Rezension: Andreas Schäfer – Gesichter (Dumont, 2013)

Mit seinem dritten Roman „Gesichter“ legt der deutsch-griechische Autor Andreas Schäfer einen hervorragenden Text vor, der Gesellschaftsroman, Familiendrama und Psychothriller zugleich ist, sich dabei aber nie in Halbherzigkeiten versteigt. Die elegante Sprache, hervorragend gezeichnete ambivalente Charaktere und enigmatische Handlungsverläufe sorgen für Hochspannung. Ein subtiler Pageturner.

gesichter

Titel: Gesichter
Autor: Andreas Schäfer
Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-9664-6
Umfang: 256 Seiten, gebunden

Gabor Lorenz ist verheiratet, Vater zweier Kinder; er ist Mediziner und beschäftigt sich als solcher mit Prosopagnosie, dem Nichterkennen von Gesichtern; zu Beginn des Buches steht er kurz vor einem wichtigen Vortrag; jeden Sommer fährt er mit Frau und Kindern in ein abgelegenes Ferienhaus in Griechenland. Mit „unkontrolliertem Stolz“ blickt er auf das, was er und seine Lieben „geschaffen haben“, ja „[a]lles, was er sich wünschte, schien greifbar zu sein.“ Kurzum: Gabor Lorenz ist felsenfest verankert in seiner überheblichen bürgerlichen Selbstgewissheit. Die Dinge gehen ihm leicht von der Hand, den Begriff der Schuld kennt er nicht: Seinen Studienfreund  und Mitarbeiter Yann feuert er, weil er dessen „Ruhelosigkeit“ nicht erträgt – anstatt Gewissensbissen folgen der Entlassung „Tage anstrengungsloser Selbstverständlichkeit.“

Doch von allem Anfang an schon gesellen sich zu Selbstgewissheit und Selbstverständlichkeit das Ungewisse und Unverständliche. Auf der Rückreise aus Griechenland beobachtet Gabor, wie ein Mann – vermutlich ein Flüchtling – ungesehen in den Laderaum eines Lastwagens schlüpft und so auf die Fähre gelangt. Während der Überfahrt spürt Gabor dem Mann nach, wird von diesem entdeckt  und prägt sich sein hassverzerrtes Gesicht ein. Panisch wirft er ihm eine Tüte mit Bananen in den Lastwagen, in der sich versehentlich auch sechs Postkarten befinden, die er seiner Frau Berit von verschiedenen Orten ins familiäre Heim senden wollte: um die Ferienstimmung in den Alltag zu retten.

Wenige Tage nach der Wiederankunft der Familie Lorenz in ihrem Zuhause in Berlin, erhalten sie die erste der Karten. Poststempel: Modena. Kurze Zeit später eine zweite Karte: München. Der Fremde kommt näher, von Tag  zu Tag, und er kündigt seine Ankunft an – und obwohl Gabor sich verbietet, über die Karten nachzudenken, die Episode mit dem Fremden vor Berit, Malte und der liebeskranken Nele, die ihre Ferienbekanntschaft vermisst, geheimhält, ist er besessen vom Fremden: Der Moment, in dem ihm der Mann auffiel „schien nicht der Beginn, sondern die Folge von etwas zu sein“.

Dann verschwindet Tochter Nele.

Während die Karten und andere scheinbar unscheinbare Einbrüche des Unheils in den Alltag bis dahin Nadelstiche waren, erhält nun alles eine drastischere Dimension. Ist der Flüchtling, dessen letzte beiden Karten aus Berlin kamen, der Entführer? Ja, wie könnte er es nicht sein? Während Gabor zunächst noch auf seine altbewährte Verdrängungstaktik setzt – Wieso geht Nele nicht ans Telefon? „,Sie ist vierzehn‘, sagte er, als wäre das die Antwort auf all ihre Fragen.“ –, schwant ihm bald schon Schlimmeres. Das ganze wohlbehütete Gefüge seines Lebens bricht zusammen, in bester Tradition, ein wenig à la James Salter, hat sich das Unheil nach und nach in die winzigsten Ritzen eines perfekten Bildes gefressen und lässt dieses nun zerfallen wie eine eingeschlagene Scheibe…

Andreas Schäfers Sprache ist schlank und pointiert, der Tonfall ruhig, niemals reisserisch, ja geradezu furchterregend besonnen, wie das Grauen, das sich dem Protagonisten unsichtbar nähert; die Charaktere sind nachvollziehbar gezeichnet, ambivalent, dabei aber nicht überpsychologisiert; die Handlungsbögen sind clever verstrickt, überraschende Wendungen treffsicher eingebaut . Und das enigmatische offene Ende macht deutlich: Hier geht es um grössere Fragen, Fragen, die über das Geschehen des Romans hinausweisen, Fragen nach Schuld, Fremdsein, Selbsttäuschung, Vertrauen und Mut.

Die Art, wie eine Ferienhäuschen-Nachbarin die Griechen beschreibt, trifft auch auf Gabor und andere Figuren des Romans zu:

„Solange nichts passiert, malen sie den Teufel an die Wand, aber sobald etwas passiert, stecken sie den Kopf in den Sand und meinen, das Problem löse sich von allein.“

Die Bequemlichkeit des bürgerlichen Kokons, in dem sich Gabor eingenistet hat, bietet Raum genug für allerhand Schwarzmalereien; die Schwere eines gravierenden Ereignisses aber überfordert ihn, weil sie ihn aus dem Bild, das er sich von sich selbst zurechtgelegt hat, herausreisst in eine Welt, wo es ein wahres Ich zu zeigen gilt. Vermag dieses der Realität standzuhalten..?

Spannungsroman, Familiendrama, Psychogramm einer Gesellschaft: Andreas Schäfers dritter Roman ist all dies in einem und dabei niemals halbherzig oder unentschlossen. Ein subtiler, bilderreicher, hochspannender Pageturner – und eine meiner Lieblingslektüren der letzten Monate. Vielen Dank.

Wertung: 8,5 / 10

3 thoughts on “Rezension: Andreas Schäfer – Gesichter (Dumont, 2013)

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