“Ich mag nicht Bücher lesen”: Zu einem Essay von Robert Musil.

Der grosse österreichische Schriftsteller Robert Musil würde heute seinen 133. Geburtstag feiern. Sein monumentales Romanfragment „Der Mann ohne Eigenschaften“ sowie sein schmaler Erstling „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“ sind vorwiegend literaturwissenschaftliche Prestigeobjekte. Daneben gibt es interessante Novellen, ein Schauspiel, Briefe und vor allem Essays zu entdecken. Einen solchen möchten wir heute vorstellen.

musil

Im ersten Abschnitt des Essays „Bücher und Literatur“ aus 1926 schreibt Musil: „Ich mag nicht Bücher lesen.“ Im Folgenden führt er aus, dass er abgesehen von wissenschaftlichen Werken und ganz schlechten Romanen seit Jahren kein Buch zu Ende gelesen habe. Er spricht von einem unaufgeklärten Widerstand, der sich in ihm gegen das erhebt, was „wirklich eine Dichtung“ ist. Wie Musil wohl ein Werk wie seinen späteren Mann ohne Eigenschaften zu der Zeit beurteilt hätte?

In seiner gewohnt eloquenten Manier, sprachlich souverän und mit stringenter Argumentationsführung, dringt er zu den Kernproblemen des Schreibens, Lesens und Kritisierens der Zeit vor. Selbst in vielen seiner Essays ein bissiger Kritiker von wortreicher Boshaftigkeit, teilt er auch hier schlagfertig aus: Er prangert den „Moralkitsch“ an, mit dem die Deutschen ihre Genieliteratur betrieben, eine Literaturauffassung die vom Schriftsteller als ungewöhnlichem Menschen ausgehe, und sei er auch nur „ungewöhnlich gewöhnlich“. Er zerlegt die „Mieselsucht“ der einzelnen Disziplinen, jeweils nur ihre eigene Sparte als dem Fortschritt verpflichtet und Genies produzierend zu betrachten. Er schimpft über Kritiker, die leichtfertig zum Superlativ greifen, staunt, nüchterner Beobachter, der er war, „über die Heftigkeit augenblicklicher Wirkungen, von denen in den meisten Fällen wenige Jahre später nichts mehr zu sehen ist.“ Musil klagt die hermetisch voneinander abgedichteten Kreise an, die sich um gewisse nur von ihnen als solche erkannten Genies bilden. „Es ist gar nicht zu sagen, wie viele Roms es gibt“, sagt er, „in deren jedem ein Papst sitzt.“

Schliesslich gelangt er zur These, dass es ein System geben muss, das über den einzelnen Dichtern steht, er erkennt, „dass die Literatur wichtiger ist als ihre Richtungen“. Er stellt sein Literaturideal her:

„Die menschliche Bemühung, welche Tausende von Menschen, und darunter sehr begabte, darauf richten, ein Gedicht oder einen Roman zu schreiben, kann unmöglich damit erschöpft sein, dass diese einer Anzahl Leser gefallen.“

Und mit Literatur meint er – was uns als Rezensenten besonders erfreuliche Musik in den Ohren ist – auch die Kritik. In einem definierenden Absatz heisst es:

„Ein solches Aggregat von Lesern und Büchern wird erst dann zur Literatur, wenn zu der Summe der Werke der Inbegriff der verarbeiteten Leseerfahrungen hinzukommt. Oder mit anderen Worten: die Kritik.“

Kritik, sagt er, „ergänzt die ideologischen Ergebnisse zu einer Überlieferung.“ Während er wiederum zur Kritik, diesmal an den Kritikern, ausholt, die „Mein-Eindrucks Kritik und die Kritik der Vokabelraketen“ verwirft, gelangt er schliesslich zum Ergebnis, das den Aufsatz beschliesst: Da die Kritik durch einen „endlosen Prozess von Revisionen“ entstehe, nämlich durch die kritisierten Objekte (Bücher) selbst, habe sie das Recht zu irren. „Denn jedes bedeutende Werk hat die Fähigkeit, alles umzustürzen, was man vor ihm geglaubt hat.“

Die undogmatische, stets von charmantem Humor durchwirkte Art und Weise, in welcher Musil essayistisch seine Anliegen zu verarbeiten pflegte, sucht in ihrer Frische bis heute in der deutschen Literatur ihresgleichen. Es erscheint erstaunlich, dass diese Arbeiten Musils im Gegensatz zu seinen beiden Romanen bis anhin so viel weniger Beachtung gefunden haben.

Weitere Aufsätze liegen in der Sammlung Essays vor. Viele Texte lassen sich auch gratis bei ProjektGutenberg  einsehen.

 

Bildquelle: http://moniquespassions.com/the-words-that-make-sense-brilliant-writings-by-writers/robert-musil-on-art/

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