Rezension: Arnon Grünberg – Couchsurfen und andere Schlachten (Diogenes, 2013)

Erstmals liegen die neunzehn hier versammelten Reportagen auf Deutsch in Buchform vor. Welten- und Textesammler Ilija Trojanow hat sie zusammengestellt und mit einem Vorwort versehen. Die Reportagen berichten etwa von einem Europatrip als Couchsurfer, einer Brautsuche in der Ukraine, einer Reise durch Transnistrien oder einem Camp der niederländischen Armee in Afghanistan. Grünberg versteht es, Balance zu halten zwischen den Abgründen, die sich auftun, und der Komik, die all diesen Geschichten innewohnt.

arnongrünberg

Titel: Couchsurfen und andere Schlachten
Autor: Arnon Grünberg
Übersetzung: Rainer Kersten
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-06870-2
Umfang: 480 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Die „Mülltonnen der Geschichte“ seien es, heisst es in einer Reportage aus dem Kosovo, die ihn faszinierten. So begibt sich Grünberg, oftmals unter fadenscheinigen Vorwänden oder gar unter falschem Namen, an geradezu unwahrscheinliche Orte: Ins düstere Transnistrien, in ein afghanisches Armeecamp, in ein niederländisches Neubauviertel.

Überall findet er die Menschen, deren Geschichten zu erzählen sich lohnt, und lässt sie zu Wort kommen. Sei es ein niederländischer Sergeant, der Käse und Käsehobel mit in den Krieg nimmt, eine tschechische Sofaanbieterin, die sich vornehmlich von Bananensaft mit Rum ernährt oder den Bruder des inhaftierten Politikers Radovan Karadzic.

Grünberg gelingt es hervorragend, den Geschichten dieser Leute den nötigen Freiraum zu gewähren. Durchmischt werden sie mit Reflexionen zur Weltgeschichte, Gedanken zur Gegenwart, bisweilen lakonischen Schlussfolgerungen („Was für Holland die Tulpe, ist für den Kosovo die Geldwäsche“). Nur selten bemüssigt sich der Autor, über sich selbst zu sprechen. Distanz zu wahren – so heisst es in einer dieser Stellen – sei die Kunst, die er am besten beherrsche. Und das ist gut so. Dieser Distanz ist es zu verdanken, dass Grünberg mit seinen Reportagen sowohl als Ethnologe wie auch als Schriftsteller reüssiert. Er hält sich raus, stellt hie und da die richtige Frage, deutet eigene Meinungen an.

„Im Geheimen diene ich dem Gott der Literatur“, heisst es, „alle anderen Götter haben sich als Betrüger erwiesen, nur der Gott des Handels ist mir noch heilig: Mensch werden heisst, sich auf den Markt zu begeben!“ Arnon Grünberg ist ein moderner Schriftsteller; einer, der das Verfassen von Texten aus ästhetischer wie auch ökonomischer Perspektive betrachtet; einer, der die Idee „romantischer Armut“ verwirft, sich dem sogenannt echten Leben, ausserhalb von „blossen Derivaten des Literarischen“ stellt. Und wer sich dem Leben stellt, kommt nicht umhin, sich auch seinem Ende stellen  zu müssen, so z.B. im Armeecamp KAF in Afghanistan. Und gerade im Angesicht des Todes gelangt der Autor zu einer verblüffenden Einsicht über das Leben: „Sie wollen mich töten, also bin ich.“ – Es sind Sätze und Gedanken wie dieser, die den Wert dieses abenteuerlichen Hinausgehens in die Welt unterstreichen.

Grünbergs bescheidene, doch stets elegante Sprache, sein Auge für das nur scheinbar Banale und sein Humor machen alle hier versammelten Reportagen zur vergnüglichen und zugleich nachdenklich stimmenden Lektüre. Schliesslich vermag man nicht zu sagen, wo die Abgründe und die ihnen eigene Komik stärker sind: inmitten eines Kriegsgebiets oder beim gemeinschaftlichen Obstpflücken in der holländischen Vorstadt.

WERTUNG: 8 / 10

One thought on “Rezension: Arnon Grünberg – Couchsurfen und andere Schlachten (Diogenes, 2013)

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