm zum einen oder anderen “Ideen-Lehnstück” verholfen haben: Cormac McCarthy, Walter Van Tilburg Clark und Rauni Mollberg; als “Schutzheilige” des Buches: Ludwig Ganghofer und Sergio Leone.

Tatsächlich wähnt man sich bisweilen – auch wenn sich das Geschehen in einem schneebedeckten Tal entfaltet – in einer diesigen Wild-West-Weite, wie sie Leone und Artverwandte so bildkräftig auf die Leinwand zu zaubern vermochten. Das Buch transportiert die wiederauflebende Popularität, die das Genre zurzeit filmisch geniesst, ins Literarische; in ein kraftvolles Stück Prosa, das nicht über alle Zweifel erhaben ist – denn es ist, wie jeder Western, gnadenloser Männerkitsch und scheut hie und da vor einem Klischee nicht zurück -, das aber clever konstruiert ist, sich einer eindrücklichen, altmodischen Sprache bedient und die verschiedenen Spielarten des Genres hervorragend beherrscht.

Wertung: 7,5 / 10

2 thoughts on “Rezension: Thomas Willmann – Das finstere Tal (Ullstein, 2013 [2010])

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