Rezension: Carsten Sebastian Henn – Die letzte Praline (Pendo, 2013)

Nach Käse und Tee steht im dritten Krimi um Kulinaristikprofessor und Hobbyermittler Adalbert Bietigheim die Schokolade im Mittelpunkt. Trotz einer aufdringlich humoristischen Note und stellenweise holprigem Dialog, ist „Die letzte Praline“ eine clever gestrickte, gleichermassen spannende wie unterhaltsame Kriminalgeschichte.

 

letztepraline

Titel: Die letzte Praline
Autor: Carsten Sebastian Henn
Verlag: Pendo (Piper)
ISBN: 978-3-86612-335-9
Umfang: 368 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Adalbert Bietigheim, ein snobistischer Kulinaristikprofessor, ist als Juryvorsitzender an der Weltmeisterschaft der Chocolatiers in Brügge zugegen. Noch bevor die Veranstaltung ihren Lauf nimmt, taucht die mit Schokolade überzogene Leiche einer jungen Frau auf. Bietigheim, ein Hobbyermittler, wie er im Buche steht – was er in diesem Falle auch tut – wittert Unheil und macht sich an die Aufklärung des Falls. Unterstützt von seinem zornigen, Hair Metal hörenden Begleiter Pit Kossitzke und seinem Foxterrier Benno von Saber geht er seinen Fährten nach. Dabei scheint er seinem  Gegenspieler Polizeikommissar Aspe stets um eine Nasenlänge voraus. Sein erster Geistesblitz aber kommt zu spät: Ein zweiter Mord ist geschehen – und diesmal war eine WM-Teilnehmerin das Opfer.

Schnell erkennt der geistesgegenwärtige (dafür schrecklich altmodische) Professor, dass mehrere Täter ihre Hände im Spiel haben, dass die Morde vielleicht nicht einmal etwas miteinander zu tun haben. Bietigheim ist ein gewiefter Ermittler, dessen columboeske kriminalistische Erleuchtungen nicht immer nachvollziehbar sind. So eilt er denn auch mit Riesenschritten und von legalen Instanzen, i.e. die Polizei um Kommissar Aspe, nahezu ungestört der Lösung des Falls entgegen. Merkwürdige Zaungäste, ein “Jaguarkrieger”, drohende Videobotschaften, schwarzes Glas, ein dritter Mord: Alles Puzzleteile, die sich im professoralen Kopf wie von Geisterhand bewegt zu einem Ganzen zu fügen scheinen. Seine klassisch monologische Beweisführung bringt schliesslich immerhin ein gewisses Mass an Klarheit in die Angelegenheiten. Die Geschichte ist spannend, denn Henn beherrscht sowohl das Alphabet der Kriminalliteratur wie auch das der Kulinarik (Er ist auch Restaurantkritiker und Weinjournalist). Er versteht es, Verdächtige zu schaffen, Leute vom Verdacht zu befreien, Leute von den Toten auferstehen zu lassen und er weiss um die verschiedenen, bisweilen tödlichen Arten, Schokolade einzusetzen. Die Kombination von Spannung (unerwartete Wendungen, dubiose Charaktere,..), Unterhaltung  und kulinarischer Belehrung macht „Die letzte Praline“ zu grundsolider, an gleichnamigem Kino geschulter Popcornliteratur – Verfolgungsjagd inklusive.

Und trotzdem sind da einige Schönheitsfehler. Erstens: Die omnipräsente Unterhaltsamkeit – haarsträubende Vergleiche, eindeutig zweideutige Witzeleien und dergleichen – wirkt oft gewaltsam herbeigeführt, Humor um jeden Preis, wehe dem, der nicht lacht! Zweitens: Der gestelzte Dialog ist jeder sprachlichen Realität enthoben. Zwar wird z.B. deutlich, dass Pit die Sprache der Arbeiterschicht und Bietigheim die Sprache der Akademiker sprechen soll, doch wirkt es oftmals (gewollt oder ungewollt?) dermassen gekünstelt, dass sich ein peinlich berührtes Lachen kaum verkneifen lässt.

Drittens – wobei ich mir nicht sicher bin, ob es sich hierbei um einen Schönheitsfehler oder um eine Meisterleistung handelt – drittens ist es Henn gelungen in Bietigheim einen Ermittler zu schaffen, der dermassen unsympathisch ist, dass ich mir bald einmal gewünscht habe, er wäre doch, wie viele andere Figuren, auch auf irgendeine Art und Weise in einen Mord und/oder Skandal verwickelt und würde vom besoffenen Kommissar Aspe abgeführt oder von einem Mörder im Schokotank glasiert werden. Die Ignoranz und Arroganz mit der Bietigheim seinen Mitmenschen begegnet ist – unappetitlich.

Vorschlaghammerwitz hin, Antipathie her. Im Grossen und Ganzen bietet „Die letzte Praline“ das, was man von einem kulinarischen Krimi erwarten kann: Ein Dreigangmenu aus schwer verdaulichem Mord, bekömmlichem Amüsement und zartbitterer  Essensweisheit. Als Zückerchen gibt’s im Anhang gar noch eine Selektion von Rezepten und ein Schokoladenglossar. Mahlzeit!

WERTUNG: 5.5 / 10

 

2 thoughts on “Rezension: Carsten Sebastian Henn – Die letzte Praline (Pendo, 2013)

  1. campogeno

    warum kauft ihr schmutzige schokolade?
    gestern abend sah ich auf 3sat die investigative dokumentation “schmutzige schokolade II” und ich habe keine ahnung warum die schokoladenindustrie sich überhaupt noch die mühe macht ihr schmutziges kakao-geschäft mit den schoko-sklaven zu vertuschen. sie betrügen, täuschen mit ihren “siegeln” und “labels” und verarschen damit die leichtgläubigen, oder gleichgültigen verbraucher, obwohl die überwiegende mehrheit der schokolade-konsumenten sich einen dreck scheren, woher die billige, aber schmutzige schokolade kommt und es interessiert die schokolade-geniesser überhaupt nicht unter welchen bedingungen die kakaobohnen geerntet werden. ich kann seit über 10 jahren keine schokolade mehr essen, sie würde mir im halse stecken bleiben oder zu anwiderndem brechreiz führen.
    http://campogeno.wordpress.com/2013/12/14/warum-kauft-ihr-schmutzige-schokolade/

    Reply
  2. Pingback: Die letzte Praline : Schaurig-schöne Schokoladenmorde in Brügge | Le Gourmand – Das Genießer-Magazin

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