Rezension: Arnon Grünberg – Amour fou (Diogenes, 2013)

Arnon Grünbergs Roman “Amour Fou” , der 2000 auf Niederländisch (“De geschiedenis van mijn kaalheid”) und 2007 auf Deutsch unter dem Pseudonym Marek van der Jagt erstveröffentlicht wurde, liegt neu mit Autorname Arnon Grünberg und einem Vorwort von Daniel Kehlmann bei Diogenes vor.

In diesem Vorwort erfährt man Interessantes zur ganzen Pseudonym-Geschichte. Es bedurfte findiger niederländischer Journalisten, die entdeckten, dass E-Mails von Marek van der Jagt aus New York (Grünbergs Wohnsitz) versendet wurden, und eines besonders hartnäckigen italienischen Linguisten, der die “grammatische Signatur” des van der Jagts als identisch mit derjenigen Grünbergs erkannte, um den Autor aus seinem Versteck hervorzulocken und das Pseudonym fallen zu lassen.

So absurd, wie diese Anekdote anmutet, geht es auch im Leben jenes Marek van der Jagt zu und her, der als Ich-Erzähler von “Amour Fou” fungiert. Als Philosophiestudent in Wien findet er sich besessen vom Glauben an die titelgebende leidenschaftliche Liebe. Als er den beiden Luxemburgerinnen Andrea und Milena begegnet, glaubt er der Erfüllung seines Traumes ganz nah; gemeinsam mit seinem neurotisch die Hände einölenden Bruder Pavel, der Starmusiker werden will, verbringen sie die Nacht. Während Pavel Spass hat und körperliche Erfüllung findet, macht Marek eine schreckliche Entdeckung: ihm wird eröffnet, er habe den Penis eines Zwergs. Von da an bestimmt einzig und allein diese Erkenntnis sein Leben.

Umgeben von seinem Vater, der alle familiären Probleme ganz bewusst ignoriert, seiner Mutter, die unzählige Affären hat und ebenfalls eine Meisterschaft in Ignoranz zur Schau stellt, seinem Bruder Pavel und seinem Bruder Daniel, der ständig in Ohnmacht fällt, geht er durchs Leben. Die Szenen im Kreise der Familie – einer Familie, in der alle aneinander vorbeireden und aneinander vorbeileben – sin die besten, absurdesten und unterhaltsamsten des ganzen Buches. Bisweilen denkt man an die genialen Dialoge eines Woody Allen.

Ohne in den Kitsch abzudriften, lässt Grünberg seinen Protagonisten die Beichte seines Lebens ablegen, die mit einer schockierenden Enthüllung ihr Ende findet. Getragen von trockenem, lakonischem Humor, skurril-komischen Situationen und herrlich überspitzten Charakteren wird die Geschichte zu keinem Zeitpunkt langweilig. Einzig die Überdosis an an den Haaren herbeigezogenen Metaphern ist zuweilen störend, doch alles in allem handelt es sich hierbei um einen unbedeutenden Kritikpunkt an einem jederzeit unterhaltsamen Buch.

“Ich habe vor Arnon Grünberg Angst”, schreibt Kehlmann zu Beginn des Vorworts. Und die Art der Angst scheint mir begründet: Der Schrecken, die Obsessionen und Begierden, die sich hinter den Fassaden der höflichen, anständigen Bürger verbergen, die die Geschichte bevölkern. Höfliche, anständige Bürger, denen man jeden Tag auf der Strasse begegnet, überall.

RATING: 7,5 / 10

http://www.diogenes.ch/leser/katalog/nach_autoren/a-z/g/9783257300123/buch

http://www.amazon.de/Amour-fou-Arnon-Gr%C3%BCnberg/dp/3257300123

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