Rezension: Jeff VanderMeer – Auslöschung (Kunstmann, 2014)

“Auslöschung” ist der erste Band der Southern-Reach-Trilogie des arrivierten Autors Jeff VanderMeer, dessen phantastische Geschichten unter anderem mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet wurden. Der erste Teil der Geschichte führt eine aus vier Frauen bestehende Expedition in das mysteriöse Gebiet ‘Area X’, in dem ein ungeahnter Feind auflauert.

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Titel: Auslöschung
Original: Annihilation (2014)
Autor: Jeff VanderMeer
Übersetzung: Michael Kellner
Verlag: Kunstmann
ISBN: 978-3-88897-968-2
Umfang: 240 S.

Ein “undefinierbares ‘Ereignis'”, vielleicht ausgelöst durch Experimente auf einer nahen Militärbasis, hat das Gebiet Area X einige Jahrzehnte vor dem Beginn von “Auslöschung” in eine kontaminierte Zone verwandelt, über die man in der Aussenwelt nur vage Bescheid weiss. Eine im ersten Teil der Trilogie noch nicht näher thematisierte Organisation namens Southern Reach schickt von Zeit zu Zeit Expeditionsteams nach Area X, die ihre Beobachtungen festhalten sollen. “Auslöschung” beschreibt die Geschichte der zwölften Expedition, die aus vier Frauen besteht: einer Psychologin, einer Anthropologin, einer Vermesserin und einer Biologin, die die Ereiginisse aus ihrer Perspektive schildert. Namen bleiben unbekannt, denn “Namen gehörten in die Welt, aus der wir gekommen waren; in Area X hatte wir alle nur eine Funktion”.

Die Gefahren sind bekannt: Nicht viele derer, die in Area X geschickt wurden, kamen wieder zurück. Zumindest nicht so, wie man sie in Erinnerung hatte. Manche Expeditionsteilnehmer kehrten wieder, teilnahmslos, sprachen monoton von der makellosen Natur des besuchten Gebiets. Einer davon war der Ehemann der Biologin.

Sofort ist klar, dass irgendwo in dieser Area X irgendetwas lauert. Nur wo? Und was? Aus diesen Fragen bezieht die Geschichte einen Teil ihrer Spannung. Von Beginn an in mysteriösen Grundtönen gefärbte Orientierungspunkte wie der Leuchtturm oder der “Turm”, der eigentlich ein Tunnel ist, der in die Erde hinein führt und an dessen Wänden sich merkwürdige Worte von alttestamentarischer Gewalt in die Tiefe winden, scheinen Hinweise auf dieses Etwas zu geben. Es ist die “Begegnung mit dem Allerschönsten, dem Allerschrecklichsten, auf das ich je treffen würde”, die sich anbahnt. Die Biologin benennt den Feind – das Bedürfnis, Namen zu geben, scheint in der Not stärker -, sie tauft ihn “Crawler”. Fokussiert sich die Erzählerin eine geraume Zeit noch auf sich selbst und ihre Mitstreiterinnen, die menschlichen Spannungen, denen sie unterworfen sind und die Fremdheit, von der sie befallen sind, rückt der übermächtige Gegner Wort für Wort deutlicher in den Vordergrund. Denn auch die Biologin wurde kontaminiert…

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Das St. Marks Wildlife Refuge in Florida ist VanderMeers Vorlage für die ‘Area X’.

Während vergleichbare Werke auf fremdartige, ausserirdische Antipoden setzen, macht VanderMeer das Unvermutete, weil Offensichtliche, zum Gegenspieler der Protagonistinnen: die Natur selbst.  In all ihrer Schönheit und all ihrer Schrecklichkeit. Es ist die Natur selbst, die in Area X regiert, die das Land bearbeitet und sich die Menschen einverleibt. Durch diesen kühnen Schachzug des Autors gewinnt die Geschichte eine furchteinflössende, sehr reale Dimension. Gegen Ende des Buches hält die Biologin fest: “Unser Instrumentarium ist nutzlos, unsere Methodologie liegt in Trümmern, unsere Beweggründe sind egoistisch.” Es ist der Kern dessen, was VanderMeer in einem Interview folgendermassen umschreibt: “We also seem to think that we know so much about our world [...] we live on an alien planet without realizing it.” Die Komplexität der Natur ist grösser, als wir gemeinhin denken, die Hilflosigkeit, mit der wir ihr ausgeliefert sein könnten, manifestiert sich in “Auslöschung” auf eindrückliche Art und Weise, so dass neben all der Spannung auch Gedanken angeregt werden, die über das Phantastische hinaus weisen, direkt hinein in unser Leben und den Umgang mit der Welt, die uns umgibt.

Auf Englisch ist die Trilogie bereits vollständig erschienen, auf Deutsch wird sie im Januar bzw. März 2015 mit den Bänden “Autorität” und “Akzeptanz” fortgesetzt (beide ebenfalls bei Kunstmann). Mit “Auslöschung” ist VanderMeer eine hervorragende Eröffnung geglückt, die in knappen 240 Seiten genügend preisgibt, um tiefe Einblicke in die gar nicht so fernab unserer Welt liegende Realität zu geben, andererseits genügend Fragen offenlässt, um weiterhin unterhalten und fesseln zu können.


VanderMeer, Jeff. Auslöschung. Southern Reach Trilogie Bd. 1. Aus dem Englischen von Michael Kellner. München: Antje Kunstmann 2014.

“Wer keine Qual hat, macht sie sich selber.” Lebens-Lagen #39: 28. Oktober

C.F. Zelter: Gemälde von Carl Joseph Begas, 1827, das im hier zitierten Brief später noch erwähnt wird.

Portrait C.F. Zelters von Carl Joseph Begas, 1827, das im hier zitierten Brief später noch erwähnt wird.

Carl Friedrich Zelter (1758-1832) erlernte ursprünglich den Beruf seines Vaters – Maurermeister -, bildete sich nebenbei aber autodidaktisch musikalisch weiter und wurde später zu einem einflussreichen Musiker, Komponisten und Kulturpolitiker.

Im Februar 1802 begegnete Zelter während eines Besuchs in Weimar zum ersten Mal Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Die beiden hatten lange schon Kenntnis von den Arbeiten des jeweils Anderen genommen und waren begierig darauf, einander kennenzulernen. Goethe und Schiller trafen sich vom 23. Februar an bis zum Ende seines Aufenthalts immer wieder mit dem aus Berlin stammenden Zelter. “Eine wahrhafte Neigung, auf wechselseitiges Kennen und Anerkennen gegründet, entspann sich”, hielt Goethe Jahre später in seinen Tag- und Jahres-Heften fest. Der Nachwelt bleibt diese Neigung unter anderem als Briefwechsel erhalten, der sich über drei Jahrzehnte – vom August 1799 bis zum März 1832 – erstreckt. Der letzte Brief, den Zelter an Goethe schrieb, trägt das Datum 22. März 1832: Goethes Todestag. Zelter selbst verstarb drei Monate danach, am 15. Mai.

Dieser Briefwechsel enthält Diskussionen zu literarischen und musikalischen Fragen, bezieht seine Bedeutsamkeit aber insbesondere auch aus der Offenheit, mit der die beiden Freunde über Alltägliches und Gefühle sprechen oder Klatsch und Tratsch austauschen. Es sind wenige Gesprächspartner bekannt, denen gegenüber Goethe eine derartige Offenheit gezeigt hat. Dass Zelter eine der wenigen Personen war, die er duzte, legt davon Zeugnis ab.

Ein Beispiel für dieses Besprechen nachbarschaftlicher Angelegenheiten: Am Sonntag, den 28. Oktober 1827, schrieb Zelter an Goethe:

“Wer keine Qual hat, macht sie sich selber. Die bekannte Heiratsgeschichte ist etwas schlimmer, als man sie sich denken möchte. Die Braut soll als nicht intakt befunden sein. Das wäre nichts Neues, wenn es wahr wäre. Der junge Mann aber hat sich so stürmisch und mit Eklat betragen, dass ihm die Angetraute nach überhäuften Beschimpfungen entfliehn und ihre Zuflucht zur Gräfin v.d. Recke suchen müssen; endlich, als der Vater erschienen, hat er diesen Vater der Beflickung seines Kindes ins Angesicht beschuldigt. Der Vater ist nun bereits klagbar geworden und die Ehe soll aufgehoben werden.
Die Freunde des jungen Mannes sagen nun endlich aus, sie hätten schon in Rom von ihm gewusst, dass ihm eine gewisse Potenz abgehe; sogar sein natürlicher Vater (unser Antiquarius) und auch seine Mutter sollen davon unterrichtet gewesen sein. Der Vater des Mädchens wird am meisten bedauert, der noch an einem frühern Missverhältnis zu schleppen hat, dessen Frucht diese Tochter ist, und nun rühren sich die beiden Familiengeschichten wie ein stinkiger Brei ineinander.
Von meiner Seite will ich nur dabei bemerken, dass solche Vorfälle mir stets die “Wahlverwandtschaften” ins Gedächtnis zurückrufen. Man ist viel zu leichtsinnig, solche Kasus wie Meteorsteine anzuschauen.”1


1. Aus: Der Briefwechsel zwischen Goethe und (Karl Friedrich) Zelter

Ein längerer Text zum Verhältnis zwischen Zelter und Goethe findet sich auf dem Goethezeitportal.

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Rezension: Adam Zagajewski – Die kleine Ewigkeit der Kunst (Hanser, 2014)

“Die kleine Ewigkeit der Kunst” ist ein ‘Tagebuch ohne Datum’, in dem uns Adam Zagajewski (*1945) in die Gegenden, in denen sein Denken, Leben und seine Kunst wurzeln. Ein berührendes, angeregtes und anregendes Prosawerk dieses ausgezeichneten polnischen Lyrikers und Essayisten.

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Titel: Die kleine Ewigkeit der Kunst
Original: Lekka przesada (2011)
Autor: Adam Zagajewski
Übersetzung: Bernhard Hartmann, Renate Schmidgall
Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-24612-6
Umfang: 320 S., flexibler Einband

2014 wurde Adam Zagajewski mit dem Eichendorff-Literaturpreis ausgezeichnet, der Schriftsteller würdigt, die aus Schlesien stammen, oder sich in ihrem Werk der schlesischen Kultur widmen. Zagajewskis Beziehung zu Schlesien beginnt im Jahr seiner Geburt: 1945. In dem Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, wurde die Familie Zagajewski aus dem ukrainischen Lemberg nach Schlesien vertrieben (‘umgesiedelt’). Diese Vertreibung bildet einen der thematischen Fixpunkte dieses “Tagebuchs ohne Datum”, ein immer wiederkehrendes Motiv. Die verlorene Stadt, die Umsiedlung, an der manch einer gestorben ist. Nicht so Adam Zagajewskis Vater, der aber dennoch bis ins hohe, von Demenz geprägte Alter eine besondere Beziehung zu Lemberg hatte, die der Autor in berührenden, feinfühligen Szenen beschreibt. “Die kleine Ewigkeit der Kunst” entführt den Leser in die Gegenden, in denen der Mensch und Künstler Adam Zagajewski seine Wurzeln hat.

Neben der Familiengeschichte und seiner eigenen, von unterschiedlichen Wohn- und Arbeitsorten (Krakau, Paris, Houston) geprägten Biographie, schreibt Zagajewski vor allem über die Kunst, namentlich: Literatur und klassische Musik. Da ist einerseits die polnische Literaturszene, mit der ihn nicht nur literarische, sondern auch persönliche, freundschaftliche Erlebnisse verbinden: Zbigniew Herbert und Czeslaw Milosz , andererseits die deutschsprachige Literatur, aus der er Thomas Mann, Robert Musil und Gottfried Benn häufig zitiert, und drittens der rumänische Skeptiker und Misanthrop Emil Cioran. Sie alle prägten mit ihrem Denken und ihren Schriften Zagajewski auf die eine oder andere Weise, sie alle sind ihm unentbehrlich.  Daneben finden viele weitere Künstler, etliche davon Lyriker wie Zagajewski selbst, Erwähnung.

Mit Anspielungen, Zitaten und scharfen Beobachtungen, die mal an die Reisenotizen eines Cees Nooteboom, mal an die Aphorismen eines Elias Canetti erinnern, entsteht so datumslose Eintragung für datumslose Eintragung ein Bild von Adam Zagajewski selbst. Ein ernsthafter, man könnte sagen konservativer Künstler, dem der “allgegenwärtige Nebel der Ironie”, wie er die postmoderne Kunst dominiert, nicht ausreicht. Zagajewski ist ein Künstler von erhabener Seriosität, von ehrvoller Verpflichtung der Wahrheit, der Erfahrung des Konkreten, gegenüber (“(ich) schreibe nur über Dinge,die ich selbst gesehen habe”) und von dezidierter Schärfe der Meinungen. Sein Ideal ist die eigenständige Suche nach der Wahrheit, gedankliche Systeme, wie sie die heutigen Geisteswissenschaften dominieren, sind ihm zuwider (“…letztlich sind Systeme gift für den Verstand, ein Schandfleck des intellektuellen Lebens”).

Als “Schlüssel zum Verständnis der Kunst” schliesslich bezeichnet Zagajewski den Enthusiasmus, also einen, seinem ursprünglichen Wortsinne nach, Zustand von Gott eingegebener, beseelter Inspiration. In diesem Schluss zeigt sich deutlich die Feierlichkeit und Überzeugung, die Sprache und Denken Zagajewskis tief durchdringen. Das hat Potenzial zu polarisieren, Gemüter zu erregen, etwa wenn er ausschweifend und verherrlichend über Werke von Bach oder Chopin spricht, aber jedes Auftauchen von populärer Musik als “primitiv” abtut. Der Grat zwischen Schärfe der Meinungen und Ignoranz ist ein schmaler, doch Zagajewskis gelingt es zumeist, auf der richtigen Seite zu bleiben, denn in den meisten Fällen, in denen er kritisiert, wird man ihm Recht geben. Und wenn er bewundert – hierzu zitiert er selbst ein (angebliches) Wort von Paul Claudel: “Celui qui admire, n’a jamais tort.” (Der, der bewundert, hat niemals Unrecht.) und sagt, “dass im geistigen Sinne Bewunderung und Enthusiasmus etwas viel Höheres sind als Kritik, Sarkasmus oder eine rein ironische Haltung.” Ich bin gewillt, ihm auch hierin Recht zu geben.

Zagajewski, Adam. Die kleine Ewigkeit der Kunst. Tagebuch ohne Datum. Hg. v. Michael Krüger. Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann und Renate Schmidgall. EDITION AKZENTE. München: Hanser 2014.

Rezension: Hila Blum – Der Besuch (Berlin-Verlag, 2014 [2011])

“Der Besuch” ist das Romandebüt der israelischen Autorin Hila Blum, die bis anhin als Journalistin und Lektorin tätig war. Sie erzählt eine bemerkenswerte moderne Familiengeschichte, in der schöner Schein geradezu hörbar bröckelt und die Sicht freigibt auf Vorurteile, Vorwürfe und lang verdrängte Erinnerungen.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht das Ehepaar Nataniel (Nati) und Nili, beide um die vierzig Jahre alt, wohnhaft im Jerusalem der 2010er-Jahre. Mit ihrer Tochter Asia und Jedida, einer älteren Tochter, die Nati aus seiner ersten Ehe mitbrachte bilden sie eine Art moderne Patchwork-Familie. Die Ankündigung des titelgebenden Besuchs steht am Beginn der Geschichte: Der Pariser Millionär Jesaja Duclos ruft an und kündigt seinen Besuch in Jerusalem an. Er bittet um ein Treffen, das Nati und Nili nicht ablehnen können, hat ihnen der exzentrische Duclos doch neun Jahre zuvor, als Natis und Nilis Beziehung gerade begonnen hatte, in einer furchtbar brenzligen Situation geholfen.

Was genau in dieser Nacht geschah, wird dem Leser nach und nach offenbart – und soll an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden, macht es doch einen grossen Teil der Spannung des Romans aus. Tatsache ist: Unter vier Augen hat Duclos in jener Nacht Nili etwas mitgeteilt, was sie nie wieder losgelassen hat. Etwas, über das sie mit Nati nie gesprochen hat. Und neun Jahre später nun weckt Duclos’ Anruf die Erinnerungen an diese Nacht, beschwört böse Gedanken in Nili, Gedanken, die sich mit weiteren unausgesprochenen Dingen – Vorurteilen, Vermutungen, Ahnungen – vermengen und sie an ihrer Ehe (ver)zweifeln lassen.

“Sie duschten, zogen sich wieder an, und als sie nebeneinander im Bett lagen, war der Zauber verschwunden. Die Liebe war, wie die meiste Zeit, eine Erinnerung, die wieder auflebt, wenn man in alten Alben blättert.”

Hila Blum erzählt in Szenen, die unverhofft zwischen den Zeiten hin- und herspringen, sich in den meisten Fällen aber eindeutig einer zeitlichen Ebene zuordnen lassen. Verdrängung ist nicht nur einer der inhaltlichen Schwerpunkte des Romans, sondern auch dessen poetologisches Prinzip: Die gewichtigen Dinge – die Nacht in Paris oder die dunklen Geheimnisse über Asia oder Nilis Schwester Uma, die sie hütet – werden nicht stringent erzählt, sondern Happen für Happen offeriert, sie spielen sich häufig in Andeutungen, in subtilen und doch eindringlichen Nebensätzen ab. Gleiches gilt im Übrigen für die das Setting bestimmende politische Realität: Israel im Kriegszustand, wegen Bombenalarmen leergefegte Strassen, Menschen in Angst. In einem “Davor” betitelten Vorspann zum Roman heisst es:

“Es gibt Dinge, die können nur in den schmalen Spalten der Nachlässigkeit geschehen, der Unaufmerksamkeit, in einem Wirbel aus Trägheit und Licht. Plötzlich entspringen sie der Phantasie und landen im gelebten Leben.
Erklärungen werden erst später gesucht.”

“Der Besuch” kann als dieses Später gelesen werden, als Erzählung der Zeit, in der allmählich das Bedürfnis nach Erklärungen entsteht, sich Antworten Puzzleteil für Puzzleteil zu einem ganzen Bild zusammenzufügen beginnen. Und wenn es vollendet ist, wird einem womöglich bewusst, dass man sich all die Jahre, aufgrund einer blossen Ahnung, so sehr auf etwas fixiert hat, dass der Blick für andere, nicht weniger bedeutende Dinge schlicht gefehlt hat. Versinnbildlicht wird dieses Motiv mit der clever in die Familiengeschichte eingewobenen Story des verschwundenen Jungen Denis Bukinow, dessen Fall Nati und Nili in den Nachrichten verfolgen: Ein unerschrockener erzählerischer Kunstgriff, der eine souveräne Autorin verrät.

Obschon “Der Besuch” Hila Blums (*1969) Romandebüt ist, erweist sie sich als abgeklärte Autorin, die ihren Plot hervorragend kontrolliert, gekonnt Spannung aufbaut und zudem von grossem sprachlichem Einfallsreichtum ist. Einige Schwächen lassen sich zwar ausmachen, so kommt es beispielsweise gegen Ende zu einigen ziemlich langatmigen, von banalen Dialogen gequälten Stellen, die sich zwischen Nili und den beiden Töchtern abspielen, insgesamt aber ist “Der Besuch” ein ausgewogenes, durchdachtes, ja ein hervorragendes Debüt. Es ist ein Familiendrama, das genre-typische Paradigmen wie den makellosen Schein, der mehr und mehr Risse bekommt, um schliesslich eine gar unschöne, unausgesprochene Realität zu offenbaren, aufnimmt und mit viel Fantasie und Empathie in eine zeitgemässe Geschichte integriert.

Schweizer Standpunkte: Raum und Macht – Wer plant die Planung?

“Wer plant die Planung?”: Diese Frage beschäftigte den Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt lange Zeit. Eine Gruppe von 14 Autoren hat sich seines Lebens und Wirkens in der Studie “Raum und Macht. Die Stadt zwischen Vision und Wirklichkeit” (Rotpunktverlag, 2014) angenommen und versucht, seine Denkanstösse auf aktuelle stadtplanerische Projekte anzuwenden.

Lucius Burckhardt  (1925-2003) war Soziologe, Ökonom und Begründer der sogenannten Spaziergangswissenschaft, er war ein politisch engagierter Bürger und ein kritischer, die Grundsätze menschlichen Lebens und Wohnens hinterfragender Geist. Gemeinsam mit seiner Frau Annemarie, der in der vorliegenden Studie ebenfalls ausführliche Teile gewidmet sind, setzte er sich beruflich und privat für die Mitbestimmung des Volks bei der Planung städtischer Lebensräume ein. Getreu dem Grundsatz, dass jeder so wohnen können sollte, wie es ihm beliebt. Kritisch stand er etwa der sogenannten Wohlfahrt gegenüber, “weil die Wohltäter festlegen, was ein gutes und menschenwürdiges Leben ist.” Dadurch gelangten Leute, die unter dem festgelegten Standard lebten und wohnten, unter psychischen Druck.

Burckhardt war stets bewusst, dass “alles, was Stadtplanung plant, (…) irgendwelchen Leuten Vorteile und anderen Nachteile” bringt. Diese Einsicht reduzierte er auf die prägnante Formel: “Planung ist Leidensverteilung”. Wichtig war ihm und seiner Frau, urbane Räume möglichst “menschengerecht und lebendig” zu gestalten. Sein Gedankengut könnte man dabei als liberal und/oder grün bezeichnen. Max Frisch, selbst auch Architekt, schrieb in “achtung: die Schweiz” (1954), einer Schrift, die aus einem Gespräch zwischen Burckhardt, Frisch und Markus Kutter entstand, folgenden Satz: “Man ist nicht realistisch, indem man keine Idee hat.”  Hierin spiegelt sich auch Burckhardts Bemühen, die Bürger zu persönlicher Verantwortung hinsichtlich der Planung ihrer Lebensräume aufzurufen. Sich zu zurückzuhalten und abzuwarten war nie das Anliegen von Lucius und Annemarie Burckhardt. Eine Demokratisierung planerischer Prozesse schwebte ihnen vor. Nicht die Verfilzung mächtiger “Player” aus Politik und Wirtschaft sollten den urbanen Raum planen, sondern die darin ansässige Bevölkerung selbst.

Die hier besprochene Studie greift brandaktuelle Paradigmen und konkrete Projekte aus Burckhardts Heimat Basel auf, um zu beleuchten, welche Interessen heute bestimmen, wie Raum genutzt wird, welche Machtgefüge das Sagen haben, wenn es etwa darum geht, die trinationale Nachbarschaft um Basel (CH), Weil am Rhein (DE) und Huningue (FR) – ein kraftvolles Statement für Europa – zu planen. Des Weiteren finden sich spannende Beiträge zum Phänomen Urban Gardening und zum Basler Wagenplatz, einer rechtlich illegalen, von der Stadt aber unter Bedingungen geduldeten Ansammlung von Zirkuswagen, in denen Leute eine alternative Vision des Wohnens leben.

“Raum und Macht. Die Stadt zwischen Vision und Wirklichkeit” ist ein aufwendig gestaltetes Buch mit etlichen Fotografien, Teilabdrucken von Interviews, die Zeitgenossen und Schüler von Lucius Burckhardt den Autoren gegeben haben. Ergänzt wird das Ganze mit einer DVD, die die Aufzeichnungen dieser Interviews beinhaltet. Inhaltlich handelt es sich um eine umfangreiche Studie, die Biographisches und Historisches – etwa die Gedanken anderer Theoretiker wie Henri Lefebvre (“Recht auf Stadt”, 1968) – mit raumplanerischen Gegenwart und Zukunft kombiniert. Es ist ein auch für Nicht-Basler anregendes und auch Nicht-Wissenschaftlern verständliches Werk, das einerseits in die Schatzkiste der Schweizer Geschichte greift, andererseits die Augen öffnet, für urbane Probleme, die nach wie vor  – manche gar mehr denn je – bestehen. Und ganz im Sinne Lucius und Annemarie Burckhardts bleibt letztlich der Wille, aktiv an der Gestaltung des unmittelbaren Wohn- und Lebensraums teilzunehmen.

 

 

Rezension: Dinaw Mengestu – Unsere Namen (Kein & Aber, 2014)

Wie seine Vorgänger ist auch der dritte Roman des äthiopisch-stämmigen US-Amerikaners Dinaw Mengestu eine Exilgeschichte. Angesiedelt im kriegsgebeutelten Uganda und im rassistischen Mittleren Westen der USA in den frühen Siebzigerjahren, lässt der Autor zwei Erzähler ihre ausserordentlichen Liebesgeschichten entfalten. 

Verbindendes Glied beider Geschichten ist ein Mann, der unter dem Namen Isaac mit einem Studentenvisum aus Uganda in die USA einreist. Im ersten Erzählstrang, der sich kapitelweise mit dem zweiten abwechselt, ist dieser Isaac der Ich-Erzähler. Bettelarm ist er über die Grenze aus seiner Heimat Äthiopien nach Uganda geflüchtet, mit dem Ziel, Schriftsteller zu werden. Bald aber gelangt er in ein revolutionär gestimmtes Umfeld. Sein Freund, der echte Isaac, der zunächst harmlose revolutionäre Aktionen im studentischen Milieu durchgeführt hat, verbündet sich bald schon mit dem Warlord Joseph, der mit einer privaten Armee in den Krieg zieht. Der Ich-Erzähler schliesst sich ebenfalls an und muss feststellen:

“Gekommen war ich für die Literatur, doch ich blieb für den Krieg. Der Unterschied war nicht so gross, wie ich geglaubt hätte.”

Die Szenen aus Uganda sind packend, bisweilen von ungeschminkter Brutalität, ergreifend in ihrer Beschreibung der kompromittierten Freundschaft zwischen dem echten Isaac, der sich bald schon zum Oberst hochgearbeitet hat und gnadenlos Leute umbringt, und dem etwas hilflosen Ich-Erzähler. Mengestu hat davon abgesehen, historische Personen in seine Erzählung einzugliedern. Dass es sich um Beschreibungen aus der Zeit der Militärputschs handelt, auf die unmittelbar die achtjährige Schreckensherrschaft Idi Amins folgte, wird mit keinem Wort erwähnt.

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Titel: Unsere Namen
Original: All Our Names
Autor: Dinaw Mengestu
Übersetzung: Verena Kilchling
Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5702-9
Umfang: 336 S.

Auch im zweiten Erzählstrang fällt der Verzicht auf geschichtliche Daten auf. Angesiedelt in einer kleinen “Collegestadt im Herzen Amerikas” erzählt die Sozialarbeiterin Helen, die ungefähr dreissig Jahre jung ist und noch bei ihrer Mutter wohnt, wie sie den Fall des Afrikaners Isaac Mabira zugeteilt bekommt. Die Akte verrät nichts ausser seinem Namen und dass er mit einem Studentenvisum für ein Jahr in den USA bleiben darf. Helen soll ihm dabei behilflich sein, sich zurechtzufinden, und verliebt sich dabei in den Afrikaner. Es entspinnt sich eine Liebesaffäre, die Helen in pathetischer, kitschnaher Art und Weise erzählt. Das ist einerseits zermürbend, andererseits auch authentisch: Von der Frau, die mit dreissig noch bei ihrer Mutter wohnt, erwartet man nachgerade eine gewisse pathetische Ader.

Spannend ist die Ausgangssituation in den USA der Zeit, die ebenfalls nur vage angedeutet wird. Die beiden Liebenden bewegen sich in einer unsicheren, rassistischen Gesellschaft des amerikanischen Heartland, die sich noch nicht in einem Post-Segregations-Zeitalter eingefunden hat und zudem unter den Schrecknissen des Vietnamkriegs leidet. Da kann bereits das blosse Auftauchen der weissen Helen mit dem schwarzen Isaac in einem Restaurant zu einem spannungsgeladenen, gefährlichen Ereignis werden.

Mengestu gelingt es mit der Gegenüberstellung der beiden Geschichten, die abschliessend beide primär als Liebesgeschichten verstanden werden können, wichtige Aspekte der Differenzen zwischen afrikanischer und amerikanischer Kultur auszuleuchten. Im Zentrum der Uganda-Geschichte steht etwa die Frage, wie viele Rückschläge und Täuschungen eine Liebe ertragen kann, ohne ihre Kraft einzubüssen. In der amerikanischen Geschichte dagegen nähern sich viele Szenen der Frage danach an, wie viel man von einem Menschen wissen muss, um ihn lieben zu können. Muss Helen Isaacs Vergangenheit kennen, um mit ihm zusammen sein zu können? Oder reicht es seine Geburtsstunde auf den Moment zu verschieben, in dem er in ihr Leben trat?

Dinaw Mengestu, 1978 in Äthiopien geboren und bereits 1980 mit seiner Mutter und seiner Schwester in die USA emigriert, erarbeitet sich seine Geschichten mit der Souveränität eines erfahrenen Autors. Seine Sprache ist stets beherrscht, verliert nie die Kontrolle über das Geschehen. Der junge Autor, der gerne einer neuen Weltliteratur zugerechnet wird und schon vielfach ausgezeichnet wurde, legt mit seinem dritten Roman – dem ersten, der auf deutsch bei Kein & Aber erscheint, während die Vorgänger bei Ullstein erhältlich sind  –  ein spannendes Werk vor, das ich keinesfalls mit ‘Weltliteratur’ überschreiben würde, das aber absolut lesenswert ist und sich den Konflikten zweier unterschiedlicher Kulturen auf erzählerisch und inhaltlich fordernde Weise nähert.

Rezension: Meg Wolitzer – Die Interessanten (DuMont, 2014 [2013])

Vierzig Jahre, sechs Lebensgeschichten: In ihrem weit ausholenden Roman “Die Interessanten” versucht die US-amerikanische Schriftstellerin Meg Wolitzer nichts anderes, als das Portrait einer ganzen Generation zu entwerfen. Von 1974 bis 2014 begleitet sie die sechs Protagonisten, die sich als Jugendliche in einem Sommercamp kennenlernen und glauben, die Welt verändern zu können…

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Titel: Die Interessanten
Original: The Interestings
Autorin: Meg Wolitzer
Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence
Verlag: DuMont
ISBN: 978-3-8321-9745-2
Umfang: 608 S., gebunden m. Schutzumschlag

Die Geschichte beginnt 1974 in einem Sommercamp namens “Spirit of the Woods”, das auf den Werten der Hippies gründet und die künstlerische Freiheit der Teilnehmer zu fördern versucht. Julie – im Camp als “Jules” neu geboren – Jacobson, eine Aussenseiterin aus Vermont, wird aufgrund ihres bitterbösen Humors in eine Gruppe von fünf aus guten Verhältnissen stammenden New Yorker Jugendlichen aufgenommen, die sich selbst “Die Interessanten” nennen.

Der Gruppe gehören an: Cathy Kiplinger, eine frühreife junge Frau mit dem Wunsch, Tänzerin zu werden, Jonah Bay, der bildhübsche Sohn einer bekannten Joni-Mitchell-artigen Folksängerin, Ethan Figman, der hässliche, aber liebenswerte und vor allem geniale Zeichner, der später dank einer Zeichentrick-TV-Serie zum Superstar wird. Im Zentrum aber steht das Geschwisterpaar Ash und Goodman Wolf: sie eine zierliche, wunderschöne Frau mit bescheidenem künstlerischem Talent, er ein betont maskuliner, dominanter Junge, der manch einem Mädchen den Kopf verdreht. Die beiden sind hübsch, klug und entstammen einem schwerreichen Elternhaus, dessen Geld alle Türen zu öffnen scheint.

All diesen Figuren, so selbstsicher sie zu Beginn auch scheinen mögen, sind ihre grossen Konflikte schon von Kindesalter an eingeschrieben. Sprunghaft, immer wieder mehrere Jahre auslassend, erzählt Wolitzer auf mehr als 600 Seiten, wie sich die Lebenswege der sechs Interessanten in den vierzig Jahren nach Spirit in the Woods entwickeln. Manche trennen sich, manche kommen sporadisch wieder zusammen, manche gehen nie auseinander. Vor dem Hintergrund der bewegten amerikanischen (und New Yorker) Geschichte dieser vier Dekaden – Nixon, AIDS, 11. September, um nur einige Fixpunkte zu nennen – entwickelt Wolitzer dieses Generationenportrait, das sich mit vielen schwerwiegenden menschlichen Fragen auf subtile Art und Weise befasst. So werden die “Interessanten” im Laufe der Jahre etwa mit Themen wie Vergewaltigung, Depression, Homosexualität, Armut und Reichtum, Autismus und dem Tod konfrontiert. Und natürlich geht es um Freundschaft. Und um Liebe, in all ihren Spielarten: lebenslange, kurzfristige, missbräuchliche, väterliche, mütterliche, hingebungsvolle, nachlässige, erkaltete und glühende, erwiderte und unerwiderte Liebe.

Die grösste Stärke des Buchs sind eindeutig die authentischen Charaktere, die sich mehrheitlich in präzisen Dialogen offenbaren. Während der allgemeine sprachliche Duktus bisweilen nüchtern, blass, einfallslos wirkt, erwecken die Dialoge die Figuren mit ihren spezifischen Handlungsmustern, Konflikten, Vorlieben und Abgründen zum Leben, so dass  sehr lebhafte Vorstellungen dieser Charaktere und ihrer Beziehungen untereinander entstehen. Diesem Umstand ist es auch zu verdanken, dass das Buch selbst an den Stellen, wo minutiös banale Vorgänge des Alltags beschrieben werden, einen gewissen Unterhaltungswert besitzt. Die Wirkung ist mit derjenigen einer Fernsehserie zu vergleichen, deren Charaktere regelmässigen Betrachtern vertraut sind, als wären es ihre eigenen Freunde. Und eine Fernsehserie steht letztlich auch im Zentrum von “Die Interessanten”: Ethan Figmans Figland, eine Simpsons-artige Zeichentrick-Reihe, imitiert das Leben so gut, dass man bisweilen glaubt die Welt selbst sei ein Zeichentrickfilm. Und letztlich – diese Einsicht sei hier schon preisgegeben -, während die Menschen den Versuch abgebrochen haben, interessant zu wirken, ist es ein gezeichneter Bilderkreislauf, der “trotz allem, was man mittlerweile wusste, immer noch interessant war.”

Meg Wolitzer legt mit “Die Interessanten” ein Werk vor, das iinhaltlich wie sprachlich n der Traditionslinie solch umfangreicher, ausschweifender Familiensagas wie etwa Jonathan Franzens “The Corrections”  (2001) steht, dabei aber eine Gruppe freiwillig und nicht durch Blut aneinander gebundene Figuren präsentiert. Es lässt sich mit gutem Recht behaupten, dass “Die Interessanten” einer Mischung aus jenen Familiensagas und den Freundschaftsmanifesten ist, wie sie in amerikanischen TV-Sitcoms erzählt werden. 


Ein weitere, sehr lesenswerte Besprechung des Romans ist auf Sätze & Schätze zu finden.

Rezension: Arnon Grünberg – Der Mann, der nie krank war (KiWi, 2014)

Grünberg macht den Kafka: In seinem neuen Roman “Der Mann, der nie krank war” – seinem ersten, der auf deutsch bei Kiepenheuer & Witsch erscheint – lässt er den ambitionierten Schweizer Architekten Samarendra Ambani Satz für Satz die Kontrolle über sein Leben verlieren. Ein schwer verdaulicher Roman über Erniedrigung, Liebe und das Aufeinanderprallen europäischer und arabischer Kulturen.

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Titel: Der Mann, der nie krank war
Original: De man zonder ziekte
Autor: Arnon Grünberg
Übersetzung: Rainer Kersten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04660-1
Umfang: 240 S. gebunden m. Schutzumschlag

Der niederländische Autor Arnon Grünberg ist weit gereist. Unlängst versammelte er im Sammelband “Couchsurfen und andere Schlachten”  die auf diesen Reisen gesammelten Eindrücke, unter anderem etwa aus einem Armeecamp in Afghanistan. Und in ein nahöstliches Kriegsgebiet geht denn auch die erste Reise des Samarendra Ambani, von Freunden Sam genannt, dem Protagonisten des neuen Romans, dem Mann, der nie krank war.

Sam ist ein junger, ambitionierter, doch sehr selbstgefälliger Architekt. Gemeinsam mit seiner Mutter pflegt er seine schwerkranke Schwester Aida, die er vorgibt über alles zu lieben. Mehr noch als seine Freundin Nina, die er eher nach rationalen Kriterien als perfekte Frau für sich betrachtet. Eine dubiose Organisation namens World Wide Design Consortium hat Sam als Finalisten eines Wettbewerbs nach Bagdad eingeladen: Es geht um den Bau einer neuen Oper für die kriegsgebeutelte Stadt. Sams Firmenpartner Dave will sich an dem Projekt nicht beteiligen, er hält es für zu riskant. Sam aber will den Auftrag um jeden Preis: der scheinbare Idealismus des Auftraggebers hat ihn überzeugt. Er ist so besessen davon, dass es ihm als Architekt obliegt, die Welt zu verbessern, dass er annimmt und hinfliegt.

Eine turbulente Reise, die ihn nach Bagdad,  zurück in die Schweiz und letztlich nach Dubai führt, nimmt ihren Lauf. Sam A. fungiert als eine Art Josef K. fürs 21. Jahrhundert: stets glaubt er sich im Recht, ist sich seiner Unschuld bewusst, während ihn Beschützer, Polizisten, Folterer, Diplomaten und  Richter vom Gegenteil zu überzeugen versuchen. Grünberg zieht seinem Protagonisten gnadenlos den Boden unter den Füssen weg: seien es irakische Folterknechte, amerikanische Geheimagenten, asiatische Geschäftspartner oder Schweizer Studentinnen, Sam verliert Satz für Satz die Kontrolle über sein Leben an andere, ihm kaum bekannte Menschen. Wie bei Kafka ist es zu einem grossen Teil die Ungewissheit, die den Schrecken der Geschichte ausmacht: Niemand bemüht sich um Erklärungen, für die Richter und Henker steht das Urteil fest, bevor es überhaupt zu einem Prozess kommen kann. Die vollkommene Gesundheit Sams, der sein Leben lang nie krank war, wird zur Farce im Angesicht der Torturen, die ihm widerfahren. Und letztlich einfach zu einem weiteren Punkt, der gegen ihn zu sprechen scheint…

Grünberg ist ein Autor, der das Drastische, das eine solche Geschichte erfordert, nicht scheut. Wer Mühe hat mit Fäkalien, Urin, ekelerregenden Sexualpraktiken oder Gewalt, sollte entweder die Finger von dem Buch lassen oder bestimmte Stellen einfach überlesen. Glücklicherweise aber setzt der Autor die genannten Dinge niemals aus purer Effekthascherei ein, sondern um gezielt die grossen Themenkreise dieses Romans zu demonstrieren: Es geht um Erniedrigung, um Kontrollverlust, um Trauma, um das Aufeinanderprallen europäischer und arabischer Kulturen, die zu viele Missverständnisse durchlebt haben, um sich ohne Weiteres freundlich gesinnt zu sein.  Eine der Stärken dieses  Romans ist die Nüchternheit des Stils, die Grünberg zu jeder Zeit beibehält: sei es ein romantischer Spaziergang durch Rom oder eine gewalttätige Szene in einem irakischen Folterkeller, der Autor ist stets neutraler Beobachter. Er beschreibt in klaren, unkomplizierten Sätzen, was passiert, und das macht das Erlebnis noch packender, noch intensiver.

“Er sucht sich eine Haltung zum Schlafen, was jedoch nicht so einfach ist. Einerseits, weil der Boden kalt, hart und glatt ist, andererseits, weil ihm die Hände noch immer auf den Rücken gebunden sind. Er kann sich aufs Handtuch legen, doch viel bringt das nicht.
Zu guter Letzt wählt er wieder die Haltung des verunstalteten Igels.
Er leckt den Reis auf, und um sich selbst ein bisschen zu unterhalten, versucht er die Erbsen, die nicht zertreten sind, mit der Zunge über den Boden zu schiessen.”

Ein Buch, das tonnenschwer auf dem Magen liegt – und genau deshalb als Meisterstück bezeichnet werden kann.

Rezension: Steve Tesich – Ein letzter Sommer (Kein & Aber, 2014 [1982])

Der einzige zu Lebzeiten veröffentlichte Roman des serbischstämmigen Amerikaners Steve Tesich (1942-1996) liegt neu in einer deutschen Taschenbuchausgabe bei Kein & Aber vor. Die Geschichte von Daniel Price, seinen Freunden, seiner ersten Liebe, seinem sterbenden Vater und seiner abergläubischen Mutter ist ein Coming-of-Age-Roman, wie er in der amerikanischen Literatur bislang womöglich nicht übertroffen wurde (nein, auch von Dir nicht, J.D. Salinger!)

Autor Steve Tesich ist kam 1957 mit vierzehn Jahren aus Serbien in die USA, wo er in East Chicago, Indiana, dem Ort, an dem auch “Ein letzter Sommer” spielt, ein Zuhause fand. Er studierte Russische Literatur an der Columbia und begann, nach erfolgreichem Abschluss, Theaterstücke und Drehbücher zu schreiben. Für sein erstes Hollywood-Drehbuch “Breaking Away” (“Vier irre Typen”, 1979) erhielt er einen Oscar. Mit “The World According To Garp” (1982, mit Robin Williams) und “American Flyers” (1985, mit Kevin Costner) steuerte er zu weiteren prominenten Produktionen seine Drehbücher bei. 1996 verstarb Tesich, 53jährig, an einem Herzinfarkt. Als Drehbuch- und Theaterautor ist sein Nachruhm wesentlich grösser, als als Schriftsteller. Zwei Romane hat er geschrieben: “Karoo” (“Abspann”, posthum veröffentlicht 1998) und der hier vorliegende “Summer Crossing” (“Ein letzter Sommer”, 1982).

Es gilt, einen begnadeten Präparator menschlicher Gefühlswelten zu entdecken, der die Tragik und die Komik unserer Existenz in einer berührenden Geschichte gebannt hat.

“Ein letzter Sommer” spielt in der Industriestadt East Chicago im Jahre 1960. Die drei achtzehnjährigen Freunde Daniel Price (der Ich-Erzähler), Larry Misiora und Billy ‘Freud’ Freund haben gerade die Highschool abgeschlossen und stehen vor einem letzten Sommer – bevor sie ihrem Leben eine Richtung geben sollen. Sie sind “ängstlich und unentschlossen”. Alle sind sie mit Problemen im Elternhaus konfrontiert: der rebellische, steineschmeissende Larry verachtet seine Eltern für ihr Spiessbürgertum; Freud wirft seiner Mutter vor, das Andenken an den verstorbenen Vater nicht zu ehren; und Daniel schliesslich steht Tag für Tag im Kreuzfeuer, wenn seine schöne jugoslawische Mutter und sein verbitterter, kranker Vater ihre Streitigkeiten austragen.

Alles ändert sich für Daniel, als er Rachel kennenlernt: er verliebt sich Hals über Kopf in das mysteriöse Mädchen, das mit seinem Vater David neu in die Stadt gezogen ist. Rachel und Daniel kommen zusammen, versichern sich ihre Liebe, reden sich ein, dass das Schicksal sie zueinander geführt hat. Doch während Daniel mit jenem schweren, Teenager eigenen Ernst liebt und geliebt werden will, scheint Rachel immer dann, wenn es darauf ankäme, etwas wegzuziehen von Daniel…

Daniel Price geht durch East Chicago: mit Freud und Misiora, deren Wege sich nach einer Schlägerei, die sie alle drei Seite an Seite mitmachten, trennen; mit seinem sterbenden Vater, den er im Rollstuhl umherschieben muss; mit Rachel, mit der er eigentlich ganz anderes machen wollte; alleine. Bis er jeden Winkel des Ortes gesehen hat, bis es keine Leerstellen mehr gibt und ihm nur noch eines übrigbleibt…

Tesich schreibt mit Feinfühligkeit und der angemessenen Mischung aus grossartiger Komik und herzzerreissender Tragik, die eine solche Coming-of-Age-Geschichte erfordert. Seine Sprache ist klug und bilderreich,  gespickt mit präzisen Dialogen, die Qualen des jungen Liebenden sind glaubhaft und nur dann pathetisch oder kitschig, wenn sie es auch sein müssen (Denn kein verliebter Teenager käme wohl ganz ohne diese beiden Eigenschaften aus.) Die Wechselbäder der Gefühlswelten – unerwartete Sprünge von überbordendem Selbstvertrauen zu unterwürfiger Ratlosigkeit etwa – durchmisst Tesich sprachlich und stilistisch meisterlich.

“Ein letzter Sommer” ist die Geschichte dreier Freunde auf dem Weg in die weite Welt hinaus, die Geschichte davon, wie sich Wege, die man an einem Tag als Parallelen bis in alle Ewigkeit gesehen hatte, am nächsten schon in vollkommen unterschiedliche Himmelsrichtungen abgehen können.  “Ein letzter Sommer” ist die Geschichte einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung, die Geschichte eines Befreiungskampfs aus der Klammer väterlicher Psychotyrannei. Und schliesslich ist “Ein letzter Sommer” die Geschichte von der Entdeckung der Liebe mit all ihren himmelhochjauchzenden Höhen und ihren todessehnsüchtigen Tiefen.

Kurzum: Ob Sommer, Herbst, Winter oder Frühling – “Ein letzter Sommer” ist ein grandioses Buch für alle Jahreszeiten. Ein echtes Lesevergnügen, dem es weder an Humor noch an Spannung noch an Tragik fehlt. 

Rezension: Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe (Diogenes, 2014)

Bernhard Schlinks neuer Roman “Die Frau auf der Treppe” ist schlankes Werk, das sich mit Fragen nach dem richtigen und falschen Leben, nach Reue, Niederlage und Jugend befasst. In seinen schwächsten Momenten wirkt es altersmüde, in seinen besten Momenten regt es die Gedankenwelt so an, dass man sich selbst zu fragen beginnt: Lebe ich richtig? 

schlink

Titel: Die Frau auf der Treppe
Autor: Bernhard Schlink
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-06909-9
Umfang: 256 S., Taschenbuch

Der Ich-Erzähler der Geschichte, ein Frankfurter Anwalt, Seniorpartner seiner Firma, wohl zwischen seinem 60. und 70. Lebensjahr stehend, befindet sich geschäftlich in Sydney und entdeckt in der Art Gallery ein Bild, das ihm nur allzu gut bekannt ist: Es zeigt eine nackte Frau, die die Treppe hinuntersteigt. Jahrzehntelang hat er es für verschollen gehalten, sein Anblick trägt in zurück ins Jahr 1968, zu seinem ersten juristischen Fall, zu seiner grossen Liebe: Irene.

Irene ist die Frau, die auf dem Bild nackt die Treppe hinabsteigt. 1968 kam sie mit Karl Schwind, dem Maler, zum jungen Anwalt. Ein Streit war um das Bild entbrannt. Irenes Ehemann, der stinkreiche Gundlach, hatte es von Schwind anfertigen lassen und zürnte diesem nun, weil er mit Irene durchgebrannt war… Im Laufe des von kleinen Boshaftigkeiten geprägten Falles verliebte sich der Ich-Erzähler in Irene und wollte seinerseits mit ihr durchbrennen. Sie jedoch schnappte sich das Bild und verschwand.

Jahrzehnte später nun  sieht er  also das Bild wieder. Er ist inzwischen Witwer, Vater dreier Kinder, pingeliger, rastloser Arbeiter, der mit Gefühlen kaum klarkommt. Er beschliesst, Irene in Australien zu suchen. Er findet sie, in einem einsamen abgelegenen Haus. Todkrank. Eine zweiwöchige Odyssee durch Gegenwart, tatsächlich gelebte und mögliche Vergangenheiten beginnt. Im Laufe der Tage machen auch Gundlach und Schwind noch einmal ihre Aufwartung–

Der Erzähler macht sich im Laufe dieser Zeit viele Gedanken. Über das Alter, die Reue, die Niederlage, das Was-wäre-gewesen-wenn. Er sagt: “Ich klage nicht darüber, dass ich alt bin”, was ihn aber beschäftigt, sind all die Ungewissheiten, die grossen Fragezeichen überall.

“Wenn ich jetzt auf die Vergangenheit zurückschaue, weiss ich nicht, was Last und Geschenk war, ob der Erfolg den Preis wet war und was sich in meinen Begegnungen mit Frauen erfüllt und was sich mir versagt hat.”

Nach der Wiederbegegnung mit dem Bild weiss er plötzlich nicht mehr, was er aus seinem eigenen vergangenen Leben machen soll. Er ist, genau wie seine Antipoden Gundlach und Schwind, eingenommen von den lange zurückliegenden Ereignissen, kann sie nicht loslassen, wird durch das Auftauchen des Bildes angestachelt und schwelgt in einer Art selbstmitleidiger, negativer Nostalgie.

“Die frühen grossen Niederlagen lenken unser Leben in eine neue Richtung. Die frühen kleinen verändern uns nicht, aber begleiten und quälen uns, stets kleine Stachel im Fleisch.”

 

Wie Gérard von Pop-Polit in seiner sehr treffenden Rezension des Buches erwähnt, leidet “Die Frau auf der Treppe” bisweilen wahrlich unter den fehlenden Sympathien, die die Protagonisten zu erwecken vermögen. Irene ist die einzige halbwegs sympathische Figur, während Gundlach, Schwind und der Erzähler sich oft wie besessene, verbissene Sturköppe ohne Empathie geben. Nichtsdestotrotz vermögen einige der Fragen, die der Erzähler aufwirft das eigene Nachdenken über die richtigen und falschen Entscheidungen im Leben, den Umgang mit Niederlagen und de Vergangenheit anzuregen.

Sprachlich bleibt Schlink  auch mit mittlerweile siebzig Jahren seiner stilistischen Knappheit treu. Was etwa in seinem bekanntesten Werk “Der Vorleser” jedoch immer prägnant, auf den Punkt gebracht wirkte, erscheint in diesem – können wir es so nennen? – Alterswerk auch schonmal ziemlich spröde, eben zu knapp.

Alles in allem liefert der Autor mit “Die Frau auf der Treppe” einen gut komponierten, klaren Roman ab, der aber keinesfalls als Glanzleistung bezeichnet werden kann.