Happy 351., Heinrich Anshelm von Zigler und Kliphausen!

Ja, sagenhafte 351 Kerzlein dürfte der 1663 in Radmeritz als Spross einer sächsischen Adelsfamilie geborene Heinrich Anshelm von Zigler und Kliphausen heute ausblasen. Wer denn das überhaupt sei? Einer der grossen Schriftsteller des deutschen Barock. Ein Rückruf ins Gedächtnis:

banise1689

Vollständiger Titel der Erstausgabe der “Asiatischen Banise”, 1689

Der Sohn einer adligen Familie studierte Jura und Geschichte, heiratete 1685 Sabine von Lindenau, mit der er vier Söhne und drei Töchter hatte, 1690 wurde er zum Stiftsrat am Kollegialstift Wurzen ernannt, 1697 verstarb er auf seinem Landsitz Liebertwolkwitz bei Leipzig an einem Lungenleiden. Ein kurzes, ereignisreiches Leben, dem Zigler-Kliphausen auch etliche schriftstellerische Werke abgerungen hat.

Da gibt es eine Sammlung von Heldenbriefen aus 1690: “Helden-Liebe Der Schrifft alten Testaments. In sechzehn amuthigen Liebes-Begebenheiten mit beigefügen curieusen Anmerkungen”, Schulreden aus der Gymnasialzeit, ein Trauergedicht, ein später vertontes Operntextbuch (“Die Lybische Talestris”), ein unvollendet gebliebenes Werk (“Das Historische Labyrinth der Zeit”). Seine riesige Popularität bis weit ins 18. Jahrhundert hinein aber gründete auf einem Roman, der in der Erstausgabe von 1689 folgenden wundervollen vollständigen Titel trägt:

Die | Asiatische Banise/ | Oder | Das blutig- doch muthige | Pegu/| Dessen hohe Reichs-Sonne bey geendig-|tem letztern Jahr-Hundert an dem Xemin-|do erbärmlichst unter- an dem Balacin aber | erfreulichst wieder auffgehet. | Welchem sich die merckwürdigen und er-|schrecklichen Veränderungen der benachbar-|ten Reiche Ava, Aracan, Martabane, Siam | und Prom, anmuthigst beygesellen. | Alles in Historischer/ und mit dem Mantel einer | annehmlichen Helden- und Liebes-Geschichte bedeck-|ten Warheit beruhende. | Diesem füget sich bey eine/ aus Jtaliani-scher in Deutsch-|gebundene Mund-Art/ übersetzte Opera/ oder Theatrali-|sche Handlung/ benennet: | Die listige Rache/ | oder | Der Tapffere HERACLIUS. | Auffgesetzet | von | H. A. v. Z. U. K. | Leipzig/ Verlegts Johann Friedrich Gleditsch/ | ANNO M. DC. LXXXIX”

Sprechen wir der Einfachheit halber von der Banise.

Dieser Text, jenem Asiatischen Roman zuzuordnen, wie er im 17./18. Jahrhundert en vogue war, hatte zur Zeit seines Erscheinens und bis weit hinein ins 18. Jahrhundert eine grosse Wirkung. Er war der “der meistgelesene deutschsprachige Roman vor Goethes Werther” Er wurde nachgedruckt, fortgeführt, vertont und vielfach übersetzt (ins Französische, Niederländische, Schwedische, handschriftlich ins Russische und ins Slowakische). Den bedeutenden Autoren der Zeit war das Werk wohlbekannt, Goethe erwähnt den Roman in seinem “Wilhelm Meister”, Karl Philipp Moritz’ “Anton Reiser” (1785/6) verschlingt das Buch heimlich “mit unersättlicher Begierde” und auch in E.T.A. Hoffmanns Nachtstück “Das steinerne Herz” (1817) erscheint die Banise. Eine vollständige Liste der Rezeptionsdokumente findet sich hier. 

Während der Roman im 19. Jahrhundert kaum mehr Beachtung fand, gab es im 20. Jahrhundert eine Reihe literaturwissenschaftlicher Arbeiten, die sich dem Werk annahmen – und im 21. schliesslich eine vollständige Kritische Ausgabe, auf deren umfangreiches Internetportal sich auch dieser Blog-Text hauptsächlich stützt.

Zigler-Kliphausens barocker Bestseller ist eine heute befremdlich anmutende Mischung aus exotischer Abenteuergeschichte, mittelalterlichem Fürstenspiegel (Die Widmung gilt dem sächsischen Kurprinzen Johann Georg) und feurigem Liebesroman für die vor Leidenschaft verglühenden Herzen ihrer Zeit. Heutzutage ist das Werk vor allem ein literaturwissenschaftliches Prestigeobjekt, das historisch-kritisch ediert, überlieferungsgeschichtlich aufgeschlüsselt, geradezu pathologisch zerlegt, aber kaum mehr gelesen wird.


Die Leipziger Erstausgabe aus 1689 kann man sich hier online ansehen.

Bildquelle: Freiburger Banise-Portal.

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