Rezension: José Ribeaud – Vier Sprachen, ein Zerfall (Nagel & Kimche, 2013)

In seiner Arbeit bemüht sich der verdiente Westschweizer Journalist José Ribeaud um die Wiederbelebung einer aktiven Mehrsprachigkeit in der Schweiz. Deutschschweizer müssen im Rahmen dieser Bestrebungen einiges an Kritik einstecken. Dabei ist Ribeaud historisch und kulturell gut informiert, manchmal aber auch polemisch, die Augen vor modernen Tendenzen verschliessend. Für Diskussionen dürfte der Text allemal sorgen – vor allem in der Deutschschweiz.

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Titel: Vier Sprachen, ein Zerfall. Wie die Schweiz ihren wichtigsten Vorteil verspielt.
Autor: José Ribeaud
Übersetzung: Caroline Gutberlet
Verlag: Nagel & Kimche (Hanser)
ISBN: 978-3-312-00580-2
Umfang: 176 Seiten, Taschenbuch

Bereits früh in der Einleitung ertönt das drastische Verdikt: Der Dialog zwischen den Schweizer Sprachgemeinschaften sei zu Ende, der nationale Zusammenhalt reine Fiktion. Ursprung des Übels seien die Deutschschweizer, die sich in ihrer Mehrheit beharrlich dem Hochdeutschen verweigerten. Stattdessen verlangten sie von anderssprachigen Schweizern und Ausländern, dass ihr Dialekt – “Schwyzertütsch” – verstanden werde. Ein berechtigter Vorwurf, wie ich finde.

Schon vor drei Jahren hat Peter von Matt in einem vieldiskutierten Artikel nicht eben zimperlich darauf hingewiesen, dass die Muttersprache der Deutschschweizer “Deutsch in zwei Gestalten” sei, nämlich Hochdeutsch und Dialekt. Ribeaud wollte dies nicht anders sehen, muss jedoch – basierend auf Erfahrungen und sich bewusst von akademischen Debatten abgrenzend – eingestehen, dass zu viele Deutschschweizer “eine Mundart” als ihre Muttersprache betrachten. Diese werde dann unter dem Decknamen “Schweizerdeutsch” als Sprache bezeichnet. Es handle sich dabei jedoch nicht um eine Sprache, sondern um “ein Surrogat zahlreicher Dialekte, das den Ausländern, die in der deutschen Schweiz leben, aufgezwungen und den lateinischen Minderheiten angetragen wird.”

Auch in der Romandie und im Tessin existieren dialektale Formen, jedoch wird im Alltag nicht viel Aufhebens davon gemacht: die Hochsprachen Französisch und Italienisch sind weitherum akzeptiert. In der Deutschschweiz hingegen schlage denen, die Hochdeutsch sprechen, manchmal gar “unverhohlene Feindseligkeit” entgegen. Was ja tatsächlich lächerlich ist, bedenkt man, dass wir Deutschschweizer Teil des grossen deutschen Kulturraums sind und nicht die stolz abgeschottete Minderheit, zu der wir uns durch Dialektfixierung nach und nach machen. Ribeaud sieht das Ziel für die Deutschschweiz deshalb in der “Beherrschung der funktionalen Diglossie”.

Die Überkapitel “Sprachenerwerb” und “Sprachenpolitik” sind historisch, kulturell und politisch vorbildlich informiert und geben in verständlicher Sprache einen Überblick über Ursprünge, aktuelle Situation und mögliche Zukünfte der Problematik. Auf wenigen Seiten werden auch die Beziehungen Italienische Schweiz – Französische Schweiz – Rätoromanische Schweiz thematisiert.

Das Überkapitel “Der universale Dialekt” sowie der ihm vorangehende “Offene Brief an die Deutschschweizer” zeugen meist durchaus von Einfühlungsvermögen – Ribeaud lebte und arbeitete zwölf Jahre in Zürich – , sind aber zuweilen etwas gar verallgemeinernd und harsch, etwa wenn von “Kommunikationsverweigerung” u.ä. seitens der Deutschschweizer gesprochen wird. Doch das will man Ribeaud nicht verdenken, merkt man doch, dass die Verständigung der Landesteile für ihn wirklich Herzensangelegenheit ist und er keinesfalls, wie zuletzt etwa Christoph Plate, mit unreflektierter Abschätzigkeit spricht.

Polemisch und verblendet ist in diesem schmalen Bändchen einzig das vierte Überkapitel “Die Anglomanie: eine ansteckende Krankheit”. Sobald das Englische einer anderen Landessprache vorgezogen wird, ist Ribeaud ein vehementer Gegner. In vielen Deutschschweizer Kantonen wird Frühenglisch mittlerweile vor Französisch unterrichtet, was ihm ein Dorn im Auge ist. Es beraube die Jugendlichen eines möglichst frühen Rechts auf Austausch mit den anderen Sprachregionen. Nun, so löblich mir sein Ansatz erscheint, eine friedvolle, sicher problemlos verständigende Mehrsprachigkeit zu pflegen, so weltverschlossen erscheint dieses Argument. Das Englische öffnet heutzutage Tür und Tor zum Austausch mit einem weit grösseren Teil der Welt. Wer die Möglichkeit auslässt, früh damit zu beginnen, beraubt sich und andere des Rechts auf Austausch mit einer globalisierten Gesellschaft.

Von dieser Anglophobie abgesehen, bietet Ribeauds Buch einen hervorragenden Überblick über die Geschichte der Schweizer Sprachdebatten und ihrer politischen Verhandlung. Manchmal wünschte man sich detaillierte Quellenangaben, eine Bibliographie, doch wie zu Beginn erwähnt, grenzt sich Ribeaud bewusst von der akademischen Form ab, und zwar um das Thema”unvoreingenommen und sachlich anhand persönlicher Erfahrungen und vieler Gespräche” zu beleuchten.

WERTUNG: 8 / 10

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