Rezension: Gila Lustiger – Die Schuld der anderen (Berlin-Verlag, 2015)

In ihrem neuen Buch “Die Schuld der anderen” zeichnet die in Paris lebende Autorin Gila Lustiger ein abgründiges Bild der französischen Gesellschaft, ihrer Kriminalität und Korruption, den Gräben zwischen Stadt und Land, hoher Gesellschaft und nicht zu entfliehender Armut. Ein packender Thriller und schonungsloser Gesellschaftsroman.

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Aus dem Gefühl heraus, Frankreich – das Land, in dem sie seit über 20 Jahren lebt – nicht mehr zu verstehen, hat Gila Lustiger “Die Schuld der anderen” in Angriff genommen. Der Protagonist, der an ihrer Stelle in die Abgründe der Nation abtaucht, ist Marc Rappaport, ein einzelgängerischer, in sich zerrissener Enthüllungsjournalist, der die Opposition zum Lebensprinzip erhoben hat und seinen Platz zu finden sucht zwischen elitärer Abkunft – sein Grossvater war eine der führenden Wirtschaftsgrössen Frankreichs – und hohen menschlichen Idealen.

Am Anfang der Geschichte steht ein nie aufgeklärter Mord, der 30 Jahre zurückliegt: Die neunzehnjährige Prostituierte Emilie, die aus der französischen Provinz nach Paris kam, wurde brutal vergewaltigt und ermordet, der Täter nie gefasst. Neue DNA-Ergebnisse führen nun zu einer Festnahme: Der biedere Büroangestellte und Familienvater Gilles Neuhart wird als Mörder festgenommen. Rappaport verfasst eine kurze Meldung und wird stutzig, er nutzt seine Kontakte bei der Polizei, um mit dem angeblichen Mörder zu sprechen. Über den Kopf seines Vorgesetzten (und Jugendfreundes) Pierre hinweg, beginnt er sich in den Fall zu verbeissen, setzt dabei persönliche Beziehungen aufs Spiel; ein Getriebener, der unaufhaltsam seinen Weg zu gehen bereit ist.  Bald schon befindet er sich in der Kleinstadt, in der Emilie aufgewachsen ist. Hier stösst er auf Verbrechen, die das Persönliche weit übersteigen: Rappaport ist einem Fall von Wirtschaftskriminalität und menschenverachtender Korruption auf der Spur, der sich bis in die hohen politischen Ränge Frankreichs zu erstrecken scheint..

Teilweise beruhend auf dem wahren Fall einer unwahrscheinlichen Häufung von Nierenkrebsfällen in einer Chemiefirma nimmt sich Lustigers Roman Fragen an, die unweigerlich in ein ethisch-moralisches Minenfeld führen. Der Graben zwischen Armut und Elite ist überdeutlich gezeichnet: Die Arbeiter der Chemiefirma begehren etwa trotz lebensgefährdender Arbeitsbedingungen nicht auf, denn sie sind auf die Arbeit angewiesen. “Wir brauchen keine Gerechtigkeit. Ein Kompromiss ist uns lieber als der gerechte Krieg.”, sagt einer. Im Laufe seiner Recherchen gerät Rappaport immer tiefer in den Sumpf ländlicher Existenzangst und – insbesondere im Milieu der Prostituierten – städtischer Armut, beständiger Furcht und untragbarer medizinscher Zustände. Er, der selbst aus gutem Hause stammt und vom Namen seines Grossvaters noch immer profitiert, muss sich unangenehme Fragen stellen. Zum Beispiel: “Wer gehörte eigentlich zur Gemeinschaft, deren Wohl angestrebt wurde, und wer nicht?” 

Der Roman zeigt eindrücklich soziale Ungerechtigkeiten auf und verweist in vielen Abschnitten auf weitere mehr als brennende Probleme der französischen Gesellschaft, etwa Antisemitismus und Gewalt im Namen des Islam. Lustiger gelingt es hervorragend, eine atemlose Kriminalgeschichte mit einem tiefgründigen Gesellschaftsroman zu verknüpfen. Der mit knapp 500 Seiten doch ziemlich umfangreiche Text vermag es stets, die Spannung aufrechzuerhalten. Einzig die häufigen Rückgriffe auf banale Episoden aus Rappaports Kindheit und Jugend erscheinen zuweilen etwas beliebig, erfüllen aber den Zweck, den inneren Zwist des Protagonisten zu verdeutlichen. Dieser bleibt trotz all seiner Ambivalenzen stets klarer Sympathieträger, was auch an der Abscheulichkeit derer liegt, mit denen er es aufzunehmen beschliesst.

Mit der undurchdringlichen menschenverachtenden Gewinnsucht eines grossen Konzerns und der lüsternen Skrupellosigkeit eines Prostituiertenmörders werden in “Die Schuld der anderen” zwei Formen von Gewalt ineinander verstrickt, die in ihrer Grausamkeit beide gleichermassen erschütternd und nicht tolerierbar sind. Die Mechanismen ihrer Verstrickung lassen es letztlich nicht verwunderlich erscheinen, dass Gila Lustiger Frankreich nicht mehr hat verstehen können. Ihrem Roman wiederum ist es zu verdanken, dass  ein Licht geworfen wird auf diese bisweilen undurchsichtigen Prozesse hinter den allzu schönen Fassaden. Ein Roman von unbestreitbarer gesellschaftlicher Relevanz.

Lustiger, Gila. Die Schuld der anderen. Berlin: Berlin-Verlag 2015. 496 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8270-1227-2

Zürcher Streifzüge (2): Canettis Paradies

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Unter all den Zürich verbundenen Literaten ist Elias Canetti (1905-1994) nicht nur einer der berühmtesten, sondern wohl auch der, der seiner Wahlheimat die grösste Liebe und Dankbarkeit entgegenbrachte. In Canettis langem Leben gab es zwei Zürcher Phasen: eine frühe, 1916 bis 1921, und eine späte, 1971 bis 1994. Beide waren von grosser Bedeutung für Biographie und Werk des Nobelpreisträgers.

Geboren 1905 im bulgarischen Rustschuk als Sohn einer spanisch-jüdischen Familie, emigrierteCanetti schon im frühen Kindesalter: 1911 zieht die Familie nach Manchester, ein Jahr darauf verstirbt überraschend der Vater – “dieses Erlebnis hat mich gemacht” wird er viel später sagen: Es hat ihn zu seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Sinnlosigkeit des Todes gebracht. Die Mutter zieht mit Elias und seinen beiden Brüdern zunächst nach Wien. Auf dem Weg dahin gelangt Elias 1913 zum ersten Mal nach Zürich. Mit der Mutter steigt er hoch auf den Rigiblick, einen beliebten Aussichtspunkt – in literarischer Hinsicht als Grabstelle des von Canetti später hochverehrten Georg Büchner berühmt – und sieht hinab auf das Häusermeer. Eine Erfahrung, die er in seinen Jugenderinnerungen “Die gerettete Zunge” (1977), würdigen wird: “Die Erinnerung an diesen ersten Blick auf Zürich, das später zum Paradies meiner Jugend werden sollte, hat mich nie verlassen.”

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Scheuchzerstrasse 73. Im zweiten Stock lebte Canetti von 1916-1920 mit Mutter und zwei Brüdern.

1916 beziehen die Canettis eine Wohnung an der Scheuchzerstrasse 73. Das Paradies, “die einzig vollkommen glücklichen Jahre”, denen in “Die gerettete Zunge” gute 190 Seiten gewidmet sind, beginnen. Nachdem er gezwungen ist, ein Jahr die Primarschule Oberstrass zu besuchen, erfolgt der Übertritt ans Realgymnasium Rämibühl, der Institution, die zum Zentrum seines unersättlichen Bildungshungers wird, den er zeitlebens nicht verlieren wird. Hier verfasst Canetti, um die Zustimmung seiner Mutter, die in das Werk von Strindberg vernarrt ist, zu gewinnen, sein erstes Werk: ein in Blankversen verfasstes Drama mit dem Titel “Junius Brutus”. In der Nachbarschaft an der Scheuchzerstrasse lebt unter anderem auch der italienische Pianist und Dirigent Ferruccio Busoni, de mit seinem Bernhardinerhund Giotto auf den jungen Canetti einen nachhaltigen Eindruck macht. 1920 verlassen Mutter und Brüder die Stadt, Elias Canetti bleibt, um das Gymnasium beenden zu können, in Zürich: Er zieht seeabwärts in die Mädchenpension Villa Yalta beim Hafen Tiefenbrunnen am äussersten Rand der Stadt.

Nach Zürich lebte der staatslose Canetti in Frankfurt am Main (1921-24) und in Wien (1924-38), ehe er nach London floh, wo er die kommenden dreissig Jahre verbrachte. 1963 verstirbt seine Frau Veza. Zu ihren Lebzeiten hatte Elias Canetti bereits diverse – von Veza tolerierte, bisweilen gar “installierte” – Verhältnisse zu anderen Frauen. Eine davon war auch die am Zürcher Kunsthaus arbeitende Restauratorin Hera Buschor, deretwegen Canetti nach Zürich zurückkehrt. 1971 heiraten sie und beziehen eine gemeinsame Wohnung an der Klosbachstrasse 88, bezeichnenderweise im sogenannt “englischen Viertel” Zürichs, das aufgrund seines Baustils mit diesem Namen bedacht worden ist.

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Ein unscheinbares Mietshaus an der Klosbachstrasse 88: Im dritten und obersten Stock des Anbaus am rechten Bildrand lebten Elias, Hera und Johanna Canetti.

Unscheinbar ist das Haus, unscheinbar die Dreizimmer-Wohnung, die er hier im dritten Stock mit Hera und der gemeinsamen, 1972 geborenen Tochter Johanna bewohnte. Die Hausbesitzer waren der polnische Tenor Jan Kiepura (bereits 1966 verstorben) und seine Frau Marta Eggerth (1912-2013), eine prominente Operettensängerin und Filmschauspielerin, die mehrheitlich in New York lebte, an der Klosbachstrasse aber noch eine Wohnung besass. Selbst einst Flüchtlinge aus dem Osten vermietete das Ehepaar häufig Wohnungen an ungarische und jüdische Emigranten. (Quelle: “Der Nobelpreisträger und seine Nachbarin”, 2012) Für Canetti gehörten diese Jahre in Zürich gehörten zu seinen produktivsten, er publizierte drei Bände Lebenserinnerungen, die Charakterstudien “Der Ohrzeuge” (1974) und die Essaysammlung “Das Gewissen der Worte” (1975). 1972 wurde er mit dem Büchnerpreis, 1981 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. An den Stadtpräsidenten Thomas Wagner schrieb er am 16.8.1988 einen berührenden Brief, in dem es heisst: “Es ist ein sehr tiefer Wunsch von mir, meine Tage in dieser Stadt zu beschliessen, die ich seit der Kindheit liebe. (…) was überall sonst kaum mehr möglich wäre, – hier mag es gelingen.” Leider gelang doch nicht alles: zum zweiten Band der Studie “Masse und Macht” und zum lange geplanten Buch gegen den Tod (posthum erschienen) reichte es nicht mehr.

Obschon sich Elias Canetti kaum am kulturellen Leben Zürichs beteiligte, war er ein bekannter Mann, dem ein notorischer Ruf als verschrobener Kauz vorauseilte, was durch seine kleine, rundliche Erscheinung, den wilden weissen Haarschopf und den buschigen Schnauz noch begünstigt wurde. Manch einen Zeitgenossen mag er mit Schroffheit verärgert, manch einen Fan mit seinem forschen Beharren auf das Recht zur Privatsphäre vor den Kopf gestossen haben. Eine “Fanfare der Unerreichbarkeit” (Isolde Schaad) umgab ihn, wenn er in den Ecken der Kaffeehäuser der Stadt sass. Wem aber das Vergnügen vergönnt war, Elias Canetti näher kennenzulernen, begegnete bisweilen einem der “sprühendsten und liebenswertesten Menschen (…), der einen umwerfenden Charme, eine Komik besass” (Susanna Hochwälder).

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Canettis Grab auf dem Friedhof Fluntern.

Der Stadt Zürich blieb er über seinen Tod hinaus dankbar, indem er seinen Nachlass und seine 15’000 Bände umfassende Privatbibliothek der Zürcher Zentralbibliothek vermachte – obschon Vorverträge mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach existiert hatten. Nach dem Tod seiner zweiten Frau Hera 1988 hatte Canetti die Wohnung in London, die er mehrheitlich als Bücherlager noch immer besass, aufgegeben und die Bücher, verpackt in unzählige Kisten, beim Schweizer Transportunternehmen Welti-Furrer eingelagert. Das Angebot der Zentralbibliothek, diese Bestände sogleich zu übernehmen, und die Zusicherung der Sperrfristen, die Canetti für seine Manuskripte haben wollte, trugen zur Umstimmung ihren Teil bei. Die Stadt ihrerseits sicherte Canetti schon zu Lebzeiten ein Ehrengrab auf dem Friedhof Fluntern zu – an der Seite von James Joyce.

Erinnerungen von Leuten, die in den Zürcher Jahren 1971 bis 1994 mit Canetti – niemand durfte ihn Elias nennen – zu tun hatten, hat Werner Morlang 2005 im schönen Band “Canetti in Zürich” (Nagel & Kimche) versammelt. Dass dieses Buch und ähnliche, etwa die umfassende Canetti-Biographie von Sven Hanuschek erst elf Jahre nach dem Tod des Autors veröffentlicht wurden, liegt an eben diesen Sperrfristen, die den Zugang zu unveröffentlichtem Material verunmöglichen. Manche Aufzeichnungen von Canetti werden gar erst im Jahr 2024 für die Forschung zugänglich sein… Auch posthum schreibt Canetti die Privatsphäre gross.

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Canetti, die Bücher und die Bleistifte: eine Liebesgeschichte. Hier für einmal in London. (Quelle: www.architecturalpapers.ch)

Canettis Ruf als unwirscher Einzelgänger, verschrobener Kauz und bibliophiler Pedant, dessen militärisch arrangierte Bleistiftreihen anekdotisch-legendären Status besitzen, ist vielleicht auch durch die liebevollen Erzählungen von Zeitgenossen, wie Morlang sie gesammelt hat, nicht vollständig auszuradieren. Neben unzähligen Texten gibt es jedoch ein kraftvolles Bilddokument, das beweist, dass Elias Canetti nicht (immer oder nicht zu allen) der weltabgewandte, eigenbrötlerische Büchernarr war, den manche ihm andichten: 1969. Mit Freunden sitzt Canetti im verrauchten Zürcher Bahnhofbuffet und diskutiert die Aufführung eines seiner Theaterstücke mit dessen designiertem Regisseur. Leute vom Nebentisch mischen sich ein, stellen eine Frage – und Canetti antwortet in geradezu verblüffend akzentfreiem Zürcher Dialekt: “Er isch dä Reschissör, ich bi dä Dichter.” (Er ist der Regisseur, ich bin der Dichter). Dankbarkeit und Liebe äussern sich auch in diesem Akt der Assimilation bis auf die Ebene des Dialekts – einer Anstrengung, die man wahrlich keinem Wahlzürcher abverlangen würde. Doch Canetti hat sie unternommen: der Dichter hat sich Zürich auch sprachlich zu einer Heimat gemacht.

Rezension: Jeff VanderMeer – Autorität (Kunstmann 2015)

Im zweiten Band seiner Southern-Reach-Trilogie verschiebt Jeff Vandermeer die Perspektive: Die Innensicht auf das mysteriöse, unkontrollierbare Sperrgebiet ‘Area X’ wird nun durch eine Aussensicht ergänzt. Sie folgt mehrheitlich John Rodriguez, dem Interims-Direktor der Organisation Southern Reach, in seinen Versuchen, die Hindernisse zu überwinden, die ihm auf der Suche nach der Wahrheit über Area X den Weg versperren. 

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Der erste Band der Trilogie – “Auslöschung” – folgte der zwölften Expedition in die Area X, einer Gruppe von vier namenlosen Frauen, die von der Organisation Southern Reach damit beauftragt waren, das unkontrollierbare, durch ungeklärte Umstände entstandene Sperrgebiet zu erforschen. Sie trafen auf eine makellose, aber unheilvolle Wildnis, die sich als eine einzige Gefahr erwies… (Hier geht’s zur Rezension von “Auslöschung”)

Während der erste Band innerhalb von Area X spielte, behandelt “Autorität” die Lüftung der Geheimnisse des Sperrgebiets – ohne dieses  ein einziges Mal betreten. Die Geschichte spielt vornehmlich in den merkwürdig faulig riechenden Fluren und Räumen des Hauptsitzes von Southern Reach, wo alles “von einem Gefühl des Niedergangs durchdrungen” ist.  Protagonist des Buches ist John Rodriguez, der nach dem Verschwinden der Direktorin, die sich unerkannt der zwölften Expedition angeschlossen hatte, als Interims-Direktor von Southern Reach eingesetzt wird. Er lässt sich selbst “Control” nennen, ermangelt aber von Beginn an jeglicher Kontrolle. Schon die erste, feindschaftliche Begegnung mit der stellvertretenden Direktorin Grace zeigt an, dass John nur dem Rang nach neuer Leiter von Southern Reach ist, de facto aber Spielball höherer bürokratischer Gewalten ist. Seine Suche nach dem wahren Wissensstand, den man über Area X hat, wird erschwert durch mannigfaltige Hindernisse: Informationen werden ihm vorenthalten, Steine in den Weg gelegt, jeder seiner Schritte von unsichtbaren Augen mitverfolgt.

Der Biologin, Protagonistin des ersten Bandes, kommt auch in “Autorität” wieder eine bedeutsame Rolle zu. Unter ungeklärten Umständen ist sie aus Area X zurückgekehrt, wird nun in Southern Reach gefangen gehalten und von Control regelmässig verhört. Trotz ihres störrischen Unwillens zur Kooperation und der Behauptung, sie sei nicht mehr die Biologin, entwickelt Control ein merkwürdiges, beinahe zärtliches Verhältnis zu ihr, das von immer grösserer Bedeutung für die Geschichte wird. In ihr erkennt John einen Schlüssel zu den Geheimnissen der Area X und eine Waffe im Machtkampf mit Grace.

Zu Biologin und stellvertretender Direktorin gesellen sich zwei weitere starke Frauenfiguren, die Controls Aktionsradius bestimmen. Einerseits ist da seine Mutter, die als Beauftragte für mysteriöse, geheime Regierungsgeschäfte direkten Einfluss auf die Arbeit ihres Sohnes nimmt, andererseits ist da die in Area X verschollene ehemalige Direktorin, deren Arbeitsplatz Control übernommen hat. In diesem unermesslichen Chaos sucht er nach Indizien und Wahrheiten über Area X und stösst dabei nicht nur auf aufschlussreiche Notizen, Akten und Fotografien, sondern auch auf beunruhigende Schriften an der Wand und eine Pflanze, die sich nicht umbringen lässt…

In diesem zweiten Band der Trilogie, der gute 120 Seiten länger ist als der erste, führt Jeff VanderMeer seinen packenden Öko-Horror auf durchgehend hohem erzählerischem Niveau fort. Die Stärke von “Autorität” liegt einerseits in den undurchsichtigen, ambivalenten Figuren und der steten Ungewissheit, inwiefern sie kontaminiert sind, sei es von der düsteren Regierungsbehörde Central oder vom noch weitaus schrecklicheren natürlichen Feind, der Area X beherrscht. Hervorzuheben sind in dieser Hinsicht die geisterhafte Gestalt des Whitby, eines unscheinbaren langjährigen Angestellten von Southern Reach, der zunehmend bedrohliche Züge anzunehmen scheint, und diejenige Cheneys, eines Wissenschaftlers, dessen “vagabundierender Intellekt” angesichts der Hoffnungslosigkeit seiner Aufgabe nicht mehr produktiv ist. Andererseits ist der grosse Trumpf des Buches die Beschaffenheit des Feindes selbst: ein Feind, der kein Wesen ist, sondern ein allumfassendes, unfassbares Etwas, quasi die Natur selbst, die sich ihre grenzenlosen Territorien zurückerobert.

In seiner Spirale des Gruselns führt uns VanderMeer Figuren vor Augen, die höheren – natürlichen oder bürokratischen – Gewalten auf Gedeih und Verderben ausgeliefert, von unsichtbaren Mächten getrieben sind. Obschon (oder gerade weil?) sprachlich eher einfach gestaltet und mit seinen abgehackten Satzstrukturen bisweilen etwas irritierend, vermag auch “Autorität” einen dem ersten Band in nichts nachstehenden, schauerlichen Sog zu entwickeln, der die vielleicht jedem Menschen innewohnende Angst vor dem Unfassbaren und dem Unverstehbaren zum Leben erweckt.

Vandermeer, Jeff. Autorität. Southern Reach Trilogie. Aus dem Englischen von Michael Kellner. München: Antje Kunstmann 2015. 368 S., 978-3-88897-995-8

Zürcher Streifzüge (1): Nootebooms Eiche

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Neue Jahre, neue Rubriken: Ich habe mich entschieden, 2015 hier auf dem Blog eine Reihe mit dem Titel “Zürcher Streifzüge” zu publizieren, die voraussichtlich jeden zweiten Freitag erscheinen wird. Meine Heimatstadt Zürich ist ein geschichtsträchtiges, lebhaftes Zentrum literarischen Lebens und Schreibens, randvoll mit Strassen, Gassen, Plätzen, Wegen und Pfaden, die in vielfältigen Beziehungen zur Geschichte und Gegenwart der europäischen Literatur stehen. Jeder Streifzug soll jeweils einen Text, eine Begebenheit, eine Person hervorheben und in Bezug zu einem spezifischen Zürcher Ort setzen. Das Zusammenspiel von Text und Bild lässt, so hoffe ich, ein lebhaftes Bild dieser literarischen Erinnerungsorte entstehen.

Während selbstverständlich auch Zürichs prominentere Wahrzeichen noch Eingang in die Serie finden werden, möchte ich den Auftakt einer womöglich einmaligen Perle in der literarischen Annäherung an Zürich überlassen. Es bedarf eines höchst interessierten und aufmerksamen Beobachters, um in einer fremden Stadt ganz bewusst zu einem Ort vorzudringen, den selbst die meisten Einheimischen nicht kennen. Es verwundert nicht, dass es gerade dem stets einfühlsamen, unbeschreiblich neugierigen niederländischen (Reise)schriftsteller Cees Nooteboom vorbehalten war, ein heute vergriffenes Buch namens “Zürcher Baumgeschichten” - eine Sammlung von 30 Texten über Zürcher Bäume, die ursprünglich 1986-89 im TagesAnzeiger erschienen waren – aufzuspüren und sich auf die Suche zu machen. Unter anderem auf die Suche nach dem Baum, der auch das Cover des Buches ziert: einer 200- bis 400jährigen Stieleiche, Quercus robur, von Einheimischen auch “Tamboureneiche” genannt, die am Ansatz des Uetliberghangs über die Landschaft wachte.

“Ein kleiner Bus, ein grosser Bus, eine Strassenbahn, die verschneite Fläche der Allmend ‘unter dem Albisgütli’. Wird schon stimmen, aber die Menschen sind dekadent geworden, sie wissen nicht mehr, wo die Bäume wohnen, in denen, wie ihre Vorfahren glaubten, die Götter hausten. Und trotzdem muss diese Stieleiche zwanzig Meter hoch sein und einen Umfang von sechs Metern haben, Gottfried Keller hat sie noch aquarelliert, in ihrem Schatten übten früher die Tamboure, aber die joggende Zahnpastareklame, die Dame mit dem Hündchen, die beiden alten Herren, die sich über die theologischen Finessen der Erbsünde unterhalten – keiner weiss, wo dieser alte Götze steht, es dauert Stunden, bis ich ihn gefunden habe, dann aber überwältigt er mich regelrecht, seine weit ausladenden bizarren Arme zeichnen einen Caspar David Friedrich an den plötzlich kupfernen Abendhimmel, natürlich hat hier früher ein Gott gewohnt, und kein freundlicher, einer mit einer Seele aus Eis, einem Geist aus Winter, einem Körper aus Holz. Grollend herrscht er über die Landschaft und lauscht verachtungsvoll dem obszönen Geflüster der Autobahn.”

Aus: Cees Nooteboom. Ein Wintertagebuch. In: Ders. Nootebooms Hotel. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2000.

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Die Tamboureneiche am Tag ihrer Fällung (24.07.2012). Quelle: TagesAnzeiger

Weil der gewaltige, über 20 Meter hohe Baum auseinanderbrach und somit eine Gefahr darstellte, musste er im Juli 2012 gefällt werden. Was bleibt, ist  das literarische Denkmal, das Nooteboom ihm gesetzt hat – und ein staksiger junger Baum, der in zwei-, drei- oder vierhundert Jahren vielleicht wiederum Schriftsteller inspirieren wird…

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Der Platz der Tamboureneiche, mit frisch gepflanztem Baum, heute (Aufnahme: 08.01.2015)

Rezension: Judith N. Shklar – Ganz normale Laster (Matthes & Seitz 2014 [1984])

Mit “Ganz normale Laster” setzt der Matthes & Seitz-Verlag die Erschliessung des Werks von Judith Shklar (1928-1992) für den deutschen Sprachraum fort, die mit “Der Liberalismus der Furcht” (2013) begonnen hat. “Ganz normale Laster” versammelt Essays, in deren Zentrum jeweils eine Verhaltensweise steht, die darauf erprobt wird, in der Hierarchie der Laster an erster Stelle zu stehen.

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Der Titel “Ganz normale Laster” (Original: “Ordinary Vices”) ist einem Zitat von Michel de Montaigne (1533-92) entlehnt, der der Autorin ein steter Begleiter in diesem als “Führung durch Verwirrungen” konzipierten Buch ist. Bei diesen ganz normalen Lastern handelt es sich nämlich um Kardinalverbrechen des Menschen am Menschen: Grausamkeit, Heuchelei, Snobismus, Verrat und Misanthropie. Auf diesem “Streifzug durch ein moralisches Minenfeld”, ist jedem dieser fünf Verhaltensweisen ein Essay gewidmet, in dem Shklar das Laster versuchsweise “an erste Stelle” setzt und darüber nachdenkt, welche Konsequenzen dies für unser privates und politisches Leben hätte.

Von Beginn an ist deutlich, dass Shklar selbst der Auffassung ist, die Grausamkeit – i.e. “einem schwächeren Wesen willentlich körperlichen Schmerz zuzufügen, um Furcht und Leid zu erzeugen” – sei das schwerste aller Vergehen. In den Offenbarungsreligionen sei ein Vorrang der Grausamkeit undenkbar, da das höchste Verbrechen die Sünde sei, also das Vergehen des Menschen an Gott. Und die meisten Philosophen nähmen die Grausmkeit als “zu grosse Bedrohung für die Vernunft” wahr, um über sie zu sprechen. Daran will Shklar etwas ändern: im Zentrum ihres Denkens steht das Leid, das Menschen Menschen zufügen. Schon dieser erste Essay greift alle wesentlichen Themen auf, die im Verlaufe des Buchs von Bedeutung sind, so etwa die Frage, wie man über Opfer nachdenken solle, und die Empfehlung der Skepsis als Denkmodell, das Schutz gewährt vor dem Versinken in melancholischer Misanthropie. In ihrem Hass auf die Grausamkeit folgt Shklar wiederum Montaigne und bespricht, wie dieser, als Gegenbeispiel die politische Theorie Machiavellis.

Shklars sprachlicher Duktus ist erfrischend unakademisch, selbst in den tiefen Analysen philosophischer und literarischer Texte, denen man trotz einiger Längen meist mit Vergnügen folgt; ihre Gedanken sind bisweilen verblüffend. Der Heuchelei etwa vermag sie durchaus positive Aspekte abzugewinnenObschon sie ihre zweifellos schlechten Seiten habe, die durch literarische Figuren wie Tartuffe, Uriah Heep oder den Richter Pyncheon verdeutlicht werden, sei die Heuchelei “eines der wenigen Laster, die einer liberalen Demokratie zugute kommen”.

Im Gegensatz dazu steht wiederum der Snobismus, ein “schlechthin zerstörerisches Laster”, das Shklar in eine primäre und einen sekundäre Spielart aufspaltet. Der primäre Snobismus entstand aus dem alteuropäischen Ständesystem, im Kampf zwischen Adel und Bourgeoisie, ist also in den USA von Natur aus weniger präsent, während der sekundäre Snobismus aus einer in Cliquen gegliederten Gesellschaft erwächst. Die wahren Gefahren des Snobismus liegen in seiner Nähe zu anderen abscheulichen Verhaltensweisen, etwa zum Rassismus: Shklar nennt die beiden “Cousins”.

In die Betrachtungen zum Verrat mischen sich wieder Gedanken zur Rolle des Opfers. Die Autorin macht einen Unterschied aus zwischen denen, die verraten werden, und denen, die sich verraten fühlen. Gerade letztere seien oftmals auch Mittäter am eigenen Verrat, ihr Gefühl ergebe sich aus einem Ungleichgewicht zwischen der Welt und den Erwartungen, die man an sie stelle. Auch diese Thesen werden ausführlich anhand literarischer Beispiele erläutert: Shakespeares Coriolanus, Madame Bovary und Medea machen unter anderen ihre Aufwartung. Shklars Belesenheit, die bisweilen auch weit über die Klassiker hinausgeht, ist beeindruckend, wobei zu erwähnen ist, dass der Grossteil der besprochenen Texte im 19. Jahrhundert zu verorten ist und leider wenige modernere Werke Eingang finden.

“Wer die Laster hasst, hasst die Menschen”, schrieb Plinius der Jüngere. Shklar setzt das Zitat an den Beginn des Essays zur Misanthropie – und widerspricht. In ihrem an Montaigne geschulten Skeptizismus ist sie liberaler und toleranter, wie ihr treuer französischer Begleiter erkennt sie in der Freundschaft das Heilmittel, um der melancholisch-vereinsamten Art der Misanthropie zu entgehen.

Es passt dieser Optimismus ins Bild, das Übersetzer Hannes Bajohr in seiner ausführlichen “werkbiographischen Skizze”, die am Ende des Bandes Platz findet, von Judith Shklar zeichnet. Geboren 1928 in Riga als Tochter einer jüdischen Familie, wurde Shklar von früher Kindheit an mit der Feindschaftlichkeit konfrontiert, die Menschen Menschen entgegenzubringen imstande sind. 1939 flüchtete sie mit ihrer Familie nach Schweden, von wo aus sie in abenteuerlicher Art via Moskau, Wladiwostok, Yokohama, Seattle und New York letztlich nach Montréal gelangten. Später sagte Judith nur, die Abenteuer hätten bei ihr den “bleibenden Hang zu schwarzem Humor” hinterlassen.

In den Fünfzigerjahren lernte Shklar als Studentin der Politikwissenschaften an der Universität Harvard, der sie ihr Leben lang treu blieb, weitere Laster kennen: Antiintellektualismus und Snobismus waren vorherrschende Phänomene, die der gelehrigen und ambitionierten jungen Frau das Leben erschwerten. Abhalten liess sie sich davon freilich nicht, sie promovierte und wurde zu einer angesehenen Dozentin und Autorin. 1957 erschien ihre erste Publikation, “After Utopia”. Die Furchtlosigkeit, mit der sich Judith N. Shklar dem Unbill der Welt stellte, ist beeindruckend – und wichtig, denn die Furcht ist es, die ins Laster führt: Alle Laster, so Shklar, sind “Kinder der Furcht”, sie ist das “tiefliegende psychologische und moralische Medium, das Laster unvermeidlich werden lässt”.

Der Beitrag, den der Matthes & Seitz-Verlag und Hannes Bajohr mit der Erschliessung von Shklars Werk für den deutschen Sprachraum leisten, ist lobenswert. Obwohl gewisse Passagen aus “Ganz normale Laster” im Lichte der heutigen Zeit – das Original stammt aus 1984, einer Zeit vor 9/11, vor WikiLeaks, vor Snowden,.. – vielleicht etwas umgeschrieben werden müssten, ist der Text von grosser Aktualität. In seiner Essenz ist “Ganz normale Laster” ein Plädoyer für die Menschlichkeit, das wir uns auch im 21. Jahrhundert zu Herzen nehmen sollten.

Shklar, Judith N. Ganz normale Laster. Aus dem Englischen von Hannes Bajohr. Berlin: Matthes & Seitz 2014. 346 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-88221-389-8

Rezension: Navid Kermani – Album (Hanser 2014)

In “Album” versammelt der Hanser-Verlag vier frühe Werke des deutsch-iranischen Autors Navid Kermani. “Das Buch der von Neil Young getöteten”, “Vierzig Leben”, “Du sollst” und “Kurzmitteilung” erschienen ursprünglich in den Jahren 2002-2007 im Zürcher Ammann-Verlag. Die Texte vermitteln einen guten Einstieg in das vielseitige und bisweilen verstörende Schaffen Kermanis.

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Der intime Essay “Das Buch der von Neil Young Getöteten” (2002), dessen Titel eine Anspielung an die Handschrift “Die vom Koran Getöteten” ist, eröffnet den Band. Der Text beginnt mit einer häuslichen Szene, in der die neugeborene Tochter des Ich-Erzählers durch die Beschallung mit Songs von Neil Young von ihren Koliken geheilt wird. Aufgrund dieser wundersamen Verschränkung von Musik und Leben beginnt der Erzähler, sich eine ganze Philosophie und Theologie anhand des Werks von Young zu erarbeiten. Er entwickelt eine Obsession, kauft sich etwa ein Auto, nur um einen bestimmten Song während des Fahrens hören zu können. Das Existenzielle entdeckt er jeweils im kleinsten Detail, zum Beispiel im kurzen Innehalten der Gitarren in “Down By The River”. Der Tonfall des Texts ist ekstatisch, der Essay kommt in Form einer Huldigung oder gar Anbetung daher. Früh benennt Kermani das seiner Ansicht nach zentrale Motiv und die Antriebskraft der Young’schen Kunst: den Verlust des Paradieses. Es ist dies auch das zentrale Motiv und die Antriebskraft der folgenden Texte von Kermani selbst.

“Vierzig Leben” (2004) ist eine Sammlung von vierzig Miniaturen, die unter den Bannern grosser abstrakter Begriffe fahren, sie heissen etwa “Vom Glück”, “Von der Schönheit”, “Vom Schicksal”, und so weiter. Ihre jeweiligen Protagonisten werden kaum je in konkrete Verbindungen gesetzt, jede Miniatur funktioniert für sich selbst. Gemeinsam aber haben sie alle eine “subjektive Verzweiflung allgemeiner Art”, die sich auf eben diesen Verlust des Paradieses zurückführen lässt. Viele der Figuren, von denen hier jeweils aus zweiter oder dritter Hand – ein Ich-Erzähler weiss von einem Freund oder Freundesfreund – erfährt, sind auf der Suche nach den Überbleibseln kindlicher Leidenschaft und kindlichen Glücks. Viele versuchen, ihre alltäglichen Eindrücke minutiös zu erfassen, um einen Sinn zu gewinnen aus dieser bedrückend sinnlosen Welt. Einer will gar seine Eltern dafür verklagen, ihn geboren zu haben. Kermanis manchmal moralisierender Tonfall und seine komplexen Schachtelsätze, die oftmals auf mehrere Erzählebenen gleichzeitig verweisen, fordern eine gewisse Anstrengung, sind dem Inhalt aber durchaus angemessen.

Auch “Du sollst” (2005) ist eine Sammlung von Miniaturen, diese sind jedoch mit den Zehn Geboten übertitelt und drehen sich ausschliesslich um Sex. Oder genauer gesagt: um die sexuelle Obdachlosigkeit ihrer jeweiligen Protagonisten, die wiederum einem verlorenen Paradies geschuldet ist. Die Figuren werden der Durchschnittlichkeit ihrer eigenen Existenz gewahr und reagieren darauf: manche mit Akten der Gewalt, manche mit stummem Sich-fügen (was jedoch eine blosse Vorstufe der Gewalt sein könnte). Die Texte drehen sich um Sex in allen möglichen, appetitlichen und unappetitlichen, Formen und um die “Möglichkeit oder Unmöglichkeit (…) sich zu verständigen”. Auch für diesen Text wählte Kermani eine komplexe, verschachtelte Sprache, in der sich manchmal verschiedene Erzählstränge oder Traum- und Wirklichkeitsebenen ohne typographische Abgrenzungen ineinander verschränken.

Demgegenüber ist “Kurzmitteilung” (2007) in einer simpleren Sprache verfasst. Leitmotiv dieses novellenartigen Textes ist der Tod einer Arbeitskollegin, die den Ich-Erzähler Dariusch dazu veranlasst seinen Spanien-Aufenthalt abrupt abzubrechen und nach Deutschland zurückzukehren. Dies obschon er die Kollegin kaum gekannt hat. Er fragt sich: “Wieso stirbt jemand einfach so?” und folgert: “Wenn ihr Tod ohne Grund war, musste es dann nicht auch mein Leben sein?” Auch hier steht in gewisser Weise der Verlust des Paradieses im Mittelpunkt: als Verlust der Illusion von Unsterblichkeit. Die Stärke des Textes liegt in der Entblössung des Ich-Erzählers, der zu Beginn als kulturell gebildeter, nachdenklicher und mitfühlender Zeitgenosse in Erscheinung tritt, sich dann aber nach und nach als oberflächlicher, misogyner, amoralischer und ignoranter Mensch entpuppt. Erst im letzten Kapitel, das deutlich später spielt und den Gesamteindruck leider etwas zerstört, berichtet Dariusch von seiner wundersamen, dem Eintritt in eine Sekte geschuldeten Läuterung.

Der Sammelband bietet einen vielseitigen und aufschlussreichen Einstieg in das Werk des Autors und Orientalisten Navid Kermani (*1967), der zuletzt den Roman “Grosse Liebe” (2014) veröffentlicht hat und 2014 mit dem Gerty-Spies-Literaturpreis und dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet wurde. Die Verschränkungen von (Kölner) Alltagsszenarien mit orientalischer, insbesondere persischer, Mystik, die auch sein neustes Werk prägen, treten schon in diesen frühen Texten deutlich zutage. Gerade “Vierzig Leben” und “Du sollst” sind komplexe, sprachlich raffiniert gestaltete, aber anstrengend zu lesende Werke, deren Art, mit beinahe chirurgischer Präzision alltägliche Szenen zu sezieren, den Gefilden der Langeweile bisweilen bedrohlich nahekommt. Es ist aber der Souveränität des Autors zu verdanken, dass die Grenze nie überschritten wird.

Kermani, Navid. Album. München: Hanser 2014. 512 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-446-24535-8

Wir & Ihr: Jahresrückblick, Blogschau und Dank – 2014.

“Freu dich nicht zu früh auf den Sommer
Weihnachten ist grade erst vorbei.
Im Treppenhaus riecht es noch nach Glühwein
und im Fernsehen läuft Der Weisse Hai.”

…sangen ja einst Element of Crime. Es ist diese merkwürdig halbstille Zeit “zwischen den Jahren”, wie man so schön und falsch sagt, die Zeit der Aufräumarbeiten, des poetischen Schnees, der es wieder einmal nicht auf Weihnachten geschafft hat, die Zeit der Schlussstriche und neuen Vorsätze, die Zeit der – ihr habt es geahnt – Jahresrückblicke.

Wie eine Flut überkommen sie einen, Revuen werden passiert, Rückblicke geworfen, Beste gelistet. Brauchen wir das?, fragen sich manche. Eine interessante Frage, über die es sich bestimmt nachzudenken lohnt – nachdem dann all die Rückblicke einmal überblickt sind. Das Erstellen eines Rückblicks verschafft wohltuende Ordnung im eigenen Erinnerungsgetümmel, das Stöbern in den Revuen anderer fördert Verpasstes, Vergessenes, Noch-nicht-Bekanntes zutage: beides durchaus gewinnbringende Umstände.

WordPress bietet ja neuerdings einen dieser automatisch generierten statistischen Jahresrückblicke an, wie sie auch auf Facebook vor einiger Zeit schon herumgeisterten. Interessiert sich jemand für die hard facts, die diese Seite 2014 abgeworfen hat, schaue er oder sie hier nach.

top102014

Als grosser Listenfan bin ich selbst natürlich keinesfalls gewillt, euch eine eigene Top-10 zu ersparen. Da müsst ihr nun durch. Seid froh, ist es nur diese eine. Sie heisst: 10 Bücher, die 2014 eine nachhaltige Wirkung in mir entfaltet haben. Geschichten, deren Echos ich auch im neuen Jahr und vielleicht in vielen folgenden noch vernehmen werde. Voilà:

Autor Titel Verlag Jahr Links
Chabon, Michael Telegraph Avenue Kiepenheuer & Witsch 2014 Rezension Verlag
Couto, Mia Das Geständnis der Löwin Unionsverlag 2014 (2012) Rezension Verlag
Grünberg, Arnon Der Mann, der nie krank war Kiepenheuer & Witsch 2014 Rezension Verlag
Hutchins, Scott Eine vorläufige Theorie der Liebe Piper 2014 (2012) Rezension Verlag
Kremser, Stefanie Der Tag, an dem ich fliegen lernte Kiepenheuer & Witsch 2014 Rezension Verlag
Padura, Leonardo Ketzer Unionsverlag 2014 (2013) Rezension Verlag
Schwager, Susanna Freudenfrau. Die Geschichte der Zora von Zürich Wörterseh 2014 Rezension Verlag
Steinfest, Heinrich Der Allesforscher Piper 2014 Rezension Verlag
Tesich, Steve Ein letzter Sommer Kein & Aber 2014 (1982) Rezension Verlag
Tschui, Silvia Jakobs Ross Nagel & Kimche 2014 Rezension Verlag

 

Nun aber genug von uns. Es seien euch auch die Rückschauen der bloggenden Kolleginnen und Kollegen nicht vorenthalten, die den WordPress-Reader dieser Tage erfüllen. Lesenswerte Jahresschauen finden sich etwa bei:

Und last but ganz und gar nicht least, viel eher das Allerwichtigste: der Dank. Von Herzen danke ich allen Lesern, Likern, Commentern und den entsprechenden -innen für das Vorbeischauen, Lesen und Mitmachen im Jahr 2014. 365 Tage, 158 Posts, 74 Rezensionen später macht mir das Schreiben mehr Spass denn je, so zeitaufwändig es auch ist, und das liegt an euch, die ihr mit eurem Feedback täglich Ansporn seid, noch besser zu werden. Merci!

Ein Dank geht auch an all die Verlage, die uns stets grosszügig mit Rezensionsexemplaren ausstatten. Welche Verlage das sind, seht ihr am rechten Seitenrand unten unter “Wir werden unterstützt von”. Auch hier ein herzliches Dankeschön!

Ich freue mich auf 2015.  Rutscht glatt und landet sanft. Bis dann!

 

Rezension: Arnon Grünberg – Der jüdische Messias (Diogenes 2014 [2004])

Neun Jahre lang wartete der Diogenes-Verlag mit einer Übersetzung von Arnon Grünbergs aberwitziger, jedes Tabu missachtenden Groteske “Der jüdische Messias”. 2013 letztlich erschien der Text auf Deutsch, seit diesem Jahr liegt er auch als Taschenbuch vor. Die Geschichte von Xavier Radek, dem selbsternannten “Tröster der Juden”, ist ein Panoptikum der Absurditäten und der menschlichen Grausamkeiten. 

978-3-257-06854-2

Zu Beginn des Buches ist Xavier Radek ein knapp sechzehnjähriger Basler Junge, der heimlich in den Erbschaften seines Grossvaters stöbert. Dieser war KZ-Aufseher, ein Nazi aus Überzeugung, der bis zu seinem letzten Atemzug die Ideologie verteidigt und Juden ermordet hat. So ist es nicht verwunderlich, dass auch Hitlers Schrift “Mein Kampf” zu seinen Habseligkeiten gehörte. Xavier, der sich selbst als “unter einem glücklichen Stern” geboren sieht und das Leiden nicht kennt, liest darin und erfährt vom Unglück der Juden, die “Feinde des Glücks” genannt werden. Er fasst einen fatalen Beschluss: “Er würde die Juden trösten.”

Um diesen Plan in die Tat umzusetzen muss er zunächst selbst Jude werden. Der missionarische Eifer, mit dem sein Grossvater einer Bewegung gedient hat, ist dabei sein Vorbild. Er schliesst sich zionistischen Organisationen an und nähert sich dem orthodoxen Juden Awrommele an. Dieser ist Sohn eines falschen Rabbiners, glaubt nicht an die jüdischen Rituale, führt sie aber trotzdem aus, weil er die Leere ohne sie fürchtet. Zwischen ihm und Xavier beginnt eine intensive homoerotische Freundschaft, gebunden an einen Pakt, der sie verpflichtet nichts zu fühlen.

Awrommele hilft Xavier, Jude zu werden. Er bringt ihn zu einem halbblinden pensionierten Mohel, der nur noch mit Käse handelt. Der soll ihn illegal beschneiden, der Eingriff geht jedoch schief und Xavier verliert einen Hoden, den er fortan in einem Glas aufbewahrt und “König David” nennt. Die Figur Xaviers entwickelt hier erste Parallelen zu Adolf Hitler, welche sich im Verlauf der Geschichte häufen, etwa in Xaviers Versuch Kunstmaler zu werden oder in der apokalyptischen Endszene, in der Xavier in einem Bunker seine Schäferhunde erschiesst.

Schon in Basel fassen Awrommele und Xavier den Plan, “Mein Kampf”, den sie als den “Grossen Jiddischen Roman” betrachten, ins Jiddische zu übersetzen. Es findet sich ein Verleger, der das “tabulose Zeitalter” verkündet, die beiden jungen Männer stürzen sich in die Arbeit, die sie bis zum Schluss zusammenhält. Nachdem ihnen Basel zu eng geworden ist, reist das ungleiche Paar nach Amsterdam, wo Xavier eine kurze aussichtslose Zeit an der Kunstakademie verbringt und Awrommele, weil er “nicht nein sagen kann” mit etlichen anderen Männern schläft. Nachdem Xavier ein Verbrechen begangen hat, flüchten sie nach Israel, wo Xavier schliesslich eine Karriere als Politiker startet. Er hat gelernt: “Erst kommt die Macht, dann kommt der Trost.” Er fühlt sich zu Höherem berufen und bahnt sich rücksichtslos seinen Weg. Zuletzt ist er israelischer Ministerpräsident und droht der westlichen Welt mit dem nuklearen Krieg.

Neben diesem Haupterzählstrang baut Grünberg etliche Nebengeschichten in seinen Text ein, die Xaviers und Awrommeles Abenteuern an Absurdität in nichts nachstehen. So lässt sich etwa auch die Geschichte von Xaviers Mutter verfolgen, die die rassischen Ansichten ihres Vaters geerbt hat. Nach dem Tod ihres Mannes, Xaviers Vater, lebt sie mit einem schwulen Freund zusammen, betrachtet aber ein Brotmesser, mit dem sie sich regelmässig verletzt, als ihren wahren Liebhaber. Es gibt eine Gruppe marodierender Jugendlicher – sie gemahnen an die Bande aus A Clockwork Orange – , die im Namen Kierkegaards Leute bewusstlos prügeln und Mädchen missbrauchen. Es gibt einen ägyptischen Imbissbesitzers, der mit seinen Hunden den Mond anheult und jungen Frauen die Ohren abschleckt. Und so weiter, und so fort.

Oftmals ist “Der jüdische Messias” nur aufgrund der offensichtlichen grotesken Züge, der ironischen Distanz mit der Gewalt, Sex und Bigotterie beschrieben werden, überhaupt erträglich. Grünbergs lakonische Sprache, die nie anklagend, stets nur beobachtend ist, verstärkt die Wirkung der menschlichen Grausamkeiten, die er ohne Beschönigungen beschreibt. In vielerlei Hinsicht lässt sich “Der jüdische Messias” auch als Prätext zum 2014 erschienenen “Der Mann, der nie krank war” lesen. Während dieser Roman aber fokussiert und knapp gehalten ist, ist “Der jüdische Messias” mit seinen gut 640 Seiten ziemlich ausufernd. Diese Länge hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Während die Erlebnisse in Amsterdam und Israel auf wenig mehr als 200 Seiten auf den Punkt gebracht und in rasantem Tempo vorgetragen werden, sind der kurzen Basler Zeit mehr als 400 Seiten gewidmet. Es kommt in diesen Passagen zu einigen unnötigen Längen. Wenn etwa seitenlang beschrieben wird, welche Nachwirkungen die missglückte Beschneidung zeitigte, so ist das nicht nur ekelerregend, sondern könnte auch als reine Effekthascherei ausgelegt werden. Es trüben solche Stellen etwas den Eindruck dieses insgesamt zweifellos meisterlich durchdachten Romans, der schonungslos alle Scheinheiligkeiten und Halbwahrheiten unserer Gesellschaft offenlegt und vor keinem Tabu zurückscheut. Der Text ist voller Leute, die über Traumata aus Vergangenheit und Gegenwart “vornehm hinwegsehen”. Anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen, flüchten sie sich in Gewalt und verrennen sich in unterschiedlichen sexuellen Identitätssuchen, die meist brutal enden.

Arnon Grünberg  ist ein Autor, der das sagt, was andere auslassen. Er benennt die Dinge, um die andere vage herumschreiben. Er legt den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft und bohrt darin herum. Grünberg ist der grosse Provokateur des erstickten Lachens.  Das ist lesetechnisch eine Grenzerfahrung und sicherlich nicht jedermanns Sache, als scharfsinniges Zeugnis menschlicher Fehler und Lügen aber unverzichtbar.

Ein aufschlussreiches Interview mit dem Autor (2013):

 

Grünberg, Arnon. Der jüdische Messias. Roman. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Zürich: Diogenes 2014. 640 Seiten, Taschenbuch. 978-3-257-06854-2

Rezension: Roberta DeFalco – Die trüben Wasser von Triest (Pendo 2014)

triestCommissario Benussis Gedanken sind längst nicht mehr wirklich bei seinen Fällen. Am liebsten würde er jetzt schon an seinem Kriminalroman schreiben, für den er fleissig Material sammelt und der als Projekt nach seiner Pensionierung gedacht ist. Beschäftigt er sich nicht mit seinen Autorplänen, kreisen seine Gedanken um sein Gewicht oder vielmehr um die Versuche, an solchem zu verlieren. Seine neueste Taktik: die Dukan-Diät, deren Besonderheiten für einige lustige Szenen sorgen. Und Commissario Benussi tut sich wie erwartet schwer daran und reagiert auf Unterzuckerung gerne mal schroff. Aber versuchen Sie mal, in Italien auf Kohlenhydrate zu verzichten!

Paart man Diät-Enttäuschungen mit einem Mordfall, ist Stress vorprogrammiert. Und so hat auch Commissario Benussi in Roberta DeFalcos Krimi zu leiden: Im Triester Hafenbecken schwimmt an einem Morgen die Leiche einer alten, jüdischen Dame. Benussis Versuch, den Vorfall rasch als Unfall oder Selbstmord abzustempeln – schliesslich war das Opfer wirklich alt –, wird von seinen zwei jüngeren Kollegen abgeschmettert. Die Inspektoren Elettra Morin und Valerio Gargiulo entdecken zu viele Ungereimtheiten im Fall der verstorbenen Ursula Cohen und vermuten einen Mord. Mögliche Täter gibt es einige: Die Ermittlungen der drei Inspektoren zeigen, dass eigentlich fast jede Person, die mit der verstorbenen Ursula Cohen zu tun hatte, einen mehr oder minder grossen Groll gegen sie hegt. Umgänglichkeit war nämlich keineswegs eine ihr eigene Charakterstärke. Für den Verlauf des Buches heisst das also: je mehr Personen, desto mehr Verdächtige.

Roberta deFalco beginnt ihre Geschichte – mal abgesehen vom Mordfall – eher gemächlich. Allein schon die Einführung aller Personen mit ihren je individuellen Geschichten braucht ihre Zeit. Aber auch die Besonderheiten des Schauplatzes Triest kommen nicht zu kurz. Interessant gestaltet DeFalco die erste Begegnung des Lesers mit Triest: Mit den Augen eines Joggers sehen wir die Topographie der italienischen Hafenstadt und erfahren dank ihm auch vom Tod Ursula Cohens. Er nämlich entdeckt ihre schwimmende Leiche im Hafenbecken. Verständlich, dass er diese unerwartete Wendung während seines Morgenrituals erstmal verdauen muss!

So gemächlich der Anfang auch ist, je weiter die Geschichte fortschreitet, desto mehr verstrickt sich die ganze Ermittlung, das Tempo zieht an und Ursula Cohen bleibt nicht das einzige Opfer, nur so viel sei an dieser Stelle verraten…

Was Roberta DeFalcos Krimi wirklich ausmacht, ist nicht die mit der Zeit relativ komplizierte Geschichte um Ursula Cohens ältere und jüngere Vergangenheit, sondern besonders die ermittelnden Protagonisten. Jeder hat seine persönliche Geschichte, die immer wieder ins Hauptgeschehen eingebettet wird und den Betroffenen bisweilen die Gegenwart erschwert. Des Weiteren bietet auch die aufkeimende romantische Beziehung zwischen den beiden jungen Inspektoren teilweise sehr prekäre und spannende Momente. Allen voran ist aber Commissario Benussi das Herzstück des Romans: seine Schrulligkeit und das Unvermögen, sich zur gleichen Zeit sowohl mit seiner Familie als auch seinen Arbeitskollegen abzumühen, machten ihn für mich zum Liebling unter den Charakteren. Wie seine persönliche Geschichte ins gesamte Geschehen passt, kann ich hier natürlich nicht verraten, es lohnt sich aber, bis am Ende dranzubleiben.

De Falco, Roberta. Die trüben Wasser von Triest. Aus dem Italienischen von Luis Ruby. München: Pendo 2014. 336 S., Klappenbroschur. 978-3-86612-379-3

Rezension: Riikka Pulkkinen – Die Ruhelose (List 2014 [2006])

Das Romandebüt der finnischen Autorin Riikka Pulkkinen aus 2006 verwebt die Geschichten vierer Personen – drei Frauen/Mädchen, ein Mann – zu einem Unterhaltungsroman mit dem hohen Anspruch, die fundamentalen Fragen des Lebens aufzugreifen. Was wie ein Paradoxon klingt, funktioniert streckenweise ausgezeichnet. Die Themen Tod, Erinnerung, (weibliches) Erwachsenwerden stehen im Zentrum – und über ihnen allen schwebt die altbekannte Frage: Wie weit bist du bereit für die Liebe zu gehen?

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Riikka Pulkkinen (*1980) gehört einer Generation junger finnischer Literaturschaffender an, die dieses Jahr anlässlich der Frankfurter Buchmesse, wo Finnland Gastland war, in den Mittelpunkt der deutschsprachigen Öffentlichkeit rückten. Mit “Die Ruhelose” liegt nun das Debüt der Autorin aus dem Jahre 2006 auf Deutsch vor. Zuvor war bereits der zweite Roman “Wahr” (2012) im List-Verlag erschienen.

In “Die Ruhelose” wird aus den Perspektiven vierer Personen erzählt: Anja Aropalo, 53, ist eine Literaturprofessorin, deren an Demenz erkrankter Mann in einem Pflegeheim lebt, seine Frau nicht mehr erkennt. Anja ist einsam und depressiv, sie hat beschlossen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie hat erkannt, dass “das Glück am intensivsten in seiner Möglichkeitsform blüht, dann, wenn alles zum Greifen nahe ist und es noch keine Versprechen gibt. Denn wenn man die Hand nach dem Glück ausstreckt und es zu greifen wagt, kommt unausweichlich auch das Bewusstsein seiner Vergänglichkeit auf.”  Der Suizidversuch missglückt, das Leben geht weiter. Anjas zentraler Konflikt ist ein Versprechen, das sie ihrem Mann gegeben hat, kurz bevor er vollends in die geistige Umnachtung abstieg: das Versprechen, ihn zu töten, wenn er sich an gar nichts mehr erinnerte…

Die zweite Hauptfigur ist Anjas Nichte Marie – das Verhältnis der beiden wird nicht genauer thematisiert -, 16, die mit der Bedingungslosigkeit einer ersten Liebe in ihren Literaturlehrer Julian Kanerva verliebt ist. Dieser ist zunehmend unglücklich in seiner Ehe mit Jannika, mit der er zwei Töchter hat. Auch die Vaterschaft liegt ihm nicht, als innerstes Gefühl des Vaterseins empfindet er den “Zwang, Verantwortung zu übernehmen”. Er stürzt sich in eine ausbeuterische Affäre mit seiner Schülerin, die in ihrer Naivität an die Echtheit von Julians Gefühlen glaubt. Marie wird letztlich bitter enttäuscht und beschliesst ebenfalls, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Der Tod hat sie schon immer fasziniert, sie denkt oft an ihn, übt vor dem Spiegel letzte Worte, fühlt den Drang zu leben, will aber “die Vorstellung der eigenen Nicht-Existenz” nicht ausschliessen. Sie erlebt Befreiung, indem sie sich mit einem Messer in Arme und Beine schneidet: Schmerz und Wunden als Beweis der eigenen Existenz. Was zunächst ein Spiel ist, wird durch die fatale Affäre zu ihrem Lehrer untrügliche Wirklichkeit…

Die Perspektiven von Anja und Marie werden einerseits ergänzt von derjenigen Julians: Er will der “banalen Mittelmässigkeit” seines Lebens mit der launischen Ehefrau Jannika entkommen, seine überhebliche, prätentiöse Art und das egoistische Verhalten gegenüber Marie weisen ihn aber ziemlich eindeutig als Antipathieträger aus. Andererseits gibt es die Sicht von Julians sechsjähriger Tochter Anni, deren kindlich-unschuldige Perspektive die “Erwachsenensachen”, in die die restlichen Figuren verstrickt sind, nochmals anders beleuchtet.

Omnipräsentes Thema des Romans ist der Tod, in Verbindung mit der Frage, wie weit jemand bereit ist, für die Liebe zu gehen. Ist es die Liebe wert, sich selbst zu töten? Ist es die Liebe wert, jemand anderen zu töten? Ist es eigensinnig, nach so viel erlebtem Glück noch nach mehr zu verlangen? (Anja) Ist es dumm, alle Freundschaft und familiäre Liebe für eine einzige verheerende erste Liebe aufzugeben? (Marie)

Riikka Pulkkinen hat sich gewichtige, ja fundamentale Fragen der menschlichen Existenz vorgenommen – und einen Unterhaltungsroman geschrieben. Was paradox anmutet und von einigen Kritikern auch durchaus negativ aufgenommen wurde, funktioniert streckenweise ausgezeichnet. Zwar hat der Roman seine deutlichen Schwachstellen: Wenn Anja, Julian und Marie anhand von Interpretation aus Sophokles’ “Antigone” Unterschiede oder Gemeinsamkeiten von Leben und Tragödie herausstellen wollen, wirkt das sehr bemüht. Ebenso sind die Szenen, in denen die kleine Anni mit ihrer dominanten Freundin Sanna Spiele spielt etwas moralinsauer geraten, Ausbeutungen der kindlichen Perspektive. Abgesehen von solchen kleinen Unbeholfenheiten aber, ist Pulkkinens Debüt ein spannender und berührender Roman,  dem es gelingt, spannende ethisch-moralische Aspekte präzise und sprachlich souverän herauszuarbeiten. Dass die grossen Fragen nicht in ausufernder philosophischer Tiefe besprochen werden, sei der Autorin verziehen, es wäre angesichts ihrer schieren Anzahl auch ein allzu hoher Anspruch – und wie so oft gilt auch hier: Manchmal ist das Stellen einer Frage wesentlich bedeutsamer, als der Versuch sie zu beantworten.

Pulkkinen, Riikka. Die Ruhelose. Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat. 352 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-471-35072-0