Rezension: Jurek Becker – Irreführung der Behörden (Suhrkamp, 1975)

Beckers zweiter Roman “Irreführung der Behörden” (zuerst Hinstorff, 1973), für den er mit dem Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen sowie mit dem DDR-Nationalpreis II.Klasse für Literatur ausgezeichnet wurde, erzählt die grandiose Geschichte des Liebens und Versagens von Gregor Bienek. Es ist nicht nur eine bis in die skurrilen Details einfallsreiche Geschichte, sondern auch eine immergrüne Parabel auf die fatalen Zusammenhänge von Liebesglück und finanziellem Wohlstand.

Zu Beginn der “Ersten Geschichte”, des ersten von drei Teilen, lernt man den Protagonisten Gregor Bienek kennen, der aus der Ich-Perspektive erzählt. Er ist mittelmässiger Jurastudent im Ostberlin des Jahres 1959. Eigentlich möchte er sein Leben der Schriftstellerei widmen, schreiben tut er freilich nicht. Es bleibt bei einer Menge Ideen, die von Verlagen meist abgelehnt werden. Ständig hat er mit Geldnöten zu kämpfen, die sich verschärfen, als seine Freundin Lola schwanger wird und sie eine Abtreibung finanzieren müssen. Zu Ende der “Ersten Geschichte” erreichen die Probleme ihren Höhepunkt, als Lolas Vater bei einem Autounfall stirbt. Sie selbst überlebt schwer verletzt. Jetzt erst erkennt der bislang eher gleichgültige Gregor seine Liebe zu ihr.

Hier folgt der Einschnitt: Es beginnt der mit “Roman” betitelte zweite Teil, in welchem überaus nüchtern und stichwortartig die folgenden sieben Jahre geschildert werden. Im Vergleich zur Ersten Geschichte, wo die Ereignisse weniger Monate auf über 150 Seiten ausgebreitet werden, ist der “Roman” gerade einmal acht Seiten kurz. Im gerafften Zeitmodus erfährt man von Gregors Studienabbruch, seinem Durchbruch als Drehbuchautor, Heirat mit Lola, Geburt der Tochter Anna, Aufbau eines finanziell gesicherten Familienlebens.

Im dritten Teil (“Zweite Geschichte”) zuletzt findet sich erneut die Erzählsituation des ersten Teils. Das Ehepaar befindet sich in einer tiefen Krise, Gregors Skrupellosigkeit und Gleichgültigkeit bestimmen ihn wieder, selbst einem Seitensprung folgt keinerlei schlechtes Gewissen, Lola und er reden kaum mehr. Wie zuhause gelingt es ihm auch im Beruf nicht mehr, seine Ansichten und Meinungen zu verteidigen. In verlogener Bequemlichkeit lässt er die Fremdbestimmung eines Drehbuchs durch den Regisseur Pokorny über sich ergehen. In der letzten Szene kommt es darüber – über die Belanglosigkeit seiner Texte genau – zu einer Aussprache mit Lola, die in einem für die Leser auf beide Seiten, die positive wie die negative, hin interpretierbaren Ende mündet.

Die mit wachsendem beruflichem Erfolg zunehmende Entfremdung von Lola, von der Liebe, von seiner Partnerschaft, die sinkende Hingabe, kann als Kernaussage des Textes verstanden werden. Durch die Ich-Erzählperspektive, die alles aus der eingeschränkten Sicht Bieneks zeigt, wird besonders deutlich, wie sich die Verwandlung vollzieht. Während im ersten Teil der starke emotionale Bezug zu den Dingen, die ihn beschäftigen, deutlich ist, fällt im “Roman” kein Wort zu seiner Beziehung zu Lola, von den harten Fakten – Heirat, Geburt – abgesehen. Bieneks Fehler, so zeigt schliesslich der dritte Teil, ist die Unfähigkeit, den direkten Zusammenhang von Erfolg im Beruf und Misserfolg in der Liebe zu erkennen.

Becker gelingt es ausgezeichnet, diese komplexen emotionalen Vorgänge markant, präzise und auch unterhaltsam zu formulieren. Seine Sprache ist deutlich, ohne grosse Schnörkel, und doch voller dezenter Andeutung. Eine hervorragende Lektüre!

RATING: 8 / 10

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