Rezension: Georges Simenon – Die Katze (Diogenes, 2014 [1967])

Zum Abschluss der Neuedition einer Auswahl von Simenons Non-Maigrets in fünfzig Bänden (2010-2013) erscheint bei Diogenes das Psychodrama Die Katze (Original: Le chat, 1967)Erzählt wird die verstörende Geschichte eines älteren (aber noch nicht lange verheirateten) Ehepaars: Marguerite und Emile, die sich so verabscheuen, dass sie sich überall und immer belauern, ausspionieren – und vor allem anschweigen. 

simenon

Titel: Die Katze
Autor: Georges Simenon
Übersetzung: Angela Glas
Verlag: Diogenes
Umfang: 208 Seiten, Taschenbuch

Die Eheleute, beide in ihren Siebzigern, haben grundverschiedene Leben gelebt. Marguerite Doise, Erbin eines Keksfabrikanten, hat Zeit ihres Lebens nicht arbeiten müssen. Die Strasse, in der sie lebt – eine Sackgasse -, gehört ihr auch. In erster Ehe war sie mit einem feinfühligen Künstler verheiratet gewesen. Anders Emile Bouin, ein ehemaliger Bauarbeiter, dessen erste Frau bei einem Unfall gelähmt wurde und kurz darauf verstarb: Er ist ein Mann der derben Witze, des Weins; einer, der in seiner Stammkneipe mit der Wirtin dann und wann hinter dem Küchenvorhang verschwindet.

Zusammengefunden haben die snobistische Marguerite und der rustikale Emile über ein gebrochenes Rohr, das er – der in einer Wohnung vis-à-vis von ihr sein Pensionärsdasein fristete – reparierte. Sie haben geheiratet. Um nicht allein zu sein vielleicht. Um vorgesorgt zu haben vielleicht. Oder um jemanden zum belauern zu haben. Er brachte eine Katze mit in die Ehe, sie ihren Papagei. Die Ehe-Gleichgültigkeit kippte in Hass, als Emile seinen Kater ermordet im Keller findet – und sich an Marguerite rächt, indem er den Papagei zu Tode rupft. Seit diesem Tag wird nicht mehr gesprochen im Hause Bouin.

Sie reicht ihm ein Blatt Papier, darauf steht:

“Ich habe über alles nachgedacht. Als Katholikin ist es mir untersagt, an eine Scheidung zu denken. Gott hat uns zu Mann und Frau gemacht, und wir müssen unter einem Dach leben. Aber nichts verpflichtet mich, mit Ihnen zu reden, und ich bitte Sie inständig, auch Ihrerseits davon abzusehen.”

Damit ist es besiegelt: Von nun an wird nur noch mittels Zetteln kommuniziert, wenn überhaupt. Und auch wenn Emile sich an einer Flucht ins Haus der Wirtin Nelly versucht, ist er genötigt zurückzukehren, Marguerite weiter zu verabscheuen, zu bespitzeln, ihr boshafte Zettel mit der Nachricht “DIE KATZE” zu verabreichen. Bis die unvermeidliche Katastrophe eintritt.

In seiner einfachen, von jeglichem Zierrat befreiten Sprache schildert Simenon das Geschehen: Der nüchterne Tonfall und die simplen sprachlichen Strukturen verstärken dabei dieses Grauen des Alltags, das die Geschichte ausmacht. Mittels Rückblicken werden die Vorgeschichten von Marguerite und Emile in Andeutung erzählt – und obwohl es bei oberflächlichen Betrachtungen bleibt, büsst die Geschichte von ihrer Kraft nichts ein.

Man könnte es fast dreist nennen: Im Medium der Literatur, also der Sprache, der Worte, vom Schweigen zu erzählen. Einem Zusammenleben, wo eben gerade das, was gesagt werden müsste, ausgespart wird, mit Worten zu Leibe zu rücken, verlangt einiges an Sicherheit auf dem glatten Terrain der Schriftstellerei. Simenon meistert die Aufgabe mit Bravour. Und erschafft ein verstörendes Panorama menschlicher Abgründe. 

Wertung: 7,5 / 10

2 thoughts on “Rezension: Georges Simenon – Die Katze (Diogenes, 2014 [1967])

  1. Pingback: Rezension: Yasmina Reza – Glücklich die Glücklichen (Hanser, 2014) | buecherrezension

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s