Harry Graf Kessler. Eine Lebenstragödie.

Es fällt schwer, eine Einleitung zu Harry Graf Kessler nicht reisserisch zu gestalten. Von Haus aus reich, unabhängig und mit weitreichenden Bekanntschaften, war er eine der schillerndsten und einflussreichsten Gestalten des Fin de Siècle. In seiner Funktion als Mäzen und Vermittler unterstützte er bedeutende Künstler wie Edvard Munch oder Aristide Maillol, seine Wohnungen liess er sich von Henry van de Velde einrichten, mit Hugo von Hofmannsthal verfasste er  das Libretto zu “Der Rosenkavalier”, … – am 30.11.1937 verstarb er einsam und mitellos in einem Lyoner Krankenhaus. Wie hatte es dazu kommen können? Eine Lebenstragödie. 

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Harry Graf Kessler 1917. Fotografie von Rudolf Dührkoop.

Harry Graf Kessler: geboren 1868 in Paris, Vater Adolf ist ein steinreicher Bankier, der in Kanada Ländereien in der Grösse Bayerns besitzt, Mutter Alice Harriet Blosse-Lynch eine irische Baronesse, die von illustren Gästen bevölkerte Salons organisiert und selbst mit dem Kaiser bekannt ist. Weiter oben im Stammbaum steht der Name eines Schweizer Reformators, der einst im Wirtshaus “Zum Bären” im Jena zechte: Johann Kessler, genannt Ahenarius.

In dieses Umfeld, in diese Geschichte hinein wird Harry Clemens Ulrich am 23. Mai 1868 geboren. Bald schon entsteht die Legende, er sei der uneheliche Sohn des Kaisers selbst. Harry bestreitet dies zeitlebens. Im Jahre 1879 erhebt selbiger Kaiser Harry und seinen Vater in den erblichen Adelsstand: Der Graf ist geboren.  Neun Jahre später erblickt seine Schwester Wilma das Licht der Welt; sie wird ihm später das Leben retten.

Kindheit und Jugend verbringt er auf Eliteschulen in Paris, in Ascot, in Hamburg. Er geniesst eine humanistische Ausbildung, studierte Jura und später Kunstgeschichte. Nach seiner Ausbildung begab er sich, stets finanziell abgesichert und deshalb unabhängig, auf eine Weltreise. Immer dabei: ein Tagebuch.

Die Tagebücher – sie sind Harry Graf Kesslers grosses Geschenk an die Weltliteratur und an die Geschichtsforschung. Von 1880 bis 1937 schrieb er konsequent, insgesamt zehntausend Seiten, bevölkert von zwölftausend Personen: Ein einmaliges Panorama der zentraleuropäischen Gesellschaft, Kultur und Kunst seiner Zeit.

Selbst sieht er sich als halber Kessler und halber Ire “mit gesundem Durst nach Schönheit und Faustkämpfen”. Er wird nicht Bankier oder Jurist, sondern nutzt seine finanzielle Unabhängigkeit, um die Kunst zu fördern, zu reisen, zu leben. 1895 verstirbt der Vater: Harry kommt in Besitz eines gigantischen Vermögens. Nach einer Reise durch Mexiko veröffentlicht er 1898 sein erstes Buch (“Notizen über Mexico”).

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Henry van de Velde

Das Fin de Siècle im Wortsinne – der Anbruch des Jahres 1900: Harry kauft sich eine Wohnung in Berlin, sein Freund Henry van de Velde richtet sie ein, modern und ästhetisch. Als Botschafter der Jugendstil-Zeitschrift/-Genossenschaft PAN bereist er Europa und wirbt neue Mitglieder. Er trifft Auguste Rodin, Rainer Maria Rilke und Edvard Munch. Letzteren fördert er stark, 1904 malt Munch ein prominentes Portrait seines Mäzens.

Um 1900, dem Tod schon nahe, hatte Kessler auch seinen intellektuellen Fixstern Nietzsche kennengelernt. Nach dessen Tod am 25.8.1900 nimmt ihm Kessler die Totenmaske ab und ist einer der wenigen Gäste an der Trauerfeier. Ihm zu Ehren gründet Harry das Nietzsche-Archiv in Weimar. Die Stadt wird zeitgleich zum neuen Mittelpunkt seines Lebens. Von hier aus verfolgt er seine radikalen künstlerischen Visionen.

Als ehrenamtlicher Leiter des Museums für Kunst und Kunstgewerbe schafft er sich Freunde wie Feinde. Er verkauft alte Kunst, um von dem Geld Neuartiges anzuschaffen. “Esel!”, nennt ihn Kaiser Wilhelm II. dafür – nicht persönlich, sondern in der Randnotiz eines Briefes, in dem ihm vom Geschehen in Weimar berichtet wird.

Er entdeckt Max Beckmann, holt Werke von Auguste Rodin nach Deutschland. Diese werden ihm schliesslich zum Verhängnis – gemeinsam mit seinem Grössenwahn. “Niemand anders in Deutschland hat eine so starke (…) Stellung”, schreibt er einmal angesichts seines weitläufigen Einflussbereichs. Er plant ein gewaltiges Nietzsche-Monument mit Tempel und Stadion. Er entwickelt, Goethe gleich, umfangreiche Reformkonzepte, zum Beispiel für das Theater. Etwa zur selben Zeit entbrennt ein Streit um einige Akte von Rodin, die er angeschafft hat. Harry wird wütend, will sich gar duellieren… – Eine Nervenkrise ist die Folge.

Ein enger Freund ist ihm Aristide Maillol, dessen Skulpturen er kauft, gleichzeitig neue in Auftrag gibt, ihm ein Modell bringt, und zwar seinen eigenen Liebhaber, den Radsportler Gaston Colin. “Le Cycliste” entsteht.

Dann das Zerwürfnis mit seinem guten Freund Hugo von Hofmannsthal. Sie hatten zusammen das Libretto zu “Der Rosenkavalier” geschrieben. Die Rolle als Empfänger der Widmung ist Harry danach zu wenig – es kommt zum Streit.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs nehmen die Dinge einen erstaunlichen Lauf: Harry Graf Kessler, der Weltbürger, der Kosmopolit, entflammt in heftigem Patriotismus. Kämpft wild entschlossen für das eine Heimatland Deutschland, hat plötzlich gar Fantasien von einem weltumspannenden Deutschen Reich,… – Es folgt ein weiterer Nervenzusammenbruch.

Der Weltkrieg ging zu Ende. 1919 verstarb Kesslers Mutter. 1920 anlässlich des Vertragsschlusses in Versailles notierte er in sein Tagebuch: “Eine furchtbare Zeit …, die in einer wahrscheinlich noch furchtbareren Explosion enden wird”.

Er wendet sich verstärkt der Politik zu, wird nach Ausrufung der Republik vom Arbeiter- und Soldatenrat als Gesandter, teilweise unter militärischem Schutz, nach Polen geschickt. Freundschaftliche Beziehungen sollen wiederhergestellt werden, doch die Reise endet mit dem Kontaktabbruch Polens zu Deutschland. Er beschäftigte sich mit der Sozialen Frage, verfasste ein Pamphlet über die Armut der Kinder in den Hinterhöfen Berlins. Seitens der aufkommenden Rechtsradikalen brachte ihm dies den Übernamen “Roter Graf” ein. Sein nächstes Projekt ist ein überstaatlicher Völkerbund, eine “Organisation der Organisationen” in den er viel Geld und Zeit (Vortragsreisen) investiert.

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Walther Rathenau

1922 reist Kessler nach Genua zur Europäischen Wirtschaftskonferenz. Deutschland und Russland unterzeichneten abseits dieser Konferenz einen Vertrag. Kessler sah darin einen Rückfall in Zeiten der politischen Intrige. Der von ihm sehr geschätzte deutsche Aussenminister Walther Rathenau trifft hier zum letztenmal mit dem Grafen zusammen. Wenig später wird er Opfer eines rechtsradikalen Attentats. Harry beginnt an einer Rathenau-Biografie zu schreiben. Er hatte sich selbst gespielt gesehen in dem grossen Politiker, gespiegelt als ehemaliger Kriegsunterstützer, als Gespaltener zwischen Geist und Macht, als Homosexueller. Die Biografie erscheint 1928 zum sechsten Todestag Rathenaus.

Seit 1924 war Harry politisch nicht mehr aktiv, kümmerte sich stattdessen auf ausgedehnten Reisen intensiv um die Propagierung seines Völkerbundplans. Und noch immer traf man ihn auf allen erdenklichen gesellschaftlichen Anlässen. Er begegnete (und schrieb über) André Gide, Josephine Baker, Bertolt Brecht, Jean Cocteau, Paul Valéry, usw. – Ein Who-Is-Who des intellektuellen europäischen Jetsets der Roaring Twenties.

1929, mit dem Tod Gustav Stresemanns, der die Annäherung von Frankreich und Deutschland bewerkstelligt hatte, begann wohl der Abstieg. Freilich bemerkte Harry es noch nicht. Er notierte in seinem Tagebuch eine Bemerkung, die Literatur-Nobelpreisträger Roger Martin du Gard ihm gegenüber anlässlich eines Besuchs in Berlin gemacht hatte: “die Menschen, die er auf der Straße sehe, wären ganz anders als in Paris, sie hätten Zukunft in den Augen. In Deutschland werde der neue Mensch, der Mensch der Zukunft, geschaffen”.

Am 14. September 1930 verzehnfachen die Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen beinahe ihre Anteile. Kessler notiert: “Ein schwarzer Tag für Deutschland.” 1931 dann auch ein persönlicher Rückschlag. Kessler, ein Bibliophiler, der in seinem Leben unter anderem auch nach dem perfekten Buch suchte, muss seinen Verlag, die Cranach-Presse, schliessen. Siebzig erlesene Ausgaben wurden hier produziert. Gemeinsam mit Maillol hatte Kessler gar eigens eine Papierfabrik gegründet. Nun das Ende: Kesslers Vermögen ist nicht mehr. Grosszügig gegenüber sich selbst und gegenüber von ihm geförderten Künstlern usw. hat er alles verloren. Und die verhassten Nazis sind da. Noch tut er sie als “Fiebererscheinung” ab, sieht in Hitler einen mit grossem Maul und nichts dahinter, Die Nazis, glaubte er, würden am Widerstand des Volkes zerbrechen.

März 1933: Hitler ist Reichskanzler, der Reichstag hat gebrannt. Kessler reist nach Paris: Es ist als ein Ausweichen auf Zeit gedacht, doch er wird sein Heimatland nie wieder sehen.

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Kesslers Wohnsitz auf Mallorca

Gut dokumentiert sind die folgenden zwei Jahre seines Lebens. Er verbringt sie auf Mallorca, Plaza Iglesia 3 in Bona Nova, “auf der Höhe über Palma mit einem herrlichen, grandiosen Blick über das Meer,” Hier erinnert er sich zurück, beginnt an seinen Memoiren “Gesichter und Zeiten” zu arbeiten. Unerlaubt erscheint ein Vorabdruck in einer französischen Emigrantenzeitung. Kesslers Werk wird von den Nazis auf die Liste des unerwünschten Schrifttums gesetzt. Zudem hat sich durch die abrupte Abreise ein weiteres Problem ergeben: In Deutschland häufen sich die Schulden an, niemand hat Vollmachten, es kommt zu einer Zwangsversteigerung seines Besitzes. Die Wohnung in Berlin wird geplündert.

Verbissen schreibt er an seinen Erinnerungen, findet im mittellosen Schriftsteller und Übersetzer Albert Vigoleis Thelen einen Sekretär, der seine Handschrift in unermüdlicher Arbeit in Schreibmaschinenschrift umwandelt. Dieser wird später in seinen eigenen Erinnerungen (“Die Insel des zweiten Gesichts”) respektvolle Worte für den Grafen finden.

Mit Harrys Gesundheit geht es bergab, er erleidet einen Blutsturz. Finanziell ist er nicht mehr unabhängig: seine Schwester Wilma, die sich verheiratet Wilma Marquise de Brion nennt, und in einem Schloss in Frankreich residiert, unterstützt ihn. Er reist zu ihr, vorübergehend nur, denkt er. Doch zurück kann er nicht, denn der Spanische Bürgerkrieg ist ausgebrochen . Noch einmal besucht er Paris. Am 30. November 1937 verstirbt er, neunundsechzigjährig, verarmt und einsam in einem Krankenhaus in Lyon. Bestattet wird er auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise. Wenige Leute nehmen an der Zeremonie teil.

(Neben der verlinkten Artikel beruft sich der obige Text auch auf dei Dokumentation “Harry Kessler – Der Mann, der alle kannte.” – Man kann sie sich, unterteilt in vier Clips, via Youtube anschauen.)

Das Bild von Kesslers Haus in Mallorca stammt von: http://www.vigoleis.de/content/insel/0/83.htm (Abgerufen: 25.11.2013)

Die Edition der Kessler’schen Tagebücher obliegt dem Deutschen Literaturarchiv Marbach. Bis auf Band 1, der nicht finanziert ist und vermutlich erst 2015 erscheint, wurden alle Bände (2-9) beim Klett-Cotta-Verlag herausgegeben.

6 thoughts on “Harry Graf Kessler. Eine Lebenstragödie.

  1. nweiss2013

    Das ist eine schöne und schön ausführliche Würdigung dieses Mannes, der ja soviel mehr ist als ein – immens wichtiger – Zeitzeuge. Sein Mäzenatentum hat der Modernen Kunst in Deutschland sicher ein paar Türen geöffnet.
    Zu seiner Zeit in Weimar gibt es eine hübsche Broschüre: http://notizhefte.wordpress.com/2013/08/29/harry-graf-kessler/
    Das Verhältnis zu Hofmannsthal kann man ja nur als delikat beschreiben; über diesen lese ich gerade ein Buch, in dem jener Punkt breiten Raum einnimmt.

    Reply
    1. vigoleis01 Post author

      Vielen Dank für das Lob und für den Hinweis auf die Publikation zur Weimarer Zeit, die ich mir auf jeden Fall anschaffen werde. Vielleicht finden sich darin noch die einen oder anderen Punkte, um unsere Würdigung hier zu ergänzen. Gerade was seine Arbeit mit der und für die Kunst betrifft, sind noch einige Lücken zu füllen.

      Reply
    2. Rudi

      Mit Beginn des Ersten Weltkrieges nahmen die Dinge einen erstaunlichen Verlauf, und nicht mit Beginn des Zweiten Weltkrieges. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges war Harry Graf Kessler schon drei Jahre tot.
      Ein großer Mann war er.

      Reply
  2. Pingback: Lebens-Lagen #23: 02. April | buecherrezension

  3. skyaboveoldblueplace

    Harry Graf Kessler, dieser ewige Zeitzeuge, begegnet einem in der Literatur immer wieder. Vielen Dank für diese schöne Besprechung der Lebensgeschichte dieses hochinteressanten Menschen, bei dem ich immer das Gefühl habe, dass er in seiner Zeitgenossenshaft jeden kannte – aber die direkte Verbindung mit dem wunderbaren Vigoleis war mir so bisher gar nicht klar. Und wieder was neues gelernt!
    Liebe Grüße, Kai

    Reply
  4. Hubert Staudenmaier

    Hubert Staudenmaier meint:
    Sehenswerte Ausstellung in Berlin:
    Harry Graf Kessler – Flaneur durch die Moderne, 21. Mai bis 21. August 2016,
    Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und der Klassik Stiftung Weimar

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