Rezension: Hans Erich Nossack – Das Mal und andere Erzählungen (Suhrkamp, 1963)

Die drei in diesem Sammelband der edition suhrkamp enthaltenen Erzählungen – “Das Mal” (1949), “Am Ufer” (1951) und “Die Schalttafel” (1953) – geben einen hervorragenden Einblick ins Schaffen des Autors Hans Erich Nossack und die grossen Themenkreise, die ihn umtrieben: Die Mechanisierung des Lebens, das Unmenschliche, das Verhältnis des Menschen zum Tod.

Von den drei Erzählungen, die allesamt dem Roman “Spirale” (1956) entnommen sind, bietet insbesondere die letzte und längste – “Die Schalttafel” – eine enorme Fülle an Interpretationsmöglichkeiten. Erzählt wird vom Chemiker Schneider, der über “die sogenannte Menschheit” nicht viel Gutes zu berichten weiss, sie gar “als eine überwundene Erdschicht” zu betrachten gewillt ist. Nichtsdestotrotz hat er sich der Obsession verschrieben, ein gesellschaftskonformes Leben zu führen, niemandem zur Last zu sein, aber auch nicht aufzufallen. Mittels seiner Erfindung, der Schalttafel, hat er sämtliche Ereignisse seines Lebens bis ins letzte Detail vorausgeplant. Gelegen ist ihm hierbei an einer perfekten Beherrschung der Zeit, in der er zu einem bestimmten Zeitpunkt vollends aufgehen möchte, ohne dabei sein körperliches Dasein aufgeben zu müssen. Sollte dies aber nicht gelingen, sagt er, “werde ich mich unauffällig beseitigen.”

Dieser Zeitpunkt markiert den Topos der Grenze, die auch in den anderen beiden hier vorliegenden Erzählungen von zentraler Bedeutung ist. In “Das Mal” markiert ein stehend erfrorener Mann mit einem Lächeln auf den Lippen die Grenze, an die ein ausgezehrter Expeditionstrupp inmitten polarer Ödnis gelangt. In “Am Ufer” wiederum ist es der Fluss, den der Erzähler zu überqueren gedenkt, um in verbotenes Gebiet zu gelangen. Es ist eine Flucht, die er anstrebt, eine Flucht vor der Unmenschlichkeit menschlichen Daseins, die ihn einzig in seiner zwanglosen Liebe zur Kellnerin Nellie nicht belastet. Es ist eine zutiefst menschliche Liebe, die hier geschildert wird. Im Gegensatz zur Funktion der Liebe in “Die Schalttafel”, wo sie für Schneider eben tatsächlich nur das ist: eine Funktion. Die schiere Überforderung Schneiders mit der Zweigespaltenheit des Menschen als psychisches und physisches Wesen, mündet in seiner Funktionalisierung aller Lebensabläufe. Es ist ein beeindruckendes, obschon (bzw. gerade weil) höchst beängstigendes Psychogramm eines Menschen, das Nossack hier entwirft.

RATING: 7 / 10

 

 

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