Rezension: Edith Pearlman – Honeydew (Ullstein 2015)

Als Alice Munro 2013 den Nobelpreis für Literatur erhielt, wurde das Interesse auch der europäischen Öffentlichkeit auf eine Textform gelenkt, die hier zu einem Dasein im Schatten des Romans verdammt ist: die Kurzgeschichte. Munros perfektionierte Miniaturen verschafften auch anderen Autorinnen des Genres Aufmerksamkeit.

honeydew

Eine von ihnen ist Edith Pearlman (*1936), die seit mehreren Jahrzehnten Kurzgeschichten verfasst, jedoch erst mit dem Sammelband “Binocular Vision” (2011) in Amerika grössere Bekanntheit erlangte. Eine Nomination für den National Book Award for Fiction war dabei die Krönung des Lobes. Mit ihrem aktuellen, satte 20 Erzählungen fassenden Sammelband  “Honeydew” findet sie nun auch ihren Weg auf den deutschsprachigen Markt. Später Ruhm für eine Autorin, die einmal gesagt hat, es sei sehr wichtig für Schriftsteller, unbemerkt zu bleiben.

“Honeydew” – Honigtau – ist eine geschönte Bezeichnung für die Exkremente bestimmter Insekten, die “als den Boden bedeckender feiner Frost mit einem Geschmack von Honig” beschrieben wird. Honigtau sei das, was in der Bibel als Manna – das Wunder Gottes für die hungernden Anhänger Moses’ – empfangen werde. So zumindest erklärt es in der titelgebenden Erzählung, das magersüchtige Mädchen Emily, das seine überragende Intelligenz dem Studium von Insekten widmet, unter denen sie vor allem Ameisen für dem Menschen überlegene Wesen hält.

Ein scheinbar göttliches Zeichen, das in Tat und Wahrheit nichts anderes ist, als die Ausscheidung eines Ungeziefers: In dieser starken Metapher kommt zum Ausdruck, was vielen von Pearlmans Geschichten zugrunde liegt. Nämlich die Enttarnung naiv-verklärter Illusionen, hinter denen sich oft nichts als lapidare Alltäglichkeit verbirgt.

“Nachts sind alle Katzen grau” sagt in einem der besten dieser Texte – “Drei Richtige” – eine Mutter zu ihrer neunzehnjährigen Tochter und deren Freundinnen, die in Träumen vom perfekten Ehemann schwelgen. Schliesslich überzeugt sie die Mädchen, die Namen von zwölf Jungen auf Zettel zu schreiben und eine Liebeslotterie zu veranstalten. Der gezogene Junge soll danach erobert, im besten Falle geheiratet werden. Die Mutter sagt:

“Ihr werdet sehr glücklich sein. Oder sagen wir glücklich. Glücklich genug.”
“Glücklich genug?”
“Glücklich genug”, wiederholte Sallyanns Mutter für die Prinzessin. “Das ist mehr, als andere Menschen gewährt bekommen.””

Edith Pearlman erzählt davon, was vom Leben, von der Liebe, vom Glück übrigbleibt, nachdem sie von allen romantischen Illusionen, allen Traumgespinste und aller Theatralik entbunden wurden. Viele dieser Geschichten machen Frauen in einem Alter zwischen fünfzig und sechzig zu Protagonistinnen. Geschiedene Frauen, einsame Frauen. Eine Schuldirektorin, die eine Affäre mit dem Vater einer Schülerin hat (“Honeydew”). Eine sich wohltätig engagierende Frau, die erst dank einem Mädchen, das in der Organisation über ihre Genitalverstümmelung berichtet, zu sich selbst und zur Liebe findet (“Was die Axt vergisst, daran erinnert sich der Baum”). Eine Fusspflegerin, die ihren Kunden Hornhaut und Lebensbeichten abnimmt (“Zartfuss”).

Viele dieser Geschichten sind Geschichten über Körper. Oftmals befinden sich die Figuren in intimen Situationen – jedoch bei weitem nicht immer sexuell -, sie wirken verunsichert, sich ihres Platzes in der Welt nicht gewiss. Manchmal werden die Körperfunktionen als Metaphern verwendet, etwa beim jungen Lyle (“Erst mal sehen”), dessen Augen ihm pentachromatisches Sehen ermöglichen. Das heisst konkret: er nimmt wesentlich mehr Farben und Nuancen wahr als die meisten anderen Menschen. Was zunächst als Gabe erscheinen mag, wird in dieser Geschichte, die ebenfalls zu den besten der Auswahl gehört, zu einer Bürde, mit der Lyle nicht leben will.

Topographisch sind die meisten der Erzählungen in der fikitiven Kleinstadt Godolphin, Massachusetts, verankert, die vermutlich nach Pearlmans Wohnort Brookline, Mass., geformt ist. Thematisch und literarisch schöpft die Autorin aus dem reichhaltigen Erfahrungsschatz, den ihre fast 80 Jahre hergeben. Die zwanzig in “Honeydew” vereinten Geschichten – zwischen sechs und fünfundzwanzig Seiten in der Länge – sind nicht alle von gleicher Qualität. Einige sind bloss nett, einige wenige gar etwas richtungslos (“Traumkinder”). Jedoch sind genügend hervorragende, lange nachhallende Texte vorhanden, um die Anschaffung der ganzen Sammlung zu rechtfertigen.

Ob Edith Pearlman die “beste Erzählerin der Welt” ist, wie das dankbare The-Times-Zitat auf dem Buchrücken verkündet, ist zu bezweifeln. In ihren besten Moment ist sie aber auf jeden Fall eine Meisterin ihres Fachs, der es stilistisch gelingt, mit Leichtigkeit von schmuckloser Beschreibung zu barocker Üppigkeit zu wechseln, und ganze Welten auf wenigen Seiten plastisch erlebbar zu machen.

Pearlman, Edith. Honeydew. Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel. Berlin: Ullstein 2015. 320 S., Leineneinband. 9783550080999.

Rezension: Guillaume Musso – Nacht im Central Park (Piper, 2015)

Wunden, die nach mehreren Jahren erneut aufreissen, sind umso schmerzhafter. Vielleicht sollen sie aber auch nur etwas anderen, tiefer liegendes überdecken… Guillaume Musso verbindet in seinem neusten Roman gekonnt eine brillant-rasante Erzählung mit fragilen Themen der Gesellschaft. 

REZENSION VON ANNINA HALLER 

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Wie gelangt man über Nacht von Paris nach New York in den Central Park? Und dazu auch noch bewusstlos, blutverschmiert, ohne Geld und Papiere sowie mit Handschellen an einen Mann gekettet, der einem fremd ist? Genau das muss sich Alice Schäfer fragen.

Guillaume Mussos Protagonistin wacht auf einer Bank auf, geweckt vom schneidenden Wind, der sie frösteln lässt.  Wie sie hierhin gekommen ist und vor allem wieso sie an diesen Mann gekettet ist, weiss sie nicht. Alice erinnert sich, am Abend zuvor mit ihren Freundinnen auf den Champs-Élysées ausgegangen zu sein. Sie muss sich also irgendwo in einem Park in oder um Paris befinden. Diese Schlussfolgerung passt jedoch gar nicht zur Geschichte des Mannes, der sich als Gabriel Keyne vorstellt. Der Jazzpianist aus Amerika behauptet, er habe am Abend zuvor einen Auftritt in Dublin gehabt und ist daher der festen Überzeugung, irgendwo in Irland sein zu müssen. Aber wer hat denn nun Recht?

Wie sich bald herausstellt, liegen beide falsch, denn sie befinden sich – wie der Titel des Romans schon zu Beginn verrät – in New York im Central Park. Wer treibt ein falsches Spiel mit Alice und Gabriel? Wer hat sie aneinander gekettet und in so kurzer Zeit nach Amerika gebracht? Und kann Alice diesem Gabriel überhaupt vertrauen? Und doch steckt er ja mit ihr in dieser verzwickten Situation. So setzen die beiden wohl oder übel alles daran, gemeinsam herauszufinden, was passiert ist. Das ist jedoch leichter gesagt als getan, haben sie doch weder Geld, Papiere noch Handys bei sich. Und Alice befürchtet gar, dass sie sich strafbar gemacht haben und deswegen gesucht werden könnten. Immerhin befindet sich auf ihrer Bluse Blut, das nicht ihr eigenes ist.

Da sich Alice und Gabriel keine bessere Möglichkeit ausdenken können, um an ein Handy oder ein Fortbewegungsmittel zu kommen, stehlen sie bald beides. Und das bleibt von der Polizei nicht unbemerkt. Schon auf den ersten hundert Seiten liefert Guillaume Musso dem Leser eine schnelllebige Verfolgungsjagd durch Manhattan. Er zeigt hier eine seiner Stärken: Einer eigentlich kurzen Zeit widmet Musso sehr viele Seiten – und trotzdem vergeudet er keine Worte für unnötige Beschreibungen. Die Szenen gerade zu Beginn von Nacht im Central Park werden dadurch unglaublich lebendig und langweilig wird dem Leser nie.

Guillaume Musso bleibt aber keineswegs in der Gegenwart stehen. Zwischendurch lässt er Alice immer wieder in ihre eigene Vergangenheit blicken und zeigt dem Leser ihre schwierige Vergangenheit: In nur einer tragischen Nacht verliert Alice ihr ungeborenes Kind und ihren Mann: Alice gerät während einer Ermittlung selbst an den mutmasslichen Serienmörder. Obwohl sie sich als Hochschwangere eigentlich aus den Ermittlungen raushalten sollte, treiben Alices Hartnäckigkeit und ihre unerschrockene Art genau in seine Arme. Fast wird Alice zum jüngsten Opfer des gesuchten Mörders, doch das Baby in ihrem Bauch verhindert tragischerweise, dass das verwendete Messer Alices Organe trifft. Mit schweren Stichverletzungen wird sie in die Notaufnahme gebracht. Ihr Mann – selbst ein Arzt – wird informiert und macht sich unverzüglich auf den Weg. Ein Unfall stoppt ihn jedoch mitten auf dem Weg von seinem Vorhaben…

Alices emotionale Wunden werden drei Jahre später wieder aufgerissen, während sie sich mit Gabriel auf die Suche nach Antworten begibt. Diese Suche führt sie nämlich wieder auf die Fährte desselben Serienmörders. Gabriel ist Alice dabei nach gewissen Anfangsschwierigkeiten eine unerwartet grosse Hilfe in ihren Ermittlungen. Verbirgt sich hinter diesem Mann wohl auch mehr als ein Musiker?

Mussos neuster Roman überzeugt erneut durch einen rasanten Lesespass. Den Leser erwartet eine spannende Lektüre mit zahlreichen halsbrecherischen Wendungen. Die Auflösung am Schluss mag zu schnell und für gewisse Geschmäcker etwas konstruiert daherkommen. Dennoch sorgt das Unvorhersehbare dieses Endes für die zufriedenstellende Abrundung eines angenehmen sowie umso spannenderen Lesegenusses. Guillaume Musso zeigt, dass einen nicht nur die Vergangenheit einholen kann, sondern manchmal auch die Gegenwart. Begibt man sich an den Anfang des Buches, eröffnet sich einem dadurch auch die Bedeutung des dort aufgeführten Zitats von William Somerset Maugham:

Die Dinge, die einem entgehen, sind von grösserem Wert als die Dinge, die man besitzt.

Musso, Guillaume. Nacht im Central Park. Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn, Bettina Runge. München: Piper 2015. 384 S., Klappenbroschur. 978-3-86612-378-6 

Rezension: Anne Köhler – Ich bin gleich da (DuMont, 2015)

Erlesene Kulinarik und eine recht ungewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte verbindet die deutsche Autorin in Anne Köhler in ihrem Debüt zum sensiblen Portrait einer jungen Frau, die die Balance finden muss zwischen dem, was sein könnte, und dem, was unwiderruflich gewesen ist. 

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Elsa ist vierundzwanzig, hat eine Lehre als Köchin absolviert, ist nun in einem XXL-Schuppen in Hildesheim gelandet, wo es alleine auf die Quantität der Portionen ankommt. Frische Zutaten kennt diese Küche nicht, Qualität interessiert weder den permanent aggressiven Chef noch die Kundschaft. Elsa aber stört das nicht – redet sie sich ein -, denn die Hektik einer Küche, egal welcher Art, gibt ihr einen Rhythmus vor, eine klar definierte Rolle, innerhalb derer sie funktionieren kann. DIe Küche schützt sie vor der unerträglichen Stille der Welt.

Und wenn sie keine Lust mehr hat, zieht sie eine Stadt weiter, nimmt den nächsten Job an. Wie sie das seit neun Jahren schon macht – immer auf dem Weg nach Norden, in Richtung Meer. Mit fünfzehn Jahren ist sie von zuhause weggelaufen, um ihre Lehre zu beginnen. Nach dem überraschenden frühen Tod des Vaters hat sie die bedrückende Enge des Dorfes Weidenheim nicht mehr ausgehalten, hat ihren älteren Bruder David und ihre Mutter Ursel verlassen und ist losgezogen.

Nun aber, in Hildesheim, wo sie sich das Bett mit einem Arbeitskollegen teilt – auch das eine Angewohnheit, die sie von Stadt zu Stadt wieder aufnimmt -, wird ihr klar, dass es ein Ende haben muss. Elsa verlässt die Stadt überstürzt und reist nach Sylt, wo sie zum ersten Mal das Meer sieht. Und in ihm nicht die erhoffte Erlösung findet. Also zieht sie ein Stückchen weiter nach Hamburg.

Hier begegnet sie Jan, einem undurchschaubaren jungen Architekten, dessen optimistischer Elan und Hilfsbereitschaft Elsa sofort begeistert. Sie zieht in seine Wohnung ein, beginnt aber, ganz entgegen der Gewohnheit, keine Affäre mit Jan. Auf gut Glück bewirbt sich Elsa nun beim Spitzenrestaurant Brunner und erhält überraschend die Chance, sich in der dortigen Gourmetküche zu bewähren. Das Leben scheint endgültig eine Wendung zum Guten zu nehmen, Elsa ist angekommen: tagsüber in der Hektik der Küche, abends und nachts mit Jan und dem Fotografen Lorenzo in den Bars und Clubs der Stadt. Lust, ihrer Mutter den Wohnortswechsel mitzuteilen hat sie keine.

Doch dann holt die Vergangenheit sie ein: Ursel hatte einen schweren Autounfall und liegt im Koma. Elsa muss zurück nach Weidenheim, wo eine nicht ansprechbare Mutter, ein verärgerter Bruder und jede Menge ungeliebter Erinnerungen auf sie warten…

EIN SCHMACKHAFTES DEBÜT. 

Anne Köhler (*1978) hat jahrelang an ihrem Debütroman gefeilt, hat den Text immer wieder umgeschrieben, überschrieben, neu geschrieben, was teilweise auf ihrer Website dokumentiert ist. In der Küche von Johannes King im Söl’ring Hof auf Sylt hat sie eine Woche lang die Rolle ihrer Protagonistin zwischen Töpfen und Pfannen eingenommen, um die Stimmungen aufzusaugen, die sie beschreiben wollte. Ein lohnenswerter Rechercheaufwand, sind doch gerade die Szenen in den verschiedenen Küchen von grosser Intensität und vermitteln auch dem Leser, der diese Räume aus eigener Erfahrung nicht kennt, einen klaren Blick hinter die Kulissen eines Restaurants. Fehlen lediglich noch die Gerüche…

Mit Elsa, deren Entwicklung das allseits dominierende Thema des Romans ist, hat Anne Köhler eine Figur geschaffen, deren couragierter Ausstieg aus dem Familienleben sie zunächst ins Unglück zu führen scheint, auf eine ewige Reise ohne Wiederkehr und ohne Aufarbeitung des Zurückgelassenen. Es bedarf eines Aufweckens, eines Aufrüttelns aus der selbsterzwungenen Flucht (durch Jan), um sie auf den Weg zu führen, der Geschehenes und Mögliches in eine Balance bringt, die ein Leben ohne ständiges Davonrennen ermöglicht.

Die Autorin beschreibt Elsas Entwicklungen, ihre Gedanken und Gefühle, in einer unaufgeregten einfühlsamen Sprache, die sofort Mitgefühl für die Protagonistin erzeugt, das Bedürfnis, ihr Schutz und Rat zu erteilen. Gerade in der Beschreibung des scheinbar Banalen findet sie die verborgenen Metaphern, die auf grössere existenzielle Zusammenhänge verweisen. Ein schmackhaftes Debüt.

Köhler, Anne. Ich bin gleich da. Köln: DuMont 2015. 352 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8321-9751-3

Rezension: Harry Gmür – Am Stammtisch der Rebellen (Europa-Verlag, 2015)

Harry Gmür (1908-1979): Berner Grossbürgersohn, seit den Dreissigerjahren heimliches Mitglied der Kommunistischen Partei, Gründer der kulturpolitischen Zeitschrift “ABC”, Mitgründer der Partei der Arbeit, Filmverleiher, Alkoholabhängiger, ab 1958 Afrikakorrespondent der Ostberliner Weltbühne unter dem Pseudonym Stefan Miller, in der DDR verehrt, in der Heimat Schweiz jahrzehntelang von der Polizei bespitzelt. – Ein bewegtes, facettenreiches Leben, von dem der Nachwelt nicht nur unzählige Reportagen und politische Kommentare, sondern auch ein umfangreiches Romanmanuskript hinterlassen sind.
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Vor kurzem ist es im Zürcher Europa-Verlag erstmals veröffentlicht worden. “Am Stammtisch der Rebellen” ist als Zeitdokument so unschätzbar wie es als literarisches Zeugnis manchmal ermüdend ist.

Der Text, geschrieben in den Fünfzigerjahren, folgt zunächst dem Maler Alfred Esch. Er ist begeistertes Gewerkschaftsmitglied und bereit, sich mit Leib und Seele einem anstehenden Streik seiner Zunft hinzugeben. Als Schwiegersohn seines Meisters, des arroganten skrupellosen Steinmeyer, steht ihm dies eigentlich nicht zu, doch hält Alfred seine Ideale höher als finanzielle Sicherheit. Er stürzt sich blindlings ins Abenteuer, verlässt Steinmeyers Schwiegertochter und steht bald ohne Frau, ohne Job und ohne Geld auf der Türschwelle seiner Liebschaft, der Prostituierten Doris Fontana.

Gemeinsam sitzen sie in den Trinkstuben der Altstadt, umgeben von alten Säufern, Huren, Revolutionären und Gauklern. Die deutlich antikommunistische Stimmung der Gesellschaft, der unbarmherzige Kampf der Frauen um Selbstbestimmung, das Leid der Armut können hier für einige Stunden ausgesperrt werden: Freiheit, Ewigkeit und Unverletzbarkeit stellen sich beim gemeinsamen Trinken ein.

Um sich und Alfred ein gutes Leben zu ermöglichen schläft Doris ein (angeblich) letztes Mal mit einem reichen früheren Freier. Alfred erträgt dies nicht und verlässt sie. Während an der Stadtgrenze Erna Steinmeyer die Rache an ihrem Mann plant und dieser selbst durch aggressives Verhalten gegenüber Streikbrechern in Schwierigkeiten gerät, schlägt Doris alte neue Wege ein.

“Die Fontana”, so lautete Gmürs Arbeitstitel für das Manuskript, und dies mit gutem Grund, rückt Doris Fontana nun doch endgültig in den Mittelpunkt. Ihr Wankelmut, ihre skrupellose Unbeständigkeit, ihr unverschämtes Verhalten stürzen sie selbst und all die Männer, die ihre Wege kreuzen und ihr verfallen, ins Verderben. Einerseits ist da der naive Millionärserbe Franz Hermann Weber, der sich hoffnungslos in Doris verliebt, ihr alles zu geben bereit ist, und dadurch zu ihrem bevorzugten Opfer wird. Andererseits trifft sie auf den flüchtigen Kriminellen René Falto, der (wieder einmal) ihre wahre Liebe zu sein scheint. Sie gelobt, mit ihm die Flucht ins Ausland, nach Paris, in ein neues Leben anzutreten…

Harry Gmürs Manuskript bietet tiefgreifende Einblicke in das Milieu der Fünfzigerjahre, in die Halbwelt von Prostitution, Alkoholismus, toten Seelen und echten Revolutionären. Der Autor beweist ein feines Gespür für skurrile, von einem Film der Melancholie umgebene Gestalten, deren äussere und innere Beschreibung er jeweils detailreich zelebriert. Gerade die Szenen in den Trinkstuben und jene aus der psychiatrischen Anstalt, in die es Alfred noch verschlägt, sind ausgezeichnet, in einer rauschhaften, der Situation angemessenen Sprache geschrieben. Sie fangen die Wut, die Verzweiflung und den Wunsch nach Freiheit und Gemeinschaft der Beteiligten perfekt ein.

Insgesamt wirkt der Text, so wertvoll er als Zeitdokument auch ist, jedoch gerade auf Grund seiner Sprache etwas ermüdend. Auf über 500 Seiten – von der Edition des Europa-Verlags sogar noch gekürzt – pflegt Gmür eine elaborierte, pathetische, aus heutiger Sicht aber reichlich fremd wirkende Sprache voller erhabener Formulierungen. Da wird der “Geist der Brüderschaft” beschworen, es wird geklagt und gejammert, Herzen klopfen, Hände werden ohnmächtig verworfen. Die Formulierungen sind bisweilen umständlich, wirken heute spröde und veraltet (“Etwas hatte sich jedenfalls geändert. Es war wohl vieles noch zu befürchten, doch durfte er immerhin wiederum hoffen, fähig zu sein, sie zurückzugewinnen.”)

Diese Umstände machen die Lektüre zuweilen etwas anstrengend. Jedoch können auch sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit der Erstveröffentlichung von Harry Gmürs Manuskript ein wichtiges historisches Dokument verfügbar gemacht wird, das wertvolle Einsichten in eine Welt gibt, die, obwohl nicht einmal hundert Jahre entfernt, extrem fremd scheint. Nicht zuletzt die Darstellung der Beziehungen zwischen Arbeitern und Meistern wirkt heute geradezu undenkbar, das revolutionäre Aufbegehren der Handwerker erscheint als einzig logische Konsequenz.

Gmür, Harry. Am Stammtisch der Rebellen. Zürich: Europa-Verlag 2015. 520 S., gebunden m. Schutzumschlag. ISBN 978-3-906272-24-5.


Wer sich für den Politiker und Publizisten Harry Gmür interessiert, dem sei die Biographie von Mario König und Markus Kügi empfohlen: “Harry Gmür – Bürger, Kommunist, Journalist”

Einblicke in das Milieu der Prostituierten in der Zürcher Altstadt, freilich einige Jahrzehnte später, gibt der kürzlich erschienen Lebensbericht der sog. Zora von Zürich, aufgezeichnet von Susanna Schwager: “Freudenfrau”

Zürcher Streifzüge (8): “Ein See, ein Berg und zwei Flüsse!”

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Nach langer, allzu langer Zeit wieder einmal ein Streifzug. Arbeit und Studium haben es mir in letzter Zeit verunmöglicht, längere Beiträge zu recherchieren. Hierfür möchte ich mich bei allen Lesern und Leserinnen, die sich auf meine angekündigte Regelmässigkeit verlassen haben, entschuldigen. Nun aber möglichst schnell hinein ins Getümmel der Zürcher Bahnhofstrasse. Wir schreiben das Jahr 1918….:

BAHNHOFSTRASSE

The eyes that mock me sign the way
Whereto I pass at eve of day,


Grey way whose violet signals are
The trysting and the twining star.


Ah star of evil! star of pain!
Highhearted youth comes not again


Nor old heart’s wisdom yet to know
The signs that mock me as I go.

Sechsunddreissig war er, als er während eines Spaziergangs entlang der Zürcher Bahnhofstrasse zum ersten Mal vom “star of evil” überfallen wurde, vom Grauen Star, jener Augenkrankheit, die ihn für den Rest seines Lebens in stete Sorge um sein Augenlicht versetzte. Und auch später immer wieder nach Zürich zurückführte.

James Joyce.

Kaum ein Autor des Zwanzigsten Jahrhunderts wurde so chirurgisch präzise analysiert, Wort für Wort und Schritt für Schritt seziert wie der Ire James Joyce (1882-1941). So ist es auch kaum verwunderlich, dass seine mehrfachen Aufenthalte in Zürich detailliert untersucht wurden. Die Landkarte der Innenstadt lässt sich mit einem ganzen Netz von Joyce-bezogenen Orten überziehen, ein mehrtägiger Aufenthalt in Zürich könnte einzig dazu verwendet werden, diese Erinnerungsorte aufzusuchen.  Man sehe selbst:

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Die Wohnorte: 1. Gasthaus Hoffnung, Reitergasse 16 (Oktober 1904 & Juni/Juli 1915), 2. Reinhardstrasse 7 (7. Juli – 15. Oktober 1915), 3. Kreuzstrasse 19 (15. Oktober 1915 – 31. März 1916), 4. Seefeldstrasse 54 (31. März 1916 – 30. Januar 1917), 5. Seefeldstrasse 73 (30. Januar – 12. Oktober 1917), 6. & 7. Universitätsstrasse 38 bzw. 29 (Januar 1918 – 15. Oktober 1919), 8. Hotel St. Gotthard (18.April – 15. Juni 1930 & 16. Juli – 13. August 1933), 9. Hotel Carlton Elite (7 Aufenthalte zw. 1930 und 1938), 10. Mühlebachstrasse 69 (17. Dezember 1940 – 10. Januar 1941).
Die Aufenthaltsorte: A. Cafe/Restaurant Pfauen, Heimplatz, B. Restaurant Augustiner, Augustinergasse 25, C. Zunfthaus zur Zimmerleuten, Limmatquai 40, D. Kronenhalle, Rämistrasse 4, E. Theatersaal Kaufleuten, Pelikanstrasse 18, F. Ehem. Augenklinik, Rämistrasse 73 (heute Kunsthist. Institut der Uni Zürich).

I. Ulysses: 1915-1919

Die wichtigste und meisterinnerte Zürcher Zeit von Joyce sind die Jahre des Ersten Weltkriegs. 1915 lebte Joyce bereits seit elf Jahren auf dem europäischen Festland, genauer in Triest. Mit seiner Frau Nora und den beiden Kindern George (*1905) und Lucia (*1907) verlässt er am 28. Juni das Exil, um sich ein neues zu suchen. Die Einreise in die Schweiz klappt problemlos, der erste Aufenthalt in Zürich – im selben Gasthof wie bereits 1904! – wirkt scheinbar zufällig. “Weil es die erste grössere Stadt nach der Grenze war”, schreibt er an seine spätere Mäzenin Harriet Shaw Weaver. Er sollte bis im Oktober 1919 nicht mehr abreisen.

Diese Jahre waren einerseits geprägt von vielen Wohnortswechseln – sieben insgesamt – und finanziellen Schwierigkeiten. Die vierköpfige Familie konnte mit den Einnahmen aus James’ Privatstunden nicht überleben und hielt sich nur dank unterschiedlicher Zuwendungen und freundschaftlicher Dienste über Wasser. Der treue Freund Ruggiero etwa, vermittelte der Familie die Wohnung an der Seefeldstrasse 73, in der sein kurz zuvor verstorbener Vater gewohnt hatte. Unter den finanziellen Hilfestellungen sind diejenigen von Joyces Mäzeninnen Harriet Shaw Weaver und Edith McCormick, einer exzentrischen Rockefeller-Erbin, hervorzuheben, die grosszügige Beträge an den Künstler überwiesen.

Dieses Geld erlaubte es Joyce, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Und Arbeit, das hiess: Ulysses. Dreizehn Kapitel seines monströsen Werks vollendete oder begann Joyce in Zürich, den Rest schrieb er ab 1920 in seiner neuen Heimat Paris. Die Erinnerungskultur fokussiert sich stark auf diese Arbeit, so verlautet etwa die Gedenktafel an der Universitätsstrasse 38: “In diesem Hause wohnte der irische Dichter James Joyce von Januar bis Oktober 1918. Er arbeitete hier an seinem Roman Ulysses.”

Das Haus an der Universitätsstrasse 38 (heute Haldenstrasse 12/14). Joyce wohnte im ersten Stock.

Das Haus an der Universitätsstrasse 38 (heute Haldenstrasse 12/14). Joyce wohnte im ersten Stock.

Am gesellschaftlichen Leben Zürichs nahm Joyce kaum teil. Auch Kontakt zur zur selben Zeit aufkommenden Künstlerbewegung der Dadaisten gab es wohl kaum. Zu den Freunden und Bekannten gehörten der Bankangestellte Paul Ruggiero, der englische Maler Frank Budgen oder die Nachbarin Martha Fleischmann, die Joyce 1919 mit einigen Liebesbriefen (auch auf deutsch!) umgarnte. Viele von ihnen fanden, genau wie viele Zürcher Orte und Anlässe, verborgenen Eingang in den Ulysses oder in Joyces kryptisches Spätwerk “Finnegans Wake”.

II. Medizinisch bedingte Aufenthalte: 1930-1940

Nachdem die Familie 1920 ihren Lebensmittelpunkt nach Paris verlagert hatte, kehrte James Joyce lange Zeit nicht mehr nach Zürich zurück. Erst ab 1930 begannen wieder regelmässige Besuche: einerseits um alte Freundschaften zu pflegen, hauptsächlich aber um sich beim angesehenen Augenarzt Alfred Vogt in Behandlung zu begeben.

“Was für eine Stadt!”, soll Joyce ausgerufen haben, als er nach mehr als zehnjähriger Abwesenheit 1930 wieder in Zürich ankam, “Ein See, ein Berg und zwei Flüsse!” Die zwei Flüsse: sie hatten es ihm schon Jahre zuvor angetan. Der Ort, an dem die beiden Zürcher Fliessgewässer, die Sihl und die Limmat, zusammenfinden, gehörte stets zu seinen Lieblingsplätzen. Hier, am sogenannten Platzspitz, ist eine Serie der bekanntesten Portraitaufnahmen des Autors entstanden.

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James Joyce am Platzspitz. Quelle: joycefoundation.ch 

1934 waren es erneut medizinische Gründe, die James Joyce nach Zürich brachten. Diesmal jedoch war es seine Tochter Lucia, die Hilfe benötigte. Seit Anfang der Dreissigerjahre hatte sich deren Geisteszustand stetig verschlimmert, der Vater war besorgt, reiste mit ihr in die Schweiz, um sie heilen zu lassen. Im Sanatorium von Prangins am Genfersee blieb sie acht erfolglose Monate. Am Tag vor der gemeinsamen Abreise mit James liess sie ihr Zimmer in Flammen aufgehen. Endlich rang Joyce sich durch, seine Tochter in die psychiatrische Klinik Burghölzli in Zürich zu bringen, wo der Psychoanalytiker C.G. Jung sie behandeln sollte. Zwischen Jung und Joyce hatte es, ohne dass sie sich kannten, früher bereits einige Spannungen gegeben, nachdem Jung in einem Vorwort zur deutschen Ausgabe den “Ulysses” angegriffen hatte. Joyce hatte verärgert geantwortet und unter anderem an seinen Übersetzer geschrieben: “Er [Jung] scheint den Ulysses von Anfang bis Ende ohne ein Lächeln durchgelesen zu haben. Das einzige, was man in einem solchen Fall machen kann, ist, sein Getränk zu wechseln.” Es erscheint angesichts dieser ungünstigen Vorzeichen kaum mehr verwunderlich, dass auch Jungs Behandlung von Lucia keine fruchtbaren Ergebnisse hervorbrachte.

III. Der Tod

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs beunruhigte James Joyce in seinem Pariser Exile. Er wusste, er würde nach zwanzig Jahren wieder gezwungen sein, die Heimat zu wechseln. Die unermüdlichen Freunde Ruggiero und Carola Giedion-Welcker setzten sich bei der Schweizer und der Zürcher Politik für eine Einreisegenehmigung ein, die letztlich auch ausgestellt wurde. Am Abend des 17. Dezember 1940 erreicht die Familie Joyce – zu der nun auch Georges Sohn Stephen gehört – die alte Heimat Zürich, sie logiert in der Pension Delphin an der Mühlebachstrasse im Seefeld, ganz nahe einiger alter Wohnsitze. Bei der Familie Giedion wird bald darauf Weihnachten gefeiert, Joyce ist guter Laune, voller Esprit.

Am 9. Januar 1941 lädt Joyce Ruggiero aus Dankbarkeit für dessen unschätzbaren Dienste zu einem Essen in der Kronenhalle ein. Die gute Laune schien verflogen, Joyce zeigte keinen Appetit, rauchte seine Viriginias und trank Weisswein. Gegen halb zwölf verliessen sie das Lokal und gingen nach Hause. Wenig später musste Joyce mit schrecklichen Magenkrämpfen hospitalisiert werden: ein Zwölffingerdarmgeschwür machte eine sofortige Operation notwendig. Joyce überlebte, doch dann verschlechterte sich sein Zustand plötzlich rasant. Am 13. Januar 1941, um 2.15 Uhr morgens, verstarb James Joyce. Er wurde in Zürich auf dem Friedhof Fluntern in der Nähe des Zoos in einem einfachen Grab beigesetzt, aus dem freilich 1966 ein Ehrengrab gemacht wurde, in welchem auch seine Frau Nora, sein Sohn George und dessen Ehefrau bestattet sind.

Nora soll später einmal zu Freunden gesagt haben: “Er liebte die Löwen so sehr. Es tröstet mich, wenn ich daran denke, dass er jetzt dort liegt und das Gebrüll der Tiere hören kann.”

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Milton Hebalds Statue von James Joyce auf dem Friedhof Fluntern. Quelle: Stadt Zürich.

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Die Originalhandschrift des Gedichtes “Bahnhofstrasse”. (1918) Die verzierte Initiale malte Tochter Lucia. Quelle: ZB.


Die meisten Informationen entstammen der hervorragenden Monographie: Joyce in Zürich von Thomas Faerber und Markus Luchsinger. Zürich: Unionsverlag 1988.

Rezension: Annelie Wendeberg – Tiefer Fall (KiWi 2015)

Mit den Romanen um die Bakteriologin Dr. Anna Kronberg hat die Umweltmikrobiologin Annelie Wendeberg eine spannende Lücke zwischen Historischem Roman, Krimi und Fan Fiction gefunden. Nach dem Erfolg von “Teufelsgrinsen” liegt nun das zweite Buch, “Tiefer Fall”, in deutscher Übersetzung vor; zwei weitere folgen diesen Herbst. Tauchen wir ein ins London des ausgehenden 19. Jahrhunderts…

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Nicht wenige Umstände erschwerten das Leben einer Wissenschaftlerin um 1890. In erster Linie die Tatsache, eine Frau zu sein. Die Bakteriologin Anna Kronberg verkleidete sich jahrelang als Mann, um ihre Arbeit ausüben zu können. Letztlich wurde sie zur Mörderin und musste fliehen (vgl. hierfür den ersten Roman “Teufelsgrinsen”). Hier setzt “Tiefer Fall” ein: In ihrem Versteck wird Anna eines Morgens von einem Mann überrascht, der ihr eine Pistole an den Kopf hält und sie dazu zwingt, mitzukommen.

Ihr Entführer ist kein geringerer als der launische, jähzornige Multimillionär James Moriarty, der es sich in den Kopf gesetzt hat, biologische Waffen zur Kriegsführung zu entwickeln. Dafür bedarf er der Unterstützung der besten Fachperson auf dem Gebiet, Anna Kronberg. Skrupel kennt er keine, die Wissenschaft interessiert ihn und seinen Schergen, den gewalttätigen Colonel Moran, nur am Rande, “Kollateralschäden” sind sie jederzeit bereit in Kauf zu nehmen. So wird Anna zur Gefangenen Moriartys, der das Leben ihres Vaters bedroht, sollte sie sich nicht seinen Anweisungen fügen.

Unter strenger Beobachtung beginnt sie in einem Universitätslabor mit ihrer Arbeit: Malleus- und Milzbranderreger sollen isoliert werden, um eine schlagkräftige biologische Massenvernichtungswaffe zu schaffen. Aus ihrem Gefängnis heraus versucht Anna Kontakt mit dem Mann aufzunehmen, der als Einziger imstande ist, ihr zu helfen: Sherlock Holmes.

Es beginnt ein gefährliches Versteckspiel um Macht, Kontrolle und Täuschung. Während Anna Holmes mit Neuigkeiten aus dem Hause Moriartys versorgt, damit dieser seine Ermittlungen gegen den Entführer voranbringen kann, versucht Anna selbst sich ihrem Peiniger menschlich zu nähern. Sie lässt sich auf ein gefährliches, erotisch aufgeladenes Spiel ein, das in Moriartys Ermordung enden soll. Doch schnell wird klar, dass dieser Tanz zweier besessener Gegner – der rachelustigen Anna und dem machtgierigen Moriarty – eine gefährliche Nähe erzeugt, die letzlich beiden zum Verhängnis werden könnte…

Annelie Wendeberg bedient sich für ihre Roman des Figurenrepertoires aus Arthur Conan Doyles Sherlock-Holmes-Geschichten. Neben Holmes und Moriarty treten auch Dr. Watson und Mycroft Holmes in Nebenrollen auf. Mit Anna Kronberg stellt die Autorin dem legendären Ermittler eine intellektuell ebenbürtige Figur zur Seite, die mit einem ebenso scharfen Verstand gesegnet ist und als Bakteriologin zudem über Kenntnisse verfügt, die selbst Holmes abgehen. Zwischen Historischem Roman, Krimi, medizinhistorischem Exkurs und fantasiereicher Fan-Fiction hat Annelie Wendeberg mit ihren Büchern eine spannende Lücke gefunden, die mit Sicherheit Stoff für viele weitere Romane bereithält.

Die Autorin, die vor kurzem ihre Arbeit als Umweltmikrobiologin aufgegeben hat, um sich ganz dem Schreiben zu widmen, schreibt souverän, leichtfüssig, mit einem trockenhumorigen Blick auf die Abgründe des Geschlechterdiskurses, für den die selbstbewusste Protagonistin Dr. Anna Kronberg natürlich prädestiniert ist. Eine unterhaltsame, spannende Lektüre.

Wendeberg, Annelie. Tiefer Fall. Ein Anna Kronberg Krimi. Aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger. Taschenbuch, 336 S. 978-3-462-04665-6

Rezension: Catherine Safonoff – Der Bergmann und der Kanarienvogel (Rotpunkt 2015 [2012])

Ein Buch schreiben über das Buch, das man schreibt: Diese kompromisslose Selbstreflexivität liesse sich schnell als Einfallslosigkeit abtun. Doch machte man es sich damit etwas gar leicht. Auch bei Catherine Safonoffs autobiographischem Zeugnis “Der Bergmann und der Kanarienvogel” lohnt der Blick hinter die Fassaden dessen, was offensichtlich scheint. 

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“Der Bergmann und der Kanarienvogel”: Das sind 81 Kapitel auf gerade einmal 173 Seiten. 81 Kapitel, in denen eine über siebzigjährige Frau, die wir bedenkenlos mit der Autorin (*1939) gleichsetzen dürfen, davon erzählt, wie sie eine Psychotherapie beginnt, sich in den Therapeuten verliebt und darüber ein Buch schreibt – eben dieses Buch, “Der Bergmann und der Kanarienvogel”.

Bergmänner, so wird gesagt, haben früher Kanarienvögel mit in die Dunkelheit unter Tag genommen, weil diese besonders stark auf Luftveränderungen reagieren. Hat es irgendwo zu wenig Sauerstoff, kippen sie von der Stange: für den Bergmann das Zeichen, die Rückkehr anzutreten. In ihrem Text begibt sich die vielfach preisgekrönte Genfer Autorin Catherine Safonoff in das Bergwerk ihres eigenen Ichs, ihrer Hoffnungen, Wünsche, Begehrlichkeiten und ihrer Vergangenheit. Und wer ist ihr Kanarienvogel, der sie davor beschützt, sich gänzlich in diesem Höhlensystem der Selbstbetrachtung zu verlieren?

Die Therapiesitzungen bei Doktor Ursus, in den sich die Erzählerin verliebt hat, bilden den roten Faden des Textes. Dazwischen während alltägliche Begebenheiten erzählt, Lektüren verarbeitet oder Rückblenden in die Vergangenheit unternommen. Die Depression, wegen der sie sich ursprünglich in die Behandlung begeben hat, ist stets präsent. Der Tonfall ist verdriesslich, überall schwingen Ängste mit: die Angst vor dem dem Altern, dem Alter, dem Altsein, die Angst vor dem Nicht-mehr-begehrt-werden, die ewige und grösste Angst vor dem Verlassenwerden.

Rettung scheint nicht in Sicht. Es fallen Sätze wie: “Ich nannte mich wenigstens Frau, ich hatte auf jeden Fall die Definition meines Geschlechts. Das ist vorbei, ich bin alt, erledigt.” Einzig und alleine das Schreiben ist es, das Abhilfe schafft, einen Ausweg darzustellen scheint aus diesem unerbittlichen Strudel von Vergänglichkeitsbewusstsein, Angst und Frustration. Sie schreibt: “Das Schreiben ist die einzige Tätigkeit, die es mir erlaubt, nicht an etwas anderes zu denken.”

Somit ist “Der Bergmann und der Kanarienvogel” auch das Zeugnis eines Überlebenswillens. Schreiben als letzter, als einziger Weg, dem Leben zu trotzen, in ihm bestehen zu können: Es wäre vermessen, eine solcherart entstandene Selbstreflexivität als Einfallslosigkeit abzutun.

Die bisweilen schonungslose Selbstkritik, die kleinen Lichtblitze feinen Humors und die interessanten Gedanken zu verschiedenen Lektüren (u.a. Kafka, Pascal Quignard, Virginia Woolf, Nicolas Bouvier) machen “Der Bergmann und der Kanarienvogel” allemal lesenswert. Für mich jedoch vermögen auch diese Elemente nicht darüber hinwegzutäuschen, dass die Umtriebigkeit der Erzählerin, die Momente, in denen die Selbstkritik in Weinerlichkeit kippt, und die omnipräsente sexuelle Frustration sich negativ auf die Lektüre auswirken. Gerade bezüglich letzterer treibt Safonoffs Prosa manchmal seltsame Blüten. Zum Beispiel: “Ein Schriftsteller kann sich von dem distanzieren, was er schreibt: Diese Distanz ist schon durch die Biologie gegeben, durch sein Glied, das ausserhalb des Körpers hängt. Diese Distanz kann eine Frau nur wahren, wenn sie sich beim Schreiben ganz und gar hingibt. Ein authentisch weibliches schreiben besteht aus ihren Säften, ihrem Blut.”

Im Jahr seines ursprünglichen Erscheinens, 2012, wurde “Le mineur et le canari” mit dem Eidgenössischen Literaturpreis geehrt. Eine hohe Ehre für ein autobiographisches Zeugnis, das zwar in seinen besten Momenten mit kompromissloser Ehrlichkeit und klarem Blick für die kleinen Imperfektionen des Lebens beeindruckt, in seinen schlechtesten Momenten aber wie die Tirade einer frustrierten Frau anmutet, die mit ihrem Alter, ihrem Geschlecht und ihren Mitmenschen nicht mehr klarkommt.

Safonoff, Catherine. Der Bergmann und der Kanarienvogel. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Zürich: Rotpunkt 2015. 176 S., Leinen. 9783858696434

Rezension: Kamila Shamsie – Die Strasse der Geschichtenerzähler (Berlin-Verlag, 2015)

Vom antiken Griechenland über den Ersten Weltkrieg bis zum indischen Unabhängigkeitskampf: Die pakistanische Autorin Kamila Shamsie verwebt in ihrem Roman “Die Strasse der Geschichtenerzähler” eine enorme Bandbreite historischer Geschehnisse zu einem feinfühligen, wenn auch bisweilen gar etwas zu ambitionierten Panorama von Liebe, Gewalt, Verrat und Zugehörigkeit.
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Zu Beginn steht ein Vorspann, der zurückführt ins Jahr 515 vor Christus: Der griechische Geograph Skylax  sitzt auf einem Hügel, dreht seinen kunstvoll gefertigten silbernen Stirnreif in den Händen und blickt hinab auf’s Wasser, auf die Schiffe, mit denen er in Kürze aufbrechen wird, um als erster Mensch überhaupt den Fluss Indus zu erkunden, vorzudringen in eine bislang unbekannte Welt.

Im ersten Hauptteil begegnen wir der jungen britischen Archäologin Vivian Rose Spencer, die sich im Jahr 1914 an der Ausgrabungsstätte im türkischen Labraunda – Skylax’ Geburtsort – befindet. Sie erlebt eine Zeit unbeschreiblicher Freiheit, prickelnder neuer Erfahrungen und zwischenmenschlicher Glücksmomente. In ihr erwacht die Liebe zu Tahsin Bey, einem Freund ihres Vaters, den sie seit frühester Kindheit kennt und der in ihr das Interesse an der Archäologie geweckt hatte. Er ist überzeugt davon, eines Tages den Stirnreif des Skylax bergen zu können.

Doch nur allzu bald endet die lustvolle Zeit der Entdeckungen: Aus dem Westen dringen Nachrichten vom Kriegsausbruch nach Labraunda, die Expedition löst sich auf, Tahsins und Vivians Wege trennen sich – mit dem Versprechen, dass nach dem Krieg ihre Zeit kommen würde. Doch dieses Glück soll ihnen nicht vergönnt sein…

Vivian reist zurück nach England, meldet sich als Freiwillige Krankenschwester, nutzt aber die nächste Gelegenheit, um wieder in den Osten zu reisen. Alleine reist sie 1915 nach Peschawar, wo sie auf die Möglichkeit von Grabungen in Shah-Ji-Ki-Deri hofft, wo Tahsin Bey den sagenhaften Stirnreif des Skylax vermutete.  Als selbstbestimmte Frau und Angehörige der kolonialen Machthaber findet sie hier nicht nur Freunde.

Als weitere Protagonisten treten hier die paschtunischen Brüder Qayyum un Najeeb Gul auf. Qayyum, der ältere, ist Rückkehrer aus Ypern, wo er auf britischer Seite gekämpft und dabei ein Auge verloren hat. Najeeb hingegen ist ein zwölfjähriger Junge, der zufällig Vivians Bekanntschaft macht und sich in der Folge von ihr in klassischer Altertumskunde unterrichten lässt – zum Unmut seines Bruders Qayyum, der den Heranwachsenden vor dem weiblichen Geschlecht zu schützen sucht.

Im Folgenden entwickelt sich die Geschichte vornehmlich im Spannungsfeld dieser drei Figuren. Brüderliche Liebe, paschtunische Tradition und britisches Selbstverständnis, jugendliche Wissbegier und weibliche Emanzipation sind unter anderem die Themen, die Kamila Shamsie in dieser Konstellation umkreist. Vivian, Najeeb und Qayyum sind dankbar, genau durchdachte Figuren, an denen sich aufgrund ihrer charakterlichen Merkmale die bedeutsamsten politischen, religiösen und sozialen Konflikte der Zeit ausgezeichnet darstellen lassen.

Nach einer erneuten Rückkehr Vivians in die Heimat werden im letzten Teil des Buches die Fäden im Jahr 1928 wieder aufgenommen. Najeeb, der inzwischen selbst Archäologe ist – Vivian war für ihn, was Tahsin einst für sie gewesen ist -, lädt seine ehemalige Mentorin erneut nach Peschawar ein, wo er als “Indian Assistant” im Museum arbeitet. Sein Bruder Qayyum hingegen ist inzwischen der Sache Gandhis beigetreten und unterstützt den unbewaffneten Widerstand unter Ghaffar Khan. Die geschilderten Ereignisse entwickeln sich in diesem Teil vor allem rund um das sogenannte Massaker am Qissa-Khwani-Bazar (das ist die titelgebende “Strasse der Geschichtenerzähler”) im April 1930, während die Leben der Protagonisten in Gefahr geraten und sie auf harte Proben gestellt werden.

Kamila Shamsie (*1973) hat mit “Die Strasse der Geschichtenerzähler” ein dichtes, sinnliches Werk geschaffen, das historische Ereignisse geschickt in feinfühlig erzählte menschliche Lebensgeschichten einbindet. Obwohl manches nur angedeutet und somit der eigenen Recherche überlassen bleibt, und obwohl einige Details – wie der Kritiker des Guardian anmerkte –  nicht vollkommen korrekt wiedergegeben sind, gelingt es dem Text hervorragend, historische Belehrung, existenzielle menschliche Sinnfragen und spannende Unterhaltung in sich zu vereinen.

Zwar ist manches zu einem Randdasein verdammt – etwa die Geschichte der Armenier während des Ersten Weltkriegs, die im Erzählstrang um Tahsin Bey lediglich vage angedeutet bleibt -, was den Vorwurf entstehen lassen könnte, Shamsie habe sich etwas gar zu viele Themen aufgebürdet. Letztlich aber wiegt dies nicht so schwer, sind doch die positiven Qualitäten des Textes gewichtiger:

Shamsies Umgang mit dem zentralen Motiv des Stirnreifs – seine Herkunft, seine Geschichte, die damit verbundenen Assoziationen und die durch ihn geweckten Begehrlichkeiten, seine Gegenwart und seine Zukunft – sind der beste Beweis dafür, dass wir es hier mit einer Autorin zu tun haben, die über überlegene dramaturgische Qualitäten verfügt und mit diesen einen gelungenen historischen Roman schaffen konnte, der lange nachhallt.

Shamsie, Kamila. Die Strasse der Geschichtenerzähler. Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer. Berlin: Berlin-Verlag 2015. 384 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8270-7800-1


Zur Recherche hat die Autorin eine Website zur Verfügung gestellt, die Schauplätze und Geschichten aus dem Buch veranschaulicht und einige Hintergründe erläutert. “A God In Every Stone” – nach dem englischen Originaltitel des Romans – ist ein angenehmer und hilfreicher Lektürebegleiter.

Rezension: Stefan Soder – Club (Braumüller 2015)

Zwei ungleiche Männer führt der österreichische Autor Stefan Soder in seinem hervorragenden Roman “Club” hinter den Mauern einer Villa hoch über Zürich zusammen: den wohlhabenden Finanzmathematiker Thomas Einselber und den heruntergekommenen Enthüllungsjournalisten Klaus Reiterer. Wieso begeben sie sich in eine mysteriöse Einrichtung, aus der kein Mensch je wieder aufgetaucht ist?

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Einselber ist etwa fünfzigjährig, gut bezahlter Finanzmathematiker in New York, aufgewachsen ist er in Österreich, studiert hat er in Zürich. Er ist zutiefst neurotisch, ein Kontrollfreak, verachtet menschlichen Kontakt und Schmutz, trägt stets Handschuhe, selbst wenn er sich mit der Prostituierten Katie vergnügt. Unter dem Vorwand, geschäftlich nach China zu reisen, verabschiedet er sich von den wenigen Freunden, die er hat, lässt all sein Hab und Gut von Mitarbeitern einer Firma Ascendant räumen – und macht sich auf den Weg in die alte Heimat Zürich.

Reiterer auf der anderen Seite begegnen wir zunächst im Sündenpfuhl eines südeuropäischen All-Inclusive-Hotels, wo er mit seiner Frau Sandra und dem gemeinsamen Sohn Julian Urlaub verbringt. Bis kurz davor war er ein scheinbar unaufhaltsamer skrupelloser Enthüllungsjournalist, der in den schmutzigen Niederungen der österreichischen Politik Schlamm aufwirbelte, Leute en masse durch den Dreck zog, dabei unkontrolliert Drogen konsumierte, wilde Orgien feierte. Und anlässlich einer Orgie unverhofft Sandra schwängerte. Sie dann in einer Pflichtübung heiratete, seinen Lebensstil aber nicht aufgab. Sich letztlich mit zu mächtigen Gegnern anlegte und für eine Zeit im Gefängnis landete. Nun ist er wieder draussen und macht familiären Urlauben.

Während er im Club ist aber, erhält er einen Anruf von seinem ehemaligen Chef Trixler, der ihm eine zweite Chance geben will: Unter dem Decknamen Robert Simonic soll er sich in einen elitären Zürcher Club namens Ascendant einkaufen, hinter dessen Mauern wohlhabende Menschen verschwinden und nie wieder auftauchen. Die Reportage wäre gut bezahlt und soll ihm den Wiedereinstieg ins Geschäft ermöglichen, Reiterer beisst an.

Ascendant, so stellt sich bald heraus, ist ein Club, der reichen, übersättigten Menschen letzte Genugtuungen (vornehmlich sexueller Art) gewährt, ehe sie ihre “Bestätigung” erfahren. Hiermit ist der kontrollierte, selbst gewählte Tod gemeint, die Sterbehilfe. Einselber, der sich aus Überdruss und Enttäuschung, ja aus purem Scheitern am Leben und den Menschen selbst eingekauft hat, gibt sich dem Zeremoniell bereitwillig hin. Jeder Gast erhält eine Begleiterin, die ihm jeden Wunsch erfüllt und ihn so oft wie nötig mit verschiedenfarbigen Pillen versorgt, schmerzlindernden, betäubenden, potenzsteigernden. Einselber verliert innerhalb kürzester Zeit aufgrund der Drogen seine Hemmungen und seinen Ekel, er gibt sich den wilden sexuellen Orgien, die auf dem Gelände Tag und Nacht abgehalten werden, mit vollem Eifer hin.

Reiterer auf der anderen Seite, der Orgienspezialist, der unverhofft und mit anderen Erwartungen an diesen Ort gelangt ist, entwickelt selbst bald einen Ekel, sehnt sich jetzt plötzlich nach familiärer Geborgenheit, übt sich in Selbstdisziplin und beginnt letztlich gar um sein Leben zu fürchten, als er bemerkt, dass dem irren Anstaltsleiter Max seine echte Identität bekannt ist (fast wähnt man sich bei Dürrenmatt)…

Stefan Soder (*1975) ist mit “Club” ein hervorragender Roman gelungen. Zum einen ist die Dramaturgie der beiden Protagonisten, denen jeweils abwechselnd Kapitel gewidmet sind, ausgezeichnet. Der Chiasmus, also die Überkreuzung, ihrer Entwicklungen weiss zu überzeugen: Einselber, ein Leben lang Vollblutneurotiker, der sich in seinen letzten Tagen gewaltigen Orgien hingibt, während Reiterer, sein bisheriges Leben lang überzeugter Kontrollverlierer, der angesichts der wohlhabenden sterbewilligen Eskapisten plötzlich Gefühle der Dankbarkeit und Verantwortung entwickelt – das ist fantastisch inszeniert.

Zum anderen ist es natürlich das Thema selbst, das bewegt: Der Tod als letzte Dienstleistung im Leben, die Möglichkeit absoluter Kontrolle über die eigene Existenz. Wobei der Eintritt in den Club Ascendant bezeichnenderweise nur sehr wohlhabenden Menschen möglich ist. Was treibt einen Menschen dazu, sich – bisweilen keinesfalls krankheitsbedingt – den Austritt aus dem Leben zu wählen? Ist es legitim, einen Menschen bei diesem Vorhaben zu unterstützen? Ist das Zelebrieren sexueller Ausschweifungen als letzte irdische Vergnügung moralisch verwerflich? Diese und weitere Fragen stellen sich bei der Lektüre von “Club”, einem spannenden, zum Nachdenken anregenden, kritischen Gesellschaftsroman, dessen Lektüre ich mit Nachdruck ans Herz lege.

Soder, Stefan. Club. Wien: Braumüller 2015. 360 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-99200-127-9

Rezension: Andrew Miller – Friedhof der Unschuldigen (dtv, 2015 [2011])

Im Herzen von Paris, zwischen dem Einkaufszentrum Les Halles und dem Centre Pompidou, auf einer romantischen Piazza steht ein majestätischer Brunnen: der Fontaine des Innocents. Dass dieser ursprünglich in vollkommen anderem Kontext entstand, ist wohl nicht allen bekannt. Der britische Autor Andrew Miller erzählt in “Friedhof der Unschuldigen”, einer geschickten Mischung aus Fiktion und historischer Realität, von den makabren Ereignissen, die sich hier Ende des 18. Jahrhunderts zugetragen haben…

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Der Friedhof Les Innocents, 16. Jh., Quelle: http://www.landrucimetieres.fr/

Ursprünglich war der Brunnen lediglich ein kleiner Teil des grössten Pariser Friedhofs, der Cimetière des Innocents. Der Ort war seit dem Mittelalter der wichtigste Bestattungsort von Paris, neben herkömmlichen Gräbern kam es mit wachsender Menschenzahl auch zu Massenbegräbnissen. Seuchenopfer, Ertrunkene, Namenlose wurden in riesige Gruben geworfen, die zwischen 1200 und 1500 Tote bargen. Bald war die Kapazität des viel zu kleinen Geländes überschritten, was die Behörden aber nicht daran hinderte, weiterhin Tote zu vergraben. Die umliegenden Strassen und Gassen, Zimmer und Keller, der Markt von Les Halles wurden vom ständigen unausstehlichen Verwesungsgestank überflutet, die Leichen sollen buchstäblich aus den überfüllten Gräbern geschwappt sein, bisweilen seien Kellerwände der dicht angrenzenden umliegenden Häuser eingestürzt und tote Körper in die Untergeschosse der Wohngebäude gefallen sein.

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Les Innocents mit Kirche, Predigerkreuz und angrenzenden Wohnhäusern, 1785, Quelle: http://grande-boucherie.chez-alice.fr/Innocents.htm

millerSo wurde 1780 letztlich beschlossen, den Friedhof zu schliessen. Andrew Millers Roman “Friedhof der Unschuldigen” setzt einige Jahre später ein und macht den (fiktiven) jungen Ingenieur Jean-Baptiste Baratte zu seinem Protagonisten. Ambitioniert und engagiert kommt er aus der Normandie nach Paris, wo er von einem Minister mit dem Auftrag betraut wird, den überfüllten Friedhof Les Innocents zu vernichten.

Er bezieht ein Zimmer bei der Familie Monnard, die in einem Haus wohnt, das direkt an den Friedhof grenzt. Zunächst noch in geheimer Mission, als Ingenieur, der angeblich das Land des Friedhofs vermessen soll, steckt er die Lage ab: In der Friedhofskirche begegnet er dem aufgeschlossenen Organisten Armand, der nur für sich, den Pfarrer und Gott spielt, da längst niemand mehr in die geschlossene Kirche kommt. Armand wird zu einer Art Freund, er will Jean-Baptiste beibringen, wie man in Paris modern zu sein hat.

Auf dem Friedhof leben auch die junge Jeanne und ihr Grossvater, der Küster; in der Kirche versteckt sich der blinde Pfarrer Colbert, der sein Refugium nicht nur mit dem Wort Gottes zu verteidigen gedenkt; im Haus der Monnards erwecken die merkwürdige Tochter Ziguette und das Dienstmädchen Marie, das den Ingenieur durch ein Astloch im Boden ihrer Dachkammer beobachtet, Barattes Aufmerksamkeit; auf der Strasse schliesslich verguckt sich der Ingenieur in die auffällige Héloïse, von der das ganze Viertel zu wissen glaubt, sie sei eine Prostituierte.

In diesem Klima, unwissend, wer genau auf seiner Seite steht und wer allenfalls etwas gegen die Zerstörung von Les Innocents einzuwenden hat, macht sich der Ingenieur an seine unvermeidliche Arbeit. Aus einem Bergwerk bei Valenciennes, in dem er früher selbst Aufseher war, holt er den alten Freund Lecoeur und einige Dutzend Bergarbeiter, um die Gruben mit den Toten auszuheben. Er will nicht daran denken, dass “Gebeine Besitzer, Namen haben”, versucht die Anonymität zu wahren, was schwerfällt, wenn man Tag für Tag vom pestilenzialisch stinkenden Leichenbergen umgeben ist. Baratte versucht, sich selbst und seine Arbeiter, die ebenso unter den Zuständen leiden, unter Kontrolle zu halten und die Arbeit zügig voranzubringen. Und dann wird er plötzlich Opfer eines Mordversuchs…

Der britische Autor Andrew Miller (*1961) – ein Spezialist für historische Themen, der mit “Die Gabe des Schmerzes” einen nennswerten Erfolg verzeichnen konnte – erschafft in “Friedhof der Unschuldigen” ein faszinierendes Panorama der düsteren Seiten von Paris am Vorabend der Revolution. Die gestärkte Front der Liberalen mit ihren Ideen von Rousseau und Voltaire, ihren Salons, ihrer Freigeistigkeit und Agitation ist im Organisten Armant ausgezeichnet personifiziert. Zudem ist die erzählte Begebenheit selbst – also die Zerstörung des Friedhofs – ein aussagekräftiger Inbegriff der Modernisierung: Die Verbannung des Todes aus dem Zentrum der Stadt und somit dem Alltag der Leute steht in direktem Zusammenhang mit neuen Vorstellungen von Gesundheit und Hygiene, die Ende des 18. Jahrhunderts an Bedeutung gewannen. An die Stelle von Les Innocents traten bald die heute prominenten Friedhöfe Montmartre, Montparnasse und Père Lachaise, die ausserhalb der damaligen Stadtgrenzen lagen. (Der englische Originaltitel des Romans lautet nicht von ungefähr: “Pure”.)

Ambivalente Figuren, denen man bisweilen nicht zu trauen wagt und deren Absichten wechselhaft zu sein scheinen, sorgen für stetige Spannung. Die Konflikte, in die Baratte alleine aufgrund seiner Aufgabe, vielleicht aber auch aufgrund seines Verhaltens gerät, bergen eine gehörige Menge Zündstoff. Dass der Autor sich die Freiheit nimmt, manche Geheimnisse und Andeutung unaufgelöst zu lassen, ist erfrischend.

Schade ist einzig dies: Bei der Unmenge an Mythen, Legenden und Schauergeschichten, die sich selbstverständlich um einen Ort wie Les Innocents ranken, hätte seitens des Autors die Möglichkeit bestanden, zu einem überbordenden barocken Paukenschlag auszuholen, worauf Miller jedoch verzichtet. Der Autor gab zu Protokoll, gerade das Theatralische an der tatsächlichen historischen Begebenheit fasziniere ihn (Interview 2012) – obschon die Sprache keinesfalls ernüchternd ist, hätte ein wenig mehr davon dem Roman vielleicht nicht geschadet. Dies soll aber keinesfalls die Tatsache leugnen, dass “Friedhof der Unschuldigen” ein ausgezeichneter historischer Roman ist, der harte Fakten und die Gedankenwelten der damaligen Gesellschaft souverän mit einfühlsam erzählten persönlichen Geschichten zu verbinden weiss.

Miller, Andrew. Friedhof der Unschuldigen. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. München: dtv 2015. Taschenbuch, 384 S. 978-3-423-14397-4


Weiterführend: Eine historische Beschreibung von Les Innocents und seiner Räumung findet sich in der hervorragenden Studie “The Hour of Death” von Philippe Aries. Autor Andrew Miller hat diese Studie auch als Einfluss auf die Arbeit am Roman im oben bereits verlinkten Interview erwähnt.