Rezension: Ursula Ackrill – Zeiden, im Januar (Wagenbach 2015)

Ursula Ackrills Debütroman “Zeiden, im Januar” widmet sich der wechselhaften Geschichte der Siebenbürger Sachsen, einer deutschsprachigen Gemeinschaft im heutigen Rumänien, insbesondere der Zwiegespaltenheit der Sachsen gegenüber dem ursprünglichen “Mutterland Germania” zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Der Text, unlängst nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, krankt ein wenig an mangelhaft ausgearbeiteten Charakteren, zündet dafür sprachlich ein Feuerwerk.

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Zeiden, das ist eine kleine Stadt im Burzenland im Herzen der Karpaten, gegründet 1265 vom Deutschen Orden, vor dem Zweiten Weltkrieg zu einem grossen Teil bewohnt von Siebenbürger Sachsen. Im Januar, das heisst konkret: am 21. Januar 1941. Dieser Tag, von 6:45 bis 22:59 Uhr, bildet die Haupterzählachse des Textes. In Zeiden, einsam im Haus des im ganzen Dorf verehrten, unter ungeklärten Umständen verschwundenen Aviatikers Albert Ziegler, lebt die Chronistin Leontine Philippi. Sie ist die Protagonistin des Textes, eine Kassandra der Siebenbürger Sachsen, deren Mahnung vor drohendem deutschem Unheil niemand Glauben schenken will.

Zu gross sind die Hoffnungen, die die Sachsen in Hitlers Vormarsch setzen. Sie, die ursprünglich Deutschen, ausgewandert im Mittelalter, die schon zum Königreich Ungarn, zum Fürstentum Siebenbürgen, zur österreichisch-ungarischen Monarchie und seit Ende des Ersten Weltkrieges zu Rumänien gehörten, aber immer Aussenseiter blieben, sehen sie endlich gekommen: die Chance, einer “Gemeinschaft einverleibt zu werden, die uns nicht als Fremdkörper bekämpft.”

Die Nationalsozialisten freilich scheren sich kaum um diese siebenbürgische Minderheit. Den Sachsen ist es nicht erlaubt, in die deutsche Armee einzutreten, einzig der Zugang zur Waffen-SS steht den qualifiziertesten unter ihnen frei. Nach der Ermordung des jüdischen Ramschhändlers Brick erkennt Leontine die Bedrohung, die von Juden nur allzu leicht auf andere Minderheiten überzutreten droht. Fortan versucht sie als Warnerin den Sachsen die mangelnde “indigene Selbstverständlichkeit” einzureden, die die Gemeinschaft trotz ihrer “retardierten Nettigkeiten, gutgemeinten Fiaskos und ihr(em) generelle(n) Mondkälbertum” vor dem Sturz ins nationalsozialistische Unheil bewahren soll.  Erfolglos. Zwischen ihrer rumänischen Haushälterin Maria, dem ehemaligen Freund Herfurth, der Apothekerin Edith Volskgruppenführer Schmidt und dem späteren Nazi Klein sucht sich die alternde Prophetin eine Stimme zu verschaffen.

Ursula Ackrill (*1974 in Kronstadt, Siebenbürgen), die als Bibliothekarin im englischen Nottingham arbeitet, hat als promovierte Germanistin eine literaturtheoretische Vorbildung, die in der Struktur und Erzählweise von “Zeiden, im Januar” deutlich zum Ausdruck kommt. Der Text ist in kurze, meist mit Orts- und minutengenauer Zeitangabe versehene Kapitel gegliedert, die wild zwischen  etwa 1900 und 1941 umherspringen, mal dreissig Jahre vor, dann wieder wenige Minuten zurück. Das ist verblüffend, durchdacht, aber auch verwirrend. Das Vertiefen in einen Erzählstrang oder einer Figur wird stets geschickt unterbunden. Die genauen Abläufe des 21. Januar 1941, die Figuren, ihre Biographien, Motivationen und gegenseitigen Beziehungen, muss man sich nach und nach aus Versatzstücken zusammensetzen. Das mag intellektuell fordernd sein, hat aber in diesem Falle den Nachteil, dass keine wirklich konsistenten Charaktere entstehen können. Vieles bleibt schwammig und so unklar, dass selbst die im Anhang gedruckten kurzen Figurenbiographien keine Besserung mehr eintreten lassen. Die Formvollendung, wie man so schön sagt, gereicht hier leider zum Nachteil.

Umso mehr dagegen vermag die Sprache zu begeistern: Ursula Ackrill zündet ein regelrechtes Feuerwerk an schillernden Adjektiven, verschrobenen Verben und seltsam unverblümter Formulierungen. Auch die deutsche Sprache, so wirkt es, ist in Siebenbürgen eine etwas andere, mit charmanten Eigenheiten ausgestattete.


“Der Wind schwärmt Schneeflocken an ihr Fenster. Sie rieseln vorbei. Aus ihrem Hof hatte sie den Berg nicht sehen können, nur das Bergelchen davor. Er steckte in der Wolke, die nun über Zeiden hinwegrollt. Leontine steht in ihrer Küche im Morgenrock, wollbestrumpft und gestiefelt, die Tür weit geöffnet, und wendet eine pfannevoll Fischteile.”

“Zeiden, im Januar” ist ein im Historischen fundiertes, im Alltäglichen präzises Werk von bisweilen rauschhafter Formulierlust und spürbarer Hingabe an die Aufarbeitung seines Themas. Dass es hinsichtlich der Porträtierung seiner Charaktere etwas blass und aufgrund seiner Form verwirrlich bleibt, sei ihm verziehen. Die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse ist überraschend, aber nicht unverdient: Mit Ursula Ackrill empfangen wir eine einzigartige neue Stimme in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.


Andere Stimmen zum Buch:

Andere Bücher zum Thema:

Ursula Ackrill ist nicht die erste Autorin, die sich der Geschichte der Siebenbürger Sachsen – insbesondere in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg – literarisch annimmt. Erwähnenswerte Vorgänger sind etwa: “Wenn die Adler kommen” von Hans Bergel (1996),  “Der geköpfte Hahn” von Eginald Schlattner (1998), “Capesius, der Auschwitzapotheker” von Dieter Schlesak (2006) , beruhend auf einer wahren Geschichte, oder der Erzählband “Die Wildgans”, wiederum von Siebenbürgens wohl bekanntester Stimme Hans Bergel (2011).

Ackrill, Ursula. Zeiden, im Januar. Berlin: Wagenbach 2015. 256 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8031-3268-0

Rezension: William McIlvanney – Die Suche nach Tony Veitch (Kunstmann 2015 [1977])

Des zänkischen Tartanen zweiter Streich: Im Kunstmann-Verlag erscheint dieser Tage der zweite Band aus William McIlvanneys Trilogie um den Glasgower Inspektor Laidlaw. Der Autor blieb seinem Rezept treu: finstere Gestalten, erdrückende Armut und kernige Sprüche. Spannender Krimi und eindrückliches Zeitdokument zugleich.

 

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“Freitagnacht, Glasgow.” Einer kommt am Bahnhof an, doch der, mit dem er verabredet gewesen wäre, ist nicht da. Er ist tot. So klassisch und simpel wie “Die Suche nach Tony Veitch” beginnt, so wird die Geschichte über 300 Seiten konsequent fortgeführt. In einem zweiten Erzählstrang gibt es sogleich einen zweiten Toten: Eck Adamson, einen stadtbekannten Penner, der dem umtriebigen Inspektor Laidlaw stets als Spitzel gedient hat. Am Sterbebett erzählt er dem Polizisten, er sei vergiftet worden. Die Jagd beginnt.

Wie schon in “Laidlaw” (Rezension) gibt es zwei Protagonisten: den Inspektor und die Stadt. Glasgow – “Eine Stadt so hart am Wind, dass sie Grimassen schnitt. (…) Eine Stadt so freundlich, dass sie jede Grausamkeit niederprügelt.” Auf den Strassen dieses Glasgow hat jeder seinen festgelegten Platz, humorlose Bandenanführer – darunter der schon aus dem ersten Band bekannte John Rhodes – sorgen für Ruhe und Ordnung. Leichen kommen ihnen genauso ungelegen wie der Polizei. Es ist ein intellektuellenfeindliches, brutales Klima, in dem diese Geschichte spielt.

Laidlaw, der umtriebige Idealist, wirkt darin wahlweise wie ein helles Licht der Menschlichkeit, wenn er etwa “die Sinnlosigkeit der Welt mit der Sorge füreinander” zu bekämpfen sucht, dann wieder wie ein streitsüchtiger Alkoholiker. Sein Credo “Die Wahrheit ist das einzig gesunde Klima” lässt ihn dennoch durchweg als integren, unbestechlichen Charakter erscheinen, dem die Sympathien zufallen.

William McIlvanney (*1936), der als Vater des Tartan Noir gilt und Autoren wie etwa Ian Rankin stark beeinflusst hat, pflegt eine grobe Sprache zwischen philosopischer Gossenpoesie und  zynischem Hardboiled-Detective-Sprech. Des Autors liebstes Stilmittel ist der Vergleich, in dem er eine bemerkenswerte Kreativität entwickelt hat: der Himmel ist “schwarz wie eine Mülltonne”, einer guckt “als hätte er einen Strumpf voller Asche zu Weihnachten bekommen”, ist beim Alkohol “wählerisch wie ein öffentliches Pissoir” oder hat ein Gesicht wie “eine verlassene Sackgasse”. So absurd manch einer dieser Vergleiche auch anmuten mag, stets stützen sie das graue triste Bild von Glasgow als einer verslumten Stadt, die von einer Handvoll Reichen mit Unmengen Armen, Perspektivlosen geteilt wird. Nur selten betritt einer einen edlen Ort der wohlhabenden Schicht – und wenn, dann ist er mindestens irritiert von den dortigen Attitüden und Gesprächsthemen “so gepflegt wie frisierte Pudel, die man Gassi führt”.

McIlvanney verbindet in diesem zweiten (von drei) Romanen um Inspektor Laidlaw erneut eine spannende Kriminalgeschichte mit tiefen Einblicken in das soziale Leben im Glasgow der Siebzigerjahre. “Die Suche nach Tony Veitch” ist spannender Krimi und eindrückliches Zeitdokument zugleich.

McIlvanney, William. Die Suche nach Tony Veitch. Aus dem Englischen von Conny Lösch. München: Verlag Antje Kunstmann 2015. 320 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-95614-022-8

Zürcher Streifzüge (4): Von Flachdächern und Rabenhäusern

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Tief in die Wildnis, in den finstern Wald, wo nie zuvor ein Mensch hingefunden hatte, begab sich einst ein Mönch. Auf seinem Weg sah er plötzlich einen Sperber hungrig ein Nest umkreisen. Er vertrieb den Räuber und rettete zwei junge Raben aus dem Nest, die fortan seine treuen Begleiter waren. An einer nahegelegenen Quelle errichtete er sich ein bescheidenes Heim und lag Tag und Nacht im Gebet. Nach vielen Jahren begannen Leute zu ihm zu pilgern, eines nachts jedoch kamen auch zwei Räuber, die grosse Schätze in seiner Hütte vermuteten. Sie erschlugen den Einsiedler. Erschrocken ob der beiden Vögel, die nun erbost herumflatterten, flüchteten die Räuber, rannten Stunden und Aberstunden durch den dichten finsteren Wald, bis sie endlich nach Zürich kamen, wo sie in einem Wirtshaus Zuflucht suchten. Kaum hatten sie sich aber gesetzt, stürzten die beiden Raben durch das Fenster und attackierten die Räuber. Von dieser Begebenheit alarmiert, verhafteten die Zürcher die beiden – und nachdem klar geworden war, dass diese den Einsiedler aus dem finstern Walde getötet hatten, wurden sie gerädert. Der Einsiedler – sein Name war Meinrad – wurde ausserhalb des Waldes bestattet, dort, wo heute das Kloster Einsiedeln steht. Ebenso wie das Kloster hat auch das ehemalige Wirtshaus in Meinrads Gedenken die Raben zu seinen Hütern erkoren…

Am Hechtplatz, nahe der Limmat, steht es noch heute, das Haus zum Raben, jetzt nurmehr Bestandteil der idyllischen altstädtischen Kulisse, ein Fotosujet, Unterkunft für Friseurgeschäfte, Restaurants und Kleiderläden. Dieses mythenumwobene Haus hat auch in der neueren literarischen Geschichte Zürichs eine gewichtige Rolle gespielt. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs war es ein bedeutender Treffpunkt der emigrierten Literatinnen und Literaten, ein wahrhaftig europäischer Salon. Ein als Autor heute weitgehend vergessener Mann durfte sich Gastgeber nennen:

“Er sieht aus wie ein Hungerpastor, ist aber ein Intellektueller vom Scheitel bis zur Sohle, und keiner weiss, ob er nicht auch für ihn einen kleineren oder grösseren Pfeil im Köcher hat. Aber zutiefst innen ist er ein Liebender, Teilnehmender, Seismograph, der die Erschütterungen unserer Zeit verzeichnet und auf sie hinweist. Ein Verteidiger gefährdeten Menschentums.”

Aus: Alfred A. Häsler. Jeremias zu Besuch bei… (1965)

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Q: ticinarte.ch

Die Rede ist von Rudolf Jakob Humm (1895-1977), geboren und aufgewachsen in Italien, Studium der Physik in Göttingen und Berlin, Studium der Nationalökonomie in Zürich, wo er sich ab 1922 als Journalist und Übersetzer niederlässt. Verheiratet mit Lily Crawford, einer Malerin französisch-schottischer Abstammung. 1929 erscheint sein Debütroman “Das Linsengericht”, der von Hermann Hesse gelobt wird. Dieser, mit dem Humm seit da ein langer freundschaftlicher Briefwechsel verbindet, lobt Humm später als einen der “besten Prosaisten deutscher Sprache”. Obschon Werke wie “Die Inseln” (1936) oder “Carolin” (1944) eine breite Rezeption erfahren haben und er 1969 letztlich mit dem Zürcher Literaturpreis geehrt wurde, bleibt Humm als Romanautor kaum in Erinnerung. Grösser war sein Einfluss freilich als Gastgeber eines der wichtigsten Treffpunkte für Emigranten und Emigrantinnen.

Bis 1934 lebten die Humms am Stadtrand in der Werkbundsiedlung Neubühl in Zürich-Wollishofen. Diese zwischen 1930 und 1932 unter der Ägide der Architekten Rudolf Steiger, Max Ernst Häfeli und Werner M. Moser erbaute Mustersiedlung mit ihren senkrecht zur Strasse aufgestellten Flachdach-Wohnzeilen, die den Hügel hinauf gestaffelt sind, gilt als Inbegriff des neuen Bauens im Zürich der 1920er- und 1930er-Jahre. Die Bauten von Häfeli, Moser und Steiger prägen das Stadtbild von Zürich bis heute massgebend (Universitätsspital, Hochhaus zur Palme, Zett-Haus, Kongresshaus, …). Steiger, der Humm verschwägert war, wollte mit dem Neubühl einen “Reihenhaustyp für den Mittelstand” erschaffen, der oftmals propagandistische Wortführer der Bewegung, Siegfried Giedion, proklamierte in seiner Schrift “Befreites Wohnen” aus 1929 den neuen Haustyp: “leicht, lichtdurchlassend, beweglich”.

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Die Neubühl-Siedlung. Q: http://klimagerechtesbauen.blogspot.ch/

In diesem architektonisch hochmodernen Umfeld lebte bis im Herbst 1934 Rudolf Jakob Humm, umgeben von Emigranten und Emigrantinnen, die er in seinem schmalen Erinnerungsband “Bei uns im Rabenhaus” beschreibt. Noch waren es triste Zeiten für das geistige Leben. In den Zwanzigerjahren, schreibt Humm, befand sich Zürich “geistig in einem tiefen Schlaf”, war “(e)in Krematorium, ein Mausoleum” des Geistes. Erst die über Europa hereinbrechende Düsternis führt dazu, dass das literarische Leben Zürichs wieder erblüht. Rudolf Jakob Humm und Lily Crawford beziehen 1934 das Haus zum Raben am Limmatquai, wo bis 1938 regelmässig Lesungen und andere literarische Veranstaltungen stattfinden.

“Wir von meiner Generation mussten für etwas einstehen; wir konnten nicht nur träumen, wir mussten um uns schlagen.”

In erwähntem Erinnerungsband lässt Humm sie alle Revue passieren, die Gestalten – ob Ausländer, Rückwanderer oder Schweizer -, die im Rabenhaus verkehrten. Bekannte und weniger bekannte, umgängliche und umtriebige, geniale und bescheidene. Humms Erzählstil ist dabei anekdotisch, kann ebenso liebevoll wie verletzend sein, nimmt kein Blatt vor den Mund, ist der Wahrheit sicherlich nicht immer vollkommen verpflichtet, dafür stets von einer grossen Sympathie für die Dichter geprägt. “In Zürich hält man grosse Stücke auf die Wirte”, schreibt er, “aber sehr kleine auf die Dichter.” Daran wollte Humm etwas ändern, das literarische Zürich neu beleben – und er tat es. Therese Giehse ging hier ein und aus, Ignazio Silone, Ferdinand Lion, Arthur Koestler, der “anders dachte als die andern, wenn auch nicht wie die, die ihrerseits anders dachten”. Erika und Klaus Mann, die mit ihrem aus Deutschland vertriebenen Kabarettprogramm “Die Pfeffermühle” in Zürich hausierten waren Gäste, der Rückwanderer Adrien Turel, der Dichter Albin Zollinger, Else Lasker-Schüler, die “als Mensch ein kleines Greuel” war, und viele mehr. Über Zollinger schreibt Humm: “Wer weniger in der Wirklichkeit als in seinen Einbildungen lebt, mit dem ist der Verkehr nicht immer einfach”. Und über Carl Seelig, den Rezensenten und Vormund Robert Walsers, der eine ebenso wichtige Gestalt der Zürcher Literaturszene war: “‘Himmel, wenn du doch so gescheit wie gut wärst!’ Er war eben nicht gescheit.” Am nächsten stand Humm Friedrich Glauser, mit dem der Rabenhausvater ebenfalls einen ausführlichen Briefwechsel führte.

Humms Salon im “Haus zum Raben” war zu der Zeit nicht der einzige seiner Art in Zürich: an der Stadelhoferstrasse gab es den Salon Rosenbaum, weit oben am Zürichberg traf man sich bei Marcel Fleischmann an der Germaniastrasse, am Bellevue bei Emmie Oprecht, der Verlegergattin, und auf der anderen Seite des Seebeckens bei Lily Reiff an der Genferstrasse. Freilich darf das Rabenhaus, neben Wladimir Rosenbaums und Aline Valangins Salon, wohl als der wichtigste gelten. Als Humm 1963 seine Erinnerungen verfasste, lebte er im Glauben, das Haus zum Raben würde bald abgerissen. Im Zuge der Auseinandersetzungen mit den Besitzern musste Humm schliesslich ausziehen – das Haus aber steht noch heute. Rudolf Jakob Humm verstarb 1977 an den Folgen eines Verkehrsunfalls.

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Das Haus zum Raben am Hechtplatz.


Rudolf Jakob Humm. Bei uns im Rabenhaus.Literaten und Leute im Zürich der Dreissigerjahre. Neu hgg. v. Martin Dreyfus. Frauenfeld/Stuttgart/Wien: Huber 2002.

Rezension: Pierre Lemaitre – Wir sehen uns dort oben (Klett-Cotta 2014 [2013])

In seinem umfangreichen, mit dem Prix Goncourt geehrten Roman “Wir sehen uns dort oben” erzählt der französische Autor Pierre Lemaitre von den Nachwehen des Ersten Weltkriegs, vom Schelmenstück zweier ehemaliger Soldaten und der Machtgier eines skrupellosen Hauptmanns. Ein Meisterwerk.

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Joseph Merlin ist ein ungeliebter, erfolgloser, übelriechender Staatsbeamte, der kurz vor der Pensionierung steht. Es heisst: “Sein ganzes Dasein war eine einzige Folge von Enttäuschungen, an die er sich nicht gewöhnen konnte.” Nur wenige der 520 Seiten von “Wir sehen uns dort oben” beschäftigen sich mit dieser nach dem Vorbild des Cripure aus Louis Guilloux’ “Le sang noir” geformten Figur, die trotzdem den heimlichen Dreh- und Angelpunkt der Geschichte bildet. Der Held im Kostüm des Antihelden, unsympathisch und abstossend, doch mit seinen Taten das Gute erwirkend. Er ist der belanglose Niemand in einer Gesellschaft, die sich nur noch um Helden, lebend oder tot, kümmert. Der Krieg hatte sich nicht um erfolglose Beamte geschert, in seinen Nachwehen blieben einzig “die Gedenkfeiern, die Toten, der Ruhm. Das Vaterland.” Gefallene Soldaten und siegreiche Rückkehrer bilden das Rückgrat dieser Geschichte…

“Als Letzter zu sterben, sagte sich Albert, ist, wie als Erster zu sterben: vollkommen idiotisch.”

Die Geschichte beginnt noch auf dem Felde, im November 1918. Der Waffenstillstand ist bereits besiegelt, die letzten Gefechte scheinen gefochten. Der machthungrige, skrupellose Leutnant Henri D’Aulnay-Pradelle jedoch sieht die Chance auf ein letztes Blutbad gekommen, “ungestüm und primitiv” zwingt er seine Truppen durch einen hinterlistigen Trick noch einmal aus den Schützengräben zu steigen und zu kämpfen. Pradelle ist der Nachkomme eines gefallenen Adelsgeschlechts: um seinem Namen wieder zu Ehre zu verhelfen ist er bereit, alles zu opfern. Einer seiner Soldaten, Albert Maillard, durchschaut Pradelles Hinterlist. Der Leutnant versucht Albert im Getümmel des Gefechts zu beseitigen, was jedoch daran scheitert, dass ein zweiter Soldat, Edouard Péricourt, Albert das Leben rettet. Dies freilich zu einem hohen Preis: Nach der Rettungsaktion wird Edouard von einem Granatsplitter getroffen, der ihm das halbe Gesicht zerfetzt. Dann ist der Krieg vorbei.

Albert verhilft Edouard, der sich weigert in sein wohlhabendes Pariser Elternhaus zurückzukehren, zu einer neuen Identität. Pradelle durchschaut den Betrug, verspricht jedoch zu schweigen, da Albert Informationen gegen ihn in der Hand hat. Während Pradelle Edouards Schwester heiratet, um sich den Einfluss des Vaters zunutze zu machen, leben Albert und der zunehmend drogenabhängige Edouard, der sich geweigert hat, sein Gesicht operieren zu lassen, in Armut bis sie eines Tages einen grossen Betrug mit dem Verkauf von angeblichen Kriegsdenkmälern aufzuziehen beginnen, der ihnen zu Geld für eine Flucht in die Kolonien verhelfen soll. Pradelle seinerseits gehört ebenfalls zu denen, die mit unsauberen Geschäften noch im Jahre 1920 vom Krieg profitieren: Seine Firma kümmert sich um die Begräbnisse der Abertausenden von Kriegsopfern, handelt dabei aber profitgierig und schändet das Gedenken der Toten…

Durch bisweilen ungeheuerliche Kehrtwenden und Wechselfälle des Schicksals bleiben die Geschichten dieser ungleichen Protagonisten eng miteinander verbunden. Die erzählte Zeit, die sich vom November 1918 bis zum Juli 1920 erstreckt, ist angefüllt mit den menschlichen Grabenkämpfen einer von Rachsucht, Machtgier und Heldenkult besessenen Gesellschaft. Kristallklar scheint darin, inmitten all dieser gesellschaftlichen Zersetzungserscheinungen, die Geschichte der Freundschaft zwischen Albert und Edouard. Der schmächtige Buchhalter Albert in seinen abgetragenen Kleidern und sein Schutzengel Edouard mit dem halben Gesicht, der nicht mehr auf die Strasse geht und stets bunte Pappmaché-Masken trägt: In die Geschichte dieses ungleichen Paars legt Lemaitre allle Empathie und Menschlichkeit, es gelingt ihm, dass selbst vor dem Hintergrund des unverschämten Denkmalbetrugs eine grosse Sympathie mit diesen beiden Figuren entsteht. Diese wirkt umso kräftiger wenn sie gegen die Skrupellosigkeit des ekelhaften Pradelle ausgespielt wird.

Pierre Lemaitre (*1951) ist ein erfahrener Autor von Kriminalromanen und versteht es als solcher hervorragend, Spannung zu erzeugen, wovon er auch in “Wir sehen uns dort oben” souveränen Gebrauch macht. Der Roman, eine abenteuerliche Mischung aus Schelmenstück, Gesellschaftsroman, Historie und Krimi, ist dramaturgisch nahezu perfekt inszeniert, vom nüchternen Auftakt bis zum atemlosen Finale stimmen die Rhythmen. “Wir sehen uns dort oben” rührt an die grossen Emotionen und bettet sie ein in eine wundersam intime Geschichte um Freundschaft, Rache, Gier, Freiheitsdrang, Aufrichtigkeit und Heldentum. Ambivalente Charaktere wie der eingangs erwähnte Merlin, halsbrecherische (aber stets nachvollziehbare) Twists, sorgsam als rote Fäden eingewobene Motive und mitfühlende Einsichten in die vom Krieg zerrüttete Gesellschaft machen den Roman zu wahrhaftig grosser Literatur. 2013 ausgezeichnet mit dem renommiertesten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, wird “Wir sehen uns dort oben” diesen Vorschusslorbeeren in jeder Hinsicht gerecht. Kurzum: ein Meisterwerk.

Lemaitre, Pierre. Wir sehen uns dort oben. Aus dem Französischen von Antje Peter. Stuttgart: Klett-Cotta 2014. 521 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-608-98016-5

Rezension: Lilian Loke – Gold in den Strassen (Hoffmann und Campe 2015)

In ihrem Debütroman entwirft die Münchner Schriftstellerin Lilian Loke (*1985) das Bild einer von Missgunst und Heuchelei geprägten Frankfurter Business-Gesellschaft. Die Geschichte folgt dem selbstgewissen, skrupellosen Immobilienmakler Thomas Meyer durch Höhen und Tiefen eines unbarmherzigen Geschäfts.

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Thomas Meyer ist ein geborener Verkäufer, “die Lust auf Performance, sich ganz hineinzulegen in den Verkauf” bestimmen sein tägliches Geschäft. Er zeigt potenziellen Käufern Immobilien, macht sie ihnen schmackhaft und verkauft sie. Er ist einer der erfolgreichsten Angestellten der Firma falber und konkurriert in einer offen feindseligen Rivalität mit seinem Gegenspieler Gläsker um die Position der Geschäftsleitung.

Meyer ist selbstgewiss, undankbar, egozentrisch. Er ist bei seinem Vater, einem vorgeblich stets an der Armutsgrenze lebenden Schuhmacher, aufgewachsen, nachdem seine Mutter mit einem Staubsauger-Vertreter durchgebrannt war. Seine eigene Tellerwäscher-Geschichte – dass er “mit den Händen im Dreck” war – rechnet er sich selbst hoch an. Den Rest seiner Vergangenheit, etwa den besten Jugendfreund Zeller, leugnet er angesichts seiner neuen Position. Meyers Freundin Nadja, eine Innenausstatterin, entstammt höheren Frankfurter Gesellschaftskreisen, seine Kunden sind wohlhabend, sein eigener Stil erlesen, teuer und radikal (“War die Natur nicht ausgesprochen grausam, gibt es für beschissenes Aussehen keine Entschuldigung.”)

Als unerwartet Meyers Vater stirbt, eröffnet sich dem Sohn eine grossartige Gelegenheit: Das Haus mit dem Schustergeschäft des Vaters steht auf dem lukrativen Boden des Frankfurter Finanzviertels Mainhattan. Skrupellos akquiriert Meyer das Grundstück. Damit beraubt er auch Kai Wiesmann, den Mitarbeiter und Freund des Vaters, der fortan Meyers Nemesis ist, einer Gelegenheit den Laden weiterzubetreiben. Meyer gelingt der grosse Deal, er wird zum Geschäftsleiter der Firma beordert.

Von dieser erfolgversprechenden Lage aus erzählt Lilian Loke meisterhaft den Fall des Thomas Meyer, den Kampf eines erfolgreichen Verkäufers, im Zwiespalt von Arroganz und Selbsthass, konfrontiert mit äusseren und inneren Feinden. Lokes ekstatische, assoziative Prosa wird der trügerischen Welt des Big Business in jeder Hinsicht gerecht, entlarvt den falschen Glanz der Dinge, mit denen sich Meyer umgibt. Seine Sucht nach der Erotik des Geldes trifft den Kern der Unbarmherzigkeit, die in “Gold in den Strassen” durchgehend herrscht.

“Meyer schiebt Tilsner die achttausend auf dem Tisch zu, macht Platz, dann legt er behutsam nacheinander zwanzig Fünfhunderter zu einem grossen Fächer, lässt das Papier zwischen den Fingern flüstern. Erst die Wandlung von Giralgeld in Bargeld macht die Summe lebendig, Bargeld ist Kraft, achtzehntausend in Giral ist wie Porno in schlechter Streaming-Qualität, Bargeld verursacht eine Angst, eine Ehrfurcht, die keine scheiss Zahl allein transportiert, so unvermittelt, so gewalttätig, weil man es dir so leicht wieder wegnehmen kann.”

Der Autorin gelingt es hervorragend, die Mächte offenzulegen, die das Geschäft der Reichen mit den Superreichen dominieren. Neid, Eifersucht, Missgunst und Heuchelei herrschen allerorten. Als seltene aus Menschlichkeit und Dankbarkeit vollbrachte und Meyer eine unerwartete Ambivalenz verleihende Taten sind die Museumsbesuche in Szene gesetzt, in denen Meyer seinem blinden Freund Koll geduldig und liebevoll erzählt, was auf den ausgestellten Bildern zu sehen ist. Diese Akte sind Ausnahmen in einer Szenerie, in der sonst keine vollbrachte Tat und kein gewechseltes Wort ohne versteckte Absichten daherkommt. Bisweilen erinnert das Buch an die Welten der amerikanischen TV-Serie “House of Lies” respektive an die Bücher des Autors Martin Kihn, auf dessen Schiften besagte Serie beruht. Eine von diesen heisst: “Asshole: How I Got Rich and Happy by Not Giving a Shit About You”. Mit Sicherheit wäre dies eine anregende Lektüre auch für Thomas Meyer, der im Angesicht grosser Niederlagen Aussagen wie die folgende macht:

“Protzen ist wenigstens ehrlich. Jeder mag Geld. Dass Geld nicht alles ist, keine Neuigkeit, aber im Porsche weint es sich bequemer als an der Bushaltestelle.”

Wer in der Literatur Sympathieträger und Identifikationsfiguren sucht, wird in solche in “Gold in den Strassen” womöglich nicht finden. Wer interessiert ist an einem nervenaufreibenden Psychogramm eines getriebenen Geschäftsmannes in einer widrigen, unbarmherzigen Businesswelt, wird mit diesem energischen, mitreissend geschriebenen Romandebüt ausgezeichnet bedient.

Loke, Lilian. Gold in den Strassen. Hamburg. Hoffmann und Campe 2015. 352 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-455-40522-4

Rezension: Jörg Juretzka – TaxiBar (Unionsverlag 2014)

Jörg Juretzkas “TaxiBar” ist bereits der elfte Roman mit Privatdetektiv Kristof Kryszinski. Dieser hat nun jedoch die Detektei aufgegeben und betreibt eine Bar im Mülheimer Bahnhofsviertel. Mord und Totschlag umgeben ihn freilich auch hier… Ein Kneipenkrimi aus dem Ruhrpott, der zwischen knochentrockenem Sarkasmus und Gesellschaftskritik seinen Weg sucht.

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Kryszinski – ehemaliger Privatdetektiv mit Kontakten in allerlei dubiose Szenen, jetzt Betreiber der TaxiBar, einer von nicht weniger dubiosen Figuren heimgesuchten Kneipe im Mülheimer Bahnhofsviertel – ist Ich-Erzähler seiner eigenen Odyssee. Diese beginnt mit einem Paket Heroin, das Kryszinski in Frankreich entdeckt und kurzentschlossen mit nach Hause nimmt. Er übergibt es seinem Nachbarn, dem Hehler ‘Geronimo’, zum Weiterverkauf. Ein vermeintlicher millionenschwerer Glücksfall. Als Geronimo jedoch auf offener Strasse, direkt vor Kristofs Kneipe erschossen wird, läuft die Sache aus dem Ruder.

Der Ermittler Hufschmidt sitzt ihm auf der Pelle, dessen Chef Hauptkommissar Menden wird zum Stammgast, und bald schon melden lokale Bikergangs, die die Quartierstrassen unter ihrer Kontrolle haben, ihre eigenen Ansprüche an. Gemeinsam mit dem Hausmeister Fred und seiner Angestellten Bian-Tao stürzt sich Kryszinski – sein Geheimnis sorgsam verwahrend – in die Abenteuer, die für ihn bald lebensbedrohlich werden.

“TaxiBar” ist ein Männerbuch, ein verruchter Kneipenkrimi, der zum grössten Teil in den Räumlichkeiten der “TaxiBar” mit seiner alkoholseligen Klientel oder den gespenstisch anmutenden Irrgängen des Hochhauses, in dem die Bar untergebracht ist, spielt. Auf dem Buchrücken liest man die Namen: Tarantino, Bukowski. Vergleiche, die stilistisch durchaus berechtigt sind, greift Juretzka doch einerseits tief in die sprachliche Trickkiste der schäbigen Gossensprache. Da werden Handschellen zur “kalten Acht”, Alkohol zu “Leberkleister” und eine Stimme ist schon mal “so tief, dass sie direkt aus seinen Eiern zu kommen” scheint. Andererseits sind da die Typen, die direkt aus einem Tarantino-Film gefallen sein könnten. Allen voran natürlich Kryszinski, der knüppelharte ehemalige Privatdetektiv, für den selbst Auge und Auge mit einem Auftragskiller keine andere Aussageform in Frage kommt als die des zynisch-sarkastischen Kommentars. Kryszinski, der das Polizeifilmklischee des fehlenden Schlafs ins Extreme  treibt. Kryszinski, dessen erotische Interaktionen mit Frauen einen auf die Spitze getriebenen James-Bond-Machismo zur Schau stellen, der selbst Sean Connery in Erstaunen versetzen könnte.

Im Gegensatz dazu ist Kryszinskis Zuneigung zu seiner Angestellten Bian-Tao, die eine Scheinehe mit dem gewalttätigen Herbert eingehen musste, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, aufrichtig und tief. Mit diesem parallelen Erzählstrang versucht Juretzka, eine Kritik der Gesellschaft in seine Geschichte einzuweben. Diese bleibt zwar zumeist etwas oberflächlich, produziert aber dennoch einen willkommenen Gegenpol zu den knochentrockenen Sprüchen Kryszinskis. Noch ausgiebiger miteinbezogen könnte eine solche Gesellschaftskritik das Buch zu einem hervorragenden und relevanten Roman machen. Ohne diesen Bestandteil ist “TaxiBar” noch immer ein lesenswerter, ruppiger Krimi mit einprägsamen Charakteren und dem Dreck der verkommenen Strassen und vermüllten Hinterhöfe in jeder Zeile.

 

Juretzka, Jörg. TaxiBar. Kriminalroman. Zürich: Unionsverlag 2014. 224 S., Taschenbuch. 978-3-293-20680-9

Zürcher Streifzüge (3): Das Reich des roten Büchernarren

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Dringt man vom Zähringerplatz, der von den prächtigen Bauten der Zentralbibliothek und der Predigerkirche dominiert wird, in das Gassengewirr der Zürcher Altstadt ein, stösst man nach wenigen Schritten bereits auf die verwinkelte kleine Froschaugasse. Benannt nach Zürichs erstem Buchdrucker Christoph Froschauer (1490-1564), der unter anderem Zwinglis Bibel druckte und aus dessen Geschäft viel später der Verlag Orell-Füssli – heute Zürichs grösste Buchhandlung – hervorging, trägt die Gasse eine eng mit Büchern verbundene Tradition bereits im Namen.

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Ein buntes Gemisch aus Geschäften säumt die Gasse. Boutiquen, Galerien, kleine Restaurants, ein Gravieratelier, ein Instrumentenbauer, ein Antiquariat, ein Comicbuchladen,… Viele der mittelalterlichen, im Glanze streng gehüteter alter Geheimnisse aneinandergereihten Häuser sind mit den blauen Tafeln behängt, die in Zürich denkmalgeschützte Gebäude kennzeichnen. So auch das Haus Kerzenstock an der Froschaugasse 7, das seit dem 13. Jahrhundert existiert. Eine zweite Tafel ist hier angebracht, weiss und unscheinbar: Sie erinnert an Theo und Amalie Pinkus-De Sassi, die hier 40 Jahre lang (1957-1997) eine Buchhandlung geführt haben. Und mehr als nur das…

 Wer waren diese beiden Leute, deren Wirken das literarische Zürich so lange geprägt hat?

Theo Pinkus, geboren im August 1909 als Sohn von Felix Pinkus und Else Flatau, kurz nachdem diese von Breslau in die Schweiz emigriert waren. Felix kam als Dramaturg, wurde Journalist und ging letztlich als Bankier bankrott. Immer geblieben ist er Zionist: Als Sekretär von Theodor Herzl hatte er 1903 am 6. Zionistenkongress in Basel teilgenommen – seinen Sohn hat er später nach eben diesem Herzl Theo genannt. Theo Pinkus und seine Schwester Miriam wuchsen in einem lebhaften Elternhaus an den Hängen des Zürichbergs auf, an der Susenbergstrasse bauten die Eltern die Villa “Kristall”, so unterschiedliche Figuren wie der spätere israelische Präsident Chaim Weizmann und die deutsche Dichterin Else Lasker-Schüler gingen hier ein und aus.

Früh entdeckt Theo sowohl seine Liebe zu Büchern wie auch diejenige zum Kommunismus. 1926 notiert er in sein Tagebuch, er habe nun 782 Bücher, nachdem er sich Monate zuvor dazu ermahnt hatte, seine “Büchermanie” zügeln zu müssen. Aus dem selben Jahr stammt auch eine Bemerkung zur Lektüre des Kommunistischen Manifests. Er hält fest: “Es ist alles richtig.” 

Buchhändler und Verleger will er werden, es ist das “einzige, wofür ich Gedächtnis und Freude habe.” Nach bestandener Matura an der Privatschule Minerva geht er 1927 als Lehrling nach Berlin zu Ernst Rowohlt. Hier knüpft er Kontakte, die ihm viel später in seinen Beziehungen zur DDR von grosser Wichtigkeit sein werden: Den erst 14jährigen Willi Stoph etwa lernt er hier kennen, der ihm später ein DDR-Dauervisum beschaffen wird. Ab 1930 arbeitet Theo im Internationalen Arbeiterverlag und im Neuen Deutschen Verlag bei Willi Münzenberg. Sein kommunistisches Engagement bereitet ihm bald schon Schwierigkeiten: 1933 wird seine Wohnung durchsucht, er braucht einen Pass. Auf der Schweizer Botschaft wird ihm gesagt, das sei “ein bisschen viel auf einmal, Kommunist, Jude, Ausländer und kein Pass (…) reisen Sie ab.”

Er kehrt nach Zürich zurück, seine Mutter sendet ihm Kisten mit seinen in den Berliner Jahren angehäuften Büchern nach: 1800 an der Zahl. Sie bilden den Grundstock für seine Bibliothek.

In der Schweiz setzt Pinkus sein Engagement fort, arbeitet für die kommunistische Nachrichtenagentur RUNA, tritt der Kommunistischen Partei bei, aus der er jedoch 1943 ausgeschlossen wird. 1934 bereits lernt er Amalie De Sassi kennen, Tochter eines Tessiner Marroniverkäufers und einer Näherin, mit 16 Jahren bereits Vollwaise, über eine 1.Mai-Demo in das kommunistische Umfeld geraten, 1931 der Internationalen Arbeiterhilfe beigetreten, für die sie als Touristin getarnt Briefe an italienische Arbeiter über die Grenze schmuggelte. Sie heiraten 1939, haben gemeinsam drei Söhne.

1940 gründet Theo den Büchersuchdienst zur Auffindung antiquarischer Bücher, die nicht mehr über Verlage vermittelt werden. Gemeinsam mit seinen Helfern, bald auch mit Amalie, durchforstet er Keller und Dachstöcke der Antiquariate, bearbeitet dutzende von Suchlisten von Privatpersonen und Händlern. Auch nach Kriegsende verliert der Service nicht an Popularität, erlebt mit Gründung der DDR 1949 gar nochmals einen Aufschwung.

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Froschaugasse 7: Das Pinkus-Haus 1957-1997.

1955 gründet das Ehepaar an der Predigergasse eine Sortimentsbuchhandlung, insbesondere für DDR-Bücher. Aufgrund eines anti-kommunistischen Umschwungs in der Schweiz, ausgelöst durch die tausenden von Ungarn-Flüchtlingen, die nach 1956 ins Land kamen, verliert Pinkus dieses Ladenlokal jedoch bald wieder, kann sich nirgends mehr einmieten. Mit 30’000 Franken von einer Genossenschaft kauft er das Haus an der Froschaugasse, die Gewerkschaft VHTL (Verband der Handels-, Transport- und Lebensmittelarbeiter) übernimmt die Hypotheken. Der Hauskauf stand im Widerspruch zum kommunistischen Weltbild, war aber notwendig. Ab 1957 führen Theo und Amalie hier ihr Antiquariat und oben ihre Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung. 1971 wird diese in eine Stiftung umgewandelt, Theo vermacht dieser auch gleiche die Firma (17 Angestellte), die Bibliothek (12’000 Bände) und das Haus, das inzwischen eine enorme Wertsteigerung erfahren hatte. Einer von Pinkus’ Söhnen, so um sein Erbe gebracht, klagte den Vater wegen dieser Selbstenteignung gar ein.

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Herbert Marcuse – Max Frisch – Theo Pinkus (Quelle: srf.ch)

Im selben Jahr errichtet das Ehepaar auch das Ferien- und Begegnungszentrum Salecina auf dem Malojapass, das sich bald zu einem “politischen Mekka der linken Intelligenzia” entwickelte und, in anderer Form, noch heute existiert. 2009 drehten Rahel Holenstein und Reto Padrutt einen Dokumentarfilm über die Entstehung und Wandlung der Institution: “Von der Weltrevolution zur Alpenpension?”

In den Siebzigerjahren arbeitet Pinkus mit Studenten an einer Ausstellung und einem Dokumentationsband zur Geschichte der Schweizerischen Arbeiterbewegung. Weil die Verlagssuche erfolglos verläuft, wurde kurzerhand ein eigener, genossenschaftlich getragener Verlag ins Leben gerufen: der Limmat-Verlag.

Nach seinem Tod 1991 nannte ihn der Spiegel ein “Zürcher Unikum”, Wolfgang Jean Stock betitelte seinen Nachruf in der Süddeutschen Zeitung: “Der rote Büchernarr”. Theo Pinkus: der Bücherliebhaber, der Querdenker. Als “transnationaler Netzwerker” mit einer “Unzahl verdächtiger Kontakte in beinahe alle politischen Lager” wurde er stets beobachtet. In der Schweizer Staatsschutzkartei wurden 257 “Fichen” über ihn angelegt, nach seinem Tod erhielt Amalie 160 Aktenseiten der Stasi Leipzig, die unter dem Stichwort “Verschwörer” einen einzigen Besuch Theos an der Leipziger Buchmesse dokumentieren.

Amalie und Theo Pinkus haben “durch ihr praktisches Wirken die Idee der Selbstverwaltung verfolgt und einen Beitrag zur Entwicklung der Zivilgesellschaft mündiger Bürger und Bürgerinnen geleistet”, wie es in der Beschreibung eines nach dem Ehepaar benannten Kulturpreises heisst. Ihr gelebtes Ideal ist ein bewundernswerter, faszinierender und in Form des Limmat-Verlags und der Studienbibliothek, deren 50’000 Bände 2001 der Zentralbibliothek geschenkt wurden, nach wie vor bereichernder Teil des literarischen Zürich.

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Amalie & Theo Pinkus in ihrem Arbeitszimmer. (Bildquelle: http://masis2012.beepworld.de/thema1.htm)


Die Texte sind zitiert nach der Biographie “Amalie und Theo Pinkus-De Sassi: Leben im Widerspruch” von Rudolf M. Lüscher und Werner Schweizer, erschienen 1987 bzw. ergänzt 1994 im Limmat-Verlag, sowie nach der Erinnerungsschrift “Erinnern und ermutigen. Hommage an Theo Pinkus”, 1992 im Rotpunktverlag. Weitere Informationen wurden bezogen auf der Website der Stiftung Studienbibliothek.

Rezension: Gila Lustiger – Die Schuld der anderen (Berlin-Verlag, 2015)

In ihrem neuen Buch “Die Schuld der anderen” zeichnet die in Paris lebende Autorin Gila Lustiger ein abgründiges Bild der französischen Gesellschaft, ihrer Kriminalität und Korruption, den Gräben zwischen Stadt und Land, hoher Gesellschaft und nicht zu entfliehender Armut. Ein packender Thriller und schonungsloser Gesellschaftsroman.

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Aus dem Gefühl heraus, Frankreich – das Land, in dem sie seit über 20 Jahren lebt – nicht mehr zu verstehen, hat Gila Lustiger “Die Schuld der anderen” in Angriff genommen. Der Protagonist, der an ihrer Stelle in die Abgründe der Nation abtaucht, ist Marc Rappaport, ein einzelgängerischer, in sich zerrissener Enthüllungsjournalist, der die Opposition zum Lebensprinzip erhoben hat und seinen Platz zu finden sucht zwischen elitärer Abkunft – sein Grossvater war eine der führenden Wirtschaftsgrössen Frankreichs – und hohen menschlichen Idealen.

Am Anfang der Geschichte steht ein nie aufgeklärter Mord, der 30 Jahre zurückliegt: Die neunzehnjährige Prostituierte Emilie, die aus der französischen Provinz nach Paris kam, wurde brutal vergewaltigt und ermordet, der Täter nie gefasst. Neue DNA-Ergebnisse führen nun zu einer Festnahme: Der biedere Büroangestellte und Familienvater Gilles Neuhart wird als Mörder festgenommen. Rappaport verfasst eine kurze Meldung und wird stutzig, er nutzt seine Kontakte bei der Polizei, um mit dem angeblichen Mörder zu sprechen. Über den Kopf seines Vorgesetzten (und Jugendfreundes) Pierre hinweg, beginnt er sich in den Fall zu verbeissen, setzt dabei persönliche Beziehungen aufs Spiel; ein Getriebener, der unaufhaltsam seinen Weg zu gehen bereit ist.  Bald schon befindet er sich in der Kleinstadt, in der Emilie aufgewachsen ist. Hier stösst er auf Verbrechen, die das Persönliche weit übersteigen: Rappaport ist einem Fall von Wirtschaftskriminalität und menschenverachtender Korruption auf der Spur, der sich bis in die hohen politischen Ränge Frankreichs zu erstrecken scheint..

Teilweise beruhend auf dem wahren Fall einer unwahrscheinlichen Häufung von Nierenkrebsfällen in einer Chemiefirma nimmt sich Lustigers Roman Fragen an, die unweigerlich in ein ethisch-moralisches Minenfeld führen. Der Graben zwischen Armut und Elite ist überdeutlich gezeichnet: Die Arbeiter der Chemiefirma begehren etwa trotz lebensgefährdender Arbeitsbedingungen nicht auf, denn sie sind auf die Arbeit angewiesen. “Wir brauchen keine Gerechtigkeit. Ein Kompromiss ist uns lieber als der gerechte Krieg.”, sagt einer. Im Laufe seiner Recherchen gerät Rappaport immer tiefer in den Sumpf ländlicher Existenzangst und – insbesondere im Milieu der Prostituierten – städtischer Armut, beständiger Furcht und untragbarer medizinscher Zustände. Er, der selbst aus gutem Hause stammt und vom Namen seines Grossvaters noch immer profitiert, muss sich unangenehme Fragen stellen. Zum Beispiel: “Wer gehörte eigentlich zur Gemeinschaft, deren Wohl angestrebt wurde, und wer nicht?” 

Der Roman zeigt eindrücklich soziale Ungerechtigkeiten auf und verweist in vielen Abschnitten auf weitere mehr als brennende Probleme der französischen Gesellschaft, etwa Antisemitismus und Gewalt im Namen des Islam. Lustiger gelingt es hervorragend, eine atemlose Kriminalgeschichte mit einem tiefgründigen Gesellschaftsroman zu verknüpfen. Der mit knapp 500 Seiten doch ziemlich umfangreiche Text vermag es stets, die Spannung aufrechzuerhalten. Einzig die häufigen Rückgriffe auf banale Episoden aus Rappaports Kindheit und Jugend erscheinen zuweilen etwas beliebig, erfüllen aber den Zweck, den inneren Zwist des Protagonisten zu verdeutlichen. Dieser bleibt trotz all seiner Ambivalenzen stets klarer Sympathieträger, was auch an der Abscheulichkeit derer liegt, mit denen er es aufzunehmen beschliesst.

Mit der undurchdringlichen menschenverachtenden Gewinnsucht eines grossen Konzerns und der lüsternen Skrupellosigkeit eines Prostituiertenmörders werden in “Die Schuld der anderen” zwei Formen von Gewalt ineinander verstrickt, die in ihrer Grausamkeit beide gleichermassen erschütternd und nicht tolerierbar sind. Die Mechanismen ihrer Verstrickung lassen es letztlich nicht verwunderlich erscheinen, dass Gila Lustiger Frankreich nicht mehr hat verstehen können. Ihrem Roman wiederum ist es zu verdanken, dass  ein Licht geworfen wird auf diese bisweilen undurchsichtigen Prozesse hinter den allzu schönen Fassaden. Ein Roman von unbestreitbarer gesellschaftlicher Relevanz.

Lustiger, Gila. Die Schuld der anderen. Berlin: Berlin-Verlag 2015. 496 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8270-1227-2

Zürcher Streifzüge (2): Canettis Paradies

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Unter all den Zürich verbundenen Literaten ist Elias Canetti (1905-1994) nicht nur einer der berühmtesten, sondern wohl auch der, der seiner Wahlheimat die grösste Liebe und Dankbarkeit entgegenbrachte. In Canettis langem Leben gab es zwei Zürcher Phasen: eine frühe, 1916 bis 1921, und eine späte, 1971 bis 1994. Beide waren von grosser Bedeutung für Biographie und Werk des Nobelpreisträgers.

Geboren 1905 im bulgarischen Rustschuk als Sohn einer spanisch-jüdischen Familie, emigrierteCanetti schon im frühen Kindesalter: 1911 zieht die Familie nach Manchester, ein Jahr darauf verstirbt überraschend der Vater – “dieses Erlebnis hat mich gemacht” wird er viel später sagen: Es hat ihn zu seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Sinnlosigkeit des Todes gebracht. Die Mutter zieht mit Elias und seinen beiden Brüdern zunächst nach Wien. Auf dem Weg dahin gelangt Elias 1913 zum ersten Mal nach Zürich. Mit der Mutter steigt er hoch auf den Rigiblick, einen beliebten Aussichtspunkt – in literarischer Hinsicht als Grabstelle des von Canetti später hochverehrten Georg Büchner berühmt – und sieht hinab auf das Häusermeer. Eine Erfahrung, die er in seinen Jugenderinnerungen “Die gerettete Zunge” (1977), würdigen wird: “Die Erinnerung an diesen ersten Blick auf Zürich, das später zum Paradies meiner Jugend werden sollte, hat mich nie verlassen.”

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Scheuchzerstrasse 73. Im zweiten Stock lebte Canetti von 1916-1920 mit Mutter und zwei Brüdern.

1916 beziehen die Canettis eine Wohnung an der Scheuchzerstrasse 73. Das Paradies, “die einzig vollkommen glücklichen Jahre”, denen in “Die gerettete Zunge” gute 190 Seiten gewidmet sind, beginnen. Nachdem er gezwungen ist, ein Jahr die Primarschule Oberstrass zu besuchen, erfolgt der Übertritt ans Realgymnasium Rämibühl, der Institution, die zum Zentrum seines unersättlichen Bildungshungers wird, den er zeitlebens nicht verlieren wird. Hier verfasst Canetti, um die Zustimmung seiner Mutter, die in das Werk von Strindberg vernarrt ist, zu gewinnen, sein erstes Werk: ein in Blankversen verfasstes Drama mit dem Titel “Junius Brutus”. In der Nachbarschaft an der Scheuchzerstrasse lebt unter anderem auch der italienische Pianist und Dirigent Ferruccio Busoni, de mit seinem Bernhardinerhund Giotto auf den jungen Canetti einen nachhaltigen Eindruck macht. 1920 verlassen Mutter und Brüder die Stadt, Elias Canetti bleibt, um das Gymnasium beenden zu können, in Zürich: Er zieht seeabwärts in die Mädchenpension Villa Yalta beim Hafen Tiefenbrunnen am äussersten Rand der Stadt.

Nach Zürich lebte der staatslose Canetti in Frankfurt am Main (1921-24) und in Wien (1924-38), ehe er nach London floh, wo er die kommenden dreissig Jahre verbrachte. 1963 verstirbt seine Frau Veza. Zu ihren Lebzeiten hatte Elias Canetti bereits diverse – von Veza tolerierte, bisweilen gar “installierte” – Verhältnisse zu anderen Frauen. Eine davon war auch die am Zürcher Kunsthaus arbeitende Restauratorin Hera Buschor, deretwegen Canetti nach Zürich zurückkehrt. 1971 heiraten sie und beziehen eine gemeinsame Wohnung an der Klosbachstrasse 88, bezeichnenderweise im sogenannt “englischen Viertel” Zürichs, das aufgrund seines Baustils mit diesem Namen bedacht worden ist.

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Ein unscheinbares Mietshaus an der Klosbachstrasse 88: Im dritten und obersten Stock des Anbaus am rechten Bildrand lebten Elias, Hera und Johanna Canetti.

Unscheinbar ist das Haus, unscheinbar die Dreizimmer-Wohnung, die er hier im dritten Stock mit Hera und der gemeinsamen, 1972 geborenen Tochter Johanna bewohnte. Die Hausbesitzer waren der polnische Tenor Jan Kiepura (bereits 1966 verstorben) und seine Frau Marta Eggerth (1912-2013), eine prominente Operettensängerin und Filmschauspielerin, die mehrheitlich in New York lebte, an der Klosbachstrasse aber noch eine Wohnung besass. Selbst einst Flüchtlinge aus dem Osten vermietete das Ehepaar häufig Wohnungen an ungarische und jüdische Emigranten. (Quelle: “Der Nobelpreisträger und seine Nachbarin”, 2012) Für Canetti gehörten diese Jahre in Zürich gehörten zu seinen produktivsten, er publizierte drei Bände Lebenserinnerungen, die Charakterstudien “Der Ohrzeuge” (1974) und die Essaysammlung “Das Gewissen der Worte” (1975). 1972 wurde er mit dem Büchnerpreis, 1981 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. An den Stadtpräsidenten Thomas Wagner schrieb er am 16.8.1988 einen berührenden Brief, in dem es heisst: “Es ist ein sehr tiefer Wunsch von mir, meine Tage in dieser Stadt zu beschliessen, die ich seit der Kindheit liebe. (…) was überall sonst kaum mehr möglich wäre, – hier mag es gelingen.” Leider gelang doch nicht alles: zum zweiten Band der Studie “Masse und Macht” und zum lange geplanten Buch gegen den Tod (posthum erschienen) reichte es nicht mehr.

Obschon sich Elias Canetti kaum am kulturellen Leben Zürichs beteiligte, war er ein bekannter Mann, dem ein notorischer Ruf als verschrobener Kauz vorauseilte, was durch seine kleine, rundliche Erscheinung, den wilden weissen Haarschopf und den buschigen Schnauz noch begünstigt wurde. Manch einen Zeitgenossen mag er mit Schroffheit verärgert, manch einen Fan mit seinem forschen Beharren auf das Recht zur Privatsphäre vor den Kopf gestossen haben. Eine “Fanfare der Unerreichbarkeit” (Isolde Schaad) umgab ihn, wenn er in den Ecken der Kaffeehäuser der Stadt sass. Wem aber das Vergnügen vergönnt war, Elias Canetti näher kennenzulernen, begegnete bisweilen einem der “sprühendsten und liebenswertesten Menschen (…), der einen umwerfenden Charme, eine Komik besass” (Susanna Hochwälder).

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Canettis Grab auf dem Friedhof Fluntern.

Der Stadt Zürich blieb er über seinen Tod hinaus dankbar, indem er seinen Nachlass und seine 15’000 Bände umfassende Privatbibliothek der Zürcher Zentralbibliothek vermachte – obschon Vorverträge mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach existiert hatten. Nach dem Tod seiner zweiten Frau Hera 1988 hatte Canetti die Wohnung in London, die er mehrheitlich als Bücherlager noch immer besass, aufgegeben und die Bücher, verpackt in unzählige Kisten, beim Schweizer Transportunternehmen Welti-Furrer eingelagert. Das Angebot der Zentralbibliothek, diese Bestände sogleich zu übernehmen, und die Zusicherung der Sperrfristen, die Canetti für seine Manuskripte haben wollte, trugen zur Umstimmung ihren Teil bei. Die Stadt ihrerseits sicherte Canetti schon zu Lebzeiten ein Ehrengrab auf dem Friedhof Fluntern zu – an der Seite von James Joyce.

Erinnerungen von Leuten, die in den Zürcher Jahren 1971 bis 1994 mit Canetti – niemand durfte ihn Elias nennen – zu tun hatten, hat Werner Morlang 2005 im schönen Band “Canetti in Zürich” (Nagel & Kimche) versammelt. Dass dieses Buch und ähnliche, etwa die umfassende Canetti-Biographie von Sven Hanuschek erst elf Jahre nach dem Tod des Autors veröffentlicht wurden, liegt an eben diesen Sperrfristen, die den Zugang zu unveröffentlichtem Material verunmöglichen. Manche Aufzeichnungen von Canetti werden gar erst im Jahr 2024 für die Forschung zugänglich sein… Auch posthum schreibt Canetti die Privatsphäre gross.

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Canetti, die Bücher und die Bleistifte: eine Liebesgeschichte. Hier für einmal in London. (Quelle: www.architecturalpapers.ch)

Canettis Ruf als unwirscher Einzelgänger, verschrobener Kauz und bibliophiler Pedant, dessen militärisch arrangierte Bleistiftreihen anekdotisch-legendären Status besitzen, ist vielleicht auch durch die liebevollen Erzählungen von Zeitgenossen, wie Morlang sie gesammelt hat, nicht vollständig auszuradieren. Neben unzähligen Texten gibt es jedoch ein kraftvolles Bilddokument, das beweist, dass Elias Canetti nicht (immer oder nicht zu allen) der weltabgewandte, eigenbrötlerische Büchernarr war, den manche ihm andichten: 1969. Mit Freunden sitzt Canetti im verrauchten Zürcher Bahnhofbuffet und diskutiert die Aufführung eines seiner Theaterstücke mit dessen designiertem Regisseur. Leute vom Nebentisch mischen sich ein, stellen eine Frage – und Canetti antwortet in geradezu verblüffend akzentfreiem Zürcher Dialekt: “Er isch dä Reschissör, ich bi dä Dichter.” (Er ist der Regisseur, ich bin der Dichter). Dankbarkeit und Liebe äussern sich auch in diesem Akt der Assimilation bis auf die Ebene des Dialekts – einer Anstrengung, die man wahrlich keinem Wahlzürcher abverlangen würde. Doch Canetti hat sie unternommen: der Dichter hat sich Zürich auch sprachlich zu einer Heimat gemacht.

Rezension: Jeff VanderMeer – Autorität (Kunstmann 2015)

Im zweiten Band seiner Southern-Reach-Trilogie verschiebt Jeff Vandermeer die Perspektive: Die Innensicht auf das mysteriöse, unkontrollierbare Sperrgebiet ‘Area X’ wird nun durch eine Aussensicht ergänzt. Sie folgt mehrheitlich John Rodriguez, dem Interims-Direktor der Organisation Southern Reach, in seinen Versuchen, die Hindernisse zu überwinden, die ihm auf der Suche nach der Wahrheit über Area X den Weg versperren. 

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Der erste Band der Trilogie – “Auslöschung” – folgte der zwölften Expedition in die Area X, einer Gruppe von vier namenlosen Frauen, die von der Organisation Southern Reach damit beauftragt waren, das unkontrollierbare, durch ungeklärte Umstände entstandene Sperrgebiet zu erforschen. Sie trafen auf eine makellose, aber unheilvolle Wildnis, die sich als eine einzige Gefahr erwies… (Hier geht’s zur Rezension von “Auslöschung”)

Während der erste Band innerhalb von Area X spielte, behandelt “Autorität” die Lüftung der Geheimnisse des Sperrgebiets – ohne dieses  ein einziges Mal betreten. Die Geschichte spielt vornehmlich in den merkwürdig faulig riechenden Fluren und Räumen des Hauptsitzes von Southern Reach, wo alles “von einem Gefühl des Niedergangs durchdrungen” ist.  Protagonist des Buches ist John Rodriguez, der nach dem Verschwinden der Direktorin, die sich unerkannt der zwölften Expedition angeschlossen hatte, als Interims-Direktor von Southern Reach eingesetzt wird. Er lässt sich selbst “Control” nennen, ermangelt aber von Beginn an jeglicher Kontrolle. Schon die erste, feindschaftliche Begegnung mit der stellvertretenden Direktorin Grace zeigt an, dass John nur dem Rang nach neuer Leiter von Southern Reach ist, de facto aber Spielball höherer bürokratischer Gewalten ist. Seine Suche nach dem wahren Wissensstand, den man über Area X hat, wird erschwert durch mannigfaltige Hindernisse: Informationen werden ihm vorenthalten, Steine in den Weg gelegt, jeder seiner Schritte von unsichtbaren Augen mitverfolgt.

Der Biologin, Protagonistin des ersten Bandes, kommt auch in “Autorität” wieder eine bedeutsame Rolle zu. Unter ungeklärten Umständen ist sie aus Area X zurückgekehrt, wird nun in Southern Reach gefangen gehalten und von Control regelmässig verhört. Trotz ihres störrischen Unwillens zur Kooperation und der Behauptung, sie sei nicht mehr die Biologin, entwickelt Control ein merkwürdiges, beinahe zärtliches Verhältnis zu ihr, das von immer grösserer Bedeutung für die Geschichte wird. In ihr erkennt John einen Schlüssel zu den Geheimnissen der Area X und eine Waffe im Machtkampf mit Grace.

Zu Biologin und stellvertretender Direktorin gesellen sich zwei weitere starke Frauenfiguren, die Controls Aktionsradius bestimmen. Einerseits ist da seine Mutter, die als Beauftragte für mysteriöse, geheime Regierungsgeschäfte direkten Einfluss auf die Arbeit ihres Sohnes nimmt, andererseits ist da die in Area X verschollene ehemalige Direktorin, deren Arbeitsplatz Control übernommen hat. In diesem unermesslichen Chaos sucht er nach Indizien und Wahrheiten über Area X und stösst dabei nicht nur auf aufschlussreiche Notizen, Akten und Fotografien, sondern auch auf beunruhigende Schriften an der Wand und eine Pflanze, die sich nicht umbringen lässt…

In diesem zweiten Band der Trilogie, der gute 120 Seiten länger ist als der erste, führt Jeff VanderMeer seinen packenden Öko-Horror auf durchgehend hohem erzählerischem Niveau fort. Die Stärke von “Autorität” liegt einerseits in den undurchsichtigen, ambivalenten Figuren und der steten Ungewissheit, inwiefern sie kontaminiert sind, sei es von der düsteren Regierungsbehörde Central oder vom noch weitaus schrecklicheren natürlichen Feind, der Area X beherrscht. Hervorzuheben sind in dieser Hinsicht die geisterhafte Gestalt des Whitby, eines unscheinbaren langjährigen Angestellten von Southern Reach, der zunehmend bedrohliche Züge anzunehmen scheint, und diejenige Cheneys, eines Wissenschaftlers, dessen “vagabundierender Intellekt” angesichts der Hoffnungslosigkeit seiner Aufgabe nicht mehr produktiv ist. Andererseits ist der grosse Trumpf des Buches die Beschaffenheit des Feindes selbst: ein Feind, der kein Wesen ist, sondern ein allumfassendes, unfassbares Etwas, quasi die Natur selbst, die sich ihre grenzenlosen Territorien zurückerobert.

In seiner Spirale des Gruselns führt uns VanderMeer Figuren vor Augen, die höheren – natürlichen oder bürokratischen – Gewalten auf Gedeih und Verderben ausgeliefert, von unsichtbaren Mächten getrieben sind. Obschon (oder gerade weil?) sprachlich eher einfach gestaltet und mit seinen abgehackten Satzstrukturen bisweilen etwas irritierend, vermag auch “Autorität” einen dem ersten Band in nichts nachstehenden, schauerlichen Sog zu entwickeln, der die vielleicht jedem Menschen innewohnende Angst vor dem Unfassbaren und dem Unverstehbaren zum Leben erweckt.

Vandermeer, Jeff. Autorität. Southern Reach Trilogie. Aus dem Englischen von Michael Kellner. München: Antje Kunstmann 2015. 368 S., 978-3-88897-995-8