Rezension: Hila Blum – Der Besuch (Berlin-Verlag, 2014 [2011])

“Der Besuch” ist das Romandebüt der israelischen Autorin Hila Blum, die bis anhin als Journalistin und Lektorin tätig war. Sie erzählt eine bemerkenswerte moderne Familiengeschichte, in der schöner Schein geradezu hörbar bröckelt und die Sicht freigibt auf Vorurteile, Vorwürfe und lang verdrängte Erinnerungen.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht das Ehepaar Nataniel (Nati) und Nili, beide um die vierzig Jahre alt, wohnhaft im Jerusalem der 2010er-Jahre. Mit ihrer Tochter Asia und Jedida, einer älteren Tochter, die Nati aus seiner ersten Ehe mitbrachte bilden sie eine Art moderne Patchwork-Familie. Die Ankündigung des titelgebenden Besuchs steht am Beginn der Geschichte: Der Pariser Millionär Jesaja Duclos ruft an und kündigt seinen Besuch in Jerusalem an. Er bittet um ein Treffen, das Nati und Nili nicht ablehnen können, hat ihnen der exzentrische Duclos doch neun Jahre zuvor, als Natis und Nilis Beziehung gerade begonnen hatte, in einer furchtbar brenzligen Situation geholfen.

Was genau in dieser Nacht geschah, wird dem Leser nach und nach offenbart – und soll an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden, macht es doch einen grossen Teil der Spannung des Romans aus. Tatsache ist: Unter vier Augen hat Duclos in jener Nacht Nili etwas mitgeteilt, was sie nie wieder losgelassen hat. Etwas, über das sie mit Nati nie gesprochen hat. Und neun Jahre später nun weckt Duclos’ Anruf die Erinnerungen an diese Nacht, beschwört böse Gedanken in Nili, Gedanken, die sich mit weiteren unausgesprochenen Dingen – Vorurteilen, Vermutungen, Ahnungen – vermengen und sie an ihrer Ehe (ver)zweifeln lassen.

“Sie duschten, zogen sich wieder an, und als sie nebeneinander im Bett lagen, war der Zauber verschwunden. Die Liebe war, wie die meiste Zeit, eine Erinnerung, die wieder auflebt, wenn man in alten Alben blättert.”

Hila Blum erzählt in Szenen, die unverhofft zwischen den Zeiten hin- und herspringen, sich in den meisten Fällen aber eindeutig einer zeitlichen Ebene zuordnen lassen. Verdrängung ist nicht nur einer der inhaltlichen Schwerpunkte des Romans, sondern auch dessen poetologisches Prinzip: Die gewichtigen Dinge – die Nacht in Paris oder die dunklen Geheimnisse über Asia oder Nilis Schwester Uma, die sie hütet – werden nicht stringent erzählt, sondern Happen für Happen offeriert, sie spielen sich häufig in Andeutungen, in subtilen und doch eindringlichen Nebensätzen ab. Gleiches gilt im Übrigen für die das Setting bestimmende politische Realität: Israel im Kriegszustand, wegen Bombenalarmen leergefegte Strassen, Menschen in Angst. In einem “Davor” betitelten Vorspann zum Roman heisst es:

“Es gibt Dinge, die können nur in den schmalen Spalten der Nachlässigkeit geschehen, der Unaufmerksamkeit, in einem Wirbel aus Trägheit und Licht. Plötzlich entspringen sie der Phantasie und landen im gelebten Leben.
Erklärungen werden erst später gesucht.”

“Der Besuch” kann als dieses Später gelesen werden, als Erzählung der Zeit, in der allmählich das Bedürfnis nach Erklärungen entsteht, sich Antworten Puzzleteil für Puzzleteil zu einem ganzen Bild zusammenzufügen beginnen. Und wenn es vollendet ist, wird einem womöglich bewusst, dass man sich all die Jahre, aufgrund einer blossen Ahnung, so sehr auf etwas fixiert hat, dass der Blick für andere, nicht weniger bedeutende Dinge schlicht gefehlt hat. Versinnbildlicht wird dieses Motiv mit der clever in die Familiengeschichte eingewobenen Story des verschwundenen Jungen Denis Bukinow, dessen Fall Nati und Nili in den Nachrichten verfolgen: Ein unerschrockener erzählerischer Kunstgriff, der eine souveräne Autorin verrät.

Obschon “Der Besuch” Hila Blums (*1969) Romandebüt ist, erweist sie sich als abgeklärte Autorin, die ihren Plot hervorragend kontrolliert, gekonnt Spannung aufbaut und zudem von grossem sprachlichem Einfallsreichtum ist. Einige Schwächen lassen sich zwar ausmachen, so kommt es beispielsweise gegen Ende zu einigen ziemlich langatmigen, von banalen Dialogen gequälten Stellen, die sich zwischen Nili und den beiden Töchtern abspielen, insgesamt aber ist “Der Besuch” ein ausgewogenes, durchdachtes, ja ein hervorragendes Debüt. Es ist ein Familiendrama, das genre-typische Paradigmen wie den makellosen Schein, der mehr und mehr Risse bekommt, um schliesslich eine gar unschöne, unausgesprochene Realität zu offenbaren, aufnimmt und mit viel Fantasie und Empathie in eine zeitgemässe Geschichte integriert.

Schweizer Standpunkte: Raum und Macht – Wer plant die Planung?

“Wer plant die Planung?”: Diese Frage beschäftigte den Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt lange Zeit. Eine Gruppe von 14 Autoren hat sich seines Lebens und Wirkens in der Studie “Raum und Macht. Die Stadt zwischen Vision und Wirklichkeit” (Rotpunktverlag, 2014) angenommen und versucht, seine Denkanstösse auf aktuelle stadtplanerische Projekte anzuwenden.

Lucius Burckhardt  (1925-2003) war Soziologe, Ökonom und Begründer der sogenannten Spaziergangswissenschaft, er war ein politisch engagierter Bürger und ein kritischer, die Grundsätze menschlichen Lebens und Wohnens hinterfragender Geist. Gemeinsam mit seiner Frau Annemarie, der in der vorliegenden Studie ebenfalls ausführliche Teile gewidmet sind, setzte er sich beruflich und privat für die Mitbestimmung des Volks bei der Planung städtischer Lebensräume ein. Getreu dem Grundsatz, dass jeder so wohnen können sollte, wie es ihm beliebt. Kritisch stand er etwa der sogenannten Wohlfahrt gegenüber, “weil die Wohltäter festlegen, was ein gutes und menschenwürdiges Leben ist.” Dadurch gelangten Leute, die unter dem festgelegten Standard lebten und wohnten, unter psychischen Druck.

Burckhardt war stets bewusst, dass “alles, was Stadtplanung plant, (…) irgendwelchen Leuten Vorteile und anderen Nachteile” bringt. Diese Einsicht reduzierte er auf die prägnante Formel: “Planung ist Leidensverteilung”. Wichtig war ihm und seiner Frau, urbane Räume möglichst “menschengerecht und lebendig” zu gestalten. Sein Gedankengut könnte man dabei als liberal und/oder grün bezeichnen. Max Frisch, selbst auch Architekt, schrieb in “achtung: die Schweiz” (1954), einer Schrift, die aus einem Gespräch zwischen Burckhardt, Frisch und Markus Kutter entstand, folgenden Satz: “Man ist nicht realistisch, indem man keine Idee hat.”  Hierin spiegelt sich auch Burckhardts Bemühen, die Bürger zu persönlicher Verantwortung hinsichtlich der Planung ihrer Lebensräume aufzurufen. Sich zu zurückzuhalten und abzuwarten war nie das Anliegen von Lucius und Annemarie Burckhardt. Eine Demokratisierung planerischer Prozesse schwebte ihnen vor. Nicht die Verfilzung mächtiger “Player” aus Politik und Wirtschaft sollten den urbanen Raum planen, sondern die darin ansässige Bevölkerung selbst.

Die hier besprochene Studie greift brandaktuelle Paradigmen und konkrete Projekte aus Burckhardts Heimat Basel auf, um zu beleuchten, welche Interessen heute bestimmen, wie Raum genutzt wird, welche Machtgefüge das Sagen haben, wenn es etwa darum geht, die trinationale Nachbarschaft um Basel (CH), Weil am Rhein (DE) und Huningue (FR) – ein kraftvolles Statement für Europa – zu planen. Des Weiteren finden sich spannende Beiträge zum Phänomen Urban Gardening und zum Basler Wagenplatz, einer rechtlich illegalen, von der Stadt aber unter Bedingungen geduldeten Ansammlung von Zirkuswagen, in denen Leute eine alternative Vision des Wohnens leben.

“Raum und Macht. Die Stadt zwischen Vision und Wirklichkeit” ist ein aufwendig gestaltetes Buch mit etlichen Fotografien, Teilabdrucken von Interviews, die Zeitgenossen und Schüler von Lucius Burckhardt den Autoren gegeben haben. Ergänzt wird das Ganze mit einer DVD, die die Aufzeichnungen dieser Interviews beinhaltet. Inhaltlich handelt es sich um eine umfangreiche Studie, die Biographisches und Historisches – etwa die Gedanken anderer Theoretiker wie Henri Lefebvre (“Recht auf Stadt”, 1968) – mit raumplanerischen Gegenwart und Zukunft kombiniert. Es ist ein auch für Nicht-Basler anregendes und auch Nicht-Wissenschaftlern verständliches Werk, das einerseits in die Schatzkiste der Schweizer Geschichte greift, andererseits die Augen öffnet, für urbane Probleme, die nach wie vor  – manche gar mehr denn je – bestehen. Und ganz im Sinne Lucius und Annemarie Burckhardts bleibt letztlich der Wille, aktiv an der Gestaltung des unmittelbaren Wohn- und Lebensraums teilzunehmen.

 

 

Rezension: Dinaw Mengestu – Unsere Namen (Kein & Aber, 2014)

Wie seine Vorgänger ist auch der dritte Roman des äthiopisch-stämmigen US-Amerikaners Dinaw Mengestu eine Exilgeschichte. Angesiedelt im kriegsgebeutelten Uganda und im rassistischen Mittleren Westen der USA in den frühen Siebzigerjahren, lässt der Autor zwei Erzähler ihre ausserordentlichen Liebesgeschichten entfalten. 

Verbindendes Glied beider Geschichten ist ein Mann, der unter dem Namen Isaac mit einem Studentenvisum aus Uganda in die USA einreist. Im ersten Erzählstrang, der sich kapitelweise mit dem zweiten abwechselt, ist dieser Isaac der Ich-Erzähler. Bettelarm ist er über die Grenze aus seiner Heimat Äthiopien nach Uganda geflüchtet, mit dem Ziel, Schriftsteller zu werden. Bald aber gelangt er in ein revolutionär gestimmtes Umfeld. Sein Freund, der echte Isaac, der zunächst harmlose revolutionäre Aktionen im studentischen Milieu durchgeführt hat, verbündet sich bald schon mit dem Warlord Joseph, der mit einer privaten Armee in den Krieg zieht. Der Ich-Erzähler schliesst sich ebenfalls an und muss feststellen:

“Gekommen war ich für die Literatur, doch ich blieb für den Krieg. Der Unterschied war nicht so gross, wie ich geglaubt hätte.”

Die Szenen aus Uganda sind packend, bisweilen von ungeschminkter Brutalität, ergreifend in ihrer Beschreibung der kompromittierten Freundschaft zwischen dem echten Isaac, der sich bald schon zum Oberst hochgearbeitet hat und gnadenlos Leute umbringt, und dem etwas hilflosen Ich-Erzähler. Mengestu hat davon abgesehen, historische Personen in seine Erzählung einzugliedern. Dass es sich um Beschreibungen aus der Zeit der Militärputschs handelt, auf die unmittelbar die achtjährige Schreckensherrschaft Idi Amins folgte, wird mit keinem Wort erwähnt.

mengestu

Titel: Unsere Namen
Original: All Our Names
Autor: Dinaw Mengestu
Übersetzung: Verena Kilchling
Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5702-9
Umfang: 336 S.

Auch im zweiten Erzählstrang fällt der Verzicht auf geschichtliche Daten auf. Angesiedelt in einer kleinen “Collegestadt im Herzen Amerikas” erzählt die Sozialarbeiterin Helen, die ungefähr dreissig Jahre jung ist und noch bei ihrer Mutter wohnt, wie sie den Fall des Afrikaners Isaac Mabira zugeteilt bekommt. Die Akte verrät nichts ausser seinem Namen und dass er mit einem Studentenvisum für ein Jahr in den USA bleiben darf. Helen soll ihm dabei behilflich sein, sich zurechtzufinden, und verliebt sich dabei in den Afrikaner. Es entspinnt sich eine Liebesaffäre, die Helen in pathetischer, kitschnaher Art und Weise erzählt. Das ist einerseits zermürbend, andererseits auch authentisch: Von der Frau, die mit dreissig noch bei ihrer Mutter wohnt, erwartet man nachgerade eine gewisse pathetische Ader.

Spannend ist die Ausgangssituation in den USA der Zeit, die ebenfalls nur vage angedeutet wird. Die beiden Liebenden bewegen sich in einer unsicheren, rassistischen Gesellschaft des amerikanischen Heartland, die sich noch nicht in einem Post-Segregations-Zeitalter eingefunden hat und zudem unter den Schrecknissen des Vietnamkriegs leidet. Da kann bereits das blosse Auftauchen der weissen Helen mit dem schwarzen Isaac in einem Restaurant zu einem spannungsgeladenen, gefährlichen Ereignis werden.

Mengestu gelingt es mit der Gegenüberstellung der beiden Geschichten, die abschliessend beide primär als Liebesgeschichten verstanden werden können, wichtige Aspekte der Differenzen zwischen afrikanischer und amerikanischer Kultur auszuleuchten. Im Zentrum der Uganda-Geschichte steht etwa die Frage, wie viele Rückschläge und Täuschungen eine Liebe ertragen kann, ohne ihre Kraft einzubüssen. In der amerikanischen Geschichte dagegen nähern sich viele Szenen der Frage danach an, wie viel man von einem Menschen wissen muss, um ihn lieben zu können. Muss Helen Isaacs Vergangenheit kennen, um mit ihm zusammen sein zu können? Oder reicht es seine Geburtsstunde auf den Moment zu verschieben, in dem er in ihr Leben trat?

Dinaw Mengestu, 1978 in Äthiopien geboren und bereits 1980 mit seiner Mutter und seiner Schwester in die USA emigriert, erarbeitet sich seine Geschichten mit der Souveränität eines erfahrenen Autors. Seine Sprache ist stets beherrscht, verliert nie die Kontrolle über das Geschehen. Der junge Autor, der gerne einer neuen Weltliteratur zugerechnet wird und schon vielfach ausgezeichnet wurde, legt mit seinem dritten Roman – dem ersten, der auf deutsch bei Kein & Aber erscheint, während die Vorgänger bei Ullstein erhältlich sind  –  ein spannendes Werk vor, das ich keinesfalls mit ‘Weltliteratur’ überschreiben würde, das aber absolut lesenswert ist und sich den Konflikten zweier unterschiedlicher Kulturen auf erzählerisch und inhaltlich fordernde Weise nähert.

Rezension: Meg Wolitzer – Die Interessanten (DuMont, 2014 [2013])

Vierzig Jahre, sechs Lebensgeschichten: In ihrem weit ausholenden Roman “Die Interessanten” versucht die US-amerikanische Schriftstellerin Meg Wolitzer nichts anderes, als das Portrait einer ganzen Generation zu entwerfen. Von 1974 bis 2014 begleitet sie die sechs Protagonisten, die sich als Jugendliche in einem Sommercamp kennenlernen und glauben, die Welt verändern zu können…

cover

Titel: Die Interessanten
Original: The Interestings
Autorin: Meg Wolitzer
Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence
Verlag: DuMont
ISBN: 978-3-8321-9745-2
Umfang: 608 S., gebunden m. Schutzumschlag

Die Geschichte beginnt 1974 in einem Sommercamp namens “Spirit of the Woods”, das auf den Werten der Hippies gründet und die künstlerische Freiheit der Teilnehmer zu fördern versucht. Julie – im Camp als “Jules” neu geboren – Jacobson, eine Aussenseiterin aus Vermont, wird aufgrund ihres bitterbösen Humors in eine Gruppe von fünf aus guten Verhältnissen stammenden New Yorker Jugendlichen aufgenommen, die sich selbst “Die Interessanten” nennen.

Der Gruppe gehören an: Cathy Kiplinger, eine frühreife junge Frau mit dem Wunsch, Tänzerin zu werden, Jonah Bay, der bildhübsche Sohn einer bekannten Joni-Mitchell-artigen Folksängerin, Ethan Figman, der hässliche, aber liebenswerte und vor allem geniale Zeichner, der später dank einer Zeichentrick-TV-Serie zum Superstar wird. Im Zentrum aber steht das Geschwisterpaar Ash und Goodman Wolf: sie eine zierliche, wunderschöne Frau mit bescheidenem künstlerischem Talent, er ein betont maskuliner, dominanter Junge, der manch einem Mädchen den Kopf verdreht. Die beiden sind hübsch, klug und entstammen einem schwerreichen Elternhaus, dessen Geld alle Türen zu öffnen scheint.

All diesen Figuren, so selbstsicher sie zu Beginn auch scheinen mögen, sind ihre grossen Konflikte schon von Kindesalter an eingeschrieben. Sprunghaft, immer wieder mehrere Jahre auslassend, erzählt Wolitzer auf mehr als 600 Seiten, wie sich die Lebenswege der sechs Interessanten in den vierzig Jahren nach Spirit in the Woods entwickeln. Manche trennen sich, manche kommen sporadisch wieder zusammen, manche gehen nie auseinander. Vor dem Hintergrund der bewegten amerikanischen (und New Yorker) Geschichte dieser vier Dekaden – Nixon, AIDS, 11. September, um nur einige Fixpunkte zu nennen – entwickelt Wolitzer dieses Generationenportrait, das sich mit vielen schwerwiegenden menschlichen Fragen auf subtile Art und Weise befasst. So werden die “Interessanten” im Laufe der Jahre etwa mit Themen wie Vergewaltigung, Depression, Homosexualität, Armut und Reichtum, Autismus und dem Tod konfrontiert. Und natürlich geht es um Freundschaft. Und um Liebe, in all ihren Spielarten: lebenslange, kurzfristige, missbräuchliche, väterliche, mütterliche, hingebungsvolle, nachlässige, erkaltete und glühende, erwiderte und unerwiderte Liebe.

Die grösste Stärke des Buchs sind eindeutig die authentischen Charaktere, die sich mehrheitlich in präzisen Dialogen offenbaren. Während der allgemeine sprachliche Duktus bisweilen nüchtern, blass, einfallslos wirkt, erwecken die Dialoge die Figuren mit ihren spezifischen Handlungsmustern, Konflikten, Vorlieben und Abgründen zum Leben, so dass  sehr lebhafte Vorstellungen dieser Charaktere und ihrer Beziehungen untereinander entstehen. Diesem Umstand ist es auch zu verdanken, dass das Buch selbst an den Stellen, wo minutiös banale Vorgänge des Alltags beschrieben werden, einen gewissen Unterhaltungswert besitzt. Die Wirkung ist mit derjenigen einer Fernsehserie zu vergleichen, deren Charaktere regelmässigen Betrachtern vertraut sind, als wären es ihre eigenen Freunde. Und eine Fernsehserie steht letztlich auch im Zentrum von “Die Interessanten”: Ethan Figmans Figland, eine Simpsons-artige Zeichentrick-Reihe, imitiert das Leben so gut, dass man bisweilen glaubt die Welt selbst sei ein Zeichentrickfilm. Und letztlich – diese Einsicht sei hier schon preisgegeben -, während die Menschen den Versuch abgebrochen haben, interessant zu wirken, ist es ein gezeichneter Bilderkreislauf, der “trotz allem, was man mittlerweile wusste, immer noch interessant war.”

Meg Wolitzer legt mit “Die Interessanten” ein Werk vor, das iinhaltlich wie sprachlich n der Traditionslinie solch umfangreicher, ausschweifender Familiensagas wie etwa Jonathan Franzens “The Corrections”  (2001) steht, dabei aber eine Gruppe freiwillig und nicht durch Blut aneinander gebundene Figuren präsentiert. Es lässt sich mit gutem Recht behaupten, dass “Die Interessanten” einer Mischung aus jenen Familiensagas und den Freundschaftsmanifesten ist, wie sie in amerikanischen TV-Sitcoms erzählt werden. 

 

Rezension: Arnon Grünberg – Der Mann, der nie krank war (KiWi, 2014)

Grünberg macht den Kafka: In seinem neuen Roman “Der Mann, der nie krank war” – seinem ersten, der auf deutsch bei Kiepenheuer & Witsch erscheint – lässt er den ambitionierten Schweizer Architekten Samarendra Ambani Satz für Satz die Kontrolle über sein Leben verlieren. Ein schwer verdaulicher Roman über Erniedrigung, Liebe und das Aufeinanderprallen europäischer und arabischer Kulturen.

grunberg

Titel: Der Mann, der nie krank war
Original: De man zonder ziekte
Autor: Arnon Grünberg
Übersetzung: Rainer Kersten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04660-1
Umfang: 240 S. gebunden m. Schutzumschlag

Der niederländische Autor Arnon Grünberg ist weit gereist. Unlängst versammelte er im Sammelband “Couchsurfen und andere Schlachten”  die auf diesen Reisen gesammelten Eindrücke, unter anderem etwa aus einem Armeecamp in Afghanistan. Und in ein nahöstliches Kriegsgebiet geht denn auch die erste Reise des Samarendra Ambani, von Freunden Sam genannt, dem Protagonisten des neuen Romans, dem Mann, der nie krank war.

Sam ist ein junger, ambitionierter, doch sehr selbstgefälliger Architekt. Gemeinsam mit seiner Mutter pflegt er seine schwerkranke Schwester Aida, die er vorgibt über alles zu lieben. Mehr noch als seine Freundin Nina, die er eher nach rationalen Kriterien als perfekte Frau für sich betrachtet. Eine dubiose Organisation namens World Wide Design Consortium hat Sam als Finalisten eines Wettbewerbs nach Bagdad eingeladen: Es geht um den Bau einer neuen Oper für die kriegsgebeutelte Stadt. Sams Firmenpartner Dave will sich an dem Projekt nicht beteiligen, er hält es für zu riskant. Sam aber will den Auftrag um jeden Preis: der scheinbare Idealismus des Auftraggebers hat ihn überzeugt. Er ist so besessen davon, dass es ihm als Architekt obliegt, die Welt zu verbessern, dass er annimmt und hinfliegt.

Eine turbulente Reise, die ihn nach Bagdad,  zurück in die Schweiz und letztlich nach Dubai führt, nimmt ihren Lauf. Sam A. fungiert als eine Art Josef K. fürs 21. Jahrhundert: stets glaubt er sich im Recht, ist sich seiner Unschuld bewusst, während ihn Beschützer, Polizisten, Folterer, Diplomaten und  Richter vom Gegenteil zu überzeugen versuchen. Grünberg zieht seinem Protagonisten gnadenlos den Boden unter den Füssen weg: seien es irakische Folterknechte, amerikanische Geheimagenten, asiatische Geschäftspartner oder Schweizer Studentinnen, Sam verliert Satz für Satz die Kontrolle über sein Leben an andere, ihm kaum bekannte Menschen. Wie bei Kafka ist es zu einem grossen Teil die Ungewissheit, die den Schrecken der Geschichte ausmacht: Niemand bemüht sich um Erklärungen, für die Richter und Henker steht das Urteil fest, bevor es überhaupt zu einem Prozess kommen kann. Die vollkommene Gesundheit Sams, der sein Leben lang nie krank war, wird zur Farce im Angesicht der Torturen, die ihm widerfahren. Und letztlich einfach zu einem weiteren Punkt, der gegen ihn zu sprechen scheint…

Grünberg ist ein Autor, der das Drastische, das eine solche Geschichte erfordert, nicht scheut. Wer Mühe hat mit Fäkalien, Urin, ekelerregenden Sexualpraktiken oder Gewalt, sollte entweder die Finger von dem Buch lassen oder bestimmte Stellen einfach überlesen. Glücklicherweise aber setzt der Autor die genannten Dinge niemals aus purer Effekthascherei ein, sondern um gezielt die grossen Themenkreise dieses Romans zu demonstrieren: Es geht um Erniedrigung, um Kontrollverlust, um Trauma, um das Aufeinanderprallen europäischer und arabischer Kulturen, die zu viele Missverständnisse durchlebt haben, um sich ohne Weiteres freundlich gesinnt zu sein.  Eine der Stärken dieses  Romans ist die Nüchternheit des Stils, die Grünberg zu jeder Zeit beibehält: sei es ein romantischer Spaziergang durch Rom oder eine gewalttätige Szene in einem irakischen Folterkeller, der Autor ist stets neutraler Beobachter. Er beschreibt in klaren, unkomplizierten Sätzen, was passiert, und das macht das Erlebnis noch packender, noch intensiver.

“Er sucht sich eine Haltung zum Schlafen, was jedoch nicht so einfach ist. Einerseits, weil der Boden kalt, hart und glatt ist, andererseits, weil ihm die Hände noch immer auf den Rücken gebunden sind. Er kann sich aufs Handtuch legen, doch viel bringt das nicht.
Zu guter Letzt wählt er wieder die Haltung des verunstalteten Igels.
Er leckt den Reis auf, und um sich selbst ein bisschen zu unterhalten, versucht er die Erbsen, die nicht zertreten sind, mit der Zunge über den Boden zu schiessen.”

Ein Buch, das tonnenschwer auf dem Magen liegt – und genau deshalb als Meisterstück bezeichnet werden kann.

Rezension: Steve Tesich – Ein letzter Sommer (Kein & Aber, 2014 [1982])

Der einzige zu Lebzeiten veröffentlichte Roman des serbischstämmigen Amerikaners Steve Tesich (1942-1996) liegt neu in einer deutschen Taschenbuchausgabe bei Kein & Aber vor. Die Geschichte von Daniel Price, seinen Freunden, seiner ersten Liebe, seinem sterbenden Vater und seiner abergläubischen Mutter ist ein Coming-of-Age-Roman, wie er in der amerikanischen Literatur bislang womöglich nicht übertroffen wurde (nein, auch von Dir nicht, J.D. Salinger!)

Autor Steve Tesich ist kam 1957 mit vierzehn Jahren aus Serbien in die USA, wo er in East Chicago, Indiana, dem Ort, an dem auch “Ein letzter Sommer” spielt, ein Zuhause fand. Er studierte Russische Literatur an der Columbia und begann, nach erfolgreichem Abschluss, Theaterstücke und Drehbücher zu schreiben. Für sein erstes Hollywood-Drehbuch “Breaking Away” (“Vier irre Typen”, 1979) erhielt er einen Oscar. Mit “The World According To Garp” (1982, mit Robin Williams) und “American Flyers” (1985, mit Kevin Costner) steuerte er zu weiteren prominenten Produktionen seine Drehbücher bei. 1996 verstarb Tesich, 53jährig, an einem Herzinfarkt. Als Drehbuch- und Theaterautor ist sein Nachruhm wesentlich grösser, als als Schriftsteller. Zwei Romane hat er geschrieben: “Karoo” (“Abspann”, posthum veröffentlicht 1998) und der hier vorliegende “Summer Crossing” (“Ein letzter Sommer”, 1982).

Es gilt, einen begnadeten Präparator menschlicher Gefühlswelten zu entdecken, der die Tragik und die Komik unserer Existenz in einer berührenden Geschichte gebannt hat.

“Ein letzter Sommer” spielt in der Industriestadt East Chicago im Jahre 1960. Die drei achtzehnjährigen Freunde Daniel Price (der Ich-Erzähler), Larry Misiora und Billy ‘Freud’ Freund haben gerade die Highschool abgeschlossen und stehen vor einem letzten Sommer – bevor sie ihrem Leben eine Richtung geben sollen. Sie sind “ängstlich und unentschlossen”. Alle sind sie mit Problemen im Elternhaus konfrontiert: der rebellische, steineschmeissende Larry verachtet seine Eltern für ihr Spiessbürgertum; Freud wirft seiner Mutter vor, das Andenken an den verstorbenen Vater nicht zu ehren; und Daniel schliesslich steht Tag für Tag im Kreuzfeuer, wenn seine schöne jugoslawische Mutter und sein verbitterter, kranker Vater ihre Streitigkeiten austragen.

Alles ändert sich für Daniel, als er Rachel kennenlernt: er verliebt sich Hals über Kopf in das mysteriöse Mädchen, das mit seinem Vater David neu in die Stadt gezogen ist. Rachel und Daniel kommen zusammen, versichern sich ihre Liebe, reden sich ein, dass das Schicksal sie zueinander geführt hat. Doch während Daniel mit jenem schweren, Teenager eigenen Ernst liebt und geliebt werden will, scheint Rachel immer dann, wenn es darauf ankäme, etwas wegzuziehen von Daniel…

Daniel Price geht durch East Chicago: mit Freud und Misiora, deren Wege sich nach einer Schlägerei, die sie alle drei Seite an Seite mitmachten, trennen; mit seinem sterbenden Vater, den er im Rollstuhl umherschieben muss; mit Rachel, mit der er eigentlich ganz anderes machen wollte; alleine. Bis er jeden Winkel des Ortes gesehen hat, bis es keine Leerstellen mehr gibt und ihm nur noch eines übrigbleibt…

Tesich schreibt mit Feinfühligkeit und der angemessenen Mischung aus grossartiger Komik und herzzerreissender Tragik, die eine solche Coming-of-Age-Geschichte erfordert. Seine Sprache ist klug und bilderreich,  gespickt mit präzisen Dialogen, die Qualen des jungen Liebenden sind glaubhaft und nur dann pathetisch oder kitschig, wenn sie es auch sein müssen (Denn kein verliebter Teenager käme wohl ganz ohne diese beiden Eigenschaften aus.) Die Wechselbäder der Gefühlswelten – unerwartete Sprünge von überbordendem Selbstvertrauen zu unterwürfiger Ratlosigkeit etwa – durchmisst Tesich sprachlich und stilistisch meisterlich.

“Ein letzter Sommer” ist die Geschichte dreier Freunde auf dem Weg in die weite Welt hinaus, die Geschichte davon, wie sich Wege, die man an einem Tag als Parallelen bis in alle Ewigkeit gesehen hatte, am nächsten schon in vollkommen unterschiedliche Himmelsrichtungen abgehen können.  “Ein letzter Sommer” ist die Geschichte einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung, die Geschichte eines Befreiungskampfs aus der Klammer väterlicher Psychotyrannei. Und schliesslich ist “Ein letzter Sommer” die Geschichte von der Entdeckung der Liebe mit all ihren himmelhochjauchzenden Höhen und ihren todessehnsüchtigen Tiefen.

Kurzum: Ob Sommer, Herbst, Winter oder Frühling – “Ein letzter Sommer” ist ein grandioses Buch für alle Jahreszeiten. Ein echtes Lesevergnügen, dem es weder an Humor noch an Spannung noch an Tragik fehlt. 

Rezension: Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe (Diogenes, 2014)

Bernhard Schlinks neuer Roman “Die Frau auf der Treppe” ist schlankes Werk, das sich mit Fragen nach dem richtigen und falschen Leben, nach Reue, Niederlage und Jugend befasst. In seinen schwächsten Momenten wirkt es altersmüde, in seinen besten Momenten regt es die Gedankenwelt so an, dass man sich selbst zu fragen beginnt: Lebe ich richtig? 

schlink

Titel: Die Frau auf der Treppe
Autor: Bernhard Schlink
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-06909-9
Umfang: 256 S., Taschenbuch

Der Ich-Erzähler der Geschichte, ein Frankfurter Anwalt, Seniorpartner seiner Firma, wohl zwischen seinem 60. und 70. Lebensjahr stehend, befindet sich geschäftlich in Sydney und entdeckt in der Art Gallery ein Bild, das ihm nur allzu gut bekannt ist: Es zeigt eine nackte Frau, die die Treppe hinuntersteigt. Jahrzehntelang hat er es für verschollen gehalten, sein Anblick trägt in zurück ins Jahr 1968, zu seinem ersten juristischen Fall, zu seiner grossen Liebe: Irene.

Irene ist die Frau, die auf dem Bild nackt die Treppe hinabsteigt. 1968 kam sie mit Karl Schwind, dem Maler, zum jungen Anwalt. Ein Streit war um das Bild entbrannt. Irenes Ehemann, der stinkreiche Gundlach, hatte es von Schwind anfertigen lassen und zürnte diesem nun, weil er mit Irene durchgebrannt war… Im Laufe des von kleinen Boshaftigkeiten geprägten Falles verliebte sich der Ich-Erzähler in Irene und wollte seinerseits mit ihr durchbrennen. Sie jedoch schnappte sich das Bild und verschwand.

Jahrzehnte später nun  sieht er  also das Bild wieder. Er ist inzwischen Witwer, Vater dreier Kinder, pingeliger, rastloser Arbeiter, der mit Gefühlen kaum klarkommt. Er beschliesst, Irene in Australien zu suchen. Er findet sie, in einem einsamen abgelegenen Haus. Todkrank. Eine zweiwöchige Odyssee durch Gegenwart, tatsächlich gelebte und mögliche Vergangenheiten beginnt. Im Laufe der Tage machen auch Gundlach und Schwind noch einmal ihre Aufwartung–

Der Erzähler macht sich im Laufe dieser Zeit viele Gedanken. Über das Alter, die Reue, die Niederlage, das Was-wäre-gewesen-wenn. Er sagt: “Ich klage nicht darüber, dass ich alt bin”, was ihn aber beschäftigt, sind all die Ungewissheiten, die grossen Fragezeichen überall.

“Wenn ich jetzt auf die Vergangenheit zurückschaue, weiss ich nicht, was Last und Geschenk war, ob der Erfolg den Preis wet war und was sich in meinen Begegnungen mit Frauen erfüllt und was sich mir versagt hat.”

Nach der Wiederbegegnung mit dem Bild weiss er plötzlich nicht mehr, was er aus seinem eigenen vergangenen Leben machen soll. Er ist, genau wie seine Antipoden Gundlach und Schwind, eingenommen von den lange zurückliegenden Ereignissen, kann sie nicht loslassen, wird durch das Auftauchen des Bildes angestachelt und schwelgt in einer Art selbstmitleidiger, negativer Nostalgie.

“Die frühen grossen Niederlagen lenken unser Leben in eine neue Richtung. Die frühen kleinen verändern uns nicht, aber begleiten und quälen uns, stets kleine Stachel im Fleisch.”

 

Wie Gérard von Pop-Polit in seiner sehr treffenden Rezension des Buches erwähnt, leidet “Die Frau auf der Treppe” bisweilen wahrlich unter den fehlenden Sympathien, die die Protagonisten zu erwecken vermögen. Irene ist die einzige halbwegs sympathische Figur, während Gundlach, Schwind und der Erzähler sich oft wie besessene, verbissene Sturköppe ohne Empathie geben. Nichtsdestotrotz vermögen einige der Fragen, die der Erzähler aufwirft das eigene Nachdenken über die richtigen und falschen Entscheidungen im Leben, den Umgang mit Niederlagen und de Vergangenheit anzuregen.

Sprachlich bleibt Schlink  auch mit mittlerweile siebzig Jahren seiner stilistischen Knappheit treu. Was etwa in seinem bekanntesten Werk “Der Vorleser” jedoch immer prägnant, auf den Punkt gebracht wirkte, erscheint in diesem – können wir es so nennen? – Alterswerk auch schonmal ziemlich spröde, eben zu knapp.

Alles in allem liefert der Autor mit “Die Frau auf der Treppe” einen gut komponierten, klaren Roman ab, der aber keinesfalls als Glanzleistung bezeichnet werden kann.

“Das Kapital bin ich” : Zu einem Essay von Hannes Grassegger (Kein & Aber, 2014)

In der spannenden Reihe Intelligent Leben von Kein & Aber erschien vor kurzem Hannes Grasseggers Essay “Das Kapital bin ich. Schluss mit der Digitalen Leibeigenschaft!”. Sechzig Seiten Polemik, zehn Seiten Zukunftsmusik und eine schwergewichtige Mittelalter-Metapher vereint der Ökonom zu einem Manifest gegen den Datenmissbrauch der quasi-monopolistischen Riesen Google, Facebook & Co. Etwas reisserisch, aber informativ und anregend. 

grassegger

Titel: Das Kapital bin ich
Autor: Hannes Grassegger
Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5698-5
Umfang: broschiert, 80 Seiten

 

Zentrales Anliegen des Textes ist es einerseits, darauf aufmerksam zu machen, dass uns die Kontrolle über persönliche Daten längst entglitten ist, andererseits uns aufzufordern, diese Kontrolle zurückzugewinnen, ja sogar Geld damit zu machen.

Die Verlockungen des Netzes sind gross, sie versprechen schnelles Auffinden, Organisieren, Verwahren von Daten, einfache Pflege von Beziehungen, usw. Und vor allem: sie sind kostenlos. Facebook, Google, Twitter, LinkedIn, Youtube – keine dieser grossen Dienstleistungen verlangt Geld von ihren Benutzern. Grund genug, misstrauisch zu sein. Grassegger kommentiert sarkastisch:

 

 

“Seien wir ehrlich: Es ist eine neue Welt. So viel geschenkt bekamen wir noch nie. Und noch dazu von Fremden. Glauben Sie an den Nikolaus?”

Natürlich ist da ein Preis, den wir, wenn auch grossteils unbemerkt, bezahlen müssen. Grassegger nennt das die Digitale Leibeigenschaft. Wie es im Mittelalter als gegeben hingenommen wurde, dass Land einem Grundherrn gehört, wird heute etwa unhinterfragt akzeptiert, “dass Facebook die Plattform besitzt, auf der alle unsere Gedanken, Gefühle und Freundeskreise versammelt sind”. An die Stelle säbelbewehrter Ritter, die Territorien bewachen, sind heute die ominösen AGBs getreten, deren Ablehnung einem jegliche digitalen Zutritte verwehrt. Das müsse (und werde) sich ändern.

Auf sechzig Seiten beschreibt Grassegger in seinem Essay durchaus polemisch und bisweilen sehr dramatisierend, aber stets kenntnisreich und leicht verständlich Geschäftsmodelle, Strategien und Machenschaften insbesondere der Internet-Giganten Facebook und Google.  Das reicht von ökonomischen Darlegungen, etwa welche Intentionen die Giganten beim Kauf von noch vollkommen unprofitablen Unternehmen zu riesigen Summen (WhatsApp, Oculus) hegen, bis hin geradezu verschwörungstheoretischen Passagen, etwa zu Googles umstrittenem DNA-Service 23andMe oder im Vergleich der Firmen mit den Geheimdiensten.

Und immer dräut im Hintergrund diese These des Verlusts: “Wir gehören uns nicht mehr.”

Was also tun? Wie können wir uns selbst zurückgewinnen? Die Lösung sieht der Autor, wie er auf den letzten zehn Seiten beschreibt, in einer Zurückhaltung und Verschlüsselung unserer Informationen. Gegen Geld könnte man dann einer interessierten Firma den Schlüssel zur Verfügung stellen. Die Technologien für diese Idee stünden angeblich bereit. Grassegger glaubt, dass schon in wenigen Jahren, niemand mehr wird glauben können, dass wir unsere Daten so leichtfertig verschenkt haben. Er wirbt jetzt schon für das Gegenteil und hält heuchlerischen Aussagen der Internetriesen ein selbstschützendes Don’t share entgegen.  Weil wir anerkennen müssen, dass die heutige Welt  unwiderlegbar “aus Bits und Atomen” bestehe, bringe die Proklamation eines Rückzugs in die Analogie rein gar nichts; vielmehr gelte es, das riesige Kapital, das in uns selbst – in den Daten, die wir preisgeben – steckt, erkennen, kennen  und letztlich kontrollieren zu lernen.

Egal, ob man der gegebenen Situation wie Grassegger mit glühender Skepsis begegnet oder unbekümmerter damit umgeht: “Das Kapital bin ich” ist ein anregender, informativer Essay, der ein bestimmendes Paradigma unseres Alltags aufgreift und kritisch beleuchtet.
Es wird sich in den kommenden Jahren zeigen, inwiefern der Trend tatsächlich in Richtung Verschlüsselung und totale Kontrolle über eigene Daten geht. Erste Personal Data Stores, die für User mit deren Daten handeln, gibt es bereits. Auch in diesem Modell geht es nicht ohne Zwischenhändler, es bleibt lediglich zu hoffen, dass diese nicht, wie Grassegger es Facebook & Co. vorwirft, auch “Seelenhändler” sind.


Weiterführend:

NZZ-Artikel von Hannes Grassegger zu verwandtem Thema: “Das Ende des Internets”

NZZ-Interview mit dem Autor über “Das Kapital bin ich”

Unsere Rezension zu einem anderen Bändchen aus der Reihe “Intelligent leben”

Rezension: Stefanie Kremser – Der Tag, an dem ich fliegen lernte (KiWi, 2014)

In ihrem dritten Roman “Der Tag, an dem ich fliegen lernte” webt die in Brasilien aufgewachsene deutsche Autorin Stefanie Kremser (*1967) die Geschichten des mutterlosen Mädchens Luisa und des von einem Ozean getrennten Dorfes Hinterdingen zu einem fesselnden Erzählteppich, der interessante Perspektiven auf die Themen Migration, Familie und Identität wirft.

kremser

Titel: Der Tag, an dem ich fliegen lernte
Autorin: Stefanie Kremser
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04705-9
Umfang: 304 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Luisa, die Ich-Erzählerin, die retrospektiv Ereignisse ihrer Kindheit nacherzählt und -empfindet, wird am 7.9.1994 in München geboren. Nur Minuten nach der Geburt lässt ihre Mutter, die brasilianische Doktorandin Aza, sie vom Balkon des Krankenhauses fallen und verschwindet spurlos. Der Brite Fergus, der die Szene zufällig beobachtet, fängt das Neugeborene und wird zum Lebensretter. Luisas Vater Paul, fünf Jahre jünger als Aza und selbst noch Student, nimmt sowohl seine Tochter wie auch deren Schutzengel mit in seine Wohngemeinschaft, wo sie mit dem Comiczeichner Max und der verschwiegenen und verschwörerischen Irene ein chaotisches WG-Leben führen.

In diesem ärmlichen, ungeordneten und selten jugendfreien, dafür aber umso herzlicheren Umfeld wächst Luisa auf, nicht wissend, was ihre Mutter, die vermutlich wieder in ihre Heimat zurückgekehrt ist, ihr angetan hat.  Mit den Jahren aber drängen sich ihr immer mehr Fragen auf, die nach Antworten verlangen.

 

“(…) ich lernte, dass Liebe, ganz wie der Sinn des Lebens, ein ebenso ernstes und schmerzvolles Thema war wie Verlassenheit, ja, dass man lieben konnte, obwohl man verlassen worden war – und verlassen konnte, obwohl man liebte.”

Die Gewissheit, verlassen worden zu sein, und die Schlüsse, die Luisa daraus zieht, reichen nicht aus, um die Ungewissheiten zu vertreiben. Weshalb hat Aza sie bei der Geburt nicht nur verlassen, sondern vielleicht gar töten wollen? Und wo ist die unerreichbare Mutter?

Im bayrischen Dorf Hinterdingen, dem Aza Besuche abgestattet hatte, nehmen Vater und Tochter die Spurensuche auf. Im Gespräch mit den Dorfbewohnern, insbesondere der alten Anna Stangassinger, die einer der zwei dominanten Familien des Dorfes angehört, erfahren sie eine weitverzweigte amerikanisch-europäische Geschichte, die im Jahre 1893 ihren Lauf nahm. Dreiundsiebzig Hinterdingener liessen alles zurück und zogen aus, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Ein Teil von ihnen erreichte letztlich, am Ende einer dramatischen Odyssee, den brasilianischen Dschungel und erbaute dort die Ortschaft Atrás das Coisas (portugiesisch für Hinter den Dingen), eine Kopie der bayrischen Heimatgemeinde. In diesem Dorf wurde Aza geboren: sie ist eine Nachfahrin der Auswanderer, die sich inzwischen mit der indigenen Bevölkerung vermischt haben.

Mit all den Hinterdingener Geschichten, einer Adresse und der Aussicht auf ein neues Leben im Gepäck reisen Paul und Luisa nach Sao Paulo, wo ihre ganz eigene Odyssee beginnt…

**

Nachdem sie zuletzt einen Kriminalroman (“Die toten Gassen von Barcelona”, 2011) und mehrere Arbeiten für den Münchener Tatort gemacht hat, kehrt Stefanie Kremser mit ihrem dritten Roman zum Grundthema des Debüts (“Postkarte aus Copacabana”, 2000) zurück: “Der Tag, an dem ich fliegen lernte” ist eine Geschichte zwischen europäischer und südamerikanischer Kultur, eine Geschichte über Migration, Wünsche, Möglichkeiten und Perspektiven des Aussteigens – mitten hinein in ein neues Leben. Der Idee für das brasilianische Hinterdingen liegt die Geschichte des peruanischen Dorfes Pozuzo zugrunde, das 1859 von Rheinländern, Tirolern und Bayern gegründet wurde: eine Insel der deutschen Sprache im Herzen Südamerikas.

Stefanie Kremser sagt, die Geschichte speise sich durchaus auch aus persönlichen Erinnerungen, sei aber “keineswegs eine autobiografische Geschichte”. Auf jeden Fall aber weiss sie, wovon sie spricht: Tochter einer deutschen Mutter und eines bolivianischen Vaters, zog sie im Alter von sieben Jahren von Deutschland nach Brasilien. Mit 20 kehrte sie (vorerst) zurück, um zu studieren. Heute lebt sie in Barcelona und Frankfurt. Es mögen auch diese persönlichen Erfahrungen mit der Migration sein, die “Der Tag, an dem ich fliegen lernte” so authentisch wirken lassen.

Des Weiteren wirft das Buch spannende Streiflichter auf eine unkonventionelle Familiensituation, bei der sich die Rollen von Mutter und Vater, wie sie generell definiert werden, bisweilen  gänzlich aufzulösen scheinen. Ausserordentlich ist hier die Figur Luisa, die der entsetzlichen Tat ihrer Mutter mit mehr Neugierde denn Wut begegnet. Mit erstaunlicher Gelassenheit empfindet sie, rückblickend erzählend, den Wurf vom Balkon nicht als Verbrechen, sondern als Befreiung. Ihrem persönlichen Glück stand ,trotz einer Menge ungünstiger Vorzeichen, nichts im Wege.

Rezension: Mia Couto – Das Geständnis der Löwin (Unionsverlag 2014 [2012])

“Das Geständnis der Löwin”, der bislang letzte Roman des mosambikanischen Autors Mia Couto (*1955), führt den Leser ins Dorf Kulumani, das von menschenfressenden Löwen terrorisiert wird. Dabei sind die hungrigen Raubkatzen kaum der grösste Schrecken, der das Dorf peinigt. Düstere Geheimnisse und Gelüste brodeln unter der bröckelnden Oberfläche…

couto

Titel: Das Geständnis der Löwin
Original: A Confissão da Leoa (2012)
Autor: Mia Couto
Übersetzung: Karin von Schweder-Schreiner
Verlag: Unionsverlag
ISBN: 3-293-00476-8
Umfang: 280 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Aus zwei Perspektiven wird die Geschichte des Dorfes Kulumani mit all seinen von Generation zu Generation weitergegebenen “Illusionen und Gewissheiten” erzählt: Kapitel stehen abwechslungsweise unter der Überschrift ‘Mariamars Version’ respektive ‘Tagebuch des Jägers’.

Mariamar ist ein Mädchen aus Kulumani, deren Schwester soeben von einem der Löwen getötet wurde. Ihre Mutter Hanifa Assulua, die früher schon Töchter verloren hatte, ist voll von stummen, unter dem Mantel des Gehorsams verborgenen Rachegelüsten. Deren Ziel ist unter anderem ihr Mann Genito Mpepe, ein gewalttätiger alkoholabhängiger Vergewaltiger, Inbegriff der patriarchalen, von teils brutalen Traditionen geprägten Gesellschaft Kulumanis. Inmitten dieser Gewalt führt Mariamar ihr Dasein, gebeutelt von unerklärlichen Krankheiten, gestärkt von der Kraft der Worte, die sie in Form eines Tagebuchs anwendet, und einer unausweichlichen Gewissheit: “Nur kleine Anfälle von Verrücktheit können uns vor der grossen Verrücktheit bewahren.”

Der Jäger auf der anderen Seite, mit Namen Arcanjo Baleiro, kommt aus der Stadt und wird gemeinsam mit dem Schriftsteller Gustavo Regalo geschickt, die Löwen zu erlegen.  Grosses Misstrauen brandet den Ankömmlingen entgegen. Manche im Dorf glauben nicht, dass Baleiro die Löwen erlegen kann, während manche nicht einmal glauben, dass es die Löwen gibt… Der Jäger, seinerseits im steten Kampf mit seiner Kunst, einer unerwiderten Liebe und traumatischen Erinnerungen, hält ebenfalls in einem Tagebuch fest, was ihm im Dorf widerfährt. In einem Dorf, in dem er vor langer Zeit schon einmal war, sich aber kaum an den Aufenthalt erinnern kann – ganz im Gegensatz zu Mariamar, der er damals begegnet ist, und die ihn nie vergessen hat…

So pendelt “Das Geständnis der Löwin” zwischen Liebesgeschichte, sozio-politischem Dorfthriller und mystischer Sagenwelt. Wie in den meisten seiner Werke gelingt es Mia Couto auch in diesem Roman ausgezeichnet, die Tatsachen der afrikanischen Welt dem nicht-afrikanischen Lesepublikum zu öffnen. Es ist eine Welt, in der  die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit oftmals unkenntlich werden, eine Welt, in der Löwinnen Menschen “respektvoll wie eine Schwester” grüssen, und vor allem eine Welt, in der Lebende und Tote nebeneinander existieren. Wobei das Wort der Toten mehr Gewicht hat, als das mancher Lebenden. Mariamars Grossvater Adjiru sagt:

“Was ich glaube, spielt keine Rolle. Was die Toten glauben, darauf kommt es an.”

Und Arcanjos seit langer Zeit in einem Heim lebender, der Realität scheinbar entrückter Bruder Rolando behauptet:

“Der Tote bleibt anwesend, die ganze Vergangenheit gehört ihm. Die einzige Möglichkeit, nicht mehr da zu sein, ist der Wahnsinn. Nur der Wahnsinnige wird abwesend.”

 

In diese Welt, wo dem Wort der Toten grösste Bedeutung beigemessen wird, eine lebende Frau aber ein Niemand ist, dringen die Löwen ein. Was genau sie repräsentieren, wer sie schickt, was sie verändern und letztlich: wer sie sind, darum dreht sich dieser packende, vielfältig interpretierbare Roman. Vom ersten Satz – “Gott war einmal eine Frau” – bis zum titelgebenden Geständnis weiss der Roman zu überzeugen. Mia Couto hat mit “Das Geständnis der Löwin” sein umfangreiches Werk um einen abermals eindrücklichen Text erweitert.


Hier geht’s zu unserer Rezension von Coutos Debüt “Das schlafwandelnde Land”.