Egon Friedell

Heute vor 136 Jahren wurde Egon Friedell geboren. Wie sich sein Hauptwerk, die “Kulturgeschichte der Neuzeit”, ihrem Gegenstand nähert, so muss sich ein Biograph Friedell nähern: in Anekdoten.

friedell

Erste Anekdote:

Eine unscheinbare Gedenktafel erinnert an der Gentzgasse 7 in Wien an den Freitod Friedells. 1900 hatte er dieses Haus bezogen, ab den späten 1920er-Jahren hier sein Hauptwerk verfasst, “[m]it genauer Stundeneinteilung, pedantischer Regelmäßigkeit und Ordnung, zurückgezogen in seine wenig luxuriöse Wohnung im dritten Stockwerk” des Hauses. Am 11. März 1938 schrieb er an Ödön von Horvath “Jedenfalls bin ich immer in jedem Sinne reisefertig”, am 12. März marschierten Truppen der deutschen Wehrmacht in Wien ein, am 15. März verkündet Hitler vom Balkon der Neuen Burg den Eintritt Österreichs ins Deutsche Reich, am 16. März, abends um 22 Uhr, fragen zwei SA-Männer an der Gentzgasse 7 nach dem “Jud Friedell”. Dieser steht auf seinem Balkon, bittet Passanten, zur Seite zu treten – und springt in den Tod. “Er soll, wird freundlich vermutet, noch in der Luft gestorben sein”, schreibt Peter Eickhoff.

Geschichten vom Leben Egon Friedells, geboren unter dem Namen Friedmann als Sohn eines Tuchfabrikanten, “Samt und Seide” in den Adern, beginnen (und enden) meist mit seinem Tod. Wer aber war Egon Friedell?

Zweite Anekdote:

“Versoffener Münchner Dilettant” warf man ihm einst, nach einem Auftritt in München, an den Kopf, worauf er antwortete, dass Dilettantismus und ehrliches Kunstbemühen sich keinesfalls widersprächen und er dem Alkohol nicht abgeneigt sei – “[a]ber das Wort ,Münchner‘, das wird noch ein gerichtliches Nachspiel haben.”

“Der geniale Dilettant”, lautet der einprägsame Titel von Bernhard Viels Friedell-Biographie, beruhend auf einer Aussage Max Reinhardts über Friedell.  Der Dilettantismus spielte eine gewichtige Rolle in seinem Kunst- und Lebensverständnis. Im Vorwort zur Kulturgeschichte, das übrigens satte 80 Seiten lang ist, schrieb er:

“Nur der Dilettant, der mit Recht auch Liebhaber, Amateur genannt wird, hat eine wirklich menschliche Beziehung zu seinen Gegenständen, nur beim Dilettanten decken sich Mensch und Beruf; und darum strömt bei ihm der ganze Mensch in seine Tätigkeit und sättigt sie mit seinem ganzen Wesen, während umgekehrt allen Dingen, die berufsmäßig betrieben werden, etwas im üblen Sinne Dilettantisches anhaftet: irgendeine Einseitigkeit, Beschränktheit, Subjektivität, ein zu enger Gesichtswinkel.”

So ist der Dilettantismus ein Schlagwort, das in keiner Annäherung an Friedell fehlt, ja unzertrennlich scheint es mit seinem Leben und Schaffen verbunden.

Dritte Anekdote:

egon

Gegessen habe er viel, heisst es. Nachts Powidl aus dem Eiskasten etwa. Zeitgenosse Jakob Wassermann schrieb über ihn, “wie ein mit Elephantiasis behafteter Gymnasiast” habe er ausgesehen. Die Hungerjahre des Ersten Weltkriegs überstand er “ohne grössere Gewichtseinbussen”. So dominant seine Erscheinung gewesen sein muss, so mager sind die Selbstzeugnisse, die nach seinem Tod erhalten blieben. Viele Dokumente, Briefe, Manuskripte hat er eigenhändig vernichtet. Immerhin: einige “zuverlässige Daten” über seine Person sandte er selbst anlässlich seines 60. Geburtstags 1938 an das Neue Wiener Tagblatt. Er schrieb:

“Geboren am 21. Jänner 1878 in Wien, zweimal in Österreich und zweimal in Preußen maturiert, beim viertenmal glänzend bestanden. In verhältnismäßig kurzer Zeit zum Doktor der Philosophie promoviert, wodurch ich die nötige Vorbildung zur artistischen Leitung des Kabaretts ‚Fledermaus‘ erlangte. Da ich zur Erholung von dieser verantwortungsvollen Nachttätigkeit mich bei Tage mit essayistischen Arbeiten beschäftigte, erwarb ich den Titel eines ‚lachenden Philosophen‘. Worauf mir nichts übrigblieb, als zu dessen Widerlegung die ‚Judastragödie‘ zu schreiben, deren Uraufführung im März 1923 im Burgtheater . . . stattfand.

Anders als viele meiner Kollegen wurde ich erst auf Grund meiner dramatischen Tätigkeit Theaterrezensent. Mein Mangel an Kritik brachte Reinhardt auf den Gedanken, mich unter die ‚Schauspieler des Theaters in der Josefstadt‘ einzureihen. Als Darsteller neuzeitlicher Gestalten hatte ich Gelegenheit, umfangreiche Materialien zu meiner dreibändigen ‚Kulturgeschichte der Neuzeit‘ zu sammeln . . .

Da einige Fachgelehrte mir die Kompetenz für die Erforschung der Neuzeit absprachen, ließ ich vor einem Jahr den ersten Band meiner ‚Kulturgeschichte des Altertums‘ erscheinen. Im kommenden Februar werde ich in Leichts Varieté auftreten.”

Auf Wikipedia heisst es, Friedell sei “Schriftsteller, Kulturphilosoph, Religionswissenschaftler, Historiker, Dramatiker, Theaterkritiker, Journalist, Schauspieler, Kabarettist und Conférencier” gewesen. Als eine Zeitungsredaktion – vierte und letzte Anekdote – ihn warnte, man könne nicht mit einem Gesäss auf mehreren Hochzeiten tanzen, antwortete er, sie unterschätze sein Gesäss.

Nun ist man dem Menschen Egon Friedell etwas näher.


Die Kulturgeschichte und andere Ausgaben, etwa die Ausgewählten Essays (“Vom Schaltwerk der Gedanken”), erscheinen bei Diogenes.

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