Rezension: Cees Nooteboom – Philip und die anderen (Suhrkamp, 2004 [1955])

Vor sechzig Jahren verfasste der damals einundzwanzigjährige Niederländer Nooteboom sein Romandebüt. “Philip en de anderen”, 1955 erstveröffentlicht, ist die wundersame Geschichte eines naiven Teenagers, der per Anhalter durch Europa trampt, um ein Mädchen zu suchen, das er niemals gesehen hat. Ein romantisches Märchen, das gleichzeitig verzaubert und irritiert.

nooteboom

Titel: Philip und die anderen
Autor: Cees Nooteboom
Übersetzung: Helga van Beuningen
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-45661-3
Umfang: 168 Seiten, Taschenbuch

Zwei Zitate sind dem Text vorangestellt: “Ces povres resveurs, ces amoureux enfants” von Constantijn Huygens, einem polyglotten niederländischen Dichter des 17. Jahrhunderts, und “Je rêve que je dors, je rêve que je rêve” von Paul Éluard, einem surrealistischen französischen Dichter des frühen 20. Jahrhunderts.

Der Traum, die Liebe, die Kindheit: Sie beide spielen ihre je gewichtige Rolle im Roman. Philip, der kleine Junge, der mit seinem Onkel Antonin Alexander kleine poetische Fester in trauter Zweisamkeit feiert; Philip, der den Daumen am Strassenrand hochhält und auszieht, die Welt zu sehen; Philip, der den dicksten Mann der Provence, Maventer, trifft und zum Gefangenen von dessen Erzählung wird; Philip, der sich in das chinesische Mädchen aus Maventers Erzählung verliebt und sich aufmacht, sie zu finden…

Das ist ungefilterte europäische Hochromantik, was der junge Nooteboom hier auf die Leser prasseln lässt. Es ist die nicht reflektierte, naive, schwärmerische Romantik eines Jugendlichen, wie es Philip eben ist und wie es auch Cees anno 1954 war. Die Brille des Sarkasmus, die der Autor in späteren Werken als Stilmittel einsetzt, fehlt. Ist das gut? Ist das schlecht? Nun, es ist eben.

Der Roman erweckt bisweilen einen durchaus chaotischen, undurchschaubaren Eindruck; es fällt schwer, eine stringente Handlungsführung auszumachen. Andererseits ist eine solche oft auch gar nicht vonnöten: Nootebooms Sprache – respektive deren Übertragung ins Deutsche durch Helga van Beuningen – ist von einer solch klaren, fliessenden Poesie, dass sich manch eine Stelle ausserhalb jedes Roter-Faden-Denkens als einsichtige Perle entpuppt.

“Ich begann zu singen, ich kaufte Blumen, irgendwo, und plötzlich wurde mir klar, dass dies keine besondere Stadt war. So sehen die Dinge aus, wenn man glücklich ist, dachte ich, die Welt ist immer so, wir färben sie mit unseren eigenen Farben der Angst oder des Unglücks – aber eigentlich ist die Welt immer so.”

Eine neblige Melancholie und eine von Zeit zu Zeit aufkeimende, den Dingen innewohnende Euphorie kennzeichnen diese Sprache, diese eleganten, einprägsamen Sätze. Die beiden Emotionen sind die Basis der Geschichte, der Rhythmus, der sie vorantreibt. Und auch wenn manchmal das Dickicht der mannigfaltigen Erzählebenen undurchdringlich scheint oder die Realität und die Träumerei sich vermengen, so bleibt doch stets dieses Grundrauschen der dominanten Gefühle als Anhaltspunkt bestehen.

Es verzaubern Sie: diese wie aus dem magischen Ärmel geschüttelte Leichtigkeit der Worte, diese manchmal fast schmerzhaften Grade der Naivität, diese Flüchtigkeit der Begegnungen…

Es irritieren Sie: diese Flüchtigkeit der Begegnungen und diese Oberflächlichkeit gewisser Figuren, dieses Aufeinanderstapeln von Erzählebenen, diese Absenz einer ironisch-sarkastischen Brechung der Naivität,…

So ambivalent das nun aber auch klingen mag, das Buch ist auf jeden Fall eine bereichernde Lektüre. Ein einsichtiger, zärtlicher, für das damalige Alter seines Autors verdammt ausgereifter Roman, verfasst in der lupenreinen, Wort für Wort handverlesenen Sprache, die Nooteboom bis heute auszeichnet. Ein Werk, dem die Exegese nicht gut tut. Er braucht Fans!

Wertung: 8 / 10

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s