Rezension: Riikka Pulkkinen – Die Ruhelose (List 2014 [2006])

Das Romandebüt der finnischen Autorin Riikka Pulkkinen aus 2006 verwebt die Geschichten vierer Personen – drei Frauen/Mädchen, ein Mann – zu einem Unterhaltungsroman mit dem hohen Anspruch, die fundamentalen Fragen des Lebens aufzugreifen. Was wie ein Paradoxon klingt, funktioniert streckenweise ausgezeichnet. Die Themen Tod, Erinnerung, (weibliches) Erwachsenwerden stehen im Zentrum – und über ihnen allen schwebt die altbekannte Frage: Wie weit bist du bereit für die Liebe zu gehen?

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Riikka Pulkkinen (*1980) gehört einer Generation junger finnischer Literaturschaffender an, die dieses Jahr anlässlich der Frankfurter Buchmesse, wo Finnland Gastland war, in den Mittelpunkt der deutschsprachigen Öffentlichkeit rückten. Mit “Die Ruhelose” liegt nun das Debüt der Autorin aus dem Jahre 2006 auf Deutsch vor. Zuvor war bereits der zweite Roman “Wahr” (2012) im List-Verlag erschienen.

In “Die Ruhelose” wird aus den Perspektiven vierer Personen erzählt: Anja Aropalo, 53, ist eine Literaturprofessorin, deren an Demenz erkrankter Mann in einem Pflegeheim lebt, seine Frau nicht mehr erkennt. Anja ist einsam und depressiv, sie hat beschlossen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie hat erkannt, dass “das Glück am intensivsten in seiner Möglichkeitsform blüht, dann, wenn alles zum Greifen nahe ist und es noch keine Versprechen gibt. Denn wenn man die Hand nach dem Glück ausstreckt und es zu greifen wagt, kommt unausweichlich auch das Bewusstsein seiner Vergänglichkeit auf.”  Der Suizidversuch missglückt, das Leben geht weiter. Anjas zentraler Konflikt ist ein Versprechen, das sie ihrem Mann gegeben hat, kurz bevor er vollends in die geistige Umnachtung abstieg: das Versprechen, ihn zu töten, wenn er sich an gar nichts mehr erinnerte…

Die zweite Hauptfigur ist Anjas Nichte Marie – das Verhältnis der beiden wird nicht genauer thematisiert -, 16, die mit der Bedingungslosigkeit einer ersten Liebe in ihren Literaturlehrer Julian Kanerva verliebt ist. Dieser ist zunehmend unglücklich in seiner Ehe mit Jannika, mit der er zwei Töchter hat. Auch die Vaterschaft liegt ihm nicht, als innerstes Gefühl des Vaterseins empfindet er den “Zwang, Verantwortung zu übernehmen”. Er stürzt sich in eine ausbeuterische Affäre mit seiner Schülerin, die in ihrer Naivität an die Echtheit von Julians Gefühlen glaubt. Marie wird letztlich bitter enttäuscht und beschliesst ebenfalls, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Der Tod hat sie schon immer fasziniert, sie denkt oft an ihn, übt vor dem Spiegel letzte Worte, fühlt den Drang zu leben, will aber “die Vorstellung der eigenen Nicht-Existenz” nicht ausschliessen. Sie erlebt Befreiung, indem sie sich mit einem Messer in Arme und Beine schneidet: Schmerz und Wunden als Beweis der eigenen Existenz. Was zunächst ein Spiel ist, wird durch die fatale Affäre zu ihrem Lehrer untrügliche Wirklichkeit…

Die Perspektiven von Anja und Marie werden einerseits ergänzt von derjenigen Julians: Er will der “banalen Mittelmässigkeit” seines Lebens mit der launischen Ehefrau Jannika entkommen, seine überhebliche, prätentiöse Art und das egoistische Verhalten gegenüber Marie weisen ihn aber ziemlich eindeutig als Antipathieträger aus. Andererseits gibt es die Sicht von Julians sechsjähriger Tochter Anni, deren kindlich-unschuldige Perspektive die “Erwachsenensachen”, in die die restlichen Figuren verstrickt sind, nochmals anders beleuchtet.

Omnipräsentes Thema des Romans ist der Tod, in Verbindung mit der Frage, wie weit jemand bereit ist, für die Liebe zu gehen. Ist es die Liebe wert, sich selbst zu töten? Ist es die Liebe wert, jemand anderen zu töten? Ist es eigensinnig, nach so viel erlebtem Glück noch nach mehr zu verlangen? (Anja) Ist es dumm, alle Freundschaft und familiäre Liebe für eine einzige verheerende erste Liebe aufzugeben? (Marie)

Riikka Pulkkinen hat sich gewichtige, ja fundamentale Fragen der menschlichen Existenz vorgenommen – und einen Unterhaltungsroman geschrieben. Was paradox anmutet und von einigen Kritikern auch durchaus negativ aufgenommen wurde, funktioniert streckenweise ausgezeichnet. Zwar hat der Roman seine deutlichen Schwachstellen: Wenn Anja, Julian und Marie anhand von Interpretation aus Sophokles’ “Antigone” Unterschiede oder Gemeinsamkeiten von Leben und Tragödie herausstellen wollen, wirkt das sehr bemüht. Ebenso sind die Szenen, in denen die kleine Anni mit ihrer dominanten Freundin Sanna Spiele spielt etwas moralinsauer geraten, Ausbeutungen der kindlichen Perspektive. Abgesehen von solchen kleinen Unbeholfenheiten aber, ist Pulkkinens Debüt ein spannender und berührender Roman,  dem es gelingt, spannende ethisch-moralische Aspekte präzise und sprachlich souverän herauszuarbeiten. Dass die grossen Fragen nicht in ausufernder philosophischer Tiefe besprochen werden, sei der Autorin verziehen, es wäre angesichts ihrer schieren Anzahl auch ein allzu hoher Anspruch – und wie so oft gilt auch hier: Manchmal ist das Stellen einer Frage wesentlich bedeutsamer, als der Versuch sie zu beantworten.

Pulkkinen, Riikka. Die Ruhelose. Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat. 352 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-471-35072-0

Rezension: Erna Pfeiffer (Hg.) – Mit den Augen in der Hand (Mandelbaum 2014)

In diesem Sammelband versammelt die Grazer Romanistikprofessorin und Übersetzerin Erna Pfeiffer Werkauszüge, Kurzportraits und Interviews von insgesamt 17 jüdisch-argentinischen Autoren (5) und Autorinnen (12). Garniert wird die Zusammenstellung von historischen und literaturtheoretischen Essays, die unter anderem interessante Einblicke in die grösste jüdische Gemeinschaft Lateinamerikas und ins Phänomen der Zugehörigkeit gewähren.

pfeifferDie Geschichte des Judentums in Argentinien reicht ins 19. Jahrhundert zurück. Im Jahre 1876 wurde ein Gesetz über Immigration und Kolonisation erlassen, das die Einwanderung aus Europa fördern sollte. Die Juden fanden ihren argentinischen Fürsprecher in Baron Maurice de Hirsch (1831-96), der die Jewish Colonization Association gründete, die unbebautes Land an jüdische Familien verpachtete, die es dann bebauten. Im Jahr 1889 brachte das Dampfschiff “Weser” mehr als 800 jüdische Immigranten nach Buenos Aires: Es war der Beginn grosser Einwanderungswellen. Heute hat Argentinien die grösste jüdische Gemeinschaft Lateinamerikas.

Obwohl Argentinien im Urtext jüdisch-argentinischer Literatur, Alberto Gerchunoffs “Jüdische Gauchos” (1910), als ‘neues Sion’ gepriesen worden war, fanden sich die Juden, die vielfach auf der Flucht vor Pogromen in Osteuropa nach Südamerika gekommen waren, auch in Argentinien mit Widrigkeiten konfrontiert, wie etwa die Massaker der Semana tragica (Tragische Woche) 1919 erschreckend bestätigen. Die Mehrheit der in Pfeiffers Band versammelten Autorinnen und Autoren (Geburtsjahre 1933-1977) wiederum war in irgendeiner Form von der Militärdiktatur betroffen, die Argentinien von 1976 – 1983 regiert. Dieses Regime verursachte eine Welle der Emigrationen und Landesfluchten, der sich viele Künstler anschlossen. So kommt es, dass viele Vertreter der jüdisch-argentinischen Autorengemeinschaft auch heute noch im Exil leben, ihre Texte ausserhalb der Heimat verfassen – so denn Argentinien für sie überhaupt je zur Heimat geworden ist.

Das Fehlen einer nationalen Zugehörigkeit ist in vielen der von Pfeiffer übersetzten Textauszüge, übrigens alles Prosa, zu spüren und wird auch in einem den Band abschliessenden Essay von Elisabeth Baldauf thematisiert. Sie präsentiert ein aufschlussreiches Diagramm möglicher Formen von Zugehörigkeit. Zu diesen gehört natürlich auch die Religion, die aufgrund des jüdischen Aspektes bei vielen Autoren im Vordergrund steht. Nicht alle jedoch haben im Judentum einen Ersatz für die fehlende Heimat gefunden. Im Auszug aus “Einmal Argentinien” von Andrés Neuman (*1977) etwa, gelingt es dem Ich-Erzähler weder sich an den jüdischen noch an den argentinischen katholischen Glauben anzupassen, viel eher hält er Ausschau nach Identifikationsangeboten aus der Populärkultur, wo er etwa dem Fussball begegnet, der in Argentinien einen hohen Stellenwert geniesst.

Grosse gemeinsame Nenner der Zugehörigkeiten sind auch die Familie und die Sprache, die in fast allen Textauszügen zentrale Rollen einnehmen. Die Familie als Überlieferung, als nicht selbst erlebte Immigrantengeschichte, die nachzuzeichnen versucht wird. Die Familie aber auch konkret, gegenwartsbezogen, als verfluchter oder segensreicher Anker. Es gibt Autorinnen wie etwa Diana Raznovich (*1945), die sich der Materie mit dem Stilmittel des Humors nähern. Wie der vierzigjährige Gynäkologe Berele mit seiner jiddischen Mame zum Paartherapeuten geht, weil diese sich nun für die erotische Selbstbefreiung der Frau interessiert, ist herzzerreissend komisch. Andere – sie sind in der Mehrheit – wählen eine dichte, bilderreiche, poetische Sprache, um sich dem Themenkomplex anzunähern.

Die Sprache wiederum, deren sich natürlich alle versammelten Autorinnen und Autoren als Schreibende zugehörig fühlen, wird häufig in den von Erna Pfeiffer in vertrautem Ton geführten Interviews zum Thema, wenn es etwa um die Grenzen zwischen Fiktion und Realität geht – viele der Textauszüge sind autobiographisch geprägt – oder um das jiddisch-hebräisch-spanische Sprachwirrwarr, in dem viele der Autoren erzogen worden sind und das sich auch in den Texten bisweilen niederschlägt. “Den Faden der Bedeutung finden”, wie es im Text von Alicia Dujovne Ortiz (*1939) heisst, das ist das Ziel manch einer dieser Erkundungen.

Viele jüdisch-argentinische Autorinnen und Autoren entstammen einer “zwischen vielen Nicht-Heimaten hin und hergeworfenen Migrantenfamilie” (Luisa Futoransky), sie befinden sich auf einer stetigen Reise, unterliegen bisweilen dem Irrtum, “zu glauben, der Exilierte würde zurückkehren” (Alicia Dujovne Ortiz), müssen sich arrangieren mit einem von Abstammung und Politik geprägten Leben unterwegs. Manche wie etwa Sara Rosenberg (*1954) oder Alicia Kozameh (*1953) wagten sich vor und während der argentinischen Militärdiktatur in den aktiven Widerstand und mussten dafür mit Gefängnisstrafen bezahlen. In Kozamehs Text steht: “Sich diesen Militärs entgegenzustellen heisst, gegen eine Wiederholung des Holocaust zu kämpfen.” Hier finden jüdische Herkunft und argentinische Wirklichkeit auf grausame Weise zusammen. Eine Grausamkeit, der sich nicht alle jüdisch-argentinischen Künstler stellen mussten oder wollten: vielen gelang es, rechtzeitig die Flucht zu ergreifen, im Exil abseits der Heimat oder Nicht-Heimat – häufig Venezuela, Frankreich oder die USA – weiterarbeiten zu können. Und auch zum Holocaust äussern sich bei weitem nicht alle, manche aber tun es, ganz explizit wie Kozameh oder verborgen hinter einer grossen Metapher wie Mario Goloboff (*1939) im grossartigen Text “Tauben. Schlag”

Dem kenntnisreich zusammengestellten Sammelband “Mit den Augen in der Hand” gelingt es, anhand repräsentativer Textauszüge ein Panorama jüdisch-argentinischen Literaturschaffens des 20. Jahrhunderts zu geben. Die Kurzportraits und Bibliographien der siebzehn Autorinnen und Autoren sind Hilfe bei Interesse an weitergehender Lektüre, obschon viele der Texte (noch) nicht in deutscher Fassung existieren. Daneben gestatten die Essays und die vielen Fussnoten auch Einblicke in jüdische und argentinische Geschichte und Geographie. Die Polyphonie dieser siebzehn Stimmen, die aufgrund gewisser gemeinsamer Grundvoraussetzungen doch immer wieder ähnliche Themen aufgreifen, ist faszinierend und erlaubt wertvolle Einblicke in ein literarisches Feld, das für den deutschen Sprachraum bislang noch nicht umfassend erschlossen ist.

Pfeiffer, Erna (Hg.) Mit den Augen in der Hand. Argentinische Jüdinnen und Juden erzählen. Wien: Mandelbaum 2014. 266 S., englische Broschur. 978385476-446-5

Essay: Das Ende des Lachens. Tao Lins “New Sincerity” – Eine Kritik.

 

Nicht jedes Buch lässt sich rezensieren. Auch ein geübter Rezensent ist von Zeit zu Zeit zum Scheitern verurteilt. 2014 hat kein Text so sehr an meinen Fähigkeiten genagt wie Tao Lins “Taipeh”. Das Buch impliziert Fragen, die zweifellos von grosser Bedeutung für die heutige Gesellschaft sind. Doch der Preis, den man als Leser dafür bezahlen muss, ist hoch:  ungefilterte Langeweile. Ich habe mich im nachfolgenden Essay bemüssigt, etwas weiter auszuholen, Zusammenhänge und Problematiken aufzuzeigen – dies im steten Bemühen, gerade keine solche Langeweile aufkommen zu lassen. Ich hoffe auf erhellende Lektüre und freue mich auch auf angeregte Diskussionen!

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“Taipeh” von Tao Lin: Der Roman des 1983 geborenen Amerikaners erschien im Original 2013 und dieses Jahr in einer deutschen Übersetzung bei DuMont. Er ist eines der meistdiskutierten Werke der letzten beiden Jahre. Vom Feuilleton zumeist mit Begeisterung aufgenommen, wie etwa die Rezension von Felix Stephan in der Zeit oder diejenige von Benjamin Lytal im New York Observer beweisen – es fallen die Namen Hamsun, Hemingway und Musil -, stösst der Text beim breiten Publikum auf gemischte Reaktionen (vgl. hierzu etwa die momentane 3,38/5-Bewertung auf Goodreads, basierend auf 3153 Ratings), bisweilen gar auf aggressive Ablehnung.

Nach der Lektüre des Textes (in der deutschen Übersetzung von Stephan Kleiner) steht für mich fest: Mit einer klassischen Rezension ist “Taipeh” nicht beizukommen. Die durchgehende Handlungsarmut und die akribische, in komplizierten Endlossätzen umherschleichende Beschreibung banalster Alltagsverrichtungen lässt keinen Zweifel daran: Tao Lin hat mit “Taipeh” eines der langweiligsten Bücher des Jahres geschrieben. Es deswegen mit einem Verriss abzukanzeln, läge mir fern, denn genau diese konstante Langeweile ist der Nährboden weitreichender Gedanken, die schnell vom Einzeltext auf das gesamte literarische Feld und letztlich auf die Probleme der gesamten heutigen Gesellschaft übergehen.

“Tao Lin, geboren 1983, ist einer der wichtigsten Schriftsteller seiner Generation und die Galionsfigur der “New Sincerity”-Bewegung.”, heisst es auf der Rückenklappe der DuMont-Ausgabe. Das ist ziemlich vollmundig, liefert aber den entscheidenden Schlüssel, um sich der Bedeutung von Tao Lins Werk zu nähern: Das Schlagwort “New Sincerity”, also Neue Aufrichtigkeit.

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David Foster Wallace

Im Jahre 1993 veröffentlichte der amerikanische Autor David Foster Wallace (1962 – 2008; Infinite Jest) in der Review of Contemporary Fiction einen Essay  mit dem Titel “E Unibus Pluram: Television and U.S. Fiction”  (PDF-Download), in welchem er den Einfluss von Fernsehserien auf die zeitgenössische amerikanische Literatur ausführlich bespricht. Im letzten Absatz dieses Textes kommt er auf potenzielle neue Rebellen der Literatur zu sprechen, die er als “born oglers who dare to back away from ironic watching” beschreibt, Anti-Rebellen, die den Mut hätten, das Ein- dem Zwei-Deutigen vorzuziehen, die  die “old untrendy human troubles” nicht durch die schützende Maske der Ironie betrachteten, sondern sie mit “reverence and conviction” behandelten. Foster Wallace, stets ein klarsichtiger Denker, war sich bewusst, dass diese neuen Rebellen, sollten sie denn eines Tages kommen, die Bereitschaft haben müssten “to risk the yawn”, das Gähnen zu riskieren. Diese Aussagen kommen einer frühen Definition der New Sincerity nahe, die im selben Jahr übrigens auch in den Filmwissenschaften Einzug hielt: Jim Collins‘ Aufsatz “Genericity in the Nineties: Eclectic Irony and the New Sincerity” enthält im Titel gar den tatsächlichen Begriff. DFW wie auch Collins sehen also in dieser Neuen Aufrichtigkeit eine Gegenströmung zur postmodernen Ironie, deren Zynismus und Meta-Referentialität als Selbstverteidigungsmechanismus nicht allen behagte. Wie die Professorin Christy Wampole 2012 in ihrem vieldiskutierten, in der NY-Times publizierten Artikel “How To Live Without Irony” schrieb: “To live ironically is to hide in public.”

Auf dieses Versteckspiel antworten nun Tao Lin und die ihn umgebende Szene. Das höchste Gut von Paul, dem Protagonisten aus “Taipeh”, der ein wenig verschleiertes Alias des Autors selbst ist, ist der “Austausch in gegenseitiger Aufrichtigkeit”. Die alles verschlingende Ironie der in den letzten Jahren omnipräsenten Hipster ist ihm fremd, er und seine Begleiterin Erin (Alias für Megan Boyle) sprechen einzig von Zeit zu Zeit in einer Tonlage, die sie “die Stimme” nennen, laut und angeberisch, betont intellektuelle Kommentare absondernd. Dann heisst es:

“Erin sagte, sie verspüre ‘das starke Bedürfnis, mehr Drogen zu nehmen’. Ohne MDMA fiel es schwer, die ‘Stimme’ einzusetzen, ohne die es ihnen unangenehm war, mit Fremden zu reden, zu improvisieren, Verhaltensweisen zu imitieren oder geistreiche Bemerkungen zu machen.”

Hier werden die Probleme evident, die der Versuch absoluter Aufrichtigkeit – zumindest für die Charaktere von “Taipeh” – mit sich bringt. In ihrer Weltverlorenheit, Entwurzelung und vollkommenen Planlosigkeit, denen allen eine zutiefst “depressive Grundstimmung” zugrunde liegt, ist eben gerade ein Selbstschutzmechanismus  vonnöten, um den Anforderungen und Klippen des (digitalisierten) Alltags gewachsen zu sein. Weil sie aber nicht unauthentisch wirken wollen, verzichten sie auf Ironie. Ihr Mechanismus ist der Konsum von Drogen, der unentwegt vonstatten geht: MDMA, Rivotril, Xanax, Adderall, Ecstasy, Kokain, Pilze, Heroin – gross ist die Vielfalt der Substanzen, die Paul, Erin und ihre Mitmenschen konsumieren. Drogen, Energydrinks, Früchte und Gemüse: So ernähren sie sich und: “Paul sagte, dass eine gute Gesundheit, Drogen und hohe Leistungsfähigkeit nur dazu dienten, sich gut zu fühlen.” Es findet hier eine Umwertung der Drogen statt, die wir so aus dem medialen Raum unserer Zeit, wo diese Substanzen fast ausschliesslich mit negativen Attributen behaftet sind, nicht kennen. Rezensent Felix Stephan von der Zeit auf der anderen Seite, nahm diese Umwertung wiederum etwas gar unkritisch auf: Es seien eben “die kommenden und gegenwärtigen Leistungsträger aus allen gesellschaftlichen Bereichen”, die Drogen konsumierten. Auch wenn der Konsum von ‘Alltagsdrogen’ wie Xanax usw., heutzutage tatsächlich nicht mehr nur der Spleen einiger rüder Aussenseiter wie damals etwa Hunter S. Thompson oder William S. Burroughs ist, sollte man vorsichtig sein mit solchen Behauptungen. Ein derart exzessiver Drogenkonsum, wie er in “Taipeh” zum Grundgerüst des Textes gehört, ist kein Normalfall, sondern vereinzelte Ausschweifung.

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Tao Lin

Paul sagt: “Weil der Drang, mich umzubringen, nicht so stark ist, dass ich mich tatsächlich umbringe, ist das Leben lebenswert.” Hierin zeigt sich einmal mehr die depressive Verlorenheit des jungen Schriftstellers, dessen Alltag durch nichts als den sich stetig erhöhenden Konsum von Drogen und stundenlanges Übeprüfen von Websites, Social-Media-Profilen, YouTube-Filmchen etc. zusammengehalten wird. Der Klappentext lässt verlauten, “Taipeh” beschreibe “die vage Angst, den Ennui und die Isolation einer Generation”, in der Besprechung der Zeit hiess es, das Buch sei eine “Erkundung unserer heutigen Beziehungslosigkeit”. Es ist mit wohlwollender Zurückhaltung angebracht, diese Einschätzungen als übertrieben zu bezeichnen. Wohl geht es um Angst, Ennui und Isolation/Beziehungslosigkeit – jedoch keineswegs in einem Ausmass, wie man es als Tendenz einer ganzen Generation anlasten sollte. Es geht um Angst, Ennui und Isolation des jungen Schriftstellers Paul, dessen Depressionen – ein klinisches Krankheitsbild – und dessen übermässiger Drogenkonsum ihm das Leben, und insbesondere das zwischenmenschliche, zu einem undurchdringlichen Nebel werden lassen.  Es scheint mir gerechtfertigt, zu behaupten, dass ein Paul sich auch in einer Welt ohne das ständig geöffnete MacBook, ohne Smartphone und ohne Internet ängstlich, gelangweilt und isoliert fühlte. Die Ursprünge seines Zustands liegen nicht in den digitalen Medien, obschon diese die Tendenzen verstärken.

Dass Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit gefragte Eigenschaften in der heutigen Popkultur sind, halte ich für unbestritten. Publikationen wie “Not Your Mother’s Morals: How The New Sincerity Is Changing Pop Culture For The Better” (J.D. Fitzgerald) oder “Sincerity” von R. Jay Magill Jr. haben Konjunktur, TV-Serien, die sich ihren Themen mit offenherziger, komplett unironischer Hingabe (“Glee” – dazu gab es einen lesenswerten Artikel auf Wired) und schonungslosem Realismus (“Girls”) widmen erfreuen sich riesiger Beliebtheit. Im April 2014 veröffentlichte das Time-Magazine die Liste “100 Most Influential People to the Most Influential Demographicauf der die 100 Personen vereint sind, die den grössten Einfluss auf die 18- bis 34-jährigen ausüben. “Girls”-Erfinderin Lena Dunham findet sich auf Platz 3 wieder und auch Tao Lin hat es (als Fünfundachtzigster) in die Ränge geschafft. Er reagierte via Twitter:

Der Zusatz, dass er dies stoned und depressiv aus seinem Bett schreibe, ist programmatisch. Seine ehemalige Ehefrau Megan Boyle (Hochzeit in Las Vegas, Trauzeuge von der Strasse, gefilmt mit dem MacBook und live gebloggt) unterhält gar einen eigenen Twitter-Account für die Zeiten, in denen sie deprimiert/depressiv ist. Die ungemeine Produktivität, die auch im Mainstream aufgegangen Künstlern wie eben Lena Dunham bisweilen eigen ist, äussert sich bei Tao Lin, Megan Boyle & Co. in einer permanenten Online-Selbstdokumentation, die in Tumblr-Blogs von den Ausmassen eines mehrfachen Don Quijote und in manchmal grotesken Auswüchsen wie Megan Boyles mit allerlei statistischem Material garnierten Artikel “Everyone I’ve Had Sex With” (2010) mündet. Es ist zumindest fragwürdig, ob eine solche Neue Aufrichtigkeit tatsächlich als Alternative zur ironischen Lebensform mit ihrem Referenzenreichtum und der Funktion von Humor als Selbstschutz tauglich ist.

So anregend “Taipeh” auch wirkt, so wenig vermag es für mich das Bild (m)einer Generation zu zeichnen oder wünschenswerte Alternativen aufzuzeigen. Nach der Lektüre ergab sich in erster Linie der Schluss: Diese Neue Aufrichtigkeit ist das Ende des Lachens. Ein Ansatz und eine Definition des Begriffs, wie er im bereits oben erwähnten Wired-Artikel besprochen wird, erscheinen mir, wenn auch konservativer, so doch wesentlich fruchtbringender: Man sollte es sich häufiger erlauben, die Maske abzulegen, die ironische Distanz furchtlos zu überbrücken und auch einfach mal ohne belächelt zu werden zugeben dürfen, dass man einen Katy-Perry-Song mag, weil er catchy ist, dass man Glee schaut, weil man gerne Show-Chöre und Tanz hat, dass man Harry Potter verschlingt, weil da alle zaubern und durch Wände rennen können. Ideal wäre: Das Positive betonen, ohne dabei gleich alles gut finden zu müssen. Denn auch für die New Sincerity gilt: Um als Genre und Idee konstruktive Beiträge zum (Zusammen-)Leben im 21. Jahrhundert liefern zu können, ist eine vorwärtsgerichtete, aufgeschlossene Gedankenwelt vonnöten, die den Menschen nicht als ein seinen Geräten hilflos ausgeliefertes Individuum (Stichwort digitale Leibeigenschaft) versteht. Und vor allem darf bei aller Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit das Lachen nicht verloren gehen, das wäre fatal. Es machte aus der Aufrichtigkeit eine Depression, wie das Beispiel “Taipeh” beängstigend vor Augen führt. Eine Einsicht, die 1901 bereits der französische Schriftsteller André Gide hatte, der in seinem “Immoralist” so treffend schrieb: “On ne peut pas à la fois être sincère et le paraîte.”Man kann nicht gleichzeitig ernst sein und so scheinen.

(Randbemerkung: Taipeh übrigens, die Hauptstadt Taiwans, die Stadt von Pauls (Taos) Eltern, nimmt im Roman nicht viel Raum ein. Zwei Reisen treiben den Protagonisten in das Land seiner Herkunft, eine Auseinandersetzung mit seinen Wurzeln findet aber kaum statt. Pauls Entwurzelung ist von der Topographie nicht beeinflussbar.)


Eine sehr lesenswerte Rezension zum Buch findet ihr u.a. auch auf dem Blog Libroskop. Der treffende Titel: “Im Reich der chemischen Selbstdomestizierung”.

Tao Lin. Taipeh. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Köln: DuMont 2014. 288 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8321-8817-7

Rezension: André Comte-Sponville – Liebe. Eine kleine Philosophie (Diogenes 2014)

Die Franzosen und die Liebe: Dass dies ein ganz besonderes Verhältnis ist, war auf dieser Seite auch schon hin und wieder ein Thema, etwa als Marilyn Yalom uns zu erklären versuchte, wie die Franzosen die Liebe erfanden. Der populäre Philosoph (oder Populärphilosoph) André Comte-Sponville nähert sich der Materie in seinem Aufsatz nun mithilfe des philosophischen Kanons, insbesondere Platon und Spinoza. Eine feinfühlige und erhellende Diskussion.

In einer ausführlichen Einleitung widmet sich der Autor – bzw. Redner, denn bei dem Text handelt es sich um die korrigierte Abschrift eines Referats – einer Gliederung in drei Ebenen des Handelns. Der seltene Idealfall ist das Handeln aus Liebe, ihm folgt das Handeln aus moralischen Gründen, diesem wiederum das Handeln aus Gründen des Rechts und der Höflichkeit: “Meist genügt die Liebe nicht; dann greift die Moral ein und schreibt uns vor zu handeln, als würden wir lieben.”
Dieses Handeln als ob ist keinesfalls abwertend zu verstehen. Denn es stimmt: Eine Gesellschaft, in der alle sich nach den Geboten von Recht und Höflichkeit verhielten, wäre annähernd perfekt; eine Gesellschaft, in der man sich allen gegenüber nach dem Gebot der Liebe verhalten müsste, wäre zu kompliziert. Und doch braucht es in gewissen Fällen die Liebe, es braucht mehr als nu das als ob.

Comte-Sponville unterscheidet drei Spielarten, denen er jeweils einen ausführlichen Abschnitt widmet. Benannt sind sie nach griechischen Begriffen für unterschiedliche Formen der Liebe.

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I. Eros, “die leidenschaftliche Liebe”: Der Eros steht, nicht wie populär häufig angenommen wird (“erotisch”, “erogen”), für reine Sexualität, sondern für die Liebe aus Leidenschaft, die Liebe des Verliebtseins. (Sexuelle Lust dagegen hiess im alten Griechenland ta aphrodisia). Comte-Sponville erläutert den Eros anhand von Platons Gastmahl, innerhalb dessen er detailliert die Reden des Aristophanes und des Sokrates aufgreift. Das grosse Paradoxon, das den Autor selbst davon abhält, Platoniker zu sein, wird in einer Formel zusammengefasst: Liebe = Begehren = Mangel. Das Begehren hat gemäss dieser Formel immer mit Mangel, also Abwesenheit, zu tun. Ist dieser behoben, erlischt das Begehren. Schopenhauer prägte den Begriff der “Langeweile”, die einsetzt, sobald das Ermangelte verfügbar ist. Diese pessimistische Philosophie schliesst die Möglichkeit glücklicher Paare aus, wogegen sich Comte-Sponville entschieden wehrt.

II. Seine Antwort darauf ist die Philia, “die Freude an der Liebe”: ein Konzept umfassender Freundschaft, stärker als Zuneigung; es ist die Liebe zu dem, was uns nicht fehlt. Aristoteles beschrieb sie für Eheleute, Montaigne sprach von der “amitié maritale”, der ehelichen Freundschaft, die heutige Alltagssprache kennt zudem die Begriffe “mein Freund”/”meine Freundin” für Partnerschaften unter nicht Verheirateten. Der Autor greift auf den Philosophen Spinoza zurück, dessen Formeln lauteten Liebe = Freude und Begehren = die “Macht des Menschen, kraft deren er existiert und etwas bewirkt”. Dies ist die Ansicht, der auch Comte-Sponville zustimmt. Ein glückliches Paar, sagt er, “ist ein Paar, das den Mangel in Freude hat umwandeln können”. Es kommt darauf an, nicht mehr die Illusion, sondern die Wahrheit des jeweils anderen zu lieben. Die Illusion von dauerhafter Leidenschaft muss aufgegeben werden, denn diese kann nur im Unglück bestehen (Tristan & Isolde, Romeo & Julia, …). Die finale These des Autors lautet: “Es ist besser zu lieben, was wir kennen, als von dem zu träumen, was wir lieben.”

III. In einem kurzen Kapitel kommt er letztlich auf die Agape, die “uferlose Liebe” zu sprechen. Der Begriff ist wiederum griechisch, findet sich in der Antike jedoch nicht, sondern taucht als Neologismus erst in Bibelübersetzungen der Spätantike auf. Mit Agape bezeichnet man die Liebe Gottes, die Liebe Jesu. Comte-Sponville, der neben der Bibel hierzu auch Simone Weil zitiert, nennt sie “die Liebe, die darauf verzichtet, ihre Macht ungehemmt auszuüben”. Sie kann sich auch zwischen Mann und Frau oder zwischen Mutter und Kind zeigen. Es ist eine rein schenkende (nach Thomas von Aquin) Liebe, die von jedem Ego befreit ist.

In seiner Schlussbemerkung betont Comte-Sponville das gleichzeitige Auftreten dieser drei Spielarten in den meisten Fällen, sie sind drei Pole im Kraftfeld der Liebe. Auf seinen eigenen Atheismus, den er auch schon in Buchform thematisiert hat, zu sprechen kommend, nennt Comte-Sponville die Liebe letztlich einen “Gottesersatz”. Ihren Ursprung sieht er in Sexualität und Familie, zuallererst und insbesondere in Müttern. Dies bringt ihn zum schönen Satz:

“Die meine war, obwohl sie, wie alle Mütter, unvollkommen, unzulänglich und übertrieben besorgt war, so liebevoll, dass ich mir, um die Liebe zu erklären, nichts anderes – wie etwa Gott – vorstellen muss.”

 

André Comte-Sponvilles bis heute erfolgreichstes Buch heisst “Ermutigung zum unzeitgemässen Leben”. In seinen Darlegungen zur Liebe kommt er oft darauf zurück, und dies mit gutem Grund. Als ‘unzeitgemäss’ mögen nämlich auch Kritiker die Wertevermittlung des französischen Philosophen bezeichnen, der mit seinem bedingungslosen Einstehen für die Paarbeziehung, die glückliche Ehe und weitere eben zunehmend ‘unzeitgemässe’ Tugenden eine klare Position bezieht. Auf der anderen Seite ist der Text aber eben auch eine überzeugende Ermutigung, diese zu Unrecht mancherorten verschrienen Ideale hochzuhalten. Comte-Sponville erklärt sich präzise, leicht verständlich, gelehrt aber nie belehrend und humorvoll. Ein gewisses biedermännisches Element ist seinen Darlegungen nicht abzusprechen, aber dennoch trifft er gerade mit seinem Unzeitgemässen den Nerv der Zeit und bespricht den ewig faszinierenden Themenkomplex der Liebe sehr erhellend.

Comte-Sponville, André. Liebe. Eine kleine Philosophie. Zürich: Diogenes 2014. Aus dem Französischen von Hainer Kober. 176 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-257-06890-0

Rezension: William McIlvanney – Laidlaw (Kunstmann 2014 [1977])

Mit den Neuübersetzungen der Roman-Trilogie um den Glasgower Detective Inspector Jack Laidlaw bringt der Kunstmann-Verlag die Renaissance des schottischen Autors William McIlvanney, genannt “Godfather of Tartan Noir”, die in England vor etwa zwei Jahren in Gang gesetzt wurde, in den deutschen Sprachraum. Die erste Ermittlung konfrontiert Laidlaw mit der Suche nach einem jungen Sexualstraftäter. 

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Ausgangspunkt des Falls ist ein Sexualmord. Die achtzehnjährige Jennifer Lawson wird tot aufgefunden, die Polizei macht sich daran, den Täter zu suchen – das ist auch schon alles. Wären da nicht unzählige Interessenkonflikte. Inspektor Jack Laidlaw ist mit seinem Assistenten Harkness unterwegs, um den Täter zu finden. Bud Lawson, der Vater der Ermordeten, bahnt sich stumm und wütend seinen eigenen Weg durch die Stadt, um Selbstjustiz zu üben. Matt Mason und John Rhodes sind zwei in allerlei schmutzige Geschäfte verstrickte lokale Grössen, deren Augen und Ohren überall sind, und die wiederum auch Gründe haben, den Täter zu finden. Der homosexuelle Clubbesitzer Harry Rayburn letztlich hat seine ganz persönlichen Gründe, dem Täter zur Flucht zu verhelfen…

Obschon der Plot banal anmutet und der Autor die Identität des Täters sehr früh preisgibt, bleibt das Buch über seine volle Länge spannend. Es ist kein Rätselraten, sondern ein Wettrennen, die zentrale Frage lautet nicht ‘Wer war es?’, sondern ‘Wer wird ihn zuerst finden?’. Die umtriebige Hauptfigur ist Detective Inspector Jack Laidlaw, ein Mann um die vierzig, unglücklich verheiratet, drei Kinder. Seine Triebfeder ist der Zweifel, seine Lebensform das Drama – bisweilen sehr zum Unwohlsein seines jungen Assistenten Harkness:

“Laidlaw musste offensichtlich jede Situation völlig ohne Not in eine Krise verwandeln. Ein sehr anstrengender Charakterzug, für Laidlaw selbst, aber vor allem auch für Harkness. Wer wollte schon Assistent eines mobilen Katastrophengebiets sein?”

 

Laidlaw akzeptiert das Böse als Teil der menschlichen Natur und sucht stets nach einem Verständnis des Unverständlichen. Seine kernigen Sprüche, seine Belehrungen und sein feinfühliges Gespür in der Beurteilung menschlichen Handelns machen ihn zu einem bemerkenswerten Charakter, der seinen Rivalen auch in Sachen Abgebrühtheit in nichts nachsteht. Eindrücklich ist dies etwa an der Szene der Konfrontation zwischen Laidlaw und dem übermächtigen lokalen Gangsterboss John Rhodes abzulesen. Manche Passagen aus “Laidlaw” mögen den Eindruck eines Klischees erwecken, was jedoch nicht zuletzt daran liegt, dass William McIlvanney einer der ersten Autoren war, die diese Sprache fanden, eben der “Godfather of Tartan Noir”.  Die neue Übersetzung von Conny Lösch überträgt den Biss des Originals hervorragend ins Deutsche.

“Der Mann mit der Narbe fuhr. Der andere sass bei Lennie hinten. Lennie musste sich auf den Boden kauern.
“Zu gucken gibt’s jetzt nichts, mein Sohn. Zu deinem eigenen Besten. Was du nicht weisst, kannst du auch nicht weitererzählen. Und was du nicht erzählen kannst, dafür tritt dir niemand den Schädel ein. Okay””

 

William McIlvanney (*1936), den man als Kriminalautor in einer Traditionslinie mit amerikanischen Noir-Autoren wie Raymond Chandler oder Dashiell Hammett und auch mit Georges Simenons Maigret-Romanen ansiedeln könnte, hat einen nachhaltigen Einfluss auf die heutigen Genregrössen ausgeübt, unter denen der bekannteste Name sicherlich Ian Rankin ist (Sein Laidlaw heisst John Rebus).

Vor etwa zwei Jahren begann in England die Renaissance des ‘verschollenen’ Autors (Hierzu gab es einen hervorragenden Artikel im Guardian), viele seiner Werke wurden wieder neu aufgelegt. Obschon die Laidlaw-Trilogie die einzige Kriminalliteratur aus seiner Feder ist, er sich ansonsten expliziter sozialen und historischen Themen gewidmet hat, sind es diese drei Bücher, die am meisten Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es ist gerade die Kombination von kriminologischer Spannung und sozialen Thematiken, die “Laidlaw” auch heute noch zu einer hervorragenden Lektüre macht. Das soziale Panorama, das McIlvanney vom schmutzigen, von Armut, Gewalt und Korruption gebeutelten Glasgow der Siebzigerjahre zeichnet, ist nicht nur adäquate Kulisse für den Kriminalfall, sondern auch ein eindrückliches historisches Zeugnis.

Teil 2 und 3 der Trilogie, “Die Veitch-Papiere” und “Falsche Treue”, werden im Frühjahr bzw. Herbst 2015 im Antje Kunstmann Verlag erscheinen.

McIlvanney, William. Laidlaw. Kriminalroman. Aus dem Englischen von Conny Lösch. München: Antje Kunstmann 2014. (1977). 304 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-88897-967-5

 

Rezension: Alexandra Friedmann – Besserland (Graf, 2014)

Die aus Weissrussland stammende deutsche Autorin Alexandra Friedmann (*1984) hat die Geschichte ihrer Familie zu einem hervorragenden Roman verdichtet. Von Gomel über Brest, Warschau und Wien nach Deutschland führt Familie Friedmanns Reise – vor Augen stets das eine grosse Ziel: Besserland. 

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Die Ich-Erzählerin, die wir ohne schlechtes Gewissen mit der Autorin gleichsetzen dürfen, beginnt ihre Erzählung im Dezember 1986 in Gomel, Weissrussland. Selbst erst ein zweijähriges Mädchen, tritt sie selbst kaum in Erscheinung, sondern überlässt die Bühne ihrer Familie, zunächst Vater Edik und Mutter Lena. Beide sind diplomierte Ingenieure, arbeitsame Rädchen im sowjetrussischen System. Bald schon aber ändern sich die Verhältnisse: Gorbatschow genehmigt die Gründung nicht-staatlicher Kooperativen. Edik sieht seine Chance gekommen und macht sich mit seinem Freund Sascha selbstständig, Lena erledigt die Finanzen der neuen Firma. Dubiose Geschäfte und unklare Gesetze aber bringen die beiden an den Rand einer Gefängnisstrafe. Da fasst Edik für seine Familie einen Plan: Auswandern.

Sein “Besserland”, der Projektionsraum für alle im Osten unerfüllbaren Wünsche, ist Amerika. New York. Das nur vom Hörensagen bekannte Wunderland mit seinen High-Tech-Geräten, stadtgrossen Malls und unbegrenzten Möglichkeiten. Als mühselig erweist sich der Kampf mit der russischen Bürokratie um Ausreisegenehmigungen, den die Familie mit grosser Hingabe annimmt. Schliesslich ist alles bereit.

Über Brest, Warschau und Wien führt die Reise, auf der die Friedmanns von der Familie Grosmann – ein leichter Anklang an Rossmann aus Kafkas “Amerika” lässt sich nicht leugnen – begleitet wird. Zuversicht und Hoffnungslosigkeit wechseln sich im Seitentakt ab, mal scheint alles gewonnen, dann sogleich wieder alles verloren. In Wien schliesslich treffen sich die Familien mit dem zwielichtigen Vermittler Jossik, der sie davon überzeugt, dass nicht etwa das ferne Amerika, sondern das ganz nahe Deutschland “Besserland” sei, in dem Freiheit und Reichtum für jeden greifbar seien.

Die Flucht ist vorbei, die Integration beginnt. In Asylunterkünften richten sich die Friedmanns ihr provisorisches neues Leben ein, versuchen Sprachbarrieren zu überwinden, mit Behörden zu verhandeln. Sie investieren all ihre Energie in das Ziel, sich eine unabhängige Existenz im neuen Land, das noch lange nicht Heimat wird, aufzubauen, um später den Rest der Familie nachholen zu können. Im Englischlehrer Klaus Krämer findet die Familie einen herzensguten, engagierten Helfer, Vermittler und Freund.

Mit grosser Liebe für die tragischen und komischen Details beschreibt Friedmann die kleinen Offenbarungen – der erste Genuss von Nutella! – und die leidigen Unabänderlichkeiten, wie den offenkundigen Fremdenhass, den auch in Deutschland einige Leute hegen. Eine Szene, in der die letztlich nach dem Mauerfall nachgekommene Oma Anna, eine richtige ewig lamentierende jüdische Mamme, mit einer dicken Mozart-Biographie den piesackenden fremdenfeindlichen Jungen Karsten verprügelt steht sinnbildlich für die nie ganz auszumerzenden Unvereinbarkeiten der Kulturen. Ansonsten aber ist der Grundtenor des Buches durchaus der, dass Deutschland zuletzt tatsächlich das erhoffte Besserland ist. Auch wenn die Eltern einsehen, dass sie selbst wohl nie Deutsche sein werden, so erkennen sie doch, dass ihre Tochter es sein wird.

Bei aller Tragik, die gewissen Stellen der Geschichte zugrunde liegt, ist das dominante Element des Textes doch der Humor. Alexandra Friedmann hat ein gutes Gespür dafür, diesem Clash der Kulturen, in dessen Zentrum sie zur Welt gekommen ist, mit einem Augenzwinkern zu begegnen. Szenen wie die, in der Papa Edik sich in Deutschland auf einen Job als Pfleger eines Papageienkäfigs bewirbt, mit zerschlissenen Kleidern nach Hause kommt und von einem Monster, das eher fliegender Tiger denn Papagei gewesen sei, spricht, sind herzzerreissend komisch geschrieben. Die Lust am Erzählen und am Spiel mit der Sprache ist jederzeit spürbar.

Während im ersten Teil, der Flucht, jeder einzelne bürokratische Schritt ewig lang zu dauern scheint, hat man im zweiten Teil in Deutschland gegen Ende das Gefühl, alles laufe etwas zu glatt, zu problemlos ab. Der Nachzug weiterer Familienmitglieder geht reibungslos vonstatten, was – obschon, wie Edik sagt, das Judentum nicht mehr Hindernis, sondern Transportmittel sei – bisweilen fast unglaublich anmutet. Aber, um mit dem Dostojewski-Zitat zu schliessen, das die Website der Autorin ziert,: “Nichts ist so unglaubwürdig wie die Realität.”

Friedmann, Alexandra. Besserland. München: Graf 2014. 272 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-86220-052-8

Rezension: Roman Ehrlich – Urwaldgäste (DuMont 2014)

Nach seinem hochgelobten Romandebüt “Das kalte Jahr” (2013) legt der junge deutsche Autor Roman Ehrlich nun mit dem zehn Texte umfassenden Erzählband “Urwaldgäste” nach. Mysteriös und beklemmend erscheinen hier die Phänomene des ganz normalen Alltags, einsam und verlassen die Protagonisten, die diesen Alltag zu bestreiten gezwungen sind…

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Die zentrale Erzählung des Bandes heisst “Die Intelligenz der Pflanzen (Naturtreue)”, ist 88 Seiten lang und wurde in zwei Teile aufgeteilt. Ihr Protagonist Arne Heym arbeitet für eine Firma, die künstliche Pflanzen herstellt. Glücklich ist er dabei nicht. Als er per Zufall im Internet auf die Anzeige einer mysteriösen Firma namens ‘Agentura Lateralis – Alternative Realitäten’ stösst, die mit dem Slogan “LASSEN SIE SICH TÄUSCHEN!” (Das klingt schon arg nach Hesses ‘Steppenwolf’, was?) wirbt, entscheidet er sich, deren Kunde zu werden. Er lässt sich ein Programm gestalten, um der Langeweile des Alltags zu entgehen – und bald schon ist nicht mehr klar, welches die ‘echte’ und welches die ‘alternative’ Realität ist…

Wie auch in vielen anderen der hier versammelten Erzählungen begegnen wir einem Alleinegelassenen, einem Menschen, der sich nicht auf enge zwischenmenschliche Beziehungen stützen kann und deshalb verloren wirkt in einer Welt, die er nicht versteht. Der Fokus vieler Texte liegt auf der Unbegreiflichkeit der Dingedie uns umgeben und ein undurchschaubares System bilden, das unseren Alltag durchwirkt. Im Text “Das Theater der Dinge” sagt ein Schauspieler:

“‘Wir haben all diese Dinge produziert, ohne uns zu fragen, ob wir mit ihnen leben wollen. Das müssen wir aber jetzt.'”

Dieser Ausspruch ist programmatisch für die zivilisationskritische Ader, die viele der Texte prägt. Die Verlorenheit des Individuums inmitten unbegriffener Dinge der Arbeits-, Privat- oder Mediensphäre. In den Texten wimmelt es vor Menschen, die durch die Welt irren und sich Einblicke in “eine übergeordnete Mechanik” der Dinge erhoffen. Oder auch die Chance, aus dieser erzwungenen Welt auszubrechen, so wie dies der oben erwähnte Arne Heym versucht. In “Ein Gesuch” fragt sich einer:

“(Was) wenn tief in mir drin ein anderer als der, der ich aussen sein muss, hockt und leidet.”

Während thematisch also gewisse übergeordnete Mechaniken zu erkennen sind, stellen die Texte Figuren und Geschichten nebeneinander, die scheinbar ohne Zusammenhang sind. Es bleibt der Fantasie der Leser überlassen, Zusammenhänge herzustellen. Am eindrücklichsten geschieht dies in der fantasievollen Erzählung “Die Seekuh Tiffany”, die einerseits eine im Zoo gehaltene Seekuh präsentiert, die unerklärlicherweise eines Tages ein Kassettenradio ausspuckt, andererseits den Innenarchitekten Lappert, der sich mit seiner Frau auf Südamerikareise befindet…

Roman Ehrlich (*1983) hat für seine Texte eine adäquate Sprache entwickelt, die ihre beklemmende Wirkung unter anderem mit exakten Beschreibungen der Vorgänge zu erzeugen weiss, die wir gemeinhin als banal, trivial, alltäglich bezeichnen würden. Gerade in diesem Umfeld erdrückender Bürolangeweile, einsamer Einzimmerwohnungsabende oder säuerlich riechender Wäschestapel eröffnet sich Spielraum für die grossen existenziellen Abgründe des Daseins in unserer hochtechnisierten Zeit. Obschon nicht alle Texte qualitativ gleich gehaltvoll sind, ist “Urwaldgäste” eine anregende Lektüre und Roman Ehrlich eine zeitgemässe Stimme der deutschen Literatur, die hoffentlich in Zukunft noch mehr von sich hören lassen wird.

Weitere Besprechungen finden sich etwa auf Buzzaldrin’s Blog, Tausendmrd und Das graue Sofa.

Ehrlich, Roman. Urwaldgäste. Erzählungen. Köln: DuMont Buchverlag 2014. 272 S., gebunden m. Schutzumschlag. ISBN 978-3-8321-9753-7.

Rückblick: Bücher-Apéro Uitikon-Waldegg ZH 12. November

Gestern hatten wir wieder einmal Gelegenheit, Literatur nicht schreibenderweise, sondern live vor einem interessierten Publikum zu vermitteln. Anlässlich eines Bücher-Apéros in der bezaubernden Bibliothek von Uitikon-Waldegg stellten wir ein Dutzend handverlesene Neuerscheinungen aus den letzten Monaten vor.

An dieser Stelle möchten wir uns bei allen Gästen für ihre Anwesenheit und die spannenden Rückmeldungen bedanken. Besonderer Dank gilt dem Team der Bibliothek Uitikon für die Einladung, die ganze Organisation und das Bereitstellen des wunderbaren Apéros. Merci!

Es folgen ein fotografischer Querschnitt und die Liste der vorgestellten Bücher, inklusive weiterführenden Links zu unseren Rezensionen und den Verlagsseiten:

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Die vorgestellten Titel:

Autor Titel Verlag Links
Blum, Hila Der Besuch Berlin-Verlag Rezension Verlag
Couto, Mia Das Geständnis der Löwin Unionsverlag Rezension Verlag
DeFalco, Roberta Die trüben Wasser von Triest Pendo Verlag
Eggers, Dave Der Circle Kiepenheuer & Witsch Verlag
Grünberg, Arnon Der Mann, der nie krank war Kiepenheuer & Witsch Rezension Verlag
Hooper, Chloe Die Verlobung Liebeskind Verlag
Kremser, Stefanie Der Tag, an dem ich fliegen lernte Kiepenheuer & Witsch Rezension Verlag
Mengestu, Dinaw Unsere Namen Kein & Aber Rezension Verlag
Musso, Guillaume Vielleicht morgen Piper Verlag
Schlink, Bernhard Die Frau auf der Treppe Diogenes Rezension Verlag
Tesich, Steve Ein letzter Sommer Kein & Aber Rezension Verlag
Wolitzer, Meg Die Interessanten Dumont Rezension Verlag

Wir hoffen, dass alle Gäste mit neuen literarischen Inspirationen den regnerischen Nachhauseweg antreten konnten und freuen uns bereits auf ein baldiges Wiedersehen! 

Rezension: Diego Marani – Neue finnische Grammatik (Graf 2014 [2000])

Erstmals liegt Diego Maranis preisgekrönter Roman “Nuova grammatica finlandese” (2000) in einer deutschen Fassung vor. Erzählt wird die Odyssee eines Soldaten im Zweiten Weltkrieg, der nach einem Überfall ohne Erinnerung und ohne Sprache aus dem Koma erwacht und von einem finnischen Arzt auf die Reise in seine angebliche Heimat geschickt wird…

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Triest 1943: Ein Mann mit schweren Kopfverletzungen wird an Bord des Lazarettschiffes “Tübingen” gebracht und der Pflege des finnischstämmigen Arztes Petri Friari anvertraut. Der Patient trägt eine Uniform mit der Aufschrift “Sampo Karjalainen”, in der Jackentasche findet sich ein Taschentuch mit den Initialen S.K. Für den Arzt, den selbst ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Heimat quält, Indizien genug, ‘Sampo’ für einen Landsmann zu halten.

Als der Doktor bemerkt, dass dem traumatisierten Patienten jegliche Erinnerungen und die Sprache abhanden gekommen sind, beginnt er, ihm die finnische Sprache beizubringen. Er hegt und pflegt den Patienten wie ein seltenes Tier, das in der Wildnis ausgesetzt werden soll. Kurz darauf bringt er den hilflosen Sampo auf die Reise nach Helsinki, wo er in einem Militärhospital unterkommen soll bis sich ihm die Spuren seiner Vergangenheit wieder offenbart hätten.

Erzählt wird die Geschichte zu grossen Teilen von einem Manuskript des ‘Sampo Karjalainen’, welches dem reuigen Arzt Petri Friari nach dem Tod seines ehemaligen Patienten in die Hände fiel. Der Arzt selbst, so die Fiktion, hat die lückenhaften Sätze verdichtet und unterbricht das Manuskript bisweilen mit Passagen aus der eigenen Feder.

Im Militärhospital in Helsinki angekommen wird Sampo schnell klar, dass die Wirren des Krieges den Angestellten weder die Zeit noch die Lust lassen, sich um einen identitätslosen Mann auf der Suche nach seiner eigenen Vergangenheit zu kümmern. Nur der Militärpastor Olof Koskela nimmt sich seiner an, er wird zu Sampos einzigem Freund. Abend für Abend sitzen sie bei einer Flasche Koskenkorva in der Sakristei beisammen und Koskela erzählt Sampo von den Feinheiten und Tiefen der finnischen Sprache und ihrer Geschichte. Er liest die Geschichten der Kalevala, berichtet vom “endlosen Kampf gegen die Russen” und von Marschall Mannerheim, dem Helden des weissen Finnlands im Bürgerkrieg 1918, dessen Worte für ihn “gleich nach denen der Bibel” kommen. Vor allem aber spricht er über die finnische Sprache- poetisch, einfühlsam und voller Liebe:

“Das Finnische hat eine widerborstige, aber feinfühlige Syntax: Anstatt vom Zentrum der Dinge auszugehen, hüllt sie diese vielmehr von aussen ein. Am Ende ist der finnische Satz ja wie ein undurchdringlicher, in sich geschlossener Kokon, wo die Bedeutung langsam heranreift und dann mit einem Mal farbenreich und ungreifbar davonfliegt und dabei jene, welche mit unserer Sprache nicht vertraut sind, immer mit dem Gefühl zurücklässt, nichts verstanden zu haben.”

Sampo beginnt zu verstehen – ohne aber zu wissen, wer er ist, hilft ihm auch das Verständnis der Sprache nicht viel. Er ist unglücklich, fühlt sich nicht zugehörig. Neben Pastor Koskela ist es einzig die zärtliche Krankenschwester Ilma, mit der ihn etwas verbindet. Im Gegensatz zu Sampo fehlt es ihr an der Gegenwart, sie klammert sich an ihre Erinnerungen, ist deren Gefangener und sieht in Sampo einen Mann, dem die Freiheit geschenkt wurde.

“Ohne einen anderen Menschen an unserer Seite, der uns beim Leben zuschaut, sind wir so gut wie tot, und dann dient es auch zu nichts, die Vergangeheit zu plündern, in der Illusion, ihr ihre Schätze entreissen zu können.”

Der Krieg reisst Sampo und Ilma schnell wieder auseinander – ein weiterer Schritt in Sampos Geschichte der Abwesenheiten. Danach gefragt, welcher der fünfzehn Fälle des Finnischen ihm am besten gefalle, sagt er: der Abessiv, der Fall, der das Nicht-Vorhandensein von etwas bezeichnet. Eine Aussage, die programmatisch ist für die gesamte Odyssee des Sampo Karjalainen…

“Das Schicksal der finnischen Helden (…) ist brutal. Aus grossen Kriegern macht es einfache Schäfer, die ihre Strafe bis zum letzten Tag abbüssen müssen.”

 

Diego Marani (*1959) ist mit “Neue finnische Grammatik” ein berührender Roman gelungen, dessen Geschichte trotz ihrer Einfachheit stets fesselnd bleibt. Bisweilen wirkt die Sprache etwas poetisch überfrachtet, was jedoch keinesfalls als Mangel des Stils abgetan werden sollte, sondern sich aus den Quellen ergibt, aus denen Sampo seine Sprache schöpft: die Bibel, Mythen, Liebesbriefe. Marani, der als Übersetzer für die Europäische Kommission in Brüssel arbeitet, ist einer, der die Finessen der Sprache kennt, sie zu sezieren und mit ihnen zu spielen weiss. Vor einiger Zeit erlangte er gar kleine Berühmtheit damit, eine Kunstsprache zur europäischen Verständigung – Europanto - entwickelt zu haben. Obschon er diese als Scherz bezeichnet hat, hat er auch eine Erzählungssammlung in Europanto verfasst (“Las adventures de l’inspector Cabillot”). Die Liebe zur Sprache ist auch in “Neue finnische Grammatik” als erster Beweggrund in jeder Zeile spürbar und verleiht dem Text einen Reiz, der über die eigentliche Geschichte des geschichtslosen Soldaten hinausgeht.  Eine souverän erzählte, berührende Geschichte, die zurücklässt: Ergriffenheit, Respekt und den Wunsch, finnisch zu lernen. 

Marani, Diego. Neue finnische Grammatik. Aus dem Italienischen von Helmut Moysich. Berlin: Graf 2014. 256 S., ISBN 978-3-86220-041-2

Rezension: Teresa Präauer – Johnny und Jean (Wallstein, 2014)

Die junge österreichische Autorin Teresa Präauer (*1979), deren Romandebüt mit dem aspekte-Literaturpreis 2012 ausgezeichnet wurde, hat mit ‘Johnny und Jean’ die Geschichte einer aussergewöhnlichen Freundschaft zwischen Eifersucht und Bewunderung entworfen. Ein fantasievoller moderner Künstlerroman.

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Johnny malt Fische. Er ist ein junger Kunststudent, den es aus der ruralen Tristesse immerhin mal in die zweitgrösste Stadt des Landes verschlagen hat, die er sich aber lediglich als Zwischenstopp auf seinem Weg nach New York vorstellt. Aus dem selben Kaff ist auch Jean in die zweitgrösste Stadt gekommen. Jean – der im Übrigen genauso wenig Jean heisst wie Johnny Johnny, denn auf dem Land heisst man so nicht – eilt aber bereits der Ruf voraus, ein kommender Star der Kunstszene zu sein. Alles, was Johnny sich für seine Zukunft erhofft und erträumt, scheint Jean bereits zu haben. Er ist der Freund (?), der immer schon vor einem da ist: Johnny entwickelt eine Freundschaft zu Jean, deren Basis ein wenig Neid und jede Menge blinder Bewunderung sind, eine ungleiche Lehrling-Mentor-Beziehung. Man könnte sie auch als Neuschreibung der biblischen JEsus-JOhannes-Geschichte lesen, die Parallelen sind gegeben (Johnny malt Fische!).

Als naiver Ich-Erzähler berichtet Johnny im Plauderton von seinen Offenbarungen. Er verstrickt sich in unglückliche amouröse Affären, kämpft mit seiner Kunst und mit Jean, wird in der Stille von den Herren Dalì, Duchamp und anderen Künstlern heimgesucht,die ihm ihren Rat erteilen. Er trinkt mit Jean Pastis und redet über den Maler Cranach, dessen Werk den Text wie ein roter Faden durchwirkt. Während Jeans künstlerischer Stern von Seite zu Seite höher steigt, verharrt Johnnys Kunststudentenleben lange Zeit in derselben Trance, bis endlich das kanadische Mädchen Louise, das er auf einem Interrailtrip kennen und lieben gelernt hat, ihn dem Glück ein Stückchen näher bringt und die Wende zum Guten einleitet… Jean indes taucht langsam ab, es zeigt sich, dass auch hinter den glamourösesten Fassaden verletzliches Leben haust…

Mit Louise arbeitet Johnny einen Sommer lang an einem Stop-Motion-Film, in dem sie selbst als zweidimensionale Marionetten aus Papier über den Bildschirm hüpfen. So zweidimensional wie diese Figuren ist einerseits die im Text dargestellte Kunstszene, deren Oberflächlichkeit und Willkür mit bisweilen bissiger Ironie geschildert werden. Autorin Teresa Präauer, die unter anderem Malerei studiert hat und als Illustratorin arbeitet – auch das Umschlagbild des Romans hat sie selbst gestaltet -, dürfte wissen, wovon sie spricht. Andererseits laufen auch die Protagonisten Johnny und Jean Gefahr zweidimensional zu erscheinen, was an Johnnys skizzenhaftem Erzählstil liegt, einem naiven, aber mit genauer Beobachtungsgabe gesegneten Parlando, das häufig in (als solches auch thematisiertes) Namedropping ausschweift.

Langweilig aber wird es nie: Es ist der immer wieder aufscheinende Humor, der das Buch letztlich zu einer höchst vergnüglichen Lektüre macht. Teresa Präauer hat ein feines Gespür dafür, kleine Motive einzuführen und diese gezielt zu repetieren: Eine Technik, in der Malerei und Literatur zueinanderfinden. Wenn auch dieses Porträt des Künstlers als junger Mann ab und zu in banalen Gefilden schwimmt, so erretten es der Witz und die Erfindungsgabe der Autorin stets vor dem Ertrinken. “Johnny und Jean” ist die Geschichte einer aussergewöhnlichen Freundschaft, ein humorvoller und rührender Künstlerroman.

Präauer, Teresa. Johnny und Jean. Göttingen: Wallstein 2014.


Eine sehr lesenswerte Rezension ist auch auf dem Blog Deep Read zu finden.