Rezension: Philippe Djian – Die Rastlosen (Diogenes, 2012 [2010])

Philippe Djians 2010er-Roman “Incidences” (2010; deutsch “Die Rastlosen”, 2012) folgt dem als Schriftsteller gescheiterten Literaturdozenten Marc, dessen Eskapaden ihn rasant einem unvermeidlichen Abgrund entgegentreiben. Die Chronik eines zerstörerischen Lebens, rücksichtslos, ohne Schnörkel erzählt bis zum bitteren Ende. 

djian

Titel: Die Rastlosen
Original: Incidences (Gallimard, 2010)
Autor: Philippe Djian
Übersetzung: Oliver Ilan Schulz
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-06834-4
Umfang: 226 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Irgendwann hat Marc gemerkt, dass ihm der “Genius” fehlt, um den Durchbruch als Schriftsteller zu schaffen. Da hat er sich in seinem Beruf als Literaturdozent (Fachgebiet Creative Writing) eingenistet und bald schon dessen Vorzüge für sich entdeckt. Diese sind – klar – sexueller Art. Schon auf Seite zwei heisst es:

“Sex mit vielen Studentinnen zu haben war letztlich keine Qual und auch kein allzu schwacher Trost. Es gab Typen, die sich und andere für weniger in die Luft sprengten.”

Er ist vorsichtig, lässt sich bei seinen Affären nicht erwischen, verabschiedet sich immer zeitig oder schickt die Studentinnen aus seinem abgelegenen Haus im Wald weg, das er mit seiner Schwester Marianne bewohnt.

Eines Morgens aber liegt die Studentin Barbara, mit der er die Nacht verbracht hat, tot in seinem Bett. Verstorben an was auch immer. Unsentimental beschliesst er: “Sich die Leiche vom Hals zu schaffen war im Augenblick wohl das Vernünftigste.” Und wenn Marc sich etwas vom Halse schaffen muss, wirft er es in eine ihm seit der Kindheit bekannte Felsspalte. So auch Barbara. Weg. Problem erledigt. Den plötzlichen Tod der begabten Studentin in seinem eigenen Bett betrachtet er skeptisch, er sieht ihn als Unglücksfall für sie beide:

“So jung und schon dahingerafft. Wie absurd das war, wie himmelschreiend. Und wie übel man auch ihm dabei mitspielte. Wie konnte man ihm das antun, dieses Arme Mädchen unter seinem Dach, in seinem Bett hopsgehen zu lassen.”

Und dann geschieht das Unvorstellbare: Barbaras Stiefmutter Myriam taucht auf – und Marc verliebt sich Hals über Kopf in sie. Ihr Mann ist in Afghanistan im Krieg, kommt vermutlich nie mehr zurück. Von allen Seiten bedrängt man Marc, seine Finger von der Frau zu lassen, doch es ist zu spät. Er bleibt seiner Einstellung treu – “Aber wenn das Schicksal erst einmal seinen Lauf genommen hat, fragte er sich, was hilft es da, sich nachträglich zu wehren?” – und gibt sich Myriam mit allem, was er hat, hin.

Marc, der gequälte Liebhaber: dreiundfünzig, Kettenraucher, mit der Bürde einer traumatischen Kindheit befrachtet, seiner Schwester in einem inzestuösen Verhältnis verbunden, gescheitert und von den Frauen begehrt. Nun hat er sich verliebt und muss selbst der Studentin Annie, die sich bei jeder Gelegenheit an ihn heranmacht, einen Korb geben. Marc ist ein klassischer Djian-Typ, könnte man sagen, ein grosser atemloser Haderer vor dem Herrn. “Man verbringt den grössten Teil seines Lebens damit, für seine Fehler zu büssen”, sagt er. Und: “Wie könnte man heute noch mit einem guten Gewissen froh und munter sein, ausser man ist Zyniker oder steinreich?”

Je weiter die Geschichte vorangeht, desto verheerender werden die Unglücksfälle in Marcs Leben: sein Körper ist manchmal nahe am Versagen, eine Trennung von seiner geliebten Schwester naht, sein Job ist in Gefahr, eine zweite Leiche liegt in seinen Armen, seine Sicherheit ist kaum mehr gewährleistet – er klammert sich an die Liebe zu Myriam…

Djian erzählt geradlinig, mit wenig Empathie, destruktiv. Geschichte, Figuren und Stil gemahnen mal an Charles Bukowski, mal an Henry Miller, mal an John Gardner, den Protagonist Marc gerne in seinen Seminaren behandelt. Kurzum: Es ist amerikanisch geschulte Literatur. Aus Frankreich. Dem Autor ist nichts gelegen an versöhnlichen Tönen, er schreibt die Geschichte und damit die Leben ihrer Protagonisten buchstäblich zu Ende. Dass dieses genauso unbarmherzig und hart ist wie der Rest, ist nur konsequent. 

Ein Roman von grosser Sprengkraft, der Liebhabern von verzehrten, getriebenen Typen, sex- und gewaltgeladenen Geschichten, Familien- und Liebestumulten wärmstens empfohlen sei. 


Seit Januar 2014 ist das Buch bei Diogenes auch als Taschenbuch erhältlich.

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