Rezension: Robert Seethaler – Der Trafikant (Kein & Aber, 2012)

1937, Österreich kurz vor dem “Anschluss” an Hitlers Deutschland: Der 17-jährige Franz Huchel kommt aus der Provinz ins lärmige Wien, findet dort erste Einblicke ins politische Weltgeschehen und in die Liebe und einen Freund im alternden “Deppendoktor” Sigmund Freud. In schlanker, mitfühlender Sprache erzählt Robert Seethalers Roman eine Geschichte voller Liebe, Melancholie und bösen Enden.

seethaler

Titel: Der Trafikant
Autor: Robert Seethaler
Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5909-2
Format: 256 S., Taschenbuch

 

Es beginnt im Salzkammergut in Oberösterreich: Der junge Franz wohnt bei seiner Mutter und kann dank deren Gönner und Bettgenosse Preininger ein sorgloses, arbeitsfreies Leben führen. Dann bricht der erste Sturm über das Land herein – ein meteorologischer -, Preininger ertrinkt im See und die Mutter schickt ihren Franz nach Wien zu Otto Trsnjek, einem verflossenen Liebhaber. Der führt eine Trafik (Presse- und Rauchwarengeschäft, Kiosk) in der Hauptstadt.

Zunächst überwältigt von Lärm und Gestank Wiens, versucht sich der naive, in jederlei Hinsicht unerfahrene “Burschi” im urbanen Raum zurechtzufinden. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud, Stammkunde der Trafik, entwickelt sich dabei zum Gesprächspartner und Freund. Er rät Franz, sich ein Mädchen zu suchen.

Gesagt, getan. Im Prater begegnet er eines Abends der schönen Böhmin Anezka, deren Zahnlücke allein ihn schon in ungekannte Wallung bringt. Doch sie entwischt ihm, er stellt ihr nach, schmiert den Kellner, findet sie schliesslich in einer heruntergekommenen Unterkunft mit dreissig anderen Böhminnen. Sie lieben sich, bis Franz ihr eines Nachts in ein ebenso heruntergekommenes Variété folgt, wo sie als leicht bekleidete Tänzerin arbeitet.

Wieder klagt Franz Freud sein Leid, doch der alte Mann scheint sich in Liebesdingen auch nicht besser auszukennen. Franz lernt dazu – und merkt, dass mit dem Wissen das Leben komplizierter wird. Die Nazis kommen. Schuschnigg verschwindet, Hitler hält Einzug. Kommunisten werden ermordet, jüdische Geschäfte beschädigt und Otto Trsnjek von der Gestapo unter dem Vorwand, er verkaufe “Zärtliche Magazine”, verhaftet. Und Sigmund Freud muss das Land verlassen.

 

Elegant und ohne übermässiges sprachliches Ornament erzählt Seethaler die Geschichte. Sein Stil, handlungsorientiert und mitfühlend, mit subtilen Perspektivenwechseln, zieht sofort in den Bann – genauso wie die Geschichte selbst. Die Postkartentexte von Mutter und Sohn Huchel, sowie später die von Franz aufgeschriebenen Träume sind gezielt eingesetzte kursive Textchen, die das Geschehen (auf bewusster und unbewusster Ebene) reflektieren.

Mit Franz Huchel hat Seethaler einen Protagonisten erschaffen, der als stereotypische naives Landei den städtischen Trubel erreicht, nach und nach durch das Lesen von Zeitungen und die eigenen Erfahrungen und Gespräche dazulernt, schliesslich aber im Angesicht einer das Denken unterdrückenden Diktatur zum Scheitern verdammt ist. Ohne Beschönigungen zerschellen die Schicksale der sich gedanklich Auflehnenden an der Klippe des Nationalsozialismus, indes der Opportunismus den Krieg in Wien überlebt.. Diese Tragik, Franz’ naives halsbrecherisches Liebesspiel sowie die bisweilen sehr humorvollen Begegnungen des jungen Schelmen mit dem alten Professor sorgen für ein grosses Lesevergnügen.

Ganz kurz: Ein meisterliches Buch von einem grandiosen Erzähler!

WERTUNG: 9 / 10

2 thoughts on “Rezension: Robert Seethaler – Der Trafikant (Kein & Aber, 2012)

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