Von brennenden Dackeln und schmerzenden Molaren: Günter Grass – “örtlich betäubt” (1969)

Intellektuell verstiegenes Manifest eines sozialdemokratischen Biedermanns oder Zeugnis literarisch reflektierter Reife? “örtlich betäubt” war Günter Grass’ erster Roman nach der vielerorts umjubelten Danziger Trilogie (“Die Blechtrommel”, 1959; “Katz und Maus”, 1961; “Hundejahre”, 1963). In ihm finden wir heute nicht nur das anregende Zeugnis einer Zeit, als Literatur, Kritik und Politik noch enger verschränkt waren als heute, sondern auch ein faszinierendes literarisches Dokument und einen oftmals übergangenen Meilenstein im Leben und Schaffen seines Autors.

Für “örtlich betäubt” verliess Grass den Schauplatz der Trilogie und rückte in Westberlin ein. Er verliess das generationenweit unter den Röcken der Grossmutter ausholende Erzählen und gab stattdessen der Gegenwart den Vorrang. Er missachtete das, was in der “Danziger Trilogie” die Glorie des Romans betonte, und versuchte sich an einer manchmal ziemlich fordernden stilistischen Collage. Er war nun nicht mehr der Revolutionär, den manch ein Kritiker in ihm gesehen haben mag, sondern der gezähmte Widerspenstige, der biedere Sozialdemokrat.
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Veröffentlicht 1969, auf dem Höhepunkt von Grass’ persönlicher politischer Aktivität, ist der Roman einerseits Aufarbeitung von politischer Kritik, andererseits intellektuelles Plädoyer gegen die revolutionäre Tat.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht, als erzählendes Ich, der Lehrer Eberhard Starusch: in seinen Vierzigern, zum Studienrat “für Deutsch und also Geschichte” umgepolter Jugendbandenführer, einst Maschinenbaustudent mit geplanter Karriere im Zementgewerbe. In seinem gegenwärtigen Umfeld beschäftigt ihn vor allem der Schüler Philipp Scherbaum und dessen Planen, seinen Dackel Max auf dem Kurfürstendamm vor den tortenspachtelnden Damen in den Kaffeehäusern bei lebendigem Leib in Brand zu setzen: ein Zeichen gegen die Napalm-Verbrechen im fernen Vietnam. Staruschs mit Vernunftargumenten gestützte Resignation gegen Scherbaums von Angst gelenkten Willen zur Tat – dies ist der zentrale Konflikt des Romans. Den Sieg, das sei vorweggenommen, trägt die Resignation davon:

“Auch Scherbaum wird zu einem stehenden Gewässer. Da ihn die Welt schmerzt, geben wir uns Mühe, ihn örtlich zu betäuben. (Am Ende werden der Elternrat und das Lehrerkollegium den Schülern eine Raucherecke bewilligen, genau abgezirkelt hinter dem Fahrradschuppen.)”

Die Ironie liegt in “örtlich betäubt” stets offen zutage: Wie soll einer in Westberlin ein Zeichen gegen die Kriegsverbrechen in Südostasien setzen können, wo es doch schon schier unmenschlicher Anstrengungen bedarf, im Schulhaus eine Raucherecke bewilligt zu bekommen?

Das entmutigte Aufgeben hochtrabender revolutionärer Pläne zugunsten des gleichgültigen Lebens derer, die “schon alles hinter sich haben” steht im Mittelpunkt. Die reformistischen Tendenzen stiessen vielen deutschen Rezensenten sauer auf: Hellmuth Karasek schrieb in der Zeit: “Das Buch gibt Pfötchen, anstatt die Zähne zu zeigen.”, Rolf Becker im Spiegel beklagte Grass’ Verlust der “drastischen Konkretionen seiner Erzählphantasie und Sprachlust”, die ersetzt würden durch argumentativ gegen die Ideologie anschreibende Prosa.

Der Dialog Starusch – Scherbaum bildet nicht das einzige Streitgespräch des Romans. In der Person der Lehrerin Irmgard Seifert tritt eine ehemals dem Nazi-Regime verschriebene Person auf, die ihr Leben der Frage widmet, ob es für sie jemals Erlösung geben kann; Staruschs ehemalige Verlobte Sieglinde Krings tritt als Figur in imaginären Szenarien des Erzählers in Erscheinung, während derer sie ihren unbelehrt aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Vater, zur Vernunft zu bringen sucht; und Vero Lewand letztlich, Scherbaums Freundin, fungiert als kompromisslose Revolutionärin, die sich allen Anpassungsreden Staruschs verweigert.

Die unterschiedlichen Erzählebenen überlappen sich ständig – eine Unterscheidung zwischen fiktiven, sich im Kopf des Erzählers abspielenden Ereignissen und tatsächlichen Geschehnissen der Geschichte fällt bisweilen schwer. Die Rahmung des Ganzen bilden Staruschs Besuche bei und Telefongespräche mit seinem philosophisch bewanderten Zahnarzt, der die “grosse allesumfassende Weltkrankenfürsorge, die uns nicht regiert, sondern versorgt, die uns nicht ändern will, sondern wird, die uns, wie schon Seneca sagt, Musse für unsere Gebrechen schenkt” predigt. Er wird zunehmend zur ersten und wichtigsten Vertrauensperson des Studienrats.

Die überstrapazierten Zahnschmerz-Metaphern, die zuweilen vielleicht etwas intellektuell verstiegenen theoretischen Reflektionen, die anbiedernde Quintessenz: all dies hat dem Roman zur Zeit seiner Erstveröffentlichung teils scharfe Kritik eingetragen (Dies, notabene, vor allem in Deutschland. In den USA etwa wurde der Roman frenetisch gefeiert, Grass schaffte es 1970 gar als erster deutscher Literat nach dem Krieg auf die Titelseite des Times-Magazins, Untertitel: “A Man Who Can Speak To The Young”).

Aus meiner heutigen Perspektive – der Perspektive eines Mitteleuropäers, der 1969 noch nicht auf der Welt war – erscheint “örtlich betäubt” als stilistisch irritierendes, aber hochinteressantes sozio-politisches Stimmungsbild eines zeitlich und örtlich bestimmten Milieus (Westberlin 1969), dessen Behandlung zentraler Konflikte aber durchaus auch für die heutige Zeit brauchbare Anregungen bietet. Gerade die Fragen nach Sinn oder Widersinn revolutionärer Taten und der angemessenen Reaktion auf nur aus der Ferne wahrgenommene Greuel scheinen mir 2016 ebenso dringlich und relevant.

“Ein unendlich tiefes Verlangen nach Beständigkeit”: Jón Kalman Stefánsson – “Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit” (2001)

“In diesen Jahren ist mir klar geworden, dass niemandem die glückliche Gabe verliehen ist, sein ganzes Leben lang Kind zu bleiben. Man wird älter, hört auf Kind zu sein, wird zu gross, zu ernst. Manchmal habe ich den Verdacht, Erwachsene sind gestorbene Kinder. Wenn es so ist, dann ist auch meine Schwester gestorben und eine Frau ist an ihre Stelle getreten, eine blöde Kuh in roter Unterwäsche.”

Im Roman “Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit” (2001), mit dem Jón Kalman Stefánsson 2004 für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert war, erzählt der isländische Autor eine einfache Coming-of-Age-Geschichte, die mit ihren unverblümten Metaphern und den zwischen Lustigkeit und Melancholie schwankenden Betrachtungen zu gefallen weiss.

Etwas irritierend ist zunächst die Erzählperspektive: ein Ich-Erzähler, ungefähr vierzig Jahre alt, erzählt rückblickend von seiner ersten Auslandsreise, in einem Sommer, als er gerade einmal zehn Jahre jung war (ca. 1971/72). Von Reykjavik, wo er mit Vater und Stiefmutter lebt, geht die Reise in die südnorwegische Ölmetropole Stavanger, wo die ältere Halbschwester mit den Grosseltern lebt. Obschon im Erwachsenenalter erzählt, wird die naive Perspektive des Zehnjährigen entfaltet, dessen Welterfahrung noch auf dem Grundprinzip des Staunens basiert.

Der Junge begegnet im sommerlich warmen Norwegen zunächst seiner Familie – dem fantasiebegabten Grossvater, der zu seinem Verbündeten wird, der stählernen Grossmutter, die den Haushalt mit harter Hand führt, und der Halbschwester, die eigentlich im Mittelpunkt der Erzählung hätte stehen sollen, dann aber zur Nebenfigur verdammt wird. Wichtiger für den Zehnjährigen sind einerseits seine imaginären Freunde – Tarzan und Flinker Hirsch -, deren Abenteuerlust der Junge dann andererseits im richtigen Leben mit den Brüdern Björn und Erik auf verbotenen Walderkundungen, beim mutprobenden Spinnenfressen oder beim Verkauf der schwesterlichen Unterwäsche an Jugendliche ausleben darf. Daneben begegnet er Helge, dem Uncoolen, dem Besserwisser, der sich täglich durch die väterliche Bibliothek wühlt und alles über Astronomie und Geschichte weiss, aber nichts über das Leben. Er begegnet Arne, dem langhaarigen Popularitätsprotz, der so cool ist, dass er als “göttliche Erscheinung” wirkt. Und er begegnet Tora, die ihn an ihren langen Zöpfen ziehen lässt; eine erste vage Andeutung von Zärtlichkeit.

Das Figurenkabinett und sein Treiben entsprechen einem klassischen Schelmenroman. Die rites de passage des Jungen, seine immer wieder aufblitzenden Einsichten in das, was er sich unter dem Erwachsenenleben vorstellt, bringen zudem den Bildungs- und Entwicklungsroman ins Spiel. Durchbrochen werden die Erzählungen von Zeit zu Zeit durch Reflexionen des Vierzigjährigen, die sich oftmals mit dem viel zu frühen Tod des Grossvaters auseinandersetzen – ohne dabei jedoch der kühleren emotionalen Distanz der “Erwachsenen” anheimzufallen. Der Tod bleibt für den Erzähler stets das Unbegreifliche, Unerklärte.

“Das Weltbild meiner Kindheit war wie die Sowjetunion: ein solides, unerschütterliches Ganzes an der Oberfläche, aber darunter lauerten bereits Lügen und Zerfall. So sieht’s aus: Man reist mit einer Landkarte von gestern durchs Leben. Was einmal ganz im Westen lag, ist nun womöglich im Norden, eine Stadt, die Leningrad hiess, heisst auf einmal Sankt Petersburg, wie in uralten Zeiten, lange vor heute. Was heute neu ist, landet am Abend schon im Museum des Lebens und das einzig Beständige ist ein unendlich tiefes Verlangen nach Beständigkeit, eine Sehnsucht danach, in der alten Welt aufzuwachen, in der die Landkarten noch stimmen und dem Kompass zu trauen ist.”

Das Coming-of-Age des jungen Erzählers, verpackt in einen symbolischen Sommer, ist im Grunde eine literarische Banalität. Der Einsatz einer kindlich-naiven Erzählperspektive ist ebenfalls nicht einzigartig, er war zu Beginn des 21. Jahrhunderts en vogue: prominente Beispiele sind etwa Jonathan Safran Foers “Extrem laut und unglaublich nah” (2005) sowie in deutscher Sprache Saša Stanišićs “Wie der Soldat das Grammofon repariert” (2006). Während diese beiden die kindliche Perspektive aber jeweils mit einem politischen Ereignis (9/11 respektive der Jugoslawienkrieg) kontrastieren und so eine gewisse Schockwirkung erreichen, wählt Stefánsson für seine Erzählungen einen weltpolitisch ereignislosen Sommer in den Vorgärten Südnorwegens, der für den Erzähler dennoch die Welt auf den Kopf zu stellen vermag.

Nichtsdestotrotz ist “Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit” ein gewitztes Buch mit genügend emotionalem Tiefgang und entzückend bilder- und metaphernfreudiger Sprache, um über die volle Strecke zu fesseln.

Stefánsson, Jon Kalman: Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit. Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig. Stuttgart: Reclam 2008. Taschenbuch, 208 S. ISBN 978-3-15-020164-0

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“Die Stadt, mein Kind, ist ein Höllenpfuhl.”: Carmen Laforet – Nada (1945)

Mit ihrem Romandebüt “Nada” (zu Deutsch “Nichts”) gewann Carmen Laforet 1944. mit gerade einmal dreiundzwanzig Jahren, den allerersten Premio Nadal, heute eine der wichtigsten spanischen Literaturauszeichnungen. Bereits 1947 wurde das Werk verfilmt, 1952 erschien es erstmals auf Deutsch. Laforet wurde 1921 in Barcelona geboren, verbrachte ihre Kindheit auf Gran Canaria und kehrte 1939 nach Barcelona zurück, um Philosophie zu studieren. Drei Jahre später zog sie weiter nach Madrid.

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Diese Rückkehr nach Barcelona zum Studium und die spätere Weiterreise nach Madrid teilt sie mit der Protagonistin ihres ersten (und somit zu einem gewissen Teil auch autobiographischen) Romans, der achtzehnjährigen Andrea.

Nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs kehrt Andrea erstmals nach vielen Jahren nach Barcelona zurück, um zu studieren. Ihren Wohnsitz nimmt sie bei Verwandten in der Calle de Aribau – ein Haushalt, den sie aus der Kindheit als lebhaft und frohgemut in Erinnerung hat, den sie nun jedoch in einen bösartigen, dem Untergang geweihten Albtraum wiederfindet.

Sieben Personen hausen in der finsteren, verwinkelten Wohnung. Da ist zunächst einmal die Grossmutter, eine verhutzelte, vergessliche Frau, die sich dem Niedergang ihrer einst glorreichen Familie nicht mehr zur Wehr zu setzen vermag, aber versucht verzeihend allen gegenüber zu sein. Zwei ihrer Söhne, Andreas Onkel, leben auch in der Calle de Aribau: der intrigante Romàn, ein begnadeter, aber fauler und überheblicher Musiker, der sich darauf versteht, die restlichen Mitglieder des Haushalts mit seinen Provokationen gegen einander aufzubringen. Seine liebsten Opfer sind sein Bruder Juan, ein talentloser Maler von unberechenbarer Gewalttätigkeit, der seine hübsche, aber naive junge Frau Gloria vor den Augen des kleinen Sohnes regelmässig verschlägt und wüsteste Todesdrohungen ausstösst. Er will sich nicht eingestehen, dass genau diese Gloria, indem sie Möbel und Lampen verkauft und nachts bei ihrer Schwester an illegalen Spielen teilnimmt, als Einzige Geld in den Haushalt einbringt und diesen über Wasser hält.  Mit Argusaugen daneben steht die erzreligiöse Tante Angustias, die die eingeschüchterte Andrea unter ihre Fittiche nimmt, ihr einredet, die Stadt sei ein “Höllenpfuhl”, in der ein Mädchen eine “Festung” sein müsse – bis sie, Angustias, letztlich enttäuscht ins Kloster zurückkehrt. Und dann ist da, in einer schamlosen Nebenrolle, noch das Hausmädchen Antonia, das an den Türen lauscht, jede Streitigkeit und jedes Misstrauen des Hauses kennt und schadenfreudig verfolgt…

In dieses Panoptikum menschlicher Unzulänglichkeit wirft Laforet ihre bemitleidenswerte Protagonistin, die sich ihren emotionalen Halt anderswo suchen muss. Erst als sie an der Universität die bildhübsche Ena kennenlernt, hat sie langsam das Gefühl, angekommen zu sein, Freundschaft gefunden zu haben. Als Ena jedoch plötzlich Bekanntschaft mit Andreas faszinierendem Onkel Romàn schliesst, kommt es zum Bruch…

««Sei kein Dickkopf, Nichte», sagte Juan. «Du wirst noch verhungern.»
Und er fasste mich mit ungeschickter Zärtlichkeit an den Schultern.
«Nein, danke, ich komme gut zurecht…»
Ich musterte meinen Onkel flüchtig von der Seite und sah, dass es auch ihm schon besser gegangen war. Er hatte mich dabei ertappt, wie ich das kalte Gemüsewasser getrunken hatte, das vergessen in einem Winkel der Küche stand, um weggegossen zu werden.
Antonia hatte angewidert ausgerufen:
«Was sind denn das für Schweinereien?»
Ich lief rot an.
«Mir schmeckt die Brühe eben. Und da man sie ohnehin weggegossen hätte…»
Auf Antonias Schrei hin waren die anderen herbeigelaufen. Juan schlug mir vor, einen finanziellen Kompromiss zu schliessen. Ich lehnte ab.»

In einer einfachen Sprache von grosser Ernsthaftigkeit, die keine Verschleierungen kennt, schildert Laforet die klaustrophobische Atmosphäre der Calle de Aribau, wo kein Wort ungehört bleibt und kein Gemüsewasser ungetrunken. Andrea ist eine grundehrliche Erzählerin, die personifizierte Unschuld in einer in unauflösbare Widersprüche verstrickten Welt. Die politische Dimension der Geschichte – das zerrüttete Spanien, das aus dem Bürgerkrieg direkt in die Franco-Diktatur gefallen ist – wird von der Autorin höchstens in Nebensätzen angedeutet, schwebt aber doch wie eine unausgesprochene Drohung hinter jedem Satz. Der erbärmliche Fall des Hauses in die Armut, die Missgunst, die Gewalt an den Nächsten – sie alle widerspiegeln die historisch-politische Situation Spaniens in den 1940er-Jahren.

Auch wenn Laforets Sprache in ihrer bisweilen fast pathetischen Ernsthaftigkeit, mit der sie die emotionalen Tumulte der jungen Frau wachruft, heute keinesfalls mehr zeitgemäss wirkt (ja, es vielleicht auch 1945 nicht war), ist “Nada” eine erfrischend unverblümte Lektüre – und geht vielleicht gerade deswegen nahe. In Zeiten, da die europäische Gegenwartsliteratur eine Schwemme an verschwiegener Auslassungs- und Andeutungsprosa erlebt, erscheint dieser Roman aus 1945 wie ein leuchtender Stern der Ehrlichkeit und Unverstelltheit.

Aufruf zum Widerstand: Ignazio Silone – Wein und Brot (1936/1955)

Ignazio Silones Roman “Wein und Brot” darf zweifellos zu den wichtigsten literarischen Dokumenten gezählt werden, die während des Zweiten Weltkriegs von Autoren im Schweizer Exil verfasst wurden. Der Text ist Überbringer einer mal mehr mal weniger durch das Kostüm des Abenteuerromans verschleierten moralisch-politischen Botschaft; ein von berückenden Landschaftsbildern gerahmter Aufruf zum Widerstand.

Zum Autor: Ignazio Silone kam am 1. Mai 1900 im kleinen Ort Pescina in den Abruzzen als Secondino Tranquilli zur Welt. Das Erdbeben von Avezzano am 13. Januar 1915 zerstörte seine Familie: lediglich er und sein kleiner Bruder Romolo überlebten, Mutter und fünf Geschwister kamen ums Leben. Zwei Jahre später traf er eine folgenreiche politische Entscheidung: er trat der sozialistischen Jugend bei. 1921 war er an der Gründung der kommunistischen Partei Italiens beteiligt. Noch im selben Jahr bereiste er erstmals Moskau; 1927 war er an der Kominternsitzung beteiligt, an der die Liquidierung Trotzkis beschlossen wurde. “Einstimmig”, wie es später hiess, obschon Silone – als Einziger – Einwände gehabt hatte. So geriet er erstmals auf Konfrontationskurs mit der Partei. Und genauso wie Ignazio Silone, der in einem Priesterseminar erzogen worden war, sich einst von der Kirche abgewandt hatte, wandte er sich nun von der Partei ab – er konnte seine Ansichten nicht mehr mit den Widersprüchen der kommunistischen Doktrin vereinbaren.

In den frühen Dreissigerjahren wurde Silone zu einer prominenten Figur in den Zürcher Emigrantenkreisen. Er war in die Schweiz gelangt als von Mussolinis Häschern, auf faschistischen Fahndungslisten geführter und gleichsam als von der kommunistischen Partei exkommunizierter Flüchtling. Später, nach seiner Rückkehr ins befreite Rom 1944 und seiner endgültigen Abwendung von jeder Form institutioneller Politik, wird er sich als “Sozialisten ohne Partei und Christ ohne Kirche” bezeichnen.

Während der Zeit der faschistischen Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs verblieb Silone in der Schweiz, wo unter dem Eindruck der faschistischen Besetzung Abessiniens und der von Stalin inszenierten Moskauer Prozesse 1936 der Roman “Brot und Wein” entstand, der 1955 vom Autor nochmals überarbeitet und in der neuen Fassung unter dem Titel “Wein und Brot” wiederveröffentlicht wurde. Wie Silone im Nachwort der überarbeiteten Ausgabe schreibt, war es einerseits die Scham für die Kriegsbegeisterung vieler Italiener, die Gleichgültigkeit der grossen Mehrheit der Bevölkerung und die Ohnmacht der Antifaschisten, andererseits “das Entsetzen und der Ekel darüber, dass ich in meiner Jugend einem Revolutionsideal gedient hatte, dass in seiner stalinistischen Form nichts anderes war als – so schrieb ich damals – “roter Faschismus.””, die ihm als Antrieb beim Verfassen von “Brot und Wein” dienten.

In anderen im Zürcher Exil entstandenen Schriften fand er ungleich härtere Worte. In “Die Schule der Diktatoren” (1938) etwa heisst es: “Die wissenschaftlich genaueste Definition des Faschismus ist vielleicht diese: der Faschismus ist die Margarine des Geisteslebens. In einer Epoche von so ausgesprochener geistigen Verblödung, wie der unseren, ersetzt der Faschismus die Wahrhaftigkeit des Denkens, die traditionelle Religion, die authentische Kunst, die Gewissensfreiheit.” (Zitat in Werner Mittenzwei: Exil in der Schweiz, 1978).

Der Schriftsteller R.J. Humm, in dessen Salon Silone Stammgast war schrieb über Silone: “Er war immer von Kopf bis Fuss ein Römer, oder viel mehr ein Samnite, der ein Römer geblieben war, während die anderen Römer Hampelmänner geworden.” (R.J. Humm: Bei uns im Rabenhaus)

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Der Roman “Wein und Brot” – ich beziehe mich auf di Überarbeitung von 1955 – trägt deutlich autobiographische Züge. Im Mittelpunkt der Handlung steht der junge sozialistische Revolutionär Pietro Spina, der vor Mussolinis Schergen ins Ausland flüchten musste, dort aber nicht leben konnte und in einem Nacht-und-Nebel-Unterfangen wieder in die feindliche Heimat zurückkehrt. Ehemalige Freunde helfen ihm, sich zu verstecken. Spina schlüpft in die Identität des Priesters Don Paolo – gerade er, der mit der Kirche gebrochen hat – und versteckt sich im abgelegenen, von Naturkatastrophen geplagten Bergdorf Pietrasecca in den Abruzzen. Zur Untätigkeit verdammt und geplagt von einer schweren Lungenkrankheit (auch dies autobiographisch), nähert sich der Revolutionär Spina, im Kostüm des Pfarrers, einer gottesfürchtigen Dorfbevölkerung.

Deren Kern bilden die cafoni, die armen Bauern, von denen Spina zunächst aber, weil ihn seine Krankheit ans Bett fesselt, nicht viel mitbekommt. Es sind die Frauen, die er zuerst kennenlernt: seine Gastgeberin, die Wirtin Malatenta, die bald eine gefährliche Obsession für “ihren” Priester entwickelt und ihn mithilfe einer umtriebigen Kräuterfrau quasi zum Verbleib im Dorf hexen will; Bianchina, ein Mädchen aus dem Nachbardorf, die fest davon überzeugt ist, Don Paolo sei ein Heiliger, der ihr das Leben gerettet habe; Cristina, die unschuldige Tochter des ehemaligen reichsten Mannes im Dorfe, dessen Existenz nun jedoch gefährdet ist.

Im Nachwort zur überarbeiteten Ausgabe schreibt Ignazio Silone: “Was schliesslich den Stil betrifft, so erscheint es mir als höchste Weisheit, beim Erzählen einfach zu sein.” Es ist diese einfache Sprache – stilistisch wird Silone oft dem Neorealismus zugeordnet – , die die Menschen und Gedanken des Dorfes Pietrasecca lebhaft werden lässt. Eindrücklich sind manche Passagen, in denen sich die Dialoge zwischen dem im Priestergewand gefangenen Spina – Lebensmotto: “Man darf nicht in Erwartung leben. […] Man muss handeln. Man muss sagen: Genug. Ab heute.” – und den resignierten, abgearbeiteten Bauern entspinnen, deren Kernsatz lautet: “Die Dinge nehmen ihren Lauf. […] Wie das Wasser des Flusses. Es nützt nichts, dass man sie versteht.”

Silone lässt seine politische Botschaft, die Aufforderung zum Widerstand, unmissverständlich und nicht zu knapp in den Text einfliessen. Aus einer literarischen Perspektive mag das bisweilen als etwas “zu viel des Guten” erscheinen, als stilistische Unsauberkeit, inhaltlich jedoch ergibt es Sinn: die häufigen Nachfragen, die unablässigen Bemühungen, mit allen irgendwie verfügbaren Mitteln den Kampf wieder aufzunehmen, die Rastlosigkeit – es sind alles Weckrufe gegen die Lethargie derer, die das Denken eingestellt haben oder es sich vermeintlich nicht leisten können; es sind Fanale für den Widerstand in bedrängter Zeit.

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Grosse Teile des Werks von Ignazio Silone sind auf Deutsch bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Eine weitere Blog-Rezension des Romans findet sich auf Sätze & Schätze (2014).

 

 

Wiederentdeckung: Claude Cueni – Weisser Lärm. Alptraum vom Grossen Bruder (1981)

Ein seltsames schmales Büchlein fiel mir unlängst in die Hände: das Cover in alarmistischem Gelb, geziert von einem zerzausten roten Katzenköpfchen. Darüber die Aufschrift: “Claude Cueni / Weisser Lärm / Roman / Alptraum vom Grossen Bruder”. Die Fischer-Taschenbuchausgabe (1983) eines Werks, das ursprünglich 1981 beim Aarauer Sauerländer-Verlag erschienen ist.

Der Autor Claude Cueni ist kein Unbekannter. Vor zwei Jahren verschaffte ihm der autobiographische Roman “Script Avenue”, in welchem er unter anderem vom Tod seiner grossen Liebe, von traumatischen Jugenderlebnissen und von seiner eigenen Krebserkrankung erzählt, eine grosse Medienpräsenz. Bekanntheit hatte der 1956 geborene Basler freilich schon zuvor: verschiedene historische Romane, beispielsweise die grosse Trilogie zur Geschichte des Geldes (“Cäsars Druide”, 1,998 “Das grosse Spiel”, 2006, “Gehet hin und tötet”, 2008), waren Bestseller. Des Weiteren arbeitete Cueni als Verfasser von Drehbüchern für diverse deutsche Krimiserien, etwa Peter Strohm und Eurocops. Was hingegen seine frühesten Romane betrifft, so scheinen diese weitgehend der Vergessenheit anheim gefallen zu sein.

Mindestens im Falle von “Weisser Lärm” vollkommen zu Unrecht. In diesem Frühwerk wird nicht die Vergangenheit, sondern eine mögliche Zukunft in den Blick gefasst. Es handelt sich dabei, wie der Orwell anrufende Untertitel schon andeutet, um eine klassische Dystopie, wie sie mir in dieser Ausprägung aus der Schweizer Literatur sonst nicht bekannt ist. Dystopie im helvetischen Literaturschaffen, das heisst vielfach nebelverhangene Bergstollen-Apokalypse: es sei etwa verwiesen auf Dürrenmatts “Der Winterkrieg in Tibet” (1981), Krachts “Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten” (2008) und in Ansätzen Burgers “Die künstliche Mutter” (1982) und . Cueni aber lässt uns eintauchen in einen beängstigenden Überwachungsstaat faschistoider Provenienz.

Die Hauptfigur Gustav Bender ist neunundzwanzig Jahre jung, arbeitet als Werbetexter bei der Adler Werbeagentur AG, lebt einsam und zurückgezogen mit seinem Kätzchen Sara in einer heruntergekommenen Wohnung. Als er eines Morgens mit dem unbestimmten Gefühl aufwacht, von einer todbringenden Krankheit befallen zu sein, und seinen Schwager, den Arzt Dr. Habicht, aufsucht, nehmen schreckliche Dinge ihren Lauf. Weil Bender aufgrund einer von irgendwelchen Obrigkeiten, deren genaue Führungsstruktur stets im Dunkeln bleibt, durchgeführten “Longitudinalstudie” zu einem potentiell gefährlichen Subjekt abgestempelt wird, werden er und alle Leute, mit denen er in Kontakt tritt, zu Opfern unerbittlicher Verfolgungen.

Es ist eine perverse Welt, die dieser Text lebhaft vor Augen führt: Alkoholmissbrauch, verstörende Sexualpraktiken, blutige Snuff-Pornos zu Geschäftszeiten. Leute schlafen nackt unter ihren Schreibtischen, im Keller der Agentur sitzen 143 Papageien und lernen einen Werbeslogan (“Miki!”) zu krächzen – und manchmal, manchmal hören Leute einfach auf zu existieren. So mindestens drückt es der korrupte und ekelhafte Agenturchef Adler aus, der den Protagonisten mit “Baby” anspricht, ihn und sich selbst mit Whisky abfüllt und ihm rät, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

“Ein kluger Kopf”, sagt er, “will als erstes keine Dummheiten machen.” Ein Satz, der das Denkverbot treffend zusammenfasst, das den Bürgern dieser dystopischen Gesellschaft auferlegt ist. Wer Fragen stellt, wird bestraft. Überraschende Verhaftungen, Personenkontrollen an jeder Quartiergrenze, seltsam gesichtslose Auftraggeber (alle mit Tiernamen), Zwangsumsiedlungen und Misstrauen gegenüber jeder noch so unscheinbaren Alltäglichkeit bestimmen das Dasein der Leute. Als Gustav Bender von einem “Geheimschutzbeauftragten” namens Bär den Auftrag erhält, in einem sogenannten Single-Wohnhaus den Müll der anderen Bewohner zu durchsuchen, ist er sich bald einmal nicht mehr sicher, ob wirklich nur er und nicht etwa jeder einzelne Bewohner dieses Hauses mit genau diesem Auftrag bedacht sei.

Der ganzen Thematik von der Früherkennung kriminalistischer Aktivitäten durch das Untersuchen des Abfalls, liegt im übrigen eine reale Medienberichterstattung zugrunde. Im Roman arbeiten einige Leute daran aus Medikamenten und einem Stoff, der in Käsepackungen zu finden ist, Sprengstoff herzustellen. Der “Spiegel” berichtete im September 1980 über derartige Vorfälle unter inhaftierten italienischen Rotbrigadisten.

Ist “Weisser Lärm” nun lediglich eine apokalyptische Groteske oder ein sozialpolitischer Alptraum, der näher an der heutigen Realität ist, als uns lieb ist? Mindestens was die technische Komponente betrifft, hat Cueni anno 1981 weise Voraussicht gehabt: elektronische “Wohnzimmersysteme”, “Bildschirmzeitungen” (wenn auch in diesem Fall keine portablen) und die bargeldlose Gesellschaft sind der Realität des 21. Jahrhunderts nah. Was die gesellschaftliche Struktur betrifft, das System totaler Überwachung von oben und alles durchdringender Bürokratie, so sind wir glücklicherweise heutzutage noch einige Schritte davon entfernt – der Diskurs jedoch ist brandaktuell, der “Überwachungsstaat” ein stets am Horizont dräuendes Schreckgespenst. Technische Möglichkeiten und historische Erfahrungen lassen die Erstehung eines derartigen Systems alles andere als unmöglich erscheinen.  Auch aus diesem Grunde ist Claude Cuenis zweiter Roman “Weisser Lärm” von grosser Aktualität. Das unlängst vom Schweizer Stimmvolk überraschend deutlich angenommene Nachrichtendienstgesetz lässt grüssen.

In einer Welt, in der keinem Menschen mehr vertraut werden kann, in der die persönliche Freiheit auf ein absolutes Minimum beschränkt ist, in der die letzte und einzige Wärme und Liebenswürdigkeit von einem verspielten kleinen Kätzchen ausgeht, lässt es sich nicht leben. “Weisser Lärm”, dieses erschreckende (und erschreckend gute) Frühwerk von Claude Cueni, fasst den Alptraum in lang nachhallende Worte. “Weisser Lärm” ist nicht nur ein spannendes Zeitdokument. Es ist eine erschütternde Geschichte darüber, wie wenig stichhaltige Argumente es braucht, um eine Person aus der Gesellschaft auszugrenzen, wenn nur genug Drohgebärden und Machtinstrumente aufgeboten werden. Und: Gerade in der heutigen Zeit ist der Text auch eine Mahnung, dass diffuse Ängste, etwa diejenige vor dem “Terror”, nicht das Aufgeben persönlicher Freiheiten befördern sollten – denn dies könnte weitaus schlimmere Folgen nach sich ziehen. 

Eine unbedingte Leseempfehlung.

Cueni, Claude. Weisser Lärm. Alptraum vom Grossen Bruder. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 1983. 144 S. 3-596-22853-0

Rezension: Anna-Katharina Hahn – Das Kleid meiner Mutter (Suhrkamp, 2016)

Magischer Realismus? Schwarze Romantik? Künstlerroman? Generationenportrait aus der Zeit der Eurokrise? Die deutsche Autorin Anna-Katharina Hahn, die gemäss Homepage ihres Verlags als “eine der wichtigsten Erzählerinnen ihrer Generation” gelten soll, versucht sich in ihrem neuen Roman “Das Kleid meiner Mutter” an abenteuerlichen Genrekapriolen, leuchtet dabei stellenweise strahlend – scheitert zuletzt aber grandios.
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Zu Beginn begegnen wir Anita, einer jungen Spanierin, arbeitslos wie so viele aus ihrer Generation. Gemeinsam mit ihrer Freundesclique, die sich “La Plaga” nennt, hängt sie in den Parks von Madrid, trinkt, demonstriert gegen die unsäglichen Zustände in Spanien. Ihr Bruder Angel, ein Germanist, ist dem spanischen Unheil nach Deutschland entflohen, wo er jedoch nicht als Dozent, sondern auf einer Baustelle sein Geld verdient und es nach Hause schickt. Weil sie kein Geld mehr hat, lebt Anita bei den Eltern Oscar und Blanca. Eines Tages kehren die Eltern krank von einem Ausflug zurück, legen sich ins Bett und sterben. Und nun?

Zufällig bemerkt Anita, dass sie lediglich in das titelgebende Kleid ihrer Mutter zu schlüpfen braucht, um selbst von alten Bekannten für Blanca gehalten zu werden. Sie verschweigt den Tod der Eltern vorerst selbst den Freunden und dem Bruder und stürzt sich, kostümiert, in das Leben ihrer Mutter, über die sie weniger gewusst zu haben scheint, als sie dachte. Spätestens, als sich auf Blancas Handy ein mysteriöser Liebhaber namens “R.” meldet, verstrickt sich Anita hoffnungslos im Netz der dunklen Geheimnisse ihrer Eltern.

Alle Fäden scheinen in einem obskuren deutschen Schriftsteller zusammenzulaufen, der unter dem Namen Gert de Ruit grossen literarischen Ruhm geniesst – ohne dabei je in der Öffentlichkeit aufzutreten. Es existiert lediglich eine einzige alte Fotografie des Autors. Es beginnt die Entwirrung eines Rätsels – wobei die Autorin es unterlässt, ihre Erzählerin auf eine detektivische Spurensuche zu schicken: alle relevanten Hinweisen kommen ihr schliesslich in einem dicken braunen Umschlag mit Aufzeichnungen verschiedener Personen wie zugeflogen.

“Das Kleid meiner Mutter” beginnt als durchaus packender Generationenroman über die perspektivlose Jugend Spaniens im Nachklang der Eurokrise, als detailhaltiges Portrait der Ängste, Sorgen und Hoffnungen einer Gruppe junger Menschen. Mit dem Erzählstrang um den unsichtbaren Schriftsteller De Ruit, der im Übrigen nicht lange unsichtbar bleibt, sondern bald schon auftaucht und nicht einmal halb so geheimnisvoll ist, wie vermutet, entwickelt Hahn eine neue Dimension. Bald schon kommen weitere dazu: es taucht die spanische Übersetzerin De Ruits auf, es taucht der Verleger auf, es tauchen De Ruits Eltern auf und die Geschichte seiner Kindheit in der Nazizeit wird zum Thema.

Es bedürfte einer unglaublichen erzählerischen Finesse, um all diese Erzählstränge (auf lediglich dreihundert Seiten!) geschickt auszubalancieren und zu einem zufriedenstellenden Ende zu bringen. Während die Balance bisweilen noch klappt, muss die Auflösung als vollkommen unbefriedigend bezeichnet werden. Man spürt förmlich, wie zerfahren das Ganze plötzlich geworden ist, wie unübersichtlich, ja unauflösbar. Alles gipfelt in einer kitschig-sentimentalen Schlussszene, in der der Versuch unternommen wird, die gesamte Geschichte aus der Ebene des Realistisch-Bedrohlichen auf die Ebene des Metaphorisch-Übertragenen zu hieven. Das in der Szene aufgerufene Bild soll aussagen: die Vergangenheit ist nun abgeschlossen, die Zukunft kann beginnen – die offenen Fragen des Lesers aber sind zahllos, etliche Figuren verschwinden wortlos, so dass am Ende wieder nur Anita und ihre Clique zu existieren scheinen…

Der berühmt-berüchtigte Kritiker Denis Scheck meint, das Buch entfalte “ein großes europäisches Tableau, ein romantisches Welttheater”. Das ist nicht nur unsäglich pathetisch, sondern auch rein topographisch allzu weit gefasst: “Das Kleid meiner Mutter” spielt zum grössten Teil im Spanien der Gegenwart und im nationalsozialistisch regierten Deutschland. Es hat Ansätze eines aufregenden und relevanten sozialkritischen Romans (vielleicht im Stile eines Rafael Chirbes), es hat Ansätze zu einem hochspannenden Versteckspiel mit einem dunklen und gefährlichen Unsichtbaren, es hat auch Ansätze zu einer grotesken Farce über den Literaturbetrieb. Letztlich aber wirken all diese Ansätze etwas beliebig zusammengewürfelt. Auch wenn verschiedene Passagen faszinierende Gedankenspiele in einer unfasslichen Zwischenwelt von Realität und Fiktion erlauben, bleibt ein schaler Beigeschmack. Momenten der Magie folgt der Frust eines unfertigen Werks.

Hahn, Anna-Katharina. Das Kleid meiner Mutter. Suhrkamp 2016. 311 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-518-42516-9

Rezension: Tom Appleton – Hessabi (Czernin-Verlag, 2016)

Beinahe siebzigjähriger Autor debütiert mit den Lebensansichten eines Teenagers. Kann das gut gehen? Im Falle von Tom Appletons „Hessabi“ ist das Experiment, mit einigen wenigen Abstrichen, geglückt.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Adam Hessabi, ein Deutscher persischer Abstammung, der auf seine Jugend in Bonn, Heidelberg und anderen deutschen Städten und Städtchen zurückblickt. Er erzählt acht turbulente Jahre seiner Jugend, namentlich die Zeit von 1960 bis 1968.

Adam lebt mit seiner Familie in Bad Godesberg. Diese Familie steht zunächst einmal im Mittelpunkt des Interesses: der Vater ein dicker, etwa siebzigjähriger Mann, der nichts von sich preisgibt – Adam ist es ein Rätsel, welcher Arbeit dieser Vater nachgeht; die Mutter ist eine trinkende und kettenrauchende Irre, die ihr gesamtes Umfeld mit widerwärtigsten Flüchen belegt und hin und wieder in eine geschlossene Anstalt überführt werden muss; und dann ist da noch der kleine Bruder, Bahador, in Adams Augen ein schmieriger Widerling, der nur auf seinen eigenen Profit bedacht ist. Von Beginn weg steht diese Familie im Zentrum des Geschehens, verbunden mit der ungeklärten Frage nach Adams Herkunft. Dieser nämlich hegt den Verdacht, seine Eltern seien gar nicht seine Eltern… Und dann tauchen immer wieder an seltsamen Ecken Deutschlands angebliche Verwandte auf, deren Existenz nur noch mehr Fragen aufwirft…

Ebenfalls zentral für die Erzählung werden bald Adams Rekapitulationen seiner mehrheitlich schlechten Erfahrungen mit dem deutschen Schul- und Internatssystem. Sadistische Willkür der Lehrpersonen und rassistische Stereotypen machen Adam das Leben schwer. Er muss häufig Klassen wiederholen, seine Anstrengungen werden zu oft nicht gewürdigt. Mitschüler und Lehrpersonen gleichermassen zerren an seinem klapprigen Nervenkostüm.

“Was die Schule betrifft, so war vom ersten Tag an alles klar. “Du Deutsch sprechen? Woher du kommen?” – “Leck mich am Arsch, ich bin aus Godesberg.” Ich war vielleicht der Jüngste im Lehrlingsheim, aber ich war der Älteste in meiner Schulklasse. Ich kam mir vor wie der Dorfidiot, der siebenmal sitzen geblieben ist und mit lauter Kleinkindern in der ersten Reihe sitzt.”

Befriedigung findet er vorab ausserhalb der Schule. Zunächst in der Musik, in den Songs, die er schreibt und von denen – so mindestens Adams Behauptung, die sich wie ein roter Faden durch den Text zieht – früher oder später viele unter anderem Namen, nur leicht abgeändert bei den Beatles landen, deren Erfolgsgeschichte in den frühen Sechzigerjahren gerade beginnt.

Und dann lernt er im Internat in Heidelberg die Amerikanerin Lucy kennen, die vermeintliche Liebe seines Lebens, die ihn in die Höhen und Tiefen amouröser Verstrickungen einführt. Einer Zukunft in trauter Zweisamkeit aber stehen etliche Hindernisse im Weg, die kaum überwindbar scheinen. Zumal auch die Familie ihre Vorstellungen davon hat, wie (oder eher: wen) ein junger Perser zu lieben hat. „Hessabi“ ist nicht nur die Geschichte eines jungen Persers auf der Suche nach seiner Herkunft; es ist nicht nur die Geschichte eines hellsichtigen Songwriters, dem die Musik ein ums andere Mal das Leben rettet; es ist auch die Geschichte eines jungen Mannes, der die Liebe entdeckt und von ihr Mal für Mal überrumpelt wird.

Tom Appleton gibt Adam Hessabi eine unverblümte Plauderstimme ohne Hemmungen, deren bevorzugtes Stilmittel die Anekdote ist. Mit reichlich Sprachfantasie begabt unternimmt der Erzähler eine Tour-de-Force durch eine oftmals problematische Jugend. Seine Rache an denen, die ihm das Leben schwer gemacht haben, nimmt er mit Worten von aggressiver Ironie. Obschon im tumultuosen Schlussteil bisweilen der Eindruck entsteht, es handle sich lediglich noch um eine Aneinanderreihung verschiedener Sex-Episoden, ist Appleton ein insgesamt höchst unterhaltsames Debüt gelungen, das die private Geschichte einer Jugend auch geschickt mit welthistorischen Ereignissen verknüpft.
Ein kleiner Wermutstropfen freilich bleibt: die Rätsel um die familiären Ursprünge bleiben auch zum Schluss weitgehend ungelöst; es ist der Fantasie der Leser überlassen, diese Geschichte zu Ende zu dichten.

Appleton, Tom. Hessabi. Wien : Czernin, 2016. 412 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-7076-0569-3

Rezension: Bachtyar Ali – Der letzte Granatapfel (Unionsverlag, 2016)

Seit 1992 veröffentlicht der irakisch-kurdische Autor Bachtyar Ali (*1960) Poesie, Prosa und Essays. Dass es bis zur ersten deutschen Übersetzung eines seiner zahlreichen Werke bis ins Jahr 2016 gedauert hat, ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Ali seit Mitte der Neunzigerjahre in Deutschland lebt. Mit der Publikation von “Der letzte Granatapfel” (auf Kurdisch zuerst erschienen 2002) macht der Zürcher Unionsverlag nun einen ersten Schritt, diese Lücke – sie umfasst unter anderem 11 Romane – zu schliessen.

Es gilt, einen begnadeten Erzähler zu entdecken, dessen bilderreiche Sprache und einfühlsamer Tonfall von der ersten bis zur letzten Seite begeistern.
ali

“Im Morgengrauen des ersten Tages erkannte ich, dass er mich eingesperrt hatte.”: Mit diesen Worten beginnt die Geschichte. Der da spricht nennt sich Muzafari Subhdam. Der Ort, von dem aus er erzählt, ist ein kleines Flüchtlingsboot, das orientierungslos auf dem Mittelmeer treibt. Und jener “erste Tag”, den er erwähnt – das ist die Ironie – ist sein erster Tag in “Freiheit” nach einundzwanzigjähriger Gefangenschaft.

Damals, einundzwanzig Jahre davor, war Muzafari selbst ein wichtiger Freiheitskämpfer. Um seinem Freund, dem Führer der Revolution, die Freiheit zu schenken, liess er sich einsperren. Die Welt, in die er nun zurückkehrt, ist nicht mehr dieselbe. Tod, Krieg und Verrat haben alles zerstört – das ganze Land ist ein Schlachtfeld. Und in dieses zieht es Muzafari hinaus, denn er ist überzeugt, dass hinter seinem jahrzehntelangen Überleben in der Gefangenschaft ein Plan zugrunde liegt, dass eine Aufgabe auf ihn wartet: Er muss seinen Sohn finden – Saryasi Subhdam -, der zur Zeit der Verhaftung gerade erst zur Welt gekommen war.

Der junge Mann aber, so wird ihm gesagt, ist tot. Doch ist das die (ganze) Wahrheit?

Über einen zweiten Erzählstrang wird der Leser behutsam an die Geschichte von Saryasi herangeführt. Ein zerbrechlicher Junge namens Mohamadi Glasherz, Sohn eines einflussreichen Politikers und Lüfter grosser Geheimnisse, sowie die zwei keuschen Weissen Schwestern und ein mystischer Granatapfelbaum spielen darin gewichtige Rollen. Es dauert nicht lange, bis deutlich wird: es gibt mehr als einen Saryasi Subhdam – und das Einzige, was sie zu verbinden scheint, ist die Unkenntnis ihrer eigenen Herkunft und ein gläserner Granatapfel, den alle von ihnen besitzen.

“Der Mensch ist ein wegloses Wesen, denn er weiss nicht, wohin mit sich selbst. Lieber versperrt er sich selbst die Tür, um nicht die mühsame Suche nach dem Weg beginnen zu müssen.”

In dieser Parabel lotet Bachtyar Ali Themen wie Identität, Freundschaft, Freiheit und Gefangenschaft einfühlsam und erzählerisch meisterhaft aus. Zunächst entscheidet er sich, nicht zu historisieren: so bleibt der Roman auch ohne profunde Kenntnisse des kurdischen Freiheitskampfes und der unterschiedlichen innerkurdischen Konflikte, vor deren Hintergrund sich die Geschichte abspielt, verständlich. Alis Interesse gilt dem einzelnen Menschen, seinem Schicksal, seinem ganz eigenen Weg auf dieser Welt. Auch der Krieg – der stete Begleiter aller Figuren – wird hier nicht als brutales Gemetzel zur Schau gestellt, nein, er spiegelt sich in den Menschen, in ihren Geschichten, ihren Ängsten und Hoffnungen.

Wenngleich der Tonfall des Ich-Erzählers Muzafari bisweilen etwas gar pathetisch anmutet und einige Bilder und Metaphern (allen voran: die Reinheit) ein wenig überstrapaziert werden, ist “Der letzte Granatapfel” auch ein grosses Sprachkunstwerk. Poesie und Prosa finden – auch in der Übersetzung von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim – mühelos zueinander. Die Kombination von Magie und Realismus – eine Zuschreibung, die die Literaturkritik gemeinhin südamerikanischen Autoren vorbehält – erschafft eine einzigartige Erzählstimme, fernab von den Konventionen europäischer und amerikanischer Literatur.

Eine bedeutende Entdeckung und unbedingte Leseempfehlung!

Ali, Bachtyar. Der letzte Granatapfel. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. Zürich: Unionsverlag 2016. 352 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-293-00499-3

Rezension: Elizabeth Harrower – In gewissen Kreisen (Aufbau-Verlag 2016)

Elizabeth Harrowers fünfter Roman «In gewissen Kreisen» hätte eigentlich bereits 1971 erscheinen sollen – und wirkt vielleicht deswegen heute so entrückt und anziehend gleichermassen. Ein Buch, das zeigt, wie zerstörend unpassende Liebschaften sein können.

Rezension: Annina Haller

Harrower, geboren 1928 in Sydney, veröffentlichte ihre ersten drei Romane kurz nacheinander, der vierte folgte ebenfalls nur wenige Jahre später. Ihren fünften und letzten zog sie kurz vor Publikation und kurz nach dem Tod ihrer Mutter zurück. 2014 schliesslich wurde der Roman doch noch veröffentlicht und dieses Jahr auch auf Deutsch herausgegeben.

harrower

Die Erzählung setzt in den Sechzigerjahren im australischen Sydney ein und schreitet anschliessend in ziemlich schnellen und darum teilweise verwirrenden Zeitsprüngen voran. Zwei Geschwisterpaare, die unterschiedlicher nicht sein könnten, werden einander gegenübergestellt. Zoes Bruder Russell bringt bei seiner Rückkehr aus dem 2. Weltkrieg eine Zufallsbekanntschaft in das gemeinsame Zuhause bei ihren Eltern: Stephen und Anna Quayle. Während Zoe und Russell Howard in einem wohlhabenden Elternhaus behütet aufwachsen, haben es Stephen und Anna schwerer im Leben. Nachdem ihre Eltern verstorben sind, wachsen sie bei ihrer psychisch stark angeschlagenen Stiefmutter auf. Die schwere Kindheit macht sich in den Persönlichkeiten der beiden Waisenkinder bemerkbar. Beide sind eher zurückhaltend, Anna dabei eher nachdenklich und Stephen beinahe griesgrämig und unberechenbar.

Russell hat während des Krieges ebenfalls schlimme Szenen miterleben müssen. Dem Leser verbergen sich diese allerdings gänzlich und können bloss erahnt werden. Hätte Harrower Russells Erlebnisse etwas genauer skizziert, wäre er in meinen Augen doch noch etwas fassbarer geworden. Leider bleibt er darum etwas auf der Strecke.

Zoe nämlich bietet im Vergleich zu ihrem Bruder nämlich ein spannenderes Bild. Obwohl ihre Kindheit und Jugend vermutlich am geradlinigsten verläuft, wirft sie genau das aus der Bahn. Dank dem Wohlstand der Eltern und kaum einer Möglichkeit zum jugendlichen Ausbruch, fühlt sie sich in ihrem Leben gefangen und gelangweilt. Das Auftauchen des ungewohnten Geschwisterpaares zieht sie darum regelrecht in ihren Bann, wirkt aber beispielsweise von Stephen gleichermassen angezogen wie abgestossen. Er wirkt gegen aussen sehr ruhig, vertritt aber sehr starke Meinungen und hat teilweise Mühe, sich zu mässigen. Im Laufe des Romans werden seine Launen fast schon beängstigend.

Anna hat ähnlich feste Ansichten, weiss sie aber passender anzubringen. Sie scheint besser einschätzen zu können, wo ihr Input gefragt ist und wo nicht.

Nicht gänzlich klar wird, weshalb die vier Charaktere aneinander haften bleiben. Und doch tun sie es. Nach einem ersten Zeitsprung nämlich heiratet Zoe Hals über Kopf Stephen. Russell hingegen heiratet nicht Anna, wie man im ersten Moment erwarten würde, sondern seine Jugendfreundin Lily, wie es schon seit vielen Jahren geplant ist. Er hört nicht auf sein Herz – das Anna gehört, wie auch das ihre insgeheim Russell gehört – sondern auf sein gesellschaftliches Pflichtgefühl. Und das rächt sich einige Jahre später.

Nach einem zweiten grösseren Zeitsprung stehen die beiden Ehen kurz vor dem Zusammenbruch. Zoes anfängliche Faszination von Stephen hat sich in die Erkenntnis verwandelt, dass sie gänzlich verschieden und inkompatibel sind. Im Nachhinein glaubt sie, Stephen als eine Art Geheimnis aufgefasst zu haben, das es aufzudecken gilt. Erst spät erkennt sie ihre Naivität und nimmt zur Kenntnis, dass sie mit Stephen wohl einen Grossteil ihres Lebens verschwendet hat. Stephens Launen machen es Zoes Entschluss jedoch schwer, das Thema Scheidung anzusprechen. (Fast zu) spät beginnt Zoe mit dem ersten Schritt in ein von Männern unabhängiges Leben. Aus dem Blickwinkel einer heutigen, jungen Frau treibt einen die Figur von Zoe darum manchmal etwas zur Weissglut, ist darum aber umso spannender.

Russell und Lilys Geister scheiden sich besonders zu dem Zeitpunkt, als ihre beiden Töchter ein Ballett-Stipendium in London erhalten. Dass sie von ihr weggehen wollen, betrachtet Lily als Zeichen der Undankbarkeit und geringen Wertschätzung der mütterlichen Bindung. Auch hier zeigt sich ein eher unbefriedigendes Frauenbild – abgenabelt von Kindern und Ehemann, der sich entweder mit seinem Geschäft oder mit einem der seltenen Spaziergänge mit Anna beschäftigt, stürzt Lily in fast schon depressive Zustände. Emanzipation sieht anders aus.

Abhilfe für ein moderneres Frauenbild schafft Anna. Sie scheint ihr Leben auch ohne Mann an ihrer Seite zu meistern – obwohl auch das teilweise nur Fassade ist. Als einzige der weiblichen Figuren sträubt sie sich dagegen, eine Heirat einzugehen aus bloss gesellschaftlichen Gründen. Sie lenkt sich zwar mit verschiedenen Männern von Russell ab, geht aber nie so weit, diese als Ehegatte in Betracht zu ziehen.
Das Wissen, dass ihr ihre einzige Liebe vermutlich versagt bleibt, nimmt sie allerdings an einem Punkt dermassen mit, dass es zum einzigen dramatischen Moment im Roman kommt.

Elizabeth Harrowers Roman ist weniger eine Erzählung als eine Analyse der fünf Hauptcharaktere. Mit psychologischer Genauigkeit werden sämtliche Beziehungen in diesem Fünfeck studiert und gegeneinander ausgespielt. Man darf nicht vergessen, aus welcher Zeit der Roman stammt – und doch lässt das Ende gewisse Parallelen mit der heutigen Zeit zu.
Ein Buch für Leser, die sich auch an sprachlichen und psychologischen Details erfreuen und nicht auf jeder Seite Nervenkitzel erwarten.

Harrower, Elizabeth. In gewissen Kreisen. Aus dem Englischen von Alissa Walser. Berlin: Aufbau-Verlag 2016. 279 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-351-03633-1 .

Eine Genrekritik mit: Friedrich Ani – Der einsame Engel (Droemer, 2016)

Vor der Produktivität Friedrich Anis kann man eigentlich nur den Hut ziehen: neben 5 Lyrikbänden, 7 Jugendromanen, etlichen Drehbüchern und diversen Krimis mit unterschiedlichen Ermittlern hat der deutsche Autor seit 1998 nicht weniger als 20 Kriminalromane mit dem Ermittler Tabor Süden veröffentlicht. Das sind beinahe Simenon’sche Ausmasse.  Es stellt sich die Frage: Leidet unter dieser Quantität die Qualität?  Und in der Tat: die Lektüre des neusten Tabor-Süden-Romans “Der einsame Engel” gibt Anlass zu einer Genrekritik.
ani

Er ist etwas über fünfzig, Einzelgänger, Getriebener, trinkt zu viel, wird die Gedanken an seinen verstorbenen Ex-Partner bei der Kripo nicht los, ist eigensinnig, manchmal unzuverlässig, hat hin und wieder eine Affäre und stellt immer die richtigen Fragen. Dieses Kurzprofil charakterisiert bei weitem nicht nur Tabor Süden, sondern eine grosse Anzahl von Detektiven, Ermittlern, Kommissaren aus einschlägigen Krimireihen, sei es nun in Buch-, Film- oder Fernsehform. Zielgruppenorientiertes Schreiben, könnte man sagen. Oder kritischer: Klischees bedienen.

Tabor Süden, der als Ich-Erzähler des Romans auftritt, ist glaubhaft in seiner Rolle: das liegt an Anis zurückhaltender Sprache, an seinen lebhaften Dialogen, an der derben Ehrlichkeit der Gefühle. Aber: diese Dialoge, diese Gefühle sind letztlich nichts als ein aus Stereotypen massgeschneidertes Konstrukt für den Krimimarkt. Von einer Figur, die bereits zwanzig Romane auf dem Buckel hat, wünschte ich mir mehr Tiefe und komplexere Beziehungskonstellationen.

Dafür aber scheint das Format nicht gemacht, schliesslich muss auf den knapp 200 Seiten des Romans noch ein Fall gelöst werden (Auch dies scheint ein unabdingbares Element des Krimis zu sein – gibt es Alternativen?). Der Fall, den Friedrich Ani – ein Autor, der sich ausschliesslich Vermissten und Verschwundenen widmet – in “Der einsame Engel” aufrollt, ist klug konstruiert, nimmt überraschende Wendungen und führt in ein waghalsiges moralisches Dilemma, mit dem der Leser zum Schluss allein gelassen wird. So weit, so gut. Doch es bleibt auch hier ein bitterer Nachgeschmack: die überhastete, wie in vielen Krimis auf sehr wenigen Seiten dargebotene Auflösung des Falls und das anschliessende James-Bond-artige Entfliehen der Hauptfigur in eine hoffnungsvolle Schlussszene (natürlich mit einer Frau an seiner Seite), die für den Beginn eines neuen Lebens stehen könnte (dies aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht tut) – das sind wiederum Stereotypen, die sich mit Leichtigkeit umschiffen liessen.

Er habe gelernt, “jedem Menschen jede Verwerfung zuzutrauen, weit über dessen Selbsteinschätzung hinaus” (162), sagt Süden einmal. Solche Einsichten philosophischer Art, die vom Tagesgeschehen des Kriminalfalls hinauf führen in den Diskursraum des Moralischen, Ethischen, Menschlichen, bleiben leider eine Seltenheit. Gerade weil die Sprache des Autors mit ihrem Hang zum Derben, zum von keiner Theorie Verklärten, zum Gossenpoetischen von einer sehr hohen Qualität ist, wäre es wünschenswert, ihr und den von ihr gezeichneten Figuren mehr Raum zum Atmen und Entwickeln zu geben.

Die Simplizität eines Kriminalfalls – ein Mensch verschwindet und niemand scheint zu wissen, wo er ist – ist noch lange kein Grund, auch die Erzählung des Falls so simpel wie möglich zu gestalten. Aus den einfachsten Dingen – und das ist in beinahe allen grossen Werken der Literatur der Fall – lassen sich bisweilen die fantastischsten Gedanken extrahieren.

Es ist an der Zeit, dass das Genre des Kriminalromans sich seiner privilegierten Position bewusst wird und (wieder) anfängt, Weltliteratur zu produzieren.

Ani, Friedrich. Der einsame Engel. Ein Tabor Süden Roman. München: Droemer. 208S., gebunden m. Schutzumschlag 978-3-426-28147-5