Rezension & Veranstaltung: Thomas Haemmerli (Hg.) – Der Zug ist voll. Die Schweiz im Dichtestress (Kein & Aber, 2014)

Im Rahmen der Reihe “Intelligent leben” erscheint bei Kein & Aber ein kleines Sammelbändchen mit sechzehn Textbeiträgen zum Thema “Dichtestress”. Als Herausgeber leistet Thomas Haemmerli hiermit einen wertvollen Beitrag zur Debatte um die leidige rechtsnationale “Masseneinwanderungs-Initiative”, über die die Schweizer Stimmbürger am 9. Februar abstimmen. Aber was ist denn überhaupt Dichtestress?

hämmerli

Titel: Der Zug ist voll. Die Schweiz im Dichtestress.
Herausgeber: Thomas Haemmerli
Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5696-1
Umfang: broschiert, 80 Seiten

Der Begriff “Dichtestress” stammt aus dem Vokabular der Biologie, die damit ein bestimmtes Verhalten bezeichnet, das an Tupajas (Spitzhörnchen) beobachtet wurde. “Kaum sind sie der Auffassung, Artgenossen beträten ihr Territorium, reagieren sie heftiger als Schrebergärtner, denen man durch die frisch bestellten Rabatten trampelt”, schreibt Haemmerli in seinem Vorwort. Schon früh wurde der Begriff von populären Stress-Forschern wie dem Kybernetiker Frederic Vester aufgegriffen. Mittlerweile geistert er, zweckentfremdet, in der Schweizer Politik des rechten Ufers und dem darüber berichtenden Journalismus herum, wo er einen der angeblichen Übervölkerung geschuldeten Zustand von Stress durch zu viele Menschen auf zu wenig Raum bezeichnet: Eine Umbenennung des von-Steiger’schen “Das Boot ist voll” aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Das Boot, so wage ich zu behaupten, ist kaum voll in unserem Land; dass die Zuwanderung “weder kulturell noch mengenmässig verkraftbar” sei, wie die Befürworter der Initiative propagieren, ist sehr kritisch zu hinterfragen. Und genau dies tun die im vorliegenden Sammelband vereinten Beiträg – auf mannigfaltige Art und Weise.

Manche Beiträge sind satirischer Art (Peter Schneider, Michèle Roten), andere lyrisch (Christoph Virchow, Dieter Meier); es gibt lösungsorientierte Essays, die es nicht dabei belassen, den Unsinn der Initiative zu schmähen, sondern eben auch Sinn – das heisst Lösungen, die nicht auf grenzschliessende Massnahmen abzielen – stiften wollen. Ex-SP-Präsident Peter Bodenmann hat wirtschaftspolitische Ideen, Verleger Köbi Gantenbein raumpolitische.

Dann finden sich persönliche Texte, wie der etwas irritierende Beitrag des in der Schweiz lebenden Münchners Wolfgang Bortlik, der wegen der Ausländerfeindlichkeit der Schweizer auf keinen Fall hiesige Staatsbürgerschaft annehmen will und ganz nahe bei der Grenze lebt, um schnell wegziehen zu können… Das wirkt nicht ganz stimmig aus der Feder von einem, der seit 1965 in der Schweiz lebt. Es gibt aber auch den wundervollen, intimen Text des Reporters Constantin Seibt, der als in der Schweiz lebender Deutscher die Situation sehr differenziert betrachtet und seine Gedanken in nachvollziehbare, bisweilen gar poetische Sätze fasst. Diesem Text entstammt denn auch der meiner Meinung nach wichtigste Satz der Sammlung, den ich auf keinen Fall unzitiert lassen möchte:

“Der Unterschied vom eingebürgerten zum geborenen Schweizer ist, dass diese ihre Familie ohne Katastrophen und ohne Politik begreifen können.”

Alles in allem ist es eine vielseitige Sammlung anregender Texte, die sich alle für eine lobenswerte Sache stark machen: Das NEIN zur Masseneinwanderungs-Initiative.

Ein Mangel lässt sich jedoch nicht verschweigen: So wertvoll Thomas Haemmerlis Beitrag als Herausgeber dieser Sammlung sein mag, so sehr schneidet er sich mit seinem eigenen zentralen Essay ins eigene Fleisch. Sein Beitrag  “Dichtestress: Ein helvetischer Spleen”, mit 27 Seiten der mit Abstand längste, tut genau das, wogegen er sich ach, so polemisch zu wehren versucht.

Gegen was wehrt sich der Text? Zum Beispiel gegen “Nörgeljournalismus” ohne “stichhaltige Gegenargumente”, gegen den “unbedachten Gebrauch” gewisser Worte, den er “geisseln” will. Die Art und Weise aber, wie er argumentiert, ist oftmals nicht fundiert, tut nur allzu oft eben genau das: nörgeln. Es finden sich Ausdrücke, die einer konstruktiven Debatte nicht angemessen sind und jeder Erklärung entbehren.  Dass er nicht damit einverstanden ist, dass der Spitzhörnchen-Terminus “Dichtestress” nun auch auf Homo sapiens angewandt wird, rechtfertigt er mit: “Wobei diese Verwendung natürlich Quatsch ist, denn dafür haben wir die präzise, gut eingeführte Vokabel “Sozialphobiker”.” Natürlich. Das Unwohlsein in einer dichten Menschenmenge ist mit Sozialer Phobie gleichzusetzen.. Auch sonst weicht der Text eigenen Argumenten und Lösungsansätzen oftmals aus, indem er das Kritisierte absolut und unhinterfragbar als “Nonsens” / “Unsinn” abtut, ohne zu erläutern, weshalb denn der Sinn fehle.

Man darf Haemmerlis Text zugutehalten, dass er vorbildlich informiert ist, etwas was die hard facts aus Begriffsgeschichte und Schweizerischer Politikgeschichte anbelangt. Unnötige Abschätzigkeiten (“verblödete Journaille”, “Steinzeitgewerkschafter”) und ziemlich deutlich als haltlos erkenntliche Verallgemeinerungen (“(…)die Tatsache, dass soziale Gruppen nicht in der Lage sind, komplexe Masterpläne umzusetzen. Nie!”), sorgen für leichte Verstimmung – aber sicherlich auch dafür, dass sich über den Text wunderbar streiten lässt. Und auch das hat seine Vorteile. 

Insgesamt präsentiert der Kein&Aber-Verlag mit dem schmalen Band eine bereichernde Lektüre, die sowohl hinsichtlich der baldigen Abstimmung wie auch ganz allgemein zum Nachdenken anregt; zum Nachdenken über die Medien, über die Schweiz, über Politik und über Sprache. 


In Zürich finden kommende Woche zwei Buchpräsentationen statt:

Mittwoch, 22. Januar um 19:00 Uhr: Paranoia City Buch & Wein
(Ankerstrasse 12, 8004 Zürich) mit anschließendem Apéro
Es lesen u.a. Thomas Haemmerli und Wolfgang Bortlik.

Donnerstag, 23. Januar um 20:30 Uhr: Orell Füssli Buchhandlung am Bellevue
(Theaterstrasse 8 , 8001 Zürich) mit anschließendem Apéro
Es lesen Thomas Haemmerli, Philipp Tingler, Renata Burckhardt und Michèle Roten.

2 thoughts on “Rezension & Veranstaltung: Thomas Haemmerli (Hg.) – Der Zug ist voll. Die Schweiz im Dichtestress (Kein & Aber, 2014)

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