Rezension und Kommentar: Marilyn Yalom – Wie die Franzosen die Liebe erfanden (Graf, 2013)

Frankreichs Staatspräsident François Hollande, sein Moped, sein croissantliefernder Leibwächter und seine angebliche Geliebte, die Schauspielerin Julie Gayet, sind gerade in aller Munde. In ihrem Buch “Wie die Franzosen die Liebe erfanden” erzählt die amerikanische Genderforscherin und Literaturwissenschaftlerin Marilyn Yalom, wie Politik und Liebe in Frankreich schon immer in engem Zusammenhang standen. Und nicht nur das. Ein wertvoller Beitrag zur Literatur- und Mentalitätsgeschichte des Landes.

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Titel: Wie die Franzosen die Liebe erfanden
Autorin: Marilyn Yalom
Übersetzung: Michaela Messner
Verlag: Graf (Ullstein)
ISBN: 978-3-86220-038-2
Umfang: 448 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

In sechzehn übersichtlichen Kapiteln erarbeitet Yalom die Spielarten der französischen Liebe, vom Urmythos der französischen Liebenden – Abaelard und Héloise, 12. Jh. – bis zur (scheinbaren) pornografischen Ernüchterung des 21. Jahrhunderts. Als Quellen dienen ihr dabei die Werke der französischen Literatur wie auch die Lebensgeschichten von deren Autorinnen und Autoren. In einem freundschaftlichen Tonfall erzählt sie, hin und her pendelnd zwischen anekdotischem Plauderton und wissenschaftlicher Eloquenz: der Grundstein einer unterhaltsamen und lehrreichen Lektüre.

Dadurch, dass profunde Sachkenntnisse in einfache Sätze gefasst wiedergegeben werden, ist eine (literatur)wissenschaftliche Vorbildung nicht nötig, um diesen Text geniessen zu können. Die Liebe geht alle an, nicht nur die Literaturwissenschaften. Wenn auch, und dies ist eine der zentralen Erkenntnisse des Buchs, in Frankreich die Liebe schon immer “ein emotionales und verbales Ringen, eine Vereinigung von Herz und Verstand” war.  So  ergibt es sich, dass einerseits die französische Literatur ein besonders umfangreiches Vokabular und eine besonders grosse Anzahl an der Liebe gewidmeten Werken hervorgebracht hat; andererseits hat die wichtige Rolle, die diese Literatur (v.a. der Roman) in Frankreich lange Zeit spielte, Menschen hervorgebracht, die sich die tragisch-romantischen Geschichten zum Vorbild nahmen, die ein “romaneskes” Leben führen wollten (z.B. die in Kapitel 5 beschriebene Julie de Lespinasse, 18. Jh.)

Mit Verve schreibt sich Yalom durch die Jahrhunderte, lässt keine bedeutende Entwicklung und keinen grossen Namen aus, erzählt von mittelalterlicher Minne über Galanterie (Die Prinzessin von Clèves”), Libertinage und Empfindsamkeit (Laclos & Rousseau), Romantik (Sand) und Antiromantik (Flaubert) bis zu homosexueller Liebe (Rimbaud, Gide, Colette) und pornografischen Tendenzen der Gegenwart. Die Autorin macht dabei keinen Hehl aus ihren Vorlieben: so verkündet sie mit Stolz, “Proustianerin” zu sein; Michel Houellebecqs “nihilistischen Darstellungen unliebenswerter Individuen” vermag sie nicht zu folgen. Solche Einschätzungen wirken bisweilen befremdlich, doch es sind kleine Irritation in einer durchgehend angenehmen und gut informierten Lektüre.

Wertung: 8 / 10

II. Hat die Liebe keinen emotionalen Wert mehr?

“Heute scheinen wir in einer Zeit zu leben, in der die körperlichen Aspekte der Liebe ihren eigentlichen emotionalen Wert auslöschen”, schreibt Yalom im Epilog. Weiter heisst es, die Liebe im 21. Jahrhundert gehe heutzutage oft den Weg von Sex zu viel Sex und dann vielleicht zum gegenseitigen Lieben. In der Literatur spiegelt sich diese Entwicklung beispielsweise in den Romanen von Michel Houellebecq (“Elementarteilchen”, “Plattform”), die sich mit wenig erotischen Spielarten der Liebe, etwa Sextourismus, auseinandersetzen.

Und auch ausserhalb von Frankreich scheint die Liebe als mit voller Hingebung zelebrierte Lebensform an Stellenwert eingebüsst zu haben. Schaut man auf eines der Medien mit der grössten Publikumsreichweite – den Hollywood-Film -, so findet man gegenwärtig keine sich vollends der Liebe widmenden Titel. Unseres ist ein unromantisches Jahrhundert (oder zumindest Jahrzehnt), so scheint es.

 

Deswegen aber der Liebe ihren emotionalen Wert absprechen zu wollen, das ginge zu weit, wie auch Marilyn Yalom ganz zum Schluss ihres Epilogs eingestehen muss. Vielleicht befinden wir uns in einer Phase der Gegenromantik, wie schon zu Madame Bovarys Zeiten, vielleicht ist das Vor-Liebe-Verglühen gerade nicht zeitgemäss. Ist dies schlimm? Nein, es ist der Geist einer Zeit, wie man so schön zu sagen pflegt. Zumal man sich die Frage stellen könnte, ob denn ein Pornofilmchen wirklich verwerflicher sei, als das über Jahrhunderte hinweg dominante Motiv französischer Liebesliteratur: der Ehebruch? Während letzterer als “Topos” Akzeptanz erfährt, ist Pornografie als Phänomen der unmittelbaren Gegenwart noch Zielscheibe vehementer Kritik. Aber  wer weiss, vielleicht werden schon in Kürze Literaturwissenschaftler die Pornografie als Gegendiskurs zur Romantik zelebrieren…

 

2 thoughts on “Rezension und Kommentar: Marilyn Yalom – Wie die Franzosen die Liebe erfanden (Graf, 2013)

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