Rezension: Jens Steiner – Carambole (Dörlemann, 2013)

Von der Normalität her lasse sich das Leben nicht begreifen, behauptet eine der Figuren in ‘Carambole’. Der zweite Roman von Jens Steiner will dies auch nicht: Er versucht, das nur oberflächlich stoisch-normal erscheinende Kollektiv einer Dorfgesellschaft aus den Absonderlichkeiten der Einzelnen heraus zu begreifen. Ein geradezu beängstigend überlegenes und überlegtes Buch, das man gleich noch ein zweites (drittes, viertes,..) Mal lesen möchte.

carambole

Titel: Carambole. Ein Roman in zwölf Runden.
Autor: Jens Steiner
Verlag: Dörlemann
ISBN: 978-3-908777-92-2
Umfang: 224 Seiten, gebunden

Carambole ist nicht bloss der Name eines Brettspiels, nein es ist der nur in der Schweiz gebräuchliche Name für das asiatische Brettspiel Carrom. Und auch die Gestalten und Geschehnisse, die diesen in “zwölf Runden” gegliederten Roman bevölkern, sind durch und durch schweizerisch. Jede der zwölf Runden zeigt das Leben in einem namenlosen Dorf aus der Perspektive eines anderen Bewohners, die meisten sind aus  der Ich-Perspektive, manche auch aus einer distanzierten Perspektive dritter Person erzählt. Verbunden sind die einzelnen Fäden durch subtile Andeutungen, Namen, Orte oder Ereignisse wie zum Beispiel eine das Dorf erschütternde Explosion, den plötzlich orange gekleideten “Dorfstrolch” Heinz oder die heftig begehrte, pubertierende Renate.

Jede der Figuren ist gefangen in ihrer ganz persönlichen Verzweiflung. Die Strategien dagegen sind mannigfaltig: Einer gräbt sich immer tiefer in die Erde, einer geht einmal wöchentlich in den Gartenschuppen, um zu weinen, einer zeichnet im Scheine einer Taschenlampe Heuschrecken ab – und drei alte Männer geben sich mediterrane Namen, essen Oliven, reden über Gramsci und Epiktet und spielen Carambole.

Es ist die siebte von zwölf Runden: “Pause und weiter”. Die Troika, wie sich das famose Dreigespann nennt, findet zusammen, um Carrom zu spielen, zu trinken, zu reden und nachzudenken. Einer spricht immer vom Kollektiv, macht aber alles allein – so ergeht es schliesslich allen Figuren des Romans. Der Zweite ist Paläontologe und der Dritte ist ein Grieche, der sich Korse nennt. Eigentlich heisst er Georg Bär und stammt aus Zürich.

Vieles in “Carambole” ist mysteriös, undurchdringlich, vieles bleibt dies auch am Schluss. Dass die Spannung unaufgelöst bleibt, scheint gerade der Clou der Geschichte zu sein. Die letzten Sätze des Buches lauten: “Ein Sommernachmittag nahm seinen Lauf. Munter und träge zugleich, sorglos und zaudernd. Nichts passierte. Alles passierte.” Eine Explosion hin, eine Leiche und eine Vergewaltigung her: Die Leute sind stumm, manches verändert sich, doch vieles verharrt in der unsagbaren Verzweiflung. Es ist eine Verzweiflung, die von vielen Figuren des Buches geradezu angestrebt wird. Vielleicht, weil es in einem Land wie der Schweiz sonst so wenig davon gibt?

Wir können es nicht wissen, nur vermuten. So wie das Vermuten, das sich auch beim Lesen und Nachdenken über dieses Buch oftmals aufdrängt und auf das nicht erreichbare Wissen verweist. Die Bewohner des Dorfes, sie vermuten, sie glauben zu wissen, sie beobachten und belauschen auf Balkonen, durch Fernrohre, am Strassenrand, in der Kneipe,  an der Wand des Schuppens – doch schlussendlich ist da nur etwas, dessen sie sich immer sicher sein können: ihre eigene Verzweiflung.

Die erzählerische Raffinesse, der unterschwellige Humor, die ewig schwelende, nie aufgelöste Spannung: All diese Dinge machen dieses Buch zu einem hochgradig lesenswerten Roman. Für uns steht fest: Mit “Carambole” ist Jens Steiner ein Werk gelungen, das zu den besten Jahres gezählt werden darf. Wir sind beeindruckt! 

Wertung: 9 / 10

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Bildquelle: http://www.doerlemann.com/index.php?id=521&k=2

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