Rezension: Michael Fehr – Simeliberg (Der gesunde Menschenversand, 2015)

Kurz
Bedrohlich
Obskur

Michael Fehrs reduktionistische Prosa verdichtet sich im Kriminalfall „Simeliberg“ zu einem düsteren Schwarz-Weiss-Gemälde menschlicher Abgründe.
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Drunten im Tal, abseits des sowieso schon abgelegenen Dorfes, hat sich der alte Bauer Schwarz ein überdimensionales Haus gebaut. Da lebt er, scheinbar bettelarm, mit seiner Frau. Als die Frau eines Tages nicht mehr im Dorf auftaucht, setzen sich erste Gerüchtewellen in Bewegung.

Der Gemeindeverwalter Griese, Sohn eines deutschen Vaters und als solcher ohne Chance, jemals vollwertiger Teil der Dorfgemeinschaft zu werden, wird hinab geschickt, um Schwarz zu holen und in die Stadt zu bringen, wo die Sozialhilfe seine Ansprüche auf Fürsorge prüfen soll.

Schwarz scheint irr: er schwadroniert vom Sozialismus, hat Pläne, den Mars zu kolonisieren und eine Kassette mit Bündeln von Tausendernoten. Von wegen bettelarm. Griese schöpft Verdacht und bleibt dran, obwohl ihn niemand für zuständig hält.

Als kurz darauf – Schwarz ist in der Stadt in Gewahrsam – das grosse Haus explodiert und sieben junge Männer, die Schwarz als Guru verehrt und ihn finanziert haben, dabei ums Leben kommen, wendet sich die Stimmung gegen Griese, den halbfremden Gemeindeverwalter. Wurde der nämlich nicht bei Schwarz‘ Haus gesehen? Hat der nicht von einer Kassette mit Tausendernoten geredet, die niemand mehr findet? Hat der nicht immer ein Gewehr im Auto?

Der junge Schweizer Autor Michael Fehr leidet an einer Sehschwäche, die es ihm nicht erlaubt zu lesen und zu schreiben. Stattdessen hört und spricht er. Seine Texte auf ein Diktiergerät etwa. Er braucht weder ganze Sätze noch Satzzeichen. Seine Sprache besteht aus aufeinandergetürmten Fragmenten, die rein optisch den Eindruck erwecken, man habe es mit einem Versepos oder ähnlichem zu tun.

Doch der erste Blick täuscht, wie so oft. Es ist eben gesprochene und gehörte Sprache, rauh und dialektgefärbt, die hier in derben Stakkatosalven verschossen wird. Sprache, die ihren markantesten Ausdruck in der Textform des Telefongesprächs findet, die immer wieder zum Einsatz kommt: Griese telefoniert – die Stimmen am anderen Ende der Leitung bleiben stumm, müssen von den Lesern selbst ergänzt werden.

So funktioniert „Simeliberg“: ein Bruchteil dessen, was ist, steht auch da, sich den Rest hinzuzudichten obliegt den Lesern. Man kann dem Buch vorwerfen, es blieben letztlich zu viele Fragen offen. Man kann aber auch sagen: es ist viel Raum zum Selberdenken vorhanden.

Und die Gedanken schweifen ab in die düstere Gefilde. Grieses Ausweglosigkeit inmitten des ganzen Schwarz-Weiss-Panoramas – alle Figuren ausser ihm heissen Schwarz oder Weiss/Wyss – wird sehr schnell klar. Gefangen in einem Netz aus undurchschaubaren bürokratischen Verfahren und latentem Fremdenhass ist es ihm zunehmend unmöglicher, seine Meinung geltend zu machen.

Polizei, Sozialhilfe und Dorfgemeinschaft scheinen sich zu verbrüdern und Position für den Scharlatan Schwarz zu beziehen: seine wirren Mars-Pläne werden als legitimer Trost nach dem Tod der Frau interpretiert.

Ein fundamentales Paradox wird offenbar: das exotische und ferne Andere fasziniert, das Andere, das bereits hier ist, eben das „Fremde“, provoziert und erregt Hass. Es ist eine der Schlussfolgerungen, die ich „Simeliberg“ entnommen habe – ein Gedanke, den man sich auch in den politischen und gesellschaftlichen Diskussionen dieser Tage wieder einmal bewusst machen sollte. Ein heuchlerisches Herrengefühl, das nicht nur in den hintersten Schweizerkrachen, sondern in grösseren Teilen Westeuropas seine unsäglichen Bahnen zieht.

“Simeliberg”, diese “existenzielle Geschichte zum Thema Schuld”, wie der Autor sie im Interview mit Der Zeit selber nannte, legt in groben Wortskizzen viele Verbohrtheiten und Vorurteile unsere Gesellschaft offen, über die es sich auch in weitgefassterem (europäischem, globalem) Kontext nachzudenken lohnt.

Fehr, Michael. Simeliberg. Luzern: Der gesunde Menschenversand, 2015. 142 S. ISBN 978-3-03853-003-9

Rezension: Patrick Hohmann – Werenbachs Uhr (Bilgerverlag, 2015)

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An Unternehmen wird heutzutage gerne der Anspruch gestellt, auch als Geschichtenerzähler agieren zu können. Stichwort “Storytelling”, Stichwort “Content Marketing”. Produkte sollen in Narrative eingebunden werden, die bei der Zielgruppe möglichst positive emotionale Reaktionen hervorrufen. Warum diesen Gedanken nicht auf die Spitze treiben?, mag sich der Zürcher Unternehmer und Autor Patrick Hohmann gedacht haben – und hat gleich einen ganzen Roman über die bewegte Entstehungsgeschichte des Produktes geschrieben, das er vertreibt:

“Werenbachs Uhr” ist ein Griff in die unternehmerische Trickkiste, der durchaus auch auf literarischer Ebene zu überzeugen vermag.

Am Anfang steht ein dramaturgischer Kniff: Aus WERENBACH, dem Namen seiner Firma, macht Patrick Hohmann in seinem Roman einen Menschen, den besten Freund des Ich-Erzählers. Damit erhebt er sich von Beginn weg über das reine Marketing-Storytelling, betritt die Welt literarischer Fiktion.

In dieser entpuppt sich besagter Werenbach als ein etwa vierzigjähriger Marketingmensch, der sich von spontanen Eingebungen leiten lässt und alles meidet, “was ihn in irgendeiner Form seiner Freiheit berauben könnte”. Seine neueste (Schnaps)idee: eine Uhr aus alten Raketenteilen. Eine Uhr mit Geschichte, eine Uhr, deren Material einst im Weltall geflogen ist!

Ohne Rücksicht auf Verluste zieht er den Erzähler samt dessen Frau Mara, die Werenbach häufig als Störenfried in den eigenen vier Wänden wahrnimmt, in sein Abenteuer mit hinein. Der grösste Teil des Buches dreht sich um die konfliktreiche Materialbeschaffung, die Werenbach und seinen besten Freund ins ferne Kasachstan führt, wo sie sich einer fremden Verhandlungs-, Verkaufs- und Gastgeberkultur gegenübersehen. Angewiesen auf Mittelsmänner und -frauen, versuchen die beiden angehenden Uhrenhersteller, an die Wrackteile einer alten Sojus-Rakete zu gelangen und deren Transport in die Schweiz zu organisieren. Extreme Wetterbedingungen, sprachliche Pattsituationen, unwirtliche Unterkünfte und lange Busfahrten kommen in die Quere. Werenbach ist jederzeit hin- und hergerissen zwischen akuter Zeit- und Geldknappheit und seiner unbändigen Lust, ein Abenteuer zu erleben.

“Werenbachs Uhr” ist die unterhaltsame Geschichte einer strapazierten Freundschaft und gleichzeitig das Manifest eines entschlossenen Unternehmers, der im Überwinden scheinbar unüberwindbarer Barrieren seine grösste Herausforderung sieht.

Auch wenn der Roman nicht zu jeder Zeit stilsicher verfährt, auch wenn plotarme Zwischenräume etwas penetrant mit ständigen Beschreibungen von Leuten beim Essen gefüllt werden, ist der Kern der Sache – die Geschichte des Produktes eben – doch inspirierend und in eine lustvoll erzählte Romanhandlung eingebettet. “Werenbachs Uhr” kann letztlich als eine gelungene Symbiose von Literatur und Marketing bezeichnet werden – ist hiermit ein neues Genre geboren?

Hohmann, Patrick. Werenbachs Uhr. Zürich: Bilgerverlag, 2015. 291 S., gebunden m. Lesebändchen. 978-3-03762-052-6

Netz-Werke: Borges ohne Ende

Stellt euch vor, ihr könntet jeden Roman, der jemals geschrieben werden wird, jetzt schon lesen. Oder euch eine detailgetreue Erzählung eures eigenen Todes zu Gemüte führen. Oder schon jetzt über jeden schlechten rechtskonservativen Wahlkampfslogan der Zukunft lachen.

In seinem Text “Die Bibliothek von Babel” aus 1941 entwarf der argentinische Schriftsteller, was sag ich: das argentinische Genie, was sag ich: der argentinische Prophet Jorge Luis Borges ein Universum, in dem genau dies möglich wird. “Die Bibliothek von Babel”, eine der wirkmächtigsten Fiktionen der Literaturgeschichte, dreht sich um “das Universum (das andere die Bibliothek nennen)”, eine architektonische Struktur aus einer “unbegrenzten und vielleicht unendlichen Zahl sechseckiger Galerien”, angefüllt mit Büchern, in denen insgesamt jede mögliche Buchstabenkombination vorkommt. Und somit eben auch jeder Roman, der jemals geschrieben werden wird; die Erzählung jeden Todes; jeder schlechte Wahlkampfslogan; usf.

Eine berauschende Fiktion von ungeheurer Dimension.

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Architektur der Bibliothek von Babel. Q: libraryofbabel.info

Auftritt Jonathan Basile. Der Autor und Programmierer aus Brooklyn hat sich daran gemacht Borges’ Gedankenspiel zu verwirklichen. Seine unlängst komplettierte Library of Babel besteht aus 410-seitigen (virtuellen) Büchern, deren Seiten jeweils 3200 Zeichen enthalten. Innerhalb dieser Limitationen hat Basiles Bibliothek mittlerweile alle möglichen Kombinationen zur Verfügung. Das sind 104677  Bücher. Zum Vergleich: Das Universum besteht mutmasslich aus etwa 1080 Atomen.

Nur einen Nachteil hat die Sache: Wie Jonathan Basile in einem sehr aufschlussreichen Interview sagte, war er zunächst selbst der Täuschung erlegen, in einer digital durchsuchbaren Bibliothek von Babel liessen sich von Zeit zu Zeit, wenn auch vielleicht nur alle paar tausend Sechsecke mal, Bruchstücke rationaler Buchstabenanordnungen zu Tage fördern. Falsch gedacht. Das Universum, das andere die Bibliothek nennen, ist auch in seiner digitalen Version ein Ort der Hoffnungslosigkeit, ein Ort des Chaos.

Oder, um es mit einem beliebig in der Bibliothek ersuchten Zitat zu sagen:

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Auch einen Twitter-Account gibt es übrigens, auf dem sich Basile der beliebigen Variation der 140 zur Verfügung stehenden Charaktere widmet. Seht selbst und verschwindet im Permuda Triangle.

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Der Meister: Jorge Luis Borges (1899 – 1986), Aufnahme 1951, Grete Stein. Q: Wikipedia.

Lesehinweis: Jorge Luis Borges – Fiktionen. Texte 1939 – 1944 Eine ausgezeichnete Sammlung von Kurzgeschichten, in denen Borges sein überlegenes Spiel mit Dichtung und Wahrheit, Realität und Fiktion ausgelassen zelebriert.

Rezension: Hazel Hutchison – Henry James. Biographie. (Parthas, 2015)

In seinem Text “Refugees In England” (1915), entstanden am Ende eines langen, produktiven Lebens, beschreibt Henry James (1843-1916) wie er in London die Ankunft der ersten belgischen Kriegsflüchtlinge miterlebte. Eine schweigsame Prozession, die sich vom Zugbahnhof zur Kirche bewegt. Nur das Schluchzen einer jungen Mutter sticht heraus, unüberhörbar, James hört darin “die Stimme der Geschichte selbst.” Der Autor hilft, wo er nur kann, engagiert sich öffentlich für die Flüchtlinge, bietet einigen von ihnen Unterschlupf in seinen eigenen Arbeitsräumen.

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Die schottische Literaturwissenschaftlerin Hazel Hutchison zeichnet in ihrer kurzen Biographie das Leben eines Mannes nach, dessen gutherziger, selbstloser Einsatz in dieser Situation uns gerade heute nur Vorbild sein kann.

Henry James der Mensch und Henry James der Schriftsteller: Hutchison verbindet Leben und Werk des europaverliebten Amerikaners in ihrem Text zu einer kenntnisreichen Übersichtsdarstellung. Natürlich vermögen diese knapp 200 Seiten an den Detailreichtum anderer James-Biographien heranzukommen – die fünfbändige Biographie “Henry James. A Life” (1953-1972) von Leon Edel wird wohl immer unerreicht bleiben -, dies war jedoch auch nicht die Intention. Hutchinson bietet, in chronologischer Folge, einen prägnanten Blick auf den grossen, nach wie vor faszinierenden Schriftsteller Henry James.

Sohn einer wohlhabenden Familie, hatte James von allem Anbeginn an das Glück, nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten zu müssen. Dieser Umstand gibt immer wieder Anlass zur Kritik. Biographin Hutchinson bezieht hier Stellung für Henry James, rechnet ihm eine hohe Sensibilität für die Klassengesellschaft an (z.B. in “The Cage”) und betont, wie sehr sich James gerade während seiner Jahre in London für die Lebensumstände der Armen interessiert habe.

Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Henry James in gehobenem Milieu bewegte. Seine finanzielle Situation erlaubte es ihm, niemals sesshaft werden zu müssen. Er reiste umher – meist in Europa: England, Frankreich und Italien sind die immer wiederkehrenden Fixpunkte seines Daseins. Hier lebt er, hier schreibt er, hier leidet er. Leidet an einer instabilen Gesundheit, mangelndem Erfolg oder tragischen Todesfällen im Familien- und Freundeskreis.

Der frühe Tod seiner geliebten Cousine Minny, die 1870 der Tuberkulose erliegt, holt ihn immer wieder ein. Der Selbstmord seiner engen Freundin, der Schriftstellerin Constance Fenimore Woolson, erschüttert ihn zutiefst, obwohl er um ihre Depressionen wusste und festhielt, dass die Freundschaft zu ihr “zur Hälfte aus ängstlicher Besorgnis um sie” bestanden hatte.

Hutchison webt Familien-, Freundes- und literarisches Leben von Henry James geschickt zu einem Teppich, in dem immer wieder interessante Querverbindungen hergestellt werden können. Die gegenseitige Beeinflussung von Leben und Schaffen kommt ausgezeichnet zur Geltung. Dank der markanten Zusammenfassungen wichtiger Werke wird der Text auch für diejenigen, die mit James’ Romanen und Kurzgeschichten gar nicht vertraut sind, zu einer unmittelbar verständlichen Lektüre – und weckt Lust, die Originale zu lesen oder wiederzulesen.

Der (von der Übersetzerin hinzugefügte) Anhang mit einer Liste der wichtigsten Lebensereignisse, Kurzbiographien der bedeutendsten Personen in James’ Umfeld und einer soliden Bibliographie rundet die Arbeit zufriedenstellend ab. Ich lege Hutchisons Biographie als Einstieg zu Henry James nachdrücklich ans Herz.

Hutchison, Hazel. Henry James – Biographie. Aus dem Englischen von Ute Astrid Rall. Berlin: Parthas 2015 (2012). 224 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-86964-097-6

Zürcher Streifzüge (10): Mars regiert die Stunde

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Wer dieser Tage Literatur und Zürich denkt, wird unweigerlich mit Ausserirdischem konfrontiert: Seit einiger Zeit betreibt Philipp Theisohn mit seinem Team an der Universität Zürich das Forschungsprojekt “Conditio Extraterrestris – Das bewohnte Weltall als literarischer Imaginations- und Kommunikationsraum 1600-2000”. Neben Seminaren, Podiumsdiskussionen, Lesungen und momentan zwei Dissertationsprojekten, findet im Rahmen von Theisohns Forschung dieses Semester auch ein MOOC (Massive Open Online Course) unter dem Titel “Spacebooks” statt.

Es ist erfreulich zu sehen, dass gerade eine Zweigstelle der hin und wieder als altmodisch verschrienen Literaturwissenschaften sich an dieser fortschrittlichen Form der Lehre beteiligt. Zumal es nicht die einzige ist: Auch die Nordistik hatte früher in diesem Jahr mit “Sagas and Space – Thinking Space in Viking Age and Medieval Scandinavia” bereits ein ähnlich zu verortendes Programm als MOOC angeboten.

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Philipp Theisohn, der sich zuletzt auch für Die Zeit zum Thema äussern konnte, hat nun den Orbit der Universität für ein weiteres spannendes Projekt verlassen: Gemeinsam mit Gesa Schneider vom Zürcher Literaturhaus, das als Teil des Vereins “Literaturmuseum Zürich” die Trägerschaft des Museum Strauhof übernommen hat, Rémi Jaccard und den Szenografen SchmauderRohr wurde eine Ausstellung inszeniert: “Mars – Literatur im All”.

Die öffentliche Vernissage findet morgen Abend, den 25.09.2015, um 19 Uhr im Museum Strauhof an der Bärengasse statt. Regulär ist die Ausstellung ab dem 26.09. zugänglich. Stadtpräsidentin Corinne Mauch wird ein Grusswort ausrichten, sprechen wird unter anderen auch der Schriftsteller Lukas Bärfuss, der der Trägerschaft angehört.

Diverse spannende Veranstaltungen ergänzen die Ausstellung, die bis zum 3. Januar 2016 zu sehen sein wird, als Rahmenprogramm. Hierzu die Medieninformation:

“Führungen, Lesungen und Filmabende zum Mars umrahmen die Ausstellung. Am 12. November besucht das Institute of Incoherent Cinematography den Strauhof mit Himmelskibet, der 1918 als erster abendfüllender Weltraumfilm der Filmgeschichte erschien. Das Forschungsprojekt Conditio extraterrestris präsentiert erstmals die Spacebooks, für den Massive Open Online Course produzierte Lernvideos, die sich mit dem Mars in der Literatur befassen. Im Rahmen dieser öffentlichen Lehrveranstaltung im Strauhof können Thesen zur Marsmanie des digitalen Zeitalters mit Experten für alles Ausserirdische diskutiert werden.

An neun Abenden im Herbst rauscht die Strauhof-Raumkapsel mit einem Mars-Klassiker ins All: Schauspieler und Schauspielerinnen, u.a. Lara Körte, Thomas Sarbacher oder Esther Becker, lesen Ray Bradburys Werk Die Mars-Chroniken. Radio Stadtfilter sendet die Aufzeichnungen am jeweils folgenden Dienstagabend. Ausser Haus zeigt das Filmpodium im Oktober zwei Filmadaptionen von H.G. Wells’ Kultbuch The War of the Worlds. Und am 15. Oktober findet in der Sternwarte Urania eine Spezialführung zum Thema Mars statt.”

In der Ausstellung werden neben literarischen Objekten auch einige Stummfilme aus den 1910er- und 1920er-Jahren zu sehen sein, die die Reise zum Mars zeigen. Unter den ausgestellten Objekten sei an dieser Stelle die Erstausgabe von Johannes Keplers “Astronomia Nova” (1609) hervorgehoben, die bisher noch nie in Zürich zu sehen war.

Mit multimedialem Zugang, spannenden Partnerschaften – dank des Projekts “Flex” der Migros bleibt das Museum jeweils donnerstags bis Mitternacht geöffnet! – und fachverständiger Kuratierung belebt das Projekt die herbstliche Zürcher Landschaft ungemein. Bleibt zu hoffen, dass die öffentliche Begeisterung und ein grosser Besucheransturm nicht ausbleiben werden!

Zürcher Streifzüge (9): He sucked a sad poem right out of America

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1955, mitten im Kalten Krieg. Ein Schweizer Jude fährt mit einem zerbeulten Auto durch die Ödnis der amerikanischen Südstaaten und fotografiert alles, was ihm vor die Augen kommt. Für die Obrigkeiten einer Kleinstadt in Arkansas mehr als Grund genug, den Mann aus dem Verkehr zu ziehen, der Spionage zu verdächtigen und ins Gefängnis zu stecken. Dass der seit 1947 in New York wohnhafte Europäer die Staaten dank eines Guggenheim-Stipendiums bereisen kann, macht ihn für die Südstaatler nur noch verdächtiger…

In diesem Streifzug soll für einmal nicht eine Persönlichkeit im Zentrum stehen, die in Zürich wirkte, sondern ein gebürtiger Zürcher, der hier seine Ausbildung genoss, um dann auszuziehen und zu einem Künstler zu werden, der mit seiner Arbeit die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts massgebend prägte. Fotografie, Film, Musik und Literatur finden in seinen Werken zusammen. Er hat die Art und Weise verändert, wie die Welt auf Amerika und Amerika auf sich selbst blickt. Tauchen wir ein in das unschätzbare Schaffen des Robert Frank.

Robert Frank in den späten Fünfzigerjahren. Q: NYTimes

Robert Frank in den späten Fünfzigerjahren. Q: NYTimes

Am 9.11.1924 wird Robert Frank in Zürich als Sohn des deutschen Juden Hermann Frank, der nach dem Ersten Weltkrieg in die Schweiz geflüchtet war, und der Basler Unternehmertochter Regina Zucker geboren. Im Zürcher Engequartier verbringt er seine Schulzeit, besucht das Gabler- und das Lavater-Schulhaus, es folgen Lehrjahre als Fotograf in den Studios von Hermann Segesser und Michael Wolgensinger, ebenfalls in Zürich, danach weitere Stationen in Genf und Basel, ehe er sich 1947 via Mailand und Paris nach New York begibt.

In der neuen Heimat findet er zunächst Arbeit beim Magazin “Harper’s Bazaar”, das er wegen seiner strikten kommerziellen Ausrichtung schnell wieder verlässt. Er wird Autorenfotograf, bereist unter anderem Wales, Spanien, Peru und Bolivien für seine Reportagen, die z.B. in “Life” erscheinen. 1950 heiratet er Mary Lockspeiser, mit der er zwei Kinder Pablo (1951-1995) und Andrea (1954-1974) hat.

1955 dann das Stipendium der Guggenheim Foundation, das ihm erlaubt, das Land zu bereisen. Nicht weniger als 28’000 Fotografien verfertigt er im Laufe dieser Roadtrips, die Erinnerungen an Jack Kerouacs Roman “On The Road” wach werden lassen. Kerouacs Meisterwerk, basierend auf drei Reisen zwischen 1947 und 1950, war zu dieser Zeit bereits niedergeschrieben, aber noch nicht veröffentlicht worden. Der Autor war weiterhin unterwegs und begegnete dabei in New York 1957 nach einer Party – Robert Frank. Vielleicht war es für beide eine der letzten Nächte in Anonymität – Kerouacs Berühmtheit kam 1957, Franks 1958/59. Es begann eine fruchtbare Beziehung zwischen dem Fotografen und den Beat-Poeten, die Gefallen an den melancholisch-unkonventionellen Amerikabildern des Schweizers fanden.

Eine neue Bildsprache für Amerika: Beerdigung, St. Helena, South Carolina, 1955. Q: The Guardian

Eine neue Bildsprache für Amerika: Beerdigung, St. Helena, South Carolina, 1955. Q: The Guardian

1958 wählte Frank aus seinem enormen, während der Reise entstandenen Fundus 83 Aufnahmen aus und stellte sie für ein Buch zusammen, das zunächst in Frankreich unter dem Titel “Les Américains” erschien. Erst etwas mehr als ein Jahr später liess sich auch in den USA ein Verleger dafür finden. Die Reaktionen aber waren empört, die beiden Förderer, die Frank für das Guggenheim-Stipendium vorgeschlagen hatten, distanzierten sich von den Ergebnissen. Das Vorwort der Publikation schrieb Jack Kerouac. Darin heisst es:

“Anybody doesnt like these pitchers dont like potry, see? Anybody dont like potry go home see Television shots of big hatted cowboys being tolerated by kind horses. Robert Frank, Swiss, unobtrusive, nice, with that little camera that he raises and snaps with one hand he sucked a sad poem right out of America onto film, taking rank among the tragic poets of the world. To Robert Frank I now give this message: You got eyes.”

Das Amerika der späten Fünfzigerjahre, selbstgewiss, im Aufbruch, besessen von Autos, Staubsaugern, neuen Küchen, sorglosem Leben, wollte Franks Aufnahmen nicht sehen. Schon gar nicht von einem Ausländer wollte die Nation vor Augen geführt bekommen, wie es wirklich um sie stand. Die Reaktionen fielen überwiegend negativ aus – und Frank wandte sich dem Film zu.

1959 produzierte er gemeinsam mit Alfred Leslie den Kurzfilm “Pull My Daisy”, in welchem die Beatpoeten Allen Ginsberg, Gregory Corso und Peter Orlovsky zu sehen sind, ausserdem Larry Rivers, einer der Urväter der Pop Art, in einem seltenen Auftritt als Schauspieler. Die Szenen wurden geplant und gedreht, anschliessend mit einer improvisierten Narration von Jack Kerouac und jazzigen Musikeinsprengseln unterlegt, die das ekstatische Gefühl und die immer wieder betonte Spontaneität des Genres eindrücklich zum Leben erwecken.

Pull My Daisy from Altarwise on Vimeo.

1961 erschien ein weiterer Kurzfilm: “The Sin of Jesus”, die Verfilmung einer Kurzgeschichte von Isaac Babel, in der eine einsame Schwangere von Jesus zur sexuellen Befriedigung einen Engel zur Seite gestellt bekommt, diesen jedoch in der ersten Nacht schon erdrückt und so den Bruch mit Jesus herbeiführt… Wie “Pull My Daisy” kann der Film zu den frühen Dokumenten des sogenannten New American Cinema gezählt werden.

Viele der kurzen Filme, die Robert Frank in den Sechzigerjahren produziert, sind interessant, jedoch schwer fassbar, bisweilen richtig ungemütlich. “Conversations in Vermont” (1969) etwa zeigt den Vater Frank mit seinen beiden Kindern beim Ausmisten eines Pferdestalls und in anderen häuslichen Tätigkeiten. Frank fordert seine Kinder darin immer wieder auf, ihm Auskunft über seine Fehler und sein Versagen als Vater zu geben. Eine geradezu ungehobelte Offenlegung intimer familiärer Angelegenheiten, wie wir sie heutzutage etwa aus den so beliebten Büchern des Norwegers Karl Ove Knausgård kennen.

Im selben Jahr, 1969, erscheint auch der erste vollwertige Spielfilm von Frank: “Me And My Brother”. Die Erkundung der Beziehung zwischen Peter Orlovsky und seinem schizophrenen Bruder Julius, die beide bei Allen Ginsberg in der Wohnung leben. Mit diesem Film erschuf Frank einen bedeutenden Kommentar über die Meta-Ebenen des Films, eine neue Form zwischen Fiktion und Dokumentation (später manchmal Essayfilm genannt). Und nicht zuletzt – für alle Liebhaber der Filmtrivia – war es das Spielfilmdebüt des grossen Christopher Walken, der einen Regisseur für den Film im Film spielte.

Es war dies eine produktive Zeit für Frank, dessen vielleicht spannendstes Werk kurz bevorstand. Es ist zugleich eines, das – zumindest in Prä-Internetzeiten – fast niemand je gesehen hat: “Cocksucker Blues”.

Nachdem die englische Rockband The Rolling Stones 1969 an einem Konzert in Altamont eine Tragödie miterleben müssen, als der junge Afro-Amerikaner Meredith Hunter von einem Hell’s Angel erstochen wurde. Der Anlass gilt als symbolisches Ende der Hippie-Bewegung. Seither hatten die Stones die USA nicht mehr bereist. Für ihre Rückkehr 1972 wollten sie, wie sie es auch schon früher getan hatten, ein filmisches Begleitteam. Sie engagierten Robert Frank, die Tour zu filmen, gewährten ihm Zutritt zu allen Räumen, liessen ihn überall Kameras verteilen, so dass, wer auch immer Lust dazu verspürte, die Geschehnisse filmen konnte. Franks Fotografien zierten bereits die ikonische Rolling-Stones-LP “Exile On Main Street”, auf deren Cover ein Bild gezeigt wird, das er während des Roadtrips 1955 geschossen hatte: die von Bildern übersäte Wand eines Tattoostudios. Auf den Innenseiten befinden sich verschiedene Fotografien der Band selbst.

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Fotografien in der Fotografie: Das Cover von “Exile On Main Street”

“Cocksucker Blues” hätte Werbung sein sollen für die Band, eine schöne, wilde, romantische Rockdokumentation. Als die Band aber Franks Endergebnis – “Cocksucker Blues” – zu Gesicht bekam, verklagte sie den Filmer. Diese Aufnahmen sollte niemand sehen! Eine junge Frau sitzt auf dem Hotelbett und spritzt sich Heroin. Mick Jagger masturbiert. Ein Roadie hat mit einer widerwilligen jungen Frau Sex in einem Flugzeug. Kokain, Heroin, geschwollene Arme, zahnlose Münder. Die Bilder waren grauenhaft, ein Zeugnis des Schreckens und das definitive Argument gegen den Rock’n’Roll-Lifestyle. Einzig die Szene mit dem Sex im Flugzeug soll gestellt gewesen sein, sagt Frank später. Passenderweise fand der Film auch Eingang in Don DeLillos grosses Werk “Underworld”, eine Meilenstein amerikanischer Paranoia, in dem eine Sektion den Titel “Cocksucker Blues” trägt.

Vor Gericht wurde ein Kompromiss erreicht: Der Film durfte maximal viermal jährlich und ausschliesslich in Anwesenheiten des Regisseurs öffentlich gezeigt werden.

Fast zwanzig Jahre liegen zwischen der Entstehung von “The Americans” und der Verbannung von “Cocksucker Blues” – Robert Franks wichtigste Schaffensphase. Der nette, unauffällige Schweizer mit der kleinen Kamera hatte eigenhändig die Ikonographie einer Nation und die Formen einer Kunst in neue Dimensionen geführt. Er hat den American Way of Life dekonstruiert, Entfremdung und Unsicherheiten hinter den Fassaden offengelegt. Der Immigrant mit der Kamera hatte das Land seiner Adoption enttarnt, zuerst hat er dafür Hass, spät erst Anerkennung geerntet.

Persönliche Tragödien zeichneten sein Leben in der Folge: 1974 starb seine Tochter Andrea bei einem Flugzeugabsturz. Sein Freund Danny Seymour, der während der Dreharbeiten zu “Cocksucker Blues” dem Lockruf der Drogen gefolgt war, starb ebenfalls. Sohn Pablo wurde zu dieser Zeit zum ersten Mal mit Schizophrenie diagnostiziert. Er beging 1994, nach einem Leben, das von Drogensucht und Krankheit geprägt gewesen war, Suizid.

Robert Frank aber ist immer noch da. Heute 90jährig lebt er mit seiner zweiten Frau June Leaf, mit der er seit den Siebzigerjahren verheiratet ist, in Kanada. Ein Mann, dessen Einfluss auf die Kunst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts unermesslich ist. In Zürich, dem Ort seiner Geburt und seiner Jugend, seiner Ausbildung und seiner Muttersprache, erinnert heute wenig an diesen grossen Künstler, auf den man doch eigentlich so stolz sein dürfte. Es ist zu hoffen, dass sich dies in Zukunft noch ändern wird…

 

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Der amerikanische Cowboy. Aus: The Americans, 1958. Quelle

Hier geht’s zu den weiteren Streifzügen.

Weiterführend:

Anlässlich der Ausstellung “Robert Frank: Storylines” in der Londoner Tate Modern Gallery ist 2005 der Dokumentarfilm “Leaving Home, Coming Home” entstanden, ein einmaliges Filmdokument, in welchem Robert Frank, der sonst praktisch nie Interviews gibt, intime Einblicke in sein Leben und Arbeiten gewährt:

Rezension: Sigrun Casper – Der Wortjongleur (konkursbuch, 2015)

Mit “Der Wortjongleur” erfindet die arrivierte deutsch Autorin Sigrun Casper ihrem guten Freund, dem frühverstorbenen Dichter Mario Wirz (1956-2013), eine mögliche Kindheit. Ein berührender Roman über unüberwindbare Vorurteile, unauffindbare Vergangenheiten und die Suche nach dem treffenden Wort.

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Kilian Schelk heisst die Figur, die Mario Wirz’ Inkarnation im Kindesalter sein könnte: In den späten Fünfzigerjahren lebt er mit seiner Mutter Marianne (das wäre dann Anne-Marie Wirz) und der bösartigen Grossmutter in einem abgelegenen Haus. Der Grossvater, ein gewichtiger NS-Funktionär, hatte es im Zweiten Weltkrieg, der seit einigen Jahren vorbei ist, “zum Repräsentieren” gebaut. Kilians Schwester Miriam ist 14 Jahre älter, wohnt mit ihrem Ehemann in Berlin. Ihr Vater ist im Krieg gestorben, während die Identität von Kilians Vater, eine einmalige Affäre der Mutter, ihm vorenthalten bleibt.

Kilian ist früh bereits sprachbegabt, er ist “der eigenwillige Junge, der sich so ungewöhnlich klar und originell auszudrücken versteht”. Als die Grossmutter Mitte der Sechziger Jahre stirbt, müssen Mutter und Sohn das Haus verlassen und werden vom Sozialamt in eine Wohnung in einer Metallarbeitersiedlung gewiesen. Hier ist Kilian für viele nur der “Bankert”, also das uneheliche Kind. Mutter und Sohn werde voller Hass beäugt und ignoriert, Türen werden ihnen buchstäblich und übertragen vor den Augen zugeschlagen. Nur in Mariannes ehemaliger Schulkollegin Sigrid findet das ungleiche Paar zunächst eine Verbündete.

Kilian versucht die Welt zu begreifen, indem er den Dingen Worte zuweist. Er liest und schreibt, versucht “das eigene kleine Leben im Lesen (zu) vergessen” und begreift sich früh schon als Dichter.

In Tagträumen stellt er sich vor, er wäre ein Zauberer, der vier Stunden am Tag Verkniffenheit in Lächeln verzaubert. Wenn sie nämlich lächeln, dann merken die Leute auf einmal, wie anstrengend es ist, sich in Vorurteile zu verbeissen. Nicht, dass sie nun alle dicke Freunde werden, aber die Feindschaften, die braucht man auf einmal nicht mehr. Wandel durch Annäherung ans eigene Herz!”

Spielerisch verbindet Sigrun Casper (*1939) Ereignisse und Worte deutscher Nachkriegsgeschichte mit den Erfahrungen des fantasiebegabten Kindes Kilian, das der Welt ihren Sinn anzudichten versucht. Der Kampf gegen Vorurteile ist durchgehendes Thema, zumal als der pubertierende Knabe in der Liebe zum Kameraden Matthias seine Homosexualität zu entdecken und erkunden beginnt. Die Liebe und den Vater finden: das sind die Ziele des Heranwachsenden und beide, so zeigt sich, sind nicht ohne Hindernisse zu erreichen. Und manchmal entdeckt man am Ende des Wegs, dass das Ziel nicht das ist, was es in der Vorstellung gewesen ist…

“Der Wortjongleur” ist das berührende Portrait eines starken Mutter-Sohn-Gespanns im Kampf gegen Vorurteile und Vergangenheit. Herzlich, aber nicht kitschig. Empathisch, aber nicht sentimental.

Casper, Sigrun. Der Wortjongleur. Tübingen: konkursbuch Verlag Claudia Gehrke. 256 S., gebunden. 978-3-88769-573-6

Rezension: Edith Pearlman – Honeydew (Ullstein 2015)

Als Alice Munro 2013 den Nobelpreis für Literatur erhielt, wurde das Interesse auch der europäischen Öffentlichkeit auf eine Textform gelenkt, die hier zu einem Dasein im Schatten des Romans verdammt ist: die Kurzgeschichte. Munros perfektionierte Miniaturen verschafften auch anderen Autorinnen des Genres Aufmerksamkeit.

honeydew

Eine von ihnen ist Edith Pearlman (*1936), die seit mehreren Jahrzehnten Kurzgeschichten verfasst, jedoch erst mit dem Sammelband “Binocular Vision” (2011) in Amerika grössere Bekanntheit erlangte. Eine Nomination für den National Book Award for Fiction war dabei die Krönung des Lobes. Mit ihrem aktuellen, satte 20 Erzählungen fassenden Sammelband  “Honeydew” findet sie nun auch ihren Weg auf den deutschsprachigen Markt. Später Ruhm für eine Autorin, die einmal gesagt hat, es sei sehr wichtig für Schriftsteller, unbemerkt zu bleiben.

“Honeydew” – Honigtau – ist eine geschönte Bezeichnung für die Exkremente bestimmter Insekten, die “als den Boden bedeckender feiner Frost mit einem Geschmack von Honig” beschrieben wird. Honigtau sei das, was in der Bibel als Manna – das Wunder Gottes für die hungernden Anhänger Moses’ – empfangen werde. So zumindest erklärt es in der titelgebenden Erzählung, das magersüchtige Mädchen Emily, das seine überragende Intelligenz dem Studium von Insekten widmet, unter denen sie vor allem Ameisen für dem Menschen überlegene Wesen hält.

Ein scheinbar göttliches Zeichen, das in Tat und Wahrheit nichts anderes ist, als die Ausscheidung eines Ungeziefers: In dieser starken Metapher kommt zum Ausdruck, was vielen von Pearlmans Geschichten zugrunde liegt. Nämlich die Enttarnung naiv-verklärter Illusionen, hinter denen sich oft nichts als lapidare Alltäglichkeit verbirgt.

“Nachts sind alle Katzen grau” sagt in einem der besten dieser Texte – “Drei Richtige” – eine Mutter zu ihrer neunzehnjährigen Tochter und deren Freundinnen, die in Träumen vom perfekten Ehemann schwelgen. Schliesslich überzeugt sie die Mädchen, die Namen von zwölf Jungen auf Zettel zu schreiben und eine Liebeslotterie zu veranstalten. Der gezogene Junge soll danach erobert, im besten Falle geheiratet werden. Die Mutter sagt:

“Ihr werdet sehr glücklich sein. Oder sagen wir glücklich. Glücklich genug.”
“Glücklich genug?”
“Glücklich genug”, wiederholte Sallyanns Mutter für die Prinzessin. “Das ist mehr, als andere Menschen gewährt bekommen.””

Edith Pearlman erzählt davon, was vom Leben, von der Liebe, vom Glück übrigbleibt, nachdem sie von allen romantischen Illusionen, allen Traumgespinste und aller Theatralik entbunden wurden. Viele dieser Geschichten machen Frauen in einem Alter zwischen fünfzig und sechzig zu Protagonistinnen. Geschiedene Frauen, einsame Frauen. Eine Schuldirektorin, die eine Affäre mit dem Vater einer Schülerin hat (“Honeydew”). Eine sich wohltätig engagierende Frau, die erst dank einem Mädchen, das in der Organisation über ihre Genitalverstümmelung berichtet, zu sich selbst und zur Liebe findet (“Was die Axt vergisst, daran erinnert sich der Baum”). Eine Fusspflegerin, die ihren Kunden Hornhaut und Lebensbeichten abnimmt (“Zartfuss”).

Viele dieser Geschichten sind Geschichten über Körper. Oftmals befinden sich die Figuren in intimen Situationen – jedoch bei weitem nicht immer sexuell -, sie wirken verunsichert, sich ihres Platzes in der Welt nicht gewiss. Manchmal werden die Körperfunktionen als Metaphern verwendet, etwa beim jungen Lyle (“Erst mal sehen”), dessen Augen ihm pentachromatisches Sehen ermöglichen. Das heisst konkret: er nimmt wesentlich mehr Farben und Nuancen wahr als die meisten anderen Menschen. Was zunächst als Gabe erscheinen mag, wird in dieser Geschichte, die ebenfalls zu den besten der Auswahl gehört, zu einer Bürde, mit der Lyle nicht leben will.

Topographisch sind die meisten der Erzählungen in der fikitiven Kleinstadt Godolphin, Massachusetts, verankert, die vermutlich nach Pearlmans Wohnort Brookline, Mass., geformt ist. Thematisch und literarisch schöpft die Autorin aus dem reichhaltigen Erfahrungsschatz, den ihre fast 80 Jahre hergeben. Die zwanzig in “Honeydew” vereinten Geschichten – zwischen sechs und fünfundzwanzig Seiten in der Länge – sind nicht alle von gleicher Qualität. Einige sind bloss nett, einige wenige gar etwas richtungslos (“Traumkinder”). Jedoch sind genügend hervorragende, lange nachhallende Texte vorhanden, um die Anschaffung der ganzen Sammlung zu rechtfertigen.

Ob Edith Pearlman die “beste Erzählerin der Welt” ist, wie das dankbare The-Times-Zitat auf dem Buchrücken verkündet, ist zu bezweifeln. In ihren besten Moment ist sie aber auf jeden Fall eine Meisterin ihres Fachs, der es stilistisch gelingt, mit Leichtigkeit von schmuckloser Beschreibung zu barocker Üppigkeit zu wechseln, und ganze Welten auf wenigen Seiten plastisch erlebbar zu machen.

Pearlman, Edith. Honeydew. Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel. Berlin: Ullstein 2015. 320 S., Leineneinband. 9783550080999.

Rezension: Guillaume Musso – Nacht im Central Park (Piper, 2015)

Wunden, die nach mehreren Jahren erneut aufreissen, sind umso schmerzhafter. Vielleicht sollen sie aber auch nur etwas anderen, tiefer liegendes überdecken… Guillaume Musso verbindet in seinem neusten Roman gekonnt eine brillant-rasante Erzählung mit fragilen Themen der Gesellschaft. 

REZENSION VON ANNINA HALLER 

musso

Wie gelangt man über Nacht von Paris nach New York in den Central Park? Und dazu auch noch bewusstlos, blutverschmiert, ohne Geld und Papiere sowie mit Handschellen an einen Mann gekettet, der einem fremd ist? Genau das muss sich Alice Schäfer fragen.

Guillaume Mussos Protagonistin wacht auf einer Bank auf, geweckt vom schneidenden Wind, der sie frösteln lässt.  Wie sie hierhin gekommen ist und vor allem wieso sie an diesen Mann gekettet ist, weiss sie nicht. Alice erinnert sich, am Abend zuvor mit ihren Freundinnen auf den Champs-Élysées ausgegangen zu sein. Sie muss sich also irgendwo in einem Park in oder um Paris befinden. Diese Schlussfolgerung passt jedoch gar nicht zur Geschichte des Mannes, der sich als Gabriel Keyne vorstellt. Der Jazzpianist aus Amerika behauptet, er habe am Abend zuvor einen Auftritt in Dublin gehabt und ist daher der festen Überzeugung, irgendwo in Irland sein zu müssen. Aber wer hat denn nun Recht?

Wie sich bald herausstellt, liegen beide falsch, denn sie befinden sich – wie der Titel des Romans schon zu Beginn verrät – in New York im Central Park. Wer treibt ein falsches Spiel mit Alice und Gabriel? Wer hat sie aneinander gekettet und in so kurzer Zeit nach Amerika gebracht? Und kann Alice diesem Gabriel überhaupt vertrauen? Und doch steckt er ja mit ihr in dieser verzwickten Situation. So setzen die beiden wohl oder übel alles daran, gemeinsam herauszufinden, was passiert ist. Das ist jedoch leichter gesagt als getan, haben sie doch weder Geld, Papiere noch Handys bei sich. Und Alice befürchtet gar, dass sie sich strafbar gemacht haben und deswegen gesucht werden könnten. Immerhin befindet sich auf ihrer Bluse Blut, das nicht ihr eigenes ist.

Da sich Alice und Gabriel keine bessere Möglichkeit ausdenken können, um an ein Handy oder ein Fortbewegungsmittel zu kommen, stehlen sie bald beides. Und das bleibt von der Polizei nicht unbemerkt. Schon auf den ersten hundert Seiten liefert Guillaume Musso dem Leser eine schnelllebige Verfolgungsjagd durch Manhattan. Er zeigt hier eine seiner Stärken: Einer eigentlich kurzen Zeit widmet Musso sehr viele Seiten – und trotzdem vergeudet er keine Worte für unnötige Beschreibungen. Die Szenen gerade zu Beginn von Nacht im Central Park werden dadurch unglaublich lebendig und langweilig wird dem Leser nie.

Guillaume Musso bleibt aber keineswegs in der Gegenwart stehen. Zwischendurch lässt er Alice immer wieder in ihre eigene Vergangenheit blicken und zeigt dem Leser ihre schwierige Vergangenheit: In nur einer tragischen Nacht verliert Alice ihr ungeborenes Kind und ihren Mann: Alice gerät während einer Ermittlung selbst an den mutmasslichen Serienmörder. Obwohl sie sich als Hochschwangere eigentlich aus den Ermittlungen raushalten sollte, treiben Alices Hartnäckigkeit und ihre unerschrockene Art genau in seine Arme. Fast wird Alice zum jüngsten Opfer des gesuchten Mörders, doch das Baby in ihrem Bauch verhindert tragischerweise, dass das verwendete Messer Alices Organe trifft. Mit schweren Stichverletzungen wird sie in die Notaufnahme gebracht. Ihr Mann – selbst ein Arzt – wird informiert und macht sich unverzüglich auf den Weg. Ein Unfall stoppt ihn jedoch mitten auf dem Weg von seinem Vorhaben…

Alices emotionale Wunden werden drei Jahre später wieder aufgerissen, während sie sich mit Gabriel auf die Suche nach Antworten begibt. Diese Suche führt sie nämlich wieder auf die Fährte desselben Serienmörders. Gabriel ist Alice dabei nach gewissen Anfangsschwierigkeiten eine unerwartet grosse Hilfe in ihren Ermittlungen. Verbirgt sich hinter diesem Mann wohl auch mehr als ein Musiker?

Mussos neuster Roman überzeugt erneut durch einen rasanten Lesespass. Den Leser erwartet eine spannende Lektüre mit zahlreichen halsbrecherischen Wendungen. Die Auflösung am Schluss mag zu schnell und für gewisse Geschmäcker etwas konstruiert daherkommen. Dennoch sorgt das Unvorhersehbare dieses Endes für die zufriedenstellende Abrundung eines angenehmen sowie umso spannenderen Lesegenusses. Guillaume Musso zeigt, dass einen nicht nur die Vergangenheit einholen kann, sondern manchmal auch die Gegenwart. Begibt man sich an den Anfang des Buches, eröffnet sich einem dadurch auch die Bedeutung des dort aufgeführten Zitats von William Somerset Maugham:

Die Dinge, die einem entgehen, sind von grösserem Wert als die Dinge, die man besitzt.

Musso, Guillaume. Nacht im Central Park. Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn, Bettina Runge. München: Piper 2015. 384 S., Klappenbroschur. 978-3-86612-378-6 

Rezension: Anne Köhler – Ich bin gleich da (DuMont, 2015)

Erlesene Kulinarik und eine recht ungewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte verbindet die deutsche Autorin in Anne Köhler in ihrem Debüt zum sensiblen Portrait einer jungen Frau, die die Balance finden muss zwischen dem, was sein könnte, und dem, was unwiderruflich gewesen ist. 

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Elsa ist vierundzwanzig, hat eine Lehre als Köchin absolviert, ist nun in einem XXL-Schuppen in Hildesheim gelandet, wo es alleine auf die Quantität der Portionen ankommt. Frische Zutaten kennt diese Küche nicht, Qualität interessiert weder den permanent aggressiven Chef noch die Kundschaft. Elsa aber stört das nicht – redet sie sich ein -, denn die Hektik einer Küche, egal welcher Art, gibt ihr einen Rhythmus vor, eine klar definierte Rolle, innerhalb derer sie funktionieren kann. DIe Küche schützt sie vor der unerträglichen Stille der Welt.

Und wenn sie keine Lust mehr hat, zieht sie eine Stadt weiter, nimmt den nächsten Job an. Wie sie das seit neun Jahren schon macht – immer auf dem Weg nach Norden, in Richtung Meer. Mit fünfzehn Jahren ist sie von zuhause weggelaufen, um ihre Lehre zu beginnen. Nach dem überraschenden frühen Tod des Vaters hat sie die bedrückende Enge des Dorfes Weidenheim nicht mehr ausgehalten, hat ihren älteren Bruder David und ihre Mutter Ursel verlassen und ist losgezogen.

Nun aber, in Hildesheim, wo sie sich das Bett mit einem Arbeitskollegen teilt – auch das eine Angewohnheit, die sie von Stadt zu Stadt wieder aufnimmt -, wird ihr klar, dass es ein Ende haben muss. Elsa verlässt die Stadt überstürzt und reist nach Sylt, wo sie zum ersten Mal das Meer sieht. Und in ihm nicht die erhoffte Erlösung findet. Also zieht sie ein Stückchen weiter nach Hamburg.

Hier begegnet sie Jan, einem undurchschaubaren jungen Architekten, dessen optimistischer Elan und Hilfsbereitschaft Elsa sofort begeistert. Sie zieht in seine Wohnung ein, beginnt aber, ganz entgegen der Gewohnheit, keine Affäre mit Jan. Auf gut Glück bewirbt sich Elsa nun beim Spitzenrestaurant Brunner und erhält überraschend die Chance, sich in der dortigen Gourmetküche zu bewähren. Das Leben scheint endgültig eine Wendung zum Guten zu nehmen, Elsa ist angekommen: tagsüber in der Hektik der Küche, abends und nachts mit Jan und dem Fotografen Lorenzo in den Bars und Clubs der Stadt. Lust, ihrer Mutter den Wohnortswechsel mitzuteilen hat sie keine.

Doch dann holt die Vergangenheit sie ein: Ursel hatte einen schweren Autounfall und liegt im Koma. Elsa muss zurück nach Weidenheim, wo eine nicht ansprechbare Mutter, ein verärgerter Bruder und jede Menge ungeliebter Erinnerungen auf sie warten…

EIN SCHMACKHAFTES DEBÜT. 

Anne Köhler (*1978) hat jahrelang an ihrem Debütroman gefeilt, hat den Text immer wieder umgeschrieben, überschrieben, neu geschrieben, was teilweise auf ihrer Website dokumentiert ist. In der Küche von Johannes King im Söl’ring Hof auf Sylt hat sie eine Woche lang die Rolle ihrer Protagonistin zwischen Töpfen und Pfannen eingenommen, um die Stimmungen aufzusaugen, die sie beschreiben wollte. Ein lohnenswerter Rechercheaufwand, sind doch gerade die Szenen in den verschiedenen Küchen von grosser Intensität und vermitteln auch dem Leser, der diese Räume aus eigener Erfahrung nicht kennt, einen klaren Blick hinter die Kulissen eines Restaurants. Fehlen lediglich noch die Gerüche…

Mit Elsa, deren Entwicklung das allseits dominierende Thema des Romans ist, hat Anne Köhler eine Figur geschaffen, deren couragierter Ausstieg aus dem Familienleben sie zunächst ins Unglück zu führen scheint, auf eine ewige Reise ohne Wiederkehr und ohne Aufarbeitung des Zurückgelassenen. Es bedarf eines Aufweckens, eines Aufrüttelns aus der selbsterzwungenen Flucht (durch Jan), um sie auf den Weg zu führen, der Geschehenes und Mögliches in eine Balance bringt, die ein Leben ohne ständiges Davonrennen ermöglicht.

Die Autorin beschreibt Elsas Entwicklungen, ihre Gedanken und Gefühle, in einer unaufgeregten einfühlsamen Sprache, die sofort Mitgefühl für die Protagonistin erzeugt, das Bedürfnis, ihr Schutz und Rat zu erteilen. Gerade in der Beschreibung des scheinbar Banalen findet sie die verborgenen Metaphern, die auf grössere existenzielle Zusammenhänge verweisen. Ein schmackhaftes Debüt.

Köhler, Anne. Ich bin gleich da. Köln: DuMont 2015. 352 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8321-9751-3