Rezension: Kirsten Jüngling – Emil Nolde (Propyläen, 2013)

Die erfahrene Biographin Kirsten Jüngling legt mit “Emil Nolde. Die Farben sind meine Noten.” die erste umfassende Vita des expressionistischen Malers (1867 – 1956) vor. Auf knapp 300 Seiten erzählt sie, bis ins Detail vorbildlich informiert, dieses lange Leben. Es entsteht das Portrait eines grossen Malers, vor allem aber auch das Portrait einer grossen Liebe.

nolde

Titel: Emil Nolde. Die Farben sind meine Noten.
Autorin: Kirsten Jüngling
Verlag: Propyläen / Ullstein
ISBN: 978-3-549-07404-6
Umfang: 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

1902 heiratet Emil Nolde (geb. Hansen) die dänische Schauspielerin Ada Vilstrup. Bis zu ihrem Tod im Jahre 1946 bleiben sie zusammen, stehen miteinander zwei Weltkriege durch, nagen am Hungertuch, feiern aber auch wirtschaftliche Blütezeiten. Ab 1930 residieren sie meist in einem eigens erbauten Haus im schleswigischen Seebüll, wo sie beide auch bestattet sind. Emil Nolde ist undenkbar ohne Ada Nolde – sowohl als Mensch wie auch als Maler. Dies macht die vorliegende Biographie deutlich, die sich oft auf Primärquellen, vorwiegend Briefe und autobiographische Schriften, beruft.

Der Bauernsohn Nolde, Verkörperung von “Natur und Instinkt”, haderte zeitlebens. In der Jugend mit dem Schicksal, mit Gott, mit den Frauen; später mit anderen Künstlern, vor allem mit Max Liebermann, mit seinem Ausschluss aus der Berliner Secession; noch später mit den Nationalsozialisten, deren Ideale er selbst vertrat, die seine Kunst dennoch als “entartet” empfanden und vieles davon zerstörten; und zum Schluss, nach Adas Tod, haderte er mit der quälenden Einsamkeit und heiratete mit achtzig Jahren die sechsundzwanzigjährige Jolanthe Erdmann. 

Die Biographie kommt ohne ihr titelgebendes Element – die Farbe – aus: Zu sehen gibt es einzig neunzehn Schwarz-Weiss-Abbildungen, meist Fotografien, einige zeigen immerhin im Hintergrund einige Werke Noldes. Doch die Abwesenheit der Malereien stört keinesfalls. Kirsten Jüngling versteht es, mit einem souveränen, meist im Präsens geführten Erzählstil, das Interesse über die volle Länge aufrechtzuerhalten. Die Arbeit basiert dabei auf einem riesigen Fundus an Quellen, wie das ausführliche Literaturverzeichnis und die fast 600 Fussnoten belegen.

Dabei ist ihr die erste umfassende Biographie dieses schwer nahbaren Malers gelungen. Immer ganz Künstler (“Die Kunst des Malers ist keine Gedankenarbeit, sie ist ein Wirken der Sinne.”), doch verhaftet in der Wirtschaftswelt, endlos korrespondierend und Bilder umhersendend; zwölf Jahre lang Mitglied der NSDAP, dem “Deutschtum” zugetan und antisemitisch, und doch ein Opfer der Nazis, die ihn aus der Reichskulturkammer ausschlossen und mit einem Arbeitsverbot belegten; ein ewiger Haderer, meist “angezogen und angewidert zugleich”, einer, der viele Feinde, aber auch einige einflussreiche Freunde hatte; einer, der eine liebende und geliebte Frau hatte, andererseits sich künstlerisch einsam fühlte; einer, der sich 1917 zu seinem 50. Geburtstag selbst porträtierte. Zweifach: einmal als Mensch, einmal als Künstler.

Sich anzunähern an den Menschen und den Künstler, erscheint als grosse und waghalsige Unternehmung. Kirsten Jüngling hat sie in Angriff genommen und mit Erfolg bewältigt. Das Produkt daraus, “Emil Nolde. Die Farben sind meine Noten”, ist ein ausgewogenes, glänzendes Portrait zweier Menschen, ihres Umfelds – und nicht zuletzt ein Spiegel der geschichtlichen Ereignisse ihrer Zeit.

WERTUNG: 7,5 / 10

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