Rezension: Roman Ehrlich – Urwaldgäste (DuMont 2014)

Nach seinem hochgelobten Romandebüt “Das kalte Jahr” (2013) legt der junge deutsche Autor Roman Ehrlich nun mit dem zehn Texte umfassenden Erzählband “Urwaldgäste” nach. Mysteriös und beklemmend erscheinen hier die Phänomene des ganz normalen Alltags, einsam und verlassen die Protagonisten, die diesen Alltag zu bestreiten gezwungen sind…

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Die zentrale Erzählung des Bandes heisst “Die Intelligenz der Pflanzen (Naturtreue)”, ist 88 Seiten lang und wurde in zwei Teile aufgeteilt. Ihr Protagonist Arne Heym arbeitet für eine Firma, die künstliche Pflanzen herstellt. Glücklich ist er dabei nicht. Als er per Zufall im Internet auf die Anzeige einer mysteriösen Firma namens ‘Agentura Lateralis – Alternative Realitäten’ stösst, die mit dem Slogan “LASSEN SIE SICH TÄUSCHEN!” (Das klingt schon arg nach Hesses ‘Steppenwolf’, was?) wirbt, entscheidet er sich, deren Kunde zu werden. Er lässt sich ein Programm gestalten, um der Langeweile des Alltags zu entgehen – und bald schon ist nicht mehr klar, welches die ‘echte’ und welches die ‘alternative’ Realität ist…

Wie auch in vielen anderen der hier versammelten Erzählungen begegnen wir einem Alleinegelassenen, einem Menschen, der sich nicht auf enge zwischenmenschliche Beziehungen stützen kann und deshalb verloren wirkt in einer Welt, die er nicht versteht. Der Fokus vieler Texte liegt auf der Unbegreiflichkeit der Dingedie uns umgeben und ein undurchschaubares System bilden, das unseren Alltag durchwirkt. Im Text “Das Theater der Dinge” sagt ein Schauspieler:

“‘Wir haben all diese Dinge produziert, ohne uns zu fragen, ob wir mit ihnen leben wollen. Das müssen wir aber jetzt.'”

Dieser Ausspruch ist programmatisch für die zivilisationskritische Ader, die viele der Texte prägt. Die Verlorenheit des Individuums inmitten unbegriffener Dinge der Arbeits-, Privat- oder Mediensphäre. In den Texten wimmelt es vor Menschen, die durch die Welt irren und sich Einblicke in “eine übergeordnete Mechanik” der Dinge erhoffen. Oder auch die Chance, aus dieser erzwungenen Welt auszubrechen, so wie dies der oben erwähnte Arne Heym versucht. In “Ein Gesuch” fragt sich einer:

“(Was) wenn tief in mir drin ein anderer als der, der ich aussen sein muss, hockt und leidet.”

Während thematisch also gewisse übergeordnete Mechaniken zu erkennen sind, stellen die Texte Figuren und Geschichten nebeneinander, die scheinbar ohne Zusammenhang sind. Es bleibt der Fantasie der Leser überlassen, Zusammenhänge herzustellen. Am eindrücklichsten geschieht dies in der fantasievollen Erzählung “Die Seekuh Tiffany”, die einerseits eine im Zoo gehaltene Seekuh präsentiert, die unerklärlicherweise eines Tages ein Kassettenradio ausspuckt, andererseits den Innenarchitekten Lappert, der sich mit seiner Frau auf Südamerikareise befindet…

Roman Ehrlich (*1983) hat für seine Texte eine adäquate Sprache entwickelt, die ihre beklemmende Wirkung unter anderem mit exakten Beschreibungen der Vorgänge zu erzeugen weiss, die wir gemeinhin als banal, trivial, alltäglich bezeichnen würden. Gerade in diesem Umfeld erdrückender Bürolangeweile, einsamer Einzimmerwohnungsabende oder säuerlich riechender Wäschestapel eröffnet sich Spielraum für die grossen existenziellen Abgründe des Daseins in unserer hochtechnisierten Zeit. Obschon nicht alle Texte qualitativ gleich gehaltvoll sind, ist “Urwaldgäste” eine anregende Lektüre und Roman Ehrlich eine zeitgemässe Stimme der deutschen Literatur, die hoffentlich in Zukunft noch mehr von sich hören lassen wird.

Ehrlich, Roman. Urwaldgäste. Erzählungen. Köln: DuMont Buchverlag 2014. 272 S., gebunden m. Schutzumschlag. ISBN 978-3-8321-9753-7.

Rückblick: Bücher-Apéro Uitikon-Waldegg ZH 12. November

Gestern hatten wir wieder einmal Gelegenheit, Literatur nicht schreibenderweise, sondern live vor einem interessierten Publikum zu vermitteln. Anlässlich eines Bücher-Apéros in der bezaubernden Bibliothek von Uitikon-Waldegg stellten wir ein Dutzend handverlesene Neuerscheinungen aus den letzten Monaten vor.

An dieser Stelle möchten wir uns bei allen Gästen für ihre Anwesenheit und die spannenden Rückmeldungen bedanken. Besonderer Dank gilt dem Team der Bibliothek Uitikon für die Einladung, die ganze Organisation und das Bereitstellen des wunderbaren Apéros. Merci!

Es folgen ein fotografischer Querschnitt und die Liste der vorgestellten Bücher, inklusive weiterführenden Links zu unseren Rezensionen und den Verlagsseiten:

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Die vorgestellten Titel:

Autor Titel Verlag Links
Blum, Hila Der Besuch Berlin-Verlag Rezension Verlag
Couto, Mia Das Geständnis der Löwin Unionsverlag Rezension Verlag
DeFalco, Roberta Die trüben Wasser von Triest Pendo Verlag
Eggers, Dave Der Circle Kiepenheuer & Witsch Verlag
Grünberg, Arnon Der Mann, der nie krank war Kiepenheuer & Witsch Rezension Verlag
Hooper, Chloe Die Verlobung Liebeskind Verlag
Kremser, Stefanie Der Tag, an dem ich fliegen lernte Kiepenheuer & Witsch Rezension Verlag
Mengestu, Dinaw Unsere Namen Kein & Aber Rezension Verlag
Musso, Guillaume Vielleicht morgen Piper Verlag
Schlink, Bernhard Die Frau auf der Treppe Diogenes Rezension Verlag
Tesich, Steve Ein letzter Sommer Kein & Aber Rezension Verlag
Wolitzer, Meg Die Interessanten Dumont Rezension Verlag

Wir hoffen, dass alle Gäste mit neuen literarischen Inspirationen den regnerischen Nachhauseweg antreten konnten und freuen uns bereits auf ein baldiges Wiedersehen! 

Rezension: Diego Marani – Neue finnische Grammatik (Graf 2014 [2000])

Erstmals liegt Diego Maranis preisgekrönter Roman “Nuova grammatica finlandese” (2000) in einer deutschen Fassung vor. Erzählt wird die Odyssee eines Soldaten im Zweiten Weltkrieg, der nach einem Überfall ohne Erinnerung und ohne Sprache aus dem Koma erwacht und von einem finnischen Arzt auf die Reise in seine angebliche Heimat geschickt wird…

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Triest 1943: Ein Mann mit schweren Kopfverletzungen wird an Bord des Lazarettschiffes “Tübingen” gebracht und der Pflege des finnischstämmigen Arztes Petri Friari anvertraut. Der Patient trägt eine Uniform mit der Aufschrift “Sampo Karjalainen”, in der Jackentasche findet sich ein Taschentuch mit den Initialen S.K. Für den Arzt, den selbst ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Heimat quält, Indizien genug, ‘Sampo’ für einen Landsmann zu halten.

Als der Doktor bemerkt, dass dem traumatisierten Patienten jegliche Erinnerungen und die Sprache abhanden gekommen sind, beginnt er, ihm die finnische Sprache beizubringen. Er hegt und pflegt den Patienten wie ein seltenes Tier, das in der Wildnis ausgesetzt werden soll. Kurz darauf bringt er den hilflosen Sampo auf die Reise nach Helsinki, wo er in einem Militärhospital unterkommen soll bis sich ihm die Spuren seiner Vergangenheit wieder offenbart hätten.

Erzählt wird die Geschichte zu grossen Teilen von einem Manuskript des ‘Sampo Karjalainen’, welches dem reuigen Arzt Petri Friari nach dem Tod seines ehemaligen Patienten in die Hände fiel. Der Arzt selbst, so die Fiktion, hat die lückenhaften Sätze verdichtet und unterbricht das Manuskript bisweilen mit Passagen aus der eigenen Feder.

Im Militärhospital in Helsinki angekommen wird Sampo schnell klar, dass die Wirren des Krieges den Angestellten weder die Zeit noch die Lust lassen, sich um einen identitätslosen Mann auf der Suche nach seiner eigenen Vergangenheit zu kümmern. Nur der Militärpastor Olof Koskela nimmt sich seiner an, er wird zu Sampos einzigem Freund. Abend für Abend sitzen sie bei einer Flasche Koskenkorva in der Sakristei beisammen und Koskela erzählt Sampo von den Feinheiten und Tiefen der finnischen Sprache und ihrer Geschichte. Er liest die Geschichten der Kalevala, berichtet vom “endlosen Kampf gegen die Russen” und von Marschall Mannerheim, dem Helden des weissen Finnlands im Bürgerkrieg 1918, dessen Worte für ihn “gleich nach denen der Bibel” kommen. Vor allem aber spricht er über die finnische Sprache- poetisch, einfühlsam und voller Liebe:

“Das Finnische hat eine widerborstige, aber feinfühlige Syntax: Anstatt vom Zentrum der Dinge auszugehen, hüllt sie diese vielmehr von aussen ein. Am Ende ist der finnische Satz ja wie ein undurchdringlicher, in sich geschlossener Kokon, wo die Bedeutung langsam heranreift und dann mit einem Mal farbenreich und ungreifbar davonfliegt und dabei jene, welche mit unserer Sprache nicht vertraut sind, immer mit dem Gefühl zurücklässt, nichts verstanden zu haben.”

Sampo beginnt zu verstehen – ohne aber zu wissen, wer er ist, hilft ihm auch das Verständnis der Sprache nicht viel. Er ist unglücklich, fühlt sich nicht zugehörig. Neben Pastor Koskela ist es einzig die zärtliche Krankenschwester Ilma, mit der ihn etwas verbindet. Im Gegensatz zu Sampo fehlt es ihr an der Gegenwart, sie klammert sich an ihre Erinnerungen, ist deren Gefangener und sieht in Sampo einen Mann, dem die Freiheit geschenkt wurde.

“Ohne einen anderen Menschen an unserer Seite, der uns beim Leben zuschaut, sind wir so gut wie tot, und dann dient es auch zu nichts, die Vergangeheit zu plündern, in der Illusion, ihr ihre Schätze entreissen zu können.”

Der Krieg reisst Sampo und Ilma schnell wieder auseinander – ein weiterer Schritt in Sampos Geschichte der Abwesenheiten. Danach gefragt, welcher der fünfzehn Fälle des Finnischen ihm am besten gefalle, sagt er: der Abessiv, der Fall, der das Nicht-Vorhandensein von etwas bezeichnet. Eine Aussage, die programmatisch ist für die gesamte Odyssee des Sampo Karjalainen…

“Das Schicksal der finnischen Helden (…) ist brutal. Aus grossen Kriegern macht es einfache Schäfer, die ihre Strafe bis zum letzten Tag abbüssen müssen.”

 

Diego Marani (*1959) ist mit “Neue finnische Grammatik” ein berührender Roman gelungen, dessen Geschichte trotz ihrer Einfachheit stets fesselnd bleibt. Bisweilen wirkt die Sprache etwas poetisch überfrachtet, was jedoch keinesfalls als Mangel des Stils abgetan werden sollte, sondern sich aus den Quellen ergibt, aus denen Sampo seine Sprache schöpft: die Bibel, Mythen, Liebesbriefe. Marani, der als Übersetzer für die Europäische Kommission in Brüssel arbeitet, ist einer, der die Finessen der Sprache kennt, sie zu sezieren und mit ihnen zu spielen weiss. Vor einiger Zeit erlangte er gar kleine Berühmtheit damit, eine Kunstsprache zur europäischen Verständigung – Europanto - entwickelt zu haben. Obschon er diese als Scherz bezeichnet hat, hat er auch eine Erzählungssammlung in Europanto verfasst (“Las adventures de l’inspector Cabillot”). Die Liebe zur Sprache ist auch in “Neue finnische Grammatik” als erster Beweggrund in jeder Zeile spürbar und verleiht dem Text einen Reiz, der über die eigentliche Geschichte des geschichtslosen Soldaten hinausgeht.  Eine souverän erzählte, berührende Geschichte, die zurücklässt: Ergriffenheit, Respekt und den Wunsch, finnisch zu lernen. 

Marani, Diego. Neue finnische Grammatik. Aus dem Italienischen von Helmut Moysich. Berlin: Graf 2014. 256 S., ISBN 978-3-86220-041-2

Rezension: Teresa Präauer – Johnny und Jean (Wallstein, 2014)

Die junge österreichische Autorin Teresa Präauer (*1979), deren Romandebüt mit dem aspekte-Literaturpreis 2012 ausgezeichnet wurde, hat mit ‘Johnny und Jean’ die Geschichte einer aussergewöhnlichen Freundschaft zwischen Eifersucht und Bewunderung entworfen. Ein fantasievoller moderner Künstlerroman.

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Johnny malt Fische. Er ist ein junger Kunststudent, den es aus der ruralen Tristesse immerhin mal in die zweitgrösste Stadt des Landes verschlagen hat, die er sich aber lediglich als Zwischenstopp auf seinem Weg nach New York vorstellt. Aus dem selben Kaff ist auch Jean in die zweitgrösste Stadt gekommen. Jean – der im Übrigen genauso wenig Jean heisst wie Johnny Johnny, denn auf dem Land heisst man so nicht – eilt aber bereits der Ruf voraus, ein kommender Star der Kunstszene zu sein. Alles, was Johnny sich für seine Zukunft erhofft und erträumt, scheint Jean bereits zu haben. Er ist der Freund (?), der immer schon vor einem da ist: Johnny entwickelt eine Freundschaft zu Jean, deren Basis ein wenig Neid und jede Menge blinder Bewunderung sind, eine ungleiche Lehrling-Mentor-Beziehung. Man könnte sie auch als Neuschreibung der biblischen JEsus-JOhannes-Geschichte lesen, die Parallelen sind gegeben (Johnny malt Fische!).

Als naiver Ich-Erzähler berichtet Johnny im Plauderton von seinen Offenbarungen. Er verstrickt sich in unglückliche amouröse Affären, kämpft mit seiner Kunst und mit Jean, wird in der Stille von den Herren Dalì, Duchamp und anderen Künstlern heimgesucht,die ihm ihren Rat erteilen. Er trinkt mit Jean Pastis und redet über den Maler Cranach, dessen Werk den Text wie ein roter Faden durchwirkt. Während Jeans künstlerischer Stern von Seite zu Seite höher steigt, verharrt Johnnys Kunststudentenleben lange Zeit in derselben Trance, bis endlich das kanadische Mädchen Louise, das er auf einem Interrailtrip kennen und lieben gelernt hat, ihn dem Glück ein Stückchen näher bringt und die Wende zum Guten einleitet… Jean indes taucht langsam ab, es zeigt sich, dass auch hinter den glamourösesten Fassaden verletzliches Leben haust…

Mit Louise arbeitet Johnny einen Sommer lang an einem Stop-Motion-Film, in dem sie selbst als zweidimensionale Marionetten aus Papier über den Bildschirm hüpfen. So zweidimensional wie diese Figuren ist einerseits die im Text dargestellte Kunstszene, deren Oberflächlichkeit und Willkür mit bisweilen bissiger Ironie geschildert werden. Autorin Teresa Präauer, die unter anderem Malerei studiert hat und als Illustratorin arbeitet – auch das Umschlagbild des Romans hat sie selbst gestaltet -, dürfte wissen, wovon sie spricht. Andererseits laufen auch die Protagonisten Johnny und Jean Gefahr zweidimensional zu erscheinen, was an Johnnys skizzenhaftem Erzählstil liegt, einem naiven, aber mit genauer Beobachtungsgabe gesegneten Parlando, das häufig in (als solches auch thematisiertes) Namedropping ausschweift.

Langweilig aber wird es nie: Es ist der immer wieder aufscheinende Humor, der das Buch letztlich zu einer höchst vergnüglichen Lektüre macht. Teresa Präauer hat ein feines Gespür dafür, kleine Motive einzuführen und diese gezielt zu repetieren: Eine Technik, in der Malerei und Literatur zueinanderfinden. Wenn auch dieses Porträt des Künstlers als junger Mann ab und zu in banalen Gefilden schwimmt, so erretten es der Witz und die Erfindungsgabe der Autorin stets vor dem Ertrinken. “Johnny und Jean” ist die Geschichte einer aussergewöhnlichen Freundschaft, ein humorvoller und rührender Künstlerroman.

Präauer, Teresa. Johnny und Jean. Göttingen: Wallstein 2014.


Eine sehr lesenswerte Rezension ist auch auf dem Blog Deep Read zu finden.

Rezension: Susanna Schwager – Freudenfrau. Die Geschichte der Zora von Zürich. (Wörterseh 2014)

Zürich ist eine schöne Stadt. Eine saubere Stadt. Platz 2 auf dem Ranking der Städte mit der höchsten Lebensqualität. In der Zürcher Altstadt atmet jede Mauer den jahrhundertealten Geist bewegter Geschichte und feierlicher Tradition. Aber da gab und gibt es auch Abgründe. Schreckliche, unmenschliche Abgründe. Susanna Schwager erzählt die Geschichte der Roten Zora von Zürich, einer couragierten Frau, der das Leben mannigfaltige Grausamkeiten zumutete – und die doch immer wieder betonte, Glück zu haben. Ein beeindruckendes Buch.

freudenfrauIn einem kurzen Vorwort schreibt die Autorin Susanna Schwager (*1959): “Ich trage zusammen, was in Gesprächen an mich herantritt und mir überlassen wird. Ich erfinde nichts, ich verdichte. Die Wahrheit entzieht sich, wie stets. Im besten Fall entsteht Wahrhaftigkeit.” Die Gespräche, die in diesem Buch mündeten, führte Schwager insbesondere mit Hedy (die Namen sind verändert), einer Frau, die Mitte der Achtzigerjahre an der Zürcher Zähringerstrasse unter dem Beinamen Rote Zora (wegen der roten Haare) einen Domina-Salon eröffnete, in ein gewalttätiges Milieu geriet und unmenschlich gefoltert und misshandelt wurde. Susanna Schwager lässt Hedy ihre von der ersten Minute an von drastischen Wechselfällen des Schicksals geprägte Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählen. Die Autorin greift nicht als Erzählerin in den Monolog ein, sie lässt der Erzählung der Protagonistin freien Lauf – und das ist gut so.

“Ich dichte nie. Nie! Ich mag nicht erfinden. Ich hatte nie Zeit, etwas zu erfinden. Alles war sowieso schon immer passiert, bevor ich es erfinden konnte.”

Hedys Geschichte wurzelt in St. Gallen, der Heimatstadt ihrer Eltern, beginnt aber in Basel, wo sie zur Welt kam und den Zweiten Weltkrieg miterlebte. Als junge Frau lernt sie später in Berlin den Sohn eines nordafrikanischen Hotelbesitzers kennen und folgt ihm in den Maghreb. Sie heiraten, Hedy bringt eine Tochter zur Welt. Im reichen Hotel führt sie ein Leben in Saus und Braus. Doch der Mann, Hadi, betrügt sie..

“Mit der Zeit sieht man klar. Und dann ist es richtig elend. Weil die schönen Bilder, die man sich vom Leben geklebt hat, zerbröseln, ein Haufen Mist, nicht wahr. Ich hatte mir doch alles ganz anders vorgestellt.”

Sie flieht mit ihrer Tochter zurück in die Schweiz, der Vater reist ihr nach, stiehlt das Kind und lässt ein Einreiseverbot verhängen. Ein langwieriger Sorgerechtsprozess beginnt. Letzendlich gewinnt Hedy und kann mit ihrer Tochter in der Schweiz leben. Hier aber beginnen die Probleme erst. Weil Hedy für ihre Mutter und ihre Tochter sorgen muss und mit dem Bürojob, den sie hat, nicht genug Geld nach Hause bringt, eröffnet sie im Zürcher Niederdorf einen Domina-Salon. Sie prostituiert sich – ohne Sex, sie “hilft” den Männern nur. Und mächtige Männer sind es, die sich an das Turnpferd der Roten Zora, wie Hedy nun genannt wird, fesseln lassen: Bankiers, Anwälte, Politiker.

“Es ist eine Arbeit. Und man muss sorgfältig sein, man muss das richtige Mass haben. Es braucht Einfühlung und Feingefühl. Und einen Reitsattel, da band ich sie drauf an. Ich habe nie richtig geschlagen, sicher nicht. Das hätte ich nicht gekonnt. Eine Ahnung geben. Ein Gefühl, den Film erzeugen, eine Geschichte spielen. Spannung aufbauen.”

Dass die Achtzigerjahre einen eher unrühmlichen Platz in der Zürcher Stadtgeschichte einnehmen, ist bekannt. Im Mittelpunkt stand der international als “Needle Park” bekannte Platzspitz, eine von der Polizei kaum angerührte Anlage, in der sich Drogenabhängige unter grausamen Bedingungen tummelten und zu Grunde gingen. Gemeinsam mit stadtbekannten Persönlichkeiten wie Pfarrer Ernst Sieber versuchte Hedy einigen von ihnen zu helfen. Nebenbei ging sie ihrer Arbeit nach, geriet aber, nachdem sich im Frühjahr 1984 zwei Untermieterinnen ihres Salons zwielichtigen Zuhältern angeschlossen hatten, selbst in Gefahr: Man wollte an ihr ein Exempel statuieren. Sie wurde brutal gefoltert und misshandelt, überlebte nur durch einen unbeschreiblichen Zufall. Und es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass Hedy beinahe ermordet worden wäre, wenngleich unter anderen Umständen…

Die letzten Jahre ihres Lebens – Hedy verstarb im Februar 2014 – verbrachte sie mit ihrem Coucousin Päuli, den sie seit frühester Kindheit kannte. Auch ihm gibt Susanna Schwager eine Stimme. Und auch ein ‘Werner Freudiger’ genannter ehemaliger Sittenpolizist kommt zu Wort: Er ist ein Jugendfreund der Autorin und brachte sie auf die Geschichte, in die er, damals in den Achtzigerjahren, selbst tief hineingezogen wurde.

“So ein Glück!”, “Ich hatte Glück”: das sind Sätze, die Hedy immer wieder sagt. Und je mehr man erfährt über ihr Leben, desto erstaunlicher und kräftiger wirken diese Sätze. In einem Leben, das von derart viel Unglück heimgesucht worden ist, immer wieder an das Glück zu glauben – das ist Courage. Susanna Schwagers effektive, glasklare ‘Verdichtung’ der Sprache und die perfekte Dramaturgie des Buches leisten ihren Teil zur Entstehung dieses ergreifenden Sittenbildes, das Stadt- und Kriminalgeschichte vereint, in erster Linie aber das Portrait einer wahrhaft bemerkenswerte Frau zeichnet, die man bewundern und nicht wieder vergessen wird. Eine unbedingte Leseempfehlung.

Schwager, Susanna. Freudenfrau. Die Geschichte der Zora von Zürich. Gockhausen: Wörterseh 2014.

Rezension: Jeff VanderMeer – Auslöschung (Kunstmann, 2014)

“Auslöschung” ist der erste Band der Southern-Reach-Trilogie des arrivierten Autors Jeff VanderMeer, dessen phantastische Geschichten unter anderem mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet wurden. Der erste Teil der Geschichte führt eine aus vier Frauen bestehende Expedition in das mysteriöse Gebiet ‘Area X’, in dem ein ungeahnter Feind auflauert.

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Titel: Auslöschung
Original: Annihilation (2014)
Autor: Jeff VanderMeer
Übersetzung: Michael Kellner
Verlag: Kunstmann
ISBN: 978-3-88897-968-2
Umfang: 240 S.

Ein “undefinierbares ‘Ereignis'”, vielleicht ausgelöst durch Experimente auf einer nahen Militärbasis, hat das Gebiet Area X einige Jahrzehnte vor dem Beginn von “Auslöschung” in eine kontaminierte Zone verwandelt, über die man in der Aussenwelt nur vage Bescheid weiss. Eine im ersten Teil der Trilogie noch nicht näher thematisierte Organisation namens Southern Reach schickt von Zeit zu Zeit Expeditionsteams nach Area X, die ihre Beobachtungen festhalten sollen. “Auslöschung” beschreibt die Geschichte der zwölften Expedition, die aus vier Frauen besteht: einer Psychologin, einer Anthropologin, einer Vermesserin und einer Biologin, die die Ereiginisse aus ihrer Perspektive schildert. Namen bleiben unbekannt, denn “Namen gehörten in die Welt, aus der wir gekommen waren; in Area X hatte wir alle nur eine Funktion”.

Die Gefahren sind bekannt: Nicht viele derer, die in Area X geschickt wurden, kamen wieder zurück. Zumindest nicht so, wie man sie in Erinnerung hatte. Manche Expeditionsteilnehmer kehrten wieder, teilnahmslos, sprachen monoton von der makellosen Natur des besuchten Gebiets. Einer davon war der Ehemann der Biologin.

Sofort ist klar, dass irgendwo in dieser Area X irgendetwas lauert. Nur wo? Und was? Aus diesen Fragen bezieht die Geschichte einen Teil ihrer Spannung. Von Beginn an in mysteriösen Grundtönen gefärbte Orientierungspunkte wie der Leuchtturm oder der “Turm”, der eigentlich ein Tunnel ist, der in die Erde hinein führt und an dessen Wänden sich merkwürdige Worte von alttestamentarischer Gewalt in die Tiefe winden, scheinen Hinweise auf dieses Etwas zu geben. Es ist die “Begegnung mit dem Allerschönsten, dem Allerschrecklichsten, auf das ich je treffen würde”, die sich anbahnt. Die Biologin benennt den Feind – das Bedürfnis, Namen zu geben, scheint in der Not stärker -, sie tauft ihn “Crawler”. Fokussiert sich die Erzählerin eine geraume Zeit noch auf sich selbst und ihre Mitstreiterinnen, die menschlichen Spannungen, denen sie unterworfen sind und die Fremdheit, von der sie befallen sind, rückt der übermächtige Gegner Wort für Wort deutlicher in den Vordergrund. Denn auch die Biologin wurde kontaminiert…

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Das St. Marks Wildlife Refuge in Florida ist VanderMeers Vorlage für die ‘Area X’.

Während vergleichbare Werke auf fremdartige, ausserirdische Antipoden setzen, macht VanderMeer das Unvermutete, weil Offensichtliche, zum Gegenspieler der Protagonistinnen: die Natur selbst.  In all ihrer Schönheit und all ihrer Schrecklichkeit. Es ist die Natur selbst, die in Area X regiert, die das Land bearbeitet und sich die Menschen einverleibt. Durch diesen kühnen Schachzug des Autors gewinnt die Geschichte eine furchteinflössende, sehr reale Dimension. Gegen Ende des Buches hält die Biologin fest: “Unser Instrumentarium ist nutzlos, unsere Methodologie liegt in Trümmern, unsere Beweggründe sind egoistisch.” Es ist der Kern dessen, was VanderMeer in einem Interview folgendermassen umschreibt: “We also seem to think that we know so much about our world […] we live on an alien planet without realizing it.” Die Komplexität der Natur ist grösser, als wir gemeinhin denken, die Hilflosigkeit, mit der wir ihr ausgeliefert sein könnten, manifestiert sich in “Auslöschung” auf eindrückliche Art und Weise, so dass neben all der Spannung auch Gedanken angeregt werden, die über das Phantastische hinaus weisen, direkt hinein in unser Leben und den Umgang mit der Welt, die uns umgibt.

Auf Englisch ist die Trilogie bereits vollständig erschienen, auf Deutsch wird sie im Januar bzw. März 2015 mit den Bänden “Autorität” und “Akzeptanz” fortgesetzt (beide ebenfalls bei Kunstmann). Mit “Auslöschung” ist VanderMeer eine hervorragende Eröffnung geglückt, die in knappen 240 Seiten genügend preisgibt, um tiefe Einblicke in die gar nicht so fernab unserer Welt liegende Realität zu geben, andererseits genügend Fragen offenlässt, um weiterhin unterhalten und fesseln zu können.


VanderMeer, Jeff. Auslöschung. Southern Reach Trilogie Bd. 1. Aus dem Englischen von Michael Kellner. München: Antje Kunstmann 2014.

“Wer keine Qual hat, macht sie sich selber.” Lebens-Lagen #39: 28. Oktober

C.F. Zelter: Gemälde von Carl Joseph Begas, 1827, das im hier zitierten Brief später noch erwähnt wird.

Portrait C.F. Zelters von Carl Joseph Begas, 1827, das im hier zitierten Brief später noch erwähnt wird.

Carl Friedrich Zelter (1758-1832) erlernte ursprünglich den Beruf seines Vaters – Maurermeister -, bildete sich nebenbei aber autodidaktisch musikalisch weiter und wurde später zu einem einflussreichen Musiker, Komponisten und Kulturpolitiker.

Im Februar 1802 begegnete Zelter während eines Besuchs in Weimar zum ersten Mal Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Die beiden hatten lange schon Kenntnis von den Arbeiten des jeweils Anderen genommen und waren begierig darauf, einander kennenzulernen. Goethe und Schiller trafen sich vom 23. Februar an bis zum Ende seines Aufenthalts immer wieder mit dem aus Berlin stammenden Zelter. “Eine wahrhafte Neigung, auf wechselseitiges Kennen und Anerkennen gegründet, entspann sich”, hielt Goethe Jahre später in seinen Tag- und Jahres-Heften fest. Der Nachwelt bleibt diese Neigung unter anderem als Briefwechsel erhalten, der sich über drei Jahrzehnte – vom August 1799 bis zum März 1832 – erstreckt. Der letzte Brief, den Zelter an Goethe schrieb, trägt das Datum 22. März 1832: Goethes Todestag. Zelter selbst verstarb drei Monate danach, am 15. Mai.

Dieser Briefwechsel enthält Diskussionen zu literarischen und musikalischen Fragen, bezieht seine Bedeutsamkeit aber insbesondere auch aus der Offenheit, mit der die beiden Freunde über Alltägliches und Gefühle sprechen oder Klatsch und Tratsch austauschen. Es sind wenige Gesprächspartner bekannt, denen gegenüber Goethe eine derartige Offenheit gezeigt hat. Dass Zelter eine der wenigen Personen war, die er duzte, legt davon Zeugnis ab.

Ein Beispiel für dieses Besprechen nachbarschaftlicher Angelegenheiten: Am Sonntag, den 28. Oktober 1827, schrieb Zelter an Goethe:

“Wer keine Qual hat, macht sie sich selber. Die bekannte Heiratsgeschichte ist etwas schlimmer, als man sie sich denken möchte. Die Braut soll als nicht intakt befunden sein. Das wäre nichts Neues, wenn es wahr wäre. Der junge Mann aber hat sich so stürmisch und mit Eklat betragen, dass ihm die Angetraute nach überhäuften Beschimpfungen entfliehn und ihre Zuflucht zur Gräfin v.d. Recke suchen müssen; endlich, als der Vater erschienen, hat er diesen Vater der Beflickung seines Kindes ins Angesicht beschuldigt. Der Vater ist nun bereits klagbar geworden und die Ehe soll aufgehoben werden.
Die Freunde des jungen Mannes sagen nun endlich aus, sie hätten schon in Rom von ihm gewusst, dass ihm eine gewisse Potenz abgehe; sogar sein natürlicher Vater (unser Antiquarius) und auch seine Mutter sollen davon unterrichtet gewesen sein. Der Vater des Mädchens wird am meisten bedauert, der noch an einem frühern Missverhältnis zu schleppen hat, dessen Frucht diese Tochter ist, und nun rühren sich die beiden Familiengeschichten wie ein stinkiger Brei ineinander.
Von meiner Seite will ich nur dabei bemerken, dass solche Vorfälle mir stets die “Wahlverwandtschaften” ins Gedächtnis zurückrufen. Man ist viel zu leichtsinnig, solche Kasus wie Meteorsteine anzuschauen.”1


1. Aus: Der Briefwechsel zwischen Goethe und (Karl Friedrich) Zelter

Ein längerer Text zum Verhältnis zwischen Zelter und Goethe findet sich auf dem Goethezeitportal.

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Rezension: Adam Zagajewski – Die kleine Ewigkeit der Kunst (Hanser, 2014)

“Die kleine Ewigkeit der Kunst” ist ein ‘Tagebuch ohne Datum’, in dem uns Adam Zagajewski (*1945) in die Gegenden, in denen sein Denken, Leben und seine Kunst wurzeln. Ein berührendes, angeregtes und anregendes Prosawerk dieses ausgezeichneten polnischen Lyrikers und Essayisten.

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Titel: Die kleine Ewigkeit der Kunst
Original: Lekka przesada (2011)
Autor: Adam Zagajewski
Übersetzung: Bernhard Hartmann, Renate Schmidgall
Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-24612-6
Umfang: 320 S., flexibler Einband

2014 wurde Adam Zagajewski mit dem Eichendorff-Literaturpreis ausgezeichnet, der Schriftsteller würdigt, die aus Schlesien stammen, oder sich in ihrem Werk der schlesischen Kultur widmen. Zagajewskis Beziehung zu Schlesien beginnt im Jahr seiner Geburt: 1945. In dem Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, wurde die Familie Zagajewski aus dem ukrainischen Lemberg nach Schlesien vertrieben (‘umgesiedelt’). Diese Vertreibung bildet einen der thematischen Fixpunkte dieses “Tagebuchs ohne Datum”, ein immer wiederkehrendes Motiv. Die verlorene Stadt, die Umsiedlung, an der manch einer gestorben ist. Nicht so Adam Zagajewskis Vater, der aber dennoch bis ins hohe, von Demenz geprägte Alter eine besondere Beziehung zu Lemberg hatte, die der Autor in berührenden, feinfühligen Szenen beschreibt. “Die kleine Ewigkeit der Kunst” entführt den Leser in die Gegenden, in denen der Mensch und Künstler Adam Zagajewski seine Wurzeln hat.

Neben der Familiengeschichte und seiner eigenen, von unterschiedlichen Wohn- und Arbeitsorten (Krakau, Paris, Houston) geprägten Biographie, schreibt Zagajewski vor allem über die Kunst, namentlich: Literatur und klassische Musik. Da ist einerseits die polnische Literaturszene, mit der ihn nicht nur literarische, sondern auch persönliche, freundschaftliche Erlebnisse verbinden: Zbigniew Herbert und Czeslaw Milosz , andererseits die deutschsprachige Literatur, aus der er Thomas Mann, Robert Musil und Gottfried Benn häufig zitiert, und drittens der rumänische Skeptiker und Misanthrop Emil Cioran. Sie alle prägten mit ihrem Denken und ihren Schriften Zagajewski auf die eine oder andere Weise, sie alle sind ihm unentbehrlich.  Daneben finden viele weitere Künstler, etliche davon Lyriker wie Zagajewski selbst, Erwähnung.

Mit Anspielungen, Zitaten und scharfen Beobachtungen, die mal an die Reisenotizen eines Cees Nooteboom, mal an die Aphorismen eines Elias Canetti erinnern, entsteht so datumslose Eintragung für datumslose Eintragung ein Bild von Adam Zagajewski selbst. Ein ernsthafter, man könnte sagen konservativer Künstler, dem der “allgegenwärtige Nebel der Ironie”, wie er die postmoderne Kunst dominiert, nicht ausreicht. Zagajewski ist ein Künstler von erhabener Seriosität, von ehrvoller Verpflichtung der Wahrheit, der Erfahrung des Konkreten, gegenüber (“(ich) schreibe nur über Dinge,die ich selbst gesehen habe”) und von dezidierter Schärfe der Meinungen. Sein Ideal ist die eigenständige Suche nach der Wahrheit, gedankliche Systeme, wie sie die heutigen Geisteswissenschaften dominieren, sind ihm zuwider (“…letztlich sind Systeme gift für den Verstand, ein Schandfleck des intellektuellen Lebens”).

Als “Schlüssel zum Verständnis der Kunst” schliesslich bezeichnet Zagajewski den Enthusiasmus, also einen, seinem ursprünglichen Wortsinne nach, Zustand von Gott eingegebener, beseelter Inspiration. In diesem Schluss zeigt sich deutlich die Feierlichkeit und Überzeugung, die Sprache und Denken Zagajewskis tief durchdringen. Das hat Potenzial zu polarisieren, Gemüter zu erregen, etwa wenn er ausschweifend und verherrlichend über Werke von Bach oder Chopin spricht, aber jedes Auftauchen von populärer Musik als “primitiv” abtut. Der Grat zwischen Schärfe der Meinungen und Ignoranz ist ein schmaler, doch Zagajewskis gelingt es zumeist, auf der richtigen Seite zu bleiben, denn in den meisten Fällen, in denen er kritisiert, wird man ihm Recht geben. Und wenn er bewundert – hierzu zitiert er selbst ein (angebliches) Wort von Paul Claudel: “Celui qui admire, n’a jamais tort.” (Der, der bewundert, hat niemals Unrecht.) und sagt, “dass im geistigen Sinne Bewunderung und Enthusiasmus etwas viel Höheres sind als Kritik, Sarkasmus oder eine rein ironische Haltung.” Ich bin gewillt, ihm auch hierin Recht zu geben.

Zagajewski, Adam. Die kleine Ewigkeit der Kunst. Tagebuch ohne Datum. Hg. v. Michael Krüger. Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann und Renate Schmidgall. EDITION AKZENTE. München: Hanser 2014.

Rezension: Hila Blum – Der Besuch (Berlin-Verlag, 2014 [2011])

“Der Besuch” ist das Romandebüt der israelischen Autorin Hila Blum, die bis anhin als Journalistin und Lektorin tätig war. Sie erzählt eine bemerkenswerte moderne Familiengeschichte, in der schöner Schein geradezu hörbar bröckelt und die Sicht freigibt auf Vorurteile, Vorwürfe und lang verdrängte Erinnerungen.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht das Ehepaar Nataniel (Nati) und Nili, beide um die vierzig Jahre alt, wohnhaft im Jerusalem der 2010er-Jahre. Mit ihrer Tochter Asia und Jedida, einer älteren Tochter, die Nati aus seiner ersten Ehe mitbrachte bilden sie eine Art moderne Patchwork-Familie. Die Ankündigung des titelgebenden Besuchs steht am Beginn der Geschichte: Der Pariser Millionär Jesaja Duclos ruft an und kündigt seinen Besuch in Jerusalem an. Er bittet um ein Treffen, das Nati und Nili nicht ablehnen können, hat ihnen der exzentrische Duclos doch neun Jahre zuvor, als Natis und Nilis Beziehung gerade begonnen hatte, in einer furchtbar brenzligen Situation geholfen.

Was genau in dieser Nacht geschah, wird dem Leser nach und nach offenbart – und soll an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden, macht es doch einen grossen Teil der Spannung des Romans aus. Tatsache ist: Unter vier Augen hat Duclos in jener Nacht Nili etwas mitgeteilt, was sie nie wieder losgelassen hat. Etwas, über das sie mit Nati nie gesprochen hat. Und neun Jahre später nun weckt Duclos’ Anruf die Erinnerungen an diese Nacht, beschwört böse Gedanken in Nili, Gedanken, die sich mit weiteren unausgesprochenen Dingen – Vorurteilen, Vermutungen, Ahnungen – vermengen und sie an ihrer Ehe (ver)zweifeln lassen.

“Sie duschten, zogen sich wieder an, und als sie nebeneinander im Bett lagen, war der Zauber verschwunden. Die Liebe war, wie die meiste Zeit, eine Erinnerung, die wieder auflebt, wenn man in alten Alben blättert.”

Hila Blum erzählt in Szenen, die unverhofft zwischen den Zeiten hin- und herspringen, sich in den meisten Fällen aber eindeutig einer zeitlichen Ebene zuordnen lassen. Verdrängung ist nicht nur einer der inhaltlichen Schwerpunkte des Romans, sondern auch dessen poetologisches Prinzip: Die gewichtigen Dinge – die Nacht in Paris oder die dunklen Geheimnisse über Asia oder Nilis Schwester Uma, die sie hütet – werden nicht stringent erzählt, sondern Happen für Happen offeriert, sie spielen sich häufig in Andeutungen, in subtilen und doch eindringlichen Nebensätzen ab. Gleiches gilt im Übrigen für die das Setting bestimmende politische Realität: Israel im Kriegszustand, wegen Bombenalarmen leergefegte Strassen, Menschen in Angst. In einem “Davor” betitelten Vorspann zum Roman heisst es:

“Es gibt Dinge, die können nur in den schmalen Spalten der Nachlässigkeit geschehen, der Unaufmerksamkeit, in einem Wirbel aus Trägheit und Licht. Plötzlich entspringen sie der Phantasie und landen im gelebten Leben.
Erklärungen werden erst später gesucht.”

“Der Besuch” kann als dieses Später gelesen werden, als Erzählung der Zeit, in der allmählich das Bedürfnis nach Erklärungen entsteht, sich Antworten Puzzleteil für Puzzleteil zu einem ganzen Bild zusammenzufügen beginnen. Und wenn es vollendet ist, wird einem womöglich bewusst, dass man sich all die Jahre, aufgrund einer blossen Ahnung, so sehr auf etwas fixiert hat, dass der Blick für andere, nicht weniger bedeutende Dinge schlicht gefehlt hat. Versinnbildlicht wird dieses Motiv mit der clever in die Familiengeschichte eingewobenen Story des verschwundenen Jungen Denis Bukinow, dessen Fall Nati und Nili in den Nachrichten verfolgen: Ein unerschrockener erzählerischer Kunstgriff, der eine souveräne Autorin verrät.

Obschon “Der Besuch” Hila Blums (*1969) Romandebüt ist, erweist sie sich als abgeklärte Autorin, die ihren Plot hervorragend kontrolliert, gekonnt Spannung aufbaut und zudem von grossem sprachlichem Einfallsreichtum ist. Einige Schwächen lassen sich zwar ausmachen, so kommt es beispielsweise gegen Ende zu einigen ziemlich langatmigen, von banalen Dialogen gequälten Stellen, die sich zwischen Nili und den beiden Töchtern abspielen, insgesamt aber ist “Der Besuch” ein ausgewogenes, durchdachtes, ja ein hervorragendes Debüt. Es ist ein Familiendrama, das genre-typische Paradigmen wie den makellosen Schein, der mehr und mehr Risse bekommt, um schliesslich eine gar unschöne, unausgesprochene Realität zu offenbaren, aufnimmt und mit viel Fantasie und Empathie in eine zeitgemässe Geschichte integriert.

Schweizer Standpunkte: Raum und Macht – Wer plant die Planung?

“Wer plant die Planung?”: Diese Frage beschäftigte den Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt lange Zeit. Eine Gruppe von 14 Autoren hat sich seines Lebens und Wirkens in der Studie “Raum und Macht. Die Stadt zwischen Vision und Wirklichkeit” (Rotpunktverlag, 2014) angenommen und versucht, seine Denkanstösse auf aktuelle stadtplanerische Projekte anzuwenden.

Lucius Burckhardt  (1925-2003) war Soziologe, Ökonom und Begründer der sogenannten Spaziergangswissenschaft, er war ein politisch engagierter Bürger und ein kritischer, die Grundsätze menschlichen Lebens und Wohnens hinterfragender Geist. Gemeinsam mit seiner Frau Annemarie, der in der vorliegenden Studie ebenfalls ausführliche Teile gewidmet sind, setzte er sich beruflich und privat für die Mitbestimmung des Volks bei der Planung städtischer Lebensräume ein. Getreu dem Grundsatz, dass jeder so wohnen können sollte, wie es ihm beliebt. Kritisch stand er etwa der sogenannten Wohlfahrt gegenüber, “weil die Wohltäter festlegen, was ein gutes und menschenwürdiges Leben ist.” Dadurch gelangten Leute, die unter dem festgelegten Standard lebten und wohnten, unter psychischen Druck.

Burckhardt war stets bewusst, dass “alles, was Stadtplanung plant, (…) irgendwelchen Leuten Vorteile und anderen Nachteile” bringt. Diese Einsicht reduzierte er auf die prägnante Formel: “Planung ist Leidensverteilung”. Wichtig war ihm und seiner Frau, urbane Räume möglichst “menschengerecht und lebendig” zu gestalten. Sein Gedankengut könnte man dabei als liberal und/oder grün bezeichnen. Max Frisch, selbst auch Architekt, schrieb in “achtung: die Schweiz” (1954), einer Schrift, die aus einem Gespräch zwischen Burckhardt, Frisch und Markus Kutter entstand, folgenden Satz: “Man ist nicht realistisch, indem man keine Idee hat.”  Hierin spiegelt sich auch Burckhardts Bemühen, die Bürger zu persönlicher Verantwortung hinsichtlich der Planung ihrer Lebensräume aufzurufen. Sich zu zurückzuhalten und abzuwarten war nie das Anliegen von Lucius und Annemarie Burckhardt. Eine Demokratisierung planerischer Prozesse schwebte ihnen vor. Nicht die Verfilzung mächtiger “Player” aus Politik und Wirtschaft sollten den urbanen Raum planen, sondern die darin ansässige Bevölkerung selbst.

Die hier besprochene Studie greift brandaktuelle Paradigmen und konkrete Projekte aus Burckhardts Heimat Basel auf, um zu beleuchten, welche Interessen heute bestimmen, wie Raum genutzt wird, welche Machtgefüge das Sagen haben, wenn es etwa darum geht, die trinationale Nachbarschaft um Basel (CH), Weil am Rhein (DE) und Huningue (FR) – ein kraftvolles Statement für Europa – zu planen. Des Weiteren finden sich spannende Beiträge zum Phänomen Urban Gardening und zum Basler Wagenplatz, einer rechtlich illegalen, von der Stadt aber unter Bedingungen geduldeten Ansammlung von Zirkuswagen, in denen Leute eine alternative Vision des Wohnens leben.

“Raum und Macht. Die Stadt zwischen Vision und Wirklichkeit” ist ein aufwendig gestaltetes Buch mit etlichen Fotografien, Teilabdrucken von Interviews, die Zeitgenossen und Schüler von Lucius Burckhardt den Autoren gegeben haben. Ergänzt wird das Ganze mit einer DVD, die die Aufzeichnungen dieser Interviews beinhaltet. Inhaltlich handelt es sich um eine umfangreiche Studie, die Biographisches und Historisches – etwa die Gedanken anderer Theoretiker wie Henri Lefebvre (“Recht auf Stadt”, 1968) – mit raumplanerischen Gegenwart und Zukunft kombiniert. Es ist ein auch für Nicht-Basler anregendes und auch Nicht-Wissenschaftlern verständliches Werk, das einerseits in die Schatzkiste der Schweizer Geschichte greift, andererseits die Augen öffnet, für urbane Probleme, die nach wie vor  – manche gar mehr denn je – bestehen. Und ganz im Sinne Lucius und Annemarie Burckhardts bleibt letztlich der Wille, aktiv an der Gestaltung des unmittelbaren Wohn- und Lebensraums teilzunehmen.