Neuübersetzung: Bruno Schulz – Das Sanatorium zur Sanduhr (dtv, 2013)

Ein Band mit gesammelten Erzählungen des polnischen Schriftstellers Bruno Schulz, betitelt “Das Sanatorium zur Sanduhr” (Original: “Sanatorium pod klepsydra”, Warschau 1937) liegt in einer vollständigen Neuübersetzung von Doreen Daume beim Deutschen Taschenbuchverlag vor. Ergänzt wird die Sammlung durch 15 Illustrationen des Autors. Die Ausgabe lässt uns einen wenig beachteten Meistererzähler und Sprachkünstler (wieder)entdecken.

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Titel: Das Sanatorium zur Sanduhr
Autor: Bruno Schulz
Übersetzung: Doreen Daume
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-14206-9
Umfang: 367 Seiten, Taschenbuch

Die Zeit in all ihren Ausprägungen und Texturen bildet den thematischen Schwerpunkt der hier versammelten Erzählungen. Stets eloquent und sprachmächtig, von erstaunlich plastischer Formulierbegabung geprägt, schreibt Schulz über “die verrinnende, die stagnierende, die wuchernde und sich verästelnde Zeit” (Klappentext). Bei einigen der hier versammelten Texte handelt es sich zwar um unauffällige (obschon zu jeder Zeit stilsichere und dadurch lesenswerte) Fingerübungen des Autors, jedoch finden sich in gleichem Masse brillant komponierte Erzählungen.

Unter letzteren ragen insbesondere der titelgebende Text sowie die Eröffnung des Bandes, “Das Buch”, heraus. In der Titelerzählung lässt der Autor sein liebstes Motiv, eben die Zeit, in geradezu magisch-realistischer Manier einfach stillstehen: Wer zuhause gestorben ist – so wie der Vater des Erzählers -, lebt im Sanatorium weiter, “innerhalb der situationsbedingten Grenzen”. Meist schlafen die Bewohner, führen Angefangenes beim Aufwachen aber nahtlos weiter. Das sogenannte Zeit-Gefühl geht unwiederbringlich verloren. Die Zeit zerfällt so, dass man plötzlich das Gefühl hat, eine Person sei gleichzeitig an mehreren Orten. Es gelingt Schulz in dieser Geschichte auf hervorragende Weise, unser alltägliches Zeitverständnis mit einigen wenigen Kunstgriffen zu verrücken. Zuweilen gemahnt diese Technik an Franz Kafka, mit dessen Werk Bruno Schulz als sein Übersetzer ins Polnische bestens vertraut gewesen ist.

In der zweiten herausstechenden Erzählung, “Das Buch”, steht eine weitaus materialistischere Dimension der Zeit im Mittelpunkt: Der sprichwörtliche “Zahn” der Zeit, der an allem Material nagt, und auf diese Weise auch Das Buch – grosses D, grosses B – zerfallen lässt, das dem Ich-Erzähler die Welt bedeutet. Das Buch steht im Mittelpunkt einer prototypischen Schulz’schen Erzählung, in der es vor grotesken Figuren und subtilen phantastischen Elementen nur so wimmelt. In einem bezeichnenden Abschnitt heisst es:

“Irgendein Ereignis und sei es noch so klein und armselig […], kann doch aus der Nähe betrachtet in seinem Inneren eine unendliche und strahlende Perspektive eröffnen, wenn in ihm ein höheres Dasein heftig seinen Glanz aussendet, weil es bestrebt ist sich auszudrücken.” 

Und genau hierin liegt die grösste Stärke des Erzählers Bruno Schulz: Das Geringe, das Alltägliche, das Normale ins Phantastische, Grossartige zu überführen. Eine Kunst, deren Beherrschung besonders in den beiden hier hervorgehobenen Erzählung, aber auch in vielen anderen den Reiz dieses Autors ausmacht. Eine Entdeckung, die sich auf jeden Fall lohnt!

RATING: 7,5 / 10

http://www.dtv.de/buecher/das_sanatorium_zur_sanduhr_14206.html

http://www.amazon.de/Das-Sanatorium-zur-Sanduhr-Erz%C3%A4hlungen/dp/3423142065/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1372945990&sr=1-2

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