Rezension: Andrew Miller – Friedhof der Unschuldigen (dtv, 2015 [2011])

Im Herzen von Paris, zwischen dem Einkaufszentrum Les Halles und dem Centre Pompidou, auf einer romantischen Piazza steht ein majestätischer Brunnen: der Fontaine des Innocents. Dass dieser ursprünglich in vollkommen anderem Kontext entstand, ist wohl nicht allen bekannt. Der britische Autor Andrew Miller erzählt in “Friedhof der Unschuldigen”, einer geschickten Mischung aus Fiktion und historischer Realität, von den makabren Ereignissen, die sich hier Ende des 18. Jahrhunderts zugetragen haben…

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Der Friedhof Les Innocents, 16. Jh., Quelle: http://www.landrucimetieres.fr/

Ursprünglich war der Brunnen lediglich ein kleiner Teil des grössten Pariser Friedhofs, der Cimetière des Innocents. Der Ort war seit dem Mittelalter der wichtigste Bestattungsort von Paris, neben herkömmlichen Gräbern kam es mit wachsender Menschenzahl auch zu Massenbegräbnissen. Seuchenopfer, Ertrunkene, Namenlose wurden in riesige Gruben geworfen, die zwischen 1200 und 1500 Tote bargen. Bald war die Kapazität des viel zu kleinen Geländes überschritten, was die Behörden aber nicht daran hinderte, weiterhin Tote zu vergraben. Die umliegenden Strassen und Gassen, Zimmer und Keller, der Markt von Les Halles wurden vom ständigen unausstehlichen Verwesungsgestank überflutet, die Leichen sollen buchstäblich aus den überfüllten Gräbern geschwappt sein, bisweilen seien Kellerwände der dicht angrenzenden umliegenden Häuser eingestürzt und tote Körper in die Untergeschosse der Wohngebäude gefallen sein.

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Les Innocents mit Kirche, Predigerkreuz und angrenzenden Wohnhäusern, 1785, Quelle: http://grande-boucherie.chez-alice.fr/Innocents.htm

millerSo wurde 1780 letztlich beschlossen, den Friedhof zu schliessen. Andrew Millers Roman “Friedhof der Unschuldigen” setzt einige Jahre später ein und macht den (fiktiven) jungen Ingenieur Jean-Baptiste Baratte zu seinem Protagonisten. Ambitioniert und engagiert kommt er aus der Normandie nach Paris, wo er von einem Minister mit dem Auftrag betraut wird, den überfüllten Friedhof Les Innocents zu vernichten.

Er bezieht ein Zimmer bei der Familie Monnard, die in einem Haus wohnt, das direkt an den Friedhof grenzt. Zunächst noch in geheimer Mission, als Ingenieur, der angeblich das Land des Friedhofs vermessen soll, steckt er die Lage ab: In der Friedhofskirche begegnet er dem aufgeschlossenen Organisten Armand, der nur für sich, den Pfarrer und Gott spielt, da längst niemand mehr in die geschlossene Kirche kommt. Armand wird zu einer Art Freund, er will Jean-Baptiste beibringen, wie man in Paris modern zu sein hat.

Auf dem Friedhof leben auch die junge Jeanne und ihr Grossvater, der Küster; in der Kirche versteckt sich der blinde Pfarrer Colbert, der sein Refugium nicht nur mit dem Wort Gottes zu verteidigen gedenkt; im Haus der Monnards erwecken die merkwürdige Tochter Ziguette und das Dienstmädchen Marie, das den Ingenieur durch ein Astloch im Boden ihrer Dachkammer beobachtet, Barattes Aufmerksamkeit; auf der Strasse schliesslich verguckt sich der Ingenieur in die auffällige Héloïse, von der das ganze Viertel zu wissen glaubt, sie sei eine Prostituierte.

In diesem Klima, unwissend, wer genau auf seiner Seite steht und wer allenfalls etwas gegen die Zerstörung von Les Innocents einzuwenden hat, macht sich der Ingenieur an seine unvermeidliche Arbeit. Aus einem Bergwerk bei Valenciennes, in dem er früher selbst Aufseher war, holt er den alten Freund Lecoeur und einige Dutzend Bergarbeiter, um die Gruben mit den Toten auszuheben. Er will nicht daran denken, dass “Gebeine Besitzer, Namen haben”, versucht die Anonymität zu wahren, was schwerfällt, wenn man Tag für Tag vom pestilenzialisch stinkenden Leichenbergen umgeben ist. Baratte versucht, sich selbst und seine Arbeiter, die ebenso unter den Zuständen leiden, unter Kontrolle zu halten und die Arbeit zügig voranzubringen. Und dann wird er plötzlich Opfer eines Mordversuchs…

Der britische Autor Andrew Miller (*1961) – ein Spezialist für historische Themen, der mit “Die Gabe des Schmerzes” einen nennswerten Erfolg verzeichnen konnte – erschafft in “Friedhof der Unschuldigen” ein faszinierendes Panorama der düsteren Seiten von Paris am Vorabend der Revolution. Die gestärkte Front der Liberalen mit ihren Ideen von Rousseau und Voltaire, ihren Salons, ihrer Freigeistigkeit und Agitation ist im Organisten Armant ausgezeichnet personifiziert. Zudem ist die erzählte Begebenheit selbst – also die Zerstörung des Friedhofs – ein aussagekräftiger Inbegriff der Modernisierung: Die Verbannung des Todes aus dem Zentrum der Stadt und somit dem Alltag der Leute steht in direktem Zusammenhang mit neuen Vorstellungen von Gesundheit und Hygiene, die Ende des 18. Jahrhunderts an Bedeutung gewannen. An die Stelle von Les Innocents traten bald die heute prominenten Friedhöfe Montmartre, Montparnasse und Père Lachaise, die ausserhalb der damaligen Stadtgrenzen lagen. (Der englische Originaltitel des Romans lautet nicht von ungefähr: “Pure”.)

Ambivalente Figuren, denen man bisweilen nicht zu trauen wagt und deren Absichten wechselhaft zu sein scheinen, sorgen für stetige Spannung. Die Konflikte, in die Baratte alleine aufgrund seiner Aufgabe, vielleicht aber auch aufgrund seines Verhaltens gerät, bergen eine gehörige Menge Zündstoff. Dass der Autor sich die Freiheit nimmt, manche Geheimnisse und Andeutung unaufgelöst zu lassen, ist erfrischend.

Schade ist einzig dies: Bei der Unmenge an Mythen, Legenden und Schauergeschichten, die sich selbstverständlich um einen Ort wie Les Innocents ranken, hätte seitens des Autors die Möglichkeit bestanden, zu einem überbordenden barocken Paukenschlag auszuholen, worauf Miller jedoch verzichtet. Der Autor gab zu Protokoll, gerade das Theatralische an der tatsächlichen historischen Begebenheit fasziniere ihn (Interview 2012) – obschon die Sprache keinesfalls ernüchternd ist, hätte ein wenig mehr davon dem Roman vielleicht nicht geschadet. Dies soll aber keinesfalls die Tatsache leugnen, dass “Friedhof der Unschuldigen” ein ausgezeichneter historischer Roman ist, der harte Fakten und die Gedankenwelten der damaligen Gesellschaft souverän mit einfühlsam erzählten persönlichen Geschichten zu verbinden weiss.

Miller, Andrew. Friedhof der Unschuldigen. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. München: dtv 2015. Taschenbuch, 384 S. 978-3-423-14397-4


Weiterführend: Eine historische Beschreibung von Les Innocents und seiner Räumung findet sich in der hervorragenden Studie “The Hour of Death” von Philippe Aries. Autor Andrew Miller hat diese Studie auch als Einfluss auf die Arbeit am Roman im oben bereits verlinkten Interview erwähnt.

Rezension: Silvio Blatter – Wir zählen unsere Tage nicht (Piper, 2015)

Der Aargauer Schriftsteller Silvio Blatter nähert sich in seinem neuen Roman “Wir zählen unsere Tage nicht” der komplexen Dynamik einer Familie an. Tiefgreifende Veränderungen kündigen sich in den Leben der älteren Eheleute Isa und Severin Lerch sowie  ihrer erwachsenen Kinder Matthias und Sandra an, existenzielle Fragen drängen sich auf. Soll man seine Tage zählen – oder doch lieber nutzen?

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Isa Lerch, eine prominente Radiomoderatorin mit wachsendem Alkoholproblem, selbstgefällig, ausgestattet mit einer professionellen Neugier, Angehörige eines konsumorientierten intellektuellen Mainstreams, steht kurz vor der Pensionierung. Ihr Mann Severin ist ein belesener, leicht überheblicher Bildhauer. Er fräst mit einer Kettensäge grobe Skulpturen aus Holz, sein Arbeitsort ist eine abgelegene Kiesgrube, die plötzlich von einem skrupellosen Paintball-Club mitgenutzt wird und bald zugeschüttet werden soll.

Isa und Severin, beide etwas über sechzig, sind “kein symbiotisches Paar”, jeder verfolgt seine eigenen Interessen, “es war keine Seltenheit, dass sie ein paar Tage nichts voneinander hörten”. Dennoch scheint ihre Liebe (oder ist es Respekt? Vertrauen?) gefestigt, die anstehenden Zeiten der Veränderung verunsichern jedoch beide. Ein drastischer Wandel des Lebensstils droht – werden sie ihre Interessen miteinander vereinen können?

Isa und Severin haben zwei Kinder, beide um die vierzig Jahre. Sandra ist eine “Familienfrau”, verheiratet mit dem ambitionierten grünliberalen Politiker Rainer, Mutter eines achtjährigen Sohnes. Es heisst: “unglückliche Familie verstörten sie”, sie “belächelte Höhenflüge und Hirngespinste”. Da erscheint es dramaturgisch nur konsequent, dass gerade ihre Ehe vor einer harten Prüfung steht und auch sie Lust auf den einen oder anderen Ausbruch aus dem Alltag bekommt… Auch Sohn Matthias, Leiter von Seminaren zur Lebens- und Führungsoptimierung, erfährt in Liebesdingen Turbulenzen. Er ist geschieden, seine Tochter Lucie lebt bei der Ex-Frau, er hat ein Auge auf die kosovarische Kellnerin Elmira geworfen, womit er sich jedoch bei deren Familienclan unbeliebt macht…

Silvio Blatter nähert sich aus allen vier Perspektiven den Figuren an, zeigt keine Präferenzen, wahrt zu allen dieselbe Distanz. Die unterschiedlichen Konflikte, die die Familienmitglieder untereinander oder mit anderen haben werden in präziser, gelassener Sprache ausgelotet. Das Aufeinanderprallen des spiessbürgerisch-nüchternen Rainer mit Severin, dessen Ignoranz und das “kindische Gebaren” des Künstlers er verabscheut, ist spannend ohne dass es je zum offenen Ausleben der Abneigung kommt. Der stille Konflikt, den Mutter Isa und Tochter Isa austragen wenn sie bei ihren Treffen im Hallenbad alle kritischen Themen umschiffen, explodiert ebenfalls nie. Obschon die Tochter der Mutter insgeheim vorwirft, sie interessiere sich für Probleme nur “wenn sie in ein Format passten, wenn man im Radio darüber sprechen konnte bis zum Schlusswort: Lassen wir das so stehen.” 

Geht das alles zu reibungslos vonstatten? Silvio Blatter, der sich im Laufe seiner langen schriftstellerischen Laufbahn schon öfters mit Spannungen in Eltern-Kind-Verhältnissen beschäftigt hat, lässt seine Figuren nicht an den Klippen von Streit und Rachsucht zerschellen. Wohl begegnet einem im Laufe der Geschichte manch ein gescheitertes Lebensprojekt, insgesamt aber lenken letztlich alle Beteiligten ihre Geschicke in versöhnliche, nur manchmal leicht wehmütige Bahnen. “Wir zählen unsere Tage nicht” ist keine klassische Zerfallsgeschichte, in der ein auf den ersten Blick makelloses Familienportrait nach und nach mit feinen Rissen überzogen wird, bis alles in sich zusammenfällt. Vielmehr werden hier auch die Dinge in den Fokus gerückt, die das Gefüge allen Rissen zum Trotz noch zusammenzuhalten vermögen. Es wird gezeigt, dass wenn man gewisse Konflikte als etwas selbstverständlich Familiäres akzeptiert, sich nicht darin verbeisst, der Blick nach vorne wesentlich leichter fällt.

Silvio Blatter (*1946) hat mit Severin und Isa Lerch zwei Figuren geschaffen – ungefähr der Generation des Autors selbst entstammend -, deren couragierte Lebensentscheidung beeindruckt. In einem Alter, in dem viele – und gerade die eigenen Kinder – ein baldiges Zurücktreten in die zweite Reihe vermutet hätten, entschliessen sich Severin und Isa noch einmal etwas Neues zu beginnen, ihre Tage nicht mehr angstvoll zu zählen, sondern sie zu nutzen.

Blatter, Silvio. Wir zählen unsere Tage nicht. München: Piper 2015. 304 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-492-05645-8

Rezension: Jochen Rausch – Rache (Berlin-Verlag 2015)

In seinem neuen Erzählband versammelt der deutsche Autor Jochen Rausch elf Kurzgeschichten, die die sozialen Abgründe des heutigen Deutschland ausloten. Seine Texte spüren subjektiven Erfahrungen von Ungerechtigkeit und Kränkung nach, die den Protagonisten nur eine Wahl lassen: Rache.

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Zum Helden tauge er nicht, sagt der Protagonist der Erzählung “Gotteskrieger”, ein Wuppertaler Polizeireporter, der in 31 Dienstjahren hauptsächlich über Bagatelldelikte berichtet hat. Und das war ihm auch gerade recht so. Nun aber haben sich die Vorzeichen geändert: Der neue Chefredaktor der Lokalzeitung will die Leserzahlen steigern, fordert Skandale und Spektakel. Da kommt es ihm gerade recht, dass offenbar ein Wuppertaler Vorstadtjunge gen Osten gezogen ist, um sich zum Gotteskrieger ausbilden zu lassen. Er setzt seinen Polizeireporter auf den Fall an. Der stösst im ehemaligen Wohnquartier des Jungen auf ein Deutschland, das er nicht mehr verstehen kann und nicht mehr verstehen will. Er wird unverhofft fotografierender Zeuge eines Ehrenmords, wird auf diese Weise selbst zur Zielscheibe – und muss sich untertauchen…

Einerseits fällt diese Geschichte innerhalb der Sammlung aus dem Rahmen, weil sie die Umstände der Gewalttat – also des Ehrenmordes – gar nicht thematisiert; andererseits führt sie typische Merkmale des Figurenkosmos’ und der Szenerien ein, die Rausch in “Rache” an elf verschiedenen Schauplätzen heraufbeschwört. Rauschs deutsche Gesellschaft ist eine Gesellschaft im Zustand der Gereiztheit; eine Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich sich bedrohlich weit aufgetan hat; eine Gesellschaft voller Fässer, die von einem einzigen Tropfen zum Überlaufen gebracht werden können.

Die Mehrheit der Geschichten folgt einem angehenden Täter bis zu eben jenem Punkt, an dem das Fass überläuft, die erfahrene Ungerechtigkeit oder Kränkung so unerträglich wird, dass die Explosion nicht mehr abzuwenden ist. Oder aber sie rekonstruieren eine geschehene Tat, häufig aus unterschiedlichen Perspektiven verschiedener Beteiligter, Augenzeugen oder Verwandter. Der Autor, selbst einst Gerichtsreporter, arbeitet auf kleinem Raum grosse Themen ab, und zwar gleich eine Vielzahl davon. Von ehemaligen Stasi-Spitzeln (“Räucherware”) über die scheinbare Bedrohung durch “den Islam” (“Gotteskrieger”), Missbrauch durch katholische Priester (“Gloria Dei”), die Schattenseiten der Berliner Gentrifizierung (“Krawall”) bis hin zu Gewalt und Übergriffen an den Arbeitsstätten der Unterschichten (“Feuer”) und dynastische Machtkämpfe (“Haie”) deckt Jochen Rausch ein erstaunlich breites Spektrum gesellschaftsrelevanter Themen ab bzw. schneidet diese zumindest an.

Mit grosser Sympathie für die scheinbar wenig heldenhaften kleinen Leute und einer umgekehrt oftmals skrupellosen, machtgierigen und sexuell gewalttätigen Zeichnung der Oberschicht erzählt Jochen Rausch. Seine Sprache ist simpel, klar, reduziert auf das absolut Notwendige. Es gelingt ihm gut, Sympathie und Antipathie zu erzeugen: Für Jan, der Amok läuft, weil er sich von der Kellnerin Isabel betrogen fühlt, empfindet man wohl unweigerlich Abscheu (“Rache”); für Martin hingegen, den ehemaligen Fallmangager eines Jobcenters, der wegen eines Ausrasters Job, Frau und Vermögen verloren hat und nun selbst Sozialhilfeempfänger ist, kommt man nicht umhin gewisse Sympathien zu fühlen (“Die Wanderung”). Wobei natürlich auch dies wieder meine subjektiven Wahrnehmungen davon sind, was eine Kränkung ist, die die drastische Rache auch verdient, und was nicht.

Ob Stadt oder Land, Arm oder Reich, Jung oder Alt, die “Zeiten der Gereiztheit”, wie Jochen Rausch das Symptom nennt, sind omnipräsent. Was den Anlass betrifft, Rache zu nehmen, scheint die Hemmschwelle zu sinken. Immer kleiner werden die Fässer, immer schneller kommt es zu jenem sprichwörtlichen einen Tropfen zuviel. Die Geschichten in “Rache” lassen sich zwischen den Zeilen als Aufforderung für mehr Akzeptanz und Respekt im Umgang mit anderen Menschen lesen, als Aufforderung nicht jede noch so kleine unglückliche Handlung als persönlichen Affront aufzufassen. Darin liegt der über die Texte hinausgehende Verdienst dieses spannenden Sammelbandes.

Rausch, Jochen. Rache. Storys. Berlin: Berlin-Verlag 2015. 288 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8270-1265-4

Rezension: Valerie Fritsch – Winters Garten (Suhrkamp 2015)

Die junge österreichische Autorin Valerie Fritsch legt mit “Winters Garten” einen poetisch kraftvollen Gegenentwurf zum Grossteil gegenwärtig kursierender Dystopien vor: Eine apokalyptische Vision, die sich kaum um die Ursachen des drohenden Untergangs schert, sondern existenzielle Fragen des Menschseins im Angesicht der Zukunftslosigkeit ins Auge fasst.


“Anton war ein Kind, das sich sowohl von der Begeisterung für das Leben als auch von jener für den Tod anstecken liess. Die Bewohner sprachen viel über den Tod in ihrem Garten, denn wie sollte man irgendwann in Ruhe sterben, wenn man darüber schwieg. Es galt ihnen: Was man nicht über die Lippen bringt, bringt man auch nicht übers Herz. Und Anton gewöhnte sich schnell an die Veränderungen, die das Leben mit sich brachte. Dass die Natur alles auflöste, was sie gebar, in einem Wasserglas, in einem Sturm, in einem Winter, fand er aufregend.”

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Anton Winter verbringt seine Kindheit in einer harmonisch-idyllischen Gartenkolonie, die längst nicht mehr ideologische Gemeinschaft, vielmehr Grossfamilie ist. Die Stadt liegt eine gute Stunde entfernt, manche der Erwachsenen gehen dorthin, um zu arbeiten, vor den Kindern im Garten aber sprechen sie nicht darüber. Von diesem paradiesischen Urzustand aus erzählt der Roman die Lebensgeschichte des Anton Winter.

Nach dem Tod der Grossmutter, die ihm von allen Verwandten am meisten bedeutete, verschwindet Anton eines Tages wortlos aus der Kolonie. Er geht in die Stadt. Hier begegnen wir ihm im zweiten Kapitel wieder: Inzwischen ist er zweiundvierzig, Vogelzüchter, von undurchdringlicher Traurigkeit, wissend, dass der Untergang der Welt bevorsteht. Und in genau diesem Zustand verliebt er sich zum ersten Mal in seinem Leben. Sie heisst Frederike, war Marineoffizierin, arbeitet jetzt als freiwillige Helferin in einem städtischen Gebärhaus. Denn bei all den “Verwüstungen und Gewalttätigkeiten”, den Massenselbstmorden und Trümmerfeldern, werden noch immer Kinder geboren.

Anton und Frederike beginnen ihr gemeinsames Leben, von dem sie schon wissen, dass es ein kurzes sein wird. Er ist unerfahren, eifersüchtig, von einer naiven Zärtlichkeit. Im Angesicht des Letzten, im Bewusstsein aber auch, dass ihre Liebe niemals abnehmen können wird, klammern sie sich aneinander, verlieren sich ineinander.

Als Frederike das Kind der Frau Marta zur Welt bringt, erkennt Anton in deren Mann seinen Bruder Leander wieder, den er seit der Kindheit nicht gesehen hat. Zu fünft machen sie sich, im Tosen einer zerstörten Welt kurz vor der endgültigen Vernichtung, ein letztes Mal auf den Weg in die Gartenkolonie. Wo es für Anton begonnen hat, soll es auch enden. Der Garten ist ihm gleichsam ein Ort des Erinnerns der elysischen Kindheitstage wie des Vergessens des unerträglichen Elends in der Stadt. Er erkennt: “Der Garten war immer schon Voraussetzung seiner Existenz gewesen, weniger ein Ort als ein Umstand, der ihn begleitete, wohin er auch ging.”

Valerie Fritsch (*1989) schreibt allegorien- und bilderreiche Prosa, deren archaisches Vokabular nur hin und wieder Aufschlüsse über das Alltagsleben in dieser unbestimmten Zukunft zulässt. So kommt es, dass bei aller Kraft, die etwa die Beschreibungen der Liebe zwischen Anton und Frederike zu entfalten vermögen, eine genaue Vorstellung etwa von der Stadt schwerfällt  (Ist es eine überschaubare Hafenstadt oder doch eine gigantische Metropole?). Die Hintergründe der Zivilisation und die Ursachen ihres Untergangs stehen denn auch, im Gegensatz zur Mehrzahl gegenwärtig kursierender Dystopien, keinesfalls im Fokus. Es sind existenzielle Fragen des Menschseins – insbesondere der Liebe – im Angesicht der Zukunftslosigkeit, die verhandelt werden.

Fritsch hat neben dem gemeinsam mit ihrer Mutter Gudrun Fritsch geschriebenen Gedichtband “kinder der unschärferelation” (Leykam, 2015) auch bereits zwei Prosaveröffentlichungen vorzuweisen, namentlich den Roman “Die VerkörperungEN” (Leykam, 2011) sowie “Die Welt ist meine Innerei. Reisebriefe und Bilder” (SEPTIME, 2012). Während die Sprache in “Winters Garten” die Nähe zur Poesie offenlegt, lassen sich thematisch Anschlüsse an die beiden früheren Prosawerke ausmachen. Als ein dominanter Themenkomplex ist der menschliche Körper zu nennen, dessen Veränderungen, Vergänglichkeit, Auflösungs- und Zerfallserscheinungen bereits in den Reisebriefen, wo es etwa um äthiopische Sterbehäuser geht, und auch im Romanerstling, dessen Protagonistin eine zur Ärztin gewordene Hure ist, eine gewichtige Rolle spielten.

Die Autorin schöpft sprachlich aus dem Vollen, wägt die Worte genau ab, versucht jedem Satz sein adäquates Gewicht zu geben, was zumeist auch gelingt. Es ist diese Sprache, die “Winters Garten” – eine etwas vage Geschichte mit bisweilen (vielleicht bewusst) langweiligen Figuren – über den Durchschnitt hebt. Irgendwo zwischen Nootebooms Poesie (“Philip und die anderen”), von Triers Bilderwelten (“Melancholia”) und den industriell-unterkühlten Klängen von Joy Division hat Valerie Fritsch einen körperbetonten apokalyptischen Groove gefunden, der sie als aufhorchenswürdige junge Stimme in der deutschsprachigen Literatur auszeichnet. Der Wechsel zu Suhrkamp und der Gewinn des Peter-Rosegger-Literaturpreises Anfang diesen Jahres zeugen davon, dass dieses Potenzial nicht verborgen geblieben ist.

Fritsch, Valerie. Winters Garten. Berlin: Suhrkamp 2015. Gebunden m. Schutzumschlag, 154 S. 978-3-518-42471-1


Weiterführend: Website der Autorin || Autorenkollektiv Plattform Graz

Website-Tipp: Clue Writing

Anstatt eines Streifzugs durch die Zürcher Literaturgeschichte, gibt es heute einmal einen Spaziergang durch die unmittelbare Zürcher Literaturbloggegenwart. In diesem Rahmen möchte ich auf eine Website hinweisen, deren Autorinnen sich mit Leidenschaft und Engagement einer ganz spezifischen Form des Schreibens widmen: Clue Writing.

Rahel und Sarah vom benachbarten Zürcher Blog Clue Writing verfolgen einen interaktiven literarischen Approach. Das Konzept ist einfach: Aus fünf Stichwörtern (Clues) und einer Ortsangabe (Setting) entstehen kurze Texte mit einer Obergrenze von 1700 Worten, wobei die sprachliche und inhaltliche Gestaltung von den Autorinnen – oder den Gastautoren – frei gewählt werden dürfen. Was sich zunächst vielleicht etwas primarlehrerhaft anhört oder wie eine blosse Fingerübung für Schreiblehrlinge, kann sich in geübten Händen zum Sammelbecken höchst unterhaltsamer literarischer Miniaturen entwickeln, wie dieses Projekt unter Beweis stellt.

Wöchentlich erscheinen mindestens zwei Texte, daneben gibt es Interviews, Gaststorys und neuerdings auch einen mit professionellen Sprechern eingespielten Kurzgeschichten-Podcast. Wie ein Text entsteht, ist auf Clue Writing transparent dokumentiert, so dass neben dem unterhaltenden durchaus auch ein belehrender Wert vorhanden sein kann. Zudem fördern die Macherinnen die Interaktivität, fordern ihr Publikum auf, sich aktiv an den Schreibprozessen zu beteiligen – sei es als Gastautoren oder auch nur als Clue-Geber – und haben Raum, um andere Projekte vorzustellen.

Clue Writing ThumbnailDas einfache, aber prägnante Design ist unaufdringlich, die gute Organisation der Website macht den Aufenthalt auch abseits der eigentlichen Texte zu einem angenehmen. Um die von der schieren Menge der vorhandenen Texte (mittlerweile 281) allenfalls abgeschreckte Leser und Leserinnen einen bequemen Einstieg zu verschaffen, wählen die Autorinnen regelmässig ihre Favoriten.

Aus aktuellem Anlass sei auch erwähnt, dass die Bloggerinnen zweimal jährlich eine Blogparade veranstalten, in der sie alle Interessierten einladen, eine Kurzgeschichte mit denselben Vorgaben zu schreiben. Heute, den 19. April 2015, beginnt eine solche Parade. Des Weiteren ist ein Literatur-/Schreibwettbewerb geplant, der voraussichtlich nächsten Monat ausgeschrieben und bis Ende Herbst laufen wird, wonach die Texte als E-Book-Anthologie veröffentlicht werden sollen.

Ich möchte Clue Writing all jenen empfehlen, die sich an einem verspielten, unverkrampften Zugang zu Literatur erfreuen; all jenen, die zwischendurch gerne einmal eine kurze Geschichte snackartig verspeisen, als sei sie ein Knoppers, ein Kägifret, eine Handvoll lecker Baumnüsse; und letztlich all jenen, die selber gerne Texte schreiben, sich aber (noch) nicht an eine eigene Plattform gewagt haben – macht mit, werdet Gastautoren und haut mit derselben Verve in die Tasten, wie Sarah und Rahel dies seit mittlerweile fast 3 Jahren mit bewundernswerter Disziplin tun!

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Zunächst aber natürlich unter der Hauptadresse: www.cluewriting.de

Rezension: Inge Sargent – Dämmerung über Birma (Unionsverlag 2015 [1994])

Es ist doch die klassische Geschichte: junge Frau trifft jungen Mann, junge Frau und junger Mann heiraten, junger Mann entpuppt sich als machthabender Prinz eines südostasiatischen Bergvolkes… Die Autobiographie der gebürtigen Österreicherin Inge Sargent beginnt märchenhaft und endet in der Katastrophe. Das Zeugnis einer grossen Liebe und einer reichhaltigen Kultur, vor allem aber das Zeugnis eines zerstörten Landes.

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Die Österreicherin Inge Sargent kommt nach dem Zweiten Weltkrieg als Fulbright-Stipendiatin ans Colorado Women’s College der Universität Denver. Sie lernt den jungen Sao Kya Seng kennen, der sich hier zum Bergbauingenieur ausbilden lässt. Die beiden verlieben sich, heiraten 1953. Als Inge zum ersten Mal mit ihrem Mann dessen Heimat besucht, um die Familie kennenzulernen, staunt sie nicht schlecht ob des gewaltigen Empfangs, der ihnen bereitet wird. Eins hat Sao seiner Frau verschwiegen: Er ist der machthabende Prinz (Saopha) des kleinen halbautonomen Shan-Staates Hsipaw in den nordbirmanischen Bergen.

Inge, obschon zunächst in ihrem Vertrauen erschüttert, akzeptiert die neue Rolle schnell und ist begeistert von Land und Leuten ihrer zukünftigen Heimat. Es ist eine friedliche Phase, unter Premierminister U Nu besteht zum ersten Mal ein demokratisches System. Sao Kya Seng bezieht mit seiner Frau, der neuen Mahadevi (Prinzessin) von Hsipaw, den Landsitz East Haw und beginnt, die während des Studiums in den USA erworbenen Kenntnisse zum Wohle seines Volkes anzuwenden. Er fördert die Landwirtschaft, modernisiert den Bergbau, um den ungenutzten Bodenreichtum zu schöpfen, bekämpft das Glücksspiel und die Korruption. Inge selbst, die sich nun Thusandi nennt, beginnt, nachdem sie Birmanisch und Shan sprechen gelernt hat, sich einzubringen, gründet Krankenhäuser und Schulen. Das Paar hat gemeinsam zwei Kinder, Mayari und Kennari.

Der Weg zu besseren Zeiten aber wird bald wieder jäh unterbrochen. Die hochkomplexe, von unterschiedlichsten Interessengruppen verwirrte birmanische Politik scheint keine Dauerhaftigkeit zu erlauben. 1959 hebt General Ne Win, der bestrebt ist die Macht im Lande ans Militär zu übergeben, die Macht der Shan-Prinzen auf, mit Sao Kya Seng, der ihm ein Treffen verweigert, legt er sich persönlich an. Als es letztlich 1962 zum Staatsstreich kommt und Birma zur Militärdiktatur wird, wird Sao Kya Seng gefangen genommen und vermutlich getötet. Inge steht  zwei Jahre unter Hausarrest, wird abgehört und ausspioniert, ehe ihr und ihren Töchtern 1964 schliesslich die Flucht nach Österreich gelingt.

Wer angesichts des Titels “Dämmerung über Birma. Mein Leben als Shan-Prinzessin” triefenden märchenhaften Kitsch erwartet, wird von Inge Sargents Autobiographie enttäuscht sein. Die ersten Jahre  – die aufblühende Liebe, das neue Land, die neue Kultur, der Beginn einer gemeinsamen Familie und das Arbeiten am Wohl des Hsipaw-Volkes – sind zwar durchaus in einem feierlich-pathetischen Ton beschrieben, der keinen Halt davor macht, die erhabene Grösse aller Gefühle zu betonen. Weil die Autorin aber Saos Ausharren in der Arrestzelle als zweite Erzählebene  immer wieder einschiebt, ist von der ersten Zeile (“Thusandi erkannte an den seltsamen Geräuschen, welche die Stille des tropischen Morgens störten, dass ihr Traum vorüber war..”) an klar: Das birmanische Märchen der Inge Sargent endet nicht im glücklichen Und-wenn-sie-nicht-gestorben-sind, sondern in einer Arrestzelle im Militärgefängnis Ba Htoo Myo respektive auf einem eilig bestiegenen Pan-Am-Flug in Richtung Westen.

In einer einfachen, klaren Sprache schreibt Inge Sargent – in der dritten Person – über die elf birmanischen Jahre, die ihr vergönnt waren. Es entsteht das Porträt einer Frau, die sich, hineingeworfen in eine ihr vollkommen fremde Kultur und soziale Stellung, mit Courage den guten wie den schlechten Herausforderungen stellt, die das neue Leben ihr anträgt.

“Dämmerung über Birma” ist das berührende Zeugnis einer Liebe, die in der Katastrophe endete. Es ist das Zeugnis einer einzigartigen Kultur mit bunten Farben, schillernden Festen, astrologischen Weissagungen und grossmütigen Menschen. Vor allem aber ist es das erschreckende Zeugnis der Zerstörung eines Landes durch eine militärische Diktatur, deren Nachwirkungen noch heute deutlich spürbar sind.

Die Autorin selbst darf nicht mehr ins Land einreisen, auf den Besitz ihres Buches, das erstmals 1994 veröffentlicht wurde, stehen angeblich 17 Jahre Gefängnisstrafe. Von Boulder, Colorado, aus, wo Inge mit ihrem zweiten Mann Tad Sargent heute lebt, gründete sie die wohltätige Organisation Burma Lifeline, um weiterhin Einfluss zu nehmen auf die Leute, die sie noch immer als die ihren betrachtet.*

Die Geschichte, die gerade auch verfilmt wird, erschien im Original auf Englisch 1994. Deutsche Ausgaben liegen seit 1997 (zunächst Bastei-Lübbe) vor. Zum vierzigjährigen Verlagsjubiläum legt der Unionsverlag (hier erstmals 2006) das Werk nun als edles kleines Taschenbuch mit Landkarten und einem erhellenden Vorwort von Bertil Lintner, der die politische Geschichte Birmas gut verständlich nachzeichnet, erneut vor.

Inge Sargent. Dämmerung über Birma. Mein Leben als Shan-Prinzessin. Aus dem Englischen von Cécile Lecaux. Zürich: Unionsverlag 2015. Taschenbuch, 384 S. 978-3-293-20691-5


Weiterführend: Inge Sargent: The Last Mahadevi. Ein Interview aus 2009.

*(Es ist mir allerdings nicht bekannt, ob die Organisation “Burma Lifeline” nach wie vor aktiv ist. Die Website existiert nicht mehr, auch sonst konnte ich keine Hinweise auf momentane Aktivitäten finden.)

Zürcher Streifzüge (7): Ein Porträt des Dichters als junger Architekt

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“Zwischen dem Türkisblau des Wassers, woran ich mich in drei Stunden nicht satt gesehen habe, und dem hohen Laubwald, der diesen Fleck der Seligen umgrenzt, liegen sie auf dem Rasen, Körper von jugendlicher Pracht; aus der ruhigen Grünfläche überrascht die Ockerfarbe ihrer Glieder. Das ist etwas ungewöhnlich Schönes, unverhüllte Menschen in der Landschaft zu sehen. Denn in vielen Bädern ist es keine Landschaft mehr, sondern Kulisse, was den Badenden umgibt, sodass sich dann der ausgekleidete Mensch meist unpassend ausnimmt.”

Dieses Zitat stammt aus dem Aufsatz über das Wellenbad des Zürcher Grand-Hotel Dolder, betitelt “Vom kleinen Meer im Wald”, der am 28. Juni 1935 in der Neuen Zürcher Zeitung abgedruckt wurde. Der mit solcher Faszination über das Freibad schreibt, ist ein junger, damals noch nicht fünfundzwanzigjähriger Schriftsteller, dessen erster Roman ein Jahr zuvor erschienen und von der Presse überaus lobend besprochen worden ist: Max Frisch.

Von klein auf hatte Frisch Schriftsteller werden wollen, hatte lustlos Germanistik studiert und war durch den plötzlichen Tod des Vaters 1932 zwar vom universitären Trott befreit, jedoch auch gezwungen worden, sich einen Broterwerb zu suchen, wodurch er bei der NZZ landete. Der Journalismus behagte dem jungen Schriftsteller nicht, auch dann schreiben zu müssen, wenn man nichts zu sagen hat, entsprach nicht seinen Vorstellungen.

So begab es sich denn, etwas mehr als ein Jahr nach Erscheinen des Wellenbad-Artikels, dass Max Frisch an der ETH Zürich ein Studium der Architektur in Angriff nahm. Noch während des Studiums veröffentlicht er seinen zweiten Roman (“Antwort aus der Stille”, 1937), danach jedoch folgt bis 1944 keiner mehr. Dazwischen liegt eine kurze, eigentlich bedeutungslose Karriere als Architekt, aus der aber ein Projekt hervorgegangen ist, das dem Zürcher Stadtbild bis heute erhalten ist: das Freibad Letzigraben.

Als Max Frisch 1940 sein Diplom erhält, herrscht bereits seit einem Jahr Krieg. Für den jungen Architekten beginnt ein mühseliges Doppelleben zwischen der neuen Arbeit und dem Aktivdienst als Kanonier in der Armee; für das Schreiben bleibt wenig Zeit. 1941 entsteht ein erstes Gebäude, ein Haus für seinen Bruder. In der Erzählung “Montauk” (1975) wird Frisch über dieses und andere seiner Abenteuer als Architekt Bilanz ziehen.

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Dann kommt die grosse Chance: Im Oktober 1942 schreibt der Stadtrat einen Wettbewerb für die Gestaltung der Freibadanlage auf dem 3,5 Hektar grossen “städtischen Land am Letzigraben, zwischen Albisrieder- und Edelweisstrasse” aus. Die Vororte Albisrieden und Altstetten, auf denen das Land liegt, waren erst 1934 in die Stadt Zürich eingemeindet worden, hatten aber sich aber schon zuvor bestrebt gezeigt, ein eigenes Schwimm- und Luftbad zu bauen, da doch eine beträchtliche Entfernung zum Zürichsee besteht. Die Auffassung, dass öffentliche Bäder an natürlichem Gewässer liegen müssen, musste die Stadt mit zunehmendem Wachstum aufgeben. Im Vorfeld der Landesausstellung 1939 war im nördlichen Stadtteil Oerlikon der Prototyp des suburbanen Freibades entstanden, das ebenfalls heute noch bestehende Bad Allenmoos. Immer mehr wurden Freibäder zu einem bedeutenden gesundheitspolitischen Anliegen der sozialdemokratischen Stadtregierung.

Am 28. Mai 1943 reicht Max Frisch seinen Entwurf ein, drei Tage vor Eingabeschluss. Sein Projekt gewinnt gegen eine starke Konkurrenz von 64 weiteren Eingaben, unter denen auch namhafte Architekten wie etwa Max Ernst Haefeli und Werner Max Moser, die Erbauer des Allenmoos-Bades, sind. Die Jury, der ebenfalls namhafte Personen angehören, unter anderem Hans Hofmann und Gustav Ammann, zwei prägende Gestalter der Landesausstellung 1939, setzt Frischs Projekt einstimmig auf den ersten Platz. Das Projekt ist ambitioniert, in grossen Massen ausgelegt – und das muss es auch, ist es doch für einen Stadtteil mit 80’000 Einwohner ausgelegt.

Noch ist nicht alles bereit für den Bau. Schon in den Vierzigerjahren, scheint es, waren die Zürcher Freunde der verzögernden Intervention. Der städtische Verband für Leibesübungen schreitet ein, sie hat militärische Ambitionen: “Die Armee verlangt Soldaten, die schwimmen können, doch die Stadt Zürich kennt heute noch die Bedürfnisse von Schwimm- und Wehrsport nicht.” Durch diese Intervention kommt das Freibad Letzigraben schliesslich zu seinem Markenzeichen, dem weit aus der Landschaft ragenden 10-Meter-Springturm.

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Historische Aufnahme: Hauptbecken des Freibads Letzigraben mit 10-Meter-Springturm.

Bis Dezember 1944 überarbeitet Frisch das Projekt, macht die definitive Kostenaufstellung. Mit 4,5 Millionen Franken liegt sie gut 2 Millionen über dem veranschlagten Budget. Eine weitere Überarbeitung ist nötig. Im Mai 1945 wurden die erforderlichen Einsparungen eingeplant, im Mai 1946 bewilligen die Stimmberechtigten den Kredit von letztlich doch 3,84 Millionen Franken, im August 1947 endlich ist Baubeginn, knapp fünf Jahre nach der ersten Ausschreibung. Inzwischen ist der Weltkrieg vorbei und Frisch hat, während sein architektonisches Projekt der Ausführung harrte, wieder mit dem Schreiben begonnen: Romane, Tagebücher und vor allem Theaterstücke.

“Eine Zeit lang geht beides nebeneinander, der Bau und die Proben auf der Bühne. Um acht Uhr ins Büro; um zehn Uhr fahre ich ins Schauspielhaus zu den Proben, sitze als Laie im Parkett und höre. Wenn die Schauspieler nach Hause gehen, um Texte zu lernen, fahre ich zur Baustelle und sehe, wie sie den Sprungturm ausschalen, anderswo Platten verlegen, wie der Schreiner endlich seine Werkstattarbeit bringt und einpasst. Da klappt nicht alles, sowenig wie bei den Proben im Schauspielhaus. Verkörperlichung dort wie hier. Zwar bewerkstelligen es die andern, trotzdem habe ich das Gefühl, Hände zu haben. Es entsteht etwas.”

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Frischs überarbeiteter Entwurf vom 25.12.1945

Fotografien von der Baustelle:

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Der Architekt auf der Baustelle, 1949.

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Max Frisch (r.) auf der Baustelle mit Bertolt Brecht, 1949: “Von allen, die ich bisher durch die Bauten geführt habe, ist Brecht der weitaus dankbarste, wissbegierig, ein Könner im Fragen” (Tagebuch 1946-49, 637).

Im Juni 1949 sind die Bauarbeiten schliesslich beendet, der schon erwähnte Gustav Ammann steuerte die Gartenanlage bei. Heute steht das Freibad Letzigraben – oder: Max-Frisch-Bad – unter Denkmalschutz, 2006/07 wurde es einer Gesamtsanierung unterzogen.

In Max Frischs Leben hat der Bau der Badeanstalt, nicht nur als einzig bleibender Markstein seiner Architektenlaufbahn, einen wichtigen Stellenwert. Verzweifelt ob der schrecklichen Zerstörung des Krieges, die er unter anderem im April 1946 während einer Reise durch Deutschland erlebt, kommen ihm grosse Zweifel, am Schreiben, an der Schweiz, am Lauf der Welt. Der Arbeitsbeginn im August 1947 gibt einen gewissen Halt, lässt ihn Zuversicht schöpfen. Im Hinblick auf die Geschichte des Letzigraben-Areals schreibt er:

“Vor hundert Jahren war hier der Galgenhügel und weiter drüben ist es das alte Pulverhaus, das sie eben abbrechen; fast lautlos stürzen die alten Mauern, verschwinden in einer Wolke von steigendem Staub – Wären es die Pulverhäuser aller Welt!”

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Der Restaurantpavillon: Wenige Meter neben dem ehemaligen Galgen, an dem noch bis 1810 die Verurteilten gehängt wurden.

Der Tonfall seiner Reisebeschreibungen verändert sich, Architektur rückt allerorten ins Zentrum, die Arbeit an neuen Projekten symbolisiert ihm die Überwindung von Krieg und Zerstörung. Am Tag der Eröffnung, dem 18. Juni 1949, notiert er ins Tagebuch:

“Heute Samstag ist die Anlage eröffnet worden. Sonniges Wetter und viel Volk. Sie schwimmen, springen von den Türmen. Die Rasen sind voll von Menschen, halb nackt und halb bunt, und es ist etwas wie ein wirkliches Fest.”


Die Informationen und Bildquellen dieses Artikels sind folgenden Quellen entnommen:

Bindner, Ulrich/ Geering, Pierre (Hg.) Freibad Letzigraben von Max Frisch und Gustav Ammann. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung 2007.

Hage, Volker (Hg.) Max Frisch. Sein Leben in Bildern und Texten. Berlin: Suhrkamp 2011.

Obschlager, Walter. “Wären es die Pulverhäuser aller Welt”. Gedanken zum Bau des Letzibades von Max Frisch. In: NZZ 6.8.2011 (online)

Rückblick: Bücherapéro Bibliothek Oberrieden 8. April 2015

Vorige Woche hatten wir wieder das Vergnügen anlässlich eines Bücherapéros in der Bibliothek Oberrieden (Zürich) ausgewählte Neuerscheinungen vorzustellen.

An dieser Stelle möchten wir uns noch einmal bei allen Anwesenden für ihr Interesse und beim Bibliotheksteam für die Einladung bedanken. Merci!

Neben einigen fotografischen Eindrücken findet ihr hier noch einmal die Liste der vorgestellten Titel mit Links zu den Verlagsseiten und unseren Rezensionen.

bücherapero

Autor Titel Verlag Jahr Links
Ackrill, Ursula Zeiden, im Januar Wagenbach 2015 Rezension Verlag
Friedmann, Alexandra Besserland Graf 2014 Rezension Verlag
Geiger, Arno Selbstporträt mit Flusspferd Hanser 2015 Verlag
Gundar-Goshen, Ayelet Löwen wecken Kein & Aber 2015 Rezension Verlag
Hermann, Elisabeth Der Schneegänger Goldmann 2015 Verlag
Lemaitre, Pierre Wir sehen uns dort oben Klett-Cotta 2014 (2013) Rezension Verlag
Loke, Lilian Gold in den Strassen Hoffmann & Campe 2015 Rezension Verlag
Lustiger, Gila Die Schuld der anderen Berlin-Verlag 2015 Rezension Verlag
Mendoza, Eduardo Der Walfisch Nagel & Kimche 2015 (2009) Rezension Verlag
Pulkkinen, Riikka Die Ruhelose List 2014 (2006) Rezension Verlag
Raab, Thomas Still. Chronik eines Mörders Droemer 2015 Verlag
Reichlin, Linus In einem anderen Leben Galiani 2014 Verlag

Hoffentlich konnten wir reichlich Anregungen geben und Euch für den einen oder anderen dieser Titel begeistern. 

Wir wünschen viel Spass bei der Lektüre und senden unsere besten Wünschen für einen ebenso sonnen- wie bücherreichen Sommer!

Rezension: Benjamin Stein – Replay (dtv 2015 [2012])

Orwell für die Generation Assange: Weil er in den drei Jahren, die seit seiner Entstehung vergangen sind, nichts an Aktualität eingebüsst hat, wird Benjamin Steins (gar nicht mal so) utopischer Roman über eine Gesellschaft der totalen Transparenz jetzt bei dtv neu aufgelegt. Wir müssen uns fragen: Blinken auch hinter unseren Schläfen bald blaue Lichter?

Replay

Aus dem Bedürfnis heraus “teilnehmen zu können an dieser Kommunikation der grossen Geheimnisse”, das in ihm während des Bar-Mitzwa-Unterrichts reift, wird der junge Ed Rosen Softwareentwickler (er nennt es: “Codierknecht”) einer aufstrebenden Firma im kalifornischen Silicon Valley. Selbst entstellt durch ein unbewegliches rechtes Auge, das ihm räumliches Sehen verunmöglicht, ist er Experte für Softwaresysteme, die versuchen zwischen “organischem Nervengewebe und anorganischen, nervenähnlich arbeitenden Systemen” Verbindungen herzustellen.

Vom ersten Tag an hat Ed eine besondere Verbindung zum mysteriösen, guruartigen Chef des Unternehmens, dem chilenischen Neurobiologen Matana (der teilweise nach dem realen Vorbild Humberto Maturana modelliert wurde). Seiner Firma hat dieser ein Logo verpasst – ein Paar weit geöffneter Augen -, das bezeichnend ist für seine ambitionierte Vision: Die Blinden sehend machen.

Ed entwickelt im Auftrag ein ausgefuchstes Implantat, das er selbst als Erster testet: das UniCom. Dieses Gerät, das ins Auge eingesetzt wird, zeichnet alles, was sein Träger sieht, auf und erlaubt es dadurch nicht nur Erinnerungen später beliebig oft abzuspielen, sondern etwa auch diese um zusätzliche Elemente zu ergänzen. Die Konsequenz ist so simpel wie schockierend: “Keine Erinnerung geht mir verloren, die ich nicht selbst verloren gebe.” Weitere Funktionen kommen hinzu, das Implantat wird zum Supercomputer, ist Pass, Fahrausweis, Fernseher, Kamera und Nachrichtenübermittler zugleich.


“Die Corporation ging auf Shopping-Tour: Filmstudios, TV-Networks und Patente für Technologien, die sich bis dahin nicht hatten durchsetzen können, in Verbindung mit dem UniCom aber doch noch zu ihrer eigentlichen Bestimmung fanden. Sprach- und Bilderkennung, auf beliebige Flächen projizierbare Tastaturen, an die Augenbewegungen gekoppelte Zeigegeräte, die eine herkömmliche Computermaus ersetzen konnten – das alles holte Matana unter das Dach der Corporation, die es ins UniCom integrierte. Das Implantat wurde zum universellen mobilen Computer, der so gut wie nichts wog, den man immer dabei hatte und der permanent auf Empfang war, verbunden mit der gesamten digitalen Welt.”

Innerhalb kurzer Zeit entwickelt sich das UniCom zum globalen Hit und zum unabdingbaren Bestandteil des Alltags für 70 % der amerikanischen Bevölkerung. Die “Corporation”, wie Ed die Firma nennt, der er nun sein ganzes Leben verschrieben hat, steigt zur mächtigsten Organisation des Landes auf. Auf der anderen Seite wird, wer kein UniCom tragen will bald zum “Anonymen”, zu einem ausgestossenen Individuum, dem alle Privilegien des gesellschaftlichen Lebens abhanden kommen. Ed freilich bringt kein Verständnis für die Verweigerer auf. Er sagt: “Wir unterdrücken nicht. Wir sind Dienstleister, helfen und unterhalten.”. Oder: “Aus welchem Grund sollte jemand anonym bleiben wollen, wenn er nichts zu verbergen hat?” Dass es keine Möglichkeit gibt, das Gerät, dessen Leuchtdioden hinter den Schläfen im Halbminutentakt blau aufleuchten, abzuschalten, spielt er herunter. Es gebe Probleme, sagt er, die von einer Gesellschaft als solche erkannt, aber dennoch akzeptiert würden. Was die Anonymen – ihr Sprecher ist tatsächlich Julian Assange – als “tyrannisches Zwangssystem” empfinden, nennt Rosen ein “Gebot der öffentlichen Sicherheitsinteressen”.

Steins Entscheidung, den Entwickler, ersten Träger und grossen Profiteur des ominösen UniCom, als Erzähler fungieren zu lassen, ist erstaunlich. Entscheidend ist, dass dadurch spannende Fragen, wie die Auswirkungen der UniCom-Gesellschaft etwa auf die Politik oder das kapitalistische Wirtschaftssystem unterschlagen oder nur am Rande angeschnitten werden. Intensiver widmet sich Ed den Nacherzählungen erotischer Abenteuer, die er mit seiner Freundin Katelyn und der Asiatin Lian erlebt hat; Abenteuer, die bisweilen gerade durch die neuen Möglichkeiten des UniCom prickelnde neue Dimensionen gewannen. Für ihn sind die Technologie und seine hingebungsvolle Arbeit daran die “reinste Form vollständiger Freiheit”. So ist es dem Leser überlassen, die Gegenseite weiterzudenken, sich die weitreichenden negativeren Folgen einer solchen neuen Macht für eine Gesellschaft auszumalen. Einerseits wundert man sich ob manch einer Lücke, andererseits ist die Perspektive erfrischend, da sie den Text der Gefahr enthebt, reiner Thesenroman zu sein.

Einigen stilistischen Missgriffen – exemplarisch sei die Überstrapazierung des Motivs Hirtengott Pan erwähnt – zum Trotz, ist Benjamin Steins “Replay” ein Roman, der auf geschickte Weise Problemfelder anspricht, die teilweise nicht einmal mehr als utopisch (bzw. dystopisch), sondern als Angelegenheiten mit explizitem Gegenwartsbezug gelten können. Die Gesellschaft totaler Transparenz ist nicht fern, ihre Gefahren sind evident. Matana erkennt es korrekt: Macht entsteht durch Unterwerfung. Unterwirft sich eine Gesellschaft einer neuen Technologie, ohne sie zu hinterfragen, verschiebt sich die Macht automatisch auf die Seite derer, die diese Technologie besitzen. In Zusammenhang mit dem Zitat, das Stein dem Text voranschickt, ergibt sich daraus ein beängstigendes Szenario. Der französische Regierungssprecher François Baroin sagte 2010 nach der WikiLeaks-Affäre: “Ich war immer davon überzeugt, dass eine transparente Gesellschaft auch eine totalitäre Gesellschaft ist.” Es ist wichtig, im Umgang mit persönlichen Daten im virtuellen Raum hin und wieder an diese Tatsache zu denken.


Weiterführend: Auf seinem Blog Turmsegler hat Benjamin Stein ab 2009 in der Kategorie ‘Replay’ Materialien, die in direktem Zusammenhang mit dem Roman und seinen Themenfeldern stehen, gesammelt. Ausserdem finden sich Links zu Interviews und etliche Auszüge aus Rezensionen.

Stein, Benjamin. Replay. München: dtv 2015. Taschenbuch, 176 Seiten. 978-3-423-14396-7

Rezension: Leta Semadeni – Tamangur (Rotpunkt 2015)

Die preisgekrönte Graubündner Lyrikerin Leta Semadeni legt mit “Tamangur” ihren ersten Roman vor. Wobei die Gattungsbezeichnung nicht zutrifft, handelt es sich doch vielmehr um eine Serie von Momentaufnahmen in bild- und metaphernreicher lyrischer Prosa. In ihrem Zentrum: Eine Lebensgemeinschaft von Grossmutter und Kind und der Erinnerung an den Grossvater, der nach Tamangur gegangen ist. 

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Leta Semadeni (*1944) hat schon mehrere Gedichtbände veröffentlicht, deren Texte jeweils in deutscher Sprache und im rätoromanischen Idiom Vallader gedruckt sind. Semadeni fungierte dabei jeweils als ihre eigene Übersetzerin, zuhause fühlt sie sich in beiden Sprachen. Der Band “In mia vita da vuolp / In meinem Leben als Fuchs” (2011) fand grosses Echo und wurde unter anderem mit dem Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung ausgezeichnet. Als Lyrikerin vermochte Leta Semadeni so schon verdienstvolle Beiträge zum Zusammenwirken des Deutschen und des Rätoromanischen beisteuern. Wenig erstaunlich erscheint es vor diesem Hintergrund, dass sich die Autorin für ihr erstes Prosastück einen Titel ausgesucht hat, dem in der politischen Geschichte des Rätoromanischen eine symbolkräftige Rolle zufällt: Tamangur.

Tamangur ist ein entlegenes, rohes Moor- und Arvenwaldgebiet in den Bündner Alpen oberhalb des Dorfes Scuol, in dem Semadeni zur Welt kam. Unter anderem in Werken des Dichters Peider Lansel wurde die Hartnäckigkeit  und Überlebenskraft dieser Landschaft zum Symbol für den Kampf, den die rätoromanische Gemeinschaft auszufechten hatte, bis ihre Sprache 1938 letztlich zur offiziellen Landessprache erhoben wurde. In Leta Semadenis Text freilich ist Tamangur nicht (nur) realer Ort, sondern insbesondere der Übername des christlichen Himmelreichs.

In diesem befindet sich der namenlose Grossvater, ein Jäger, der eine namenlose Grossmutter und ihre ebenso namenlose Enkelin auf der Erde zurückgelassen hat. Die beiden leben zusammen im Dorf, ja sie halten sich gegenseitig am leben. Dass die Protagonistinnen keine Eigennamen tragen, weist darauf hin, dass die Autorin von etwas Allgemeinem sprechen möchte, von etwas Abstraktem, das die individuelle Lebensgeschichte übersteigt. So liest sich “Tamangur” denn auch nicht als Erzählung mit klaren Entwicklungslinien, sondern als eine bild- und metaphernreiche Serie von Momentaufnahmen (73 Kapitel auf 143 Seiten!).


“Es kommt vor, selten zwar, aber es kommt vor, dass auch die Grossmutter zu tief ins Glas schaut. Dann sagt sie zum Kind:
Ich rede dummes Zeug, hör nicht auf das, was ich sage.
Wenn sie zu tief ins Glas schaut, muss sie unbedingt auch eine der Toscani rauchen, die der Grossvater zurückgelassen hat.
Das gehört dazu, sagt sie, wenn schon, denn schon. Sündigen soll man nicht zu knapp, es würde den Aufwand nicht lohnen.
Auch ihre Seele muss von Zeit zu Zeit mit der Kaminfegerbürste kräftig durchgebürstet werden.
Man muss schliesslich ein paar böse Gedanken und Wörter loswerden, und das geht am besten, wenn man zu tief ins Glas schaut, sagt die Grossmutter. Den Kleiderschrank entrümpelt man ja auch von Zeit zu Zeit.”

Das Personal um Grossmutter und Kind bildet einerseits der tote Grossvater, der als Erinnerung alles Dasein der beiden Frauen dominiert, andererseits vorwiegend von Elsa, eine der Realität leicht entrückte Frau aus der Nachbarschaft, die gerne einmal Elvis Presley zum Abendessen mitbringt. Ausserdem sind da Tiere: eine einzelgängerische Ziege, ein Hund, ein Fuchs, der eigentlich eine verzauberte Frau ist. Einige dieser Motive wurden von Leta Semadeni früher bereits in Gedichten aufgegriffen, in denen es von Tieren häufig nur so wimmelt. In einer rustikalen Manier, in der durch weite Reisen erworbene Weltgewandtheit, hinterwäldlerischer Aberglaube und eine melancholische Sehnsucht zusammenfinden, erklärt die Grossmutter das Leben,  seine Abgründe und seine Freuden, kaum je um eine Weisheit verlegen.

Läse man “Tamangur” als Roman, bliebe ein ziemlich unbefriedigender Nachgeschmack. Es gibt wenige klar nachvollziehbare Entwicklungen und viele Lücken (Was, zum Beispiel, hat es explizit mit dem Fortgehen der Eltern des Kindes auf sich?). Leta Semadeni pflegt eine sehr einfache, klare Sprache, die nicht Geschehnisse beschreibt, sondern Bilder entstehen lässt. Nimmt man das Buch dementsprechend als eine Sammlung lose zusammenhängender Miniaturen an, zur Prosa verdichtete Schnappschüsse aus einem Dorfleben, die gar nicht zwingend in der vorgegebenen Reihenfolge gelesen werden müssen, ist die Lektüre durchaus bereichernd und manch lyrisches Kleinod kann daraus gehoben werden.

Semadeni, Leta. Tamangur. Zürich: Rotpunkt 2015. 144 S., gebunden. 978-3-85869-641-0


Weiterführend:

Aktuelles Interview (6.3.2015) mit Leta Semadeni, die sich bis zum 3.4.2015 auf Einladung von Pro Helvetia im Deutschen Haus in New York aufhielt.

Am 14. April um 18 Uhr findet in der Kantonsbibliothek in Chur die Buchvernissage mit Leta Semadeni und Angelika Overath statt.