Rezension: Hugh Howey – Silo (Piper 2014 [2011])

Ursprünglich veröffentlichte der Amerikaner Hugh C. Howey “SILO” (Original: “Wool”) als abgeschlossene Kurzgeschichte verlagsunabhängig über Amazons “Kindle Direct Publishing”. Weil sich eine stetig wachsende Fangemeinde für die postapokalyptische Welt von Silo zu begeistern vermochte, schrieb Howey weiter. Mittlerweile existieren neun Teile, deren erste fünf im vorliegenden “SILO” zusammengefasst sind. Es ist solide dystopische Spannungsliteratur mit dem einen oder anderen handwerklichen Makel. 

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Titel: Silo
Original: Wool (2011)
Autor: Hugh Howey
Übersetzung: Gaby Wurster, Johanna Nickel
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05585-7
Umfang: 544 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag oder TB

Seit hunderten von Jahren leben die Menschen nicht mehr an der Erdoberfläche, sondern in gigantischen, einhundertvierundvierzig Etagen tiefen Silos im Erdinnern. Was von der alten, nun vergifteten Welt noch übrig geblieben ist, kennen sie nur von den Bildern der Kameras am äusseren Deckel des Silos. Fragen nach der Vergangenheit sind nicht erlaubt, “Ideen sind ansteckend” – und somit als Krankheit zu behandeln -, wie Bernard sagt. Er ist der diabolische Chef der IT-Abteilung, die (heimlich) die Geschicke des Silos bestimmt.

Im ersten Teil des Buches wird die Geschichte von Silo-Sheriff Holston, dessen Frau Allison einer grossen Verschwörung auf der Spur war. Sie hat sich freiwillig zur Reinigung der Kameralinsen – trotz Schutzanzügen gleichzusetzen mit dem sicheren Erstickungstod in der verpesteten Aussenwelt – gemeldet. Überzeugt, dass den Silo-Bewohnern die Unbewohnbarkeit der oberirdischen Welt nur vorgegaukelt wird, hat sie sich in ihren Tod gestürzt. Drei Jahre später ist Holston, auch wenn die Bilder, die die Kameras ins Silo projizierten, das Gegenteil zeigen, nicht überzeugt vom Tod seiner Frau. Auch er meldet sich zur Reinigung; geht raus, schrubbt die Linsen, läuft davon – und stirbt.

Der zweite Teil widmet sich der Reise, die Mayor Jahns und Deputy Marnes in den untersten Teil des Silos, die Mechanik, unternehmen, um den potenziellen neuen Sheriff – Juliette “Jules” Nichols – zu besuchen und vom Annehmen der neuen Aufgabe zu überzeugen. Der Silo kann nur über lange Wendeltreppen bereist werden, so dass es mehrere Tage von zuoberst nach ganz unten dauert. Juliette nimmt den Posten an, untersucht den Fall Holstons und gerät ebenfalls auf die Spur der Verschwörung. Dies wiederum stösst Bernard, der nach Mayor Jahns’ Tod offizieller Machthaber ist, sauer auf. Er lässt Juliette festnehmen und auch sie wird zur Reinigung geschickt.

Im Gegensatz zu allen Reinigenden davor aber, verweigert sie das Putzen der Linsen mit den Wollepads (daher der Originaltitel “Wool”) und stürzt sich in ihrem Schutzanzug sogleich über die Hügel in die angrenzende Stadt. Tatsächlich ist alles hier so giftig und unbewohnbar, wie es im Silo gesagt wird. Zu ihrer Überraschung aber stösst Juliette auf einen zweiten Silo, in den sie eindringt. Auf den ersten Blick scheint er verlassen… Im anderen Silo beginnt unterdessen die Revolte: die Mechaniker – Juliettes “Familie” – stürmen von unten nach oben, während ihr Freund Lukas in die Fänge Bernards gelangt…

***

Hugh Howey ist ein Autor, der Texte am Laufmeter produziert. Auf seiner Website lassen sich in einer Spalte am linken Rand die Titel einsehen, an denen er gerade arbeitet; inklusive eines wortgenauen Zählers, der angibt wie viel Prozent eines Textes bereits vollendet sind. Literatur als Ware: für Diskussionsstoff ist also bereits durch seine Arbeitsweise gesorgt.

Es liesse sich etwa folgender Vorwurf vorbringen: wer an mehreren Texten gleichzeitig arbeitet und neue Geschichten wie am Fliessband auf den Markt bringt, nimmt sich nicht die nötige Zeit, um den Inhalten die nötige Tiefe zu geben. Und tatsächlich findet sich dieser Vorwurf in “Silo” bisweilen bestätigt. Einige Rezensenten, etwa auf Dystopische Literatur, zeigten sich von SILO ungleich begeisterter als wir, verglichen gar mit Horror-Grossmeister Stephen King, der sich ja auch schon mit solch abgeschotteten Alles-unter-einem-Dach-Welten auseinandergesetzt hat. Ich finde, das Lob greift zu weit.  Die Geschichten sind zweifellos spannend, die postapokalyptische Szenerie und der Weg, der die Menschheit in die Silos geführt hat, regt viele Gedanken an. Allerdings sind viele Dinge dieser Welt nur in Grundzügen gezeichnet, vieles bleibt oberflächlich, einiges mangelhaft erklärt (Warum gibt es im Silo nur Treppen und keine Aufzüge?). Die Figuren sind zwar  zumeist gut gezeichnet, haben markante Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, problematisch ist jedoch, dass diesen Figuren fixfertige Probleme vorgesetzt werden, bei deren Lösung sich besagte Charakterzüge kaum je zeigen. So kommt es, dass einige der prägenden Figuren – etwa Lukas Kyle oder auch Bernard – letztlich doch flach rüberkommen. Eigenständigere Charaktere und besser ausgearbeitete Konflikte wären wünschenswert gewesen. Aber: “SILO” (“Wool”) ist nicht der Schluss der Reihe; in englischer Sprache existieren bereits zwei weitere Bände, “Shift” und “Sand”, so dass die Hoffnung auf mehr Erklärungen und stärkere Figuren erhalten bleibt.

 

 

Rezension: Rolf Niederhauser – Seltsame Schleife (Rotpunktverlag, 2014)

Nach über zwanzigjähriger Publikationspause meldet sich der Schweizer Schriftsteller und Journalist Rolf Niederhauser mit dem weit ausgreifenden Romanwerk “Seltsame Schleife” zurück. Dessen Protagonist Pit Dörflinger kommt als eine Art Homo Faber fürs digitale Zeitalter daher. Auf über 700 Seiten begleiten wir ihn auf seiner Odyssee durch die Untiefen des wilden Südamerikas und seines eigenen Bewusstseins.

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Titel: Seltsame Schleife
Autor: Rolf Niederhauser
Verlag: Rotpunkt
ISBN: 978-3-85869-584-0
Umfang: 736 Seiten, gebunden

1997: Pit Dörflinger, 32, ist Forschungsassistent am  M.I.T.  in Cambridge, Massachusetts, wo er an einem Artificial-Life-Projekt mitarbeitet. Er ist ein Schweizer Auswanderer,  seit langem in den Staaten, mit der Texanerin Lillith zusammen. Aus seiner Perspektive erfahren wir den grössten Teil der Geschichten und Gedanken, die die “Seltsame Schleife” ausmachen. Bisweilen mischt sich eine auktoriale Aussenperspektive darunter: eine Stimme, die Dörflingers Aufzeichnungen im Internet aufgestöbert hat und sich nun auf dessen Spuren nach Amerika begibt…

Amerika: alles beginnt damit, dass Dörflinger zur Familie seiner Freundin nach Texas fahren soll, um dort Weihnachten zu verbringen. Er verspürt nicht die geringste Lust; fährt los; kommt vom Weg ab (Homo Faber, die Erste); landet in Mexiko bei seinem alten Studienfreund Guido und dessen Tochter. Mit diesen unternimmt er eine Reise auf die Galapagos-Inseln. Von da aus fliegt er nach Bogotá, Kolumbien, und von da wiederum startet er eine unerhörte Odyssee durch dieses von Bürgerkrieg und Drogenhandel gebeutelte Land. Er schliesst sich der ehemaligen Guerillera Flor Marina an, die nun für eine Friedensbewegung aktiv ist, und reist ihr nach; begegnet ihrem Gefährten Ramon und glaubt – hier kommt die Krux des Ganzen -, diesen ermordet zu haben, ohne sich daran erinnern zu können.

Letztlich sitzt  Dörflinger in Buenaventura, der Stadt, in der er seinen Geburtsort vermutet, und schreibt auf, was ihm widerfahren ist. “ich versuche fest zu halten was gewesen ist!”, schreibt er. Er ist sich sicher, Ramon – versehentlich – erschossen zu haben, “dass nirgends eine entsprechende meldung auftaucht, beweist gar nichts.” Einer der Unterschiede Dörflingers zu seinem Grossvater Homo Faber ist, wie Autor Rolf Niederhauser in einem Interview sagte, dass Faber am Ende mit einer Wahrheit konfrontiert wird, Dörflinger aber bloss glaubt mit einer Wahrheit konfrontiert zu sein; einer Wahrheit, die man ihm als Leser nur schwerlich abnimmt.

Dörflinger ist ein unzuverlässiger Erzähler. Er sagt: “Ich selber behalte praktisch nichts was ich nicht aus einem systematischen zusammenhang herleiten kann”. Seine deutsche Grammatik und Orthographie sind bisweilen mangelhaft und durchsetzt von vielen englischen und spanischen Ausdrücken; er hat jahrelang kein Deutsch mehr geschrieben, ja vielleicht überhaupt nicht geschrieben. Er ist Mathematiker, glaubt an den Ursprung des Bewusstseins in der Materie und versucht “das konzept des menschlichen bewusstseins (…) in eine algorithmische form zu bringen”.  Unablässig durchsetzt er die Nacherzählung seiner Geschichte mit Gedanken solcher Art. Immer wieder im Zentrum seines überbordenden Gedankenkosmos steht die Frage nach Innen- und Aussenwelt. Ihm schwant, dass die “Aussenwelt” nicht input ist, sondern output, das heisst: bloss die Projektion innerer Spannungen auf eine vom Bewusstsein zu kontrollierende Umgebung. Innen und Aussen werden nicht mehr unterscheidbar – womit wir beim Möbiusband sind, jener Seltsamen Schleife mit nur einer Kante und einer Fläche, die dem Buch nicht nur den Titel, sondern auch die Struktur leiht, denn:

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Intellektueller Kopfstand: Niederhausers Schleife fordert vorwärts und rückwärts.

Richtig gesehen: da steht was Kopf. “Seltsame Schleife” liest sich erst von vorne nach hinten (Kapitel “Die Reise”), dann retour (“Die Rückkehr” und Epilog “Die Recherche” aus der auktorialen Aussensicht, Dörflingers Existenz anzweifelnd!). Gelesen wird dabei jeweils nur die rechte Seite. Die eigenwillige Struktur  ist eine Spielerei, entspricht der Erzählung und den darin entwickelten Gedanken jedoch optimal.

Autor Rolf Niederhauser (*1951) hat die Orte des Geschehens selbst besucht, war früher auch in journalistischem Auftrag in Zentralamerika unterwegs. Er weiss, von was er schreibt, und lässt seinen Protagonisten Dörflinger so lebhafte Szenen süd- und mittelamerikanischen Lebens, Liebens und Leidens zeichnen. Was die Gedanken zu Bewusstsein, Künstlicher Intelligenz, Informatik, usw. betrifft, so ist festzustellen, dass diese bisweilen sehr ausufernd, verzettelt, manchmal wirr daherkommen. Denn, so sagt Niederhauser, im Gegensatz zum Homo Faber sei der Dörflinger kein grosser Vereinfacher, sondern ein Mann der komplexen Gedankengebilde. In der Tat.

Dem unablässigen Parlando der Hauptfigur zum Trotz, hat Rolf Niederhauser mit “Seltsame Schleife” einen über weite Strecken kurzweiligen, empathischen, zu weiteren Gedanken anregenden Roman geschrieben. Ein gelungenes Comeback!

 

Rezension: Alba Arikha – Wörterbuch einer verlorenen Welt (Berlin-Verlag 2014 [2011])

In ihrem autobiographischen “Wörterbuch einer verlorenen Welt” (Original: “Major/Minor”, 2011) spürt die Autorin Alba Arikha den Jahren ihrer Adoleszenz im Paris der frühen Achtzigerjahre nach. Diese Szenen von Freiheit, Rebellion, ersten Küssen und lauten Streitereien wechseln sich ab mit Erzählungen aus der traumatischen Vergangenheit ihrer jüdischen Familie während des Zweiten Weltkriegs.

Alba Arikha wuchs im Paris der Achtzigerjahre als Tochter der (erfolglosen) Dichterin Anne Atik und des Malers Avigdor ‘Vigo’ Arikha auf, ihr Patenonkel war Samuel Beckett. Die Familie hat wenig Geld, lebt in von Mäzenen bezahlten Wohnungen ein intellektuelles Künstlerleben. Von frühester Kindheit an werden Alba und ihre Schwester Noga mit den Tücken der Armut konfrontiert:

“Grundsätzlich weiss ich es. Dass mein Vater ein grosses Talent hat, mit dem er nicht alle unsere Rechnungen bezahlen kann. Also eilen wohlhabende Menschen, die an ihn glauben, zu unserer Rettung herbei: Das ist okay. Talent ist selten, Geld ist weit verbreitet.”

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Titel: Wörterbuch einer verlorenen Welt
Original: Major/Minor
Autorin: Alba Arikha
Übersetzung: Friederike Meltendorf
ISBN: 978-3-8270-1102-2
Umfang: 256 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Die Kindheit und Adoleszenz Albas ist geprägt von diesem künstlerischen, idealistischen Umfeld. Insbesondere der Vater, Avigdor, dem dieses Buch gewidmet ist und der als Albas Antipode erscheint, ist bemüht, seine Grundsätze von künstlerischer Reinheit zu vermitteln. Er ist jähzornig, “predigt, wenn er spricht”, ein intellektueller Snob, der alle Errungenschaften der 1968er-Bewegung verachtet und dessen “Herumgekasper” wenn es um ‘richtige’ und ‘falsche’ Musik geht, einer Teenagerin gehörig gegen den Strich geht.

Alba flüchtet sich aus der vormodernen Welt ihres Vaters in Bücher (“Ich verliere mich im Leben anderer”) und in der modernen, von Amerika und England her kommenden Subkulturen, von denen vorwiegend der Punk zum grossen Thema wird.

Im Gegensatz zu Avigdor, der sagt “Wir Juden gehören nur zu unserer Geschichte”, ist Jüdin zu sein für Alba “nur ein Detail”, sie will sich nicht über die Religion, sondern über die Kultur definieren. Die Beschreibungen alltäglicher Scherereien, die die Adoleszenz für eine junge Frau mit sich bringt – Diskussionen über Kleider, Drogen, Musik, Männer – werden ausgespielt gegen die immer wieder abbrechenden Erzählungen von Avigdor und seiner Mutter Pepi aus dem Zweiten Weltkrieg. Im Gegensatz zu Alba nämlich hat Avigdor keine Jugend gehabt. Halb erfroren im jüdischen Ghetto von Mogilew-Podolski hat er den Krieg dank eines Unternehmers überlebt, der mit den Deutschen ein Recht zur Beschäftigung jüdischer Metallarbeiter aushandeln konnte. Schliesslich erlaubte ein ähnlicher Deal ihm und seiner Schwester Elena die Flucht nach Jerusalem – Mutter Pepi musste im kommunistischen Rumänien verharren und sah ihre Kinder erst 1957 wieder.

Vor dem Hintergrund dieser existenbedrohenden Erlebnisse erscheinen die Höhen und Tiefen von Albas Adoleszenz trivial: Wenn die Teenagerin bei einem gemeinsamen Kleiderkauf mit der Mutter wie wild um neue Schuhe bettelt, die sie gar nicht braucht, erscheint dies vor dem Hintergrund der Geschichte von den hungernden Juden im Ghetto vergleicht, die bisweilen ihre letzten Schuhe für ein Brot hergaben und sich danach mit erfrorenen Füssen durch die Strassen schleppen mussten, geradezu dekadent.

Nichtsdestotrotz gelingt es Alba Arikha die richtigen Perspektiven zu haben, so dass sowohl ein eindrücklicher Bericht über die Zustände während des Zweiten Weltkriegs als auch eine einfühlsame Erzählung über eine Pariser Jugend in den Achtzigerjahren entsteht. Die Jugend von Alba mit all ihren Höhen und Tiefen – oder, um dem Originaltitel gerecht zu werden, all ihrem Dur und Moll – wird empathisch, mit grosser Hingabe nacherzählt, während die Erzählungen von Pepi, Avigdor und anderen Familienmitgliedern mit grossem Respekt und glaubhaftem Willen zum Verstehen der eigenen Geschichte eingebettet sind. Alba Arikha hat sich mit dem “Wörterbuch der verlorenen Welt” erfolgreich ihrer eigenen Vergangenheit wieder angenähert und versucht, die Geschichte ihrer Familie aufzuarbeiten, zu verstehen, woher sie kommt. Die prägnanten, klaren Sätze und die szenische, episodenhafte Gliederung des Buches in eine lose Ansammlung von Über- und Unterkapiteln werden dem Erzählten als Form dabei sehr gerecht, widerspiegeln die nur allzu oft (scheinbar) zufällige Struktur der Erinnerung.

Rezension: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Schwarzer Flieder (Hoffmann und Campe 2014)

Der junge österreichische Erzähler Reinhard Kaiser-Mühlecker (*1982) schreibt in seinem jüngsten Roman “Schwarzer Flieder” die Familiengeschichte zu Ende, die in “Roter Flieder” (2012) begonnen hatte. In kraftvoller Sprache wird da berichtet von einem, der sich daran macht, alles auszulöschen, was seine Familie aufgebaut hat. Ein starker Roman über Strafe, Schicksal und die unermessliche Sprachlosigkeit der Menschen.

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Titel: Schwarzer Flieder
Autor: Reinhard Kaiser-Mühlecker
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-81243-5
Umfang: 240 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Im Gegensatz zu “Roter Flieder”, einem mehr als sechshundert Seiten starken Buch, das die Geschichte der Familie Goldberger über drei Generationen (von der Zeit des Nationalsozialismus bis in die frühen 1990er) verfolgte, mutet das Ende des Familienepos nun schmal an. Knapp 240 Seiten umfasst es, gegliedert in vier Teile. Im Mittelpunkt steht Ferdinand Goldberger, der als die Geschichte einsetzt seit sieben Jahren in Wien heimisch ist, da Landwirtschaft studiert hat und eine Stelle im Ministerium hat. Er ist der Sohn von Paul Goldberger, dem schwarzen Schaf der Familie, hat seinen Vater, der in Bolivien ums Leben kam, aber nie gekannt. Eine Zeit lang hat er bei seinem Onkel Thomas und seiner Tante Sabine auf dem Landgut Rosental gelebt, das auch in diesem Buch eine zentrale Rolle einnimmt.

Im ersten Teil von “Schwarzer Flieder” begegnet Ferdinand seiner verloren geglaubten ersten Liebe Susanne wieder, verliebt sich ein zweites Mal und verlobt sich mit ihr. Es ist ein aufblühender Ferdinand, der dem Leser hier begegnet. Es heisst: “(…)seit sein altes Leben – Rosental, Susanne – verloren war, schien es, als wäre sein Herz verhärtet.” Nun erweicht es wieder, erblickt für einen Moment das Glück – und wird jäh zerschmettert, als Susanne sich das Leben nimmt.

In der Folge nimmt Ferdinand Reissaus, flüchtet sich nach Bolivien, um den Spuren seines Vaters zu folgen und “(i)hm war, als wäre alles, was er sah, nichts anderes als sein Vater”. In Bolivien mietet er sich in einer Pension ein, sitzt unter der Sonne und trinkt Bier. Er vegetiert vor sich hin, macht sich Vorwürfe, verliert nach und nach die Überzeugung, aus der er hierhergekommen ist, sieht keinen Sinn mehr im Leben…

“War nicht genau das das einzig verbliebene Lebendige gewesen: Der Wunsch, das alles einmal zu sehen, die Gegend, in der sein Vater gelebt hatte und gestorben war? Und jetzt? Jetzt war auch das vorbei und tot.”

 

Später findet er neuen Elan, arbeitet freiwillig in einem Spital, nähert sich Leuten, reist zum Grab seines Vaters, das unter schwarzem Flieder sich befindet. Erst ein Anruf von Tante Sabine aus Rosental holt ihn zurück: Onkel Thomas sitzt im Gefängnis. Er hat seinen Ziehsohn und ursprünglich beabsichtigten Erben Leonhard im Streit ermordet.

Der dritte Teil des Romans lässt Tante Sabine die Geschichte von Leonhard und Thomas erzählen. Es ist der gewalttätigste, aber auch kraftvollste Teil des Romans. Die Form der direkten Rede (aus Sabines Mund) verstärkt die Wirkung des hier Gesagten oder auch nur Angedeuteten. Wie das Ehepaar den Gehilfen Leonhard beobachtet, als er Eierkartons zuhauf in sein Zimmer schleppt; wie sie ihn in der Nacht nach Hause kommen hören, in Begleitung einer Frau; wie es danach furchtbar still ist, bis sich Leonhards Tür wieder öffnet und das Wimmern zu vernehmen ist; wie Thomas zu schnarchen beginnt: nicht, weil er schläft, sondern weil er es nicht hören will; immer und immer wieder… In diesen Passagen erweist sich Kaiser-Mühlecker, der auch ansonsten einen souveränen, distanzierten Sprachgestus pflegt, als meisterlicher Erzähler. Sprachlosigkeit, das Verschweigen und Verdrängen des Unsagbaren, sind Themen, die bereits in “Roter Flieder” eine zentrale Rolle spielten und auch den Abschluss der Saga entscheidend prägen. Vom “Niemand verlor ein Wort” im ersten Abschnitt bis zum finalen Satz “Was er damit meine, fragte die Wirtin nie.” sin die Unfähigkeit oder der Unwille, das Entscheidende sprachlich auszudrücken, das grösste Dilemma der Figuren. Sabine sagt:

“Und irgendwann hört man auf, darüber nachzudenken, weil das Nachdenken schmerzhafter ist, als das Tatsächliche und schliesslich Gewöhnte zu ertragen.”

Es ist diese Resignation, dieser Entschluss zum Verdrängen, der sich auch im dem Buch vorangestellten Motto “Ich wählte Dulden und Bleiben” (aus der Odyssee) spiegelt, die im vierten und letzten Teil zum konsequenten Ende der Geschichte führen: Ferdinand hat den Hof von Thomas übernommen und macht sich daran, Schritt für Schritt für Schritt, auszulöschen, was seine Familie hervorgebracht hat. Damit steht Reinhard Kaiser-Mühlecker in einer grossen Traditionslinie österreichischer Literaten.

Kaiser-Mühlecker, der erst kürzlich mit dem prestigeträchtigen Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet wurde, hat mit seinem mittlerweile fünften Roman “Schwarzer Flieder” die Geschichte der Familie Goldberger mit ihren alttestamentarischen Flüchen (Gott straft “bis in das dritte und vierte Glied”!), ihren Fehden, ihrem zumeist unsympathischen Verhalten und ihrem unermesslichen Schweigen zu einem unbarmherzigen und eindrücklichen Ende geschrieben.

 

Rezension: Hubert Dreyfus / Sean Dorrance Kelly – Alles, was leuchtet (Ullstein, 2014 [2011])

“Wie grosse Literatur den Sinn des Lebens erklärt” heisst der Untertitel dieses philosophischen Buches, das sich grossspurig zum Ziel setzt, jenes Leuchten in unsere nihilistische Gesellschaft zurückzubringen. Die beiden Verfasser – ihrerseits ein koryphäischer alter Philosophieprofessor und sein Protégé – entpuppen sich dabei als clevere, gebildete Leser und Analytiker literarischer Meisterwerke, haben jedoch ärgerlicherweise ein geradezu peinlich fortschrittsfeindliches, festgefahrenes Weltbild, dass ihre Botschaft bisweilen den Eindruck der Lächerlichkeit nicht abzustreifen vermag.

Da ist die Stelle mit dem Kaffee: Im letzten Kapitel, das “Fazit: Vom erfüllten Leben in einem säkularen Zeitalter” betitelt ist, versuchen die Autoren jenes Leuchten, das sie zuvor auf mehr als dreihundert Seiten in literarischen Werken – von Homer und Aischylos über Dante und Herman Melville bis zu David Foster Wallace – offengelegt haben, auf den Alltag im 21. Jahrhundert zu proijzieren. Sie nehmen dazu das einfache Ritual des morgendlichen Kaffeetrinkens. Sie stellen sich dazu die Frage, ob es wichtig sei, Wert auf das Gefäss zu legen, aus dem dieser Kaffee konsumiert wird. Sie beantworten die Frage mit einem klaren Ja und werfen denjenigen, die den Kaffee “unspezifisch”, d.h. ohne dem Behältnis Bedeutung zuzuschreiben, trinken, Folgendes an den Kopf:

“Wenn man die Handlung des Kaffeetrinkens auf solche Weise vollzieht, dehumanisiert man sich selbst. (…) Wir entmenschlichen uns, weil wir die Möglichkeit verstreichen lassen, Sorgfalt walten zu lassen.”

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Titel: Alles, was leuchtet
Original: All Things Shining (2011)
Autoren: Hubert Dreyfus, Sean Dorrance Kelly
Übersetzung: Yvonne Badal
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3-550-08063-0
Umfang: 368 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Es ist dies einer der Gipfelpunkte der Lächerlichkeiten, die die Herren Dreyfus und Kelly hinsichtlich unserer heutigen Lebenswelten preisgeben. Geradezu offensiv etwa ist auch ihre Abneigung gegen die Technologie, die “die Welt immer nichtssagender” mache und von den Autoren als “ernsthafte Gefahr” für die Gesellschaft interpretiert wird. Und weshalb? Die Technologie befreit uns – und natürlich stimmt das – “von der Notwendigkeit individuellen Geschicks”, wodurch niemand mehr besondere Kunstfertigkeiten zu erwerben hat und sich so dem heute vorherrschenden “Nihilismus”, den Wogen “jener entzauberten Welt, die wir heute bewohnen” hingibt. Die Fortschrittsfeindlichkeit und stellenweise Blindheit gegenüber den untrüglichen Vorzügen etwa der Technologie, sind sehr ärgerlich und sorgen dafür, dass das Buch letztendlich einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt.

Denn zweifellos sind da auch positive Seiten: Dreyfus und Kelly zeigen sich als gewitzte Analytiker literarischer Werke, gesegnet mit der Fähigkeit, komplexe Sachverhalte leicht verständlich darzustellen, die tieferen Geheimnisse eines Textes offenzulegen und Querverbindungen herzustellen (So werden auch schon mal verblüffende Analogien zwischen der Odyssee und Quentin Tarantinos “Pulp Fiction” herausgearbeitet).Im Mittelpunkt der Analysen stehen die Odyssee, Dantes Göttliche Komödie, Herman Melvilles “Moby Dick”, die Bibel, Texte von Aischylos, Augustinus, Kant und David Foster Wallace. Kurzum: “grosse Literatur”, die Menschen- und Weltbilder verändert hat. Sie wird auf die zentrale Frage hin untersucht: (…)welches Verständnis vom Menschsein hat die verschiedenen Epochen der abendländischen Geschichte geprägt?” Eine hochinteressante Frage, die mit den fachkundigen Analysen ausführlich beantwortet wird, wobei wohl selbst gute Kenner der besprochenen Literatur noch auf neue Perspektiven stossen werden, solche, die die Texte aber nicht kennen, eine spannende Einführung erhalten. So weit, so gut. Nur eben wird mit den Folgefragen – “(…)wie gelang es uns, mit diesen Denkweisen über unsere Menschlichkeit und das Heilige des Problem des Nihilismus in Schach zu halten?” und “Können wir aus den unterschiedlichen Selbstbildern, die wir im Laufe der Geschichte entwickelt haben, heute etwas bergen, das uns hilft, dem Nihilismus unseres eigenen säkularen Zeitalters Paroli zu bieten?” – ein gewisses Abdrehen in dogmatische Gefilde herbeigeführt. Die Autoren plädieren insgesamt dafür, eine Art Homerischen Polytheismus (der ausführlich erklärt wird) als Lebensgrundlage zu wählen, wobei das Leuchtende, Göttliche unserer Zeit etwa in der Ekstase der Menschen an einem Sportanlass zu finden ist (vgl. David Foster Wallace: “Roger Federer as religious experience”). Dies mag einleuchten, befremdend jedoch ist das damit einhergehende Plädoyer der Autoren für eine Art prä-aufgeklärte Abgabe der Verantwortung, die Antithese zu Sartres Existenzialismus, der dem Menschen “die totale Verantwortung für sein Dasein aufzubürden” suchte. Diese Position ist einerseits etwas widersprüchlich, denn ist nicht auch das heutige Vertrauen auf die Technologie – sie selbst beschreiben es am Beispiel des GPS-Geräts – ein Abgeben von Verantwortung, ein Teil des Lebens, den man der eigenen Kontrolle entzieht? Dies wird jedoch als negativ gewertet, indes dem Leser empfohlen wird, sich in anderen Lebensbereichen auf den Kontrollverlust einzulassen. Aber sollte man das? Die Autoren sagen dazu abschliessend: “Wir stellen keine moralistischen Forderungen, wir zeigen auf, was die Götter von uns fordern.”  …

Insgesamt bleibt, wie gesagt, ein zwiespältiger Eindruck: die gewitzten, gelehrten Literaturanalysen überzeugen, die Thesen zu unserer säkularen Gesellschaft, die als Leitfaden für ein gutes Leben in derjenigen gedacht sind, befremden hingegen mehrheitlich. Doch liegt in diesem Befremdenden immerhin ein grosser Anreiz, weiterzudenken und den offensichtlichen Misstönen in den Thesen von Dreyfus und Kelly genauer auf die Spur zu kommen.

 

Rezension: Stefano Benni – Von allen Reichtümern (Wagenbach, 2014)

In seinem bislang letzten Roman “Von allen Reichtümern” (Original:  2012) erzählt der italienische Bestsellerautor Stefano Benni (*1947) die Geschichte eines einsamen pensionierten Literaturprofessors auf den Spuren eines mysteriösen toten Dichters und der grossen Liebe. Eine gelungene Kombination aus Gesellschaftssatire, Künstlerroman und herzergreifendem Liebesmärchen.

“Von allen Reichtümern, die ich gesehen habe
Möchte ich nur eines wirklich
Deine Augen aus Himmelswasser.”

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Titel: Von allen Reichtümern
Original: Di tutte le ricchezze (Feltrinelli 2012)
Autor: Stefano Benni
Übersetzung: Mirjam Bitter
Verlag: Klaus Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-3255-0
Umfang: 224 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Die titelgebenden Verse des Romans stammen aus der Feder seines heimlichen Protagonisten Domenico Rispoli, genannt der Catena. Er war ein geistig kranker Dichter, der angeblich Selbstmord begangen haben soll. Der offensichtliche Protagonist und (meist) Erzähler des Romans ist Martin, ein pensionierter Literaturprofessor und Exeget des Catena, der die anerkannte Version von dessen Tod in Zweifel zieht. Er lebt mit seinem Hund Ombra in einem abgelegenen Haus am Waldesrand, hat es sich mit einer gewissen Selbstironie in seiner Einsamkeit bequem gemacht, spricht mit dem Hund und den Tieren des Waldes, schreibt von Zeit zu Zeit an einem Band über komische Lyrik und wartet sehnsüchtig auf Anrufe seines Sohnes Umberto, der in den USA lebt.

Als in eines der wenigen nähergelegenen Häuser das junge Künstlerpaar Aldo und Michelle zieht, gerät Martins Welt des resignierten Älterwerdens aus den Fugen. Aldo erinnert ihn an sich selbst in den Jahren der Jugend: impulsiv, zerrissen, im Kampf um künstlerische Anerkennung. Michelle wiederum weckt in Martin schmerzhafte Erinnerungen an eine grosse Liebe, deren Ende er nie verarbeitet hat, weil er mit dem “Verbrechen, sie alleinzulassen” nicht klarkommen kann.

Trost und Weisheit in den Versen des Catena und eigenen Gedichten suchend, die häufig Kapitelanfänge zieren, vermag sich der weise Alte doch nicht zu retten vor dem, was mit dem ersten Besuch von Aldo und Michelle in Gang gesetzt wurde. Die Künstler suchen Unterstützung und Rat beim namhaften Literaturprofessor, der wiederum stürzt Hals über Kopf in einen Strudel der Gefühle, die er glaubte hinter sich gelassen zu haben.

“Meine Einsamkeit ist würdevoll, ich begegne ihr erhobenen Hauptes, doch wenn ich ihr ins Gesicht sehe, verlacht sie mich, verletzt mich, lässt all die Einsamkeiten der Vergangenheit zurückkehren. So ist es: Jede Einsamkeit trägt alle erlebten Einsamkeiten in sich.”

Der langen Rede kurzer Sinn: Martin verliebt sich Hals über Kopf in Michelle. Deren Beziehung zu Aldo zerbricht, mit einem wertvollen Geschenk aus den Händen Martins macht sich der erfolglose Künstler auf den Weg zurück in die Stadt – und Martin kann mit Michelle endlich die Zweisamkeit geniessen, die er sich gewünscht hat, von der er aber auch weiss, dass sie nicht anhalten wird.

Im nahegelegenen Dorf findet ein grosses Volksfest statt, das “Fest des unentschlossenen Kavaliers”, zu dem sich der alte Literaturprofessor und die junge (dreissigjährige) Künstlerin gemeinsam begeben. Die Seiten, die dieses Fest beschreiben, weisen Stefano Benni als einen wahrlich meisterhaften Erzähler aus: wie bissige Gesellschaftssatire, Mythen des Dorfes und die zu Herzen gehende Liebesgeschichte zu einem vielstimmigen, harmonischen Ganzen verwebt werden, ist hervorragend.

Benni, den man versucht ist in seiner Hauptfigur Martin wiederzuerkennen, pflegt einen fantasievollen, stets humorvollen, empathischen Stil, der durchwirkt ist von vielen Anlehnungen an Literatur und Musik. Die Perspektiven sind flexibel: mal erzählt der Professor aus der Ich-Perspektive, mal erlebt man das Geschehen anhand längerer Wortmeldungen verschiedener Beteiligter, mal mischt sich eine Erzählstimme in dritter Person ein. Es ist nicht zuletzt diese Flexibilität, die das Buch auch formal zu einem abwechslungsreichen Erlebnis macht. Was den Inhalt betrifft, so ist die Vielfalt aufgrund der verschiedenen Themen und Geschichtsstränge ebenfalls gegeben. Zur zentralen Liebesgeschichte zwischen Martin und Michelle gesellen sich viele, nichtsdestoweniger detailreich gearbeitete Randgeschichten, etwa die Fehde zwischen Martin und seinem alten Professorenwidersacher Remorus oder die Begegnung Martins mit der für verrückt gehaltenen Alten Berenice (“Sie war keine Hexe. Sie war nur eine Alte, die an der Einsamkeit litt, wie ich.”)

“Von allen Reichtümern” ist ein grossartiger Roman, dessen Mittelpunkt die emotionale Wiedergeburt des Literaturprofessors Martin bildet: zu Beginn ein ermatteter, zurückgezogener Pensionär, erfährt er nach und nach eine Auferstehung, die ihn dazu bringt, die Herausforderungen des Lebens und der Liebe wieder anzunehmen. Seine abschliessenden Gedanken sind von hoffnungsvoller, erbauender Kraft.

 

Rezension: Susanna Tamaro – Ein jeder Engel ist schrecklich (Piper, 2014)

Die italienische Bestsellerautorin und Dokumentarfilmerin Susanna Tamaro erzählt in ihrem jüngsten Buch “Ein jeder Engel ist schrecklich” Geschichten aus ihrer Kindheit und Jugend. Wie auch in ihren Romanen ist sie darum bemüht, Werte wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe zu vermitteln. Es sind Werte, die sie selbst – glaubt man ihren Erzählungen – als Kind kaum erfahren durfte.

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Titel: Ein jeder Engel ist schrecklich
Original: Ogni angelo è tremendo”
Autorin: Susanna Tamaro
Übersetzung: Barbara Kleiner
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05609-0
Umfang: 304 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Im Juni 1995 besprach der Spiegel Tamaros literarischen Durchbruch, den Briefroman “Geh, wohin dein Herz dich trägt”.  In der Besprechung heisst es über Susanna Tamaro (*1957), sie wolle bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahr noch schreiben, dann aber aufhören, denn sie “möchte noch etwas leben.” – Nicht weniger als zehn Romane, Kinderbücher und autobiographische Texte sind seit ihrem vierzigsten Lebensjahr von ihr erschienen. In deutscher Sprache erschien zuletzt “Ein jeder Engel ist schrecklich” (italienisch 2013), das sich in die Reihe der Autobiographien fügt: erzählt wird vornehmlich aus der Kindheit und Jugend der Autorin, wobei auch Reflexionen zur Sprache und zum Schreiben Eingang in die Geschichten finden.

Beginnen wir mit dem Biographischen: geboren wurde Tamaro im windigen Triest in der Nachkriegszeit als Tochter zweier Eltern, die sie und ihren Bruder nicht liebten. Die Mutter ist mehr “Dompteur” denn liebevolle Erzieherin, der Vater ein gefühlloser Mann, überzeugter Darwinist, der an das Überleben des Stärksten glaubt und es nicht als seine Aufgabe ansieht, sich um die Kinder zu kümmern. Das “Gen des Frosts” wird ihr mit auf den Weg gegeben, jedoch entwickelt sie sich nicht zur Person von “anmassender Autorität, mit dem Wahnsinn des Darwin’schen Credos”, sondern beschreibt sich als Person mit einer “unschuldigen Seele, fern der täglichen Bosheit der Welt”.

Susannas Kindheit ist geprägt von zerstörten Illusionen, sie weint oft, zieht sich schliesslich in eine geradezu spirituelle Gleichgültigkeit gegenüber allem und jedem zurück:

“Ich hatte keine Wünsche, ich hing an nichts. Etwas zu fühlen, sich zu binden, bedeutete nur eine unendliche Serie von Leiden.”

Die Mutter sagt: “Schon von Geburt an hast du anders geweint als alle anderen Kinder” – und nimmt dies später, als sie schon nicht mehr mit Susannas Vater, sondern mit einem gewalttätigen, die Kinder hassenden Mann zusammen ist – als Argument, ihre Tochter zu einem Psychiater zu schicken, in einem Heim unterbringen zu lassen. Susanna sucht nach einer Instanz, die Ordnung in ihr turbulentes Dasein bringen kann, das Chaos zu bannen vermag. Auf dieser Suche gelangt sie zu den Naturwissenschaften, die sie auch als “tiefste Wurzel meines Schreibens” bezeichnet, und zur Sprache, genauer: zu den Namen.

“Während des Grossteils meiner Bildungsjahre streifte mich nicht einmal von ferne die Idee, dass Schreiben oder irgendeine Form der Kunst etwas mit mir zu tun hätten. Meine Leidenschaft lag woanders, beim Erlernen der Namen für jede Form des Lebendigen. Meine Leidenschaft lag darin, die Beziehungen der Namen untereinander zu entdecken. Für mich genügte es – und genügt es heute noch – auf einem Spaziergang eine Pflanze, eine Blume oder ein Insekt zu sehen, deren Namen ich nicht kenne, um in einen Zustand der Unruhe zu verfallen. Eine Unruhe, die erst vergeht, wenn ich den Namen ausfindig machen kann.”

In der Liebe zu den Naturwissenschaften spiegelt sich eine “Hingabe zur Wirklichkeit”, die zu ihrem Leitsatz wird. Tatsächlich fühlt sie, die selbst nach dem Entschluss Geschichten erzählen zu wollen, dies zunächst in Form von Naturfilmen tat, eine starke Abneigung gegen die Vorstellung eines Daseins als Schriftstellerin oder Übersetzerin:

“Etwas Schädlicheres konnte ich mir für meine Gesundheit nicht vorstellen! Mein ganzes Leben war geprägt von einer ausserordentlichen physischen Unruhe, mein Kopf stand ständig unter Strom und machte es mir unmöglich, die Unbeweglichkeit der intellektuellen Arbeit als erstrebenswert anzusehen. Mich im Freien zu bewegen, hat meinen Gedanken stets Sauerstoff und Festigkeit gegeben.”

“Ein jeder Engel ist schrecklich” erzählt auch die Geschichte davon, wie Susanna Tamaro trotzdem zum Schreiben gekommen ist, einer Tätigkeit, der sie mit der “Langsamkeit und (..) Sorgfalt des Entomologen” nachgeht. In erster Linie aber wird hier erzählt, wie ein junges höchst sensibles Mädchen einem zum grössten Teil lieblosen, unbarmherzigen Umfeld als liebender Mensch entstiegen ist, der stets den Punkt zu entdecken versucht, “an dem sich das Dunkel mysteriöserweise in Licht verwandelt.” Tamaro beschreibt diese Ereignisse in der klaren, einfachen Sprache, die auch ihre Romane auszeichnet. Sie erzählt mit Empathie und der nötigen Sensibilität, man glaubt ihr, was sie schreibt, so dass auch das engelsgleiche Bild, das sie bisweilen von sich selbst zeichnet, verzeihlich ist. Zumal ja im Titel  - einem Zitat aus Rilkes “Duineser Elegien” – schon angedeutet wird, dass auch Engel ihre Schrecklichkeit haben, genauer: dass das Schöne nur die gerade noch ertragbare Vorstufe des Schrecklichen ist…

Insgesamt präsentiert Tamaro mit “Ein jeder Engel ist schrecklich” ein intimes Werk von grosser erzählerischer Kraft, in dem diese grosse Autorin der italienischen Gegenwartsliteratur ihre eigenen, emotional oftmals grausamen Ursprünge detailreich und nachfühlbar erklärt.

Sonntagsleser: Blog-Presseschau 31.05.2014 (KW 22)

(***Nachträgliche, schamesrote Vorbemerkung: Die Auffahrtswoche hat unsere Agenden wohl etwas durcheinandergewirbelt, so dass sich hier ein Planungsfehler eingeschlichen hat. Sonntagsleser schon am Samstag? Nun, geschehe nichts Schlimmeres! Wir entschuldigen uns hoch und heilig bei den Freunden des Sonntags und wünschen trotzdem viel Spass!***)

Nach einer Woche Auszeit sind wir wieder sonntagslesend zurück und präsentieren euch hiermit einige Perlen der gebloggten letzten Kalenderwoche. Rezensionen, Interviews, kritische Kommentar: da ist hoffentlich für alle etwas dabei!

Vergesst nicht, der Bücherphilosophin einen Besuch abzustatten, die diese Aktion ins Leben gerufen hat.

Nun  wünsche ich viel Spass beim Stöbern. Und habt alle einen wunderschönen Sonntag!

bookspress

„Ein mitreissendes Sommer-Buch“ wird auf Armarium Nostrum vorgestellt: Emylia Halls „Mein Sommer am See“  , in dem sich eine junge Frau mit den Sonnen- und Schattenseiten ihrer mit einer schockierenden Enthüllung zu Ende gegangenen Jugend auseinandersetzen muss.

Sowohl die Bücherphilosophin wie auch Masuko13 stellen „Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie vor – und zeigen sich von dem Roman um nigerianische Auswanderer in den USA und die schwere Rückkeh in die Heimat begeistert. Die Bücherphilosophin befindet gar: „Americanah” stellt dieses Jahr wirklich alles in der Schatten.“

Sophie vom immer lesenswerten Blog Literaturen hat ein neues Projekt ins Leben gerufen, genauer gesagt eine Initiative: Der bibliophile Reiseführer  ist diese betitelt und stellt verschiedene kleine Buchläden vor – unter dem Motto „Die Kleinsten werden die Grössten sein“. Eine löbliche Sache, die bereits mit einem reichhaltigen Fundus an Vorstellungen aufwartet!

Im Rahmen der Diskussionsrunde ‚Wie gross ist die Zukunft des Buches?‘ äussert sich auf SteglitzMind Verleger Stefan Weidle zu den mit der Frage verbundenen Thematiken. Sehr spannendes Interview!

Die Klappentexterin sprach mit der jungen Autorin Sabine Kray über ihr Debüt „Diamanten-Eddie“  Auch dies ein sehr interessantes, aufschlussreiches Gespräch!

Eine altbekannte Debatte ist wieder einmal entflammt. Es geht um Literaturkritik, etwa darum, was denn die Art und Weise, in der Blogger und Bloggerinnen darüber sprechen, von derjenigen des Feuilletons unterscheidet. Sind beide berechtigt? Und so weiter, und so fort. Eigentlich eine leidige Sache, wie ich finde. Und doch kamen gerade von Seiten vieler Mitglieder der bloggenden Gemeinschaft etliche konstruktive Beiträge. Auf dem Blog Buchpost  findet sich eine übersichtliche Zusammenstellung verschiedener Beiträge . Persönlich fand ich meine Meinung in einem Beitrag des Hedonikers ziemlich exakt widerspiegelt.


Weitere Sonntagsleser:

Rezension: Thomas Weiss – Flüchtige Bekannte (Berlin-Verlag, 2014)

Der vierte Roman des deutschen Autors Thomas Weiss (*1964) erzählt die packende Geschichte  von Maren Schulz, die ihre Verpflichtungen als Ehefrau und Mutter zurücklässt, um selbst über ihr Leben bestimmen und glücklich werden zu können. Der Journalist Joachim schreibt eine Reportage über ihr Veschwinden, findet sie schliesslich in einem Clubhotel in Tunesien und beginnt sich, über sein eigenes Leben Gedanken zu machen. Ein hervorragender Text über die Entscheidung für oder gegen das ganz persönliche Glück.

Joachim ist Filmkritiker, selten schreibt er auch Reportagen. Er ist verheiratet mit Anne und befindet sich mit ihr mitten in den Planungen für einen Hausbau. An den Sitzungen mit der Baugruppe, den Debatten und Streitereien unter den Beteiligten, den unzähligen kleinen Entscheidungen stört ihn, dass es “nicht zu kontrollieren” ist. Man kann “nur hoffen, dass alles gutgehen würde.”

“Manchmal wachte ich mitten in der Nacht auf und schwitzte.
Wir standen vor der Frage, ob der integrierte gedämpfte Selbsteinzug unserer Schubladen wirklich leise war.”

weiss

Titel: Flüchtige Bekannte
Autor: Thomas Weiss
Verlag: Berlin-Verlag
ISBN: 978-3-8270-7720-2
Umfang: 192 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

 

Eines Tages erzählt Anne Joachim von ihrem Freund Berthold, dem sie im Pilateskurs begegnet ist: er ist alleinerziehender Vater einer Tochter im Teenageralter. Die Mutter, Maren, wird seit einem Dreivierteljahr vermisst. Eines Abends wollte sie noch arbeiten – sie war Architektin – , verliess das Haus in Turnschuhen und Pullover, um drei Uhr nachts war sie noch nicht zurück, es fehlten nur ihr Geld und ihr Reisepass. Joachim will die Geschichte nicht aus dem Kopf gehen, er schafft es, seiner Zeitung eine Reportage anzubieten, die sich mit Berthold und Tochter Sandra befasst. Ein Foto von Maren wird gedruckt. Leser melden sich mit Hinweisen bei Joachim – und tatsächlich trifft einer davon ins Schwarze: Maren arbeitet in einem Clubhotel im tunesischen Djerba als Tennislehrerin. Ohne Anne und Berthold zu informieren, bucht Joachim eine Woche Cluburlaub…

“Flüchtige Bekannte”: flüchtig ist ein wundersam mehrdeutiges Wort, dessen Bedeutungshorizont sowohl ‘auf der Flucht befindlich, geflüchtet’ als auch (gerade in der Kombination mit Bekannten) ‘nicht lange bestehend, vergänglich’ oder ‘vorübergehend, nebenbei erfolgend’ miteinschliesst. Die Geschichten, die der Roman erzählt, umfassen alle möglichen Bedeutungen. Maren ist, wortlos, aus ihrem bestehenden Leben mit all seinen Verpflichtungen und der aufgebürdeten Verantwortung geflüchtet. Ihr neues Leben baut auf totaler Selbstbestimmung auf, darauf, zu jeder Zeit die Kontrolle über alle Entscheidungen zu haben: damit geht etwa auch einher, dass persönliche Bindungen vergänglich und vorübergehend sind: “Siche möchte ich mit Männern zusammen sein, aber ohne Bedingungen.” Sie liebt das Tennis, auch weil die Regeln des Spiels kein Unentschieden vorsehen: es ist ein bedingungsloses Entweder-Oder. Im Leben hat sie sich für die Freiheit und das Glück entschieden, was ihr nur durch die Abwendung vom familiären und beruflichen Alltag möglich schien.

In diese Geschichte hinein wird nun Joachim versetzt, der sich auf der tunesischen Ferieninsel Gedanken über das eigene Leben zu machen beginnt. Er steht vor der Wahl – ist es eine Wahl? -, sich auch bedingungslos der Suche nach dem persönlichen Glück zu widmen oder zu Anne zurückzukehren und weder unglücklich noch wirklich glücklich zu sein, zu leben, “wie man eben lebt”.

Thomas Weiss ist mit “Flüchtige Bekannte” ein hervorragender Text gelungen, der geschickt strukturiert ist: zumeist erfährt man die Dinge aus der Ich-Perspektive Joachims, bisweilen kommt aber auch Maren zu Wort, so dass auch ihre Version der Geschichte vermittelt wird. Darüber hinaus ist es in erster Linie ein Roman, der sich in kluger Weise mit einer der dominanten Fragen unserer Gesellschaft auseinandersetzt: der Frage, wie weit man für sein ganz eigenes, individuelles Glück gehen soll/darf/kann. Eine definitive Antwort darauf kann und will der Text natürlich nicht liefern, als Denkanstoss aber ist er überaus anregend.


Artverwandte: von Stil, Schauplätzen, Personal und einigen Grundthematiken (etwa der der kriselnden Ehe und damit verbundenen Kommunikationsproblemen) her, erinnert der Text an Andreas Schäfers “Gesichter”, einen ebenso grandiosen Roman.

Von flüchtigen Bekannten, vom Leben der Menschen als blosse Passanten im Leben anderer, schrieb unlängst Christian Zehnder in “Die Welt nach dem Kino”, wobei dieser Roman auch in seiner Sprache ‘flüchtiger’ bleibt und nicht so eindringlich wirkt.

Wer sich für die vielen, bisweilen auch kritischen Beschreibungen der touristischen Umgebung im Clubhotel interessiert, dem sei Michel Houellebecqs “Plattform” ans Herz gelegt, wo mit diesem Umfeld – es geht vornehmlich um Europäer in Thailand – radikaler abgehandelt wird.

Zuletzt muss, weil er im Roman selbst von Joachim als Referenzpunkt genannt wird, der Film “Five Easy Pieces – Ein Mann sucht sich selbst”  (1970) erwähnt werden. Jack Nicholson gibt hier den zum Ölarbeiter gewordenen Intellektuellen, der plötzlich ausreisst. Mehrmals.

Manchmal denk’ ich nur dran, dass Du mich festhalten und küssen wirst. Lebens-Lagen #38: 29./30. Mai

Im Spätjahr 1905 begegneten sich in Berlin Theodor Heuss (1884-1963) und Elly Knapp (1881-1952). Beide studierten sie in der aufstrebenden Weltstadt Nationalökonomie: Knapp, die Strassburgerin, war jedoch nur Gasthörerin und kehrte Ende des Semesters in ihre Heimat zurück.
Am 31. März 1906 beginnt der Briefwechsel der beiden, der im Verlaufe der nächsten zwei Jahre neben der Besprechung sozialpolitischer Ereignisse und gesammelter Alltäglichkeiten vor allem eine wachsende Liebe zeigt. Heuss arbeitete in der Zeit an seinem Einstieg ins Berufsleben, war Redakteur diverser Zeitungen, während Elly sich in Strassburg als Lehrerin verdingte.
Obschon sich Heuss und Knapp in den Jahren von 1906 bis 1908 sehr selten zu Gesicht bekamen, waren es die Jahre des Sich-findens, des Sich-füreinander-entscheidens und schliesslich der Heirat für den späteren ersten Bundespräsidenten der BRD (1949-59) und seine Frau, die ihm bis zu ihrem frühen Tod zur Seite stand und auch selbst zeitlebens sozial und politisch aktiv war, etwa als Gründerin des Müttergenesungswerks. Der Briefwechsel endet am 5. April 1908. Am 11. April wurde das Paar in Strassburg von Ellys Freund Albert Schweitzer getraut. In einem bemerkenswerten Brief hatte Elly geschrieben: “Ich muss nur wieder staunen, dass man so viel Gemeinsames erleben und so zusammenwachsen kann, während man getrennt ist.”

In erster Linie sind die Briefe, die Heuss und Knapp in den Jahren 1906/08 also das Zeugnis einer grossen, durch die Distanz nicht zu schwächenden Liebe zweier “moderner” Menschen in der tumultreichen Zeit nach der Jahrhundertwende. Es sind Briefe in zärtlich-kameradschaftlichem Tonfall, die noch heute zu entzücken vermögen.

Am 29. Mai 1907 schrieb Elly an Theodor:

“Mein lieber Liebster,
jetzt machen meine Schülerinnen eine französische Übersetzung von der Tafel abschreibend, und ich gewissenloses Frauenzimmer fange den Brief an. (…)
Liebster, hast Du eigentlich mit dem Kunstwart etwas angefangen? Gelt, Du denkst daran, dass man jetzt alle solchen Sachen sehr festhalten muss. Ich habe die Hamburger Damen auch sehr festgehalten, dass sie mich nächstes Jahr im Oktober drannehmen. Du, wie wird das dann? Da wollen wir doch heiraten! Schönes Wetter muss es auf alle Fälle sein. Dazu wäre der 1. Okt. sehr geeignet. Aber 14 Tg. nach der Hochzeit Vorträge halten!?? Hör, manchmal denke ich, wir sollten gleich nach Florenz. Wer weiss, ob’s sonst was wird. Alles für Mannheim. – ISt Dir klar, dass Mannh. jetzt schon ganz nah rückt? Du liebster Mann, heut habe ich die ganze Nacht die abenteuerlichsten Sachen davon geträumt. Einbrüche in Wohnungen ganz fremder Leute, weil da schöne Aussicht war etc. Das Beste dran war, dass Du mich – zum ersten Mal im Traum – so viel geküsst hast, dass ich ganz verwirrt aufgewacht bin. Da lag dein Brief dann da. Das ist so sonderbar; manchmal freue ich mich auf die Mannheimer Tage nur in Gedanken an alles, was wir reden werden, und dass man sich sieht. Und manchmal denk’ ich nur dran, dass Du mich festhalten und küssen wirst. Gehört das nicht zu den grössten Rätseln, wie sich in der Liebe seelisches und sinnliches so verflicht, dass man es gar nicht als einzelne Fäden von diesem oder jenem sieht, sondern als festes Gewebe.
Nun ade, schreib bald und lang. (…)
Deine Elli.”

 

Theodor antwortete bald und lang, am 30. Mai 1907 nämlich schrieb er:

Meine liebste Elli!
Nun kommt also das Briefeschreiben nach all den Zwischendingen wieder ins richtige Gleis, und ich dank’ Dir für Deine vielen lieben und guten Worte. Und am meisten dafür, dass Du mit dem Heiraten im nächsten Jahr einverstanden bist. (…)
Über meine Jugend werden sie [Anm.: Ellys Verwandte] ja auch vielleicht ein bisschen entsetzt sein wie die Tante Lella, aber das gibt sich dann bald. Davon reden wir allerlei in Mannheim und wenn wir über dem Neckar im Walde liegen.
Ich freu’ mich so drauf. Und dann sollen alle wachen und alle nächtigen Träume in Erfüllung gehen, soviel haben wir uns zu sagen und so viel wollen wir uns küssen und lieb und froh sein wie Kinder. Gelt, Du lieber, lieber Schatz! -
Hab’ ich Dir meine Reiseroute schon geschrieben? Du musst mir dann allerhand noch sagen und aufschreiben, was ich mir besonders ansehen soll in den einzelnen Städten: dann weiss ich, was Du besonders liebtest und dann haben wir an den gleichen Dingen liebe Erinnerungen. Das ist schön, wenn die im Gespräch sich begegnen.
(…)
Nun ade, Liebste.
In einer frohen und festen Treue
Dein Dorle.”1


1. Aus: Theodor Heuss / Elly Knapp. So bist Du mir Heimat geworden. Eine Liebesgeschichte in Briefen aus dem Anfang des Jahrhunderts.Hg. v. Hermann Rudolph. Stuttgart: DVA 1986

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