Rezension: Ulrich Tukur – Die Spieluhr (Ullstein, 2013).

Zwischen Künstlernovelle und romantischer Schauermär bewegt sich der neue Text von Schauspieler, Musiker und Autor Ulrich Tukur, der in „Die Spieluhr“ die Geschichte des 2008er-Films „Séraphine“ ins Phantastische weiterspinnt. Vielleicht ist da eine Welt hinter der Leinwand, ja vielleicht gar unendlich viele Welten.

tukur_spieluhr

Titel: Die Spieluhr
Autor: Ulrich Tukur
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3-550-08030-2
Umfang: 151 Seiten, gebunden

Der Ich-Erzähler ist Schauspieler. In einem Film über die französische Putzfrau/Malerin Séraphine Louis spielt er deren Entdecker und Förderer, den Kunstsammler Wilhelm Uhde. Soweit die Parallelen zu Autor Tukurs Leben als Schauspieler. Unter Einbezug etlicher Filmszenen spinnt er die Geschichte jedoch weiter, tief hinein in den schwarzromantischen Wald der phantastischen Literatur.

Da hängt einer an einer Linde, die im Winde schwankt. Es ist Regieassistent Jean-Luc, der auf einer Fahrt durch die Picardie auf ein verwunschenes Schloss gestossen ist. Jenes Schloss, in dem Séraphine, dem Wahnsinn anheimgefallen, gewohnt haben soll. Als andere Crewmitglieder des Filmsets zusammen mit Jean-Luc den Ort aufsuchen wollen, ist er nicht mehr auffindbar. Sie halten den Assistenten für verrückt, er flieht, kehrt zurück, um dem Ich-Erzähler seine Abenteuer mitzuteilen, wird darauf am Ast der Linde baumelnd aufgefunden.

Der Erzähler erhält posthum einen Brief des Verstorbenen. Er enthält ein unbeschriebenes Blatt Papier.

Kurz darauf gelangt er selbst in eine andere Wirklichkeit, trifft zur Zeit des Zweiten Weltkriegs auf den Major Friedrich von Rotha, auf das Bild der vollkommen schönen Marquise Marie-Elisabeth, auf die titelgebende Spieluhr, auf ein Cembalo-spielendes Wunderkind namens Amadé, auf Séraphine – kurzum: auf die verworrenen Geheimnisse des verwunschenen Herrenhauses Montrague. Und plötzlich, Spielball unzähliger verwobener Wirklichkeiten, fragt er sich, ob sein „tatsächliches Leben als Schauspieler […] niht schon eine Schimäre war und ein Ursprung, eine eigentliche, eine wirkliche Wirklichkeit gar nicht existierte?“

Virtuos, wie die Kritikersprache so oft sagt, schreibt sich Tukur durch die verschiedenen, drei Jahrhunderte umspannenden Realitäten, geschickt kombiniert er die „wirkliche Wirklichkeit“ (Séraphine, Wilhelm Uhde usw.) mit einer fiktiven Welt (Friedrich von Rotha, der Komponist Giambattista Vialli, dessen göttliche Melodien die Spieluhr von sich gibt) – doch zum Schluss ist sich auch der Leser nicht mehr so sicher, was denn nun wirklich ist und was nicht..

Wertung: 7.5 / 10

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