Rezension: Steve Tesich – Ein letzter Sommer (Kein & Aber, 2014 [1982])

Der einzige zu Lebzeiten veröffentlichte Roman des serbischstämmigen Amerikaners Steve Tesich (1942-1996) liegt neu in einer deutschen Taschenbuchausgabe bei Kein & Aber vor. Die Geschichte von Daniel Price, seinen Freunden, seiner ersten Liebe, seinem sterbenden Vater und seiner abergläubischen Mutter ist ein Coming-of-Age-Roman, wie er in der amerikanischen Literatur bislang womöglich nicht übertroffen wurde (nein, auch von Dir nicht, J.D. Salinger!)

Autor Steve Tesich ist kam 1957 mit vierzehn Jahren aus Serbien in die USA, wo er in East Chicago, Indiana, dem Ort, an dem auch “Ein letzter Sommer” spielt, ein Zuhause fand. Er studierte Russische Literatur an der Columbia und begann, nach erfolgreichem Abschluss, Theaterstücke und Drehbücher zu schreiben. Für sein erstes Hollywood-Drehbuch “Breaking Away” (“Vier irre Typen”, 1979) erhielt er einen Oscar. Mit “The World According To Garp” (1982, mit Robin Williams) und “American Flyers” (1985, mit Kevin Costner) steuerte er zu weiteren prominenten Produktionen seine Drehbücher bei. 1996 verstarb Tesich, 53jährig, an einem Herzinfarkt. Als Drehbuch- und Theaterautor ist sein Nachruhm wesentlich grösser, als als Schriftsteller. Zwei Romane hat er geschrieben: “Karoo” (“Abspann”, posthum veröffentlicht 1998) und der hier vorliegende “Summer Crossing” (“Ein letzter Sommer”, 1982).

Es gilt, einen begnadeten Präparator menschlicher Gefühlswelten zu entdecken, der die Tragik und die Komik unserer Existenz in einer berührenden Geschichte gebannt hat.

“Ein letzter Sommer” spielt in der Industriestadt East Chicago im Jahre 1960. Die drei achtzehnjährigen Freunde Daniel Price (der Ich-Erzähler), Larry Misiora und Billy ‘Freud’ Freund haben gerade die Highschool abgeschlossen und stehen vor einem letzten Sommer – bevor sie ihrem Leben eine Richtung geben sollen. Sie sind “ängstlich und unentschlossen”. Alle sind sie mit Problemen im Elternhaus konfrontiert: der rebellische, steineschmeissende Larry verachtet seine Eltern für ihr Spiessbürgertum; Freud wirft seiner Mutter vor, das Andenken an den verstorbenen Vater nicht zu ehren; und Daniel schliesslich steht Tag für Tag im Kreuzfeuer, wenn seine schöne jugoslawische Mutter und sein verbitterter, kranker Vater ihre Streitigkeiten austragen.

Alles ändert sich für Daniel, als er Rachel kennenlernt: er verliebt sich Hals über Kopf in das mysteriöse Mädchen, das mit seinem Vater David neu in die Stadt gezogen ist. Rachel und Daniel kommen zusammen, versichern sich ihre Liebe, reden sich ein, dass das Schicksal sie zueinander geführt hat. Doch während Daniel mit jenem schweren, Teenager eigenen Ernst liebt und geliebt werden will, scheint Rachel immer dann, wenn es darauf ankäme, etwas wegzuziehen von Daniel…

Daniel Price geht durch East Chicago: mit Freud und Misiora, deren Wege sich nach einer Schlägerei, die sie alle drei Seite an Seite mitmachten, trennen; mit seinem sterbenden Vater, den er im Rollstuhl umherschieben muss; mit Rachel, mit der er eigentlich ganz anderes machen wollte; alleine. Bis er jeden Winkel des Ortes gesehen hat, bis es keine Leerstellen mehr gibt und ihm nur noch eines übrigbleibt…

Tesich schreibt mit Feinfühligkeit und der angemessenen Mischung aus grossartiger Komik und herzzerreissender Tragik, die eine solche Coming-of-Age-Geschichte erfordert. Seine Sprache ist klug und bilderreich,  gespickt mit präzisen Dialogen, die Qualen des jungen Liebenden sind glaubhaft und nur dann pathetisch oder kitschig, wenn sie es auch sein müssen (Denn kein verliebter Teenager käme wohl ganz ohne diese beiden Eigenschaften aus.) Die Wechselbäder der Gefühlswelten – unerwartete Sprünge von überbordendem Selbstvertrauen zu unterwürfiger Ratlosigkeit etwa – durchmisst Tesich sprachlich und stilistisch meisterlich.

“Ein letzter Sommer” ist die Geschichte dreier Freunde auf dem Weg in die weite Welt hinaus, die Geschichte davon, wie sich Wege, die man an einem Tag als Parallelen bis in alle Ewigkeit gesehen hatte, am nächsten schon in vollkommen unterschiedliche Himmelsrichtungen abgehen können.  “Ein letzter Sommer” ist die Geschichte einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung, die Geschichte eines Befreiungskampfs aus der Klammer väterlicher Psychotyrannei. Und schliesslich ist “Ein letzter Sommer” die Geschichte von der Entdeckung der Liebe mit all ihren himmelhochjauchzenden Höhen und ihren todessehnsüchtigen Tiefen.

Kurzum: Ob Sommer, Herbst, Winter oder Frühling – “Ein letzter Sommer” ist ein grandioses Buch für alle Jahreszeiten. Ein echtes Lesevergnügen, dem es weder an Humor noch an Spannung noch an Tragik fehlt. 

Rezension: Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe (Diogenes, 2014)

Bernhard Schlinks neuer Roman “Die Frau auf der Treppe” ist schlankes Werk, das sich mit Fragen nach dem richtigen und falschen Leben, nach Reue, Niederlage und Jugend befasst. In seinen schwächsten Momenten wirkt es altersmüde, in seinen besten Momenten regt es die Gedankenwelt so an, dass man sich selbst zu fragen beginnt: Lebe ich richtig? 

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Titel: Die Frau auf der Treppe
Autor: Bernhard Schlink
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-06909-9
Umfang: 256 S., Taschenbuch

Der Ich-Erzähler der Geschichte, ein Frankfurter Anwalt, Seniorpartner seiner Firma, wohl zwischen seinem 60. und 70. Lebensjahr stehend, befindet sich geschäftlich in Sydney und entdeckt in der Art Gallery ein Bild, das ihm nur allzu gut bekannt ist: Es zeigt eine nackte Frau, die die Treppe hinuntersteigt. Jahrzehntelang hat er es für verschollen gehalten, sein Anblick trägt in zurück ins Jahr 1968, zu seinem ersten juristischen Fall, zu seiner grossen Liebe: Irene.

Irene ist die Frau, die auf dem Bild nackt die Treppe hinabsteigt. 1968 kam sie mit Karl Schwind, dem Maler, zum jungen Anwalt. Ein Streit war um das Bild entbrannt. Irenes Ehemann, der stinkreiche Gundlach, hatte es von Schwind anfertigen lassen und zürnte diesem nun, weil er mit Irene durchgebrannt war… Im Laufe des von kleinen Boshaftigkeiten geprägten Falles verliebte sich der Ich-Erzähler in Irene und wollte seinerseits mit ihr durchbrennen. Sie jedoch schnappte sich das Bild und verschwand.

Jahrzehnte später nun  sieht er  also das Bild wieder. Er ist inzwischen Witwer, Vater dreier Kinder, pingeliger, rastloser Arbeiter, der mit Gefühlen kaum klarkommt. Er beschliesst, Irene in Australien zu suchen. Er findet sie, in einem einsamen abgelegenen Haus. Todkrank. Eine zweiwöchige Odyssee durch Gegenwart, tatsächlich gelebte und mögliche Vergangenheiten beginnt. Im Laufe der Tage machen auch Gundlach und Schwind noch einmal ihre Aufwartung–

Der Erzähler macht sich im Laufe dieser Zeit viele Gedanken. Über das Alter, die Reue, die Niederlage, das Was-wäre-gewesen-wenn. Er sagt: “Ich klage nicht darüber, dass ich alt bin”, was ihn aber beschäftigt, sind all die Ungewissheiten, die grossen Fragezeichen überall.

“Wenn ich jetzt auf die Vergangenheit zurückschaue, weiss ich nicht, was Last und Geschenk war, ob der Erfolg den Preis wet war und was sich in meinen Begegnungen mit Frauen erfüllt und was sich mir versagt hat.”

Nach der Wiederbegegnung mit dem Bild weiss er plötzlich nicht mehr, was er aus seinem eigenen vergangenen Leben machen soll. Er ist, genau wie seine Antipoden Gundlach und Schwind, eingenommen von den lange zurückliegenden Ereignissen, kann sie nicht loslassen, wird durch das Auftauchen des Bildes angestachelt und schwelgt in einer Art selbstmitleidiger, negativer Nostalgie.

“Die frühen grossen Niederlagen lenken unser Leben in eine neue Richtung. Die frühen kleinen verändern uns nicht, aber begleiten und quälen uns, stets kleine Stachel im Fleisch.”

 

Wie Gérard von Pop-Polit in seiner sehr treffenden Rezension des Buches erwähnt, leidet “Die Frau auf der Treppe” bisweilen wahrlich unter den fehlenden Sympathien, die die Protagonisten zu erwecken vermögen. Irene ist die einzige halbwegs sympathische Figur, während Gundlach, Schwind und der Erzähler sich oft wie besessene, verbissene Sturköppe ohne Empathie geben. Nichtsdestotrotz vermögen einige der Fragen, die der Erzähler aufwirft das eigene Nachdenken über die richtigen und falschen Entscheidungen im Leben, den Umgang mit Niederlagen und de Vergangenheit anzuregen.

Sprachlich bleibt Schlink  auch mit mittlerweile siebzig Jahren seiner stilistischen Knappheit treu. Was etwa in seinem bekanntesten Werk “Der Vorleser” jedoch immer prägnant, auf den Punkt gebracht wirkte, erscheint in diesem – können wir es so nennen? – Alterswerk auch schonmal ziemlich spröde, eben zu knapp.

Alles in allem liefert der Autor mit “Die Frau auf der Treppe” einen gut komponierten, klaren Roman ab, der aber keinesfalls als Glanzleistung bezeichnet werden kann.

“Das Kapital bin ich” : Zu einem Essay von Hannes Grassegger (Kein & Aber, 2014)

In der spannenden Reihe Intelligent Leben von Kein & Aber erschien vor kurzem Hannes Grasseggers Essay “Das Kapital bin ich. Schluss mit der Digitalen Leibeigenschaft!”. Sechzig Seiten Polemik, zehn Seiten Zukunftsmusik und eine schwergewichtige Mittelalter-Metapher vereint der Ökonom zu einem Manifest gegen den Datenmissbrauch der quasi-monopolistischen Riesen Google, Facebook & Co. Etwas reisserisch, aber informativ und anregend. 

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Titel: Das Kapital bin ich
Autor: Hannes Grassegger
Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5698-5
Umfang: broschiert, 80 Seiten

 

Zentrales Anliegen des Textes ist es einerseits, darauf aufmerksam zu machen, dass uns die Kontrolle über persönliche Daten längst entglitten ist, andererseits uns aufzufordern, diese Kontrolle zurückzugewinnen, ja sogar Geld damit zu machen.

Die Verlockungen des Netzes sind gross, sie versprechen schnelles Auffinden, Organisieren, Verwahren von Daten, einfache Pflege von Beziehungen, usw. Und vor allem: sie sind kostenlos. Facebook, Google, Twitter, LinkedIn, Youtube – keine dieser grossen Dienstleistungen verlangt Geld von ihren Benutzern. Grund genug, misstrauisch zu sein. Grassegger kommentiert sarkastisch:

 

 

“Seien wir ehrlich: Es ist eine neue Welt. So viel geschenkt bekamen wir noch nie. Und noch dazu von Fremden. Glauben Sie an den Nikolaus?”

Natürlich ist da ein Preis, den wir, wenn auch grossteils unbemerkt, bezahlen müssen. Grassegger nennt das die Digitale Leibeigenschaft. Wie es im Mittelalter als gegeben hingenommen wurde, dass Land einem Grundherrn gehört, wird heute etwa unhinterfragt akzeptiert, “dass Facebook die Plattform besitzt, auf der alle unsere Gedanken, Gefühle und Freundeskreise versammelt sind”. An die Stelle säbelbewehrter Ritter, die Territorien bewachen, sind heute die ominösen AGBs getreten, deren Ablehnung einem jegliche digitalen Zutritte verwehrt. Das müsse (und werde) sich ändern.

Auf sechzig Seiten beschreibt Grassegger in seinem Essay durchaus polemisch und bisweilen sehr dramatisierend, aber stets kenntnisreich und leicht verständlich Geschäftsmodelle, Strategien und Machenschaften insbesondere der Internet-Giganten Facebook und Google.  Das reicht von ökonomischen Darlegungen, etwa welche Intentionen die Giganten beim Kauf von noch vollkommen unprofitablen Unternehmen zu riesigen Summen (WhatsApp, Oculus) hegen, bis hin geradezu verschwörungstheoretischen Passagen, etwa zu Googles umstrittenem DNA-Service 23andMe oder im Vergleich der Firmen mit den Geheimdiensten.

Und immer dräut im Hintergrund diese These des Verlusts: “Wir gehören uns nicht mehr.”

Was also tun? Wie können wir uns selbst zurückgewinnen? Die Lösung sieht der Autor, wie er auf den letzten zehn Seiten beschreibt, in einer Zurückhaltung und Verschlüsselung unserer Informationen. Gegen Geld könnte man dann einer interessierten Firma den Schlüssel zur Verfügung stellen. Die Technologien für diese Idee stünden angeblich bereit. Grassegger glaubt, dass schon in wenigen Jahren, niemand mehr wird glauben können, dass wir unsere Daten so leichtfertig verschenkt haben. Er wirbt jetzt schon für das Gegenteil und hält heuchlerischen Aussagen der Internetriesen ein selbstschützendes Don’t share entgegen.  Weil wir anerkennen müssen, dass die heutige Welt  unwiderlegbar “aus Bits und Atomen” bestehe, bringe die Proklamation eines Rückzugs in die Analogie rein gar nichts; vielmehr gelte es, das riesige Kapital, das in uns selbst – in den Daten, die wir preisgeben – steckt, erkennen, kennen  und letztlich kontrollieren zu lernen.

Egal, ob man der gegebenen Situation wie Grassegger mit glühender Skepsis begegnet oder unbekümmerter damit umgeht: “Das Kapital bin ich” ist ein anregender, informativer Essay, der ein bestimmendes Paradigma unseres Alltags aufgreift und kritisch beleuchtet.
Es wird sich in den kommenden Jahren zeigen, inwiefern der Trend tatsächlich in Richtung Verschlüsselung und totale Kontrolle über eigene Daten geht. Erste Personal Data Stores, die für User mit deren Daten handeln, gibt es bereits. Auch in diesem Modell geht es nicht ohne Zwischenhändler, es bleibt lediglich zu hoffen, dass diese nicht, wie Grassegger es Facebook & Co. vorwirft, auch “Seelenhändler” sind.


Weiterführend:

NZZ-Artikel von Hannes Grassegger zu verwandtem Thema: “Das Ende des Internets”

NZZ-Interview mit dem Autor über “Das Kapital bin ich”

Unsere Rezension zu einem anderen Bändchen aus der Reihe “Intelligent leben”

Rezension: Stefanie Kremser – Der Tag, an dem ich fliegen lernte (KiWi, 2014)

In ihrem dritten Roman “Der Tag, an dem ich fliegen lernte” webt die in Brasilien aufgewachsene deutsche Autorin Stefanie Kremser (*1967) die Geschichten des mutterlosen Mädchens Luisa und des von einem Ozean getrennten Dorfes Hinterdingen zu einem fesselnden Erzählteppich, der interessante Perspektiven auf die Themen Migration, Familie und Identität wirft.

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Titel: Der Tag, an dem ich fliegen lernte
Autorin: Stefanie Kremser
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04705-9
Umfang: 304 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Luisa, die Ich-Erzählerin, die retrospektiv Ereignisse ihrer Kindheit nacherzählt und -empfindet, wird am 7.9.1994 in München geboren. Nur Minuten nach der Geburt lässt ihre Mutter, die brasilianische Doktorandin Aza, sie vom Balkon des Krankenhauses fallen und verschwindet spurlos. Der Brite Fergus, der die Szene zufällig beobachtet, fängt das Neugeborene und wird zum Lebensretter. Luisas Vater Paul, fünf Jahre jünger als Aza und selbst noch Student, nimmt sowohl seine Tochter wie auch deren Schutzengel mit in seine Wohngemeinschaft, wo sie mit dem Comiczeichner Max und der verschwiegenen und verschwörerischen Irene ein chaotisches WG-Leben führen.

In diesem ärmlichen, ungeordneten und selten jugendfreien, dafür aber umso herzlicheren Umfeld wächst Luisa auf, nicht wissend, was ihre Mutter, die vermutlich wieder in ihre Heimat zurückgekehrt ist, ihr angetan hat.  Mit den Jahren aber drängen sich ihr immer mehr Fragen auf, die nach Antworten verlangen.

 

“(…) ich lernte, dass Liebe, ganz wie der Sinn des Lebens, ein ebenso ernstes und schmerzvolles Thema war wie Verlassenheit, ja, dass man lieben konnte, obwohl man verlassen worden war – und verlassen konnte, obwohl man liebte.”

Die Gewissheit, verlassen worden zu sein, und die Schlüsse, die Luisa daraus zieht, reichen nicht aus, um die Ungewissheiten zu vertreiben. Weshalb hat Aza sie bei der Geburt nicht nur verlassen, sondern vielleicht gar töten wollen? Und wo ist die unerreichbare Mutter?

Im bayrischen Dorf Hinterdingen, dem Aza Besuche abgestattet hatte, nehmen Vater und Tochter die Spurensuche auf. Im Gespräch mit den Dorfbewohnern, insbesondere der alten Anna Stangassinger, die einer der zwei dominanten Familien des Dorfes angehört, erfahren sie eine weitverzweigte amerikanisch-europäische Geschichte, die im Jahre 1893 ihren Lauf nahm. Dreiundsiebzig Hinterdingener liessen alles zurück und zogen aus, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Ein Teil von ihnen erreichte letztlich, am Ende einer dramatischen Odyssee, den brasilianischen Dschungel und erbaute dort die Ortschaft Atrás das Coisas (portugiesisch für Hinter den Dingen), eine Kopie der bayrischen Heimatgemeinde. In diesem Dorf wurde Aza geboren: sie ist eine Nachfahrin der Auswanderer, die sich inzwischen mit der indigenen Bevölkerung vermischt haben.

Mit all den Hinterdingener Geschichten, einer Adresse und der Aussicht auf ein neues Leben im Gepäck reisen Paul und Luisa nach Sao Paulo, wo ihre ganz eigene Odyssee beginnt…

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Nachdem sie zuletzt einen Kriminalroman (“Die toten Gassen von Barcelona”, 2011) und mehrere Arbeiten für den Münchener Tatort gemacht hat, kehrt Stefanie Kremser mit ihrem dritten Roman zum Grundthema des Debüts (“Postkarte aus Copacabana”, 2000) zurück: “Der Tag, an dem ich fliegen lernte” ist eine Geschichte zwischen europäischer und südamerikanischer Kultur, eine Geschichte über Migration, Wünsche, Möglichkeiten und Perspektiven des Aussteigens – mitten hinein in ein neues Leben. Der Idee für das brasilianische Hinterdingen liegt die Geschichte des peruanischen Dorfes Pozuzo zugrunde, das 1859 von Rheinländern, Tirolern und Bayern gegründet wurde: eine Insel der deutschen Sprache im Herzen Südamerikas.

Stefanie Kremser sagt, die Geschichte speise sich durchaus auch aus persönlichen Erinnerungen, sei aber “keineswegs eine autobiografische Geschichte”. Auf jeden Fall aber weiss sie, wovon sie spricht: Tochter einer deutschen Mutter und eines bolivianischen Vaters, zog sie im Alter von sieben Jahren von Deutschland nach Brasilien. Mit 20 kehrte sie (vorerst) zurück, um zu studieren. Heute lebt sie in Barcelona und Frankfurt. Es mögen auch diese persönlichen Erfahrungen mit der Migration sein, die “Der Tag, an dem ich fliegen lernte” so authentisch wirken lassen.

Des Weiteren wirft das Buch spannende Streiflichter auf eine unkonventionelle Familiensituation, bei der sich die Rollen von Mutter und Vater, wie sie generell definiert werden, bisweilen  gänzlich aufzulösen scheinen. Ausserordentlich ist hier die Figur Luisa, die der entsetzlichen Tat ihrer Mutter mit mehr Neugierde denn Wut begegnet. Mit erstaunlicher Gelassenheit empfindet sie, rückblickend erzählend, den Wurf vom Balkon nicht als Verbrechen, sondern als Befreiung. Ihrem persönlichen Glück stand ,trotz einer Menge ungünstiger Vorzeichen, nichts im Wege.

Rezension: Mia Couto – Das Geständnis der Löwin (Unionsverlag 2014 [2012])

“Das Geständnis der Löwin”, der bislang letzte Roman des mosambikanischen Autors Mia Couto (*1955), führt den Leser ins Dorf Kulumani, das von menschenfressenden Löwen terrorisiert wird. Dabei sind die hungrigen Raubkatzen kaum der grösste Schrecken, der das Dorf peinigt. Düstere Geheimnisse und Gelüste brodeln unter der bröckelnden Oberfläche…

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Titel: Das Geständnis der Löwin
Original: A Confissão da Leoa (2012)
Autor: Mia Couto
Übersetzung: Karin von Schweder-Schreiner
Verlag: Unionsverlag
ISBN: 3-293-00476-8
Umfang: 280 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Aus zwei Perspektiven wird die Geschichte des Dorfes Kulumani mit all seinen von Generation zu Generation weitergegebenen “Illusionen und Gewissheiten” erzählt: Kapitel stehen abwechslungsweise unter der Überschrift ‘Mariamars Version’ respektive ‘Tagebuch des Jägers’.

Mariamar ist ein Mädchen aus Kulumani, deren Schwester soeben von einem der Löwen getötet wurde. Ihre Mutter Hanifa Assulua, die früher schon Töchter verloren hatte, ist voll von stummen, unter dem Mantel des Gehorsams verborgenen Rachegelüsten. Deren Ziel ist unter anderem ihr Mann Genito Mpepe, ein gewalttätiger alkoholabhängiger Vergewaltiger, Inbegriff der patriarchalen, von teils brutalen Traditionen geprägten Gesellschaft Kulumanis. Inmitten dieser Gewalt führt Mariamar ihr Dasein, gebeutelt von unerklärlichen Krankheiten, gestärkt von der Kraft der Worte, die sie in Form eines Tagebuchs anwendet, und einer unausweichlichen Gewissheit: “Nur kleine Anfälle von Verrücktheit können uns vor der grossen Verrücktheit bewahren.”

Der Jäger auf der anderen Seite, mit Namen Arcanjo Baleiro, kommt aus der Stadt und wird gemeinsam mit dem Schriftsteller Gustavo Regalo geschickt, die Löwen zu erlegen.  Grosses Misstrauen brandet den Ankömmlingen entgegen. Manche im Dorf glauben nicht, dass Baleiro die Löwen erlegen kann, während manche nicht einmal glauben, dass es die Löwen gibt… Der Jäger, seinerseits im steten Kampf mit seiner Kunst, einer unerwiderten Liebe und traumatischen Erinnerungen, hält ebenfalls in einem Tagebuch fest, was ihm im Dorf widerfährt. In einem Dorf, in dem er vor langer Zeit schon einmal war, sich aber kaum an den Aufenthalt erinnern kann – ganz im Gegensatz zu Mariamar, der er damals begegnet ist, und die ihn nie vergessen hat…

So pendelt “Das Geständnis der Löwin” zwischen Liebesgeschichte, sozio-politischem Dorfthriller und mystischer Sagenwelt. Wie in den meisten seiner Werke gelingt es Mia Couto auch in diesem Roman ausgezeichnet, die Tatsachen der afrikanischen Welt dem nicht-afrikanischen Lesepublikum zu öffnen. Es ist eine Welt, in der  die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit oftmals unkenntlich werden, eine Welt, in der Löwinnen Menschen “respektvoll wie eine Schwester” grüssen, und vor allem eine Welt, in der Lebende und Tote nebeneinander existieren. Wobei das Wort der Toten mehr Gewicht hat, als das mancher Lebenden. Mariamars Grossvater Adjiru sagt:

“Was ich glaube, spielt keine Rolle. Was die Toten glauben, darauf kommt es an.”

Und Arcanjos seit langer Zeit in einem Heim lebender, der Realität scheinbar entrückter Bruder Rolando behauptet:

“Der Tote bleibt anwesend, die ganze Vergangenheit gehört ihm. Die einzige Möglichkeit, nicht mehr da zu sein, ist der Wahnsinn. Nur der Wahnsinnige wird abwesend.”

 

In diese Welt, wo dem Wort der Toten grösste Bedeutung beigemessen wird, eine lebende Frau aber ein Niemand ist, dringen die Löwen ein. Was genau sie repräsentieren, wer sie schickt, was sie verändern und letztlich: wer sie sind, darum dreht sich dieser packende, vielfältig interpretierbare Roman. Vom ersten Satz – “Gott war einmal eine Frau” – bis zum titelgebenden Geständnis weiss der Roman zu überzeugen. Mia Couto hat mit “Das Geständnis der Löwin” sein umfangreiches Werk um einen abermals eindrücklichen Text erweitert.


Hier geht’s zu unserer Rezension von Coutos Debüt “Das schlafwandelnde Land”.

Rezension: Alexander Kluy – Der Eiffelturm (Matthes & Seitz, 2014)

Mit “Der Eiffelturm. Geschichte und Geschichten.” legt Alexander Kluy eine weitgreifende, wissenschaftlich fundierte Kulturgeschichte der weltbekannten Pariser Stahlkonstruktion vor. Eine gewagte These liegt ihr zugrunde: “Den Eiffelturm gibt es nicht.”

Gemeint ist damit, dass sich der für die Weltausstellung 1889 erbaute Turm nicht einfach als Turm begreifen lässt, sondern als Schnittstelle der “diskursiven Vorstellungen” unterschiedlichster Gebiete. Lokale und internationale Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Kunst. Er ist einer der wichtigsten “Kristallisationskerne kollektiver Einbildungskraft” der Neuzeit.

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Titel: Der Eiffelturm. Geschichte und Geschichten.
Autor: Alexander Kluy
Verlag: Matthes & Seitz
ISBN: 978-3-88221-384-3
Umfang: 351 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Alexander Kluy gliedert seine Kulturgeschichte in fünfzehn übersichtliche Kapitel, die sich zunächst den Pariser Weltausstellungen (neben 1889 auch 1798, 1851, 1855, 1867, 1878, 1900, 1925, 1937) und ausführlich dem Leben des Turmvaters Gustave Eiffel widmen. Unter anderem zeigen Auszüge aus einem Dokument hier, dass dem Namensgeber bei der ‘Geburt’ des Turmes “lediglich eine nachgeordnete Rolle” zukam. Leben und Wirken Eiffels sowie Paris / Frankreich zu Zeiten seiner Weltausstellungen füllen die ersten acht Kapitel. Ein Kampf zwischen Anhängern (häufig Wissenschaftler)  und Gegnern (häufig Künstler) des Turmes gewährt interessante Einblicke in den Zustand der Nation im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Anekdoten und Weltgeschichte verwebt Kluy geschickt zu einem stimmigen Ganzen, das  Skurriles aufnimmt, ohne zum reinen Kuriositätenkabinett zu werden, und Weltgeschichte reflektiert, ohne ödes Lehrwerk zu sein.

Das neunte Kapitel – “Hitler und der Turm” – zeigt auf , wie der Eiffelturm als Machtmittel missbraucht wurde. Der Vergleich zweier bekannter Fotografien – Hitler mit dem Rücken zum Turm (1940) sowie Adenauer und François-Poncet auf den Turm zugehend (1951) – erweist sich hier als Glücksgriff zur Illustration der gewaltigen Symbolkraft des Eiffelturms.

Die Kapitel 10 bis 13 sind den Künsten gewidmet, die sich schon von allem Anfang an mit dem Eiffelturm  befasst haben. Besprochen werden die Malerei, die Fotografie, der Film und die Litertatur. Fotografen wie Pierre Petit hatten bereits vor Baubeginn mit der Dokumentation des Projekts begonnen, hatten Bilder des noch ruhigen Marsfeldes erstellt.  Und auch die Malerei, beispielsweise Marc Mouclier 1888, begann mit ihrer Bearbeitung des Themas schon vor der eigentlichen Eröffnung.  Film und Literatur gesellten sich dazu. Der Dadaismus hatte etwas zum Thema zu sagen. Und natürlich der omnipräsente Jean Cocteau, der unter anderem auch dafür plädierte, den Turm grün zu färben.

Derlei Kuriosa sind unter anderem im vierzehnten und (bis auf das Schlusswort) letzten Kapitel  –  “Die Mythen der ‘Dame de fer'” – versammelt: von Betrügern, die den Eiffelturm verkauft haben, ist die Rede; von einem Zirkuselefanten, der bis in den ersten Stock gestiegen ist, von Treppensteig-Meisterschaften und todesmutigen Ballonfahrern…

Hunderte von Fussnoten und eine ausführliche Bibliographie befinden sich im Anhang: Alexander Kluy, seines Zeichens bisher Herausgeber verschiedener Anthologien, kulturgeschichtlicher Beiträge und der Reihe “Wiener Literaturen”, arbeitet wissenschaftlich präzis, detailreich, mit einem Flair für’s Geschichtenerzählen, wie es ein derartiges Buch auch nötig hat. Zusätzlich unterstützen 36 Abbildungen den Text. Eine klassische Form des Unterhaltens und Belehrens wird angestrebt und erreicht. Die Sprache des Autors ist elegant, gelehrt, manchmal vielleicht zu sehr darauf bedacht einen grossen Wortschatz zu präsentieren (“perhorreszierend”, “eine jokose Bemerkung” – das verzeiht man höchstens Thomas Mann, wenn überhaupt).

An einer Stelle wird eine Schätzung zitiert, die die Anzahl der Bücher, die über Paris geschrieben wurden, mit 200 000 beziffert. Die Schätzung bezieht sich auf das Jahr 1921. Es lässt sich nur hochrechnen, wie viele Paris-Bücher es heute gibt. Fest steht: Alexander Kluys “Der Eiffelturm. Geschichte und Geschichten.” ist eines der lesenswerten.

Ciarán Collins: “Tausend Worte” – Der Soundtrack.

ciaranWie unserer Rezension zu Ciarán Collins Romandebüt “Tausend Worte”  bereits zu entnehmen war, spielen die (Pop)musik und ihre Texte in dem irischen Jugenddrama eine gewichtige Rolle. Die Songs, für deren Lyrics im Buch jeweils freie Zeilen zur Verfügung gestellt sind, bilden einen sehr stimmungsvollen Soundtrack, der die Geschehnisse und Emotionen der Geschichte gut wiederzugeben vermag. Wir haben ihn für euch zusammengestellt – als Untermalung der Lektüre oder einfach so, zum vom Text unabhängigen Hörgenuss:

(Ein Link zu den Lyrics befindet sich jeweils unter der Tonspur.)

Soundtrack “Tausend Worte” (“The Gamal”) 2014

Neil Young – Out On The Weekend

Van Morrison – Country Fair

Elvis Presley – Blue Moon

Michael Jackson – You Are Not Alone

Bob Dylan – Last Thoughts On Woody Guthrie (Gedicht)

Lionel Richie – Love Oh Love

The Pogues & Kirsty MacColl – Fairytale of New York

Cyndi Lauper – Time After Time

John Lee Hooker – Don’t Look Back

Nina Simone – For All We Know

Randy Sparks – Today

Tim Buckley – Valentine

The Frank And Walters – This Is Not A Song

Mönche von Taizé – Les Béatitudes

Rezension: Ciarán Collins – Tausend Worte (Berlin-Verlag, 2014 [2013])

Das Debüt des jungen Iren Ciarán Collins (*1977), “Tausend Worte”, ist eine packende Mischung aus Dorfgeschichte, Liebesdrama und Coming-of-Age-Roman – unkonventionell erzählt von einer Figur, die unzuverlässiger kaum sein könnte.

“Ihr werdet mich nicht mögen. Vor allem, weil ihr wisst, dass es mir egal ist, ob ihr mich mögt oder nicht, und so was kommt nicht gut, oder? Manche sagen vielleicht, dass es ihnen gefällt, aber das stimmt nicht. Es bedeutet nichts, was jemand sagt, denn es könnte ja auch gelogen sein. Ich werde die ganze Zeit die Wahrheit sagen.”

Mit diesen Worten führt sich der Ich-Erzähler dieser Geschichte, Charlie McCarthy, selbst ein. Er ist fünfundzwanzig, stammt aus dem irischen Dorf Ballyronan, wo er seine ganze Jugend verbracht hat. Er ist der “gamal” des Ortes (daher der Originaltitel des Romans: “The Gamal”): der Dorftrottel. Sein “Gehirnklempner” Dr. Quinn hat ihm den Auftrag erteilt, jeden Tag tausend Worte zu schreiben, seine Geschichte schreibend aufzuarbeiten. Charlie ist gänzlich unwillig zu schreiben, tut es aber dennoch. Den Vorurteilen, die ihm entgegengebracht werden, begegnet er mit einer Fassade der Dorftrottelei, hinter der sich aber, wie etwa sein unterschwelliger Humor zeigt, ein durchaus wissender junger Mann verbirgt. Einer, dem man nicht alles glauben sollte. Ein klassischer “unzuverlässiger Erzähler”, um in literaturwissenschaftlichen Kategorien zu sprechen.

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Titel: Tausend Worte
Original: The Gamal (2013)
Autor: Ciarán Collins
Übersetzung: Gabriele Haefs
Verlag: Berlin-Verlag
ISBN: 978-3-8270-1190-9
Umfang: 448 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Was er zu erzählen hat, sind zunächst einmal eine  ganze Menge von Szenen aus dem Dorfleben, geschehen fünf  oder mehr Jahre vor der Niederschrift. Insbesondere beschreibt er alltägliche Begebenheiten innerhalb der Clique, mit der er sich rumtrieb. Während die Trinker Dinky, Snoozie, Teesh und Racey ihn als Idioten eher verspotten, akzeptieren ihn Sinéad und ihr Freund James – die Hauptcharaktere der Handlung, die Epizentren, um die sich Charlies Leben dreht – als Freund. James Kent ist ein reicher, sportlicher Protestant, der mit seiner Familie von ausserhalb in die Gegend zog, und somit Eifersucht und Neid auf sich zieht. Seine Freundin Sinéad ist eine bildschöne, aufreizende junge Frau, die mit der Stimme eines Engels gesegnet ist. Und engelsgleich, so stellt Charlie sie auch dar; sie, die als Einzige erkannt haben will, dass er kein “gamal” ist; sie, für die er alles tun würde – vielleicht auch der Wahrheit etwas nachhelfen? Oder gar noch Schlimmeres?

Bald wird nämlich klar, dass etwas Schlimmes geschehen sein muss. Charlie durchmengt seine Erzählung mit Protokollen aus einem Gerichtsprozess, in dem all diese Figuren ihre Aussagen tätigen. Selbst schweift er immer wieder ab, widmet sich, anstatt die Geschichte voranzutreiben, detailreichen Schilderungen des Lebens, das er mit James und Sinéad geführt hat, referiert über Songs, die sie gemeinsam gehört haben, fügt Zeichnungen und Fotografien in den Text ein. Es dauert mehr als 250 Seiten bis schliesslich Licht in die dunkle Vergangenheit gebracht wird: ein Eifersuchtsdrama von Shakespear’schen Ausmassen offenbart sich. Lügen, Missverständnisse, Intrigen, Gewalt und Tod zeigen ihre hässlichen Gesichter und beschreiben auf brutalste Weise den Niedergang des einstmals, zumindest an der Oberfläche, feucht-fröhlichen Dorftreibens…

Dass es trotz aller Abschweifungen auch in den ersten zwei Dritteln des Buches nicht langweilig wird, liegt an der durchgehend schnoddrigen, launigen Erzählstimme von Charlie, der kein Blatt vor den Mund nimmt – obschon auch ihm bisweilen die Worte zu fehlen scheinen. Oder ihm Übelkeit verursachen:

“Eben habe ich Kaffee und Plätzchen erbrochen. Ich glaube, das kam davon, dass ich diese Wörter im Wörterbuch nachgeschaut habe. Es ist widerlich, was manche Wörter über uns sagen, oder? Und dass wir auf sie angewiesen sind, und doch reden sie alle über Freiheit. Und alles schmeckt besser als Kotze. Sogar Senf.”

 

Diese Ohnmacht im Angesicht der Worte hatte auch schon Sinéad befallen (“…der Sprache fehlen die Worte, verstehst du?”) und ist ein spannendes, öfter wiederkehrendes Motiv. Bezeichnenderweise stehen immer da, wo Charlie die Worte wichtig wären,  nur leere Zeilen: “Dr. Quinn hat mit den Juristen geredet (…), und die sagen, dass ich den Leuten, die die Lieder geschrieben haben, Millionen bezahlen muss, um die Texte in mein Buch aufnehmen zu dürfen.” Es handelt sich um Songtexte, die er, gemeinsam mit der zugehörigen Musik, als essenzielle Bestandteile der Welt von Sinéad und James bezeichnet.  Auch die Musik, in ihrer Beziehung zur Sprache und unabhängig davon, ist ein zentrales Thema des Buches.

Mit “Tausend Worte” liefert Ciarán Collins ein überzeugendes Debüt ab, das in seinen schwächsten Momenten vielleicht belanglos genannt werden könnte, in seinen stärksten aber regelrecht aufwühlend ist. Und am Schluss einige Fragen im Raum stehen lässt, insbesondere diejenige, wer denn nun genau welche Schuld auf sich zu nehmen hat.


Anmerkung zur Übersetzung: Gabriele Haefs ist es gelungen, einen aufgrund seiner derben, vulgären Sprache sicherlich nicht leicht übertragbaren Text, in ein ähnlich kräftiges Deutsch zu übersetzen, das zu keiner Zeit peinlich oder bemüht wirkt, so dass Charlie und die restliche Besetzung auch übersetzt glaubhafte, charakterstarke Dorfjugendliche abgeben.

“Wir sind nicht die andern”: Gedanken zu Hermann Burger

Im Februar diesen Jahres erschien bei Nagel & Kimche eine achtbändige Werkausgabe des Schweizer Schriftstellers, Germanisten und Kritikers Hermann Burger, herausgegeben von Simon Zumsteg. Die umfangreiche Edition ruft, rechtzeitig zu dessen fünfundzwanzigstem Todestag, einen beinahe der Vergessenheit anheim gefallenen Autoren wieder ins Gedächtnis. – Einige Gedanken zu Leben und Schaffen des Immer-Anderen:

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Der Protagonist der Erzählung “Der Puck” möchte mit seinen Freunden Eishockey spielen, der Vater aber verwehrt ihm die dafür nötige Ausrüstung. Sie seien eben nicht die andern, sagt er. Wer nicht “die andern” ist, der ist eben der Andere, der Aussenseiter, der Einzelgänger. Dieser ist der klassische Burger-Typus. Einer “aus dem Geschlecht der Geschlagenen und der Gezeichneten, der Gejagten und der Getriebenen und also der ewigen, der vielleicht unheilbaren Monomanen”, wie Burgers Freund und Förderer Marcel Reich-Ranicki über den Autor selbst einmal schrieb.

 

“Immer hiess es: wir sind nicht die andern. Und zu spüren, dass wir nicht die andern waren, bekam ich es, einzig und allein ich.”1

 

Ausgestossene sind sie, seine Protagonisten, Vereinsamte und Patienten, gar “Omnipatienten”. Patienten, wie auch Burger selbst einer war: jahrelang litt er an Depressionen, am 28. Februar 1989 nahm er sich im Alter von sechsundvierzig Jahren  mit einer Überdosis Schlafmittel das Leben.  Zwei Tage zuvor hatte er in einem Interview gesagt:  “Der Tod ist nah, näher als auch schon.” Seine Helden – Wolfram Schöllkopf (“Die künstliche Mutter”, 1982), Peter Stirner (“Schilten”, 1976) – kranken an allem, an der Sexualität, der Familie, dem Schreiben und auch an der Heimat resp. der Schweizerischen Heimattümelei. Krankheit entsteht aus Kränkung, im Falle von Schöllkopf etwa dem Entzug des universitären Lehrauftrags – doch aus dem Schock, aus der Erniedrigung geht letztlich auch die Kunst hervor. In “Die künstliche Mutter” wird Hesses “Der Steppenwolf” zitiert: Die Schizophrenie sei der Anfang aller Kunst, heisst es da.  Burgers Kunst war das Schreiben, ein wortreiches, opulentes, virtuoses Schreiben, “Schreiben als Existenzform” lautete der Titel einer seiner Reden. Schreiben und Rauchen waren die beiden zentralen Lebensinhalte des Autors, er schreibe quasi nach dem Aroma des Stumpens, sagte er im oben bereits zitierten letzten Interview vom 26.2.1989. “Schreibend-Sein ist eine Stilform, der Realität zu begegnen”, sagte er in der bereits erwähnten Rede – und schrieb diese Lebensform auch gleich seinen Romanfiguren mit ein, etwa dem Peter Stirner aus “Schilten”: der “eigentlich nur das  [ist], was er da schreibt”, wie Philipp Theisohn in einer Besprechung mit Recht feststellte.

Hermann Burger: der sprachgewaltige writer’s writerwie Nagel&Kimche-Verleger Dirk Vaihinger ihn nennt, einer der grossen Aussenseiter der Schweizer Literatur, vergleichbar etwa mit  Albin Zollinger, beinahe verloren im “Schaumbad des Kulturgeflüsters”, ein grossmütiger Geist, der das politische und kulturelle Leben seiner Zeit durchleuchtet und stets hinterfragt hat. “Im Gespräch zu sein stelle ich mir etwa so vor, dass man in einer Badewanne voller Schaum und ohne Wasser sitzt”, schrieb Burger einmal. Gewünscht hätte er sich, anstatt des Gesprächs, in dem alle auf einmal reden, einen Dialog nicht über, sondern aufgrund eines Werks. Es ist zu hoffen, dass die neue Werkausgabe viele Dialoge “zwischen Leser und Autor”, wie Burger sich das wünschte, aber auch zwischen Leser und Leser, entstehen mögen.

 

 


1. Hermann Burger. Der Puck. Erzählungen. Mit einem Nachwort von Adolf Muschg. Stuttgart: Reclam 1989.

Rezension: Hugh Howey – Silo (Piper 2014 [2011])

Ursprünglich veröffentlichte der Amerikaner Hugh C. Howey “SILO” (Original: “Wool”) als abgeschlossene Kurzgeschichte verlagsunabhängig über Amazons “Kindle Direct Publishing”. Weil sich eine stetig wachsende Fangemeinde für die postapokalyptische Welt von Silo zu begeistern vermochte, schrieb Howey weiter. Mittlerweile existieren neun Teile, deren erste fünf im vorliegenden “SILO” zusammengefasst sind. Es ist solide dystopische Spannungsliteratur mit dem einen oder anderen handwerklichen Makel. 

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Titel: Silo
Original: Wool (2011)
Autor: Hugh Howey
Übersetzung: Gaby Wurster, Johanna Nickel
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05585-7
Umfang: 544 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag oder TB

Seit hunderten von Jahren leben die Menschen nicht mehr an der Erdoberfläche, sondern in gigantischen, einhundertvierundvierzig Etagen tiefen Silos im Erdinnern. Was von der alten, nun vergifteten Welt noch übrig geblieben ist, kennen sie nur von den Bildern der Kameras am äusseren Deckel des Silos. Fragen nach der Vergangenheit sind nicht erlaubt, “Ideen sind ansteckend” – und somit als Krankheit zu behandeln -, wie Bernard sagt. Er ist der diabolische Chef der IT-Abteilung, die (heimlich) die Geschicke des Silos bestimmt.

Im ersten Teil des Buches wird die Geschichte von Silo-Sheriff Holston, dessen Frau Allison einer grossen Verschwörung auf der Spur war. Sie hat sich freiwillig zur Reinigung der Kameralinsen – trotz Schutzanzügen gleichzusetzen mit dem sicheren Erstickungstod in der verpesteten Aussenwelt – gemeldet. Überzeugt, dass den Silo-Bewohnern die Unbewohnbarkeit der oberirdischen Welt nur vorgegaukelt wird, hat sie sich in ihren Tod gestürzt. Drei Jahre später ist Holston, auch wenn die Bilder, die die Kameras ins Silo projizierten, das Gegenteil zeigen, nicht überzeugt vom Tod seiner Frau. Auch er meldet sich zur Reinigung; geht raus, schrubbt die Linsen, läuft davon – und stirbt.

Der zweite Teil widmet sich der Reise, die Mayor Jahns und Deputy Marnes in den untersten Teil des Silos, die Mechanik, unternehmen, um den potenziellen neuen Sheriff – Juliette “Jules” Nichols – zu besuchen und vom Annehmen der neuen Aufgabe zu überzeugen. Der Silo kann nur über lange Wendeltreppen bereist werden, so dass es mehrere Tage von zuoberst nach ganz unten dauert. Juliette nimmt den Posten an, untersucht den Fall Holstons und gerät ebenfalls auf die Spur der Verschwörung. Dies wiederum stösst Bernard, der nach Mayor Jahns’ Tod offizieller Machthaber ist, sauer auf. Er lässt Juliette festnehmen und auch sie wird zur Reinigung geschickt.

Im Gegensatz zu allen Reinigenden davor aber, verweigert sie das Putzen der Linsen mit den Wollepads (daher der Originaltitel “Wool”) und stürzt sich in ihrem Schutzanzug sogleich über die Hügel in die angrenzende Stadt. Tatsächlich ist alles hier so giftig und unbewohnbar, wie es im Silo gesagt wird. Zu ihrer Überraschung aber stösst Juliette auf einen zweiten Silo, in den sie eindringt. Auf den ersten Blick scheint er verlassen… Im anderen Silo beginnt unterdessen die Revolte: die Mechaniker – Juliettes “Familie” – stürmen von unten nach oben, während ihr Freund Lukas in die Fänge Bernards gelangt…

***

Hugh Howey ist ein Autor, der Texte am Laufmeter produziert. Auf seiner Website lassen sich in einer Spalte am linken Rand die Titel einsehen, an denen er gerade arbeitet; inklusive eines wortgenauen Zählers, der angibt wie viel Prozent eines Textes bereits vollendet sind. Literatur als Ware: für Diskussionsstoff ist also bereits durch seine Arbeitsweise gesorgt.

Es liesse sich etwa folgender Vorwurf vorbringen: wer an mehreren Texten gleichzeitig arbeitet und neue Geschichten wie am Fliessband auf den Markt bringt, nimmt sich nicht die nötige Zeit, um den Inhalten die nötige Tiefe zu geben. Und tatsächlich findet sich dieser Vorwurf in “Silo” bisweilen bestätigt. Einige Rezensenten, etwa auf Dystopische Literatur, zeigten sich von SILO ungleich begeisterter als wir, verglichen gar mit Horror-Grossmeister Stephen King, der sich ja auch schon mit solch abgeschotteten Alles-unter-einem-Dach-Welten auseinandergesetzt hat. Ich finde, das Lob greift zu weit.  Die Geschichten sind zweifellos spannend, die postapokalyptische Szenerie und der Weg, der die Menschheit in die Silos geführt hat, regt viele Gedanken an. Allerdings sind viele Dinge dieser Welt nur in Grundzügen gezeichnet, vieles bleibt oberflächlich, einiges mangelhaft erklärt (Warum gibt es im Silo nur Treppen und keine Aufzüge?). Die Figuren sind zwar  zumeist gut gezeichnet, haben markante Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, problematisch ist jedoch, dass diesen Figuren fixfertige Probleme vorgesetzt werden, bei deren Lösung sich besagte Charakterzüge kaum je zeigen. So kommt es, dass einige der prägenden Figuren – etwa Lukas Kyle oder auch Bernard – letztlich doch flach rüberkommen. Eigenständigere Charaktere und besser ausgearbeitete Konflikte wären wünschenswert gewesen. Aber: “SILO” (“Wool”) ist nicht der Schluss der Reihe; in englischer Sprache existieren bereits zwei weitere Bände, “Shift” und “Sand”, so dass die Hoffnung auf mehr Erklärungen und stärkere Figuren erhalten bleibt.