Rezension: Ayelet Gundar-Goshen – Löwen wecken (Kein & Aber 2015)

In ihrem zweiten Roman “Löwen wecken” entfaltet die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen ein Panorama moralischer Fallstricke, stellt grosse Fragen nach Schuld, Machtmissbrauch und dem Wert eines Menschenlebens. Ein spannender Roman von lokaler politischer und weitreichender gesellschaftlicher Relevanz.

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Etan Grien ist ein gut verdienender Neurochirurg, der mit seiner Frau, der Kriminalbeamtin Liat, und zwei Kindern in einem Haus im israelischen Be’er Scheva wohnt, ein ruhiges vertrauensvolles Familienleben führt: Ein prototypischer literarischer Charakter, insofern als er die optimale glattpolierte weisse Oberfläche abgibt, die sich nach und nach mit unzähligen feinen Rissen überziehen lässt…

Eines Abends nach der Arbeit fährt Etan mit seinem Jeep nicht direkt nach Hause, sondern fährt hinaus in die Dünen, bestaunt die nächtliche Landschaft und den vollen Mond – und fährt einen Mann um. Als Etan aussteigt, werden ihm zwei Dinge klar: dass der Mann sterben wird und dass es sich bei diesem Mann um einen der vielen illegalen eritreischen Immigranten handeln muss, um einen Mann also, um den die Polizei kaum Aufhebens machen wird. Er fällt den fatalen Entscheid und fährt davon.

“Und doch stand er auf, lief zum Jeep und kam mit dem Verbandskasten zurück, hatte schon ein Verbandspäckchen aufgerissen, als er jäh erstarrte. Was soll das. Dieser Mann wird sterben.
Und als es endlich auftauchte, das klare Worte, spürte er, wie alle Organe in seinem Bauch sich schlagartig mit Eis überzogen. Eine weisse Reifschicht breitete sich aus, von der Leber zum Magen, vom Magen zum Darm. Der gewundene Dünndarm misst sechs bis acht Meter, über drei Mal mehr, als ein Mensch gross ist. Sein Durchmesser beträgt um die drei Zentimeter, aber die Dicke variiert nach Altersstufe. Der Dünndarm gliedert sich in Zwölffingerdarm, Leerdarm und Krummdarm. Etan fand seltsame Ruhe in diesen Daten, eine weisse und eisige Ruhe.”

Am nächsten Tag aber steht plötzlich die Frau des toten Eritreers vor Etans Haustür und überreicht ihm seine Geldbörse, die er am Tatort zurückgelassen hat. Er glaubt, sie werde Geld verlangen, das er zum Schutze seiner selbst und seiner Familie sofort zu zahlen bereit ist. Die Eritreerin, Sirkit, macht Etan jedoch ein anderes Angebot: Sie will seine kostenlose ärztliche Versorgung für die vielen illegal über die Grenze gelangten Einwanderer, die ihre mannigfaltigen Verletzungen und Krankheiten in den Krankenhäusern behandeln lassen können. Abend für Abend fährt Etan von nun an, schuldgeplagt und bald um Ausreden seinem Arbeitgeber und seiner Familie gegenüber verlegen, in eine schäbige Werkstatt, wo er unter hygienisch miserablen Bedingungen verwundete, kranke, infizierte, schwangere und verprügelte Immigranten behandelt.

Die praktizierende Psychologin Ayelet Gundar-Goshen (*1982) versteht es in ihrem zweiten Roman hervorragend, sich Fragen nach Schuld, Machtmissbrauch und dem Wert eines Menschenlebens aus unterschiedlichen Perspektiven anzunähern. Ausgehend von einer verblüffenden ethisch-moralischen Zwickmühle, in der sich bald alle beteiligten Parteien befinden, zeichnet sie ein nachvollziehbares Bild der sozialen und politischen Hierarchien Israels, das sich aber in seinen grundsätzlichen Fragen durchaus auch auf unsere Gesellschaft anwenden lässt. Den konkreten Unstimmigkeiten zwischen Israeli, Beduinen und Eritreern bettet sie geschickt in den Kontext übergreifender moralischer  zwischenmenschlicher Themen ein.

In eindringlicher, mal nüchterner, mal poetischer Sprache verwebt Gundar-Goshen die unterschiedlichen Blickwinkel auf dieselbe Geschichte zu einem formvollendeten Ganzen. Die Charaktere, insbesondere Etan und Sirkit, sind nahezu plastisch geformt, ihre Ambivalenzen deutlich spürbar.  Obschon manch eine minutiöse Beschreibung häuslicher Details des Grien’schen Familienlebens als Länge empfunden werden mag, vermag “Löwen wecken” die Spannung über seine volle Länge aufrechtzuerhalten. Der Autorin gelingt es mit diesem Text, Spannungsliteratur von lokaler politischer und weitreichender gesellschaftlicher Relevanz zu erzeugen.

Gundar-Goshen, Ayelet. Löwen wecken. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Zürich: Kein & Aber 2015. 432 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-0369-5714-2

Zürcher Streifzüge (6): “Ein letzter Tag Unendlichkeit”

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“Er wohnte in einer Höhe über der am rechten Ufer, wo der See seine Wasser als Limmat zusammendrängt, gelegenen größern oder alten Stadt; diese durchkreuzten wir, und erstiegen zuletzt, auf immer steileren Pfaden, die Höhe hinter den Wällen, wo sich zwischen den Festungswerken und der alten Stadtmauer gar anmutig eine Vorstadt, teils in aneinander geschlossenen, teils einzelnen Häusern, halb ländlich gebildet hatte.”

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Bodmer-Haus. Quelle: Thomas-Mann-Archiv

Mit diesen Worten beschreibt Johann Wolfgang von Goethe in seinem autobiographischen Text “Dichtung und Wahrheit” einen Besuch in Zürich im Jahre 1775. “Er” – der, den Goethe gemeinsam mit dem Grafen Stollberg und 1779 noch einmal mit Herzog Karl August besuchte – das ist Johann Jakob Bodmer (1698 – 1783). Der Philologe bewohnte das besagte Haus, das sich auf dem Gelände der heutigen Universität Zürich befindet und nun das Thomas-Mann-Archiv beherbergt, seit 1739 und hatte vor Goethe bereits andere prominente literarische Gäste beherbergt: Ewald von Kleist, Christoph Martin Wieland und – im Sommer 1750, als Goethe noch kaum ein Jahr alt war – Friedrich Gottlieb Klopstock.

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F.G. Klopstock. Quelle: ZB

Der damals 26-jährige deutsche Dichter Klopstock hatte zwei Jahre zuvor Aufsehen erregt, als die ersten drei Gesänge seiner gross angelegten Messias-Dichtung in der Bremer Zeitschrift “Neue Beyträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes” erschienen waren. Zu den frühen Bewunderern, die in Klopstock den “Verkünder einer neuen Poesie” sahen, wie Lucien Deprijck in seiner Romanumsetzung von Klopstocks Zürich-Aufenthalt schreibt, gehörte auch Bodmer, der den jungen Deutschen in die Schweiz zu lotsen suchte. Klopstock, auf Gönner und Mäzene angewiesen, folgte der Einladung, nicht aber ohne zuvor seine Wünsche brieflich geäussert zu haben. Am 28. November 1749 fragt er Bodmer:

 

“Und, noch eine Frage, die auch einigermassen bey mir mit zur Gegend gehört, denn mein Leben ist nun zum Punkt der Jünglingsjahre gestiegen. Wie weit wohnen Mädchens Ihrer Bekanntschaft von Ihnen, von denen Sie glauben, dass ich einigen Umgang mit ihnen haben könnte? Das Herz der Mädchen ist eine grosse weite Aussicht der Natur, in deren Labyrinthe ein Dichter oft gegangen seyn muss, wenn er ein tiefsinniger Wisser seyn will.” [Zum Brief]

Klopstocks, in seinem jungen Alter wohl kaum überraschende, Neigung zu trinkseligen Verlustigungen in Begleitung junger Mädchen, führte bald schon zum Zerwürfnis mit Bodmer, der seinen verehrten jungen Dichterstar in die elitären Zürcher Gesellschaftskreise hatte einführen wollen. Klopstock aber zog es vor, sich mit Gleichaltrigen abzugeben, zu denen insbesondere Hans Caspar Hirzel, der spätere Erste Stadtarzt, den er bereits aus Leipzig kannte, und Hartmann Rahn, sein späterer Schwager, zählten. Am 21. Juli 1750 war Klopstock in Zürich eingetroffen, vom 27. bereits ist der Brief Rahns datiert, der zu jenem Ereignis einlädt, aus dem der deutsche Autor Lucien Deprijck nun einen Roman gemacht hat: Eine Lustfahrt auf dem Zürichsee (oder “Zürchersee”, wie Klopstock seine daran erinnernde Ode betiteln wird).

deprijck“Ein letzter Tag Unendlichkeit. Geschichte einer Lustfahrt” (Unionsverlag, 2015) ist ein galanter Streifzug durch das Zürich des Jahres 1750. Eine Stadt, in der die jungen Leute religiöse Strenge und eine rigide gesellschaftliche Etikette gewohnt sind, die es jungen Frauen nicht einmal erlaubt, auf offener Strasse mit ihnen unbekannten jungen Männern zu sprechen. In dieses Umfeld – vertreten durch Bodmer – dringt nun der aufgewühlte Klopstock ein, der “die seltene Gabe, allen Frauen zu gefallen” besitzt. Hirzel und Rahn wollen ihn vom Liebeskummer ablenken, den ihm die unerwiderte Zuneigung zu seiner Cousine Maria Sophia Schmidt eingetragen hat. Sie sind bereit, vieles dafür zu tun, sie organisieren eine Lustfahrt, auf der Hirzel Klopstock seine eigene Gattin offeriert, die “ihm ihre Reize so abwechslungsreich wie möglich darzubieten” (Originalzitat aus Rahns Brief) gedenke. Die jungen Zürcher verfolgen dabei auch eigensinnige Motive, jeder will “ein Stück von seinem Ruhm über die eigene Schwelle bringen”: Klopstock soll die Stadt zu seiner neuen Heimat machen, auf dass sie zu einer kulturellen Metropole heranwachse.

Neun Frauen und neun Männer nehmen an der Fahrt teil, sie werden zu bisweilen ziemlich ungleichen Paaren gruppiert. So zugetan Klopstock seinem Los, Hirzels Gattin Anna, auch ist, so viel stärker ist die Faszination, die er für die siebzehnjährige Anna Maria Schinz empfindet. In der Ode an den “Zürchersee” wird er sie “Fanny” nennen, gleich wie in früheren Gedichten die geliebte Cousine Schmidt.  Die Annäherungsversuche des begierigen Dichters an die kluge, scheue Bewunderin seines Werks sind das Zentrum von Deprijcks Roman, in ihnen spiegeln sich die verbohrte Frömmigkeit, die männliche Dominanz und die sozialen Konflikte der damaligen Gesellschaft.

“Aber dies, so allein zu sein mit einem Mädchen, stand nicht einmal einem Bräutigam zu! Sie fühlte sich schuldig. Als könnte jeden Augenblick ein Strafgericht über sie hereinbrechen. Die innere Unruhe war kaum zu unterdrücken. Doch wenn alle billigten, was geschah, befand dann überhaupt Not, sich schuldig und unbehaglich zu fühlen? Durfte sie dann nicht, so ganz unverhofft, diese Augenblicke, diesen ganzen Tag geniessen wie die Prinzessin in einem Märchen?”

In einer manchmal etwas gestelzten Sprache erzählt Deprijck vom Leben und Lieben im Zürich des 18. Jahrhunderts, das verdichtet zu jenem einen symbolischen Tag der Klopstock’schen Lustfahrt daherkommt. Manche stilistische Mangelerscheinung (lange Dialoge in indirekter Rede), manch fragwürdiger Anachronismus und historische Zweifelhaftigkeit (Die Gesellschaft diskutiert über aktuelle Themen wie “Goethes Geburt in Frankfurt” – als sei der spätere Dichterfürst bereits einjährig Gesprächsthema gewesen…) seien dem Autor verziehen, ist der Text doch insgesamt ein interessanter, vergnüglicher und detailliert recherchierter Streifzug durch die Zürcher Gesellschaft, ihre Beziehungen zu Religion, Familie und Sexualität anno 1750. Kurzum: Eine bedeutende Episode aus dem literarischen Stadtleben in bekömmlicher Verpackung.

Deprijck, Lucien. Ein letzter Tag Unendlichkeit. Geschichte einer Lustfahrt. Zürich: Unionsverlag 2015. 240 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-293-00483-2

Rezension: John von Düffel – KL. Gespräch über die Unsterblichkeit (Dumont 2015)

Was tut ein Autor, der sich einmal gepflegt über Sein und Schein, das Leben, den Tod und überhaupt all die grossen Themen äussern, seiner Leserschaft aber keinen 1000-Seiten-Schinken aufhalsen will? Der deutsche Schriftsteller John von Düffel hat eine buchstäblich elegante Lösung gefunden. Er legt die schwergewichtigen Gedanken als Bonmots einem Experten in den Mund: KL. Ähnlichkeit mit lebender Ikone beabsichtigt. Eine grandiose Stilstudie.

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KL, Chefdesigner bei Chanel, weisses Haar, schwarze Sonnenbrille. Das ist natürlich Karl Lagerfeld, die Assoziationen könnten klarer nicht sein und sind, wie von Düffel eingangs schreibt, absolut beabsichtigt. Ein Ich-Erzähler erhält einen Termin bei KL, um mit ihm ein Gespräch zu führen. Er plant nicht das handelsübliche Gala- oder Spiegel-Interview, sondern ein tiefes philosophisches Gespräch. Sein Zeitfenster sind dreissig Minuten. In dieser Zeit aber, so wird dem Interviewer während des aufwändigen Wartezeremoniells versichert, rede KL so viel wie andere Menschen an einem ganzen Tag.

Dann endlich betritt er den Raum, das Interview beginnt. KL wünscht sich, nicht von Fragen unterbrochen zu werden, er hat dezidierte Meinungen zu allem, spricht vornehmlich in zitierfertigen Bonmots. “Wer zeitlos schafft, der kann nicht pünktlich sein.”, “Ist man aussen tipptopp, ist man innerlich aufgeräumt.”, “Lieber ein guter Schwadroneur als ein schlechter Schriftsteller.”, usf.

Der Interviewer, der glaubt, KL  sei “der letzte lebende Philosoph”, macht sich von Paris aus wieder auf den Heimweg nach Deutschland. Zweiter Akt: Im Zug begegnet er BS (man nimmt an: Barbara Schöneberger), die privat gar nicht aussieht wie BS, “sondern allenfalls wie eine Vorstufe von ihr.” Das Gespräch geht weiter, wird im dritten Akt wieder mit KL telefonisch fortgesetzt, während im vierten ein Regisseur belauscht wird, der mit einem anderen Interviewer über die ehemalige Politikerin Heide Simonis und deren tragischen Abstieg spricht. Im fünften und letzten Akt des an klassischen Formen geschulten Romans findet der Erzähler zurück zu KL, der sich inzwischen in einem Hamburger Spital aufhält – unfähig, zu schlafen.

“Das ist die einzige Frage, die zählt. Nicht ob das, was man glaubt, wahr oder falsch ist, sondern ob es der Zeit standhält. Der einzige ernst zu nehmende Erfolg im Leben ist die Dauer: dass man noch da ist nach all den Jahren, dass es einen zu guter Letzt immer noch gibt. Dauer ist die langsame, aber stetige Annäherung an die Unsterblichkeit. Und dabei sind Illusionen manchmal mächtiger als Wahrheiten.”

Die Macht der Illusion unermüdlichen Schaffens versucht KL der Wahrheit seiner lebensgefährdenden Erschöpfung entgegenzuhalten. Besessenes Arbeitsethos und untrügliches Formbewusstsein verbinden sich in der Kunstfigur KL, deren scheinbare Übermenschlichkeit man letztlich versucht wird, auf gängige psychologische Klischees (Die verstorbene Mutter!) zurückzuführen. Was natürlich zu einfach wäre. Es erfordert Überwindung, sich solchen Vereinfachungen nicht hinzugeben, sondern auch die mannigfaltigen Schattierungen zwischen Schwarz und Weiss zu beachten.

John Von Düffel (*1966) ist ein grandioser Stilist, der die drei Prominentenschicksale KL, BS und HS dramaturgisch geschickt zu einer fünfaktigen Fast-Tragödie verbindet. Sein Spiel mit Form und Sprache, Sein und Schein ist verblüffend, Momente von grosser Ernsthaftigkeit wechseln sich mit solchen himmelschreiender Komik ab. Zwischen Tragik und Komik des Berühmtseins, des Vergänglichkeitsbewusstseins und des Ausgeliefertseins an die Mächte der Medien findet der Text einen pointierten, scharfsinnigen Ton, der – ob man nun lacht oder weint – kritische Gedanken etwa zu unserem Umgang mit Schönheit, Genie und Erfolg anregt.

von Düffel, John. KL. Gespräch über die Unsterblichkeit. Köln: Dumont 2015. 160 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8321-9784-1

Rezension: Eduardo Mendoza – Der Walfisch (Nagel & Kimche, 2015 [2009])

Mit “Der Walfisch” erscheint bei Nagel & Kimche zum dritten Mal ein Roman aus dem umfangreichen Werk des spanischen Autors Eduardo Mendoza. Wobei die Gattungsbezeichnung in diesem Fall etwas weit greift: “Der Walfisch” ist eine kurze Charakter- und Stadtstudie mit nachdenklichen Untertönen, ein vergnüglicher Grenzgang zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen.

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Barcelona, 1952: Der anstehende Eucharistische Weltkongress versetzt die Stadt in Volksfeststimmung. Ein Dutzend neue Hotels wurden aus dem Boden gestampft, der Flughafen El Prat gebaut, ganze Stadtquartiere renoviert und aufgefrischt. Weil sich die Stadt aber dennoch nicht in der Lage sieht, allen Kongressteilnehmern adäquate Unterkünfte zur Verfügung zu stellen, setzt die Regierung auf die Gastfreundschaft ihrer Bewohner.

So kommt der zentralamerikanische Bischof Fulgencio Putucás bei Tante Conchita und Onkel Agustin unter, Verwandten des Ich-Erzählers, der die Zeit des Kongresses als das Ende seiner Kindheit bezeichnet. Conchita ist das selbsternannte Oberhaupt einer aus vielen skurrilen Charakteren bestehenden Familie, in deren Kreis die Tante kaum jemanden vorlässt. Dem Bischof gewährt sie aus vorgeblicher Grosszügigkeit und frommer Menschenliebe für die Tage des Kongresses Zuflucht. In dieser Zeit aber bricht in Putucás’ Heimat eine Revolution aus, der Bischof steht auf einer Schwarzen Liste der neuen Regierung und kann nicht mehr nach Hause.

Conchita, deren Grosszügigkeit und fromme Menschenliebe nicht über die Kongresstage hinausreicht, schiebt den Bischof in die Familie des Ich-Erzählers ab, wo er vorerst Unterschlupf findet. Er legt seine kirchliche Tracht ab, wird von nun an Fulgencio genannt, hilft im Haushalt und wird zum Begleiter des jungen Erzählers, später dann zum Saufkumpanen von dessen alkoholabhängigem Vater. Er wird ausfällig, gewalttätig. Schliesslich verschwindet er spurlos. In buchstäblichem und übertragenem Sinne legt Fulgencio seine Würde ab, aus seiner Vertretung des Göttlichen steigt er hinab in die Sphären des Allzumenschlichen.

Erst Jahre später kommt es zum Wiedersehen: Im Hafen Barcelonas wird ein toter Wal ausgestellt, im Zelt, wo es nach verwesendem Fleisch und Reinigungsmittel stinkt, finden sich der Ich-Erzähler und der heruntergekommene Würdenträger in der Betrachtung des gewaltigen Tiers wieder. Fulgencio ist voller Selbstmitleid, zieht Parallelen zwischen sich und dem Wal, er spielt den Hiob, dem Gott den “Weg mit Widrigkeiten und Schmach übersät” hat, um ihn zu prüfen.

Eduardo Mendoza (*1943), der in unserem Sprachgebiet insbesondere durch seinen grossen Barcelona-Roman “Die Stadt der Wunder” (1992) bekannt ist, hat mit “Der Walfisch” eine subtile kleine Charakter- und Stadtstudie vorgelegt. Ursprünglich erschien die Erzählung gemeinsam mit zwei weiteren im Band “Tres vidas de santos” (Drei Heiligenleben, 2009), worin sie wohl auch etwas besser kontextualisiert wäre. Nichtsdestotrotz besteht “Der Walfisch” aber auch für sich alleine stehend. Mendoza gestaltet die Familie des Erzählers geradezu als ein Kabinett der grotesken Charaktere, seine Affinität für komische Elemente schimmert stets durch – und doch schwingen auch nachdenkliche Untertöne mit: Der Niedergang des mit Blendwerk behangenen Bischofs lässt nicht kalt, Fulgencio bleibt aber auch eine ambivalente Figur, die sich zunehmend verdächtig macht, selbst nicht gerade ein Hort frommer Unschuld zu sein. Während Fulgencios Grenzgang zwischen Göttlichem und Menschlichem gescheitert scheint, gelingt derjenige des Autors zwischen Tragik und Komik hervorragend, im Mantel eines bisweilen leicht altklugen Erzählers führt er leichtfüssig und stilistisch souverän durch die Geschichte. Eine vergnügliche Lektüre!

Mendoza, Eduardo. Der Walfisch. Aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold. Zürich: Nagel & Kimche 2015. 128 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-312-00646-5

Rezension: Herman Koch – Sehr geehrter Herr M. (Kiepenheuer & Witsch 2015)

Wenn von einem Buch des niederländischen Autors Herman Koch die Rede ist, fällt gerne der Begriff “Bestsellerautor”. In seinem aktuellen Roman “Sehr geehrter Herr M.” geht es dann auch gleich um einen solchen. Ein alternder Schriftsteller, der in den Lebensgeschichten zweier Gymnasiasten gewühlt hat, wird von der Vergangenheit eingeholt. Sein Werk vermag wohl vor dem Publikum, nicht aber vor der Wahrheit zu bestehen. Ein labyrinthisches Vergnügen, spannungsgeladen und auf wohltuende Art irritierend.

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“Sehr geehrter Herr M.”: So beginnt der erste Teil des Romans. Der alte Schriftsteller M. wird von seinem jüngeren Nachbarn angeschrieben, der sich als unberechenbarer Stalker entpuppt, der jede Bewegung im Obergeschoss minutiös registriert. M., seine viel jüngere Frau und ihre kleine Tochter scheinen in Gefahr. Bald erzählt der Schreiber von einer mehrere Jahrzehnte zurückliegenden Geschichte um die beiden verliebten Gymnasiasten Herman und Laura, denen vorgeworfen wird, den Englischlehrer Jan Landzaat ermordet zu haben, mit welchem Laura zuvor eine Affäre gehabt hatte. Fakt ist: Landzaats Leiche wurde nie gefunden, der Lehrer gilt bis heute als vermisst. Der Schriftsteller M., der vornamentlich übrigens ebenfalls Herman heisst, hat die Geschichte damals literarisch ausgeschlachtet, die Gymnasiasten zu Mördern gemacht und damit seinen grössten Erfolg – “Abrechnung” – gefeiert.

Nun ist M. alt, kämpft mit nebulösen Rentnerinnen an stickigen Nachmittagslesungen, sinkenden Verkaufszahlen, aggressiven Interviewern und seinem Erzrivalen N., mit dem er sich gar in eine Prügelei stürzt. Vor allem aber beginnt sich ihm die Wahrheit aufzudrängen. Der zweite Teil, der aus seiner Perspektive geschrieben ist, entlarvt ihn als arrogant und misanthropisch, im Kampf mit inneren familiären Dämonen, voller nicht gesellschaftsfähiger Ansichten, die er nicht mehr länger zu unterdrücken gedenkt.

Der dritte Teil wiederum blendet zurück und verfolgt die Ereignisse jener Nacht, in der Landzaat verschwand, aus Lauras Perspektive, die mit Herman in einem Liebesnest in den verschneiten niederländischen Sümpfen verbrachte und dort von ihrem aufgebrachten Ex-Liebhaber Landzaat überrascht wird. Inzwischen nähert sich in der Jetzt-Zeitebene der Briefeschreiber dem Schriftsteller an und führt mit ihm im vierten Teil ein ausführliches Interview über die Entstehung von “Abrechnung”.

Immer stärker vermischen sich im Laufe des Buches die Perspektiven und Zeitebenen, Koch springt hin und her auf der Suche nach der Wahrheit und Schuld. Was ist geschehen und wer trägt die Verantwortung dafür? Ist es überhaupt möglich Schuldige zu benennen? Das sind die Kernfragen des Kriminalfalles. Im Weiteren thematisiert der Text durch seine Anlage stets das Verhältnis von Realität und Fiktion mit, nicht zuletzt in leichten autobiographischen Anfärbungen, die er wohl beiden Hermans mit auf den Weg gibt. Und über allem die Frage: Reicht es, wenn ein Roman vor seinem Publikum besteht, oder hat er, wenn er auf tatsächlichen Begebenheiten aufbaut, auch eine Verpflichtung der Wahrheit gegenüber?

Herman Koch (*1953), Schriftsteller und Komiker, wie gesagt: Bestsellerautor, der mit  “Angerichtet” (2010) oder “Sommerhaus mit Swimmingpool” (2011) grosse Erfolge feiern konnte, erweist sich als Meister des labyrinthischen Spannungsaufbaus, hinführend – fast hat man es geahnt – auf eine gelungene finale Pointe. “Sehr geehrter Herr M.” präsentiert Menschen in ihrem wirklichsten Gewand: ambivalent, egoistisch, zu Schlechterem fähig, als sie sich eingestehen möchten (insbesondere Lehrer und Schriftsteller kommen nicht glimpflich davon!). Eine spannungsgeladene, vergnügliche und provozierende Lektüre.

Koch, Herman. Sehr geehrter Herr M. Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby und Herbert Post. Köln: Kiepenheuer und Witsch 2015. 400 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-462-04738-7

Zürcher Streifzüge (5): Friede zwischen Palästen?

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Beginnen wir ganz unten: An der Bahnhofstrasse, Zürichs prominentester Passage, die den Hauptbahnhof mit dem See verbindet. Bis ins Jahr 1864 lagen hier offene Wassergräben, Teile der ehemaligen Stadtbefestigung. An deren bekanntestem, dem Fröschengraben, befand sich zwischen 1832 und 1865, im sogenannten “Hinteramt” des Augustinerklosters, der erste Sitz der Universität Zürich, die am 29. April 1833 feierlich eröffnet wurde.

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Die Universität Zürich am Fröschengraben, 1838-1964. Q: Wikipedia.

25 Professoren und 15 Privatdozenten lehrten hier vor kaum mehr als 150 Studierenden Theologie, Jurisprudenz, Philosophie und Medizin. 1837 lobte der Rektor Ludwig Freiherr von Löw: “Sehr selten fallen Unordnung, fast niemals Duelle vor, und Renomisterei, Burschikosität, Landsmann- und Burschenschaften sind fast gänzlich unbekannte Dinge. Auch in der wissenschaftlichen Vorbildung leisten die Zürcher nur alles Wünschbare.” Früh in diesem Jahr, am 19. Februar 1837, verstarb ein junger Dozent der vergleichenden Anatomie, der als Exilant aus Strassburg erst im Jahr zuvor nach Zürich gekommen war: Georg Büchner.

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Steckbrief Büchner. Q: ZB

In Deutschland als Staatsverräter steckbrieflich gesucht, flüchtet Büchner 1835 nach Strassburg zu seiner Verlobten. Hier schreibt er die medizinische Abhandlung “Mémoire sur le système nerveux du barbeau”, mit der er sich an der jungen Universität Zürich bewirbt. Nicht zuletzt aufgrund der Fürsprache des ersten Rektors der Zürcher Uni, Lorenz Oken (1779-1851), seines Zeichens ebenfalls vergleichender Anatom, wird Büchner in die Schweiz eingeladen. Als “Asylant der Sonder-Classe” darf er übersiedeln und am 5. November 1836 seine Probevorlesung “Über Schädelnerven” halten. Sein Aufstieg ist rasant, er wird Privatdozent und habilitiert. Seinen Kurs “Zootomische Demonstrationen” besuchen dennoch lediglich fünf Hörer. “Feuerseele” nennt ihn einer von diesen.

Überqueren wir nun die Limmat, steigen die steilen Gassen der Altstadt hoch an die Spiegelgasse 12 (Sie wird ein andermal detaillierter Teil der Streifzüge sein…). Hier lebte der junge Dozent Büchner, hier schrieb er nachts an den Stücken “Woyzeck” und “Leonce und Lena”. Seine Nachbarn Caroline und Wilhelm Schulz – ein emigrierter Publizist, der bis zu seinem Tod 1860 in Zürich bleibt – kennt Büchner bereits aus Strassburger Zeiten. Sie pflegen Büchner in seinen schweren letzten Tagen, nachdem er am 2. Februar 1837 an Typhus erkrankt war.

Nach seinem Tod am 19. Februar 1837 geht Büchners Reise weiter bergan: Hinaus aus der Altstadt, über den Hirschengraben hinweg, wo damals – am Heimplatz, wo heute das Kunsthaus steht – der Friedhof Krautgarten lag. Hier wird der frühverstorbene deutsche Dichter und Anatom bestattet. Die Arbeit am “Woyzeck” konnte er nicht mehr beenden, seinen geplanten zweiten Kurs an der Universität nicht mehr durchführen.

Im Jahre 1848 wurde der Friedhof geschlossen, 1878 letztlich geräumt. Büchners Grab jedoch sollte schon drei Jahre früher verlegt werden: weiter steil bergan, an einen von Zürichs höchsten Punkten. Auf Anregen der deutschen Studentenverbindung “Germania”, die ihre jährliche Versammlung auf einem Hochbuck genannten Hügelzug in der Gemeinde (heute Stadtquartier) Oberstrass abhielt, wurden Büchners Überreste auf ebendiesen Hügel verlegt. Heute ist er als Germaniahügel bekannt, die Strasse darunter heisst Germaniastrasse, der Ort ist nahe der Endstation der Seilbahn Rigiblick, die zu einem formidablen Aussichtspunkt führt, umgeben von prunkvollen Villen und alten Herrenhäusern. Büchners Grabstätte aber ist unscheinbar, spärlich signalisiert, die Aussicht auf die Stadt von Bäumen und Sträuchern versperrt. Ein etwas trostloser Ort der letzten Ruhe für den grossen Unvollendeten, der so viele Fragezeichen zurückliess. Nicht zuletzt politische: Wäre Büchner irgendwann nach Strassburg zurückgekehrt, gar nach Deutschland, oder hätte er sich in den Schweizer Wirren eingelebt, die im Sonderbundskrieg und letztlich in der Gründung des Bundesstaates 1848 mündeten? Wäre er in seiner akademischen Karriere aufgegangen oder hätte er sich irgendwann gänzlich dem Schreiben gewidmet? Wie läse sich ein vollendeter “Woyzeck”? Die möglichen Antworten liegen begraben unter einem kleinen Viereck zwischen den Palästen, die Büchner einst zu bekriegen aufrief. Noch eine Frage: Hätte er hier tatsächlich seinen Frieden gefunden?

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Etwas trostlos: Büchners Gedenkstätte auf dem Germaniahügel hoch über Zürich.

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Wenige Meter vom Grab entfernt öffnet sich die Sicht auf den Zürichsee: Das beliebte Ausflugsziel Rigiblick, zu erreichen mit einer Standseilbahn.

 


Das Zitat von Ludwig Freiherr von Löw sowie die Daten zu Büchners universitärer Karriere in Zürich sind einem Beitrag von Peter Stadler aus der Festschrift zur Georg-Büchner-Gedenkfeier 1987 (erschienen bei Hans Rohr Zürich) entnommen.

Rezension: Ursula Ackrill – Zeiden, im Januar (Wagenbach 2015)

Ursula Ackrills Debütroman “Zeiden, im Januar” widmet sich der wechselhaften Geschichte der Siebenbürger Sachsen, einer deutschsprachigen Gemeinschaft im heutigen Rumänien, insbesondere der Zwiegespaltenheit der Sachsen gegenüber dem ursprünglichen “Mutterland Germania” zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Der Text, unlängst nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, krankt ein wenig an mangelhaft ausgearbeiteten Charakteren, zündet dafür sprachlich ein Feuerwerk.

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Zeiden, das ist eine kleine Stadt im Burzenland im Herzen der Karpaten, gegründet 1265 vom Deutschen Orden, vor dem Zweiten Weltkrieg zu einem grossen Teil bewohnt von Siebenbürger Sachsen. Im Januar, das heisst konkret: am 21. Januar 1941. Dieser Tag, von 6:45 bis 22:59 Uhr, bildet die Haupterzählachse des Textes. In Zeiden, einsam im Haus des im ganzen Dorf verehrten, unter ungeklärten Umständen verschwundenen Aviatikers Albert Ziegler, lebt die Chronistin Leontine Philippi. Sie ist die Protagonistin des Textes, eine Kassandra der Siebenbürger Sachsen, deren Mahnung vor drohendem deutschem Unheil niemand Glauben schenken will.

Zu gross sind die Hoffnungen, die die Sachsen in Hitlers Vormarsch setzen. Sie, die ursprünglich Deutschen, ausgewandert im Mittelalter, die schon zum Königreich Ungarn, zum Fürstentum Siebenbürgen, zur österreichisch-ungarischen Monarchie und seit Ende des Ersten Weltkrieges zu Rumänien gehörten, aber immer Aussenseiter blieben, sehen sie endlich gekommen: die Chance, einer “Gemeinschaft einverleibt zu werden, die uns nicht als Fremdkörper bekämpft.”

Die Nationalsozialisten freilich scheren sich kaum um diese siebenbürgische Minderheit. Den Sachsen ist es nicht erlaubt, in die deutsche Armee einzutreten, einzig der Zugang zur Waffen-SS steht den qualifiziertesten unter ihnen frei. Nach der Ermordung des jüdischen Ramschhändlers Brick erkennt Leontine die Bedrohung, die von Juden nur allzu leicht auf andere Minderheiten überzutreten droht. Fortan versucht sie als Warnerin den Sachsen die mangelnde “indigene Selbstverständlichkeit” einzureden, die die Gemeinschaft trotz ihrer “retardierten Nettigkeiten, gutgemeinten Fiaskos und ihr(em) generelle(n) Mondkälbertum” vor dem Sturz ins nationalsozialistische Unheil bewahren soll.  Erfolglos. Zwischen ihrer rumänischen Haushälterin Maria, dem ehemaligen Freund Herfurth, der Apothekerin Edith Volskgruppenführer Schmidt und dem späteren Nazi Klein sucht sich die alternde Prophetin eine Stimme zu verschaffen.

Ursula Ackrill (*1974 in Kronstadt, Siebenbürgen), die als Bibliothekarin im englischen Nottingham arbeitet, hat als promovierte Germanistin eine literaturtheoretische Vorbildung, die in der Struktur und Erzählweise von “Zeiden, im Januar” deutlich zum Ausdruck kommt. Der Text ist in kurze, meist mit Orts- und minutengenauer Zeitangabe versehene Kapitel gegliedert, die wild zwischen  etwa 1900 und 1941 umherspringen, mal dreissig Jahre vor, dann wieder wenige Minuten zurück. Das ist verblüffend, durchdacht, aber auch verwirrend. Das Vertiefen in einen Erzählstrang oder einer Figur wird stets geschickt unterbunden. Die genauen Abläufe des 21. Januar 1941, die Figuren, ihre Biographien, Motivationen und gegenseitigen Beziehungen, muss man sich nach und nach aus Versatzstücken zusammensetzen. Das mag intellektuell fordernd sein, hat aber in diesem Falle den Nachteil, dass keine wirklich konsistenten Charaktere entstehen können. Vieles bleibt schwammig und so unklar, dass selbst die im Anhang gedruckten kurzen Figurenbiographien keine Besserung mehr eintreten lassen. Die Formvollendung, wie man so schön sagt, gereicht hier leider zum Nachteil.

Umso mehr dagegen vermag die Sprache zu begeistern: Ursula Ackrill zündet ein regelrechtes Feuerwerk an schillernden Adjektiven, verschrobenen Verben und seltsam unverblümter Formulierungen. Auch die deutsche Sprache, so wirkt es, ist in Siebenbürgen eine etwas andere, mit charmanten Eigenheiten ausgestattete.


“Der Wind schwärmt Schneeflocken an ihr Fenster. Sie rieseln vorbei. Aus ihrem Hof hatte sie den Berg nicht sehen können, nur das Bergelchen davor. Er steckte in der Wolke, die nun über Zeiden hinwegrollt. Leontine steht in ihrer Küche im Morgenrock, wollbestrumpft und gestiefelt, die Tür weit geöffnet, und wendet eine pfannevoll Fischteile.”

“Zeiden, im Januar” ist ein im Historischen fundiertes, im Alltäglichen präzises Werk von bisweilen rauschhafter Formulierlust und spürbarer Hingabe an die Aufarbeitung seines Themas. Dass es hinsichtlich der Porträtierung seiner Charaktere etwas blass und aufgrund seiner Form verwirrlich bleibt, sei ihm verziehen. Die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse ist überraschend, aber nicht unverdient: Mit Ursula Ackrill empfangen wir eine einzigartige neue Stimme in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.


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Ursula Ackrill ist nicht die erste Autorin, die sich der Geschichte der Siebenbürger Sachsen – insbesondere in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg – literarisch annimmt. Erwähnenswerte Vorgänger sind etwa: “Wenn die Adler kommen” von Hans Bergel (1996),  “Der geköpfte Hahn” von Eginald Schlattner (1998), “Capesius, der Auschwitzapotheker” von Dieter Schlesak (2006) , beruhend auf einer wahren Geschichte, oder der Erzählband “Die Wildgans”, wiederum von Siebenbürgens wohl bekanntester Stimme Hans Bergel (2011).

Ackrill, Ursula. Zeiden, im Januar. Berlin: Wagenbach 2015. 256 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8031-3268-0

Rezension: William McIlvanney – Die Suche nach Tony Veitch (Kunstmann 2015 [1977])

Des zänkischen Tartanen zweiter Streich: Im Kunstmann-Verlag erscheint dieser Tage der zweite Band aus William McIlvanneys Trilogie um den Glasgower Inspektor Laidlaw. Der Autor blieb seinem Rezept treu: finstere Gestalten, erdrückende Armut und kernige Sprüche. Spannender Krimi und eindrückliches Zeitdokument zugleich.

 

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“Freitagnacht, Glasgow.” Einer kommt am Bahnhof an, doch der, mit dem er verabredet gewesen wäre, ist nicht da. Er ist tot. So klassisch und simpel wie “Die Suche nach Tony Veitch” beginnt, so wird die Geschichte über 300 Seiten konsequent fortgeführt. In einem zweiten Erzählstrang gibt es sogleich einen zweiten Toten: Eck Adamson, einen stadtbekannten Penner, der dem umtriebigen Inspektor Laidlaw stets als Spitzel gedient hat. Am Sterbebett erzählt er dem Polizisten, er sei vergiftet worden. Die Jagd beginnt.

Wie schon in “Laidlaw” (Rezension) gibt es zwei Protagonisten: den Inspektor und die Stadt. Glasgow – “Eine Stadt so hart am Wind, dass sie Grimassen schnitt. (…) Eine Stadt so freundlich, dass sie jede Grausamkeit niederprügelt.” Auf den Strassen dieses Glasgow hat jeder seinen festgelegten Platz, humorlose Bandenanführer – darunter der schon aus dem ersten Band bekannte John Rhodes – sorgen für Ruhe und Ordnung. Leichen kommen ihnen genauso ungelegen wie der Polizei. Es ist ein intellektuellenfeindliches, brutales Klima, in dem diese Geschichte spielt.

Laidlaw, der umtriebige Idealist, wirkt darin wahlweise wie ein helles Licht der Menschlichkeit, wenn er etwa “die Sinnlosigkeit der Welt mit der Sorge füreinander” zu bekämpfen sucht, dann wieder wie ein streitsüchtiger Alkoholiker. Sein Credo “Die Wahrheit ist das einzig gesunde Klima” lässt ihn dennoch durchweg als integren, unbestechlichen Charakter erscheinen, dem die Sympathien zufallen.

William McIlvanney (*1936), der als Vater des Tartan Noir gilt und Autoren wie etwa Ian Rankin stark beeinflusst hat, pflegt eine grobe Sprache zwischen philosopischer Gossenpoesie und  zynischem Hardboiled-Detective-Sprech. Des Autors liebstes Stilmittel ist der Vergleich, in dem er eine bemerkenswerte Kreativität entwickelt hat: der Himmel ist “schwarz wie eine Mülltonne”, einer guckt “als hätte er einen Strumpf voller Asche zu Weihnachten bekommen”, ist beim Alkohol “wählerisch wie ein öffentliches Pissoir” oder hat ein Gesicht wie “eine verlassene Sackgasse”. So absurd manch einer dieser Vergleiche auch anmuten mag, stets stützen sie das graue triste Bild von Glasgow als einer verslumten Stadt, die von einer Handvoll Reichen mit Unmengen Armen, Perspektivlosen geteilt wird. Nur selten betritt einer einen edlen Ort der wohlhabenden Schicht – und wenn, dann ist er mindestens irritiert von den dortigen Attitüden und Gesprächsthemen “so gepflegt wie frisierte Pudel, die man Gassi führt”.

McIlvanney verbindet in diesem zweiten (von drei) Romanen um Inspektor Laidlaw erneut eine spannende Kriminalgeschichte mit tiefen Einblicken in das soziale Leben im Glasgow der Siebzigerjahre. “Die Suche nach Tony Veitch” ist spannender Krimi und eindrückliches Zeitdokument zugleich.

McIlvanney, William. Die Suche nach Tony Veitch. Aus dem Englischen von Conny Lösch. München: Verlag Antje Kunstmann 2015. 320 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-95614-022-8

Zürcher Streifzüge (4): Von Flachdächern und Rabenhäusern

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Tief in die Wildnis, in den finstern Wald, wo nie zuvor ein Mensch hingefunden hatte, begab sich einst ein Mönch. Auf seinem Weg sah er plötzlich einen Sperber hungrig ein Nest umkreisen. Er vertrieb den Räuber und rettete zwei junge Raben aus dem Nest, die fortan seine treuen Begleiter waren. An einer nahegelegenen Quelle errichtete er sich ein bescheidenes Heim und lag Tag und Nacht im Gebet. Nach vielen Jahren begannen Leute zu ihm zu pilgern, eines nachts jedoch kamen auch zwei Räuber, die grosse Schätze in seiner Hütte vermuteten. Sie erschlugen den Einsiedler. Erschrocken ob der beiden Vögel, die nun erbost herumflatterten, flüchteten die Räuber, rannten Stunden und Aberstunden durch den dichten finsteren Wald, bis sie endlich nach Zürich kamen, wo sie in einem Wirtshaus Zuflucht suchten. Kaum hatten sie sich aber gesetzt, stürzten die beiden Raben durch das Fenster und attackierten die Räuber. Von dieser Begebenheit alarmiert, verhafteten die Zürcher die beiden – und nachdem klar geworden war, dass diese den Einsiedler aus dem finstern Walde getötet hatten, wurden sie gerädert. Der Einsiedler – sein Name war Meinrad – wurde ausserhalb des Waldes bestattet, dort, wo heute das Kloster Einsiedeln steht. Ebenso wie das Kloster hat auch das ehemalige Wirtshaus in Meinrads Gedenken die Raben zu seinen Hütern erkoren…

Am Hechtplatz, nahe der Limmat, steht es noch heute, das Haus zum Raben, jetzt nurmehr Bestandteil der idyllischen altstädtischen Kulisse, ein Fotosujet, Unterkunft für Friseurgeschäfte, Restaurants und Kleiderläden. Dieses mythenumwobene Haus hat auch in der neueren literarischen Geschichte Zürichs eine gewichtige Rolle gespielt. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs war es ein bedeutender Treffpunkt der emigrierten Literatinnen und Literaten, ein wahrhaftig europäischer Salon. Ein als Autor heute weitgehend vergessener Mann durfte sich Gastgeber nennen:

“Er sieht aus wie ein Hungerpastor, ist aber ein Intellektueller vom Scheitel bis zur Sohle, und keiner weiss, ob er nicht auch für ihn einen kleineren oder grösseren Pfeil im Köcher hat. Aber zutiefst innen ist er ein Liebender, Teilnehmender, Seismograph, der die Erschütterungen unserer Zeit verzeichnet und auf sie hinweist. Ein Verteidiger gefährdeten Menschentums.”

Aus: Alfred A. Häsler. Jeremias zu Besuch bei… (1965)

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Q: ticinarte.ch

Die Rede ist von Rudolf Jakob Humm (1895-1977), geboren und aufgewachsen in Italien, Studium der Physik in Göttingen und Berlin, Studium der Nationalökonomie in Zürich, wo er sich ab 1922 als Journalist und Übersetzer niederlässt. Verheiratet mit Lily Crawford, einer Malerin französisch-schottischer Abstammung. 1929 erscheint sein Debütroman “Das Linsengericht”, der von Hermann Hesse gelobt wird. Dieser, mit dem Humm seit da ein langer freundschaftlicher Briefwechsel verbindet, lobt Humm später als einen der “besten Prosaisten deutscher Sprache”. Obschon Werke wie “Die Inseln” (1936) oder “Carolin” (1944) eine breite Rezeption erfahren haben und er 1969 letztlich mit dem Zürcher Literaturpreis geehrt wurde, bleibt Humm als Romanautor kaum in Erinnerung. Grösser war sein Einfluss freilich als Gastgeber eines der wichtigsten Treffpunkte für Emigranten und Emigrantinnen.

Bis 1934 lebten die Humms am Stadtrand in der Werkbundsiedlung Neubühl in Zürich-Wollishofen. Diese zwischen 1930 und 1932 unter der Ägide der Architekten Rudolf Steiger, Max Ernst Häfeli und Werner M. Moser erbaute Mustersiedlung mit ihren senkrecht zur Strasse aufgestellten Flachdach-Wohnzeilen, die den Hügel hinauf gestaffelt sind, gilt als Inbegriff des neuen Bauens im Zürich der 1920er- und 1930er-Jahre. Die Bauten von Häfeli, Moser und Steiger prägen das Stadtbild von Zürich bis heute massgebend (Universitätsspital, Hochhaus zur Palme, Zett-Haus, Kongresshaus, …). Steiger, der Humm verschwägert war, wollte mit dem Neubühl einen “Reihenhaustyp für den Mittelstand” erschaffen, der oftmals propagandistische Wortführer der Bewegung, Siegfried Giedion, proklamierte in seiner Schrift “Befreites Wohnen” aus 1929 den neuen Haustyp: “leicht, lichtdurchlassend, beweglich”.

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Die Neubühl-Siedlung. Q: http://klimagerechtesbauen.blogspot.ch/

In diesem architektonisch hochmodernen Umfeld lebte bis im Herbst 1934 Rudolf Jakob Humm, umgeben von Emigranten und Emigrantinnen, die er in seinem schmalen Erinnerungsband “Bei uns im Rabenhaus” beschreibt. Noch waren es triste Zeiten für das geistige Leben. In den Zwanzigerjahren, schreibt Humm, befand sich Zürich “geistig in einem tiefen Schlaf”, war “(e)in Krematorium, ein Mausoleum” des Geistes. Erst die über Europa hereinbrechende Düsternis führt dazu, dass das literarische Leben Zürichs wieder erblüht. Rudolf Jakob Humm und Lily Crawford beziehen 1934 das Haus zum Raben am Limmatquai, wo bis 1938 regelmässig Lesungen und andere literarische Veranstaltungen stattfinden.

“Wir von meiner Generation mussten für etwas einstehen; wir konnten nicht nur träumen, wir mussten um uns schlagen.”

In erwähntem Erinnerungsband lässt Humm sie alle Revue passieren, die Gestalten – ob Ausländer, Rückwanderer oder Schweizer -, die im Rabenhaus verkehrten. Bekannte und weniger bekannte, umgängliche und umtriebige, geniale und bescheidene. Humms Erzählstil ist dabei anekdotisch, kann ebenso liebevoll wie verletzend sein, nimmt kein Blatt vor den Mund, ist der Wahrheit sicherlich nicht immer vollkommen verpflichtet, dafür stets von einer grossen Sympathie für die Dichter geprägt. “In Zürich hält man grosse Stücke auf die Wirte”, schreibt er, “aber sehr kleine auf die Dichter.” Daran wollte Humm etwas ändern, das literarische Zürich neu beleben – und er tat es. Therese Giehse ging hier ein und aus, Ignazio Silone, Ferdinand Lion, Arthur Koestler, der “anders dachte als die andern, wenn auch nicht wie die, die ihrerseits anders dachten”. Erika und Klaus Mann, die mit ihrem aus Deutschland vertriebenen Kabarettprogramm “Die Pfeffermühle” in Zürich hausierten waren Gäste, der Rückwanderer Adrien Turel, der Dichter Albin Zollinger, Else Lasker-Schüler, die “als Mensch ein kleines Greuel” war, und viele mehr. Über Zollinger schreibt Humm: “Wer weniger in der Wirklichkeit als in seinen Einbildungen lebt, mit dem ist der Verkehr nicht immer einfach”. Und über Carl Seelig, den Rezensenten und Vormund Robert Walsers, der eine ebenso wichtige Gestalt der Zürcher Literaturszene war: “‘Himmel, wenn du doch so gescheit wie gut wärst!’ Er war eben nicht gescheit.” Am nächsten stand Humm Friedrich Glauser, mit dem der Rabenhausvater ebenfalls einen ausführlichen Briefwechsel führte.

Humms Salon im “Haus zum Raben” war zu der Zeit nicht der einzige seiner Art in Zürich: an der Stadelhoferstrasse gab es den Salon Rosenbaum, weit oben am Zürichberg traf man sich bei Marcel Fleischmann an der Germaniastrasse, am Bellevue bei Emmie Oprecht, der Verlegergattin, und auf der anderen Seite des Seebeckens bei Lily Reiff an der Genferstrasse. Freilich darf das Rabenhaus, neben Wladimir Rosenbaums und Aline Valangins Salon, wohl als der wichtigste gelten. Als Humm 1963 seine Erinnerungen verfasste, lebte er im Glauben, das Haus zum Raben würde bald abgerissen. Im Zuge der Auseinandersetzungen mit den Besitzern musste Humm schliesslich ausziehen – das Haus aber steht noch heute. Rudolf Jakob Humm verstarb 1977 an den Folgen eines Verkehrsunfalls.

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Das Haus zum Raben am Hechtplatz.


Rudolf Jakob Humm. Bei uns im Rabenhaus.Literaten und Leute im Zürich der Dreissigerjahre. Neu hgg. v. Martin Dreyfus. Frauenfeld/Stuttgart/Wien: Huber 2002.

Rezension: Pierre Lemaitre – Wir sehen uns dort oben (Klett-Cotta 2014 [2013])

In seinem umfangreichen, mit dem Prix Goncourt geehrten Roman “Wir sehen uns dort oben” erzählt der französische Autor Pierre Lemaitre von den Nachwehen des Ersten Weltkriegs, vom Schelmenstück zweier ehemaliger Soldaten und der Machtgier eines skrupellosen Hauptmanns. Ein Meisterwerk.

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Joseph Merlin ist ein ungeliebter, erfolgloser, übelriechender Staatsbeamte, der kurz vor der Pensionierung steht. Es heisst: “Sein ganzes Dasein war eine einzige Folge von Enttäuschungen, an die er sich nicht gewöhnen konnte.” Nur wenige der 520 Seiten von “Wir sehen uns dort oben” beschäftigen sich mit dieser nach dem Vorbild des Cripure aus Louis Guilloux’ “Le sang noir” geformten Figur, die trotzdem den heimlichen Dreh- und Angelpunkt der Geschichte bildet. Der Held im Kostüm des Antihelden, unsympathisch und abstossend, doch mit seinen Taten das Gute erwirkend. Er ist der belanglose Niemand in einer Gesellschaft, die sich nur noch um Helden, lebend oder tot, kümmert. Der Krieg hatte sich nicht um erfolglose Beamte geschert, in seinen Nachwehen blieben einzig “die Gedenkfeiern, die Toten, der Ruhm. Das Vaterland.” Gefallene Soldaten und siegreiche Rückkehrer bilden das Rückgrat dieser Geschichte…

“Als Letzter zu sterben, sagte sich Albert, ist, wie als Erster zu sterben: vollkommen idiotisch.”

Die Geschichte beginnt noch auf dem Felde, im November 1918. Der Waffenstillstand ist bereits besiegelt, die letzten Gefechte scheinen gefochten. Der machthungrige, skrupellose Leutnant Henri D’Aulnay-Pradelle jedoch sieht die Chance auf ein letztes Blutbad gekommen, “ungestüm und primitiv” zwingt er seine Truppen durch einen hinterlistigen Trick noch einmal aus den Schützengräben zu steigen und zu kämpfen. Pradelle ist der Nachkomme eines gefallenen Adelsgeschlechts: um seinem Namen wieder zu Ehre zu verhelfen ist er bereit, alles zu opfern. Einer seiner Soldaten, Albert Maillard, durchschaut Pradelles Hinterlist. Der Leutnant versucht Albert im Getümmel des Gefechts zu beseitigen, was jedoch daran scheitert, dass ein zweiter Soldat, Edouard Péricourt, Albert das Leben rettet. Dies freilich zu einem hohen Preis: Nach der Rettungsaktion wird Edouard von einem Granatsplitter getroffen, der ihm das halbe Gesicht zerfetzt. Dann ist der Krieg vorbei.

Albert verhilft Edouard, der sich weigert in sein wohlhabendes Pariser Elternhaus zurückzukehren, zu einer neuen Identität. Pradelle durchschaut den Betrug, verspricht jedoch zu schweigen, da Albert Informationen gegen ihn in der Hand hat. Während Pradelle Edouards Schwester heiratet, um sich den Einfluss des Vaters zunutze zu machen, leben Albert und der zunehmend drogenabhängige Edouard, der sich geweigert hat, sein Gesicht operieren zu lassen, in Armut bis sie eines Tages einen grossen Betrug mit dem Verkauf von angeblichen Kriegsdenkmälern aufzuziehen beginnen, der ihnen zu Geld für eine Flucht in die Kolonien verhelfen soll. Pradelle seinerseits gehört ebenfalls zu denen, die mit unsauberen Geschäften noch im Jahre 1920 vom Krieg profitieren: Seine Firma kümmert sich um die Begräbnisse der Abertausenden von Kriegsopfern, handelt dabei aber profitgierig und schändet das Gedenken der Toten…

Durch bisweilen ungeheuerliche Kehrtwenden und Wechselfälle des Schicksals bleiben die Geschichten dieser ungleichen Protagonisten eng miteinander verbunden. Die erzählte Zeit, die sich vom November 1918 bis zum Juli 1920 erstreckt, ist angefüllt mit den menschlichen Grabenkämpfen einer von Rachsucht, Machtgier und Heldenkult besessenen Gesellschaft. Kristallklar scheint darin, inmitten all dieser gesellschaftlichen Zersetzungserscheinungen, die Geschichte der Freundschaft zwischen Albert und Edouard. Der schmächtige Buchhalter Albert in seinen abgetragenen Kleidern und sein Schutzengel Edouard mit dem halben Gesicht, der nicht mehr auf die Strasse geht und stets bunte Pappmaché-Masken trägt: In die Geschichte dieses ungleichen Paars legt Lemaitre allle Empathie und Menschlichkeit, es gelingt ihm, dass selbst vor dem Hintergrund des unverschämten Denkmalbetrugs eine grosse Sympathie mit diesen beiden Figuren entsteht. Diese wirkt umso kräftiger wenn sie gegen die Skrupellosigkeit des ekelhaften Pradelle ausgespielt wird.

Pierre Lemaitre (*1951) ist ein erfahrener Autor von Kriminalromanen und versteht es als solcher hervorragend, Spannung zu erzeugen, wovon er auch in “Wir sehen uns dort oben” souveränen Gebrauch macht. Der Roman, eine abenteuerliche Mischung aus Schelmenstück, Gesellschaftsroman, Historie und Krimi, ist dramaturgisch nahezu perfekt inszeniert, vom nüchternen Auftakt bis zum atemlosen Finale stimmen die Rhythmen. “Wir sehen uns dort oben” rührt an die grossen Emotionen und bettet sie ein in eine wundersam intime Geschichte um Freundschaft, Rache, Gier, Freiheitsdrang, Aufrichtigkeit und Heldentum. Ambivalente Charaktere wie der eingangs erwähnte Merlin, halsbrecherische (aber stets nachvollziehbare) Twists, sorgsam als rote Fäden eingewobene Motive und mitfühlende Einsichten in die vom Krieg zerrüttete Gesellschaft machen den Roman zu wahrhaftig grosser Literatur. 2013 ausgezeichnet mit dem renommiertesten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, wird “Wir sehen uns dort oben” diesen Vorschusslorbeeren in jeder Hinsicht gerecht. Kurzum: ein Meisterwerk.

Lemaitre, Pierre. Wir sehen uns dort oben. Aus dem Französischen von Antje Peter. Stuttgart: Klett-Cotta 2014. 521 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-608-98016-5