Rezension: Jagoda Marinić – Restaurant Dalmatia (Hoffmann und Campe, 2013).

In ihrem Roman „Restaurant Dalmatia“ widmet sich Jagoda Marinic den Themen der Identitätssuche, der Heimat, des Fremdseins. Angesiedelt zwischen Mauerfall und Balkankrieg ist dabei nicht nur eine zu Herzen gehende Familiensaga entstanden, sondern auch ein gut informiertes Panoptikum der neueren Europäischen Geschichte.

jagoda

Titel: Restaurant Dalmatia
Autorin: Jagoda Marinic
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-40457-9
Umfang: 240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Nach ihrer ersten erfolgreichen Ausstellung fällt die in Toronto lebende Fotografin Mia Markovich in ein psychisches Tief und beschliesst, sich mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen. Vergangenheit, das heisst in ihrem Falle zunächst Berlin-Wedding. Der Ort, an dem sie aufgewachsen ist. Der Ort, an dem ihre Tante Zora das titelgebende Restaurant Dalmatia führt. Hier, im Schatten der Mauer, hat sie ihre Kindheit und Jugend verbracht, hat gelernt, dass für Deutsche Ausländer einfach Ausländer sind, egal woher sie stammen, und dass es schwer ist, als Gastarbeiter an einem neuen Ort Heimat zu finden. Und noch schwieriger mitzuerleben, wie in der echten Heimat (Kroatien) der Krieg alles verändert, eine Rückkehr nicht mehr möglich erscheint.

In sprunghaften, assoziativen Kapiteln nähert sich Mia ihrer eigenen Vergangenheit und der ihrer Familie, ja ihres ganzen Volkes an. Tante Zora kommt zu Wort, deren Sohn Ivo, Mias Vater Marko, die Mutter, die Geschwister und der verarmte spanische Übersetzer Jesus, der Mia einst das Leben gerettet hat… Sie alle haben ihre eigene Vision von Heimat und Identität, ihre eigenen Erinnerungen. „Erinnerungen sind dein Leben, Mijo, dein Anker“, sagt Zora. Doch Mia, bestrebt sich neu zu erfinden, kann in den Erinnerungen ihrer kroatischen Familie, ihren Geschichten von Krankheit und Zerfall, ihrer katholischen „Sehnsucht nach Leid“ und ihrer Ambitionslosigkeit, nicht den Halt finden, nach dem sie sucht. Sie will jene finden, zu denen sie passt: „Die Deutschen nennen das Wahlverwandtschaft. So ein Wort habt ihr [die Kroaten] gar nicht, ihr habt nur Schicksal und o weh.“

Jagoda Marinic ist mit „Restaurant Dalmatia“ ein Roman gelungen, der sich trotz seinem relativ kleinen Umfang diesen grossen Themen Heimat und Identität mit respektvoller Tiefe, aber auch mit der nötigen Prise Humor nähert. Die Handlungsführung ist nicht chronologisch, sondern zumeist an den einzelnen Figuren und ihren jeweiligen Geschichten orientiert, was keinesfalls irritierend, sondern erfrischend unkonventionell wirkt. Die Sprache ist klar, elegant, mit einem feinen Gespür für Sätze, die haften bleiben. Ein Text, der unterhält, erfreut und gleichermassen anregt zum Weiterdenken.

WERTUNG: 8 / 10

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