Text-Formen #1: Jack Kerouac und der Jazz

In einer neuen Serie werden wir im nächsten Jahr von Zeit zu Zeit aussergewöhnliche Präsentationsformen für literarische Texte vorstellen. Den Anfang macht schon heute – vorweihnachtlich-melancholisch – Jack Kerouacs Literatur-Jazz aus den späten Fünfzigerjahren. 

kerouac

Coverbild Blues And Haikus (195)

Dass Jack Kerouac (1922 – 69; “On The Road”, “The Dharma Bums”, “The Subterraneans”) ein grosser Verehrer der Jazz-Musik war, kommt schon in seinen Büchern zum Ausdruck. Wie der gesamte Zirkel der sogenannten Beat Poets (Allen Ginsberg, William S. Burroughs, Gregory Corso u.a.) war Kerouac insbesondere vom Bop, einer Spielart des Jazz, fasziniert. Über einen der populärsten Künstler der Szene, Charlie Parker, schrieb er in “On The Road”:

“(…)Charlie Parker in his early days when he was flipped and walked around in a circle while playing. Somewhat younger than Lester Young, also from KC, that gloomy, saintly goof in whom the history of jazz was wrapped; for when he held his horn high and horizontal from his mouth he blew the greatest; and as his hair grew longer and he got lazier and stretched-out, his horn came down halfway; till it finally fell all the way and today as he wears his thick-soled shoes so that he can’t feel the sidewalks of life his horn is held weakly against his chest, and he blows cool and easy getout phrases. Here were the children of the American bop night.”

Charlie Parker, Miles Davis, Dizzy Gillespie waren Fixsterne am musikalischen Firmament der Beat-Autoren der 1960er-Jahre. Der Jazz an sich beeinflusste ihr Schreiben. Während jedoch die meisten bei schriftlich geäusserter Bewunderung blieben, wurde Kerouac selbst Teil des Jazz. Drei Alben mit von Jazzmusik begleiteter Poesie veröffentlichte er:

Poetry for the Beat Generation (1959) , begleitet von Steve Allen am Klavier

Darauf findet sich zum Beispiel diese traurige Ode an besagten Charlie Parker (1920-1955). “Charlie Parker looked like Buddha…”

Oder der beschwingte “McDougal Street Blues”, ein Streifzug durch das New York de Fünfzigerjahre, der ein düsteres Licht auf die Leute der Stadt wirft. “The goofy foolish human parade…”

Blues And Haikus (1959) , begleitet von Al Cohn und Zoot Sims am Saxofon (ersterer manchmal auch am Klavier)

Das Album besteht aus einem zehnminütigen Track namens “American Haiku”, einer Lesung zahlreicher Haikus, voneinander abgegrenzt durch verspielte Sax-Intermezzi…

… zwei kurzen Songs und einer fünfzehnminütigen Lesung namens “Poems From The Unpublished Book of Blues“.

Und schliesslich Readings by Jack Kerouac on the Beat Generation (1960), ohne Begleitung. Hier liess er die Musikalität seiner Sprache für sich sprechen. Das Album besteht aus gelesenen Auszügen aus diversen geschriebenen Werken Kerouacs, etwa “Desolation Angels”, “The Subterraneans” oder “On The Road”

Sowohl Kerouacs Biograph Gerald Nicosia  wie auch AllMusicGuide-Rezensent Bruce Eder haben darauf hingewiesen, wie ‘musikalisch’ Kerouacs Stimme und Sprache sind, “(…)using his voice and language the way a saxophonist might improvise on a particular melodic line or riff.” 

Ein gutes Beispiel hierfür ist der erste Track, “San Francisco Scene”

Mit diesen drei Alben, auf denen Kerouac Jazz und Literatur gekonnt vereint, hat der Autor eine einzigartige Präsentationsform für seine Texte gefunden. Eine Form, die sich gerade für diese stark von der Musik beeinflussten Texte, perfekt eignet. Sprache und Stimme fügen sich wie ein Instrument in den klanglichen Kontext des Jazz ein – funktionieren aber, wie das “Readings”-Album beweist, auch solo.

Die melodischen und rhythmischen Feinheiten seiner Sprache treten nur in der mündlichen Präsentation wirklich offen zutage.Wir finden: Man sollte Kerouac öfter laut vorlesen!

3 thoughts on “Text-Formen #1: Jack Kerouac und der Jazz

  1. Pingback: Text-Formen #3: Clayton Cubitts “Hysterical Literature” | buecherrezension

  2. Pingback: on the road | neuköllner botschaft

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