“Das Kapital bin ich” : Zu einem Essay von Hannes Grassegger (Kein & Aber, 2014)

In der spannenden Reihe Intelligent Leben von Kein & Aber erschien vor kurzem Hannes Grasseggers Essay “Das Kapital bin ich. Schluss mit der Digitalen Leibeigenschaft!”. Sechzig Seiten Polemik, zehn Seiten Zukunftsmusik und eine schwergewichtige Mittelalter-Metapher vereint der Ökonom zu einem Manifest gegen den Datenmissbrauch der quasi-monopolistischen Riesen Google, Facebook & Co. Etwas reisserisch, aber informativ und anregend. 

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Titel: Das Kapital bin ich
Autor: Hannes Grassegger
Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5698-5
Umfang: broschiert, 80 Seiten

 

Zentrales Anliegen des Textes ist es einerseits, darauf aufmerksam zu machen, dass uns die Kontrolle über persönliche Daten längst entglitten ist, andererseits uns aufzufordern, diese Kontrolle zurückzugewinnen, ja sogar Geld damit zu machen.

Die Verlockungen des Netzes sind gross, sie versprechen schnelles Auffinden, Organisieren, Verwahren von Daten, einfache Pflege von Beziehungen, usw. Und vor allem: sie sind kostenlos. Facebook, Google, Twitter, LinkedIn, Youtube – keine dieser grossen Dienstleistungen verlangt Geld von ihren Benutzern. Grund genug, misstrauisch zu sein. Grassegger kommentiert sarkastisch:

 

 

“Seien wir ehrlich: Es ist eine neue Welt. So viel geschenkt bekamen wir noch nie. Und noch dazu von Fremden. Glauben Sie an den Nikolaus?”

Natürlich ist da ein Preis, den wir, wenn auch grossteils unbemerkt, bezahlen müssen. Grassegger nennt das die Digitale Leibeigenschaft. Wie es im Mittelalter als gegeben hingenommen wurde, dass Land einem Grundherrn gehört, wird heute etwa unhinterfragt akzeptiert, “dass Facebook die Plattform besitzt, auf der alle unsere Gedanken, Gefühle und Freundeskreise versammelt sind”. An die Stelle säbelbewehrter Ritter, die Territorien bewachen, sind heute die ominösen AGBs getreten, deren Ablehnung einem jegliche digitalen Zutritte verwehrt. Das müsse (und werde) sich ändern.

Auf sechzig Seiten beschreibt Grassegger in seinem Essay durchaus polemisch und bisweilen sehr dramatisierend, aber stets kenntnisreich und leicht verständlich Geschäftsmodelle, Strategien und Machenschaften insbesondere der Internet-Giganten Facebook und Google.  Das reicht von ökonomischen Darlegungen, etwa welche Intentionen die Giganten beim Kauf von noch vollkommen unprofitablen Unternehmen zu riesigen Summen (WhatsApp, Oculus) hegen, bis hin geradezu verschwörungstheoretischen Passagen, etwa zu Googles umstrittenem DNA-Service 23andMe oder im Vergleich der Firmen mit den Geheimdiensten.

Und immer dräut im Hintergrund diese These des Verlusts: “Wir gehören uns nicht mehr.”

Was also tun? Wie können wir uns selbst zurückgewinnen? Die Lösung sieht der Autor, wie er auf den letzten zehn Seiten beschreibt, in einer Zurückhaltung und Verschlüsselung unserer Informationen. Gegen Geld könnte man dann einer interessierten Firma den Schlüssel zur Verfügung stellen. Die Technologien für diese Idee stünden angeblich bereit. Grassegger glaubt, dass schon in wenigen Jahren, niemand mehr wird glauben können, dass wir unsere Daten so leichtfertig verschenkt haben. Er wirbt jetzt schon für das Gegenteil und hält heuchlerischen Aussagen der Internetriesen ein selbstschützendes Don’t share entgegen.  Weil wir anerkennen müssen, dass die heutige Welt  unwiderlegbar “aus Bits und Atomen” bestehe, bringe die Proklamation eines Rückzugs in die Analogie rein gar nichts; vielmehr gelte es, das riesige Kapital, das in uns selbst – in den Daten, die wir preisgeben – steckt, erkennen, kennen  und letztlich kontrollieren zu lernen.

Egal, ob man der gegebenen Situation wie Grassegger mit glühender Skepsis begegnet oder unbekümmerter damit umgeht: “Das Kapital bin ich” ist ein anregender, informativer Essay, der ein bestimmendes Paradigma unseres Alltags aufgreift und kritisch beleuchtet.
Es wird sich in den kommenden Jahren zeigen, inwiefern der Trend tatsächlich in Richtung Verschlüsselung und totale Kontrolle über eigene Daten geht. Erste Personal Data Stores, die für User mit deren Daten handeln, gibt es bereits. Auch in diesem Modell geht es nicht ohne Zwischenhändler, es bleibt lediglich zu hoffen, dass diese nicht, wie Grassegger es Facebook & Co. vorwirft, auch “Seelenhändler” sind.


Weiterführend:

NZZ-Artikel von Hannes Grassegger zu verwandtem Thema: “Das Ende des Internets”

NZZ-Interview mit dem Autor über “Das Kapital bin ich”

Unsere Rezension zu einem anderen Bändchen aus der Reihe “Intelligent leben”

Rezension: Stefanie Kremser – Der Tag, an dem ich fliegen lernte (KiWi, 2014)

In ihrem dritten Roman “Der Tag, an dem ich fliegen lernte” webt die in Brasilien aufgewachsene deutsche Autorin Stefanie Kremser (*1967) die Geschichten des mutterlosen Mädchens Luisa und des von einem Ozean getrennten Dorfes Hinterdingen zu einem fesselnden Erzählteppich, der interessante Perspektiven auf die Themen Migration, Familie und Identität wirft.

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Titel: Der Tag, an dem ich fliegen lernte
Autorin: Stefanie Kremser
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04705-9
Umfang: 304 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Luisa, die Ich-Erzählerin, die retrospektiv Ereignisse ihrer Kindheit nacherzählt und -empfindet, wird am 7.9.1994 in München geboren. Nur Minuten nach der Geburt lässt ihre Mutter, die brasilianische Doktorandin Aza, sie vom Balkon des Krankenhauses fallen und verschwindet spurlos. Der Brite Fergus, der die Szene zufällig beobachtet, fängt das Neugeborene und wird zum Lebensretter. Luisas Vater Paul, fünf Jahre jünger als Aza und selbst noch Student, nimmt sowohl seine Tochter wie auch deren Schutzengel mit in seine Wohngemeinschaft, wo sie mit dem Comiczeichner Max und der verschwiegenen und verschwörerischen Irene ein chaotisches WG-Leben führen.

In diesem ärmlichen, ungeordneten und selten jugendfreien, dafür aber umso herzlicheren Umfeld wächst Luisa auf, nicht wissend, was ihre Mutter, die vermutlich wieder in ihre Heimat zurückgekehrt ist, ihr angetan hat.  Mit den Jahren aber drängen sich ihr immer mehr Fragen auf, die nach Antworten verlangen.

 

“(…) ich lernte, dass Liebe, ganz wie der Sinn des Lebens, ein ebenso ernstes und schmerzvolles Thema war wie Verlassenheit, ja, dass man lieben konnte, obwohl man verlassen worden war – und verlassen konnte, obwohl man liebte.”

Die Gewissheit, verlassen worden zu sein, und die Schlüsse, die Luisa daraus zieht, reichen nicht aus, um die Ungewissheiten zu vertreiben. Weshalb hat Aza sie bei der Geburt nicht nur verlassen, sondern vielleicht gar töten wollen? Und wo ist die unerreichbare Mutter?

Im bayrischen Dorf Hinterdingen, dem Aza Besuche abgestattet hatte, nehmen Vater und Tochter die Spurensuche auf. Im Gespräch mit den Dorfbewohnern, insbesondere der alten Anna Stangassinger, die einer der zwei dominanten Familien des Dorfes angehört, erfahren sie eine weitverzweigte amerikanisch-europäische Geschichte, die im Jahre 1893 ihren Lauf nahm. Dreiundsiebzig Hinterdingener liessen alles zurück und zogen aus, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Ein Teil von ihnen erreichte letztlich, am Ende einer dramatischen Odyssee, den brasilianischen Dschungel und erbaute dort die Ortschaft Atrás das Coisas (portugiesisch für Hinter den Dingen), eine Kopie der bayrischen Heimatgemeinde. In diesem Dorf wurde Aza geboren: sie ist eine Nachfahrin der Auswanderer, die sich inzwischen mit der indigenen Bevölkerung vermischt haben.

Mit all den Hinterdingener Geschichten, einer Adresse und der Aussicht auf ein neues Leben im Gepäck reisen Paul und Luisa nach Sao Paulo, wo ihre ganz eigene Odyssee beginnt…

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Nachdem sie zuletzt einen Kriminalroman (“Die toten Gassen von Barcelona”, 2011) und mehrere Arbeiten für den Münchener Tatort gemacht hat, kehrt Stefanie Kremser mit ihrem dritten Roman zum Grundthema des Debüts (“Postkarte aus Copacabana”, 2000) zurück: “Der Tag, an dem ich fliegen lernte” ist eine Geschichte zwischen europäischer und südamerikanischer Kultur, eine Geschichte über Migration, Wünsche, Möglichkeiten und Perspektiven des Aussteigens – mitten hinein in ein neues Leben. Der Idee für das brasilianische Hinterdingen liegt die Geschichte des peruanischen Dorfes Pozuzo zugrunde, das 1859 von Rheinländern, Tirolern und Bayern gegründet wurde: eine Insel der deutschen Sprache im Herzen Südamerikas.

Stefanie Kremser sagt, die Geschichte speise sich durchaus auch aus persönlichen Erinnerungen, sei aber “keineswegs eine autobiografische Geschichte”. Auf jeden Fall aber weiss sie, wovon sie spricht: Tochter einer deutschen Mutter und eines bolivianischen Vaters, zog sie im Alter von sieben Jahren von Deutschland nach Brasilien. Mit 20 kehrte sie (vorerst) zurück, um zu studieren. Heute lebt sie in Barcelona und Frankfurt. Es mögen auch diese persönlichen Erfahrungen mit der Migration sein, die “Der Tag, an dem ich fliegen lernte” so authentisch wirken lassen.

Des Weiteren wirft das Buch spannende Streiflichter auf eine unkonventionelle Familiensituation, bei der sich die Rollen von Mutter und Vater, wie sie generell definiert werden, bisweilen  gänzlich aufzulösen scheinen. Ausserordentlich ist hier die Figur Luisa, die der entsetzlichen Tat ihrer Mutter mit mehr Neugierde denn Wut begegnet. Mit erstaunlicher Gelassenheit empfindet sie, rückblickend erzählend, den Wurf vom Balkon nicht als Verbrechen, sondern als Befreiung. Ihrem persönlichen Glück stand ,trotz einer Menge ungünstiger Vorzeichen, nichts im Wege.

Rezension: Mia Couto – Das Geständnis der Löwin (Unionsverlag 2014 [2012])

“Das Geständnis der Löwin”, der bislang letzte Roman des mosambikanischen Autors Mia Couto (*1955), führt den Leser ins Dorf Kulumani, das von menschenfressenden Löwen terrorisiert wird. Dabei sind die hungrigen Raubkatzen kaum der grösste Schrecken, der das Dorf peinigt. Düstere Geheimnisse und Gelüste brodeln unter der bröckelnden Oberfläche…

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Titel: Das Geständnis der Löwin
Original: A Confissão da Leoa (2012)
Autor: Mia Couto
Übersetzung: Karin von Schweder-Schreiner
Verlag: Unionsverlag
ISBN: 3-293-00476-8
Umfang: 280 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Aus zwei Perspektiven wird die Geschichte des Dorfes Kulumani mit all seinen von Generation zu Generation weitergegebenen “Illusionen und Gewissheiten” erzählt: Kapitel stehen abwechslungsweise unter der Überschrift ‘Mariamars Version’ respektive ‘Tagebuch des Jägers’.

Mariamar ist ein Mädchen aus Kulumani, deren Schwester soeben von einem der Löwen getötet wurde. Ihre Mutter Hanifa Assulua, die früher schon Töchter verloren hatte, ist voll von stummen, unter dem Mantel des Gehorsams verborgenen Rachegelüsten. Deren Ziel ist unter anderem ihr Mann Genito Mpepe, ein gewalttätiger alkoholabhängiger Vergewaltiger, Inbegriff der patriarchalen, von teils brutalen Traditionen geprägten Gesellschaft Kulumanis. Inmitten dieser Gewalt führt Mariamar ihr Dasein, gebeutelt von unerklärlichen Krankheiten, gestärkt von der Kraft der Worte, die sie in Form eines Tagebuchs anwendet, und einer unausweichlichen Gewissheit: “Nur kleine Anfälle von Verrücktheit können uns vor der grossen Verrücktheit bewahren.”

Der Jäger auf der anderen Seite, mit Namen Arcanjo Baleiro, kommt aus der Stadt und wird gemeinsam mit dem Schriftsteller Gustavo Regalo geschickt, die Löwen zu erlegen.  Grosses Misstrauen brandet den Ankömmlingen entgegen. Manche im Dorf glauben nicht, dass Baleiro die Löwen erlegen kann, während manche nicht einmal glauben, dass es die Löwen gibt… Der Jäger, seinerseits im steten Kampf mit seiner Kunst, einer unerwiderten Liebe und traumatischen Erinnerungen, hält ebenfalls in einem Tagebuch fest, was ihm im Dorf widerfährt. In einem Dorf, in dem er vor langer Zeit schon einmal war, sich aber kaum an den Aufenthalt erinnern kann – ganz im Gegensatz zu Mariamar, der er damals begegnet ist, und die ihn nie vergessen hat…

So pendelt “Das Geständnis der Löwin” zwischen Liebesgeschichte, sozio-politischem Dorfthriller und mystischer Sagenwelt. Wie in den meisten seiner Werke gelingt es Mia Couto auch in diesem Roman ausgezeichnet, die Tatsachen der afrikanischen Welt dem nicht-afrikanischen Lesepublikum zu öffnen. Es ist eine Welt, in der  die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit oftmals unkenntlich werden, eine Welt, in der Löwinnen Menschen “respektvoll wie eine Schwester” grüssen, und vor allem eine Welt, in der Lebende und Tote nebeneinander existieren. Wobei das Wort der Toten mehr Gewicht hat, als das mancher Lebenden. Mariamars Grossvater Adjiru sagt:

“Was ich glaube, spielt keine Rolle. Was die Toten glauben, darauf kommt es an.”

Und Arcanjos seit langer Zeit in einem Heim lebender, der Realität scheinbar entrückter Bruder Rolando behauptet:

“Der Tote bleibt anwesend, die ganze Vergangenheit gehört ihm. Die einzige Möglichkeit, nicht mehr da zu sein, ist der Wahnsinn. Nur der Wahnsinnige wird abwesend.”

 

In diese Welt, wo dem Wort der Toten grösste Bedeutung beigemessen wird, eine lebende Frau aber ein Niemand ist, dringen die Löwen ein. Was genau sie repräsentieren, wer sie schickt, was sie verändern und letztlich: wer sie sind, darum dreht sich dieser packende, vielfältig interpretierbare Roman. Vom ersten Satz – “Gott war einmal eine Frau” – bis zum titelgebenden Geständnis weiss der Roman zu überzeugen. Mia Couto hat mit “Das Geständnis der Löwin” sein umfangreiches Werk um einen abermals eindrücklichen Text erweitert.


Hier geht’s zu unserer Rezension von Coutos Debüt “Das schlafwandelnde Land”.

Rezension: Alexander Kluy – Der Eiffelturm (Matthes & Seitz, 2014)

Mit “Der Eiffelturm. Geschichte und Geschichten.” legt Alexander Kluy eine weitgreifende, wissenschaftlich fundierte Kulturgeschichte der weltbekannten Pariser Stahlkonstruktion vor. Eine gewagte These liegt ihr zugrunde: “Den Eiffelturm gibt es nicht.”

Gemeint ist damit, dass sich der für die Weltausstellung 1889 erbaute Turm nicht einfach als Turm begreifen lässt, sondern als Schnittstelle der “diskursiven Vorstellungen” unterschiedlichster Gebiete. Lokale und internationale Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Kunst. Er ist einer der wichtigsten “Kristallisationskerne kollektiver Einbildungskraft” der Neuzeit.

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Titel: Der Eiffelturm. Geschichte und Geschichten.
Autor: Alexander Kluy
Verlag: Matthes & Seitz
ISBN: 978-3-88221-384-3
Umfang: 351 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Alexander Kluy gliedert seine Kulturgeschichte in fünfzehn übersichtliche Kapitel, die sich zunächst den Pariser Weltausstellungen (neben 1889 auch 1798, 1851, 1855, 1867, 1878, 1900, 1925, 1937) und ausführlich dem Leben des Turmvaters Gustave Eiffel widmen. Unter anderem zeigen Auszüge aus einem Dokument hier, dass dem Namensgeber bei der ‘Geburt’ des Turmes “lediglich eine nachgeordnete Rolle” zukam. Leben und Wirken Eiffels sowie Paris / Frankreich zu Zeiten seiner Weltausstellungen füllen die ersten acht Kapitel. Ein Kampf zwischen Anhängern (häufig Wissenschaftler)  und Gegnern (häufig Künstler) des Turmes gewährt interessante Einblicke in den Zustand der Nation im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Anekdoten und Weltgeschichte verwebt Kluy geschickt zu einem stimmigen Ganzen, das  Skurriles aufnimmt, ohne zum reinen Kuriositätenkabinett zu werden, und Weltgeschichte reflektiert, ohne ödes Lehrwerk zu sein.

Das neunte Kapitel – “Hitler und der Turm” – zeigt auf , wie der Eiffelturm als Machtmittel missbraucht wurde. Der Vergleich zweier bekannter Fotografien – Hitler mit dem Rücken zum Turm (1940) sowie Adenauer und François-Poncet auf den Turm zugehend (1951) – erweist sich hier als Glücksgriff zur Illustration der gewaltigen Symbolkraft des Eiffelturms.

Die Kapitel 10 bis 13 sind den Künsten gewidmet, die sich schon von allem Anfang an mit dem Eiffelturm  befasst haben. Besprochen werden die Malerei, die Fotografie, der Film und die Litertatur. Fotografen wie Pierre Petit hatten bereits vor Baubeginn mit der Dokumentation des Projekts begonnen, hatten Bilder des noch ruhigen Marsfeldes erstellt.  Und auch die Malerei, beispielsweise Marc Mouclier 1888, begann mit ihrer Bearbeitung des Themas schon vor der eigentlichen Eröffnung.  Film und Literatur gesellten sich dazu. Der Dadaismus hatte etwas zum Thema zu sagen. Und natürlich der omnipräsente Jean Cocteau, der unter anderem auch dafür plädierte, den Turm grün zu färben.

Derlei Kuriosa sind unter anderem im vierzehnten und (bis auf das Schlusswort) letzten Kapitel  –  “Die Mythen der ‘Dame de fer'” – versammelt: von Betrügern, die den Eiffelturm verkauft haben, ist die Rede; von einem Zirkuselefanten, der bis in den ersten Stock gestiegen ist, von Treppensteig-Meisterschaften und todesmutigen Ballonfahrern…

Hunderte von Fussnoten und eine ausführliche Bibliographie befinden sich im Anhang: Alexander Kluy, seines Zeichens bisher Herausgeber verschiedener Anthologien, kulturgeschichtlicher Beiträge und der Reihe “Wiener Literaturen”, arbeitet wissenschaftlich präzis, detailreich, mit einem Flair für’s Geschichtenerzählen, wie es ein derartiges Buch auch nötig hat. Zusätzlich unterstützen 36 Abbildungen den Text. Eine klassische Form des Unterhaltens und Belehrens wird angestrebt und erreicht. Die Sprache des Autors ist elegant, gelehrt, manchmal vielleicht zu sehr darauf bedacht einen grossen Wortschatz zu präsentieren (“perhorreszierend”, “eine jokose Bemerkung” – das verzeiht man höchstens Thomas Mann, wenn überhaupt).

An einer Stelle wird eine Schätzung zitiert, die die Anzahl der Bücher, die über Paris geschrieben wurden, mit 200 000 beziffert. Die Schätzung bezieht sich auf das Jahr 1921. Es lässt sich nur hochrechnen, wie viele Paris-Bücher es heute gibt. Fest steht: Alexander Kluys “Der Eiffelturm. Geschichte und Geschichten.” ist eines der lesenswerten.

Ciarán Collins: “Tausend Worte” – Der Soundtrack.

ciaranWie unserer Rezension zu Ciarán Collins Romandebüt “Tausend Worte”  bereits zu entnehmen war, spielen die (Pop)musik und ihre Texte in dem irischen Jugenddrama eine gewichtige Rolle. Die Songs, für deren Lyrics im Buch jeweils freie Zeilen zur Verfügung gestellt sind, bilden einen sehr stimmungsvollen Soundtrack, der die Geschehnisse und Emotionen der Geschichte gut wiederzugeben vermag. Wir haben ihn für euch zusammengestellt – als Untermalung der Lektüre oder einfach so, zum vom Text unabhängigen Hörgenuss:

(Ein Link zu den Lyrics befindet sich jeweils unter der Tonspur.)

Soundtrack “Tausend Worte” (“The Gamal”) 2014

Neil Young – Out On The Weekend

Van Morrison – Country Fair

Elvis Presley – Blue Moon

Michael Jackson – You Are Not Alone

Bob Dylan – Last Thoughts On Woody Guthrie (Gedicht)

Lionel Richie – Love Oh Love

The Pogues & Kirsty MacColl – Fairytale of New York

Cyndi Lauper – Time After Time

John Lee Hooker – Don’t Look Back

Nina Simone – For All We Know

Randy Sparks – Today

Tim Buckley – Valentine

The Frank And Walters – This Is Not A Song

Mönche von Taizé – Les Béatitudes

Rezension: Ciarán Collins – Tausend Worte (Berlin-Verlag, 2014 [2013])

Das Debüt des jungen Iren Ciarán Collins (*1977), “Tausend Worte”, ist eine packende Mischung aus Dorfgeschichte, Liebesdrama und Coming-of-Age-Roman – unkonventionell erzählt von einer Figur, die unzuverlässiger kaum sein könnte.

“Ihr werdet mich nicht mögen. Vor allem, weil ihr wisst, dass es mir egal ist, ob ihr mich mögt oder nicht, und so was kommt nicht gut, oder? Manche sagen vielleicht, dass es ihnen gefällt, aber das stimmt nicht. Es bedeutet nichts, was jemand sagt, denn es könnte ja auch gelogen sein. Ich werde die ganze Zeit die Wahrheit sagen.”

Mit diesen Worten führt sich der Ich-Erzähler dieser Geschichte, Charlie McCarthy, selbst ein. Er ist fünfundzwanzig, stammt aus dem irischen Dorf Ballyronan, wo er seine ganze Jugend verbracht hat. Er ist der “gamal” des Ortes (daher der Originaltitel des Romans: “The Gamal”): der Dorftrottel. Sein “Gehirnklempner” Dr. Quinn hat ihm den Auftrag erteilt, jeden Tag tausend Worte zu schreiben, seine Geschichte schreibend aufzuarbeiten. Charlie ist gänzlich unwillig zu schreiben, tut es aber dennoch. Den Vorurteilen, die ihm entgegengebracht werden, begegnet er mit einer Fassade der Dorftrottelei, hinter der sich aber, wie etwa sein unterschwelliger Humor zeigt, ein durchaus wissender junger Mann verbirgt. Einer, dem man nicht alles glauben sollte. Ein klassischer “unzuverlässiger Erzähler”, um in literaturwissenschaftlichen Kategorien zu sprechen.

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Titel: Tausend Worte
Original: The Gamal (2013)
Autor: Ciarán Collins
Übersetzung: Gabriele Haefs
Verlag: Berlin-Verlag
ISBN: 978-3-8270-1190-9
Umfang: 448 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Was er zu erzählen hat, sind zunächst einmal eine  ganze Menge von Szenen aus dem Dorfleben, geschehen fünf  oder mehr Jahre vor der Niederschrift. Insbesondere beschreibt er alltägliche Begebenheiten innerhalb der Clique, mit der er sich rumtrieb. Während die Trinker Dinky, Snoozie, Teesh und Racey ihn als Idioten eher verspotten, akzeptieren ihn Sinéad und ihr Freund James – die Hauptcharaktere der Handlung, die Epizentren, um die sich Charlies Leben dreht – als Freund. James Kent ist ein reicher, sportlicher Protestant, der mit seiner Familie von ausserhalb in die Gegend zog, und somit Eifersucht und Neid auf sich zieht. Seine Freundin Sinéad ist eine bildschöne, aufreizende junge Frau, die mit der Stimme eines Engels gesegnet ist. Und engelsgleich, so stellt Charlie sie auch dar; sie, die als Einzige erkannt haben will, dass er kein “gamal” ist; sie, für die er alles tun würde – vielleicht auch der Wahrheit etwas nachhelfen? Oder gar noch Schlimmeres?

Bald wird nämlich klar, dass etwas Schlimmes geschehen sein muss. Charlie durchmengt seine Erzählung mit Protokollen aus einem Gerichtsprozess, in dem all diese Figuren ihre Aussagen tätigen. Selbst schweift er immer wieder ab, widmet sich, anstatt die Geschichte voranzutreiben, detailreichen Schilderungen des Lebens, das er mit James und Sinéad geführt hat, referiert über Songs, die sie gemeinsam gehört haben, fügt Zeichnungen und Fotografien in den Text ein. Es dauert mehr als 250 Seiten bis schliesslich Licht in die dunkle Vergangenheit gebracht wird: ein Eifersuchtsdrama von Shakespear’schen Ausmassen offenbart sich. Lügen, Missverständnisse, Intrigen, Gewalt und Tod zeigen ihre hässlichen Gesichter und beschreiben auf brutalste Weise den Niedergang des einstmals, zumindest an der Oberfläche, feucht-fröhlichen Dorftreibens…

Dass es trotz aller Abschweifungen auch in den ersten zwei Dritteln des Buches nicht langweilig wird, liegt an der durchgehend schnoddrigen, launigen Erzählstimme von Charlie, der kein Blatt vor den Mund nimmt – obschon auch ihm bisweilen die Worte zu fehlen scheinen. Oder ihm Übelkeit verursachen:

“Eben habe ich Kaffee und Plätzchen erbrochen. Ich glaube, das kam davon, dass ich diese Wörter im Wörterbuch nachgeschaut habe. Es ist widerlich, was manche Wörter über uns sagen, oder? Und dass wir auf sie angewiesen sind, und doch reden sie alle über Freiheit. Und alles schmeckt besser als Kotze. Sogar Senf.”

 

Diese Ohnmacht im Angesicht der Worte hatte auch schon Sinéad befallen (“…der Sprache fehlen die Worte, verstehst du?”) und ist ein spannendes, öfter wiederkehrendes Motiv. Bezeichnenderweise stehen immer da, wo Charlie die Worte wichtig wären,  nur leere Zeilen: “Dr. Quinn hat mit den Juristen geredet (…), und die sagen, dass ich den Leuten, die die Lieder geschrieben haben, Millionen bezahlen muss, um die Texte in mein Buch aufnehmen zu dürfen.” Es handelt sich um Songtexte, die er, gemeinsam mit der zugehörigen Musik, als essenzielle Bestandteile der Welt von Sinéad und James bezeichnet.  Auch die Musik, in ihrer Beziehung zur Sprache und unabhängig davon, ist ein zentrales Thema des Buches.

Mit “Tausend Worte” liefert Ciarán Collins ein überzeugendes Debüt ab, das in seinen schwächsten Momenten vielleicht belanglos genannt werden könnte, in seinen stärksten aber regelrecht aufwühlend ist. Und am Schluss einige Fragen im Raum stehen lässt, insbesondere diejenige, wer denn nun genau welche Schuld auf sich zu nehmen hat.


Anmerkung zur Übersetzung: Gabriele Haefs ist es gelungen, einen aufgrund seiner derben, vulgären Sprache sicherlich nicht leicht übertragbaren Text, in ein ähnlich kräftiges Deutsch zu übersetzen, das zu keiner Zeit peinlich oder bemüht wirkt, so dass Charlie und die restliche Besetzung auch übersetzt glaubhafte, charakterstarke Dorfjugendliche abgeben.

“Wir sind nicht die andern”: Gedanken zu Hermann Burger

Im Februar diesen Jahres erschien bei Nagel & Kimche eine achtbändige Werkausgabe des Schweizer Schriftstellers, Germanisten und Kritikers Hermann Burger, herausgegeben von Simon Zumsteg. Die umfangreiche Edition ruft, rechtzeitig zu dessen fünfundzwanzigstem Todestag, einen beinahe der Vergessenheit anheim gefallenen Autoren wieder ins Gedächtnis. – Einige Gedanken zu Leben und Schaffen des Immer-Anderen:

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Der Protagonist der Erzählung “Der Puck” möchte mit seinen Freunden Eishockey spielen, der Vater aber verwehrt ihm die dafür nötige Ausrüstung. Sie seien eben nicht die andern, sagt er. Wer nicht “die andern” ist, der ist eben der Andere, der Aussenseiter, der Einzelgänger. Dieser ist der klassische Burger-Typus. Einer “aus dem Geschlecht der Geschlagenen und der Gezeichneten, der Gejagten und der Getriebenen und also der ewigen, der vielleicht unheilbaren Monomanen”, wie Burgers Freund und Förderer Marcel Reich-Ranicki über den Autor selbst einmal schrieb.

 

“Immer hiess es: wir sind nicht die andern. Und zu spüren, dass wir nicht die andern waren, bekam ich es, einzig und allein ich.”1

 

Ausgestossene sind sie, seine Protagonisten, Vereinsamte und Patienten, gar “Omnipatienten”. Patienten, wie auch Burger selbst einer war: jahrelang litt er an Depressionen, am 28. Februar 1989 nahm er sich im Alter von sechsundvierzig Jahren  mit einer Überdosis Schlafmittel das Leben.  Zwei Tage zuvor hatte er in einem Interview gesagt:  “Der Tod ist nah, näher als auch schon.” Seine Helden – Wolfram Schöllkopf (“Die künstliche Mutter”, 1982), Peter Stirner (“Schilten”, 1976) – kranken an allem, an der Sexualität, der Familie, dem Schreiben und auch an der Heimat resp. der Schweizerischen Heimattümelei. Krankheit entsteht aus Kränkung, im Falle von Schöllkopf etwa dem Entzug des universitären Lehrauftrags – doch aus dem Schock, aus der Erniedrigung geht letztlich auch die Kunst hervor. In “Die künstliche Mutter” wird Hesses “Der Steppenwolf” zitiert: Die Schizophrenie sei der Anfang aller Kunst, heisst es da.  Burgers Kunst war das Schreiben, ein wortreiches, opulentes, virtuoses Schreiben, “Schreiben als Existenzform” lautete der Titel einer seiner Reden. Schreiben und Rauchen waren die beiden zentralen Lebensinhalte des Autors, er schreibe quasi nach dem Aroma des Stumpens, sagte er im oben bereits zitierten letzten Interview vom 26.2.1989. “Schreibend-Sein ist eine Stilform, der Realität zu begegnen”, sagte er in der bereits erwähnten Rede – und schrieb diese Lebensform auch gleich seinen Romanfiguren mit ein, etwa dem Peter Stirner aus “Schilten”: der “eigentlich nur das  [ist], was er da schreibt”, wie Philipp Theisohn in einer Besprechung mit Recht feststellte.

Hermann Burger: der sprachgewaltige writer’s writerwie Nagel&Kimche-Verleger Dirk Vaihinger ihn nennt, einer der grossen Aussenseiter der Schweizer Literatur, vergleichbar etwa mit  Albin Zollinger, beinahe verloren im “Schaumbad des Kulturgeflüsters”, ein grossmütiger Geist, der das politische und kulturelle Leben seiner Zeit durchleuchtet und stets hinterfragt hat. “Im Gespräch zu sein stelle ich mir etwa so vor, dass man in einer Badewanne voller Schaum und ohne Wasser sitzt”, schrieb Burger einmal. Gewünscht hätte er sich, anstatt des Gesprächs, in dem alle auf einmal reden, einen Dialog nicht über, sondern aufgrund eines Werks. Es ist zu hoffen, dass die neue Werkausgabe viele Dialoge “zwischen Leser und Autor”, wie Burger sich das wünschte, aber auch zwischen Leser und Leser, entstehen mögen.

 

 


1. Hermann Burger. Der Puck. Erzählungen. Mit einem Nachwort von Adolf Muschg. Stuttgart: Reclam 1989.

Rezension: Hugh Howey – Silo (Piper 2014 [2011])

Ursprünglich veröffentlichte der Amerikaner Hugh C. Howey “SILO” (Original: “Wool”) als abgeschlossene Kurzgeschichte verlagsunabhängig über Amazons “Kindle Direct Publishing”. Weil sich eine stetig wachsende Fangemeinde für die postapokalyptische Welt von Silo zu begeistern vermochte, schrieb Howey weiter. Mittlerweile existieren neun Teile, deren erste fünf im vorliegenden “SILO” zusammengefasst sind. Es ist solide dystopische Spannungsliteratur mit dem einen oder anderen handwerklichen Makel. 

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Titel: Silo
Original: Wool (2011)
Autor: Hugh Howey
Übersetzung: Gaby Wurster, Johanna Nickel
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05585-7
Umfang: 544 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag oder TB

Seit hunderten von Jahren leben die Menschen nicht mehr an der Erdoberfläche, sondern in gigantischen, einhundertvierundvierzig Etagen tiefen Silos im Erdinnern. Was von der alten, nun vergifteten Welt noch übrig geblieben ist, kennen sie nur von den Bildern der Kameras am äusseren Deckel des Silos. Fragen nach der Vergangenheit sind nicht erlaubt, “Ideen sind ansteckend” – und somit als Krankheit zu behandeln -, wie Bernard sagt. Er ist der diabolische Chef der IT-Abteilung, die (heimlich) die Geschicke des Silos bestimmt.

Im ersten Teil des Buches wird die Geschichte von Silo-Sheriff Holston, dessen Frau Allison einer grossen Verschwörung auf der Spur war. Sie hat sich freiwillig zur Reinigung der Kameralinsen – trotz Schutzanzügen gleichzusetzen mit dem sicheren Erstickungstod in der verpesteten Aussenwelt – gemeldet. Überzeugt, dass den Silo-Bewohnern die Unbewohnbarkeit der oberirdischen Welt nur vorgegaukelt wird, hat sie sich in ihren Tod gestürzt. Drei Jahre später ist Holston, auch wenn die Bilder, die die Kameras ins Silo projizierten, das Gegenteil zeigen, nicht überzeugt vom Tod seiner Frau. Auch er meldet sich zur Reinigung; geht raus, schrubbt die Linsen, läuft davon – und stirbt.

Der zweite Teil widmet sich der Reise, die Mayor Jahns und Deputy Marnes in den untersten Teil des Silos, die Mechanik, unternehmen, um den potenziellen neuen Sheriff – Juliette “Jules” Nichols – zu besuchen und vom Annehmen der neuen Aufgabe zu überzeugen. Der Silo kann nur über lange Wendeltreppen bereist werden, so dass es mehrere Tage von zuoberst nach ganz unten dauert. Juliette nimmt den Posten an, untersucht den Fall Holstons und gerät ebenfalls auf die Spur der Verschwörung. Dies wiederum stösst Bernard, der nach Mayor Jahns’ Tod offizieller Machthaber ist, sauer auf. Er lässt Juliette festnehmen und auch sie wird zur Reinigung geschickt.

Im Gegensatz zu allen Reinigenden davor aber, verweigert sie das Putzen der Linsen mit den Wollepads (daher der Originaltitel “Wool”) und stürzt sich in ihrem Schutzanzug sogleich über die Hügel in die angrenzende Stadt. Tatsächlich ist alles hier so giftig und unbewohnbar, wie es im Silo gesagt wird. Zu ihrer Überraschung aber stösst Juliette auf einen zweiten Silo, in den sie eindringt. Auf den ersten Blick scheint er verlassen… Im anderen Silo beginnt unterdessen die Revolte: die Mechaniker – Juliettes “Familie” – stürmen von unten nach oben, während ihr Freund Lukas in die Fänge Bernards gelangt…

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Hugh Howey ist ein Autor, der Texte am Laufmeter produziert. Auf seiner Website lassen sich in einer Spalte am linken Rand die Titel einsehen, an denen er gerade arbeitet; inklusive eines wortgenauen Zählers, der angibt wie viel Prozent eines Textes bereits vollendet sind. Literatur als Ware: für Diskussionsstoff ist also bereits durch seine Arbeitsweise gesorgt.

Es liesse sich etwa folgender Vorwurf vorbringen: wer an mehreren Texten gleichzeitig arbeitet und neue Geschichten wie am Fliessband auf den Markt bringt, nimmt sich nicht die nötige Zeit, um den Inhalten die nötige Tiefe zu geben. Und tatsächlich findet sich dieser Vorwurf in “Silo” bisweilen bestätigt. Einige Rezensenten, etwa auf Dystopische Literatur, zeigten sich von SILO ungleich begeisterter als wir, verglichen gar mit Horror-Grossmeister Stephen King, der sich ja auch schon mit solch abgeschotteten Alles-unter-einem-Dach-Welten auseinandergesetzt hat. Ich finde, das Lob greift zu weit.  Die Geschichten sind zweifellos spannend, die postapokalyptische Szenerie und der Weg, der die Menschheit in die Silos geführt hat, regt viele Gedanken an. Allerdings sind viele Dinge dieser Welt nur in Grundzügen gezeichnet, vieles bleibt oberflächlich, einiges mangelhaft erklärt (Warum gibt es im Silo nur Treppen und keine Aufzüge?). Die Figuren sind zwar  zumeist gut gezeichnet, haben markante Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, problematisch ist jedoch, dass diesen Figuren fixfertige Probleme vorgesetzt werden, bei deren Lösung sich besagte Charakterzüge kaum je zeigen. So kommt es, dass einige der prägenden Figuren – etwa Lukas Kyle oder auch Bernard – letztlich doch flach rüberkommen. Eigenständigere Charaktere und besser ausgearbeitete Konflikte wären wünschenswert gewesen. Aber: “SILO” (“Wool”) ist nicht der Schluss der Reihe; in englischer Sprache existieren bereits zwei weitere Bände, “Shift” und “Sand”, so dass die Hoffnung auf mehr Erklärungen und stärkere Figuren erhalten bleibt.

 

 

Rezension: Rolf Niederhauser – Seltsame Schleife (Rotpunktverlag, 2014)

Nach über zwanzigjähriger Publikationspause meldet sich der Schweizer Schriftsteller und Journalist Rolf Niederhauser mit dem weit ausgreifenden Romanwerk “Seltsame Schleife” zurück. Dessen Protagonist Pit Dörflinger kommt als eine Art Homo Faber fürs digitale Zeitalter daher. Auf über 700 Seiten begleiten wir ihn auf seiner Odyssee durch die Untiefen des wilden Südamerikas und seines eigenen Bewusstseins.

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Titel: Seltsame Schleife
Autor: Rolf Niederhauser
Verlag: Rotpunkt
ISBN: 978-3-85869-584-0
Umfang: 736 Seiten, gebunden

1997: Pit Dörflinger, 32, ist Forschungsassistent am  M.I.T.  in Cambridge, Massachusetts, wo er an einem Artificial-Life-Projekt mitarbeitet. Er ist ein Schweizer Auswanderer,  seit langem in den Staaten, mit der Texanerin Lillith zusammen. Aus seiner Perspektive erfahren wir den grössten Teil der Geschichten und Gedanken, die die “Seltsame Schleife” ausmachen. Bisweilen mischt sich eine auktoriale Aussenperspektive darunter: eine Stimme, die Dörflingers Aufzeichnungen im Internet aufgestöbert hat und sich nun auf dessen Spuren nach Amerika begibt…

Amerika: alles beginnt damit, dass Dörflinger zur Familie seiner Freundin nach Texas fahren soll, um dort Weihnachten zu verbringen. Er verspürt nicht die geringste Lust; fährt los; kommt vom Weg ab (Homo Faber, die Erste); landet in Mexiko bei seinem alten Studienfreund Guido und dessen Tochter. Mit diesen unternimmt er eine Reise auf die Galapagos-Inseln. Von da aus fliegt er nach Bogotá, Kolumbien, und von da wiederum startet er eine unerhörte Odyssee durch dieses von Bürgerkrieg und Drogenhandel gebeutelte Land. Er schliesst sich der ehemaligen Guerillera Flor Marina an, die nun für eine Friedensbewegung aktiv ist, und reist ihr nach; begegnet ihrem Gefährten Ramon und glaubt – hier kommt die Krux des Ganzen -, diesen ermordet zu haben, ohne sich daran erinnern zu können.

Letztlich sitzt  Dörflinger in Buenaventura, der Stadt, in der er seinen Geburtsort vermutet, und schreibt auf, was ihm widerfahren ist. “ich versuche fest zu halten was gewesen ist!”, schreibt er. Er ist sich sicher, Ramon – versehentlich – erschossen zu haben, “dass nirgends eine entsprechende meldung auftaucht, beweist gar nichts.” Einer der Unterschiede Dörflingers zu seinem Grossvater Homo Faber ist, wie Autor Rolf Niederhauser in einem Interview sagte, dass Faber am Ende mit einer Wahrheit konfrontiert wird, Dörflinger aber bloss glaubt mit einer Wahrheit konfrontiert zu sein; einer Wahrheit, die man ihm als Leser nur schwerlich abnimmt.

Dörflinger ist ein unzuverlässiger Erzähler. Er sagt: “Ich selber behalte praktisch nichts was ich nicht aus einem systematischen zusammenhang herleiten kann”. Seine deutsche Grammatik und Orthographie sind bisweilen mangelhaft und durchsetzt von vielen englischen und spanischen Ausdrücken; er hat jahrelang kein Deutsch mehr geschrieben, ja vielleicht überhaupt nicht geschrieben. Er ist Mathematiker, glaubt an den Ursprung des Bewusstseins in der Materie und versucht “das konzept des menschlichen bewusstseins (…) in eine algorithmische form zu bringen”.  Unablässig durchsetzt er die Nacherzählung seiner Geschichte mit Gedanken solcher Art. Immer wieder im Zentrum seines überbordenden Gedankenkosmos steht die Frage nach Innen- und Aussenwelt. Ihm schwant, dass die “Aussenwelt” nicht input ist, sondern output, das heisst: bloss die Projektion innerer Spannungen auf eine vom Bewusstsein zu kontrollierende Umgebung. Innen und Aussen werden nicht mehr unterscheidbar – womit wir beim Möbiusband sind, jener Seltsamen Schleife mit nur einer Kante und einer Fläche, die dem Buch nicht nur den Titel, sondern auch die Struktur leiht, denn:

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Intellektueller Kopfstand: Niederhausers Schleife fordert vorwärts und rückwärts.

Richtig gesehen: da steht was Kopf. “Seltsame Schleife” liest sich erst von vorne nach hinten (Kapitel “Die Reise”), dann retour (“Die Rückkehr” und Epilog “Die Recherche” aus der auktorialen Aussensicht, Dörflingers Existenz anzweifelnd!). Gelesen wird dabei jeweils nur die rechte Seite. Die eigenwillige Struktur  ist eine Spielerei, entspricht der Erzählung und den darin entwickelten Gedanken jedoch optimal.

Autor Rolf Niederhauser (*1951) hat die Orte des Geschehens selbst besucht, war früher auch in journalistischem Auftrag in Zentralamerika unterwegs. Er weiss, von was er schreibt, und lässt seinen Protagonisten Dörflinger so lebhafte Szenen süd- und mittelamerikanischen Lebens, Liebens und Leidens zeichnen. Was die Gedanken zu Bewusstsein, Künstlicher Intelligenz, Informatik, usw. betrifft, so ist festzustellen, dass diese bisweilen sehr ausufernd, verzettelt, manchmal wirr daherkommen. Denn, so sagt Niederhauser, im Gegensatz zum Homo Faber sei der Dörflinger kein grosser Vereinfacher, sondern ein Mann der komplexen Gedankengebilde. In der Tat.

Dem unablässigen Parlando der Hauptfigur zum Trotz, hat Rolf Niederhauser mit “Seltsame Schleife” einen über weite Strecken kurzweiligen, empathischen, zu weiteren Gedanken anregenden Roman geschrieben. Ein gelungenes Comeback!

 

Rezension: Alba Arikha – Wörterbuch einer verlorenen Welt (Berlin-Verlag 2014 [2011])

In ihrem autobiographischen “Wörterbuch einer verlorenen Welt” (Original: “Major/Minor”, 2011) spürt die Autorin Alba Arikha den Jahren ihrer Adoleszenz im Paris der frühen Achtzigerjahre nach. Diese Szenen von Freiheit, Rebellion, ersten Küssen und lauten Streitereien wechseln sich ab mit Erzählungen aus der traumatischen Vergangenheit ihrer jüdischen Familie während des Zweiten Weltkriegs.

Alba Arikha wuchs im Paris der Achtzigerjahre als Tochter der (erfolglosen) Dichterin Anne Atik und des Malers Avigdor ‘Vigo’ Arikha auf, ihr Patenonkel war Samuel Beckett. Die Familie hat wenig Geld, lebt in von Mäzenen bezahlten Wohnungen ein intellektuelles Künstlerleben. Von frühester Kindheit an werden Alba und ihre Schwester Noga mit den Tücken der Armut konfrontiert:

“Grundsätzlich weiss ich es. Dass mein Vater ein grosses Talent hat, mit dem er nicht alle unsere Rechnungen bezahlen kann. Also eilen wohlhabende Menschen, die an ihn glauben, zu unserer Rettung herbei: Das ist okay. Talent ist selten, Geld ist weit verbreitet.”

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Titel: Wörterbuch einer verlorenen Welt
Original: Major/Minor
Autorin: Alba Arikha
Übersetzung: Friederike Meltendorf
ISBN: 978-3-8270-1102-2
Umfang: 256 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Die Kindheit und Adoleszenz Albas ist geprägt von diesem künstlerischen, idealistischen Umfeld. Insbesondere der Vater, Avigdor, dem dieses Buch gewidmet ist und der als Albas Antipode erscheint, ist bemüht, seine Grundsätze von künstlerischer Reinheit zu vermitteln. Er ist jähzornig, “predigt, wenn er spricht”, ein intellektueller Snob, der alle Errungenschaften der 1968er-Bewegung verachtet und dessen “Herumgekasper” wenn es um ‘richtige’ und ‘falsche’ Musik geht, einer Teenagerin gehörig gegen den Strich geht.

Alba flüchtet sich aus der vormodernen Welt ihres Vaters in Bücher (“Ich verliere mich im Leben anderer”) und in der modernen, von Amerika und England her kommenden Subkulturen, von denen vorwiegend der Punk zum grossen Thema wird.

Im Gegensatz zu Avigdor, der sagt “Wir Juden gehören nur zu unserer Geschichte”, ist Jüdin zu sein für Alba “nur ein Detail”, sie will sich nicht über die Religion, sondern über die Kultur definieren. Die Beschreibungen alltäglicher Scherereien, die die Adoleszenz für eine junge Frau mit sich bringt – Diskussionen über Kleider, Drogen, Musik, Männer – werden ausgespielt gegen die immer wieder abbrechenden Erzählungen von Avigdor und seiner Mutter Pepi aus dem Zweiten Weltkrieg. Im Gegensatz zu Alba nämlich hat Avigdor keine Jugend gehabt. Halb erfroren im jüdischen Ghetto von Mogilew-Podolski hat er den Krieg dank eines Unternehmers überlebt, der mit den Deutschen ein Recht zur Beschäftigung jüdischer Metallarbeiter aushandeln konnte. Schliesslich erlaubte ein ähnlicher Deal ihm und seiner Schwester Elena die Flucht nach Jerusalem – Mutter Pepi musste im kommunistischen Rumänien verharren und sah ihre Kinder erst 1957 wieder.

Vor dem Hintergrund dieser existenbedrohenden Erlebnisse erscheinen die Höhen und Tiefen von Albas Adoleszenz trivial: Wenn die Teenagerin bei einem gemeinsamen Kleiderkauf mit der Mutter wie wild um neue Schuhe bettelt, die sie gar nicht braucht, erscheint dies vor dem Hintergrund der Geschichte von den hungernden Juden im Ghetto vergleicht, die bisweilen ihre letzten Schuhe für ein Brot hergaben und sich danach mit erfrorenen Füssen durch die Strassen schleppen mussten, geradezu dekadent.

Nichtsdestotrotz gelingt es Alba Arikha die richtigen Perspektiven zu haben, so dass sowohl ein eindrücklicher Bericht über die Zustände während des Zweiten Weltkriegs als auch eine einfühlsame Erzählung über eine Pariser Jugend in den Achtzigerjahren entsteht. Die Jugend von Alba mit all ihren Höhen und Tiefen – oder, um dem Originaltitel gerecht zu werden, all ihrem Dur und Moll – wird empathisch, mit grosser Hingabe nacherzählt, während die Erzählungen von Pepi, Avigdor und anderen Familienmitgliedern mit grossem Respekt und glaubhaftem Willen zum Verstehen der eigenen Geschichte eingebettet sind. Alba Arikha hat sich mit dem “Wörterbuch der verlorenen Welt” erfolgreich ihrer eigenen Vergangenheit wieder angenähert und versucht, die Geschichte ihrer Familie aufzuarbeiten, zu verstehen, woher sie kommt. Die prägnanten, klaren Sätze und die szenische, episodenhafte Gliederung des Buches in eine lose Ansammlung von Über- und Unterkapiteln werden dem Erzählten als Form dabei sehr gerecht, widerspiegeln die nur allzu oft (scheinbar) zufällige Struktur der Erinnerung.