Arno Schmidt

Heute jährt sich zum hundertsten Mal der Geburtstag von Arno Schmidt (1914 – 1979). Wer war der Mann, dessen misanthropische Abschottung genauso wie sein kaum entschlüsselbares Werk ihn noch zu Lebzeiten zur Kultfigur haben werden lassen? Einige Hinweise.

arno

1937, mit 23 Jahren, heiratet Arno Schmidt seine Freundin Alice mit der er bis zu seinem Lebensende zusammenbleiben sollte. Sie erschien ihm als ideale Schriftstellergattin: stumm und bedingungslos in ihrer Ergebenheit ihm gegenüber, fähig sowohl einen Haushalt zu organisieren wie auch Manuskripte abzutippen.

Den Weltkrieg verbringt Schmidt als Funksoldat in Norwegen und im Elsass. Er gerät in britische Kriegsgefangenschaft, darf danach in einer englischen Polizeischule dolmetschen. Nach dem Krieg kehrt er zurück zu Alice. Es folgt die Vertreibung aus der Heimat Schlesien, die Niederlassung in Gau-Bickelheim, ein Leben in Armut. Die neue, wirtschaftswundernde Bundesrepublik überschüttet er in seinen Erzählungen mit genauso viel Hohn und Verachtung, wie schon  (z.B. in “Leviathan”) das III. Reich.

Arno Schmidt hält sich für einen grossen Schriftsteller. Als Deutscher Schriftsteller aber, will er niemals gesehen werden: “Ich protestiere hiermit feierlich dagegen, jemals als ,Deutscher Schriftsteller’ von dieser Nation von Stumpfböcken vereinnahmt zu werden.”, schreibt er 1963 an seinen Verleger Ernst Krawehl. Seine Brotjobs, etwa das Übersetzen von “Literaturschlamm und Kriminalreissern”, sind ihm zuwider, seine Gegner nennt er “Mistviecher”; eine Einladung der damals bestimmenden Gruppe 47 lehnt er ab: er eigne sich nicht als literarisches Mannequin. 1961 schreibt er: “Ich spüre förmlich, wie ich zum ,Klassiker‘ werde.” Seinen Vorteil gegenüber den Zeitgenossen sieht er in seinem gestrengen, ja besessenen Arbeitsethos, einer ungeheuren Selbstdisziplin: wer diese nicht hat, verachtet er.

1955 wird der Text “Seelenlandschaft mit Pocahontas” in Alfred Anderschs Zeitschrift “Texte und Zeichen” erstveröffentlicht. Es folgen Strafanzeigen wegen Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften. Literatur als Skandal – dabei will Schmidt doch nur seine Ruhe.

Zum ersten Mal hat er für Pocahontas mit einem Zettelkasten gearbeitet. 700 Karten mit Ideen und Notizen gehörten zum Korpus. Für sein Hauptwerk “Zettel’s Traum” (entstanden 1960-70) waren es 130 000 Karten.

zettel

Schmidt will seine Ruhe. Und dank der Unterstützung seines Mäzens Willy Michels bringt er schliesslich genug Geld zusammen, um sich ein Haus in Bargfeld in der Lüneburger Heide zu kaufen. 1958 zieht das Ehepaar ein. Das Anwesen ist abgelegen, am Ende einer Strasse, baumumstanden; die Schule und andere Lärmquellen sind weit weg; trotzdem errichtet Schmidt einen Stacheldraht um das Grundstück und entwirft ein Tor, das zu einer elitären Pforte wird, die nur wenige durchschreiten dürfen.

“Bald werde ich so voller Radioaktivität sein, dass ich bei meinem eigenen Heiligenschein nachts lesen kann.”, hatte er in Darmstadt gesagt – nun also hatte er sich abseits des urbanen Trubels ein Nest gebaut, das er bis zu seinem Tod kaum mehr verlassen sollte.

Der Arbeit an “Zettel’s Traum” schliesslich fielen viele andere Lebensbereiche zum Opfer – so auch die Freundschaft mit dem Ehepaar Michels, das zwar nun auch in Bargfeld residierte, zu dem er jedoch keinen Kontakt mehr pflegte.

1970 erscheint “Zettel’s Traum” als fotomechanische Kopie des dreispaltigen Typoskripts, das aus mehr als 1300 DIN-A3-Seiten besteht (Erst 2010 erschien bei Suhrkamp eine gesetzte Ausgabe). Zu einem Preis von fast 300 DM ist das zehn Kilo schwere Paket zu erwerben – und es ist durch Vorbestellungen schon am Tag der Ausgabe vergriffen. Schmidt wird zur Kultfigur, Bargfeld zum Pilgerort.

Als wäre er ein exotisches Tier lauern Dokumentarfilmer, Reporter und Fans in den Büschen und Bäumen rund um sein Anwesen. In der Hoffnung, den grossen Arno Schmidt zu Gesicht zu bekommen. Meist vergebens.

1973 wird im der Goethepreis zugesprochen: Er schickt Alice, um die Dankesrede zu verlesen. Schmidt geht es nicht gut, er ist überarbeitet, selbst als er einen Herzinfarkt erleidet, will er nicht aus dem Haus in ein Spital. 1979 verstirbt er schliesslich an den Folgen eines Hirnschlags. Sein letzter Roman “Lilienthal”, für dessen Vollendung ihm der Publizist un Mäzen Jan Philipp Reemtsma ein kleines Vermögen in der Höhe des Nobelpreis-Preisgelds gespendet hatte, “Lilienthal”, für das “Zettel’s Traum” gemäss Schmidt selbst nur eine Handübung gewesen sei, “Lilienthal” wurde nicht mehr geschrieben.

Und doch hat Arno Schmidt der Welt ein reichhaltiges Oeuvre hinterlassen, das zu einem grossen Teil noch unerforscht ist, wenn auch sein literaturwissenschaftliches Prestige stetig steigt.

Zum 100-Jahr-Jubiläum dieses Charakterkopfs der deutschen Nachkriegsliteratur, eines grossen Eremiten und “Gehirntiers”, erschienen unter anderem bei Suhrkamp ausgewählte Briefe von Schmidt. Zudem hat der amerikanische Übersetzer John E. Woods seine über ein Jahrzehnt währende Arbeit an einer Übersetzung vollendet: “Bottom’s Dream”, 1300 unübersetzbare Seiten Schmidt ins Englische übersetzt.

Eine hervorragende ARTE-Dokumentation über Arno Schmidt lässt sich hier abrufen. 

Arno Schmidts Werk beim Suhrkamp-Verlag. Im September erscheint hier der Bildband “Bargfeld Nr. 37”, der Einblick in das Privatleben des Autors gibt. Der Verlag schreibt hierzu:

“Kurioses steht da neben Rührendem, Bedeutendes neben Praktischem: ein Glaspokal Friedrichs des Großen und Arno Schmidts Schnapskrug, Zeichnungen von »Mördern im Walde« und »Kalenderherren«, der geheime Familienschrein, dazu teils unbekannte Fotos und private Dokumente. Werkzitate und solche aus Briefen und Tagebüchern sowie Kommentare des Herausgebers fügen die persönlichen Gegenstände zu einem noch nie gesehenen Bild von Arno Schmidts Leben und Werk.”


Bildquellen:

Portrait unter http://www.arno-schmidt-stiftung.de/
Zettelkasten unter http://www.taz.de/!61053/

One thought on “Arno Schmidt

  1. Pingback: Die Sonntagsleserin #KW 3 | Literaturen

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s