Rezension: Tom Appleton – Hessabi (Czernin-Verlag, 2016)

Beinahe siebzigjähriger Autor debütiert mit den Lebensansichten eines Teenagers. Kann das gut gehen? Im Falle von Tom Appletons „Hessabi“ ist das Experiment, mit einigen wenigen Abstrichen, geglückt.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Adam Hessabi, ein Deutscher persischer Abstammung, der auf seine Jugend in Bonn, Heidelberg und anderen deutschen Städten und Städtchen zurückblickt. Er erzählt acht turbulente Jahre seiner Jugend, namentlich die Zeit von 1960 bis 1968.

Adam lebt mit seiner Familie in Bad Godesberg. Diese Familie steht zunächst einmal im Mittelpunkt des Interesses: der Vater ein dicker, etwa siebzigjähriger Mann, der nichts von sich preisgibt – Adam ist es ein Rätsel, welcher Arbeit dieser Vater nachgeht; die Mutter ist eine trinkende und kettenrauchende Irre, die ihr gesamtes Umfeld mit widerwärtigsten Flüchen belegt und hin und wieder in eine geschlossene Anstalt überführt werden muss; und dann ist da noch der kleine Bruder, Bahador, in Adams Augen ein schmieriger Widerling, der nur auf seinen eigenen Profit bedacht ist. Von Beginn weg steht diese Familie im Zentrum des Geschehens, verbunden mit der ungeklärten Frage nach Adams Herkunft. Dieser nämlich hegt den Verdacht, seine Eltern seien gar nicht seine Eltern… Und dann tauchen immer wieder an seltsamen Ecken Deutschlands angebliche Verwandte auf, deren Existenz nur noch mehr Fragen aufwirft…

Ebenfalls zentral für die Erzählung werden bald Adams Rekapitulationen seiner mehrheitlich schlechten Erfahrungen mit dem deutschen Schul- und Internatssystem. Sadistische Willkür der Lehrpersonen und rassistische Stereotypen machen Adam das Leben schwer. Er muss häufig Klassen wiederholen, seine Anstrengungen werden zu oft nicht gewürdigt. Mitschüler und Lehrpersonen gleichermassen zerren an seinem klapprigen Nervenkostüm.

“Was die Schule betrifft, so war vom ersten Tag an alles klar. “Du Deutsch sprechen? Woher du kommen?” – “Leck mich am Arsch, ich bin aus Godesberg.” Ich war vielleicht der Jüngste im Lehrlingsheim, aber ich war der Älteste in meiner Schulklasse. Ich kam mir vor wie der Dorfidiot, der siebenmal sitzen geblieben ist und mit lauter Kleinkindern in der ersten Reihe sitzt.”

Befriedigung findet er vorab ausserhalb der Schule. Zunächst in der Musik, in den Songs, die er schreibt und von denen – so mindestens Adams Behauptung, die sich wie ein roter Faden durch den Text zieht – früher oder später viele unter anderem Namen, nur leicht abgeändert bei den Beatles landen, deren Erfolgsgeschichte in den frühen Sechzigerjahren gerade beginnt.

Und dann lernt er im Internat in Heidelberg die Amerikanerin Lucy kennen, die vermeintliche Liebe seines Lebens, die ihn in die Höhen und Tiefen amouröser Verstrickungen einführt. Einer Zukunft in trauter Zweisamkeit aber stehen etliche Hindernisse im Weg, die kaum überwindbar scheinen. Zumal auch die Familie ihre Vorstellungen davon hat, wie (oder eher: wen) ein junger Perser zu lieben hat. „Hessabi“ ist nicht nur die Geschichte eines jungen Persers auf der Suche nach seiner Herkunft; es ist nicht nur die Geschichte eines hellsichtigen Songwriters, dem die Musik ein ums andere Mal das Leben rettet; es ist auch die Geschichte eines jungen Mannes, der die Liebe entdeckt und von ihr Mal für Mal überrumpelt wird.

Tom Appleton gibt Adam Hessabi eine unverblümte Plauderstimme ohne Hemmungen, deren bevorzugtes Stilmittel die Anekdote ist. Mit reichlich Sprachfantasie begabt unternimmt der Erzähler eine Tour-de-Force durch eine oftmals problematische Jugend. Seine Rache an denen, die ihm das Leben schwer gemacht haben, nimmt er mit Worten von aggressiver Ironie. Obschon im tumultuosen Schlussteil bisweilen der Eindruck entsteht, es handle sich lediglich noch um eine Aneinanderreihung verschiedener Sex-Episoden, ist Appleton ein insgesamt höchst unterhaltsames Debüt gelungen, das die private Geschichte einer Jugend auch geschickt mit welthistorischen Ereignissen verknüpft.
Ein kleiner Wermutstropfen freilich bleibt: die Rätsel um die familiären Ursprünge bleiben auch zum Schluss weitgehend ungelöst; es ist der Fantasie der Leser überlassen, diese Geschichte zu Ende zu dichten.

Appleton, Tom. Hessabi. Wien : Czernin, 2016. 412 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-7076-0569-3

Rezension: Bachtyar Ali – Der letzte Granatapfel (Unionsverlag, 2016)

Seit 1992 veröffentlicht der irakisch-kurdische Autor Bachtyar Ali (*1960) Poesie, Prosa und Essays. Dass es bis zur ersten deutschen Übersetzung eines seiner zahlreichen Werke bis ins Jahr 2016 gedauert hat, ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Ali seit Mitte der Neunzigerjahre in Deutschland lebt. Mit der Publikation von “Der letzte Granatapfel” (auf Kurdisch zuerst erschienen 2002) macht der Zürcher Unionsverlag nun einen ersten Schritt, diese Lücke – sie umfasst unter anderem 11 Romane – zu schliessen.

Es gilt, einen begnadeten Erzähler zu entdecken, dessen bilderreiche Sprache und einfühlsamer Tonfall von der ersten bis zur letzten Seite begeistern.
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“Im Morgengrauen des ersten Tages erkannte ich, dass er mich eingesperrt hatte.”: Mit diesen Worten beginnt die Geschichte. Der da spricht nennt sich Muzafari Subhdam. Der Ort, von dem aus er erzählt, ist ein kleines Flüchtlingsboot, das orientierungslos auf dem Mittelmeer treibt. Und jener “erste Tag”, den er erwähnt – das ist die Ironie – ist sein erster Tag in “Freiheit” nach einundzwanzigjähriger Gefangenschaft.

Damals, einundzwanzig Jahre davor, war Muzafari selbst ein wichtiger Freiheitskämpfer. Um seinem Freund, dem Führer der Revolution, die Freiheit zu schenken, liess er sich einsperren. Die Welt, in die er nun zurückkehrt, ist nicht mehr dieselbe. Tod, Krieg und Verrat haben alles zerstört – das ganze Land ist ein Schlachtfeld. Und in dieses zieht es Muzafari hinaus, denn er ist überzeugt, dass hinter seinem jahrzehntelangen Überleben in der Gefangenschaft ein Plan zugrunde liegt, dass eine Aufgabe auf ihn wartet: Er muss seinen Sohn finden – Saryasi Subhdam -, der zur Zeit der Verhaftung gerade erst zur Welt gekommen war.

Der junge Mann aber, so wird ihm gesagt, ist tot. Doch ist das die (ganze) Wahrheit?

Über einen zweiten Erzählstrang wird der Leser behutsam an die Geschichte von Saryasi herangeführt. Ein zerbrechlicher Junge namens Mohamadi Glasherz, Sohn eines einflussreichen Politikers und Lüfter grosser Geheimnisse, sowie die zwei keuschen Weissen Schwestern und ein mystischer Granatapfelbaum spielen darin gewichtige Rollen. Es dauert nicht lange, bis deutlich wird: es gibt mehr als einen Saryasi Subhdam – und das Einzige, was sie zu verbinden scheint, ist die Unkenntnis ihrer eigenen Herkunft und ein gläserner Granatapfel, den alle von ihnen besitzen.

“Der Mensch ist ein wegloses Wesen, denn er weiss nicht, wohin mit sich selbst. Lieber versperrt er sich selbst die Tür, um nicht die mühsame Suche nach dem Weg beginnen zu müssen.”

In dieser Parabel lotet Bachtyar Ali Themen wie Identität, Freundschaft, Freiheit und Gefangenschaft einfühlsam und erzählerisch meisterhaft aus. Zunächst entscheidet er sich, nicht zu historisieren: so bleibt der Roman auch ohne profunde Kenntnisse des kurdischen Freiheitskampfes und der unterschiedlichen innerkurdischen Konflikte, vor deren Hintergrund sich die Geschichte abspielt, verständlich. Alis Interesse gilt dem einzelnen Menschen, seinem Schicksal, seinem ganz eigenen Weg auf dieser Welt. Auch der Krieg – der stete Begleiter aller Figuren – wird hier nicht als brutales Gemetzel zur Schau gestellt, nein, er spiegelt sich in den Menschen, in ihren Geschichten, ihren Ängsten und Hoffnungen.

Wenngleich der Tonfall des Ich-Erzählers Muzafari bisweilen etwas gar pathetisch anmutet und einige Bilder und Metaphern (allen voran: die Reinheit) ein wenig überstrapaziert werden, ist “Der letzte Granatapfel” auch ein grosses Sprachkunstwerk. Poesie und Prosa finden – auch in der Übersetzung von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim – mühelos zueinander. Die Kombination von Magie und Realismus – eine Zuschreibung, die die Literaturkritik gemeinhin südamerikanischen Autoren vorbehält – erschafft eine einzigartige Erzählstimme, fernab von den Konventionen europäischer und amerikanischer Literatur.

Eine bedeutende Entdeckung und unbedingte Leseempfehlung!

Ali, Bachtyar. Der letzte Granatapfel. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. Zürich: Unionsverlag 2016. 352 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-293-00499-3

Rezension: Elizabeth Harrower – In gewissen Kreisen (Aufbau-Verlag 2016)

Elizabeth Harrowers fünfter Roman «In gewissen Kreisen» hätte eigentlich bereits 1971 erscheinen sollen – und wirkt vielleicht deswegen heute so entrückt und anziehend gleichermassen. Ein Buch, das zeigt, wie zerstörend unpassende Liebschaften sein können.

Rezension: Annina Haller

Harrower, geboren 1928 in Sydney, veröffentlichte ihre ersten drei Romane kurz nacheinander, der vierte folgte ebenfalls nur wenige Jahre später. Ihren fünften und letzten zog sie kurz vor Publikation und kurz nach dem Tod ihrer Mutter zurück. 2014 schliesslich wurde der Roman doch noch veröffentlicht und dieses Jahr auch auf Deutsch herausgegeben.

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Die Erzählung setzt in den Sechzigerjahren im australischen Sydney ein und schreitet anschliessend in ziemlich schnellen und darum teilweise verwirrenden Zeitsprüngen voran. Zwei Geschwisterpaare, die unterschiedlicher nicht sein könnten, werden einander gegenübergestellt. Zoes Bruder Russell bringt bei seiner Rückkehr aus dem 2. Weltkrieg eine Zufallsbekanntschaft in das gemeinsame Zuhause bei ihren Eltern: Stephen und Anna Quayle. Während Zoe und Russell Howard in einem wohlhabenden Elternhaus behütet aufwachsen, haben es Stephen und Anna schwerer im Leben. Nachdem ihre Eltern verstorben sind, wachsen sie bei ihrer psychisch stark angeschlagenen Stiefmutter auf. Die schwere Kindheit macht sich in den Persönlichkeiten der beiden Waisenkinder bemerkbar. Beide sind eher zurückhaltend, Anna dabei eher nachdenklich und Stephen beinahe griesgrämig und unberechenbar.

Russell hat während des Krieges ebenfalls schlimme Szenen miterleben müssen. Dem Leser verbergen sich diese allerdings gänzlich und können bloss erahnt werden. Hätte Harrower Russells Erlebnisse etwas genauer skizziert, wäre er in meinen Augen doch noch etwas fassbarer geworden. Leider bleibt er darum etwas auf der Strecke.

Zoe nämlich bietet im Vergleich zu ihrem Bruder nämlich ein spannenderes Bild. Obwohl ihre Kindheit und Jugend vermutlich am geradlinigsten verläuft, wirft sie genau das aus der Bahn. Dank dem Wohlstand der Eltern und kaum einer Möglichkeit zum jugendlichen Ausbruch, fühlt sie sich in ihrem Leben gefangen und gelangweilt. Das Auftauchen des ungewohnten Geschwisterpaares zieht sie darum regelrecht in ihren Bann, wirkt aber beispielsweise von Stephen gleichermassen angezogen wie abgestossen. Er wirkt gegen aussen sehr ruhig, vertritt aber sehr starke Meinungen und hat teilweise Mühe, sich zu mässigen. Im Laufe des Romans werden seine Launen fast schon beängstigend.

Anna hat ähnlich feste Ansichten, weiss sie aber passender anzubringen. Sie scheint besser einschätzen zu können, wo ihr Input gefragt ist und wo nicht.

Nicht gänzlich klar wird, weshalb die vier Charaktere aneinander haften bleiben. Und doch tun sie es. Nach einem ersten Zeitsprung nämlich heiratet Zoe Hals über Kopf Stephen. Russell hingegen heiratet nicht Anna, wie man im ersten Moment erwarten würde, sondern seine Jugendfreundin Lily, wie es schon seit vielen Jahren geplant ist. Er hört nicht auf sein Herz – das Anna gehört, wie auch das ihre insgeheim Russell gehört – sondern auf sein gesellschaftliches Pflichtgefühl. Und das rächt sich einige Jahre später.

Nach einem zweiten grösseren Zeitsprung stehen die beiden Ehen kurz vor dem Zusammenbruch. Zoes anfängliche Faszination von Stephen hat sich in die Erkenntnis verwandelt, dass sie gänzlich verschieden und inkompatibel sind. Im Nachhinein glaubt sie, Stephen als eine Art Geheimnis aufgefasst zu haben, das es aufzudecken gilt. Erst spät erkennt sie ihre Naivität und nimmt zur Kenntnis, dass sie mit Stephen wohl einen Grossteil ihres Lebens verschwendet hat. Stephens Launen machen es Zoes Entschluss jedoch schwer, das Thema Scheidung anzusprechen. (Fast zu) spät beginnt Zoe mit dem ersten Schritt in ein von Männern unabhängiges Leben. Aus dem Blickwinkel einer heutigen, jungen Frau treibt einen die Figur von Zoe darum manchmal etwas zur Weissglut, ist darum aber umso spannender.

Russell und Lilys Geister scheiden sich besonders zu dem Zeitpunkt, als ihre beiden Töchter ein Ballett-Stipendium in London erhalten. Dass sie von ihr weggehen wollen, betrachtet Lily als Zeichen der Undankbarkeit und geringen Wertschätzung der mütterlichen Bindung. Auch hier zeigt sich ein eher unbefriedigendes Frauenbild – abgenabelt von Kindern und Ehemann, der sich entweder mit seinem Geschäft oder mit einem der seltenen Spaziergänge mit Anna beschäftigt, stürzt Lily in fast schon depressive Zustände. Emanzipation sieht anders aus.

Abhilfe für ein moderneres Frauenbild schafft Anna. Sie scheint ihr Leben auch ohne Mann an ihrer Seite zu meistern – obwohl auch das teilweise nur Fassade ist. Als einzige der weiblichen Figuren sträubt sie sich dagegen, eine Heirat einzugehen aus bloss gesellschaftlichen Gründen. Sie lenkt sich zwar mit verschiedenen Männern von Russell ab, geht aber nie so weit, diese als Ehegatte in Betracht zu ziehen.
Das Wissen, dass ihr ihre einzige Liebe vermutlich versagt bleibt, nimmt sie allerdings an einem Punkt dermassen mit, dass es zum einzigen dramatischen Moment im Roman kommt.

Elizabeth Harrowers Roman ist weniger eine Erzählung als eine Analyse der fünf Hauptcharaktere. Mit psychologischer Genauigkeit werden sämtliche Beziehungen in diesem Fünfeck studiert und gegeneinander ausgespielt. Man darf nicht vergessen, aus welcher Zeit der Roman stammt – und doch lässt das Ende gewisse Parallelen mit der heutigen Zeit zu.
Ein Buch für Leser, die sich auch an sprachlichen und psychologischen Details erfreuen und nicht auf jeder Seite Nervenkitzel erwarten.

Harrower, Elizabeth. In gewissen Kreisen. Aus dem Englischen von Alissa Walser. Berlin: Aufbau-Verlag 2016. 279 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-351-03633-1 .

Eine Genrekritik mit: Friedrich Ani – Der einsame Engel (Droemer, 2016)

Vor der Produktivität Friedrich Anis kann man eigentlich nur den Hut ziehen: neben 5 Lyrikbänden, 7 Jugendromanen, etlichen Drehbüchern und diversen Krimis mit unterschiedlichen Ermittlern hat der deutsche Autor seit 1998 nicht weniger als 20 Kriminalromane mit dem Ermittler Tabor Süden veröffentlicht. Das sind beinahe Simenon’sche Ausmasse.  Es stellt sich die Frage: Leidet unter dieser Quantität die Qualität?  Und in der Tat: die Lektüre des neusten Tabor-Süden-Romans “Der einsame Engel” gibt Anlass zu einer Genrekritik.
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Er ist etwas über fünfzig, Einzelgänger, Getriebener, trinkt zu viel, wird die Gedanken an seinen verstorbenen Ex-Partner bei der Kripo nicht los, ist eigensinnig, manchmal unzuverlässig, hat hin und wieder eine Affäre und stellt immer die richtigen Fragen. Dieses Kurzprofil charakterisiert bei weitem nicht nur Tabor Süden, sondern eine grosse Anzahl von Detektiven, Ermittlern, Kommissaren aus einschlägigen Krimireihen, sei es nun in Buch-, Film- oder Fernsehform. Zielgruppenorientiertes Schreiben, könnte man sagen. Oder kritischer: Klischees bedienen.

Tabor Süden, der als Ich-Erzähler des Romans auftritt, ist glaubhaft in seiner Rolle: das liegt an Anis zurückhaltender Sprache, an seinen lebhaften Dialogen, an der derben Ehrlichkeit der Gefühle. Aber: diese Dialoge, diese Gefühle sind letztlich nichts als ein aus Stereotypen massgeschneidertes Konstrukt für den Krimimarkt. Von einer Figur, die bereits zwanzig Romane auf dem Buckel hat, wünschte ich mir mehr Tiefe und komplexere Beziehungskonstellationen.

Dafür aber scheint das Format nicht gemacht, schliesslich muss auf den knapp 200 Seiten des Romans noch ein Fall gelöst werden (Auch dies scheint ein unabdingbares Element des Krimis zu sein – gibt es Alternativen?). Der Fall, den Friedrich Ani – ein Autor, der sich ausschliesslich Vermissten und Verschwundenen widmet – in “Der einsame Engel” aufrollt, ist klug konstruiert, nimmt überraschende Wendungen und führt in ein waghalsiges moralisches Dilemma, mit dem der Leser zum Schluss allein gelassen wird. So weit, so gut. Doch es bleibt auch hier ein bitterer Nachgeschmack: die überhastete, wie in vielen Krimis auf sehr wenigen Seiten dargebotene Auflösung des Falls und das anschliessende James-Bond-artige Entfliehen der Hauptfigur in eine hoffnungsvolle Schlussszene (natürlich mit einer Frau an seiner Seite), die für den Beginn eines neuen Lebens stehen könnte (dies aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht tut) – das sind wiederum Stereotypen, die sich mit Leichtigkeit umschiffen liessen.

Er habe gelernt, “jedem Menschen jede Verwerfung zuzutrauen, weit über dessen Selbsteinschätzung hinaus” (162), sagt Süden einmal. Solche Einsichten philosophischer Art, die vom Tagesgeschehen des Kriminalfalls hinauf führen in den Diskursraum des Moralischen, Ethischen, Menschlichen, bleiben leider eine Seltenheit. Gerade weil die Sprache des Autors mit ihrem Hang zum Derben, zum von keiner Theorie Verklärten, zum Gossenpoetischen von einer sehr hohen Qualität ist, wäre es wünschenswert, ihr und den von ihr gezeichneten Figuren mehr Raum zum Atmen und Entwickeln zu geben.

Die Simplizität eines Kriminalfalls – ein Mensch verschwindet und niemand scheint zu wissen, wo er ist – ist noch lange kein Grund, auch die Erzählung des Falls so simpel wie möglich zu gestalten. Aus den einfachsten Dingen – und das ist in beinahe allen grossen Werken der Literatur der Fall – lassen sich bisweilen die fantastischsten Gedanken extrahieren.

Es ist an der Zeit, dass das Genre des Kriminalromans sich seiner privilegierten Position bewusst wird und (wieder) anfängt, Weltliteratur zu produzieren.

Ani, Friedrich. Der einsame Engel. Ein Tabor Süden Roman. München: Droemer. 208S., gebunden m. Schutzumschlag 978-3-426-28147-5

Rezension: Georgi Gospodinov – 8 Minuten und 19 Sekunden (Droschl, 2016)

Die zeitgenössische bulgarische Literatur führt im deutschen Sprachgebiet nach wie vor ein Schattendasein. Dies kann unterschiedliche Gründe haben: einerseits bedienten oder bedienen sich etliche der bekanntesten bulgarischstämmigen Stimmen gar nicht der Sprache ihrer Heimat (etwa Elias Canetti, Tzvetan Todorov und Ilja Trojanow), andererseits bleibt vieles von dem, was auf Bulgarisch erscheint, hierzulande noch unübersetzt. Sinnbildlich für das Schattendasein steht vielleicht der grosse Autor Georgi Markow (1929-1978), dessen Texte – sie erscheinen auf Deutsch beim Wieser-Verlag in Klagenfurt – nur einem sehr kleinen Publikum bekannt sein dürften –  ganz im Gegensatz zu seinen spektakulären Todesumständen.

Wie auch immer: es gibt glücklicherweise Ausnahmen. Zu nennen wäre da etwa Vladimir Zarev, dessen opulente Weltschev-Trilogie (erschienen beim Deuticke-Verlag) einen ausgezeichneten (und mit insgesamt 2236 Seiten enorm umfangreichen) Einstieg in die bulgarische Geschichte und Literatur liefert. Und dann ist da noch Georgi Gospodinov, geboren 1968 in Jambol, Autor zweier hochgelobter Romane (“Natürlicher Roman”, 1999, und “Physik der Schwermut”, 2011) sowie diverser Gedichtbände, Kolumnen, Theaterstücke und Kurzgeschichten-Sammlungen.
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In letztere Kategorie fällt auch der Band “8 Minuten und 19 Sekunden”, der dieses Jahr beim Droschl-Verlag erschienen ist. 19 Kurz- und Kürzestgeschichten sind darin versammelt, geschrieben zumeist zwischen 2008 und 2012. Die Texte sind ein idealer Weg, sich diesem experimentierfreudigen Geschichtenerzähler – so soll er sich selbst nennen – zu nähern.

Bei den titelgebenden 8 Minuten und 19 Sekunden handelt es sich um den Zeitraum, den das Licht benötigt, um von der Sonne zur Erde zu gelangen. Erlischt also die Sonne, bleiben den Lebewesen auf unserem Planeten noch exakt diese 8:19, um sich des Lebens zu erfreuen. Womit wir beim verbindenden Thema der meisten dieser Erzählungen sind: Apokalypse – sei es nun in globalem oder persönlichem Ausmass. “Manchmal ist das Ende der Welt etwas sehr Persönliches” lässt er denn auch die Figur Gaustìn – einen wiederkehrenden Charakter in Gospodinovs Geschichtenuniversum – schreiben.

Der Band versammelt Weisen von der Einsamkeit (“Weisst Du, aus welcher Materie der Kosmos gemacht ist? Er ist aus Einsamkeit gemacht.” aus: “Und alles wurde Mond”), melancholische Träumereien (etwa “Auf der Suche nach Carla in Lissabon”), Geschichten von Abwesenheit (ausgezeichnet: “Das Ritual”), “Geschichten vom Einander-Verpassen” (noch besser: “O, Henry!”) und Geschichten tragikomischen Schicksalen im Angesicht drohenden Untergangs (siehe etwa die exquisiten Charakterstudien in “Die Gesichter der letzten Tage”, die nicht zuletzt an Canettis “Der Ohrenzeuge” erinnern.)

Einsamkeit und Abwesenheit zeigt Gospodinov mit Vorliebe an Worten, die unbeantwortet bleiben müssen: Briefe an Verstorbene, Briefe von Verstorbenen, ein Mann, der eine Stoffpuppe zu seiner Tochter auserkoren hat (“Tochter”) und ein Waisenjunge, der nacheinander einen Kastanienbaum, eine Büste von Stalin und einen streunenden Hund als Vater betrachtet und sie allesamt durch tragische Umstände verliert (das dritte Glanzlicht: “Einen Vater adoptieren”). Und dann ist da doch immer wieder dieses Licht, der Ausblick auf eine Version der Geschichte, die weniger apokalyptisch scheint: “In diesem Verpassen liegt mehr Liebe als in allen Begegnungen der Welt, falls euch das nicht zu sentimental klingt.” (noch einmal aus “O, Henry!”).

Bitterer Zynismus und Ironie verbinden sich in Gospodinovs Prosa mit einer aufrichtigen Grossherzigkeit und Menschenliebe. Was beim ersten Gedanken unvereinbar anmuten mag, entwickelt sich in den Etüden dieses begnadeten bulgarischen Erzählers zu einem einzigartigen Sound, der weit über das spezifisch osteuropäische Element hinaus – die vielen Verweise auf die sozialistische Vergangenheit des Landes – Anklang finden wird. Ausgestattet mit untrüglichem Blick für Details, der Fähigkeit Alltägliches auch schon mal in apokalyptische Dimensionen zu transportieren und einer prägnanten Sprache, wie geschaffen für diese Miniaturen, darf Georgi Gospodinov sicherlich zu den interessantesten Stimmen gegenwärtiger europäischer Literatur gezählt werden.

Gospodinov, Georgi. 8 Minuten und 19 Sekunden. Erzählungen. Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann. Graz: Droschl 2016. 144 S., gebunden m. Schutzumschlag. 9783854209485

Rezension: Tom Zürcher – Der Spartaner (Lenos Verlag, 2016)

Sechs Romane hat der Schweizer Autor Tom Zürcher geschrieben. Veröffentlichen lassen hat er davon bislang zwei: vor achtzehn Jahren die irrwitzige Detektivstory “Högo Sopatis ermittelt” (Eichborn, 1998) und unlängst “Der Spartaner” (Lenos Verlag, 2016). Es sind die Aufzeichnungen eines jungen Mannes auf der Suche nach Freiheit, Wahrheiten und seiner Rolle im “grossen Bürgertheater”. Ein Roman, der darauf hoffen lässt, dass Tom Zürcher dereinst auch seine noch in der Schublade ruhenden Werke der Öffentlichkeit vorstellen wird.

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An einer Klassenzusammenkunft zückt ein junger Mann, den alle nur den “Spartaner” nennen, eine Pistole… Der Ich-Erzähler des Romans, ein guter Freund des Spartaners, wird nach dieser Katastrophe in ein Privatsanatorium eingeliefert. Er nennt es “Hotel ohne Fenster”. Akribisch hält er alle Eindrücke, Gedanken und Gespräche fest: die Absurditäten seiner Mitinsassen “Buffi” und “Fanolo”, die täglichen Sitzungen mit seiner Ärztin, den Konflikt mit seiner Mutter, Fragmente der Vergangenheit, die nach und nach an die Oberfläche dringen und den Leser Schritt für Schritt rekonstruieren lassen, was vorgefallen ist bzw. vorgefallen sein könnte.

Ein Lieblingssatz des Protagonisten ist: “Es gibt keine Wahrheit, es gibt hundert.” Wie viele seiner Leitzitate schreibt er ihn dem Spartaner zu, dessen bedingungslose Freiheit und Ablehnung des “grossen Bürgertheaters” er idolisiert. Zwei Wege sind ihm gegeben, diesen Wahrheiten auf die Spur zu kommen: das Schreiben und die Gespräche mit “seiner” Ärztin, mit der ihn bald ein seltsames Verhältnis verbindet, das über die übliche Vertrautheit von Arzt und Patient hinausgeht.

“Schreiben Sie einfach drauflos, hat sie gesagt. Schreiben Sie alles auf, was Ihnen durch den Kopf geht. Mir geht allerhand durch den Kopf, wissen Sie. Gedanken sind wie weisse Kanninchen. Kaum ist mehr als einer da, rammeln sie drauflos, und plopp! sind es hundert, und alle hoppeln durcheinander und knabbern meine Kabel an.”

Die Konstruktion des Romans ist geschickt angelegt: Aufzeichnungen und Sitzungsprotokolle (ebenfalls vom Ich-Erzähler angefertigt, “wortwörtlich, wie er vorgibt) wechseln sich ab. Oftmals beziehen sie sich aufeinander: die Aufzeichnungen werden in den Sitzungen besprochen, die Sitzungen in den Aufzeichnungen nachbearbeitet. So clever wie der Roman strukturiert ist, so routiniert ist er stilistisch ausgefertigt. Besonders hervorzuheben ist hierbei die handwerkliche Meisterschaft der Dialoge. Sie sind rasant, humorvoll, nachvollziehbar und niemals künstlich überspitzt, sondern nahe an einer vertrauten Alltagssprache: eine Qualität, die nicht hoch genug gelobt werden kann, scheitert doch manch ein ansonsten hochbegnadeter Schriftsteller an der Klippe des Dialogs. Nicht Tom Zürcher.

“Der Spartaner” ist ein raffiniertes Spiel, in dem die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, Verrücktheit und gesellschaftlicher Konvention, Erinnerung und Verdrängung auf gleichsam unterhaltende wie tiefsinnige Art und Weise ausgelotet werden. Ein Roman, der mehr sein müsste, als lediglich ein Geheimtipp, ja: das Werk eines Autors, von dem man gerne mehr lesen möchte!

Hier geht es zu einem längeren Interview mit Tom Zürcher über sein Leben und Schaffen.

Zürcher, Tom. Der Spartaner. Basel: Lenos Verlag, 2016. 256 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978 3 85787 468 0

Rezension: Thea Dorn – Die Unglückseligen (Knaus, 2016)

In ihrem umfangreichen Roman „Die Unglückseligen“ entfaltet Thea Dorn ein Panorama aus über dreihundert Jahren deutscher Literatur- und Naturwissenschaftsgeschichte. Ausgehend von einer durchaus als genial zu bezeichnenden Grundkonstellation, verzettelt sich die Autorin dabei in immer mehr haarsträubenden Unstimmigkeiten, stilistischen Unsauberkeiten und plumpen Versuchen, komisch zu sein.

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Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Molekularbiologin und Humangenetikerin Johanna Mawet, deren „Lebensprojekt“ es ist, allen menschlichen Zellen Regenerationsfähigkeit zu verleihen und die Zellalterung abzuschaffen, kurz: die Unsterblichkeit zu erlangen.

Während eines Forschungsaufenthalts in den USA begegnet sie in einem Supermarkt dem merkwürdigen „John“, der abgelegen in einer Hütte mitten im Wald lebt. Kuriose Umstände bringen die beiden Figuren einander näher und bald stellt sich heraus, dass „John“ der frühromantische deutsche Physiker Johann Wilhelm Ritter (1776-1810) ist – oder mindestens vorgibt, dieser zu sein. Sollten diese Angaben der Wahrheit entsprechen, wäre Ritter also 240 Jahre alt, kurz: vermutlich unsterblich.

Das ungleiche Paar kommt sich näher, Johanna setzt es sich bald zum Ziel, Ritters Genom zu entschlüsseln und so sein wahres Alter zu entdecken und seinen unglaublichen Regenerationsfähigkeiten auf die Spur zu kommen. Ihr Vorgehen erregt die Aufmerksamkeit ihrer Vorgesetzten, weshalb sie Ritter bald als ihren Onkel ausgibt und mit ihm zurück nach Deutschland flüchtet.

Im Laufe der Geschichte verabschiedet sich Johanna unter Ritters Einfluss nach und nach von ihrem vernunftgeleiteten Weltbild und driftet unaufhaltsam dem Wahnsinn entgegen – oder etwa doch der Entdeckung der Geheimnisse der Immortalität…?

Thea Dorn stellt hier zwei Figuren einander gegenüber, die beide in ihrer Zeit mit ihren Mitteln und Begrifflichkeiten danach strebten, die Rätsel der Menschheit zu ergründen. Sie versucht dies sprachlich adäquat umzusetzen, indem Ritters Teile in einem pseudo-altertümlichen Deutsch, Johannas in einem eher saloppen modernen Deutsch abgefasst sind. Dazwischen mischt sich immer wieder eine boshafte, in Reimen sprechende Erzählerstimme, deren Identität lange ungeklärt, aber dennoch bald absehbar ist, ist sie doch in der Grundkonzeption des Buches – zu grossen Teilen eine Neuauslegung des klassischen Faust-Stoffes – bereits angelegt.

So ambitioniert und vielversprechend die Ausgangslage dieses Textes ist, so sehr werden die Erwartungen enttäuscht. Einerseits leidet „Die Unglückseligen“ an krampfhaften Versuchen, innovativ und/oder komisch zu sein, was sich etwa an Stellen zeigt, wo plötzlich Sprechblasen mit wirrem Geschwätz den Textfluss unterbrechen, oder in Kapiteln, da plötzlich Fledermäuse (!) als Erzähler eine Aussenperspektive auf das Geschehen vermitteln – dies alles vollkommen irrelevant für den Verlauf der Geschichte.

Des Weiteren gibt es diverse unaufgelöste Geschichten um Figuren, die schlicht vergessen gegangen scheinen, und deutliche Logikfehler in der Konstruktion. Um nur ein Beispiel zu nennen: absurd erscheint mir das in geradezu penetranter Häufigkeit beschriebene ungläubige Staunen Ritters über die Entwicklungen moderner Technologie (häufigstes Beispiel: das Macbook). Denn ja, der Mann ist mental im 18. Jahrhundert verwurzelt, aber: er hat die ganze Zeit gelebt, so dass es kaum glaubhaft erscheint, wenn er der modernen Lebenswelt mit derartigem Befremden entgegentritt.

Am Ende – zumal nach dem Schock der Zuspitzung vollkommen haarsträubender Ereignisse auf den letzten fünfzig bis hundert Seiten – bleibt mir die Enttäuschung. Thea Dorn hat aus dem umfangreichen Stoff und der genialen Anfangskonstellation zwar viel gemacht, nämlich ganze 550 Seiten, aber zu wenig. Der Roman krankt an unterschiedlichsten Stellen und beraubt sich durch seine zerfaserte, geschwätzige Struktur selbst der Ironie und der Spannung, die in diesem Stoff angelegt ist und ohne deren Ausdruck er fade und belanglos bleibt.

Ein hartes Verdikt, ja, aber ich denke ein gerechtfertigtes. Wer positiv beeindruckte Gegenstimmen vernehmen möchte, schaue und höre etwa bei Denis Scheck nach, der von einem „virtuosen Sprachkunstwerk“ spricht, oder lausche Rüdiger Safranski, der im Schweizer Literaturclub voll des Lobes ist. Eine sehr gut geschriebene positive Rezension fand sich unlängst etwa im Tagesspiegel. Ich für meinen Teil muss mich Philipp Tinglers salopp zugespitztem Fazit aus dem eben schon genannten Literaturclub des Schweizer Fernsehens anschliessen: „Ein doofes Buch.“ – wenn auch eines, und das immerhin erachte ich jederzeit als positiv, über das sich ausgezeichnet streiten lässt!

Dorn, Thea. Die Unglückseligen. Knaus. 560 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8135-0598-6

Rezension: Timothy Snyder – Black Earth: Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann (C.H. Beck, 2015)

Warum überlebten 99 % der dänischen Juden den Holocaust, während 99 % der estnischen Juden ermordet wurden? Unter anderem anhand dieses Beispiels gleist der renommierte amerikanische Osteuropa-Historiker Timothy Snyder seine Theorie zur Entstehung der Gewaltverbrechen des Zweiten Weltkriegs auf. “Black Earth” ist eine detailreiche Studie mit starken, durchaus polemischen Thesen und einem alarmistischen Brückenschlag von den Dreissigerjahren ins 21. Jahrhundert.

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Snyder, der in “Black Earth” diverse Themen aus seinem vieldiskutierten Buch “Bloodlands: Europe Between Hitler And Stalin” (2010) wieder aufgreift, vertritt im Grunde folgende Kernthese: Der Massenmord der Nazis an den europäischen Juden wurde überall dort möglich, wo staatliche Strukturen zerstört worden sind und die Juden dementsprechend, ohne den Schutz gewährenden Rückhalt eines Bürgerrechts, in einem quasi anarchischen Umfeld vernichtet werden konnten. Aus diesem Grund starben die allermeisten Juden nicht etwa in Deutschland oder im restlichen Zentraleuropa, sondern in den Staaten des Ostens: Polen, dem Baltikum, der Ukraine und der westlichen Sowjetunion.

Um seine Argumentation stringent zur These hinzuführen, wendet sich Snyder zunächst der Frage zu, wie es überhaupt zum Holocaust kommen konnte. Er fasst dabei Adolf Hitler als politischen Denker ins Auge, bezieht sein Quellenmaterial oftmals aus dessen Manifest “Mein Kampf” (1925/26). Die Quintessenz, die Snyder aus Hitlers Weltauffassung zieht, ist in etwa folgende: Für Hitler war die Natur die einzig gültige Wahrheit, gleich den Arten im Tierreich befinden sich die menschlichen “Rassen” in einem ewigen Kampf, der schliesslich alle politischen Grenzen zerstören würde; es gilt das “Gesetz des Dschungels” (Snyder). Der Jude nun war für Hitler aber eine “Nicht-Rasse”, am Ursprung einer Weltverschwörung, mit der er “den Menschen weismachte, sie stünden über anderen Lebewesen und verfügten über die Fähigkeit, selbst über ihre Zukunft zu bestimmen.” (Snyder). Hitler war demgemäss kein deutscher Nationalist, sondern ein Fanatiker, dessen Weltbild auf einer gefährlichen Mischung aus religiösen und zoologischen Ideen beruhte. Die einzige Moral in diesem Weltbild war die Loyalität gegenüber der eigenen Rasse.

Mit dieser paradoxen Philosophie – Hitler, ein politischer Denker, der die Politik zerstören will – im Hinterkopf macht sich Snyder daran, den Hergang des Holocaust, gestützt auf Unmengen von Quellen, zu erläutern. (Der Historiker, der angeblich elf europäische Sprachen beherrscht, zitiert unter anderem Quellen aus polnischen, russischen, ukrainischen, israelischen und deutschen Archiven – alles, wissenschaftlich sauber, in einem umfangreichen Anhang mit Fussnoten und Bibliographie offengelegt.) Ausführlich schildert Snyder etwa die gescheiterte polnisch-deutsche Diplomatie der Vorkriegszeit und beginnt anschliessend im Kapitel “Die Staatszerstörer”, die ersten Anzeichen des Massenmords anhand der Staatszerschlagungen von Österreich, der Tschechoslowakei und Polen darzulegen.

Der bei weitem opferreichste Teil des Holocaust spielte sich noch weiter östlich ab, in jenen Gebieten Polens und des Baltikums etwa, die zunächst von der Sowjetunion und dann von den Deutschen besetzt wurden. Mit detaillierten Darstellungen der Vorkriegssituation der betroffenen Länder, versucht Snyder klarzumachen, dass einzig die Zerschlagung der staatlichen Strukturen, nicht etwa ein bereits zuvor vorhandener aggressiver Antisemitismus, den unbeschreiblichen Massenmord an Juden ermöglicht hat.

Ins Auge gefasst werden sodann die mannigfaltigen Verstrickungen lokaler Kollaborateure, darunter auch vieler sowjetischer Kommunisten, die sich an der Ermordung der Juden beteiligten. Mit einer geschickten Mischung aus kontinental übergreifenden Perspektiven und detailliert geschilderter Einzelbiografien entfaltet Snyder das Panoptikum der Grausamkeit, die sich über ganz Europa ausbreitete.

Im eindrücklichen Kapitel “Das Auschwitz-Paradox” kommt die Sprache schliesslich auf die teilweise bis heute andauernde Verdrängung dieser im Osten Europas vollstreckten Greueltaten. Vielfach wird das “Vernichtungslager” Auschwitz als Kurzformel für den Holocaust verwendet; ein Lager, in dem wesentlich mehr Menschen überlebten als an den Todesgruben in Osteuropa wie auch in den vier anderen “Vernichtungslagern” (Treblinka, Belzec, Sobibor und Chelmno), wo ein Überleben beinahe ausgeschlossen war. Snyder schreibt:

“Begrenzt man den Massenmord an den Juden auf einen Ausnahmeort und betrachtet man ihn als das Ergebnis unpersönlicher Prozesse, dann müssen wir uns nicht mit der Tatsache auseinandersetzen, dass Menschen, die sich gar nicht so sehr von uns unterscheiden, andere Menschen, die sich gar nicht so sehr von uns unterscheiden, in unmittelbarer Nachbarschaft ermordeten.”

Ein harter, aber durchaus bedenkenswerter Vorwurf an die Generationen der Nachkriegszeit und eine Mahnung an jene, die noch folgen werden.

Weiter handelt Snyder präzise und kompakt, einen nach dem andern, die Situationen in den mit Deutschland verbündeten Staaten vor und während des Krieges ab: in den “Marionettenstaaten” Kroatien und Slowakei, in den freiwillig verbündeten Staaten (Italien, Rumänien, Bulgarien und Ungarn) sowie in einigen der von Deutschland auf dem Schlachtfeld besiegten Nationen, die aber ihre staatlichen Strukturen zu einem gewissen Grad, wenn auch unter deutschen Bedingungen, erhalten konnten (etwa Frankreich, die Niederlande und Griechenland).

Letztlich wird im wiederum sehr beeindruckenden Kapitel “Die wenigen Aufrechten” anhand diverser Einzelbiografien ein Licht auf die wenigen individuellen Retter geworfen, die unter Bedrohung des eigenen Lebens Juden retteten. Leute, die unseligerweise nach Kriegsende selten als Retter gefeiert wurden, sondern oftmals als Kriegsverbrecher inhaftiert wurden – prominentestes Beispiel hierfür ist wohl Wilm Hosenfeld, der dem polnischen Pianisten Szpilman zur Flucht verholfen hatte.

“Black Earth: The Holocaust as History and Warning” lautet der Originaltitel des Buches. Hiervon sind 340 Seiten “history” und die letzten knapp dreissig Seiten “warning” – Snyder wagt den Brückenschlag ins 21. Jahrhundert und gibt sich als alarmistischer Prophet, der in den weltpolitischen Wirren unserer Zeit und insbesondere auch in der Unvorhersehbarkeit des “Klimawandels” und seiner Konsequenzen Parallelen zu den Entstehungsbedingungen des Holocaust sieht. Wenn auch manch ein Vergleich nicht ganz handfest erscheint, so sind die Grundthesen dennoch bemerkenswert – und beunruhigend. Snyder behandelt die aktuellen Verflechtungen von Asien und Afrika, wobei insbesondere China, das Afrika als mögliche Lösung für seine Ressourcenknappheit betrachtet, gewisse Parallelen zur Situation im Deutschland der 1930er-Jahre aufzuweisen scheint. Des Weiteren benennt er den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, in welchem er von russischer Seite eine dem Nationalsozialismus ähnliche Rhetorik erkennen will; und er benennt die USA, die bei ihrem Vorgehen im Irakkrieg dem gefährlichen Trugschluss unterlegen seien, Freiheit entstehe aus dem Fehlen staatlicher Autorität. Und genau das hat ja eben, wie Snyder in dieser Studie zeigt, den schrecklichsten Massenmord der Geschichte erst ermöglicht.

Timothy Snyder polarisiert mit seinen Thesen – ein Blick auf die durchweg gemischt ausfallenden Kritiken bestätigt dies -, doch seine Argumentation ist in sich stimmig und basiert auf jahrelangen Studien und profunder Quellenauswertung, so dass sowohl seine Interpretation des Holocaust wie auch sein mahnender Zeigefinger in Richtung Zukunft ergreifende Lektüre sind, die letztlich dazu anregt, sich mit seinem eigenen Standpunkt in der heutigen Welt vertieft auseinanderzusetzen.

 

Snyder, Timothy. Black Earth: Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann. Aus dem Englischen von Ulla Höber, Karl Heinz Siber und Andreas Wirthensohn München: C.H. Beck 2015. 488 S., gebunden m. Schutzumschlag, mit 24 Karten. 978-3-406-68414-2

Rezension: Alexander Ilitschewski – Der Perser (Suhrkamp, 2016)

“Weltliteratur”: selten erschien der Begriff passender. Der russische Autor Alexander Ilitschewski (*1970) hat mit “Der Perser” (Original: 2010) den Roman des bisherigen 21. Jahrhunderts geschrieben. Ein weltumspannendes, siebenhundertfünfzigseitiges Epos, das die Fäden von Politik, Religion, Wissenschaft und Poesie in ein weitreichendes Episodennetz verstrickt und in ihre globale Dimension rückt.

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Das Grundgerüst der Handlung ist schnell umrissen: der Ich-Erzähler Ilja, ein russischer Geologe und Computertechniker, der in den 1990er-Jahren in die USA emigriert ist, kehrt an den Ort seiner Kindheit – Baku und die umliegenden Gebiete am Kaspischen Meer – zurück, um seiner Ex-Frau Therese nachzustellen und seinen Jugendfreund Hasem wiederzufinden. Dieser lebt gemeinsam mit einer Gruppe von “Hegern”, die sich um die Zucht der vom Aussterben bedrohten Kragentrappe bemühen, in einem Naturpark. Hasem wird von seinen Leuten verehrt, entwickelt sich nach und nach zu einer messianischen Figur, in deren Bannkreis auch Ilja gerät.

Ilja, der in Kalifornien studiert hat und ein nomadisches Leben führt, ist auf der Suche nach etwas, das er LUCA (Last Universal Common Ancestor) nennt, vereinfacht: auf der Suche nach den Ursprüngen irdischen Lebens. An all seinen Arbeitsplätzen – meist Orte, wo Erdölbohrungen gemacht werden – nimmt er Proben und schickt sie an ein Labor in Genf. Am Kaspischen Meer, seit dem 19. Jahrhundert ein Epizentrum des Ölgeschäfts, wo etwa die Familien Rothschild und Nobel  investierten, erhofft er sich weitere Hinweise.

Bald aber rückt Jugendfreund Hasem in den Fokus seiner Rückkehr. Hasem ist ein Guru, ein Hippie, ein Rastafari, ein Dichter, ein Messias, der den Naturpark zu einem Quartier für Derwische gemacht und von allen geliebt und verehrt wird. Er “sucht Gott im Menschen” und will, “dass die Religion endlich lernt, den Menschen zu respektieren”. Er verehrt den russischen futuristischen Dichter Velimir Chlebnikov, nach dem er seine Kolonie auch benannt hat. Hasem: ein Perser, der russisch denkt und fühlt, sich aber den Widersprüchen seiner Heimat nicht entziehen will.

In den Figuren und im Raum, in dem Grossteile der Handlung in Vergangenheit und Gegenwart sich abspielen, sind die grossen Konflikte des Werks schon angelegt. Das Kaspische Meer, jener gigantische See – beinahe zehnmal so gross wie die Schweiz -, der die Grenzen Irans, Aserbaidschans und Russlands umspült, war und ist Kontaktzone globaler Interessen. Gierige Rohstoffspekulanten, amerikanische Militärs, gottergebene Derwische, Schmuggler, skrupellose arabische Falkenjäger prallen aufeinander, müssen ihre Lebensweisen miteinander aushandeln. In einer von Ilitschewski spektakulär beschriebenen Wildnis kommt es zur Begegnung grosser Weltreligionen, unersättlicher Machtansprüche und atemberaubender Naturphänomene.

In diesem Spannungsfeld siedelt Alexander Ilitschewski sein mäanderndes, immer wieder zwischen Zeiten hin und her springendes, vor grausamen, liebevollen, mitreissenden, spannungsgeladenen Episoden schier überbordendes Epos an. Zu den grandiosesten Szenen gehören jene, in denen ein einstmals weltoffener, von der Königsfamilie geächteter saudischer Prinz mit seiner Entourage zur Falkenjagd anreist; sein Name: Osama bin Laden. Die Falken der arabischen Elite haben es auf die seltenen, von Hasem gehegten Kragentrappen abgesehen, deren Fleisch die Jäger aphrodisische Qualitäten zuschreiben. “Grausamkeit und archaische Raubgier”, verkörpert durch die Falkenjäger, kreuzen sich mit den auf Welt- und Menschenveränderung angelegten Ideen des Persers. Es kommt zum gewaltsamen Zusammenprall, mit dem letztlich auch das Buch in sein atemberaubend dramatisches Finale mündet.

Was Alexander Ilitschewski geschafft hat, ist: Weltliteratur im wahrsten Sinne des Wortes zu verfassen; ein Buch, dessen Schauplätze und Mentalitäten ein globales Panorama der Befindlichkeiten im 20. und 21. Jahrhundert entfalten. Ökologische, religiöse, soziale, politische und ökonomische Grenzkonflikte unserer Zeit hat er in ein Werk von schillernder Erzählkraft gebannt, das von Übersetzer Andreas Tretner meisterhaft (will man den russischkundigen Kritikern glauben) ins Deutsche übertragen wurde. “Der Perser” zerlegt Ängste und Ansprüche, Komplexe und Überzeugungen einer global immer besser vernetzten Weltgesellschaft in tausende und abertausende Einzelteile. Was Alexander Ilitschewski geschafft hat, ist: den Roman unseres Jahrhunderts zu schreiben.

“Was bringt die Menschheit voran?”, heisst es an einer Stelle. Antwort: “Ausuferndes Denken.” Ilitschewskis Stil ist in der Tat ausufernd, bisweilen wirklich in jedes Detail verliebt, und doch erscheint der Text nie redundant, nie beliebig. Die überschäumende, mal messerscharfe, mal poetisch zierreiche Sprache, der profunde Kenntnisreichtum auf unterschiedlichsten Gebieten und die eindrückliche Zeichnung der Figuren machen jede dieser 750 Seiten lesenswert. Im Anhang befindet sich zudem ein Apparat mit Anmerkungen des Übersetzers, der für das Verständnis diverser geografischer und fachspezifischer Begriffe sehr hilfreich ist.

Weiteführend: Interessante tiefere Einblicke in die unzähligen Referenzen, die Ilitschewskis Roman bereithält, bietet das Arbeitsjournal des Übersetzers Andreas Tretner, das sich hier entdecken lässt.

Ilitschewski, Alexander. Der Perser. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Berlin: Suhrkamp 2016. 750 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-518-42499-5 .

Rezension: Dominique Anne Schuetz – Von einem der auszog, die Welt zu verschieben (europa 2015)

Die Schweizer Autorin Dominique Anne Schuetz legt mit “Von einem der auszog, die Welt zu verschieben” ihren mittlerweile vierten Roman vor. Er handelt von Menschen, die – jeder auf seine Weise – aus ihrem beengenden Dasein auszubrechen suchen, im übertragenen wie im ganz konkret topographischen Sinne. Präzise recherchierte historische Fakten und unterschiedliche Charakterstudien fügen sich zu einem Stimmungsbild der jungen, enthusiastischen Vereinigten Staaten in den 1880er-Jahren. Das ist mal tiefsinnige, mal leichte Unterhaltung – insgesamt vielleicht etwas zu leicht?
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Im Zentrum der Erzählung, die im Jahr 1888 beginnt, stehen zwei mitteleuropäische Männer. Zunächst ist das der St. Galler Buchhalter Ferdinand Ulrich, der als Kind Matrose hatte werden wollen, seinem konservativen Familienumfeld aber nicht entfliehen konnte und deshalb Recht studierte. Seine Mutter, sein Bruder – der in der St. Galler Stiftsbibliothek arbeitet – und seine Verlobte Johanna können sich ein Leben ausserhalb der beschaulichen Ostschweizer Stadt kaum vorstellen. Eines Tages packt Ferdinand das Fernweh – er schmeisst alles hin und bricht auf.

Zur gleichen Zeit wird in München der Geigenbauer Aloysius Brandl, der “weder Sinn fürs Geschäftliche noch für die Realität” besitzt, aus dem Gefängnis entlassen, wo er wegen eines Violinendiebstahls einsitzen musste. Ein skurriler Zufall lässt ihn, den vollkommen Perspektivenlosen, unverhofft wieder zu Geld kommen, welches er denn auch sogleich einsetzt, um wegzugehen. Nach Bremerhaven, wo die Dampfer in Richtung Amerika auslaufen.

Um an eine Fahrkarte zu kommen, macht er ein Versprechen: er soll das kleine ungarische Mädchen Janka, dessen Grossvater die Strapazen der Reise nach Deutschland nicht überlebt hat, bei seinen Verwandten im Dorf Ulysses, Kansas, abliefern. Und so beginnt die Odyssee dieses ungleichen Paares.

Es ist diese Ortschaft im Herzen der USA, wo es letztlich auch zur dramaturgisch natürlich unvermeidlichen Bekanntschaft zwischen Aloysius und Ferdinand kommt. Die (tatsächliche) faszinierende Geschichte von Ulysses, Kansas, bildet den Rahmen dieses Romans, dem Dominique Anne Schütz ihre Charaktere einschreibt, sie – zumindest Ferdinand – zu entscheidenden Figuren für das Schicksal des Ortes macht.

Der Roman ist in vier Teile unterteilt, wovon die ersten beiden, die Aufbruch und Reise der beiden Protagonisten bis und mit ihres ersten Aufenthalts in Ulysses erzählen, den grössten Teil ausmachen. Ein kurzes Intermezzo von gerade einmal vierzig Seiten schildert dann “Die vielen Jahre dazwischen”, das heisst konkret zwanzig Jahre, während derer Ferdinand und Aloysius wieder ihre eigenen Wege gehen, der eine zurückkehrt nach München, um Instrumente zu bauen, der andere die ganze Welt bereist. Und erst im letzten Teil, der ebenfalls nur achtzig Seiten ausmacht, kommt es zur Erzählung der eigentlich unerhörten Begebenheit dieser Geschichte: der buchstäblichen Verschiebung des über alle Massen verschuldeten Dorfes Ulysses einige Meilen hinaus in die Prärie.

Die historischen Tatsachen im Buch sind präzise recherchiert und subtil in die Geschichte eingearbeitet, so dass ein durchaus auch sinnlich erfahrbares Stimmungsbild der Zeit entsteht. Die Charakterstudien der Figuren, die alle irgendwie bestrebt sind Einengungen ihres Lebens zu entfliehen – manche mit mehr, manche mit weniger Mut – sind stellenweise tiefsinnig, stellenweise aber auch etwas gar oberflächlich. Gerade der letzte Teil des Buches, der allzu offensichtlich auf ein versöhnliches Ende angelegt ist, übergeht die eigentlichen Probleme zu oft. Die Sorgen und Nöte eines Dorfes, das so sehr verschuldet ist, dass es sich gezwungen sieht, die gesamte Ansiedlung in einer mühseligen Prozedur in die Prärie hinaus zu verschieben, um der Pleite zu entgehen, das Psychogramm einer Dorfgemeinschaft am Abgrund, die sich allen Widerständen zum Trotz aufrafft und das Unmögliche möglich zu machen versucht: das literarische Potenzial, das darin steckt, wird von der Autorin leider nicht vollständig ausgeschöpft.

Diese Kritik soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass “Von einem der auszog, die Welt zu verschieben” ein sprachlich souveräner, jederzeit unterhaltsamer, humorvoller und historisch anregender Roman ist, dessen Lektüre lohnt.

Schuetz, Dominique Anne. Von einem der auszog, die Welt zu verschieben. Zürich: europa verlag 2015. 320 S., gebunden m. Schutzumschlag. ISBN 978-3-906272-36-8.