Albin Zollinger: Gedichte (Nagel & Kimche, 2013)

In der Kollektion Nagel & Kimche liegt eine neue Einzelausgabe von Albin Zollingers erstem Gedichtband vor. 1933 erstveröffentlicht, war die Auswahl von 87 Gedichten zunächst ein Misserfolg. Erst in späteren Jahrzehnten erlangte sie das Lob, das ihr gebührt. “Gedichte” zeigt den Träumer / Künstler Zollinger , wie er sich elegant durchs Dickicht seiner grossen Themen Eros, Thanatos, Kindheit und vorindustrielle Idylle schlägt. 

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Titel: Gedichte
Autor: Albin Zollinger
Jahr: 2013 (Original: 1933)
Verlag: Nagel & Kimche (Hanser)
ISBN: 978-3-312-00577-2
Umfang: 144 Seiten, gebunden

Dieses Dickicht ist durchaus beim Wort  zu nehmen: In seinem Nachwort zur vorliegenden Ausgabe spricht Manfred Papst vom “akribischen Botanisieren”, das Zollinger betreibe. Man begegnet dem Phlox, Binsenpfeilern, dem Waldmoor, Laub und Tannen, Wiesenpolstern, Bohnenblüten, moosigem Klang und gar einem Gott im orchideenen Gewande. Einem Gott, der sich – dem Künstler gleich – durch ein Dickicht zu schlagen hat:

In orchideenem Gewande,
Ein lächelndes Wetterleuchten,
Schlägt Gott sich durch die höhefeuchten,
Erhabenen Azurlande.

Zollinger, der stets die “Überhöhung des einsamen Künstlers” pflegte und gegen das Gewöhnliche des bürgerlichen Alltags ankämpfte; Zollinger, der sich, seiner durchaus aktiven politisch-journalistischen Karriere zum Trotz, “mitunter gern als tragischer Auserwählter” sah. Und mit einem Lächeln schlug sich auch der Lyriker Zollinger durch das Dickicht der von ihm bewohnten Welt. Im Falle der Sammlung “Gedichte” handelt es sich um die zentraleuropäische Welt zwischen den Weltkriegen: Entstanden sind die hier versammelten Gedichte vorwiegend zwischen 1929 und 1933. Mit seiner Machete aus rhythmischer Leichtigkeit, bezaubernder Sprachinnovation, todessehnsüchtig zwischen Traum und Wachen, schlägt er sich durch das Dickicht des frühen XX. Jahrhunderts – und rodet es.

Die Welten, die Zollinger mit seinen Versen erschafft, entsprechen nicht der Welt, in der er lebte. Es sind idyllische, vorindustrielle Welten; Welten aus Moos und Stein, bestimmt von natürlichen Rhythmen, Gezeiten und Wind. Nur selten gewährt Zollinger, der als Lehrer in Oerlikon, dem von der Industrialisierung am stärksten geprägten Stadtteil Zürichs, als Lehrer arbeitete, den Maschinerien des Urbanen einen Platz in seiner Lyrik. Und wenn er es tut, dann als kritische Stimme, wie z.B. in “Advent der Fabrikmädchen”.

Retour à la nature! Gerüchteweise ja der Ruf jeder erblühenden Hochkultur: Er erschallt auch in diesem Bändchen zwischen vielen Zeilen. Ein zweites ‘Retour!’, und zwar das Verlangen nach dem jungfräulichen Erleben der Kindheit, bestimmt viele der Gedichte. “Alle Kunst war für ihn [Zollinger] Veregenwärtigung des kindlichen Erlebens”, schreibt Papst. Und davon zeugen etliche Verse, wenn beispielsweise “Die Kindheit mit holden grünen Festen” heraufsteigt (“Nachmittägliches Grammofon”) oder wenn ein lyrisches Ich sich in “Kindheitsdämmerung” erinnert:

Im Grossvaterhaus
Wenn ich traumtrunken lag
Strömte holdes Gebraus
Grau vor Tag

(Unter anderem) in diesen Momenten, wenn er nostalgisch-sehnsüchtig zurückblickt auf Zeiten, die er nicht gekannt oder sich nicht mehr vergegenwärtigen kann, in diesen Momenten bewegt sich der Lyriker Albin Zollinger “auf den hohen, einsamen, unsäglich gefährlichen Graten der Vollendung”, wie Max Frisch einst von ihm sagte. Auch manche Momente einer oft gegenwärtigen Todessehnsucht und untrüglicher Vanitas-Thematik sind von subtiler Schönheit: Der Gott in “Wüstengebeine” zum Beispiel, der seine Spur (die Menschen) auswischt, als ob er sie bereute:
“Er ist wie das flüchtige Wild / Das von der Meute ergriffen zu werden sich scheute, Denn er ist sich selber niemals das richtige Bild.”

Grosser Dank gebührt dem Verlag Nagel & Kimche, dem Herausgeber der Kollektion (Peter von Matt) und allen anderen Beteiligten für diese Neuauflage. Von einigen unbeholfenen Ausnahmen abgesehen, bietet “Gedichte” der Zeit enthobene Poesie, die einerseits souveränes Handwerk, andererseits kaum erklärbares (sprach)schöpferisches Faszinosum ist.

Wertung: 8 / 10

2 thoughts on “Albin Zollinger: Gedichte (Nagel & Kimche, 2013)

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